Samstag, 22. August 2026

Eddington (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt31176520/
https://letterboxd.com/film/eddington/

Sommer 2020, eine Kleinstadt im US-Bundestaat New Mexico mitten in der Corona-Pandemie: Nachdem sich der ziemlich konservative Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) weigert, in einem Lebensmittelgeschäft eine schützende Gesichtsmaske zu tragen, entschließt er sich, bei der Bürgermeisterwahl gegen den Amtsinhaber Ted Garcia (Pedro Pascal) anzutreten. Ein erbitterter Machtkampf entbrennt zwischen den beiden, der alte Konflikte neu entfacht, bestehende Gräben weiter aufreißen lässt und die Gemeinschaft an den Rand des Zusammenbruchs treibt. Denn auch der Rest der Einwohner*innen des Ortes wird zunehmend paranoid und zu allem Überfluss auch noch gewaltbereit. Joe Cross' Haltung führt auch dazu, dass sich sogar seine eigene Ehefrau Louise (Emma Stone) nicht nur von ihm entfremdet, sondern auch öffentlich gegen ihn stellt. Als ein plötzlicher Mordfall das Fass letztendlich zum überlaufen bringt, droht die Stadt endgültig im Chaos zu versinken.

Ari Aster hat mit "Eddington" keinen weiteren Horrorfilm im klassischen Sinne gedreht - und doch ist sein vierter Spielfilm wahrscheinlich einer seiner unheimlichsten. Denn das Grauen kommt diesmal nicht aus einer übernatürlichen Quelle, sondern aus dem ganz normalen Wahnsinn einer amerikanischen Kleinstadt im Frühjahr 2020. Maskenpflicht, Verschwörungstheorien, Black Lives Matter, soziale Medien, politische Radikalisierung und die zunehmende Unfähigkeit, überhaupt noch miteinander zu reden: Aster nimmt die Stimmung der Pandemiezeit und macht daraus eine bitterböse Mischung aus Western, schwarzer Komödie, Thriller und Gesellschaftssatire. Im Zentrum stehen Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) und Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal), die sich während des Lockdowns zunehmend aneinander reiben. Was zunächst wie ein lächerlicher Streit über Masken und politische Entscheidungen beginnt, entwickelt sich zu einem Pulverfass. Ein Mord bringt die ohnehin fragile Ordnung endgültig ins Wanken.

Das Bemerkenswerte ist, wie präzise Aster zunächst die Absurdität dieser Zeit einfängt. "Eddington" wirkt teilweise wie eine Zeitkapsel aus einer Epoche, die gerade einmal wenige Jahre zurückliegt und sich trotzdem schon fremd anfühlt. Die sozialen Medien werden dabei nicht einfach als modernes Kommunikationsmittel gezeigt, sondern als Verstärker von Angst, Narzissmus und ideologischer Selbstbestätigung. Menschen sitzen isoliert zu Hause und finden im Internet immer neue Gründe, warum die jeweils andere Seite verrückt, gefährlich oder moralisch minderwertig sei. Dabei verteilt Aster seine Schläge tatsächlich in alle Richtungen. Rechte Verschwörungsideologen bekommen ebenso ihr Fett weg wie wohlmeinende, aber selbstgerechte Aktivisten, Influencer, politische Opportunisten und Menschen, die jede gesellschaftliche Krise in erster Linie als Bühne für sich selbst betrachten. Der Film will ausdrücklich nicht die bequeme Botschaft vermitteln, dass beide Seiten gleichermaßen recht hätten. Vielmehr zeigt er eine Gesellschaft, in der verschiedene Formen von Angst, Wut und Selbstgerechtigkeit ineinandergreifen. 


Joaquin Phoenix ist dafür die perfekte Besetzung. Joe Cross ist kein klassischer Held, sondern ein zunehmend paranoider, unsicherer und emotional überforderter Mann, der sich selbst für vernünftiger hält, als er tatsächlich ist. Phoenix spielt ihn mit einer Mischung aus Verlorenheit, Aggressivität und schwarzem Humor. Seine Figur ist gleichzeitig lächerlich und bedrohlich - eine Kombination, die der Schauspieler hervorragend beherrscht. Pedro Pascal setzt als Ted Garcia einen reizvollen Gegenpol. Wo Joe zunehmend irrational wird, versucht Ted, politische Kontrolle zu behalten. Doch auch er ist keineswegs frei von Ego und persönlichen Interessen. Emma Stone als Joes Frau Louise, Deirdre O'Connell als ihre verschwörungsgläubige Mutter und Austin Butler als radikalisierter Internet-Charakter ergänzen das Ensemble mit Figuren, die teilweise bewusst überzeichnet sind. Allerdings verschenkt Aster hier auch einiges. Ein Ensemble dieser Größenordnung könnte eigentlich noch viel mehr leisten. Einige Figuren bleiben eher satirische Stichwortgeber als vollständig entwickelte Menschen. Besonders Pedro Pascal und Emma Stone bekommen weniger Raum, als ihre Namen vermuten lassen. 

Aster inszeniert "Eddington" dabei wesentlich konventioneller als "Hereditary", "Midsommar" oder "Beau Is Afraid". Dennoch bleibt seine Handschrift unverkennbar. Die Kamera von Darius Khondji beobachtet die Kleinstadt mit einer merkwürdigen Distanz, während sich die scheinbare Normalität immer weiter auflöst. Aus dem Westernmotiv des einsamen Sheriffs wird langsam ein paranoider Gesellschaftsthriller. Und irgendwann kippt der Film endgültig in Asters bevorzugtes Terrain: die groteske Eskalation. Gerade im letzten Drittel zeigt sich, wie kompromisslos der Regisseur sein Konzept verfolgt. Der Film wird zunehmend chaotisch, gewalttätig und surreal. Was als bissige Pandemie-Satire beginnt, entwickelt sich zu einem regelrechten Amoklauf aus Paranoia und gesellschaftlicher Selbstzerstörung. Das ist zugleich der Punkt, an dem "Eddington" für manche Zuschauer anstrengend werden dürfte. Mit 148 Minuten ist der Film nicht gerade knapp bemessen, und Aster hat ausgesprochen viel zu sagen. Manchmal sogar zu viel. Die verschiedenen Themen - Pandemie, Rassismus, Verschwörungstheorien, soziale Medien, politische Polarisierung, Kapitalismus und Männlichkeitsbilder - kämpfen teilweise regelrecht um Aufmerksamkeit. Doch gerade diese Überfrachtung lässt sich auch als Teil des Konzepts verstehen. "Eddington" ist ein Film über eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, Prioritäten zu setzen. Alles wird zum Kulturkampf, jede Nachricht zum Identitätsmarker und jeder Konflikt zur persönlichen Kriegserklärung. Dass der Film selbst gelegentlich ähnlich überladen wirkt, ist deshalb nicht unbedingt ein Fehler - auch wenn es die Geduld des Publikums auf die Probe stellt.

Besonders stark ist Asters Umgang mit dem Internet. Die sozialen Medien sind in "Eddington" keine bloße Kulisse, sondern eine Art unsichtbarer Antagonist. Sie sorgen dafür, dass jeder Konflikt sofort multipliziert wird. Menschen reagieren auf Videos, die wiederum auf andere Videos reagieren, während Realität und digitale Erzählung immer stärker auseinanderdriften. Aster zeigt damit eine Welt, in der niemand mehr wirklich weiß, was wahr ist - aber jeder sehr genau weiß, was er glauben möchte. Das macht "Eddington" auch rückblickend interessanter. Der Film ist weniger eine klassische Pandemie-Komödie als eine Momentaufnahme darüber, wie die Pandemie bestehende gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar und teilweise irreparabel machte. 

