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Donnerstag, 30. Juli 2026

Public Enemies (2009)

https://www.imdb.com/de/title/tt1152836/
https://letterboxd.com/film/public-enemies-2009/

Anfang der Dreißigerjahre leiden die USA unter der Großen Depression. Der charismatische Profi-Bankräuber John Dillinger (Johnny Depp) schafft es in diesem Klima zu medialem Ruhm, weil er sich mit seinen Banküberfällen die Bewunderung der einfachen Bürger sichert. Seine Gang um die schweren Jungs John „Red“ Hamilton (Jason Clarke) und Homer Van Meter (Stephen Dorff) lässt sich von nichts und niemanden stoppen, nicht einmal das Gefängnis hält die Verbrecher auf. Immer an Dillingers Seite: seine Geliebte Billie Frechette (Marion Cotillard), die dem draufgängerischen, aber deshalb nicht unklugen Charmeur verfällt. Die Regierung macht die Jagd auf Dillinger fortan zur Chefsache und setzt das Bureau Of Investigation auf die Bankräuber an.

Mit "Public Enemies" widmet sich Regisseur Michael Mann einer der bekanntesten Figuren der amerikanischen Kriminalgeschichte: dem legendären Bankräuber John Dillinger. Was auf den ersten Blick wie ein klassischer Gangsterfilm wirkt, entpuppt sich schnell als ungewöhnlich nüchternes Porträt einer Epoche im Wandel. Statt den Mythos Dillinger romantisch zu verklären, zeichnet Mann das Bild eines Mannes, dessen Zeit unaufhaltsam zu Ende geht - verdrängt von einer modernen Strafverfolgung und einer sich wandelnden Gesellschaft. Johnny Depp verkörpert Dillinger mit einer ruhigen, fast melancholischen Ausstrahlung. Sein Dillinger ist weder glorifizierter Volksheld noch skrupelloser Verbrecher, sondern eine charismatische Figur, die ihren eigenen Untergang früh zu erkennen scheint. Depp spielt ihn mit bemerkenswerter Zurückhaltung und verleiht ihm eine gewisse Würde, ohne seine kriminellen Taten zu beschönigen. Auf der Gegenseite überzeugt Christian Bale als FBI-Agent Melvin Purvis, dessen stoische Professionalität einen gelungenen Kontrast zum extrovertierteren Dillinger bildet. Marion Cotillard ergänzt das Ensemble als Billie Frechette mit einer sensiblen Darstellung, die der Liebesgeschichte emotionale Glaubwürdigkeit verleiht. 

Michael Mann bleibt seinem unverwechselbaren Stil treu. Statt nostalgischer Hochglanzbilder dominieren natürliche Lichtstimmungen und eine unmittelbare Bildsprache, die den Zuschauer mitten ins Geschehen versetzt. Gerade die Schießereien profitieren enorm von dieser Inszenierung. Sie gehören zu den realistischsten und intensivsten des modernen Gangsterkinos, weil Mann bewusst auf übertriebene Effekte verzichtet und Gewalt roh sowie ungeschönt darstellt. Auch die Ausstattung überzeugt auf ganzer Linie. Fahrzeuge, Kleidung, Waffen und Schauplätze vermitteln ein glaubwürdiges Bild der Vereinigten Staaten während der Großen Depression. Die historische Atmosphäre wirkt nie wie bloße Kulisse, sondern wird zum festen Bestandteil der Erzählung. Gleichzeitig verzichtet Mann darauf, Dillinger als überlebensgroße Legende zu inszenieren. Stattdessen interessiert ihn die Frage, wie sich das organisierte Verbrechen und die Arbeit des damals noch jungen FBI gegenseitig beeinflussten.

Das Drehbuch konzentriert sich leider zu stark auf die historischen Ereignisse und weniger auf die emotionale Entwicklung seiner Figuren. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz, die verhindert, dass der Film die Intensität früherer Mann-Werke wie "Heat" oder "Collateral" erreicht. Besonders die Beziehung zwischen Dillinger und Billie Frechette hätte mehr Raum verdient. Im Vergleich zu Genreklassikern wie "Die Unbestechlichen" oder "Road To Perdition" wirkt "Public Enemies" deutlich weniger romantisiert. Michael Mann interessiert sich weniger für Legendenbildung als für die Mechanismen von Verbrechen und Strafverfolgung. Diese Herangehensweise macht den Film anspruchsvoller, verlangt aber auch mehr Aufmerksamkeit und Geduld.

"Public Enemies" ist am Ende ein hervorragend inszenierter Gangsterfilm mit starken Darstellern, außergewöhnlicher Kameraarbeit und beeindruckender historischer Authentizität. Michael Mann verzichtet bewusst auf die Verklärung seines berühmten Protagonisten und erzählt stattdessen ein nüchternes, beinahe dokumentarisches Kriminaldrama. Die emotionale Distanz zu den Figuren verhindert zwar den ganz großen Wurf, doch als stilistisch herausragender und intelligenter Vertreter des Genres gehört "Public Enemies" dennoch zu den sehenswerten Gangsterfilmen der 2000er-Jahre.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkUniversal Pictures/Relativity Media/Misher Films

