Donnerstag, 23. April 2026

Rosebush Pruning (2026)

https://www.imdb.com/title/tt27844906/

Auf ihrem spanischen Landsitz genießen die aus den USA stammenden Geschwister Jack (Jamie Bell), Ed (Callum Turner), Anna (Riley Keough) und Robert (Lukas Gage) zwanglosen Luxus. Sie pflegen ihren blinden Vater (Tracy Letts) in abgeschiedener Isolation, geprägt von Langeweile, exzessiver Mode und inzestuösen Spannungen, nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter. Als Jack mit seiner Freundin Martha (Elle Fanning), einer Musikstudentin, zusammenziehen will, verfliegt die Harmonie, und die unschönen Abgründe der Familiengeschichte tun sich auf. Als Ed beginnt, die unklaren Todesumständen (möglicherweise von Wölfen zerfetzt) der Mutter (Pamela Anderson) zu untersuchen, beginnt das toxische Gefüge zu bröckeln. Robert, der an Epilepsie leidet, hegt mörderische Pläne gegen die Familie, während subtile Machtkämpfe, Blutfetische sowie groteske Szenen wie Zahnputz-Rituale die patriarchalen Abgründe enthüllen... 

Das Quasi-Remake von Marco Bellocchios "Mit der Faust in der Tasche" aus dem Jahr 1965 mit dem Titel "Rosebush Pruning" (wörtliche Übersetzung: "Beschneiden von Rosensträuchern") ist eine sonnendurchflutete, perverse Familien-Satire, die von Beginn an wie eine europäische "Saltburn"-Variante wirkt: ein Ensemble reicher, verwöhnter Geschwister in einer luxuriösen spanischen Villa, deren dysfunktionale Dynamik in Mord und Wahnsinn kippt - geschrieben von Efthimis Filippou und inszeniert von Karim Aïnouz mit einem Mix aus schwarzem Humor, Absurdität und beißender Gesellschaftskritik. Das Ensemble glänzt dabei durch Nuancen in der Absurdität: Jamie Bell als vernünftiger, aber gefangener Jack, Callum Turner als neidisch-nachdenklicher Edward, Riley Keough als magnetisch-manipulative Anna und Lukas Gage als nervöser Robert - alle verkörpern die entzückend-schreckliche Dysfunktionalität in einer Familie, die Reichtum nutzt, um sich selbst zu zerstören. Elle Fanning als Außenseiterin Martha destabilisiert diese Familie brillant, Tracy Letts als Patriarch sorgt für absurd-autoritäre Momente, und Pamela Andersons Rolle als Mutter fügt perverse Poesie hinzu. Filippous Skript macht die Familie weniger zu Monstern als zu überzeichneten Kapitalisten, deren (etwas klischeehafte) Neurosen gleichzeitig Vanity-Projekte und Rivalitäten gebären. 

Regisseur Karim Aïnouz zeigt einen sonnendurchfluteten Film ohne zu viel Fett: Die Villa als Gefängnis, Kameraarbeit, die Intimität und Bedrohung mischt, und ein Tempo, das von komischen Vignetten zu blutigem Crescendo eskaliert. Es pendelt recht gekonnt zwischen Unbehagen (inklusive inzestuöser Andeutungen) und Heiterkeit, gleichermaßen amüsant und schweißtreibend mit einem visuell atemberaubenden Design und einem Soundtrack, der die Absurdität unterstreicht. Die Logik löst sich im Finale auf, die soziale Satire (patriarchale Macht, Kapitalismus) wirkt teilwiese etwas dünn unter dem ganze Spektakel. Mit recht absurder Kritik an patriarchalischer Macht und unterdrückende Familiendynamiken zielt der Film auf Erbschaft als Fluch, toxische Loyalität und die Grausamkeit der mit Reichtum einhergeht - vergleichbar mit "Saltburn", aber mit mehr Gewalt und weniger Substanz. Er zeigt starke Performances und ist von vorn bis hinten durchweg unterhaltsam, zeigt aber Schwächen in der Tiefe der Charaktere und der Kritik und übertreibt an mancher Stelle maßlos. "Rosebush Pruning" ist ein provokanter Film, der seine toxische Familie genüsslich zerlegt, aber im Chaos der Pointe verliert. Der Titel-Spruch von Ed ("People are roses. Families are rosebushes. Rosebushes need pruning.") fasst es eigentlich wunderbar zusammen: Das "Stutzen" geht als Metapher für toxische Loyalität perfekt durch. 