Natürlich kann man sich fragen, ob ein Film über die Pandemie im Jahr 2025 noch notwendig ist. Asters Antwort lautet offensichtlich: ja - gerade weil wir so schnell vergessen möchten. "Eddington" erinnert daran, wie absurd, aggressiv und teilweise hysterisch die öffentliche Debatte damals wurde. Und er zeigt, dass die eigentliche Krankheit möglicherweise nicht das Virus war, sondern die Bereitschaft einer Gesellschaft, sich gegenseitig nicht mehr zuzuhören. Vergleiche zu "Hereditary" und "Midsommar" drängen sich natürlich auf, doch "Eddington" ist weniger ein Horrorfilm über eine Familie oder eine Sekte als ein Horrorfilm über eine Gesellschaft. Die Familie Platt aus "Beau Is Afraid" zerfällt in einer paranoiden Welt; in "Eddington" ist es gleich eine ganze Stadt. Und während "Beau Is Afraid" seine Angst in surrealen Albträumen auflöst, bleibt "Eddington" erschreckend nah an der Realität.

Seine größte Schwäche bleibt die mangelnde emotionale Nähe. Aster beobachtet seine Figuren oft mit satirischer Kälte. Das ist konsequent, macht es aber schwer, wirklich mit ihnen mitzufühlen. Selbst wenn die Handlung dramatischer wird, bleibt häufig das Gefühl, einem brillant konstruierten gesellschaftlichen Experiment zuzusehen. Trotzdem ist "Eddington" ein Film, der nach dem Abspann weiterarbeitet. Nicht unbedingt, weil jede Aussage sitzt oder jede Pointe funktioniert, sondern weil Aster eine unangenehme Wahrheit trifft: Wir leben in einer Zeit, in der sich Realität zunehmend wie Satire anfühlt. Und manchmal ist die absurdeste Reaktion darauf, einfach noch einen Schritt weiterzugehen.

Ja, "Eddington" ist sperrig, überladen und gelegentlich selbstverliebt - aber auch mutig, bissig und ausgesprochen sehenswert. Joaquin Phoenix liefert eine großartige Hauptdarstellung, Ari Aster beweist erneut seinen unverwechselbaren Blick auf menschliche Abgründe, und die Mischung aus Western, schwarzer Komödie, Pandemiechronik und politischer Satire sorgt für ein Erlebnis, das sich kaum in eine Schublade stecken lässt. Nicht jede Idee geht auf, manche Figuren hätten mehr Tiefe verdient und 148 Minuten sind für diese Materialfülle durchaus eine Herausforderung. Trotzdem besitzt "Eddington" etwas, das vielen politisch aufgeladenen Filmen fehlt: den Mut, niemandem eine komfortable Position anzubieten. Aster macht sich über alle lustig - und gerade deshalb wird sein Film am Ende weniger zur politischen Abrechnung als zu einer ziemlich düsteren Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Denken verloren hat.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkA24/Square Peg/828 Productions/IPR.VC/Access Entertainment

Freitag, 21. August 2026

Insidious: Out Of The Further (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt32393988/
https://letterboxd.com/film/insidious-out-of-the-further/

Für die junge Mutter Gemma (Amelia Eve) steht das Wohl ihrer Tochter an erster Stelle. Sie setzt alles daran, ihr ein sicheres und behütetes Leben zu ermöglichen. Doch ihr Alltag verändert sich schlagartig, als sie entdeckt, dass sie über eine verstörende übernatürliche Fähigkeit verfügt. Gemma kann in die geheimnisvolle Anderswelt „The Further“ reisen, in der sie unheimlichen Wesen begegnet. Das Erschreckende daran: Sie kann diese Kreaturen nicht nur sehen, sondern sie sogar in die reale Welt holen. Mit jeder Reise wächst die Gefahr, denn ihre außergewöhnliche Gabe bleibt den finsteren Mächten der Zwischenwelt nicht verborgen. Schon bald werden dämonische Wesen auf sie aufmerksam und versuchen, ihre Kräfte für ihre eigenen dunklen Zwecke zu missbrauchen. Während die Grenzen zwischen den beiden Welten immer mehr verschwimmen, muss Gemma einen Weg finden, die übernatürliche Bedrohung aufzuhalten und ihre Tochter vor den Gefahren zu schützen.

Mit "Insidious: Out Of The Further" wagt die mittlerweile sechste Kinoausgabe der Reihe einen durchaus sinnvollen Neustart. Statt erneut die Lambert-Familie in den Mittelpunkt zu stellen, führt Regisseur und Drehbuchautor Jacob Chase eine neue Familie in das Universum ein und verschiebt gleichzeitig die Perspektive auf das namensgebende "Ewigreich". Das ist genau die Art von Veränderung, die ein inzwischen ziemlich ausgereiztes Horror-Franchise benötigt. Gleichzeitig bleibt "Insidious: Out Of The Further" fest genug in der Mythologie der Reihe verankert, um Fans nicht vor den Kopf zu stoßen. Sony beschreibt den Film entsprechend als Geschichte einer neuen Familie und eines Schreckens, der die Möglichkeiten des Further erweitert. Im Mittelpunkt steht Gemma (Amelia Eve), eine junge Mutter, die ihre Tochter in dem Haus aufzieht, in dem sie selbst ihre Kindheit verbracht hat. Der Ort ist also von Beginn an mehr als nur eine klassische Horrorfilm-Kulisse: Er ist mit Erinnerungen und alten Verletzungen aufgeladen. Als Gemma entdeckt, dass sie selbst in das Further reisen kann, nimmt die Geschichte eine interessante Wendung. Denn ihre Fähigkeit beschränkt sich nicht darauf, die Welt der verlorenen Seelen zu betreten - sie kann deren Bewohner auch zurück in die Welt der Lebenden bringen. Damit dreht Chase ein bekanntes Prinzip der Reihe gewissermaßen um: Nicht nur die Menschen geraten ins Reich der Geister, sondern das Reich der Geister dringt nun aktiv in unsere Realität ein.

Das ist die stärkste Idee des Films. Das Further war in den bisherigen Teilen vor allem eine unheimliche Zwischenwelt, die durch Astralprojektion erreicht wurde. "Insidious: Out Of The Further" macht daraus eine wesentlich unmittelbarere Bedrohung. Die Grenze zwischen den beiden Welten wird durchlässiger, und genau daraus zieht Chase einen Teil seiner Spannung. Gleichzeitig eröffnet diese Idee dem Franchise neue Möglichkeiten, ohne die bisherigen Regeln komplett über Bord zu werfen. Interessant ist außerdem, dass hinter dem Horror eine Geschichte über Mutterschaft und generationenübergreifendes Trauma steckt. Chase hat in Interviews erklärt, dass seine eigene Angst vor dem Vaterwerden maßgeblich in die Geschichte eingeflossen ist. Gemma ist eine Mutter, die ihr Kind unbedingt vor den Fehlern und Verletzungen ihrer eigenen Vergangenheit bewahren möchte - und gerade dieser Schutzinstinkt droht sie selbst zu einem Teil des Problems werden zu lassen. Das gibt dem Film eine emotionale Grundlage, die vielen späteren "Insidious"-Fortsetzungen gefehlt hat.