Sonntag, 3. März 2024

Ferrari (2023)

https://www.imdb.com/title/tt3758542/

Im Sommer des Jahres 1957 steht der legendäre italienische Rennwagenbauer Ferrari kurz vor dem Bankrott. Kaum jemand will die sündhaft teuren Luxusautos kaufen und auch im Rennsport hat die Konkurrenz von Maserati die Nase vorn. Im Privaten sieht es nicht besser aus: Enzo Ferrari (Adam Driver) und seine Frau Laura (Penélope Cruz), die das Unternehmen vor zehn Jahren aus dem Nichts aufgebaut haben, haben sich über den tragischen Tod ihres gemeinsamen Sohnes völlig auseinandergelebt. Als Laura dann auch noch von Enzos langjähriger Liebschaft mit Lina Lardi (Shailene Woodley) erfährt, mit der er sogar ein Kind gezeugt hat, entfacht sie einen Krieg um die Firma. Mit dem Rücken zur Wand entscheidet sich Enzo dazu, sein Rennteam am berüchtigten Mille Miglia-Langstrecken-Straßenrennen teilnehmen zu lassen, mit katastrophalen Folgen.

Inmitten der dröhnenden Motoren und quietschenden Reifen von "Ferrari", Michael Manns Biopic über den italienischen Auto-Mogul Enzo Ferrari, schnelle Autos, wütende Frauen und die mächtige menschliche Zitadelle, die mit ihnen allen spielte, erhebt sich gelegentlich ein Moment mit der Anmut und Klarheit einer Arie aus dem Rauch. Es gibt schon früh eine solche Szene, als Enzo Ferrari (Adam Driver), der über seinen Bauplänen brütet, seinem kleinen Sohn Piero (Giuseppe Festinese) erklärt, wie ein Motor funktioniert und wie die kontinuierliche Bewegung von Kraftstoff und Luft durch ein System eine Verbrennung erzeugt . Es ist eine Lektion in Wissenschaft, aber auch in Ästhetik: Je effektiver das Motordesign ist, bemerkt Piero scharfsinnig, es sieht auch eleganter aus. "Wenn etwas besser funktioniert", stimmt sein Vater zu, "ist es normalerweise schöner für das Auge."

Ferraris Worte klingen wie eine Grundsatzerklärung für Mann, einen Filmemacher, der schon lange von der Schönheit der Funktionsweise fasziniert ist. In den letzten Jahren hat ihn diese Beschäftigung zu immer schillernderen Höhen visueller Inszenierung und formaler Abstraktion getrieben: "Public Enemies" mit seiner auffallend digitalisierten, entromantisierten Vision des Gangstertums der 1930er Jahre oder an den unterschätzten Cyberthriller "Blackhat", der das glänzende Innere eines Computers in pure Techno-Poesie verwandelte. Einige von Manns Kritikern würden ihm vorwerfen, dass er das Bild in nachsichtige, unhaltbare Extreme treibt und zulässt, dass die Form die Funktion diktiert und sogar überwältigt. All dies macht die elegante visuelle Zurückhaltung von "Ferrari", dem zwölften Spielfilm des Regisseurs, zu einer besonders faszinierenden Betrachtung. In Zusammenarbeit mit dem Kameramann Erik Messerschmidt hat Mann ein Epos aus strahlendem Sonnenschein auf der Rennstrecke und tintenschwarzen Schatten komponiert, in dem lange, meditative Stille fieberhaften Stößen der Fahrzeug-Action Platz macht. Die Erzählung hat einen schnörkellosen, klassischen Glanz, der sich gut an die Zeit und den Ort anpasst. Obwohl Troy Kennedy Martins Drehbuch aus Brock Yates‘ Biografie "Enzo Ferrari: Der Mann, die Autos, die Rennen, die Maschine" aus dem Jahr 1991 stammt, bleibt es bei einem dreimonatigen Krisenpunkt im Jahr 1957 - einer dieser sorgfältig ausgewählten Erzählperspektiven, aus denen hervorgeht, dass ein Biopic durchaus den Glanz der Vergangenheit betrachten und über die Ungewissheit der Zukunft grübeln kann.

In "Ferrari" geht es um die Qual der Trauer, die Gefahr eines Kompromisses und vor allem um den Schmerz des Verrats. Während Laura sich der häufigen auswärtigen sexuellen Tätigkeiten ihres Mannes bitter bewusst ist, weiß sie noch nichts von seiner langjährigen Geliebten Lina (eine sympathische, aber fehlbesetzte Shailene Woodley) oder der Tatsache, dass sie einen Sohn, Piero, haben. Die eng miteinander verflochtenen Schicksale der Marke Ferrari und Enzos heimlicher Erbe führen den Film auf zwei Erzählstränge, die dazu bestimmt sind, zusammenzulaufen. Eine Uhr beginnt früh zu ticken und zählt die Tage herunter, bis fünf Ferrari-Fahrer bei der "Mille Miglia" antreten, einem berühmt-berüchtigten, erschütternden Rennen auf offener Straße, dessen Ausgang über das Schicksal des Werks entscheiden könnte. Die andere Uhr ist Laura selbst: Von Cruz mit kontrollierter, aber brennbarer Wut gespielt, hat sie die halbe Gesellschaft in der Tasche und ein feines Gespür für die Doppelzüngigkeit ihres Mannes. Der Aufbau ist ein klassisches Arbeits-und-Familien-Konstrukt, und vieles davon ist auf die frühere Szene mit Enzo, Piero und den Bauplänen reduziert. Hier, weit weg vom Trubel und der Hektik der Rennstrecke, zeigt ein Mann seinem Sohn, wie es geht, während die Mutter des Jungen liebevoll von der Seitenlinie aus zuschaut. In diesen Momenten fällt es schwer, nicht an andere Mann-Thriller zurückzudenken (vor allem an "Heat"), in denen Männer bei der Arbeit aus nächster Nähe beobachtet werden und persönliche und berufliche Räume gezielt miteinander verglichen werden. Es ist auch schwer, diese süße häusliche Idylle, in Sonnenlicht getaucht und von Daniel Pembertons bewegender Filmmusik untermalt, nicht mit den undurchdringlichen Mauern der Dunkelheit in Enzos und Lauras Haus in Modena zu kontrastieren, wo ihre einst glückliche Ehe an einem dünnen, wenn auch überraschend widerstandsfähigen Faden hängt.