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkThe Match Factory/Kavac Film/The Apartment Pictures/Sur-Film Production/CryBaby Films/MUBI/Gold Rush Pictures

Obsession - Obsession: Du sollst mich lieben (2025)

https://www.imdb.com/title/tt37287335/

Die verzweifelte Sehnsucht eines jungen Mannes nach seiner langjährigen platonischen Liebe setzt einen unheilvollen Zauber frei. Als ein hoffnungsloser Romantiker zerbricht er den mysteriösen "One Wish Willow", um das Herz seiner Angebeteten zu gewinnen - und bekommt scheinbar genau das, was er sich gewünscht hat. Doch der erfüllte Wunsch hat eine düstere Kehrseite. Nikki (Inde Navarrette) entwickelt eine immer stärkere, unkontrollierbare Fixierung, bis sie schließlich zu Bear (Michael Johnston) Schatten wird. Was zunächst wie eine harmlose Fantasie erscheint, verwandelt sich in einen verstörenden Albtraum, in dem sie ihre eigene Identität zu verlieren droht und deutlich wird, dass manche Wünsche einen hohen, unheilvollen Preis fordern.

"Obsession" nimmt eine im Grunde uralte, fast albern simple Horroridee - "Sei vorsichtig, was du dir wünschst" - und schraubt sie so präzise und bösartig hoch, dass daraus einer der einprägsamsten Genrefilme seines Jahrgangs wird. Der Film ist gleichermaßen schwarze Liebeskomödie, Beziehungshölle und übernatürliches Märchen über toxische Sehnsucht - mit einer Klarheit inszeniert, die an die besten "Affenpfoten"-Varianten erinnert, nur eben mit Popkultur-Biss und sehr viel Blut. Regisseur Curry Barker, der bereits mit seinem YouTube-Video, einem Horror-Thriller im Found-Footage-Stil, "Milk & Serial" auf sich aufmerksam machte, balanciert diesen Stoff auf einer schmalen Linie: Ähnlich wie bei den Philippou-Brüdern kippt die Stimmung in Sekundenbruchteilen von süß zu unheimlich, vom peinlich-komischem Date-Moment zu echter Bedrohung. Der Film schafft es, dass man herzhaft lachen muss, nur um dieses Lachen in ein Gefühl der Schuld abzuleiten, weil man gelacht hat - ein Effekt, der den emotionalen Kern der Geschichte ansprechend schärft. 

Im Mittelpunkt stehen Michael Johnston als Bear und Inde Navarrette als Nikki, ohne deren hervorragenden Performances der Film kaum funktionieren würde. Johnston spielt Bear als klassischen hoffnungslosen und schüchternen Romantiker, der in einer langen Tradition männlicher Filmfiguren steht, deren romantische Gesten bei genauerem Hinsehen eher einseitige Fixierungen sind. "Obsession" geht aber noch einen Schritt weiter und demontiert diese Klischeefigur, ohne Bear zur Karikatur zu machen. Navarrette dagegen liefert eine jener denkwürdigen Auftritte, die in Genrekreisen vermutlich schnell zum Gesprächsthema werden: Ihre Nikki wechselt von warmherzig und verletzlich zu grenzüberschreitend und bedrohlich - und bleibt doch immer nachvollziehbar als verzerrtes Spiegelbild jener perfekten Freundin, die romantische Komödien jahrzehntelang idealisiert haben. Die Beziehung der beiden ist das eigentliche Monster des Films: Barker nutzt die übernatürliche Prämisse, um Fragen nach Besitzdenken und Grenzen zu stellen, und vor allem wie viel Schmerz man in einer Beziehung aushält, weil man sich diese doch so sehr herbeisehnte. Nebenfiguren - Freunde, Kolleginnen - liefern Reibung und gelegentliche Erleichterung, bleiben aber bewusst im Schatten dieses toxischen Duos.