Amelia Eve erweist sich dabei als überzeugende Hauptdarstellerin. Gemma ist keine klassische Horrorfilmheldin, die von Anfang an genau weiß, was zu tun ist. Ihre Unsicherheit und ihre Angst um ihre Tochter sind der emotionale Anker der Geschichte. Eve muss dabei gleichzeitig die verletzliche Mutter und eine Frau spielen, die allmählich erkennt, dass sie über eine Fähigkeit verfügt, die selbst für die Regeln des Further ungewöhnlich ist. Diese Entwicklung gibt ihrer Figur mehr Substanz, als man in einem sechsten Franchise-Film vielleicht erwarten würde. Auch die Rückkehr von Lin Shaye als Elise Rainier ist erfreulich. Elise ist längst zu einem der Gesichter der "Insidious"-Reihe geworden, und ihre Anwesenheit stellt eine wichtige Verbindung zur ursprünglichen Mythologie her. Glücklicherweise wird sie nicht einfach als nostalgischer Cameo eingesetzt. Ihre Figur erinnert daran, dass das Further bereits eine Geschichte besitzt und dass die Ereignisse um Gemma nicht völlig losgelöst von dem stehen, was die Reihe zuvor etabliert hat. 

Gleichzeitig liegt genau hier eine der Schwierigkeiten des Films. Der erste Teil, "Insidious", war besonders wirkungsvoll, weil James Wan und Leigh Whannell das Übernatürliche zunächst weitgehend geheimnisvoll hielten. Der Schrecken funktionierte gerade deshalb, weil man nicht genau wusste, was sich hinter den Erscheinungen verbarg. Nach fünf Filmen ist das Further dagegen längst Franchise-Lore. Dämonen, Astralprojektion und Geisterwelten gehören inzwischen zum bekannten Inventar. "Insidious: Out Of The Further" versucht zwar, diese Mythologie zu erweitern, kann aber nicht verhindern, dass manches inzwischen vertraut wirkt. Auch die Inszenierung muss sich deshalb an den Standards des Originals messen lassen. Jacob Chase, der mit "Come Play" bereits Erfahrung mit übernatürlichem Horror gesammelt hat, setzt weniger auf brutale Gewalt als auf Atmosphäre, räumliche Unsicherheit und die klassische Frage, ob hinter dem nächsten dunklen Winkel tatsächlich etwas lauert. Das passt grundsätzlich gut zum "Insidious"-Konzept. Seine besten Momente besitzt der Film deshalb dort, wo er die vertraute Welt zunächst normal erscheinen lässt und anschließend langsam verfremdet. Das Haus wird vom Zuhause zum Gefahrenraum, und das Further ist nicht mehr nur ein fernes Reich, sondern eine Art offene Tür, durch die der Horror jederzeit zurückkehren kann. Diese räumliche Umkehrung ist visuell reizvoll und gibt dem Film eine eigene Identität.

Weniger überzeugend ist dagegen die Tendenz, auf bekannte Franchise-Muster zurückzugreifen. Das ist letztlich das zentrale Problem von "Insidious: Out Of The Further": Der Film ist am besten, wenn er "Insidious" neu denkt - und am schwächsten, wenn er lediglich "Insidious" wiederholt. Gerade die bekannten Schreckensmechanismen sind inzwischen etwas vorhersehbar. Das plötzliche Auftauchen einer Gestalt, unheimliche Geräusche, dunkle Korridore und das Spiel mit scheinbar leeren Räumen funktionieren weiterhin, besitzen aber nicht mehr dieselbe Überraschungskraft wie 2010. Der erste "Insidious" konnte aus relativ einfachen Mitteln enormen Schrecken erzeugen; inzwischen weiß das Publikum ziemlich genau, welche Tür sich besser nicht öffnen sollte. Trotzdem ist "Insidious: Out Of The Further" weit davon entfernt, ein überflüssiger Nachschlag zu sein. Dafür ist die neue Perspektive zu interessant. Besonders die Verbindung zwischen Gemmas Vergangenheit, ihrer Rolle als Mutter und ihrer Fähigkeit, Wesen aus dem Further zurückzuholen, verleiht dem Film einen persönlichen Kern. Der Horror ist nicht einfach eine äußere Bedrohung, sondern hängt unmittelbar mit der Angst zusammen, die eigenen familiären Fehler zu wiederholen. Im Vergleich zu den letzten Teilen ist das eine willkommene Schwerpunktverschiebung. "Insidious: The Red Door" konzentrierte sich noch einmal stark auf die Lambert-Familie und deren Vergangenheit. Das funktionierte teilweise, wirkte aber auch wie ein endgültiges Abschließen alter Geschichten. "Insidious: Out Of The Further" nimmt nun eine neue Familie und kann deshalb wieder Fragen stellen, deren Antworten nicht bereits in fünf Vorgängern festgelegt wurden. Allerdings wäre noch mehr Mut wünschenswert gewesen. Wenn ein Film schon die Möglichkeit etabliert, dass Wesen aus dem Further in unserer Welt existieren können, hätte er diese Idee noch konsequenter ausreizen dürfen. Gerade daraus hätte ein wesentlich radikalerer Horrorfilm entstehen können. Stattdessen hält Chase immer wieder an den bekannten Franchise-Strukturen fest. Das macht den Film zugänglich, verhindert aber auch den ganz großen Befreiungsschlag.

Und so landet "Insidious: Out Of The Further" ziemlich genau zwischen zwei Welten - passend zum Titel. Er ist weder ein enttäuschendes Franchise-Routineprodukt noch die große Wiederbelebung, auf die man nach sechs Filmen hoffen könnte. Er ist ein solider, atmosphärischer und teilweise überraschend persönlicher Horrorfilm, der seiner Reihe neue Möglichkeiten eröffnet, ohne deren bewährte Zutaten vollständig aufzugeben. "Insidious: Out Of The Further" macht vieles richtig, was ein sechster Franchise-Film richtig machen sollte. Eine neue Familie, eine interessante Hauptfigur, eine veränderte Perspektive auf das Further und die Rückkehr von Lin Shaye sorgen dafür, dass die Reihe nicht einfach auf der Stelle tritt. Amelia Eve trägt den Film überzeugend, während Jacob Chase dem bekannten Universum eine persönlichere und emotionalere Note verleiht. Gleichzeitig bleiben einige Schockeffekte und dramaturgische Mechanismen allzu vertraut, und gerade die spannendste neue Idee - das Hereinholen der Wesen aus dem Further - hätte noch konsequenter genutzt werden können. Ja, als eigenständiger Horrorfilm ist "Insidious: Out Of The Further" nicht ganz so überraschend wie das ursprüngliche "Insidious". Als Versuch, eine inzwischen etablierte Reihe neu auszurichten, funktioniert er jedoch erstaunlich gut. Der Film versteht, dass man das Further nicht einfach noch einmal zeigen kann – man muss die Tür diesmal in die andere Richtung öffnen.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkBlumhouse Productions/Screen Gems/Stage 6 Films/Atomic Monster

Donnerstag, 20. August 2026

Nuremberg - Nürnberg (2026)

https://www.imdb.com/title/tt29567915/
https://letterboxd.com/film/nuremberg-2025/

Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, Nazideutschland geschlagen und nun soll den obersten Faschisten, die man noch lebend zu fassen bekam, der Prozess in Nürnberg gemacht werden. Vor dem extra zu diesem Zweck einberufenen Internationalen Militärgerichtshof angeklagt wird unter anderem Hermann Göring (Russell Crowe). Die Alliierten wollen den Prozess gegen ihn natürlich so wasserdicht wie nur irgend möglich führen und beauftragen somit den Psychiater Douglas Kelly (Rami Malek). Der soll abklopfen, ob Göring überhaupt prozesstauglich ist. Dabei bleibt es unumgänglich, dem Bösen direkt in die Augen zu blicken. Kelly besucht Göring also regelmäßig in seiner Zelle, um sich durch Gespräche ein Bild von ihm machen zu können. Dabei fällt es auch Kelly nicht immer leicht, das Charisma und manipulative Talent Görings einfach an sich abtropfen zu lassen. Doch das ist absolut notwendig, um die den bevorstehenden Prozess nicht zu gefährden...