Enzos Liebe zu seiner zweiten Familie ist wirklich rührend, ebenso wie der unerschütterliche Respekt, den er Laura und ihrem Geschäftssinn entgegenbringt, auch wenn ihre Liebe abgekühlt ist (wenn auch nicht unbedingt ihre sexuelle Leidenschaft - es ist kompliziert). Die Zärtlichkeit, die in Drivers Augen aufflackert, ist eine von mehreren Vorschlagsnoten in einer Aufführung, die, da sie vollständig in Englisch mit italienischem Akzent vorgetragen wird, überhaupt keine Vorschlagsnoten hätte verzeihen können. Aber wie im jüngsten "House Of Gucci", einem weiteren epischen Porträt einer italienischen Dynastie am Abgrund, hängt Driver seine Leistung nicht von einem Sprachmuster ab; Er findet Subtilität, Menschlichkeit und vor allem emotionalen Spielraum. Es schadet nicht, dass er den Schwarz-Weiß-Look rockt und als Mann, der fast zwei Jahrzehnte älter ist als er, bemerkenswert überzeugend aussieht.

Was einen in die Darbietung von Driver hineinzieht - und "Ferrari" trotz seines engen Zeitrahmens überraschend expansiv erscheinen lässt -, ist die Art und Weise, wie sie die Fähigkeit des Charakters zur Unterteilung suggeriert. Ein so mächtiger Mann birgt davon Unmengen: Da ist Enzo, der kluge Medienmanipulator, der sich gekonnt mit Reportern duelliert und strategische Gefälligkeiten arrangiert, während die "Mille Miglia" näher rückt. Da ist Enzo, der erfahrene Egokämpfer, der seine talentierten Fahrer (gut gespielt von Schauspielern wie Patrick Dempsey, Jack O’Connell und Gabriel Leone) in einem flinken Spiel mit Spielzeugautos immer wieder neu mischt. Und schließlich ist da noch Enzo, der skrupellose Konkurrent und Niederschmetterer des Todes, der die Fahrer zur Vorsicht auffordert und kaum mit der Wimper zuckt, als einer von ihnen während einer Testfahrt ums Leben kommt. Diese grausige Szene, in der der Fahrer wie eine Stoffpuppe im Overall durch die Luft geschleudert wird, ist ein erster Vorbote noch weitere Unfälle. Mann spart weder an emotionaler Aufregung, noch unterdrückt er das Grauen, was Enzos Gleichgültigkeit umso wahnsinniger erscheinen lässt. Man weiß, dass dies die einzige Möglichkeit für ihn ist, seinen Job zu erledigen, indem er sich von Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen abschirmt. Sein Unternehmen ist nicht nur ein Hersteller von Autos, sondern auch ein Lieferant von Nervenkitzel, ein Rekordbrecher, ein Eroberer der öffentlichen Fantasie. Mit anderen Worten, Enzo ist nur ein Mann bei der Arbeit, und die Opfer, die seine Arbeit erfordert, kann man ihm nicht vorwerfen - oder doch? Mann macht dem Zuschauer auf seine eigene zurückhaltende, kühle Art die moralischen Kompromisse seines Subjekts völlig bewusst, insbesondere wenn der Film bei einer Szene einer ganz anderen Familie verweilt, die in eine Tragödie verwickelt wird, während die "Mille Miglia" als schicksalhafter Abschluss näher rückt.

In einer der lyrischsten und eindringlichsten Sequenzen des Films besuchen Enzo und mehrere andere Charaktere (einschließlich seiner Mutter, gespielt von der dominanten Daniela Piperno) eine Oper, die ihre ganz individuellen Erinnerungen an glücklichere Zeiten mit den Menschen weckt, die sie liebten. Familie hat in Manns Welt einen enormen Stellenwert, aber Familienglück ist niemandem versprochen; Die einzigen Gewissheiten sind das Eintauchen in die Arbeit, die Wankelmütigkeit der Liebe und die erschreckende Zufälligkeit des Todes. Enzo Ferrari war ein Fahrzeugpionier, ein Mann, der seine Autos, sein Handwerk und seine Technologie unermüdlich weiterentwickelte. Die düstere Leistung von "Ferrari" besteht darin, in die entgegengesetzte Richtung zu blicken und alles zu zeigen, was selbst diesem Genie an Geschwindigkeit und Schwung nicht entkommen konnte.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: amazon Video
Poster/Artwork: Forward Pass/Storyteller Productions