Formell überzeugt "Obsession" durch Klarheit: Es ist kein stilistisch überladenes Kunsthorror-Projekt, sondern ein bewusst zugänglicher, straff montierter Genrefilm mit klaren Bildern und sauber gebauten Setpieces. Die Wunschmechanik des "One Wish Willow" wird nie in endlosen Expositionsblöcken erklärt; stattdessen entfalten sich die Regeln organisch durch das, was Bear und Nikki erleben - ein Ansatz, der eine angenehme Spannung erzeugt. Die Gewalt ist hart, aber selten selbstzweckhaft: Sie markiert Eskalationspunkte in der Beziehung, Momente, in denen aus emotionaler Grenzüberschreitung physische Gefahr wird. Der Humor entsteht aus der Situation - im Grunde eine perfekt ausbalancierte Mischung aus Humor, Terror und psychologischem Horror, der dafür sorgt, dass der Film nie in nur ein Territorium abrutscht. "Obsession" ist ein Kommentar auf romantische Narrative, in denen Stalking, Dauerpräsenz und "Du gehörst zu mir" noch als Beweis großer Liebe verkauft wurden - vor allem in US-Komödien der 1980er und 1990er. Der Film dreht diese Phantasie um: Was, wenn das Objekt der Begierde tatsächlich all-in geht, jede Grenze überschreitet, nie weggeht - und das nicht als Phantasie, sondern als klaustrophobischer Albtraum?

"Obsession" ist dadurch herrlich beängstigend und zugleich erstaunlich unterhaltsam - ähnlich wie "Bring Her Back" - nur auf anderer Ebene. Er ist einer jener Genrefilme, der nicht deshalb bemerkenswert ist, weil er das Rad neu erfindet, sondern weil er ein altes Rad so sauber, so bewusst und so charaktergetrieben dreht - und dabei so ganz nebenbei einen der besten Schockmomente des Jahres liefert. Ein cleverer, bitterkomischer Beziehungshorror, der zeigt, dass das Schlimmste, was einem passieren kann, manchmal ist, seinen Wunsch exakt erfüllt zu bekommen.

9/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Universal Pictures/Blumhouse/Under The Shell/Capstone Pictures/Tea Shop Productions

Dienstag, 21. April 2026

Milk & Serial (2024)

https://www.imdb.com/de/title/tt22075376/

Zwei Freunde, Milk und Seven, betreiben als Internetduo einen Prank-Kanal, und was anfangs wie ein weiterer überdrehter Streich wirkt, kippt nach und nach in eine Geschichte über Schuld, Kontrollverlust und die grotesken Folgen von Unterhaltung als Lebensform.

"Milk & Serial" ist ein erstaunlich effizient gebauter Found-Footage-Horrorfilm, der mit einer scheinbar harmlosen Prämisse beginnt und sich dann Schritt für Schritt in etwas weitaus Dunkleres verwandelt. Curry Barker, der den Film geschrieben, inszeniert und die Hauptrolle des Milk spielt, versteht sehr genau, wie man aus kleinem Budget und vertrauter Chemie Spannung gewinnt. Der Film wurde mit gerade einmal rund 800 Dollar realisiert und dennoch so angelegt, dass seine Form nie billig wirkt, sondern bewusst roh, direkt und scheinbar improvisiert bleibt. Gerade diese Nähe zum Amateurhaften ist kein Mangel, sondern Teil der Wirkung: Die Bilder wirken so, als hätte man wirklich den Absturz eines Online-Exzesses vor sich, nicht eine glatt polierte Genreübung. Die Stärke des Films liegt in seiner Dynamik zwischen Barker und Cooper Tomlinson, die als Milk und Seven eine glaubwürdige, eingespielte Freundschaft verkörpern. Diese Vertrautheit macht den späteren Umschlag umso unangenehmer, weil der Film nicht nur einen Horrorfall erzählt, sondern den Zerfall einer Beziehung beobachtet, die auf Wettbewerb, Spott und gegenseitiger Inszenierung beruht. Wenn die Lage eskaliert und eine außenstehende Figur das Geschehen in eine noch beunruhigendere Richtung drängt, wird aus dem Prank-Format ein moralisches Schlamassel, in dem sich niemand mehr ganz unschuldig fühlen kann. 