James Vanderbilts "Nürnberg" ist ein Film über einen historischen Prozess, den eigentlich niemand mehr erklären müsste. Die Nürnberger Prozesse gehören zu den wichtigsten juristischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Umso interessanter ist die Entscheidung des Regisseurs, nicht primär den Gerichtssaal ins Zentrum zu stellen, sondern die ungewöhnliche Beziehung zwischen dem amerikanischen Militärpsychiater Douglas Kelley und Hermann Göring. Das Ergebnis ist ein klassisch erzähltes Historien- und Psychodrama, das vor allem von seinem herausragenden Schauspielduell lebt – zugleich aber immer wieder an der Frage scheitert, wie man die Verbrechen des Nationalsozialismus filmisch darstellen kann, ohne aus dem Grauen ein konventionelles Unterhaltungsdrama zu machen. Die Ausgangslage basiert auf realen Ereignissen und dem Sachbuch "The Nazi And The Psychiatrist" von Jack El-Hai. Kelley hatte tatsächlich die Aufgabe, die inhaftierten NS-Funktionäre psychologisch zu untersuchen und ihre Prozessfähigkeit einzuschätzen. Besonders intensiv beschäftigte er sich mit Göring. Genau diese Gespräche bilden den erzählerischen Kern des Films.

Das ist zunächst ein kluger Ansatz. Anstatt die gewaltige historische Dimension des Prozesses in zweieinhalb Stunden möglichst vollständig nachzuerzählen, konzentriert sich Vanderbilt auf ein psychologisches Kammerspiel. Kelley möchte verstehen, was für ein Mensch Göring ist - und gerät dabei zunehmend in die Gefahr, selbst von seinem Untersuchungsobjekt fasziniert zu werden. Der Film stellt damit eine unangenehme Frage: Wie kann jemand gleichzeitig intelligent, kultiviert, humorvoll und charismatisch wirken und für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verantwortlich sein? Russell Crowe macht dabei aus Hermann Göring eine ausgesprochen eindrucksvolle Figur. Er spielt ihn nicht als größenwahnsinniges Monster, sondern als selbstbewussten, gewandten und manipulativen Machtmenschen. Gerade diese Normalität macht die Darstellung so unangenehm. Göring weiß, wie er Menschen für sich einnehmen kann, wann er charmant sein muss und wann er seine Autorität demonstrieren kann. In der deutschen Originalfassung des Films spricht Crowe teilweise sogar Deutsch. Und genau hier liegt gleichzeitig ein heikler Punkt. "Nürnberg" interessiert sich sehr stark für die Persönlichkeit Görings. Das ist psychologisch nachvollziehbar, birgt aber die Gefahr, dass die Täterfigur zu viel Aufmerksamkeit erhält. Der Film möchte zeigen, wie gefährlich Charisma und Manipulation sein können, doch gelegentlich scheint er selbst ein wenig von seinem außergewöhnlichen Hauptdarsteller und dessen Figur fasziniert zu sein. Rami Malek hat es dagegen schwerer. Als Douglas Kelley spielt er einen Mann, der unbedingt verstehen möchte, was in den Köpfen der Angeklagten vorgeht. Malek bringt die notwendige Intensität und intellektuelle Unruhe mit, wirkt neben Crowes dominanter Präsenz jedoch teilweise etwas blass. Das Psychoduell funktioniert trotzdem, gerade weil beide Figuren überzeugt sind, den jeweils anderen durchschauen zu können. Dabei ist Kelley als Figur mindestens ebenso interessant wie Göring. Denn der Film erzählt nicht nur von einem Psychiater, der einen Nazi untersucht, sondern auch von der gefährlichen Nähe zwischen Beobachter und Beobachtetem. Kelley möchte eine wissenschaftliche Distanz bewahren, entwickelt aber zunehmend eine persönliche Beziehung zu Göring. Seine Faszination ist nicht unbedingt Sympathie, sondern der Versuch, das scheinbar Unbegreifliche rational zu erklären. Genau daraus entwickelt Vanderbilt die psychologische Spannung.

Allerdings ist gerade diese Beziehung historisch nicht in jedem Detail so eindeutig belegt, wie der Film suggeriert. Die Vorlage selbst basiert teilweise auf Kelleys späteren Aufzeichnungen und El-Hais journalistischer Rekonstruktion. Historische Genauigkeit ist überhaupt ein schwieriges Thema bei "Nürnberg". Der Film orientiert sich grundsätzlich an den tatsächlichen Ereignissen und verwendet auch originales Archivmaterial. Gerade die Aufnahmen aus den Konzentrationslagern und die historischen Bilder aus dem Gerichtssaal besitzen eine enorme Wucht. Sie erinnern daran, dass hinter dem psychologischen Spiel zweier Männer reale Verbrechen stehen, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Diese Archivbilder gehören zu den stärksten Momenten des Films - aber auch zu den problematischsten. Denn wenn ein aufwendig inszenierter Spielfilm plötzlich auf authentische Bilder des Holocaust zurückgreift, verändert sich die Wahrnehmung des gesamten Films. Gleichzeitig sind diese Szenen notwendig. Sie verhindern zumindest teilweise, dass Görings Persönlichkeit zum alleinigen Mittelpunkt wird. Wenn seine höfliche, manchmal sogar charmante Art mit den Bildern der von ihm mitverantworteten Verbrechen konfrontiert wird, entsteht ein erschütternder Kontrast. Der Film macht damit deutlich, dass Monster nicht zwangsläufig wie Monster aussehen müssen. Genau dieser Gedanke ist eigentlich die interessanteste Aussage des Films. Die nationalsozialistischen Täter als übermenschlich böse Wesen darzustellen, kann beruhigend wirken: Wenn solche Menschen völlig anders als wir sind, besteht scheinbar keine Gefahr, dass vergleichbare Mechanismen in einer normalen Gesellschaft wieder entstehen. "Nürnberg" versucht dagegen zu zeigen, dass Verbrechen von Menschen begangen werden können, die intelligent, gebildet, höflich und gesellschaftlich integriert erscheinen. Und in diesem Punkt besitzt der Film durchaus Aktualität. Man bekommt als Zuschauer mehr als einmal das Gefühl, dass man hier keinen Stoff von vor fast 90 Jahren zu sehen bekommt, sondern ein Thema, dass in seiner Brisanz heute aktueller ist denn je. Die Verbindung zur Gegenwart, insbesondere zur politischen Manipulation, zum Narzissmus von Machtmenschen und zur Fähigkeit, radikale Positionen als vermeintlich legitime politische Entscheidungen zu verkaufen, ist unverkennbar. Die Parallele wird nicht immer subtil gezogen, ist aber grundsätzlich nachvollziehbar. 