Mittwoch, 30. Dezember 2020

The Last Of The Mohicans - Der letzte Mohikaner (1992)

https://www.imdb.com/title/tt0104691/

Cora (Madeleine Stowe) und Alice (Jodhi May) sind zwei britische Offizierstöchter, die ihren Vater Colonel Edmund Munro (Maurice Roeves) besuchen wollen. Ein indianischer Scout soll sie führen, doch der Hurone Magua (Wes Studi) lockt sie in eine Falle. Zum Glück sind Trapper Hawkeye (Daniel Day-Lewis), Häuptling Chingachgook (Russel Means) und Sohn Uncas (Eric Schweig) nicht fern. Sie retten die beiden Damen und den mitgereisten Major Duncan Heyward (Steven Waddington) aus der Hand der Indianer und übernehmen die Führung. Da Krieg zwischen Franzosen, Engländern und verschiedenen Indianerstämmen herrscht, ist der Ausflug der kleinen Reisegesellschaft alles andere als ungefährlich...  

Drei Jahre nach seiner TV-Produktion "Miami Vice" sprengt Mann das audiovisuelle Medium und verfilmt den Literaturklassiker "Der letzte Mohikaner" mit Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle. Dabei sind hier schon finale Stilfindungen zu entdecken, die bis heute seine Filmografie geprägt haben.

Die Geschichte der Kolonialisierung Amerikas wird durch Manns Handschrift zum Historien-Blockbuster geformt, dass versucht, alles zu bedienen, was den Begriff "großes Kino" definiert. Somit haben wir hier nicht nur eine historisch, wie auch politisch korrekte Geschichte, die die Identifikation zu den Figuren in Form eines Liebeskonflikts auf altmodisch-simple, dennoch funktionierende Weise näherbringt. Des Weiteren haben wir hier auch einen monumentalen Score mit zugänglichen und harmonierenden Themen, die sich nie verfälscht dem dynamischen Bildgeschehen anpassen. Ja, das klingt alles viel mehr nach einem Steven Spielberg der 80er-Jahre, als nach einem Michael Mann. Dennoch kann es sich durchaus von Spielbergs Blockbuster-Ideal distanzieren.

Manns Filme sind Männerdramen. Wiederkehrend ist der unabwendbare Stolz des männlichen Geschlechtes, das die äußerliche Erscheinung des Überhandhabenden gleichermaßen als Selbstdarstellung nutzt. Zwar ist jenes Problem nicht im Protagonisten Poe wiederzufinden, der die Makellosigkeit in Person ist, doch findet sie durchaus in seinem Gegenspieler, Major Heyward, um das Herz der jungen Cora als Konflikt statt. Die Entwicklung und Bedeutung von Heyward für die Geschichte, welche ich ohne Spoiler zu erläutern versuche, ist gleichzusetzen mit dem politischen Kontext des Filmes. Seine emotionale Bindung zu Cora stellt somit eine intentionale Widersetzung von dem dar, was sein staatliches Regiment als Wohl(zu)stand voraussetzt für ihn. Das kommt nicht nur zu stande, weil Cora dem sich staatsentziehenden Poe folgt, sondern da Heyward durch diese Art von Kettenreaktion nicht im Sinne der Kolonialisierung handelt, welche der einzige Grund ist, weshalb er sein Heimatland verlassen hat. Heyward wird damit durch die reine Verfolgung seiner natürlichen Intrigen zum Staatsfeind, was Mann sparsam als Subhandlung nebenher laufen lässt und es dennoch vollkommen schlüssig, anspruchsvoll und sogar nachwirkend erzählt.

Dem gegenüber steht schließlich die Charakterzeichnung des Poes, der Vorbildsheld des Blockbuster-Kinos. In ihm steckt all der Antrieb, den ein abenteuerlicher Historienfilm braucht, um schließlich jeden mitreißen zu können. So kann man Mann auch nicht vorenthalten, er ginge zu oberflächlich mit seinem Protagonisten um. Das Besondere dabei ist nämlich, dass er es trotzdem schafft qualitativ Emotion durch die Figur zu projizieren. Bei Poe handelt es sich nicht nur um einen Helden wie aus jedem anderen Blockbuster, da er trotz allen Konvention einwandfrei in diesem Großformat mitreißt. Zwar könnte das durchaus verständlich sein für jene Art von Filmen, doch ist es dies im Verhältnis zu den tatsächlichen, erfreifenden Wirkungen letztlich nicht.

Michael Manns Eintritt in das Blockbuster-Kino ist unglaublich wirksam. Nicht viele schaffen einen solch riesigen Spagat zwischen zwei Projekten, doch Mann beweist beinahe egozentrisch, dass sein Platz auf der großen Leinwand ist. Der letzte Mohikaner führt uns zu den Ursprüngen des Kinos in all seiner Harmonie, wie es uns zerbricht, mitreißt, aufbaut, vielleicht sogar inspiriert.

8/10 

Von NSM kommt der Film in allen 3 Filmfassungen im auf 1.600 Stück limitierten Mediabook.