Was "Milk & Serial" außerdem bemerkenswert macht, ist seine Bereitschaft, das Publikum in eine unangenehme Mitwisserschaft zu verwickeln. Der Film zwingt einen dazu, den Blickwinkel jener Leute einzunehmen, die eigentlich nur Inhalte produzieren wollen, und genau dadurch wirkt er wie ein Kommentar auf eine Kultur, in der Aufmerksamkeit oft wichtiger geworden ist als Urteilskraft. Aus einem Spiel mit Kameras, Lügen und Reaktionen entsteht so ein Film, der nicht nur Horror erzeugt, sondern auch die Logik des Spektakels selbst angreift. Formal bleibt das Ganze kompakt und auf das Nötigste konzentriert. Mit einer Laufzeit von etwas über einer Stunde hat der Film weder Zeit noch Interesse, sich in Nebenstränge zu verlieren; er setzt auf unmittelbare Eskalation, auf Wendungen, auf die allmähliche Verdunkelung eines zunächst vertrauten Szenarios. Dass das funktioniert, liegt an Barkers Gespür für Rhythmus und an der Fähigkeit des Films, mit sehr wenigen Mitteln ständig das Gefühl zu erzeugen, dass etwas nicht stimmt. 

Am Ende ist "Milk & Serial" weniger ein bloßer Überraschungserfolg als ein Beweis dafür, wie viel man aus einer guten Idee, echter Vertrautheit vor der Kamera und einer klaren Vorstellung von Unbehagen herausholen kann. Der Film ist nicht nur ein cleverer Horror über einen missglückten Streich, sondern auch eine düstere Studie darüber, was Menschen einander antun, wenn sie ihr Leben in Content verwandeln. Und gerade weil Barker das alles mit so wenig Geld, aber so viel Instinkt umsetzt, bleibt "Milk & Serial" länger hängen, als es seine Länge vermuten lässt.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeThat's A Bad Idea
Poster/Artwork: That's A Bad Idea

Warnings (Short) (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt29432668/

"Warnings" von Curry Barker ist ein Kurzfilm, der aus einer alltäglichen Kleinigkeit einen immer unheimlicheren Albtraum formt. Sean, gespielt von Curry Barker selbst, findet einen mysteriösen Zettel an seinem Auto und beginnt sich zu fragen, woher er stammt und warum um ihn herum plötzlich seltsame Dinge geschehen. Aus dieser simplen Ausgangslage entwickelt der Film in rund 20 Minuten eine stetig wachsende Bedrohung, die weniger auf große Erklärungen als auf Unruhe, Misstrauen und das langsame Nachgeben der Wirklichkeit setzt. Barkers Stärke liegt darin, dass er die Angst nicht sofort sichtbar macht, sondern sie zunächst im Verhalten seines Protagonisten verankert. Sean reagiert erst mit Skepsis, dann mit Besorgnis und schließlich mit echter Panik, und genau dieser Übergang gibt dem Kurzfilm seine Dynamik. Der (oder die) Zettel ist dabei nicht nur ein rätselhaftes Objekt, sondern ein Auslöser, der die Ordnung des Alltags zerstört und den Film in eine Reihe immer beunruhigenderer Situationen treibt.

Der Kurzfilm arbeitet mit einer Atmosphäre, die auf kleine Verschiebungen und auf das Gefühl setzt, dass jede neue Nachricht das vorherige Sicherheitsgefühl weiter untergräbt. Das macht "Warnings" zu einem Stück Horror, das nicht durch seine Prämisse allein wirkt, sondern durch die Art, wie es Unsicherheit Schritt für Schritt verdichtet. Gerade weil der Film so konzentriert erzählt ist, bleibt er auf Spannung statt auf Erklärung angewiesen, und das passt gut zu seiner Form und vor allem: es funktioniert. Es ist genau jene Art von Kurzfilm, der mit wenigen Mitteln eine starke Wirkung erzielt. Gleichzeitig formuliert der Film nicht alles vollständig aus, sondern lässt manches bewusst offen, sodass sich das Bedrohliche aus Andeutung und Lücke speist. Das ist kein Mangel, sondern Teil seiner Wirkung: "Warnings" will nicht alles erklären, sondern das Gefühl vermitteln, dass man manchmal einer (seltsamen) Nachricht begegnet, die man vielleicht lieber ernst genommen hätte.

