Samstag, 11. April 2026

Thrash (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt32362890/

Viele Bewohner einer australischen Küstenstadt glauben, es werde mal wieder übertrieben, als sie im Radio hören, dass sich über dem Meer ein Hurrikan der Stufe 5 zusammenbraut. Der Marinewissenschaftler Dale Edwards (Djimon Hounsou) nimmt die Sache ernster und warnt seine Nichte Dakota (Whitney Peak) vor dem drohenden Jahrhundertsturm. Doch die misstraut ihm und auch die meisten anderen Menschen bereiten sich nicht wirklich auf einen Ernstfall vor. Ein tödlicher Fehler, denn die Wassermassen, die sie schließlich erreichen, sind nicht nur für sich genommen eine lebensbedrohliche Gefahr – sie spülen auch noch hungrige Haie in die überfluteten Straßen, die sich auf alles stürzen, was ihnen in ihrem unerwarteten neuen Jagdrevier vor die messerscharfen Zähne kommt. Werden auch die in ihrem Auto eingeklemmte hochschwangere Lisa (Phoebe Dynevor) und die drei zu Hause auf Hilfe hoffenden Olsen-Geschwister Dee, Ron und Will (Alyla Browne, Stacy Clausen, Dante Ubaldi) zu Opfern der Raubfische?

Tommy Wirkolas "Thrash" ist ein Film, der mit der Wucht eines Sturmhochs ansetzt und dabei doch nie ganz entscheidet, ob er Katastrophenfilm, Hai-Horror oder ironische B-Movie-Parodie sein will. Die Ausgangslage ist simpel und effektiv: Ein Kategorie‑5‑Hurrikan verwüstet eine Küstenstadt, die Flut setzt alles unter Wasser, und in diesem Chaos treiben plötzlich hungrige Haie durch Straßen, Häuser und das, was von der Zivilisation noch übrig ist. Wirkola, der den Film auch geschrieben hat, besetzt die Geschichte mit Phoebe Dynevor, Whitney Peak und Djimon Hounsou und verlegt die Bedrohung in eine begrenzte, fast klaustrophobische Überlebenssituation. Der interessanteste Aspekt von "Thrash" ist nicht sein Plot, sondern die Art, wie er seine Figuren gegeneinander ausspielt. Dazu sind da die vertrauten Zutaten des Katastrophenkinos, das ökologische Unwetter, die Haibedrohung, die engen Innenräume, die improvisierte Flucht; dazu kommt eine leicht schalkhafte, teils schwarze Komik, die den Film immer wieder in Richtung B-Movie schiebt. Das kann reizvoll sein, doch es erzeugt auch Reibung: Nicht jede Idee trägt, und nicht jeder tonale Sprung fühlt sich verdient an.

Wirkola ist, wie man weiß, kein Regisseur der großen psychologischen Feinzeichnung, sondern einer des kinetischen Überdrucks. In "Thrash" nutzt er diesen Instinkt zunächst gut: Die filmische Energie kommt aus Bewegung, aus dem Zusammenstoß von Wasser, Wind, Trümmern und Raubtieren, und aus dem Einfall, vertraute Orte in provisorische Überlebensmaschinen zu verwandeln. Gerade die Soundebene rockt: das Splittern der Zähne, das Prasseln des Regens, das Schlagen des Wassers gegen Wände und Fenster. Solche Momente geben dem Film eine unmittelbare Körperlichkeit, die stärker wirkt als seine allzu bekannten dramaturgischen Muster. Doch wo der Film im unmittelbaren Schrecken punktet, bleibt er in der Figurenzeichnung oft erstaunlich dünn. Die Charaktere wirken häufig eher wie Funktionen des Genres als wie Menschen mit einer Geschichte, die über das Überleben hinausreicht. Das ist im B‑Movie nicht automatisch ein Makel, solange die Selbstironie, die Fantasie und die Schärfe stimmen; genau daran scheiden sich hier aber die Geister. Denn "Thrash" will zwar Spaß machen, doch er schwankt zu sehr zwischen ernsthaftem Alarm und augenzwinkerndem Schlock, ohne einen echten Ton zu finden.