Quellen
Inhaltsangabe: Concorde

Sonntag, 4. Oktober 2020

Thief - Violent Streets: Der Einzelgänger (Director's Cut) (1981)

https://www.imdb.com/title/tt0083190/

Viele Jahre saß der Einbrecher, Juwelendieb und Safeknacker Frank (James Caan) im Gefängnis. Nun droht sich seine Zeit auf Erden langsam, aber sicher dem Ende zu neigen. Also beschließt Frank, fortan ein normales, bürgerliches Leben zu führen. Er möchte sich der Gesellschaft anpassen und in Ruhe den Rest seines Lebens genießen - am liebsten zusammen mit Jessie (Tuesday Weld), einer Kellnerin, die er in einem beschaulichen Diner kennenlernt. Das einzige Problem, mit dem Frank konfrontiert wird, als er endlich aus der Haft entlassen wird, gestaltet sich wie folgt: Er besitzt kein Geld, um sich jene Existenz aufzubauen, von der er immer geträumt hat. Ausgerechnet in Gangsterboss Leo (Robert Prosky) findet er einen Verbündeten, denn dieser verschafft ihm die Option zu einem letzten Coup, der alle Rechnungen begleichen könnte. Das Angebot scheint zu verheißungsvoll, doch selbst nach längerem Überlegen kann Frank keinen Haken finden. Also besiegelt er den Deal und damit ebenso sein eigenes Schicksal. Kurze Zeit später nimmt die Polizei seine Spur auf und es stellt sich heraus, dass jenes Geschäft mit Leo alles andere war - nur nicht sauber. Frank muss der Tatsache seines baldigen Untergangs ins Auge blicken: Der letzter Coup entpuppt sich als Spiel auf Leben und Tod. Am Ende wird mit Blut bezahlt.

Michael Manns Spielfilm-Debüt "Thief" ist in vielerlei Hinsicht erstaunlich. Der Regisseur inszeniert die Story um den Juwelendieb Frank dermaßen stilsicher, selbstbewusst und präzise, dass man dem Film seinen Entstehungszeitraum Anfang der 80er ebenso wenig abkauft, wie seine Existenz als Debüt. Gewissermaßen ist der Film also wegweisend für die spätere Karriere seines Regisseurs, der sowohl thematisch, als auch stilistisch immer wieder zu seinen Anfängen zurückkehren sollte. Zurück zu Einzelgänger und Dieben, Auftragsmördern und undurchsichtigen Polizisten. Zurück in die Dunkelheit, jene rauen Grau- und Schwarztöne, die von einer Farbpalette aus blinkenden Lichtern, gedämpften Flimmern und grellen Explosionen erweitert werden. Dazu ein sattes Rot, die Farbe des Blutes, dass in "Thief" zwar erst reichlich spät, dafür aber umso wirkungsvoller vergossen wird. Brachial und ungeschönt, wie von Mann gewohnt, zeigen Treffer auch ihre Wirkung. Hier noch abgeschmeckt mit einem stilsicher passenden und immer mächtiger werdenden Synthesizer-Soundtrack von Tangerine Dream und mit tollen und einprägsamen Nebenrollen, eben echten Charakteren (James Belushi, Tuesday Weld, Willie Nelson), die "Thief" abrunden.

All das ergibt eine hypnotische und meditative Grundstimmung. Doch ist "Thief" eben nicht nur ein sensorisches, ein stilistisches Highlight, sondern auch auf inhaltlicher Ebene überraschend reif und tiefgründig (obwohl diese Ebenen bei Mann ohnehin stets Hand in Hand greifen). Der von James Caan (der die Rolle des Frank übrigens als die liebste seiner Karriere bezeichnete) eindrucksvoll verkörperter Titelheld ist gefangen in einer (klein)kriminellen Welt aus Gewalt und Diebstahl. Weder kann, noch will er daraus fliehen, denn sie ist alles was er kennt und beinhaltet alles was er kann. Und dennoch wird sie dem Mann mit der harten Schale und dem weichen Kern zum Verhängnis, seine Sehnsucht nach Familie und Geborgenheit hat ihren Preis. Denn wie der deutsche Zusatztitel bereits verrät, ist jene Glückseligkeit nicht von Dauer…letztendlich geht sie in Feuer und Flammen unter. Großartig.

8/10

Von OfDb Filmworks erschien der Film im Mediabook. Die Auflage ist stark limitiert.

Quellen
Inhaltsangabe: MGM

Sonntag, 19. Februar 2017

Blackhat (2015)

http://www.imdb.com/title/tt2717822/

Als Hacker die Computersysteme in einem chinesischen Atomkraftwerk austricksen und damit einen GAU provozieren, ist die chinesische Regierung alarmiert und setzt ihre Top-Experten für Cyber-Kriminalität ein: Chen Dawai (Leeholm Wang) und dessen Schwester Chen Lien (Tang Wie). Beide reisen in die USA, um sich dort Unterstützung zu holen. Die gleichen Täter manipulieren nur kurze Zeit später Börsenkurse an der Wall Street, was das FBI in Alarmbereitschaft versetzt. Vor vielen Jahren hatte das Computergenie Nicholas Hathaway (Chris Hemsworth) eine Rohversion des Codes des Hackerprogramms geschrieben und nun ist sein Typ erneut gefragt. Doch Hathaway sitzt gegenwärtig eine 15-jährige Haftstrafe ab. Um die Cyber-Bedrohung abzuwenden, gehen die Agenten einen Deal mit dem Computergenie ein. Er wird vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, dafür spürt er die Täter auf und bringt sie zur Strecke. Doch was für Hathaway als eine Art sportliche Herausforderung beginnt, wird bald zu einem Spiel auf Leben und Tod. Die Angriffe finden nun nicht mehr nur im Netz statt, der Terror verlagert sich in die reale Welt. Die Jagd nach den Feinden führt Hathaway und sein Team von Chicago bis nach Hongkong.