7,5/10

Quellen:
InhaltsangabeThat's A Bad Idea
Poster/Artwork: That's A Bad Idea

The Chair (Short) (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt15408560/

Curry Barkers "The Chair" ist ein Kurzfilm, der aus einem alltäglichen Fund eine kleine, langsam wachsende Krise des Geistes macht. Reese, gespielt von Anthony Pavone, bringt einen antiken Stuhl nach Hause, den er am Straßenrand gefunden hat, und mit diesem scheinbar harmlosen Gegenstand beginnen sich Wahrnehmung, Beziehung und Wirklichkeit allmählich gegeneinander zu verschieben. Der Film macht daraus keinen einfachen Spuk, sondern ein psychologisches Rätsel: Ist der Stuhl verflucht, oder löst er nur etwas in Reese selbst aus, das schon vorher da war? Die Stärke des Kurzfilms liegt in seiner Geduld. Statt sofort auf Schocks zu setzen, lässt Barker die Irritationen wachsen, bis selbst die vertrautesten häuslichen Räume unsicher werden. Julie, Reeses Freundin, gespielt von Haley Schwartz, wird dabei zu einer wichtigen Gegenstimme, weil sie den Stuhl von Anfang an als Störung empfindet und damit den Konflikt zwischen Rationalität und Verdrängung offenlegt. Auch Old Man Franklin, verkörpert von Jonnathon Cripple, trägt zur unheimlichen Atmosphäre bei, indem er wie eine ungebetene Erinnerung am Rand der Geschichte steht. Was "The Chair" besonders macht, ist seine Mehrdeutigkeit. Einerseits könnte man den Film als Allegorie auf Angst vor Alter, Gedächtnisverlust deuten, andererseits als den Zerfall von Identität, und gerade diese Offenheit verleiht ihm Gewicht. Der Stuhl ist dann nicht bloß ein Spukobjekt, sondern ein Auslöser für das, was ohnehin in Reese arbeitet: Unsicherheit, Kontrollverlust und die Furcht, den Halt an der eigenen Wirklichkeit zu verlieren. Formal bleibt der Film knapp und konzentriert, was seiner Wirkung sehr zugutekommt. Mit einer Laufzeit von rund 20 Minuten hat er keine Zeit für Umwege und nutzt jede Szene, um Spannung aufzubauen oder eine neue Verschiebung einzuführen. Das macht ihn zu einem dieser Kurzfilme, die nicht wie verkleinerte Spielfilme wirken, sondern wie eigenständige, präzise gesetzte Albträume. Zudem ist er angenehm intensiv und unvorhersehbar, verlässt sich aber nicht nur auf sein Gruselmoment-Potenzial. Genau darin liegt seine Qualität: "The Chair" ist nicht nur eine Geschichte über einen unheimlichen Gegenstand, sondern über die Fragilität der Wahrnehmung und die Angst, dass etwas Gewöhnliches plötzlich das eigene Leben aus den Angeln heben kann.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeThat's A Bad Idea
Poster/Artwork: That's A Bad Idea