Besonders auffällig ist, wie sehr der Film auf kurze Laufzeit und schnelle Eskalation setzt. Das macht ihn zügig und leicht konsumierbar, aber auch gelegentlich hastig; man spürt die Absicht, sofort zum nächsten Schock, zum nächsten Einfall, zum nächsten Angriff zu kommen. Dadurch bleibt wenig Raum für die Art von Spannungsaufbau, der aus einer gefährlichen Lage mehr macht als bloße Reizfolge. Der Film arbeitet mit der Erwartung, dass das Publikum schon weiß, was ein Hai-Hurrikan-Film leisten soll, und verlässt sich darauf, dass die Grundidee allein genug sei. Gerade im Vergleich zu besseren Genrevertretern zeigt sich die Schwäche von "Thrash": Er hat ausreichend Einfälle, aber nicht immer die Disziplin, sie zu ordnen. Wenn der Film am besten ist, verbindet er Überlebenshorror mit grotesker Energie und nutzt seine begrenzten Schauplätze erfinderisch. Wenn er schwächer ist, wirkt er wie eine Reihe guter Momente, die sich gegenseitig die Luft nehmen, statt sich zu einem großen, durchgehenden Druck aufzubauen. So bleibt am Ende der Eindruck eines Films, der sich ständig in Bewegung hält, aber nicht immer vorankommt. "Thrash" ist deshalb weniger ein sauber gebauter Katastrophenfilm als ein ruppiger, manchmal unterhaltsamer, manchmal frustrierender Genre-Mix. Wer Wirkola für seine Vorliebe für überdrehte, dunkle Genrespielereien schätzt, wird hier genug Material für anderthalb Stunden Adrenalin, Chaos und Zähne finden. Wer eine präzise erzählte Überlebensgeschichte mit glaubwürdigen Figuren sucht, wird die leeren Stellen deutlicher sehen als die Zähne der Haie. 

5,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Netflix

The Poughkeepsie Tapes - The Poughkeepsie Tapes: Aufzeichnungen eines Serienkillers (2007)

https://www.imdb.com/de/title/tt1010271/

In einem verlassenen Haus werden hunderte Videos gefunden. Darauf befinden sich Beweise eines Serienkillers. Dieser hatte alle seine Verbrechen, vom einfachen Mord bis zu grausamen Folterszenen, gefilmt. Die Polizei versucht nun, den Killer zu finden...

"The Poughkeepsie Tapes" ist ein Film, mit dem man sich nicht einfach unterhalten möchte. John Erick Dowdle erzählt hier nicht eine klassische Horror‑Geschichte, sondern eine kalt dokumentierte Abrechnung mit einem Serienkiller, dessen Opfer nicht nur sterben, sondern als bewegtes Bildarchiv weiterleben sollen. Die Rahmenform ist simpel, aber effektiv: Polizei‑ und FBI‑Beamte in Poughkeepsie analysieren nach einem Razzia‑Schlagfall in einem verlassenen Haus eine Sammlung von über 800 Videobändern, die der Täter, Edward Carver, über Jahre hinweg über seine Entführungen, Morde und Misshandlungen gefilmt hat. Vieles an diesem Film erinnert an die Form eines investigativen Dokumentarfilms, obwohl alles erfunden ist. Interviews, Archivaufnahmen, Überwachungskameras, Polizeiberichte und die eigenen Bänder Carvers werden zu einem Puzzle zusammengesetzt, das nicht nur den Mörder, sondern auch die Verletzlichkeit einer ganzen Stadt zeigt. Die pointierte Idee, dass ein Mörder seine Verbrechen nicht nur ausführt, sondern als eine Art Personal‑Archiv ablegt, verleiht dem Film etwas Unheimlich Modernes, obwohl die Optik der Videokassetten ganz im frühen Internet‑Alter verhaftet bleibt. 

Carver selbst bleibt lange Zeit eine verschleierte, mechanische Präsenz, die ihre Sadismen systematisch aufzeichnet, ohne sich zu zeigen. Die erste vollständige Tat auf einem Band - die Entführung, Vergewaltigung und Ermordung eines kleinen Mädchens - ist so brutal, dass sie den Film direkt außerhalb der konventionellen Unterhaltung positioniert. Das macht ihn zu einer Sammlung von Fallstudien, die sich wie ein akustisches Album des Schreckens anhört: jede Szene ein neues, nicht unbedingt vollständig erklärtes, aber immer wiederkehrendes Muster von Gewalt. In der Mitte dieses Archivs ragt die Geschichte von Cheryl Dempsey heraus, die von Stacy Chbosky überzeugend gespielt wird. Sie ist die Frau, die im Keller des Täters als Sklavin gefangen, misshandelt und psychisch zerstört wird, während er ihre Demütigung dokumentiert. Ihre Rettung, die langsame, aber nicht vollständige Rekonvaleszenz und ihr Verhältnis zu ihrem Peiniger bleiben bis zum Ende brüchig, rätselhaft, verstörend - und genau das macht ihre Figur zu einem zentralen moralischen Anker des Films.

