https://www.imdb.com/title/tt26750774/https://letterboxd.com/film/the-wailing-2024/Andrea (Ester Expósito) hat Angst. Sie wird im heutigen Madrid von einer unsichtbaren Bedrohung verfolgt, aber niemand, nicht einmal sie selbst, kann es mit bloßem Auge sehen. Vor zwanzig Jahren, zehntausend Kilometer entfernt, terrorisierte die gleiche Präsenz Marie (Mathilde Ollivier). Und auch Camila (Malena Villa) blieb nicht verschont. Sie war die einzige Person, die verstehen konnte, was mit ihr geschah, aber niemand glaubte ihr...
Drei Frauen, drei unterschiedliche Lebenssituationen und eine unheimliche Präsenz, die sich jeder Erklärung entzieht: Mit "The Wailing: Der Tod hat viele Gesichter" legt der spanische Regisseur Pedro Martín-Calero einen atmosphärischen Horrorthriller vor, der weniger auf platte Schockeffekte als auf psychologische Verunsicherung setzt. Die verschachtelte Erzählstruktur gehört zu den interessantesten Elementen des Films. Die drei Geschichten sind über Zeit und Raum hinweg miteinander verbunden, ohne dass sich ihre Zusammenhänge sofort erschließen. Martín-Calero baut daraus ein rätselhaftes Geflecht aus Angst, Gewalt und weiblicher Ohnmacht. Besonders gelungen ist, wie alltägliche Situationen allmählich ins Unheimliche kippen. Statt jede Bedrohung offen zu zeigen, arbeitet der Film mit Blicken, Spiegelungen, Überwachungsperspektiven und dem beklemmenden Gefühl, beobachtet zu werden. Die Kamera von Constanza Sandoval nutzt Räume und Bildkompositionen gezielt, um Unbehagen zu erzeugen. Das Ergebnis ist ein visuell präziser, kühl inszenierter Horrorfilm, der seine Wirkung häufig aus dem entwickelt, was außerhalb des Bildes lauert.
Auch die drei Hauptdarstellerinnen tragen wesentlich zur Atmosphäre bei. Ester Expósito vermittelt Andreas wachsende Verunsicherung überzeugend, während Mathilde Ollivier der Geschichte eine verletzliche, zugleich entschlossene Note verleiht. Besonders Malena Villa bleibt mit ihrer intensiven, eigenwilligen Darstellung im Gedächtnis. Die Frauen wirken nicht bloß wie austauschbare Opfer eines übernatürlichen Fluchs, sondern stehen für unterschiedliche Erfahrungen mit Bedrohung, Unglauben und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit. Damit verknüpft der Film seine Horrorgeschichte mit einem feministischen Unterton: Die Angst der Betroffenen wird nicht ernst genommen, während die eigentliche Gefahr lange unsichtbar bleibt. Technisch überzeugt "The Wailing" vor allem durch seine Bildgestaltung und den Ton. Die ruhige Kamera, die präzise Kadrierung und die oft beklemmende Stille sorgen für eine dichte Atmosphäre. Olivier Arsons Musik und das Sounddesign setzen gezielte Akzente, ohne jede Szene mit lauten Schreckmomenten zu überfrachten. Wenn der Film doch auf klassische Horror-Mittel zurückgreift, sind diese meist wirkungsvoll platziert. Allerdings verlangt die Inszenierung Geduld: Das langsame Erzähltempo und die bewusst zurückgehaltenen Informationen erzeugen zwar Spannung, lassen manche Passagen aber auch unnötig zäh erscheinen.
Das größte Problem liegt in der Auflösung. Je stärker sich die einzelnen Handlungsstränge annähern, desto deutlicher wird, dass der Film mehr Fragen aufwirft, als er überzeugend beantworten kann. Die übernatürliche Bedrohung bleibt reizvoll geheimnisvoll, doch die gesellschaftskritischen Ideen werden teilweise zu plakativ formuliert, während die eigentliche Mythologie vergleichsweise vage bleibt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die symbolische Ebene wichtiger genommen wird als eine dramaturgisch befriedigende Auflösung. Wer eindeutige Erklärungen erwartet, dürfte deshalb enttäuscht sein. Unterm Strich ist "The Wailing" ein stilistisch eigenständiger Horrorfilm, der mit starken Darstellerinnen, sorgfältiger Bildgestaltung und einer beklemmenden Atmosphäre punktet. Seine Verbindung aus übernatürlichem Schrecken und der Erfahrung weiblicher Bedrohung verleiht dem bekannten Genreansatz eine interessante Perspektive. Doch das langsame Tempo, die teilweise überdeutliche Symbolik und das nicht vollständig überzeugende Finale verhindern, dass aus der vielversprechenden Idee ein rundum stimmiges Ganzes wird. Ein intensiver, visuell eindrucksvoller Horrortrip, der lange nachwirkt - auch wenn nicht jede seiner Fragen zu einem überzeugenden Schluss führt.
6,5/10
Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Tandem Films/Setembro Cine/Caballo Films/Tarea Fina/Noodles Production/Instituto de la Cinematografía y de las Artes Audiovisuales/Ayuntamiento de Madrid/Amazon Studios/RTVE