Mittwoch, 22. Juli 2026

Jusqu’au déclin - The Decline - Bis zum Untergang (2020)

https://www.imdb.com/de/title/tt10307440/
https://letterboxd.com/film/the-decline/

Familienvater Antoine (Guillaume Laurin) nimmt an einem Überlebenstraining teil. Alain (Réal Bossé) führt es in seinem autarken Refugium durch. Dabei werden Antoine und der Rest der Gruppe auf einen ökologischen, wirtschaftlichen oder sozialen Zusammenbruch der Gesellschaft vorbereitet. Sie absolvieren Übungen, die sie auf jede nur denkbare Art einer Katastrophe vorbereiten. Aber es kommt letztlich zu einem Szenario, auf das sich niemand vorbereitet hat...

Dass Netflix zunehmend internationale Genrefilme fördert, hat in den vergangenen Jahren immer wieder zu kleinen Überraschungen geführt. "Bis zum Untergang", das Regiedebüt des kanadischen Filmemachers Patrice Laliberté, gehört zweifellos dazu. Der Thriller verzichtet auf große Stars, spektakuläre Effekte oder komplizierte Mythologien und konzentriert sich stattdessen auf eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Frage: Wie schnell zerfällt eine Gemeinschaft, wenn aus einer theoretischen Katastrophenvorbereitung plötzlich bitterer Ernst wird? Was "Bis zum Untergang" von vielen vergleichbaren Survival-Thrillern unterscheidet, ist seine erstaunlich nüchterne Herangehensweise. Patrice Laliberté macht sich weder über Survivalisten lustig noch verklärt er ihre Weltanschauung. Stattdessen betrachtet er diese Menschen mit einer bemerkenswerten Neutralität. Sie sind keine fanatischen Endzeitprediger, sondern Individuen mit nachvollziehbaren Ängsten und unterschiedlichen Motiven. Gerade dadurch wirkt der Film glaubwürdiger als viele Hollywoodproduktionen, die ähnliche Themen häufig in Schwarz-Weiß-Malerei auflösen.

Besonders die erste Filmhälfte entwickelt eine intensive Spannung. Die Ausbildung im Camp vermittelt authentisch den Eindruck, dass die Teilnehmer tatsächlich Fähigkeiten für Extremsituationen erlernen. Gleichzeitig entsteht zwischen den Figuren eine unterschwellige Unsicherheit. Kleine Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Moralvorstellungen und das dominante Auftreten Alains deuten bereits früh an, dass hier etwas eskalieren wird. Auch handwerklich überzeugt Laliberté auf ganzer Linie. Die verschneiten Wälder Québecs werden eindrucksvoll eingefangen und verleihen dem Film eine fast greifbare Kälte. Die Kamera nutzt die Weite der Landschaft geschickt, ohne den Eindruck von Isolation zu verlieren. Im Gegenteil: Je größer die Natur erscheint, desto aussichtsloser wirkt die Situation der Figuren. Unterstützt wird dies von einem zurückhaltenden Sounddesign, das lieber auf Wind, knirschenden Schnee und beklemmende Stille setzt als auf übertriebene musikalische Effekte.

Die Darsteller tragen entscheidend dazu bei, dass der Film funktioniert. Guillaume Laurin verkörpert Antoine angenehm bodenständig und vermeidet jede Form übertriebener Heldeninszenierung. Réal Bossé gelingt es als Alain, gleichzeitig väterlich, charismatisch und latent bedrohlich zu wirken. Gerade weil seine Figur nachvollziehbar bleibt, entfaltet der zentrale Konflikt seine Wirkung. Auch Marie-Evelyne Lessard überzeugt als Rachel mit einer ruhigen, glaubwürdigen Präsenz, die dem Film zusätzliche emotionale Erdung verleiht. Wo "Bis zum Untergang" allerdings etwas an Boden verliert, ist seine zweite Hälfte. Nachdem der eigentliche Thriller einsetzt, orientiert sich der Film stärker an bekannten Genrekonventionen. Die psychologische Spannung weicht zunehmend einer klassischen Verfolgungsjagd durch den Wald. Das bleibt zwar jederzeit spannend inszeniert, wirkt jedoch weniger originell als der sorgfältig aufgebaute Beginn. Aus einem ungewöhnlichen Charakterdrama wird schließlich ein durchaus solider, aber vertrauter Survival-Thriller.

Hinzu kommt, dass einige Nebenfiguren trotz ihrer interessanten Ansätze nur oberflächlich ausgearbeitet bleiben. Das liegt sicherlich auch an der kurzen Laufzeit von lediglich 83 Minuten. Einerseits verhindert diese unnötige Längen und sorgt für ein straffes Erzähltempo. Andererseits hätte man manchen Figuren und ihren moralischen Konflikten gerne etwas mehr Raum gegeben. Gerade die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was im Namen des Überlebens gerechtfertigt ist, hätten noch stärker vertieft werden können. Dennoch besitzt der Film eine bemerkenswerte Aktualität. Das Thema des Survivalismus, das in Zeiten von Klimakrisen, fragwürdigen politischen Entscheidungen und gesellschaftlicher Unsicherheit zunehmend Aufmerksamkeit erhält, bildet weit mehr als nur den Hintergrund für einen Thriller. Laliberté interessiert sich weniger für das Überleben in der Wildnis als für die Frage, wie schnell zivilisierte Regeln verschwinden, sobald Angst die Kontrolle übernimmt. Besonders gelungen ist dabei, dass der Film nie versucht, einfache Antworten zu liefern. Es gibt keine eindeutig guten oder bösen Figuren. Stattdessen zeigt "Bis zum Untergang", wie fragile soziale Strukturen sein können, wenn Misstrauen, Ideologie und Eigeninteresse aufeinandertreffen. Gerade diese Ambivalenz macht den Film interessanter als viele Genrekollegen.

"Bis zum Untergang" ist ein angenehm kompakter Survival-Thriller, der mit starker Atmosphäre, überzeugenden Darstellern und einer ungewöhnlich realistischen Herangehensweise punktet. Zwar verliert der Film im letzten Drittel etwas von seiner Eigenständigkeit und greift stärker auf bekannte Genremechanismen zurück, dennoch bleibt er bis zum Schluss spannend und thematisch relevant. Kein neues Meisterwerk des Survival-Kinos, aber ein intelligenter, handwerklich überzeugender Thriller, der beweist, wie viel Spannung auch ohne großes Budget entstehen kann.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Couronne Nord

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