Gleichzeitig ist "The Poughkeepsie Tapes" ein Beispiel dafür, wie sehr die Form über die Figuren triumphiert. Die Interviews, die die Ermittler, Nachbarn und Verwandten führen, wirken teils holprig, eindimensional, manchmal nahe an der Amateuraufnahme, was vielen Kritiken auffällig an der Stimmung stört, aber auch manchmal als Teil der bewussten, schnörkellosen Realitätsnähe bewertet wird. Der Film bleibt aber auch ungemein problematisch. Die Konzentration auf die technische Planung, die optische Nähe zum Kamerablick des Mörders und die akribische Wiedergabe von Gewalt produziert einen Film, der als Folter-Porno ausgelegt werden könnte, obwohl Dowdle ihn eher als eine Art pseudo‑dokumentarisches Exposé anlegt. Die Frage, die sich stellt, ist nicht nur, ob man die Gewalt sehen will, sondern auch, ob der Film über sie hinausgeht. "The Poughkeepsie Tapes" ist ein Film, der sich weigert, die Grenze zwischen Publikum und Täter zu schützen, weil er sie selbst aufbrechen will. Er ist kein angenehmer, kein klassisch erhellender Film, aber auch kein reines, hohles Effekt‑Spektakel. Wer sich darauf einlässt, muss akzeptieren, in die Nähe eines Archivs zu rücken, das niemand hätte anlegen sollen - und sich gleichzeitig fragen, warum er sich dorthin führt. Am Ende bleibt ein Film, der sich wie ein Fundstück aus einem dunklen Keller anfühlt: schmutzig, verstörend, lokal sehr spezifisch, aber global bedrückend, weil er die Vorstellung, dass Sadismus dokumentiert werden kann, in unseren Blick zwingt - und keinen Ausweg bietet, nur die Frage, ob man hier überhaupt hingehört. 

5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: MGM//Poughkeepsie Films/Brothers Dowdle Productions

Freitag, 10. April 2026

Keeper (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt32332404/

Das Paar Liz (Tatiana Maslany) und Malcolm (Rossif Sutherland) verbringt ihrem Jahrestag an einem  Wochenende in einer abgeschiedenes Waldhütte. Zunächst wirkt die Atmosphäre romantisch, doch schon bald stellt sich eine unheimliche Stimmung ein, verstärkt durch die Nähe zu einem isolierten, eigenartigen Ort mitten im Wald. Als Malcolm kurzfristig in die Stadt zurückfahren muss, bleibt Liz allein mit ihrem Hund Josie zurück und wird in der Hütte mit leisen Geräuschen, undeutlichen Eindrücken und einem Gefühl zunehmender Bedrohung konfrontiert. Gleichzeitig tauchen Menschen wie Malone (Guy Burnet) und der Hundeführer Wolfer (Shaun McKinney) auf, die die ohnehin angespannte Situation mit ihren merkwürdigen Reaktionen weiter verschärfen...

"Keeper" von Osgood Perkins ist ein Film, der erst einmal so tut, als wolle er einen vertrauten Weg gehen: Ein Paar fährt für ein romantisches Jubiläumswochenende in eine abgelegene Hütte, und was nach stiller Zweisamkeit klingt, kippt schnell in Isolation, Misstrauen und eine schleichende Bedrohung, die sich mit jeder Minute dichter um die Figuren legt. Liz und Malcolm, gespielt von Tatiana Maslany und Rossif Sutherland, sind dabei nicht bloß die Bewohner eines unheimlichen Ortes, sondern auch das Zentrum eines psychologischen Kammerspiels, in dem Zuneigung, Abhängigkeit und Macht ständig ineinander übergehen. 