Mit dem Filmtitel sind "Black Hat Hacker" gemeint - solche, die im Netz Schaden anrichten wollen und Michael Mann geht es bei seiner Geschichte vor allem um Moral. Leider ist seine Form der Schwarz-Weiß Malerei ganz und gar nicht mehr so zeitgemäß und so bekommt man keine oder kaum Innovation die Hintergrundfrage betreffend. Hier gibt es die Guten und die Bösen. Mann gibt in seiner Inszenierung einer Cyberattacke die alleinige Schuld an einer Kernschmelze eines Atomkraftwerkes – das hier angeblich auch noch von außen stattfinden sollte. Das ist filmisches Denken der 80er a la "War Games". Irgendwie absurd, aber als Grundidee noch zu verkraften.

"Blackhat" ist also eine reiner Actionthriller. Nichts weiteres. Er ist kein Film übers Hacken selbst. Ob der Film das Hacken richtig darstellt oder nicht ist doch im Grunde genommen auch egal. Der Film ist eher eine Schnitzeljagd und genau das wurde gut inszeniert. Chris Hemsworth mag vielleicht kein großer Charakterdarsteller sein, aber für diesen Film ist das was er abliefert absolut ausreichend. Trotzdem ist der Film einer von Michael Manns schwächsten Beiträgen. Denn von ihm kann man nun mal mehr erwarten als einen gewöhnlichen Actionthriller. Der Verzicht auf starke Charaktere wirkt sich hier leider negativ auf. Dennoch hat er hat einen sympathischen Cast aufgestellt. Doch schauspielerisch fällt hier keiner auf - alle Protagonisten sind einfach nur solide. Doch was Michael Mann inszenieren kann sind Actionszenen. Zwar erreichen sie nie die Qualität wie die in "Heat", dennoch sind sie mitreißend, wuchtig und im typischen Stil von Michael Mann

Man kann "Blackhat" viel vorwerfen, das Drehbuch ist gesäumt mit so mancher Entbehrlichkeit, mit narrativem Ballast und dramaturgischen Sackgassen, doch so emphatisch-konzentriert, so stilsicher und eindringlich, wie Michael Mann das Immaterielle gegen das Physische ausspielt (und andersherum), ist man doch irgendwo gezwungen, diesem unterkühlten Hacker-Thriller achtungsvoll auf die Schulter zu klopfen. Stuart Dryburghs famose Kamera fungiert als dokumentarisches Instrument, sie reißt mit, entlang der Neonröhren in den Pfützen des Asphalts, den spiegelnden Außenfassaden der Wolkenkratzer, den durchlöchterten Frachtcontainern und dem Showdown, ohne Keyboard, dafür mit analog geballter Faust. Wer also keinen Film übers Hacken an sich erwartet und die Qualitätsansprüche senkt, bekommt hier einen ziemlichen guten Actionthriller der vielleicht nicht ganz logisch, aber immer schön spannend ist.

7/10

Mittwoch, 31. August 2016

Ali (2001)

http://www.imdb.com/title/tt0248667/

1964: Cassius Clay (Will Smith) besiegt Sonny Liston (Michael Bentt) und erboxt sich den Titel im Schwergewicht! Ausgehend von seinem ersten Triumph verfolgt "Ali" die ereignisreiche Dekade 1964-74 des ersten schwarzen Superstars. Medienwirksame Auftritte, private Affären sowie grandiose Boxkämpfe sind ebenso Bestandteile der Boxlegende wie seine Konversion zum Islam. Unter seinem neuen Namen Muhammad Ali versetzt er die Boxwelt weiterhin in Staunen. Doch die Weigerung, in den Vietnamkrieg zu ziehen, hat Konsequenzen für den Boxer. In einem Prozess verliert er seine Boxlizenz sowie einen Großteil seines Vermögens. Das Portrait Muhammad Alis stellt vor allem seine persönlichen Beziehungen in den Vordergrund, die den oftmals diskrepanten Charakter des Boxers genau zeichnen.

Michael Mann versucht sich an einem Biopic über den legendären Boxer Muhammad Ali, in dem er 10 Jahre aus dessen Leben betrachtet. Herausgekommen ist ein etwas zu langer, flacher und unerwartet leiser Film über die Boxlegende, welcher mehr im Ton einer Elegie als dem eines euphorischen Boxerfilms dahingleitet. Wenn Michael Mann jedoch die strenge Gradlienigkeit des typischen Biopics lockert und in impressionistischen, begnadet montierten Bilderbögen, die er diesmal meist mit wundervoller Soul-Musik untermalt, zusammen mit dem Protagonisten im Augenblick verweilt und den Moment auskostet, hat der Film durchaus seine Momente.