Handwerklich ist "Nürnberg" ausgesprochen solide. Dariusz Wolskis Kameraarbeit verleiht dem Film einen klassischen, schweren Look, während die Ausstattung das zerstörte Nürnberg der Nachkriegszeit überzeugend rekonstruiert. Brian Tyler liefert eine dramatische Filmmusik, die die emotionale Bedeutung vieler Szenen zusätzlich unterstreicht. Mit knapp 149 Minuten ist der Film lang, aber nicht übermäßig ausufernd - wobei man sich durchaus wünschen könnte, dass ein Teil dieser Laufzeit stärker dem eigentlichen Prozess und weniger der Beziehung zwischen Kelley und Göring gewidmet worden wäre. Denn hier liegt die größte dramaturgische Schwäche: "Nürnberg" heißt zwar "Nürnberg", aber der eigentliche Nürnberger Prozess wird teilweise zur Kulisse für das Psychoduell zweier Männer. Robert H. Jackson, David Maxwell-Fyfe und die anderen historischen Figuren sind vorhanden, bleiben aber zwangsläufig stärker im Hintergrund. Michael Shannon gibt als Jackson eine markante Vorstellung, doch seine Figur bekommt nicht die Tiefe, die man angesichts ihrer historischen Bedeutung erwarten könnte. Das unterscheidet den Film auch deutlich von Stanley Kramers "Das Urteil von Nürnberg" aus dem Jahr 1961. Kramers Klassiker betrachtete die Prozesse stärker als gesellschaftliches und moralisches Problem und stellte Fragen nach Verantwortung, Mitläufertum und der Schuld eines ganzen Systems. Vanderbilt konzentriert sich dagegen auf das Individuum. Das macht "Nürnberg" intimer, aber auch enger. Ein weiterer sinnvoller Vergleich ist Jonathan Glazers "The Zone Of Interest". Glazer fand einen radikal anderen Zugang zum Holocaust: Er zeigte das Grauen weitgehend indirekt und machte gerade die Normalität des Lebens neben dem Konzentrationslager zum eigentlichen Schrecken. "Nürnberg" geht den entgegengesetzten Weg. Vanderbilt zeigt das Grauen direkt und verbindet es mit einem klassischen Gerichts- und Psychodrama. Das ist weniger formal radikal, aber unmittelbar zugänglich. Genau diese Zugänglichkeit ist Stärke und Schwäche zugleich. 

Auch die klare Gut-Böse-Struktur ist ambivalent. Das ist wichtig, denn Crowes Göring darf charismatisch sein. Der Film muss ihn sogar charismatisch zeigen, wenn seine Aussage funktionieren soll. Entscheidend ist, dass Charisma nicht mit moralischer Größe verwechselt wird. "Nürnberg" kommt diesem Ziel meistens nahe, auch wenn er gelegentlich zu sehr auf die Faszination seiner zentralen Figur setzt. Trotz dieser Einwände ist der Film bemerkenswert gut spielbar und spannend. Die Gespräche zwischen Kelley und Göring besitzen eine fast thrillerartige Qualität. Man wartet nicht darauf, dass jemand eine Waffe zieht, sondern darauf, wer im nächsten Gespräch die psychologische Oberhand gewinnt. Crowe und Malek verstehen es, diese Szenen mit kleinen Gesten, Blicken und Veränderungen im Tonfall aufzuladen. Und letztlich ist das der Grund, warum "Nürnberg" trotz seiner Schwächen funktioniert. Er ist kein endgültiger Film über die Nürnberger Prozesse und auch kein historisch umfassendes Panorama. Er ist ein Schauspielerfilm, ein Psychodrama und eine zugängliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie Täter funktionieren können. Als große historische Analyse bleibt er hinter seinen Möglichkeiten zurück. Als spannendes und darstellerisch starkes Kammerspiel überzeugt er dagegen über weite Strecken. Die psychologische Perspektive sorgt für Spannung und macht den Film auch für Zuschauer zugänglich, die mit den Details der Nürnberger Prozesse nicht vertraut sind. Die Verwendung von Archivmaterial verleiht einigen Passagen enorme Wucht.

Gleichzeitig bleibt die historische und moralische Auseinandersetzung hinter dem Anspruch des Themas zurück. Vanderbilt erzählt lieber ein packendes Psychoduell als eine umfassende Geschichte des Nürnberger Prozesses. Dadurch wirkt der Film manchmal zu glatt und zu konventionell – und läuft gelegentlich Gefahr, der Faszination Hermann Görings mehr Raum zu geben, als für die eigentliche Auseinandersetzung mit seinen Verbrechen gut ist. Gerade deshalb ist "Nürnberg" kein Meisterwerk wie "Das Urteil von Nürnberg" oder "The Zone Of Interest". Aber er ist ein ernstzunehmender, handwerklich hochwertiger und vor allem hervorragend gespielter Film, der eine unangenehme Frage stellt: Wie leicht kann man sich von einem intelligenten, charmanten und überzeugenden Menschen täuschen lassen - selbst wenn man weiß, welche Verbrechen er begangen hat?

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkBluestone Entertainment/Walden Media/Filmsquad/Mythology Entertainment/Titan Media

Dienstag, 18. August 2026

Ice Cream Man (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt36893729/
https://letterboxd.com/film/ice-cream-man-2026/

Ein idyllischer Sommer in der US-Kleinstadt Bayleen Bay nimmt eine unheilvolle Wendung, als ein geheimnisvoller Eisverkäufer (Ari Millen) seine Süßigkeiten an die Kinder verteilt. Was zunächst wie eine harmlose Geste wirkt, entwickelt sich schon bald zu einer tödlichen Bedrohung. Kurz nach dem Verzehr des Eises häufen sich verstörende Vorfälle, die den Alltag der Bewohner erschüttern und die friedliche Kleinstadt ins Chaos stürzen. Die Kinder, die von den Leckereien gegessen haben, verwandeln sich in mordlustige Bestien und greifen ihre Mitmenschen an. Mit jeder neuen Gewalttat wächst die Verzweiflung der Einwohner, während sich die Ereignisse immer weiter zuspitzen. Aus dem unbeschwerten Sommer wird ein Albtraum, der Bayleen Bay an den Rand des Zusammenbruchs bringt und die Bewohner mit einer kaum begreiflichen Gefahr konfrontiert.

Eli Roth hat mit "Ice Cream Man" einen Film gedreht, der eigentlich genau in seine Komfortzone passen müsste: ein idyllischer amerikanischer Vorort, ein mysteriöser Eisverkäufer, Kinder mit mörderischen Gelüsten und jede Menge Blut. Die Grundidee ist herrlich geschmacklos und klingt nach einem kleinen, dreckigen Mitternachtsfilm, der sich genüsslich über die Grenzen des guten Geschmacks hinwegsetzt. Und tatsächlich liefert Roth reichlich Splatter. Das Problem ist nur: Blut allein macht noch keinen guten Horrorfilm. Zunächst funktioniert der Film aber erstaunlich gut. Roth hat sichtbar Spaß daran, das idyllische amerikanische Vorstadtbild Stück für Stück zu zerlegen. Sonnige Straßen, fröhliche Kinder und der freundlich klingelnde Eiswagen stehen in einem bewusst grotesken Kontrast zu dem, was anschließend passiert. Gerade diese Verbindung von Unschuld und Gewalt besitzt einen gewissen schwarzen Humor. 

Die größte Stärke ist zweifellos der Gore. Roth lässt sich bei den blutigen Einfällen kaum bremsen. Aufgeschlitzte Körper, abgetrennte Gliedmaßen und allerlei groteske Todesarten gehören hier zum festen Programm. Dabei greift der Film erfreulicherweise häufig auf praktische Effekte zurück, was dem Splatter eine angenehm handgemachte Qualität verleiht. Für Freunde des härteren Horrorfilms gibt es deshalb einiges zu entdecken. Allerdings nutzt sich dieser Effekt schnell ab. Was beim ersten Mal noch schockiert oder zumindest zum Grinsen bringt, wirkt bei der nächsten Eskalation zunehmend mechanisch. Der erste Mord durch ein Kind besitzt noch einen gewissen Schockwert, doch danach wiederholt der Film im Grunde immer wieder denselben "Gag". Genau hier verliert "Ice Cream Man" seine Wirkung. Roth hat zahlreiche Ideen für blutige Effekte, aber deutlich weniger für eine Geschichte, die diese Effekte miteinander verbindet. Das zeigt sich besonders bei den Figuren. Die Kinder sind in erster Linie Bestandteile der makabren Versuchsanordnung, während die Erwachsenen häufig kaum mehr als Opfermaterial darstellen. Auch der titelgebende Eisverkäufer bleibt erstaunlich blass. Ari Millen spielt ihn mit einer unheimlich stoischen Präsenz, einem künstlichen Lächeln und fast völliger Sprachlosigkeit. Das ist visuell durchaus interessant, reicht aber nicht aus, um aus ihm eine wirklich ikonische Horrorfigur zu machen. 