Perkins baut seinen Horror nicht aus der Lautstärke, sondern aus dem Gefühl, dass etwas in diesem Haus nicht stimmt und dass die Frau, die wir beobachten, immer weniger sicher sein kann, ob sie einer äußeren Gefahr oder ihren eigenen Wahrnehmungen ausgeliefert ist. Der Film bleibt lange in Liz’ Perspektive gefangen, macht die Hütte zu einem Raum der Desorientierung und arbeitet mit einer Atmosphäre, in der selbst einfache Gesten, Blicke und Pausen bedrohlich wirken können.  Genau darin liegt zunächst seine Stärke: "Keeper" versteht, dass Schrecken oft nicht aus dem Monster kommt, sondern aus dem Moment, in dem Vertrauen seinen Halt verliert. Tatiana Maslany spielt mit einer beeindruckenden Mischung aus Verletzlichkeit und innerer Spannung. Ihre Präsenz bildet das Zentrum des Films und hält die Geschichte selbst dann zusammen, wenn die Handlung bewusst im Dunkeln bleibt oder sich in ihrer Surrealität verliert. Rossif Sutherland spielt Malcolm dagegen mit einer kühlen, schwer lesbaren Zurückhaltung, die passend unheimlich, aber etwas zu schematisch wirkt. Das Verhältnis der beiden Figuren ist damit weniger eine klassische Romanze als ein unruhiges Machtgefüge, das schon vor dem eigentlichen Horror Risse zeigt.


Visuell und atmosphärisch ist "Keeper" ganz im Stil von Perkins angelegt: kontrolliert, seltsam, ästhetisch präzise und mit einer Vorliebe für Unruhe statt Erklärung. Es ist eine verstörende, eigensinnige Horrorarbeit, die sich nicht den üblichen Regeln des Genres unterwirft, sondern eher auf Albtraumlogik und schleichende Beklemmung setzt. Dies wird allerdings auch zum Problem, weil die Geschichte lange auf Andeutungen baut und ihre Geheimnisse erst sehr spät oder nur teilweise preisgibt. Das führt zu einem Spannungsbogen, der einerseits zwar packend, aber manchmal auch ermüdend wirkt. Am überzeugendsten ist der Film dort, wo er Isolation als seelischen Zustand begreift. Die Hütte ist nicht nur ein Ort im Wald, sondern ein psychologischer Verstärker, in dem jede Unstimmigkeit sofort größer erscheint und jede fehlende Erklärung bedrohlicher wird. Wenn "Keeper" funktioniert, dann deshalb, weil er seine Zuschauer in denselben Zustand versetzt wie seine Hauptfigur: wachsam, verunsichert, immer einen Schritt hinter dem Geschehen. Weniger überzeugend ist der Film, wenn er seine eigenen Geheimnisse zu sehr gegen den Zuschauer abschirmt. Die Geschichte bleibt im Kern unterentwickelt und verlässt sich am Ende zu sehr auf Stil, Stimmung und ein finales Ausbrechen in groteske Bilder. Dadurch entsteht ein Film, der im Gedächtnis bleibt, aber nicht immer aus den richtigen Gründen: faszinierend in seinen Oberflächen, unbefriedigend in seiner inneren Logik.

"Keeper" ist deshalb am stärksten als Erfahrung, weniger als vollständig befriedigende Erzählung. Wer Perkins für seine eigenwilligen, unruhigen Horrorräume schätzt und Tatiana Maslany in einer intensiven, körperlich spürbaren Rolle sehen will, bekommt hier einen Film von beträchtlicher Wirkung. Wer dagegen Klarheit, erzählerische Präzision und eine sauber ausformulierte Mythologie erwartet, wird sich vermutlich gegen die bewusste Rätselhaftigkeit des Films stemmen. Am Ende ist "Keeper" ein ungleiches Stück Horrorkino: oft unheimlich, manchmal brillant inszeniert, gelegentlich prätentiös, aber nie belanglos. Es ist ein Film über Liebe, Kontrolle und das langsame Auseinanderdriften von Wahrnehmung und Wirklichkeit, der sich lieber wie ein dunkler Traum anfühlt als wie eine sauber erzählte Geschichte. 