Enigma (Short) (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt28235102/

"Enigma" von Curry Barker ist ein Kurzfilm über das Ende der Welt, der seine Düsternis nicht in Bildern des Untergangs, sondern in der Frage verortet, wie ein junger Mann seine letzten Tage auf Erden verbringen soll. Im Zentrum steht Adam, gespielt von Cooper Tomlinson, der allein in seiner Wohnung sitzt, während die Welt um ihn herum offenbar bereits am Zerbrechen ist, und der mit Anrufen, Begegnungen und Erinnerungen ringt, die mehr über sein Leben verraten als über die Apokalypse selbst. Der Film ist dabei weniger ein traditioneller Thriller als ein stilles, melancholisches Gedankenstück über Reue, Selbstsucht und die seltsame Routine des Alltags, die selbst im Angesicht des Weltendes weiterbesteht. Es geht um einen Mann, der zwischen Vergangenheit und Zukunft gefangen ist, während Begegnungen mit seiner Mutter, einer Verkäuferin, einem Pizzaboten und weiteren Figuren kleine moralische und emotionale Verschiebungen auslösen. Gerade diese alltäglichen Kontakte geben dem Kurzfilm seine Form: Das Katastrophenszenario dient nicht als Spektakel, sondern als Druckkammer, in der sich Adams innere Leere und seine verpassten Möglichkeiten umso schärfer abzeichnen. Die Besetzung ist limitiert, was dem Film hilft, seine konzentrierte, beinahe kammerartige Stimmung zu halten. Barker arbeitet hier mit wenigen Figuren, aber mit einem klaren Interesse daran, wie Menschen in Extremsituationen nicht automatisch heroisch werden, sondern oft nur deutlicher zeigen, wer sie schon vorher waren. "Enigma" ist ein Endzeitfilm ohne Dauerlärm, ein Drama mit leisen, manchmal ironischen Beobachtungen und einem Schwerpunkt auf innerer Bewegung statt äußerer Zerstörung. Die kurze Laufzeit von 20 Minuten zwingt den Film zu Präzision, und gerade daraus zieht er seine Wirkung; die Welt mag untergehen, doch der eigentliche Konflikt liegt darin, ob ein Mensch am Ende seines Lebens noch etwas erkennt, das ihn verändern kann. In dieser Hinsicht ist "Enigma" weniger eine Frage ohne Antwort als ein kurzer, bitterer Blick auf die Möglichkeit, dass selbst am Rand des Untergangs noch Hoffnung, Scham und ein Rest von Lebenswille miteinander ringen. 

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeThat's A Bad Idea
Poster/Artwork: That's A Bad Idea

Heavy Eyes (Short) (2022)

https://www.imdb.com/de/title/tt22803232/

Curry Barkers Kurzfilm "Heavy Eyes" ist ein nur wenige Minuten langer Horror-Kurzfilm, der seine Wirkung aus einer denkbar einfachen Ausgangslage zieht: Seth ist allein zu Hause, während seine Mutter im Krankenhaus Spätschicht hat, und hört im Haus Geräusche, die ihm immer weniger harmlos erscheinen. Genau diese Reduktion macht den Film spannend, denn Barker braucht keine komplizierte Mythologie, um Unruhe zu erzeugen; ihm genügt die alltägliche Angst eines Kindes, das plötzlich merkt, dass die vertraute Wohnung nachts kein sicherer Ort mehr ist. Der Kurzfilm arbeitet mit einem sehr kompakten Spannungsbogen. Zunächst baut er auf Unsicherheit und akustische Reize, dann verschiebt er die Situation in eine deutlich unheimlichere Richtung, bevor er den Zuschauer mit mehreren überraschenden Wendungen konfrontiert. Gerade dieses Spiel mit falschen Gewissheiten gehört zu seinem Reiz: Was wie ein einfacher Heimschreck beginnt, entwickelt sich zu einem psychologischeren Horror, der weniger auf Effekte als auf Wahrnehmungsstörungen und Verunsicherung setzt. Curry Barker führt den Film nicht nur als Regisseur und Autor, sondern spielt auch selbst die zentrale Rolle des Seth. Dadurch bekommt der Kurzfilm eine unmittelbare, beinahe handgemachte Intimität, die gut zu seiner minimalistischen Form passt. Der Film wirkt direkt, knapp und konzentriert, ohne sich mit unnötigen Nebenfiguren oder Ausflüchten aufzuhalten. 

Was "Heavy Eyes" besonders macht, ist seine Fähigkeit, mit sehr wenig Laufzeit ein Gefühl von wachsender Bedrohung zu erzeugen. Der Film lebt nicht davon, große Erklärungen zu geben, sondern davon, dass er sich immer wieder auf die Perspektive eines verunsicherten Kindes zurückzieht. Gerade darin liegt seine Stärke: Die Angst ist hier nicht abstrakt, sondern sitzt im Raum, im Geräusch, im Blick in den Flur, im Zweifel daran, ob die Mutter wirklich die Mutter ist. Er will kein großes Regelwerk aufstellen und keine große Mythologie eröffnen; er will in wenigen Minuten eine vertraute Situation kippen lassen. Und genau das gelingt ihm: "Heavy Eyes" ist ein kurzer, sauber verdichteter Horrorfilm über das Unheimliche im Eigenen, über kindliche Angst und über den Moment, in dem ein normales Zuhause plötzlich fremd wirkt. 

7/10

Quellen:
InhaltsangabeThat's A Bad Idea
Poster/Artwork: That's A Bad Idea