Die bruchstückhafte und fast schon als ignorant zu bezeichnende Behandlung des Genres Biopic hat im Gegenzug allerdings einige grobe Schnitzer zur Folge. Man lernt Muhammad Ali als eisernen Kämpfer kennen, der seinem ganz schön vorlauten Mundwerk fairerweise immer auch Taten folgen lässt. Dadurch bildet der Regisseur aber lediglich das Image ab, das allgemein über den Boxer existiert. Muhammad Ali als Menschen kann man sich nur schwer annähern und so bleibt er höchst oberflächlich gezeichnet. Dasselbe gilt für prägende Nebenfiguren in Ali's Leben wie beispielsweise seiner Frau, seiner Familie oder seinem drogenabhängigen Freund und Motivator, die der Film einem zwar präsentiert, aber fast ausnahmslos mit stiefmütterlicher Vernachlässigung abstraft. Seine volle Kraft kann "Ali" daher sicher nur bei richtigen Fans des Boxers entfalten, die sämtliche Eckdaten und Fakten aus der Biographie ihres Idols bereits kennen und die unorthodoxe Inszenierung umso mehr auskosten können, denn auch bezüglich zeitlicher Verortung diverser übereilt abgehakter Ereignisse lässt der Streifen Unbeteiligte gerne mal im Unklaren. Die stärksten Szenen sind ohne Zweifel die Kämpfe und insbesondere der Endkampf, der, unterlegt von grandioser Musik, fast schon künstlerisch-grandios inszeniert ist.

Neben der großartigen Leistung von Hauptdarsteller Will Smith, der sich mit bemerkenswert imitierter Sprechweise und körperlicher Verfassung des Vorbilds zum respektablen Charakterdarsteller mutiert, sind es daher vor allem die markanten Einzelmomente, welche die typische Magie eines Michael Mann-Films versprühen. Weniger wäre hier dennoch mehr gewesen, um einen konzentriertem Einblick in das Wesen von Muhammad Ali zu gewinnen. Authenzität bringt da nichts auf den Tisch, wenn man sich nicht im Vornherein klar wird, wie man mit ihr eine packende Geschichte erzählen kann und endete erwartungsgemäß mit dem Kampf Ali-Foreman und letztlich als insgesamt leider ernüchterndes und bemühtes Biopic-Epos.

6/10

Freitag, 1. April 2016

Collateral (2004)

http://www.imdb.com/title/tt0369339/

Max (Jamie Foxx) ist seit zwölf Jahren Taxifahrer, sein großer Traum ist aber die Eröffnung seines eigenen Limousinenservice. Eines nachts steigt der vermeintliche Geschäftsmann Vincent (Tom Cruise) in sein Taxi ein und bietet ihm 600 Dollar, wenn er ihn in der Nacht zu fünf Terminen chauffiert. Schnell entpuppt sich der lukrative Deal für Max als Albtraum. Vincents erster "Verhandlungspartner" fliegt durch ein Fenster aus dem oberen Stockwerk eines Wohnhauses und landet direkt auf Max' Taxi. Vincent, der als Auftragskiller Zeugen eines Gerichtsprozesses beseitigen soll, zwingt Max dazu, ihn zu seinem nächsten Opfer zu bringen. Die Spuren des Mordes rufen die Polizisten Fanning (Mark Ruffalo) und Weidner (Peter Berg) auf den Plan, während Vincent seine Auftragsliste weiter abarbeitet...

"Someday my dream will come. One night you'll wake up and you'll discover it never happened. It's all turned around on you and it never will. Suddenly you are old, didn't happened and it never will, 'cause you were never going to do it anyway."

"Collateral" ist ein klasse Thriller. Spannungsgeladen, mit Action angereichert, aber auch durchaus einer ruhigen, berührenden Atmosphäre innehabend. Nun ist er mit Tom Cruise und Jamie Foxx in den Hauptrollen, sowie Mark Ruffalo und Zoe Sladana in den Nebenrollen auch noch stark besetzt. Michael Manns Film ist ein pulsierender L.A.-Thriller und brettert durch die Nacht, vorbei an den flackernden Lichtern der Stadt, die niemals schläft. Ein Auftragskiller entführt ein Taxi mitsamt Fahrer, um ihn für seine fünf Aufträge in der Nacht herumzukutschieren. Beide schlittern ins Unheil, erfahren ungeahnte Komplikationen und immer wieder schwebt im Hintergrund, dass der Taxi Fahrer Max ja eigentlich nur eine Geisel des Killers Vincent ist.

Vielmehr wartet man noch auf eine Auflösung am Ende, einen tollen Twist, der alles zusammenhängen lässt. Dann kommt der auch schon, inhaltlich etwas, mit dem man hätte rechnen können, es aber nicht tat, weil man es schlicht weg verdrängte. Hier wird schnell geschnitten und schnell geschossen, die Action ist sehr gut inszeniert und es wird allerlei Spannung aufgebaut. Man fiebert zumindest mit Max mit, hofft vielleicht, dass er sich aus der Lage befreien kann, ist für einen Moment geschockt, rappelt sich dann aber wieder auf und beobachtet gespannt das große Finale. Hier wird natürlich auch wieder geschickt der Bogen geschlagen vom Anfang, als sich Max und Vincent unterhalten über die Menschen, die Gesellschaft, was denn mit all dem los sei, wenn ein Mann in der U-Bahn gefunden wird, tot, obwohl tausende Leute während etlicher Fahrten neben ihm gesessen hatten. Und hier schließt dann auch Manns Parabel, wohl wissend, dass der Zuschauer mit weit aufgerissenem Mund vor dem Bildschirm hockt.