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Oddfellows Pictures/Range Media PartnersWayward Entertainment/DMC

Donnerstag, 9. April 2026

Ready Or Not 2: Here I Come - Ready Or Not 2 (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt33978029/

Grace (Samara Weaving) hat zwar das tödliche Versteckspiel gegen die Le Domas', die Familie ihres frisch angetrauten Ehemanns, überlebt, doch damit ist die Sache noch lange nicht überstanden. Ehe sie es sich versieht, wird sie direkt in die nächste mörderische Hetzjagd vermittelt, bei der es dieses Mal um alles oder nichts geht. An ihrer Seite ist dabei nun ihre Schwester Faith (Kathryn Newton), die als Druckmittel eingesetzt wurde, um Grace dazu zu zwingen, erneut ihr Leben auf Spiel zu setzen. Dieses Mal werden die Schwestern von ganzen vier Familien ins Visier genommen – darunter auch die superreichen Danforths (u.a. Sarah Michelle Gellar und David Cronenberg), die sich durch einen Sieg im mörderischen Spiel zu einem höheren Rang aufschwingen wollen. An denen müssen Grace und Faith jedoch erst mal vorbei, um so schließlich den Hohen Rat und damit die blutige Spiele ein für alle Mal beenden zu können.

"Ready Or Not 2: Here I Come" knüpft unmittelbar an die Ereignisse des ersten Films an und verschiebt das Überleben von Grace in eine größere, härtere und zugleich problematischere Arena. Samara Weaving kehrt als Grace zurück, diesmal an der Seite ihrer entfremdeten Schwester Faith, gespielt von Kathryn Newton, während mehrere rivalisierende Elitefamilien sie jagen und um einen Sitz in einer machtbesetzten Ordnung kämpfen. Genau hier liegt der Reiz des Films, aber auch sein größtes Problem. Was im ersten Teil als präzise zugespitzter, fast bösartig klarer Klassen-Horror funktionierte, wächst hier zu einem komplizierteren Geflecht aus Schwesternkonflikt, Ritualmythologie und weltumspannender Verschwörung an, ohne sich immer organisch aus dem bereits Etablierten zu entwickeln. Das Ergebnis ist ein Film, der sichtbar mehr will, aber nicht immer besser weiß, wie er die einzelnen Einfälle zu einem wirklich lebendigen Ganzen verbindet. 

Vor allem die Schwesternschaft zwischen Grace und Faith trägt den Film. Die Idee, Grace nicht mehr nur als Einzelkämpferin gegen eine toxische Familie, sondern als Frau mit einer emotional beschädigten Verbindung zur eigenen Schwester zu zeigen, ist die stärkste menschliche Erweiterung des Stoffes. Samara Weaving spielt diese neue Form von Überlebenswut mit der gleichen elektrischen Präsenz wie zuvor, während Kathryn Newton der Figur der Faith eine Mischung aus Verletztheit, Trotz und spitzer Unberechenbarkeit gibt. Ihre Szenen haben dann die Wirkung, die der Rest des Films so oft sucht: Sie sind komisch, bitter und kurzfristig aufrichtig zugleich. Doch gerade weil die Schwesterndynamik so viel verspricht, fällt auf, wie oft der Film sie unter Schichten von Weltbau und Folklore begräbt. Statt die Beziehung der beiden über kleine Verschiebungen, alte Kränkungen und neue Bündnisse langsam zu vertiefen, stapelt der Film neue Regeln, neue Familien und neue Machtstrukturen aufeinander. Das macht ihn größer, aber nicht zwingend reichhaltiger. Man spürt die Absicht, die Mythologie auszubauen, doch oft wirkt dieses Wachstum eher wie das Hinzufügen weiterer Etagen zu einem Haus, dessen Fundament schon im ersten Stock zu wackeln begann.

Auch die zusammengestückelten Ideen sind schwer zu übersehen. Der Film will zugleich Fortsetzung, Satire auf Elitenmacht, blutige Spielvariante, Familienmelodram und expansionistisches Weltmodell sein. Einzelne Einfälle blitzen auf und sind in ihrer Bosheit oder Absurdität durchaus reizvoll, doch nicht jeder Gedanke bekommt die dramaturgische Luft, die er braucht. Dadurch entsteht bisweilen das Gefühl, man sehe weniger einen souverän gebauten Film als eine Kette cleverer, aber nicht immer sauber vernähter Ideen. Am deutlichsten zeigt sich das in der Welt des Films. Der erste Teil lebte gerade davon, dass seine absurde Prämisse klar begrenzt war: eine Familie, ein Ritual, eine Nacht, ein scharf umrissener Klassenhorror. Das Sequel öffnet diese Welt nun für Rivalen, Räte und globale Machtfragen, doch mit der Vergrößerung geht ein Teil der ursprünglichen Eleganz verloren. Die Welt wird breiter, aber nicht wirklich tiefer; sie wirkt weniger wie ein organisch gewachsenes Universum als wie ein nützlicher Schauplatz, der auf Abruf neue Spiele und neue Gegner liefern soll. 