Auch die satirische Ebene bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Roth deutet Themen wie Erziehung, Autorität, Kleinstadtidylle und den Konflikt zwischen Kindern und Erwachsenen an, arbeitet sie aber kaum aus. Dadurch wirkt die Gesellschaftskritik eher wie eine Beilage zum Splatter als wie ein wesentlicher Bestandteil des Films. Im Vergleich zu "Thanksgiving", der seine gesellschaftlichen Beobachtungen deutlich stärker in seine Genrehandlung integrierte, ist "Ice Cream Man" entsprechend ein wesentlich dünneres Werk. Die retrohafte Ästhetik funktioniert, und die sonnige Vorstadt bietet einen schönen Kontrast zum blutigen Geschehen. Einige Sequenzen sind durchaus kreativ inszeniert. Gleichzeitig fehlt es dem Film an wirklicher Spannung. Man wartet häufig weniger darauf, was passieren wird, als darauf, wie Roth den nächsten Erwachsenen möglichst spektakulär zerlegt. "Ice Cream Man" entscheidet sich ganz bewusst für die Splatter-Komödie. Das kann legitim sein - nur muss dann auch der Humor dauerhaft funktionieren. Und genau das gelingt nicht immer. Einige makabre Einfälle sind herrlich absurd, andere wirken schlicht wie eine Aneinanderreihung von Gore-Gags. Dadurch entsteht ein Film, der zwar selten langweilig aussieht, aber durchaus langweilig erzählt ist. Die nur rund 86 Minuten Laufzeit helfen dabei paradoxerweise kaum, denn bereits deutlich vor dem Ende hat man das Grundprinzip vollständig verstanden. 

Trotzdem wäre es unfair, "Ice Cream Man" komplett abzuschreiben. Roth besitzt weiterhin ein gutes Gespür für groteske Bilder und weiß, wie man ein eigentlich harmloses Alltagsobjekt in etwas Unheimliches verwandelt. Der Eiswagen, das Klingeln, die bunten Sorten und die fröhliche Vorstadtästhetik bilden eine reizvolle Grundlage. Für ein Publikum, das vor allem möglichst abseitigen Splatter sucht, dürfte der Film durchaus seinen Reiz haben. "Ice Cream Man" ist ein blutiger, geschmackloser und stellenweise durchaus amüsanter Eli-Roth-Film, dem leider die entscheidende Zutat fehlt: eine wirklich gute Geschichte. Die Prämisse ist stark, die Gore-Effekte sind teilweise herrlich grotesk und die retrohafte Vorstadtatmosphäre funktioniert. Doch die Figuren bleiben dünn, die Spannung verpufft schnell und die satirischen Ansätze werden kaum weiterverfolgt. Aus der hervorragenden Idee eines mörderischen Eisverkäufers hätte ein bissiger Horrorfilm werden können; letztlich bekommt man vor allem eine sehr lange Folge blutiger Gags.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkThe Horror Section/Media Capital Technologies/Head Gear Films/Mass Appeal/Metrol Technology/dentsu/Sixth Dimension

Montag, 17. August 2026

Worldbreaker (2025)

https://www.imdb.com/title/tt14264694/
https://letterboxd.com/film/worldbreaker/

Nachdem die Breakers aufgetaucht sind – Wesen, die ihre Opfer infizieren und verwandeln – bricht die bestehende Ordnung zusammen. Zunächst fallen die Männer, wodurch Frauen gezwungen sind, den bewaffneten Widerstand zu übernehmen. Willas (Billie Boullet) Mutter (Milla Jovovich) gehört zu den gefürchtetsten Kämpferinnen dieses Krieges, während ihr vom Erlebten gezeichneter Vater (Luke Evans) sich mit der Tochter auf eine abgelegene Insel zurückgezogen hat, um sie dort auf das Überleben vorzubereiten. Abgeschieden von der Außenwelt scheint ihr Alltag zunächst sicher, bis ein fremdes Mädchen an der Küste angespült wird. Aus dem Wunsch nach Nähe nimmt Willa sie heimlich bei sich auf. Als verborgene Wahrheiten ans Licht kommen, gerät der fragile Schutzraum in Gefahr.

Mit "Worldbreaker" versucht Regisseur Brad Anderson, aus einer klassischen Endzeitgeschichte über eine zerrüttete Welt, monströse Kreaturen und den Überlebenskampf einer Familie ein etwas persönlicheres Science-Fiction-Drama zu machen. Die Ausgangslage klingt durchaus reizvoll: Eine Katastrophe hat die Welt verändert, sogenannte „Breakers“ bedrohen die verbliebene Menschheit, und auf einer abgelegenen Insel bereitet ein vom Krieg gezeichneter Vater seine Tochter Willa auf das Überleben vor. Dazu kommen Milla Jovovich als kampferprobte Mutter und ein grundsätzlich interessantes Szenario, das irgendwo zwischen "Resident Evil" und klassischem Creature Feature angesiedelt ist. Leider bleibt von diesem Potenzial erstaunlich wenig übrig. Das größte Problem von "Worldbreaker" ist dabei nicht einmal sein vergleichsweise kleines Budget, sondern die Entscheidung, einen Großteil der Laufzeit nicht für das zu verwenden, was der Film seinem Publikum eigentlich verspricht. Wer aufgrund von Trailer und Prämisse einen temporeichen Endzeit-Actionfilm erwartet, muss sich zunächst auf eine lange Phase des Trainings und Zusammenlebens von Vater und Tochter einstellen. Luke Evans' Figur versucht, Willa auf die unausweichliche Konfrontation mit den Breakers vorzubereiten. Das besitzt durchaus einen nachvollziehbaren emotionalen Kern: Der Vater möchte seinem Kind die Fähigkeiten vermitteln, die es braucht, um in einer gefährlichen Welt selbstständig zu überleben. Genau diese Vater-Tochter-Beziehung gehört tatsächlich zu den interessanteren Bestandteilen des Films.

Billie Boullet ist entsprechend die große Entdeckung des Films. Als Willa vermittelt sie glaubwürdig den Übergang von einem behüteten Mädchen zu einer jungen Frau, die sich mit einer Welt auseinandersetzen muss, in der Sicherheit nur eine Illusion ist. Auch Luke Evans bringt genügend Präsenz mit, um den Vater als verletzlichen, aber entschlossenen Beschützer zu verkaufen. Ihre Chemie funktioniert besser, als das Drehbuch eigentlich verdient hätte. Milla Jovovich wiederum wird leider deutlich unter ihren Möglichkeiten eingesetzt. Wer nach ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit Action- und Science-Fiction-Stoffen eine zentrale Rolle erwartet, bekommt hier eher eine erweiterte Nebenfigur. Ihre Anwesenheit erinnert permanent daran, wie viel größer und spektakulärer dieser Film hätte werden können. Und damit sind wir beim eigentlichen Ärgernis: "Worldbreaker" besitzt eine Welt, die nach einem größeren Film verlangt. Die Geschichte der Breakers, der Zusammenbruch der Zivilisation, die offenbar veränderten gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die militärischen Auseinandersetzungen werden angerissen, aber kaum vertieft. Gerade das Worldbuilding hätte dabei eine große Chance geboten. Die Breakers sind als Bedrohung grundsätzlich interessant, weil sie nicht einfach nur als weitere Zombies oder Monster gedacht sind. Doch der Film erklärt seine Welt nicht überzeugend genug und nutzt seine Kreaturen vor allem als gelegentliche Bedrohung. Statt ihre Herkunft, ihre Fähigkeiten oder die Auswirkungen ihres Auftretens wirklich auszuloten, konzentriert sich das Drehbuch auf die kleine Familiengeschichte. 