8/10

Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Paramount Pictures/Edge City

Samstag, 12. September 2015

Heat (1995)

http://www.imdb.com/title/tt0113277/

Neil McCauley (Robert De Niro) ist einer der besten Verbrecher in L.A. Seine Pläne sind so durchdacht, dass er immer spurlos davon kommen kann. Vincent Hanna (Al Pacino) ist ein akribischer Cop und einer der erfolgreichsten obendrein. Beide Männer sind besessen vom Verbrechen. Nur das Gesetz trennt sie. McCauley plant mit seinem Team (Val Kilmer, Danny Trejo, Tom Sizemore) noch einen großen Coup, doch als er sich in Eady (Amy Brenneman) verliebt, fällt es ihm schwer das Wesentliche im Auge zu behalten. Vincent Hanna steht kurz vor seiner dritten Scheidung und zu seiner Stieftochter (Natalie Portman) hat er keinen Draht. In Wirklichkeit ist Hanna mit dem Job verheiratet, seine wahre Familie sind die Cops (Mykelti Williamson, Wes Studi). Nach intensiven Ermittlungen bekommt Hanna eine Spur und zieht die Schlinge immer enger zu. Ein Katz- und Mausspiel entwickelt sich, das nur einer gewinnen kann...

Zwei Männer sitzen in einem Kaffee und führen ein scheinbar unspektakuläres Gespräch, bei dem sie sich gegenseitig aushorchen. Eine fast banal klingende Szene, die jedoch zu den größten Momenten der Filmgeschichte gezählt werden darf, weil diese Szene für das große Aufeinandertreffen zweier Filmlegenden steht. Robert De Niro und Al Pacino treffen in Michael Manns Meisterwerk "Heat" zum ersten Mal aufeinander und liefern sich ein schauspielerisches Kräftemessen per excellence. Neben der legendären Straßenschlacht in "Heat", ein gut zehnminütiger Schusswechsel mit atemberaubender Intensität, ist es vor allem diese Begegnung zwischen De Niro und Pacino, die zu den größten Szenen der Filmgeschichte zählen dürfte. Regisseur Michael Mann schuf 1995 mit "Heat" einen Thriller, der sicher als einer der besten aller Zeiten gilt und längst Klassiker-Status besitzt. Er ist eine raue und ebenso wehmütige Großstadt-Ballade, in der ein Cop und ein Gangster entdecken, dass sie Seelenverwandte sind, aber nun mal auf entgegensätzlichen Seiten des Gesetzes stehen. Das übergreifende Thema von "Heat" ist allerdings Einsamkeit. Jede Schlüsselfigur in diesem Film ist ein Sklave der eigenen Berufung und verdammt dazu, ausschließlich mit sich und dem selbstgewählten Kodex ein Leben fristen zu können.

Der Film spielt regelrecht mit diesem Aspekt und baut die große Konfrontation der beiden Hauptakteure langsam aber stetig auf. Ist es dann endlich soweit, entsteht ein wahrhaft großer Gänsehautmoment. Das Spannende an dieser Szene sind nicht nur die beiden Schauspielgiganten, sondern auch die Charaktere, die sie verkörpern. Beide sind nämlich im Grunde gleich, könnten sogar Freunde sein, ständen sie nur nicht auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes. Vincent Hanna und Neil McCauley sind stark gezeichnet, verfallen nicht dem typischen schwarz-weiß Muster, sie haben ihre jeweiligen Beweggründe, sind beide charismatisch, womit man letztlich beiden die Daumen drückt. Wie gut die Figurenzeichnung tatsächlich ist, untermauert am besten die besagte Restaurantszene. Hier sagen De Niros Blicke wirklich mehr als tausend Worte und zeugen von einer im Film entscheidenden Entwicklung seiner Figur. Die größte Freude löst aber die reine Tatsache aus, dass mit Robert De Niro und Al Pacino zwei Schauspiellegenden aufeinander treffen, die sich ein ebenbürtiges Duell liefern und auf dem Höhepunkt ihres Könnens agieren.

Auch wenn der Streifen eine stolze Laufzeit von 170 Minuten hat, gibt es wenige Filme von ähnlicher Länge, die derart präzise und vor allem ohne jegliche Längen geschrieben sind. Im Prinzip gibt es in "Heat" nicht eine einzige Szene, die überflüssig oder fehl am Platz wirkt. Mann findet in seinem perfekt strukturierten Drehbuch jederzeit die richtige Balance zwischen Spannung, logischer Handlungsentwicklung, charakterlicher Tiefe, zwischenmenschlicher Dramatik und meisterhaft choreographierter Action, wobei es ihm zudem auch noch gelingt, diverse, teils knapp angerissene Story-Fäden schlüssig zu einem Gesamtbild zu verknüpfen. Wie sich beide Hauptfiguren überraschend schnell füreinander öffnen, sofortige Parallelen entdecken, über ihre Träume philosophieren und fast schon eine Freundschaft entwickeln, dabei aber zeitgleich feststellen, dass einer den anderen in Zukunft töten muss, ist ein unvergesslicher Moment größter Filmkunst.

"Heat" ist eben ein makelloser Thriller, perfekt geschrieben, meisterhaft inszeniert, mit zwei perfekt besetzten Schauspielern den Hauptrollen und mit einem immer wieder feinen, melancholischen Unterton, den Michael Mann in seine einzigartigen Bilder packt. Ein völlig zurecht verehrter Klassiker.

9/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Warner Bros.
Poster/Artwork: Warner Bros.