Trotzdem ist "Ready Or Not 2: Here I Come" nicht bloß ein Fall von mehr Lärm als Substanz. Der Film besitzt Energie, Biss und genug schauspielerische Spielfreude, um die Lücken zeitweise zu kaschieren. Gerade Weaving hält alles zusammen; ihre Grace wirkt wie jemand, der gelernt hat, dass Überleben nicht nur Kampf, sondern auch Form der Selbstbehauptung ist. Wenn der Film die Konzentration auf sie und Faith nicht verliert, gewinnt er an menschlicher Spannung, die ihm seine Konstruktion sonst häufig wieder entzieht. So bleibt am Ende ein Sequel, das den richtigen Instinkt hat, den Stoff nicht einfach zu wiederholen, sondern zu vergrößern. Aber die Erweiterung kostet Klarheit, und die Lust am Weltaufbau ersetzt nicht automatisch die emotionale Genauigkeit, die den ersten Film so giftig und so wirkungsvoll machte. Das Ergebnis ist ein noch unterhaltsamer, oft sehr wilder und gelegentlich scharf beobachteter Horror-Satire-Mix, der vor allem dann überzeugt, wenn er bei den beiden Schwestern bleibt und nicht glaubt, dass mehr Mythologie automatisch mehr Bedeutung bedeutet. 

5,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Searchlight Pictures/Radio Silence Productions/Project X

Mittwoch, 8. April 2026

Der Spitzname (2024)

https://www.imdb.com/de/title/tt33111620/

Anna (Janina Uhse) und Thomas (Florian David Fitz) planen ihre Hochzeit in den malerischen Tiroler Alpen und haben die gesamte Familie eingeladen. Doch schon im Ski-Lift sinniert Stephan (Christoph Maria Herbst), gewohnt schlecht gelaunt, über die aktuellen Entwicklungen in den Leben der Böttchers, Wittmanns, Bergers und Königs: Anna hat überraschend doch noch als Schauspielerin Karriere gemacht, während Thomas kurz vor einem Aufstieg in den Vorstand eines Immobilienkonzerns steht – allerdings nur, wenn er die vorgeschriebene Sensibility-Schulung besteht. Stephans Frau Elisabeth (Caroline Peters) ist weiterhin Lehrerin, bessert jedoch heimlich die Haushaltskasse mit Bitcoin-Handel auf. René (Justus von Dohnányi), verheiratet mit Dorothea (Iris Berben) und seit drei Jahren Vater von Zwillingen, zeigt sich als überbesorgter Helikopter-Vater. Stephan selbst musste kürzlich seine Professorenstelle aufgeben – nach einem Vorfall an der Uni. Hinzu kommt noch das Chaos, das seine jugendlich-woken Kinder Cajus (Jona Volkmann) und Antigone (Kya-Celina Barucki) in die idyllische Winterkulisse bringen. Die ohnehin angespannten Familienverhältnisse drohen, die geplante Hochzeit zu gefährden und führen zu einer turbulenten Eskalation.

Fortsetzung von "Der Vorname" und "Der Nachname", die die Trilogie um eine dysfunktionale Familie aus gutbürgerlichem Milieu abschließt. "Der Spitzname" von Sönke Wortmann setzt dort an, wo moderne Familienkomödie und gesellschaftliche Diskussion aufeinanderprallen: nicht an den großen Weltuntergangsszenarien, sondern an einem geplanten Hochzeitswochenende in den Tiroler Alpen.  Anna (Janina Uhse) und Thomas (Florian David Fitz) wollen heiraten, doch anstatt einer ruhigen, verschneiten Winteridylle wartet eine Familie, die sich selbst mit ihren eigenen Lebensentwürfen, Widersprüchen und politischen Meinungen im Weg steht. Die Geschichte kreist um die gekonnte Collage aus Alltagskarrieren, digitalen Zeiten und sich verändernden Rollen: Anna hat überraschend eine Karriere als Schauspielerin gemacht, während Thomas kurz vor einer Beförderung in den Vorstand eines amerikanischen Immobilienkonzerns steht - vorausgesetzt, er übersteht eine Sensibilitäts‑Schulung, die ihn ungewohnt verletzlich macht. Dazwischen bewegt sich die Familie Böttcher‑Wittmann‑Berger‑König in einer Mischung aus Skigebiet‑Idylle und generationaler Verwirrung: Stephan (Christoph Maria Herbst), der ehemalige Professor, grübelt skeptisch darüber nach, wie aus seinen Mitmenschen geworden sind, während seine Frau Elisabeth (Caroline Peters) als Lehrerin den Haushalt heimlich mit Bitcoin‑Handel aufbessert. In den Bergen trifft die Runde auf Dorothea (Iris Berben), die mittlerweile mit René (Justus von Dohnányi) verheiratet ist und mit ihm Zwillinge aus einer Leihmutterschaft großzieht, wobei René als überfürsorglicher Helikopter‑Vater auftritt, der jede Kleinigkeit in den Griff zu bekommen versucht. Ergänzt wird das Spektrum durch die jüngere Generation: den 18‑jährigen Cajus (Jona Volkmann), der seinen Vornamen ohne Wissen der Eltern ändern ließ, und die 17‑jährige Antigone (Kya‑Celina Barucki), die die Hochzeitsgesellschaft mit Themen rund um Woke‑Debatten, Feminismus und nichtbinäre Geschlechtsidentität herausfordert. 