Besonders enttäuschend ist deshalb die Action. Ein Film mit Milla Jovovich, Luke Evans und einer Armee monströser Kreaturen müsste eigentlich mit einigen spektakulären Setpieces aufwarten können. Stattdessen wird die Action weitgehend auf wenige Abschnitte konzentriert. Handwerklich ist das Ganze allerdings nicht völlig misslungen. Brad Anderson, der mit Filmen wie "The Machinist" und "Session 9" bewiesen hat, dass er Atmosphäre und psychologischen Druck erzeugen kann, findet auch hier gelegentlich eindrucksvolle Bilder. Die abgeschiedene Insel bietet eine natürliche Kulisse für die Geschichte, und die Kamera fängt die Landschaft mit einer gewissen Härte und Schönheit ein. Das Problem ist vielmehr, dass die Bilder kaum durch eine entsprechend interessante Dramaturgie unterstützt werden. Die Inszenierung sieht stellenweise besser aus, als sich der Film anfühlt. Auch thematisch wäre mehr möglich gewesen. "Worldbreaker" beschäftigt sich mit Elternschaft, Schutz, Selbstständigkeit und der Frage, wann Beschützen in Bevormundung umschlägt. Interessant ist außerdem die ungewöhnliche gesellschaftliche Ausgangslage: Die Katastrophe hat insbesondere Männer stark dezimiert, während Frauen zunehmend die militärische Verteidigung übernehmen. Damit eröffnet der Film eine Diskussion über traditionelle Geschlechterrollen und moderne Vorstellungen von Männlichkeit. 

Nur leider bleibt auch diese Ebene größtenteils unausgeschöpft. Der Film deutet interessante Fragen an, stellt sie aber selten wirklich zur Diskussion. Dadurch wirkt manches eher wie Hintergrundmaterial für ein größeres Franchise als wie Bestandteil eines in sich geschlossenen Films. Hinzu kommt ein erhebliches dramaturgisches Problem. Nach einer langen Phase des Trainings und des Worldbuildings kommt der Film schließlich an den Punkt, auf den er die ganze Zeit vorbereitet hat - und wickelt den großen Konflikt vergleichsweise hastig ab. Damit entsteht der paradoxe Eindruck, dass "Worldbreaker" gleichzeitig zu langsam und zu kurz erzählt ist. Die rund 95 Minuten werden nicht optimal genutzt: Für den eigentlichen Konflikt bleibt zu wenig Zeit, während die Vorbereitung unverhältnismäßig viel Raum einnimmt. Im Vergleich zu anderen Endzeitfilmen wird diese Schwäche besonders deutlich. 
Das macht die Bewertung letztlich schwierig, denn der Film ist nicht völlig ohne Qualitäten. Billie Boullet ist überzeugend, Luke Evans funktioniert als Vaterfigur, die Landschaftsaufnahmen besitzen Atmosphäre und Brad Anderson versucht immerhin, aus dem bekannten Endzeitmaterial etwas Persönliches zu machen. Doch für einen Film, der mit Endzeit, Monstern, Krieg und Milla Jovovich wirbt, ist das schlicht zu wenig. "Worldbreaker" ist kein Totalausfall, aber ein Film über Möglichkeiten, die er fast nie nutzt. Er wirkt weniger wie der Beginn einer faszinierenden neuen Science-Fiction-Welt als wie ein ausgedehnter Prolog, der irgendwann abrupt endet. Selbst die positiven Ansätze – insbesondere die Vater-Tochter-Beziehung - werden durch ein Drehbuch ausgebremst, das seine eigene Welt nicht mutig genug erkundet. Brad Anderson versucht, den üblichen Creature-Feature-Mechanismen eine emotionale Ebene entgegenzusetzen, doch dafür ist die Geschichte zu dünn und die Welt zu wenig ausgearbeitet. Was als Auftakt zu einem größeren Science-Fiction-Abenteuer durchaus funktionieren könnte, enttäuscht als eigenständiger Film.

3,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork23ten/Gramercy Park Media/Studio507/Amasia Entertainment/Peachtree Media Partners/Northern Ireland Screen/(Source Management + Production/Sugar Studios LA/Dark Castle Entertainment

Samstag, 15. August 2026

Gods And Generals (2003)

https://www.imdb.com/de/title/tt0279111/
https://letterboxd.com/film/gods-and-generals/

In den Anfangsmonaten des Jahres 1861, stehen die Vereinigten Staaten von Amerika kurz vor einem drohenden Bürgerkrieg, der das Land in Norden und Süden spalten wird. Der Norden kämpft dafür, dass die Sklavenpolitik endlich abgeschafft wird und die schwarze Bevölkerung in die Freiheit entlassen werden kann, der Süden sträubt sich allerdings mit aller Macht dagegen, ist ihr Wirtschaftssystem doch komplett auf Sklavenarbeit ausgerichtet. Der Bürgerkrieg bricht mit ungeahnter Heftigkeit aus und in dem Konflikt sind auch die Schicksale von drei patriotischen Männern verknüpft, dessen Leben der Bürgerkrieg für immer verändern wird. Joshua Chamberlain (Jeff Daniels), "Stonewall" Jackson (Stephen Lang) und Robert E. Lee (Robert Duvall) kämpfen an verschiedenen Fronten, für verschiedene Überzeugungen. In den Schlachten von Manassas, Fredericksburg und Chancellorsville offenbart der Krieg sein wahres Gesicht…

Mit "Gods And Generals" wollte Regisseur Ronald F. Maxwell an den Erfolg seines gefeierten Bürgerkriegsepos "Gettysburg" anknüpfen und gleichzeitig die Vorgeschichte erzählen. Das Ergebnis ist ein ambitionierter Historienfilm von monumentalem Ausmaß, der mit großer Detailverliebtheit und beeindruckender Ausstattung punktet, sich aber in seiner epischen Erzählweise und seiner fragwürdigen historischen Gewichtung immer wieder selbst im Weg steht. Handwerklich gibt es aber zunächst wenig zu beanstanden. Die Ausstattung, Uniformen und Schlachtfelder sind mit großer Sorgfalt rekonstruiert, und die Massenszenen mit Tausenden Statisten vermitteln eindrucksvoll die Dimensionen des Amerikanischen Bürgerkriegs. Auch die Besetzung kann sich sehen lassen: Stephen Lang verkörpert General "Stonewall" Jackson mit viel Überzeugung, Robert Duvall verleiht Robert E. Lee die gewohnte Würde und Jeff Daniels sorgt als Joshua Chamberlain für einige der stärksten Momente des Films. Gerade wenn man sich für Geschichte und Historie zumindest etwas interessiert und einen hohen Anspruch den Tag legt, ist die historische Authentizität schätzenswert.