Wortmanns Film erzählt erneut weniger eine einzelne große Krisengeschichte als vielmehr eine Serie kleiner Zünder, die irgendwann und unausweichlich auf engstem Raum ohne Möglichkeit des Entkommens aufeinanderprallen: Streit über Job‑ und Karriereentscheidungen, Kritik an Mobbing‑Kultur und Geschlechterbildern, Unbehagen mit modernen Diversity‑Konzepten und der altbekannte Ego‑Kampf alter Familienharmonie versus neue Selbstoptimierung. Der Titel "Der Spitzname" hängt dabei an einem alltäglichen, fast liebevollen Detail - Thomas' Kosenamen für die gemeinsame Tochter, mit dem sich indirekt Spannungen um Geschlechtsidentität und Erziehungseinstellungen berühren - und macht deutlich, wie sehr die kleinen Worte in dieser Familie weitreichendes Gewicht tragen. Trotz der Fülle an Themen bleibt der Film formal klar und handlich, fast klassisch in der Besetzung einer sauber choreografierten Familienkomödie: ein gut eingespielter, hochkarätiger Cast, schnelle, dialogreiche Szenen und eine Ästhetik, die die winterliche Kulisse nutzen kann, ohne sentimentale Klischees zu übertreiben. Wortmann verzichtet auf dramatische Zerreißproben oder moralische Apokalypsen und setzt stattdessen auf ein Pointen‑Feuerwerk, das die Zuschauer zugleich lächeln und nachdenken lässt - weniger durch eine aufrührerische These, sondern durch die schlichte, oft unbequeme Einsicht, dass manche politischen Debatten uns am liebsten dort erreichen, wo wir sie am wenigsten erwarten: beim Familienessen, im Skilift, im Gespräch über einen simplen Kosenamen.

In der Tradition von Gesellschaftskomödien, die sich an der Familie abarbeiten, ist "Der Spitzname" kein revolutionärer Film, aber ein genau beobachtender Zeitgenosse, der mit Augenzwinkern, nicht ohne Spott, aber ohne wahllose Häme, zeigt, wie sehr sich die moderne Familie in Begriffe und Biografien verheddert. Wer die ersten beiden Teile kennt, wird die Charaktere wiedererkennen, doch wer neu einsteigt, bekommt eine kompakte, unterhaltsame Mini‑Erforschung von Sprache, Karriere, Digitalisierung, Identität und dem simplen Wunsch nach einem ruhigen Hochzeitstag - vergeblich, wie sich zeigt, weil jede Familie, die sich versammelt, gleichzeitig beginnt, mit sich selbst zu diskutieren. Ganz amüsant.