Problematischer ist jedoch die Dramaturgie. Mit einer Laufzeit von fast vier Stunden entwickelt sich der Film nur schleppend und verliert sich häufig in ausgedehnten Dialogen, langen Monologen und militärstrategischen Erläuterungen. Die eigentlichen Schlachten sind zwar solide inszeniert, erreichen aber weder die emotionale Wucht noch die Intensität vergleichbarer Kriegsfilme wie "Gettysburg", "Glory" oder "Der Soldat James Ryan". Statt die Schrecken des Krieges eindringlich zu vermitteln, konzentriert sich der Film oftmals auf pathetische Reden und idealisierte Charakterzeichnungen. Diese Schwerfälligkeit sowie die fehlende emotionale Dynamik werfen den Zuschauer immer wieder aus dem Geschehen. Hinzu kommt ein Aspekt, der bis heute kontrovers diskutiert wird: der Umgang mit den historischen Hintergründen des Bürgerkriegs. "Gods And Generals" übernimmt die Perspektive der Konföderation teilweise unkritisch und behandelt zentrale Themen wie die Sklaverei oder die politischen Ursachen des Konflikts nur am Rande. Kurz: er zeichnet ein sehr einseitiges Bild des Konflikts und die daraus resultierende Diskussion überschattet bis heute viele seiner unbestreitbaren handwerklichen Qualitäten.

Dennoch besitzt der Film durchaus seine Momente. Einzelne Figuren erhalten glaubwürdige emotionale Szenen, die Kamera fängt die Landschaften eindrucksvoll ein, und Randy Edelmans orchestraler Soundtrack unterstreicht den epischen Anspruch wirkungsvoll. Gerade Zuschauer mit großem Interesse an Militärgeschichte werden hier vieles finden, was klassische Hollywood-Kriegsfilme oft auslassen. "Gods And Generals" ist letztlich ein aufwendig produziertes Historienepos mit hervorragender Ausstattung, starken Darstellern und großem Respekt für militärhistorische Details. Gleichzeitig verhindern die überlange Laufzeit, die statische Inszenierung und die kontroverse historische Perspektive, dass der Film die Klasse seines Vorgängers "Gettysburg" erreicht. Wer sich intensiv für den Amerikanischen Bürgerkrieg interessiert, wird einiges entdecken können - als allgemeines Kriegsdrama bleibt "Gods And Generals" jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkTurner Pictures/Antietam Filmworks/Esparza / Katz Productions/Neufeld/Rehme Productions/Mace Neufeld Productions

Donnerstag, 13. August 2026

Paranormal Activity: Next Of Kin - Paranormal Activity: Verwandschaftsverhältnisse (2021)

https://www.imdb.com/title/tt10515988/
https://letterboxd.com/film/paranormal-activity-next-of-kin/

Margot (Emily Bader) wurde in jungen Jahren zur Adoption freigegeben und hat ihre leibliche Mutter nie kennengelernt. Nun, wo sie erwachsen ist, macht sie sich auf die Suche nach ihrer Familie. Zusammen mit ihrem Freund, der das mögliche Aufeinandertreffen und den Weg dorthin filmen soll, begibt sie sich auf einen Roadtrip ins Ungewisse. Ihre Recherchen führen Margot zu einer amischen Glaubensgemeinschaft, wo sie zunächst mit offenen Armen empfangen wird. Was mit netten Gesten beginnt, entpuppt sich aber schon bald als wahrer Alptraum: Seltsame Vorkommnisse häufen sich, schreckliche Entdeckungen geben Rätsel auf und das Schweigen der Gemeinschaftsmitglieder lässt keinen Zweifel daran, dass hier dunkle Kräfte am Werk sind. Die Wahrheit über ihre biologische Mutter und der Grund für die Trennung von ihr ist ein blutgetränktes Kapitel in Margots Vita, das besser verborgen geblieben wäre.

Nach sieben Filmen schien die "Paranormal Activity"-Reihe erzählerisch weitgehend auserzählt. Mit "Paranormal Activity: Next Of Kin" wagte Paramount daher einen nahezu vollständigen Neustart. Statt die bekannte Geschichte um Katie, Kristi und den Dämon Toby fortzuführen, schlägt der achte Film einen völlig neuen Weg ein. Regisseur William Eubank und Drehbuchautor Christopher Landon verabschieden sich weitgehend von der bisherigen Mythologie und erzählen einen eigenständigen Found-Footage-Horrorfilm. Diese Entscheidung ist zweischneidig, denn einerseits fühlt sie sich oft wie ein solider Horrorfilm an - andererseits nur eben kaum wie ein "Paranormal Activity"-Film. Dabei ist sein neuer Ansatz stark. Statt erneut Überwachungskameras in einem Vorstadthaus zu platzieren, verlegt "Paranormal Activity: Next Of Kin" den Schauplatz in eine abgelegene, von der Außenwelt isolierte Gemeinde. Dadurch entsteht von Beginn an eine spürbare Unruhe. Die fremde Umgebung, die schweigsamen Dorfbewohner und die religiös geprägten Traditionen erzeugen eine Atmosphäre, die eher an Folk-Horror-Klassiker wie "The Wicker Man" oder moderne Vertreter wie "Midsommar" erinnert als an die bisherigen Filme der Reihe.

Auch William Eubank beweist erneut sein Gespür für stimmungsvolle Bilder. Obwohl der Film formal weiterhin als Found-Footage präsentiert wird, wirkt die Kameraarbeit deutlich hochwertiger und abwechslungsreicher als in vielen Vorgängern. Die weitläufigen Wälder, dunklen Scheunen und unterirdischen Tunnel schaffen eine beklemmende Kulisse, die hervorragend zur Geschichte passt. Besonders die zweite Filmhälfte steigert die Spannung kontinuierlich und liefert einige wirkungsvoll inszenierte Horrormomente. Positiv fällt außerdem auf, dass der Film deutlich mehr Wert auf eine zusammenhängende Handlung legt. Statt ausschließlich auf langsam zuschlagende Türen oder sich bewegende Gegenstände zu setzen, entwickelt sich hier ein echter Mystery-Plot mit Geheimnissen, Familiengeschichte und religiösem Fanatismus. Genau darin liegt allerdings auch das größte Problem des Films. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher stellt sich die Frage, warum dieser Film überhaupt den Titel "Paranormal Activity" trägt. Die bekannten Elemente der Reihe - der schleichende Aufbau, die allgegenwärtige Bedrohung im eigenen Zuhause und die Mythologie um Toby - spielen praktisch keine Rolle mehr. Stattdessen erinnert "Paranormal Activity: Next Of Kin" über weite Strecken an einen eigenständigen Okkult-Horrorfilm, dem erst spät das Franchise-Logo aufgesetzt wurde. Hinzu kommt, dass der Found-Footage-Ansatz nicht immer konsequent genutzt wird. Immer wieder wirkt die Kameraführung deutlich zu inszeniert, um noch glaubhaft als dokumentarisches Material durchzugehen. Dadurch verliert der Film einen Teil jener Authentizität, die gerade die ersten beiden Teile so wirkungsvoll machte.

Auch das Finale fällt etwas überladen aus. Nachdem der Film lange auf subtile Spannung setzt, schlägt der Schluss deutlich actionreichere und effektreichere Töne an. Zwar sorgt das für Tempo, gleichzeitig geht jedoch ein Teil der zuvor aufgebauten unheimlichen Atmosphäre verloren. Unterm Strich ist er als Neustart mutig und funktioniert für sich genommen überraschend gut. Gleichzeitig entfernt er sich so weit von den Wurzeln der Reihe, dass der Bezug zum "Paranormal Activity"-Universum oft nur noch auf dem Titelblatt existiert. Wer einen eigenständigen Folk- und Mystery-Horrorfilm sucht, wird solide unterhalten. Fans der ursprünglichen Reihe dürften dagegen viele der vertrauten Stärken vermissen.

2,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkRoom 101/Blumhouse Productions/Paramount Players/ARRI Media/Solana Films/Paramount Pictures