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Constantin Film

Dienstag, 7. April 2026

Anaconda (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt33244668/

Eine Freundesgruppe direkt in der Midlife-Crisis will aus ihrem Trott ausbrechen und noch mal was anderes machen wollen - allen voran Doug (Jack Black) und Griff (Paul Rudd). So beschließen sie zusammen den wilden Plan, ein Remake ihres Lieblingsfilms aus ihrer Jugend zu drehen: "Anaconda". Und weil es sie nach Abenteuer giert, soll das natürlich am authentischen Schauplatz mitten im Regenwald passieren. Tief im Amazonas angekommen, müssen sie aber – wie soll es auch anders sein – schnell um ihr Leben kämpfen. Denn nicht nur der Dschungel mit seinen Bewohnern selbst erweist sich als unerbittlicher Widersacher, sondern es treiben auch gefährliche Kriminelle hier ihr Unwesen. Natürlich gibt es auch die titelgebende Riesenschlange außerdem wirklich und verwandelt das kleine Abenteuer nun endgültig in ein gefährliches Spiel um Leben und Tod, bei dem es schnell nicht mehr nur um ein verrücktes Filmprojekt von Freunden geht.

Das Remake von "Anaconda" ist einer jener Filme, die mit einem Augenzwinkern an ihre eigene Lächerlichkeit erinnern und dadurch erst richtig charmant werden. Tom Gormicans Meta-Komödie nimmt den Kultklassiker von 1997 nicht als heiliges Erbe, sondern als perfekten Vorwand für ein chaotisches Freundesabenteuer: Eine Gruppe Midlife-Crisis-Opfer zieht in den Amazonas, um ein Remake ihres filmischen Idols zu drehen - bis eine echte Riesen-Anakonda die Dreharbeiten in ein echtes Schlangenabenteuer verwandelt. Was als selbstironische Hommage beginnt, entpuppt sich als herrlich unbeschwerte Runde aus Slapstick, Buddy-Chemie und genau genug Monster-Gore, um den Biss zu haben. Es ist kein Horror-Meisterwerk, aber eine Komödie, die ihre Schwächen als Stärke verkauft - und dabei lacht, bis die Lachtränen fließen.


Jack Black, ein Wirbelsturm aus Enthusiasmus und Tollpatschigkeit, spielt Doug McCallister, Paul Rudd, der ewige sympathische Chaot, seinen Jugendfreund Griff. Blacks hyperaktiver Traumtänzer, dessen "Lass uns das Ding drehen!"-Optimismus (wie schon in "King Kong") kollidiert mit Rudds trockenem Sarkasmus - das funktioniert wunderbar: ihre Chemie passt perfekt. Um dem Alltag zu entfliehen, schnappen sie sich die Filmrechte für "Anaconda" und chartern ein Boot in den Amazonas-Dschungel, um mit Freunden Claire (Thandiwe Newton), Kenny (Steve Zahn) und der mysteriösen Ana (Daniela Melchior) ihr Remake zu drehen. Mit winzigem Budget, improvisierten Kostümen und einem Cameo von Ice Cube als sich selbst entsteht ein meta-chaotisches Set: Doug als J.Lo-Stand-in, Griff als Jon Voight, alle stolpern durch Script-Änderungen und Technikpannen. Doch als eine gigantische Anakonda auftaucht - hungrig, aggressiv, mit lauten Jump Scares - wird aus Fake-Film echter Überlebenskampf. Newton bringt Claire scharfsinnige Coolness, Zahn Kenny als panische Comicfigur. Melchior bleibt als Ana etwas unterrepräsentiert, doch ihr Subplot mit brasilianischen Schurken (Selton Mello) gibt dem Chaos Struktur. Die Besetzung trägt Szenen wie die Boot-Reparatur oder das "Anaconda"-Sing-along mit solcher Leichtigkeit, dass man vergisst, wie klug der Humor getimt ist. 


Regisseur Tom Gormican dirigiert mit Augenzwinkern: Der Film parodiert B-Movie-Klischees - schlechte CGI-Schlangen, Script-Änderungen in letzter Minute, Cameos - und dreht sie zu Insider-Gags. Die echte Anakonda (besser animiert als 1997) beißt aggressiv zu, doch der Fokus liegt auf Komik: Laute Scares dienen dem Punchline, Gore ist cartoonesk. Der Amazonas fühlt sich lebendig an - neblig, sumpfig, bedrohlich -, und der Score mischt 90er-Nostalgie mit tropischem Beat. Es ist kein reiner Monster-Horror, sondern eine Komödie, die ihr Monster als Sidekick nutzt. Thematisch schimmert Midlife-Weisheit durch: Doug und Griff lernen, Träume trotz Chaos zu leben, Freundschaft über Fame zu stellen. Positive Botschaften wie Loyalität und Kreativität. Meta-Elemente spotten Hollywoods IP-Gier, ohne zu predigen - ein Spiegel für Fans, die Remakes lieben/hassen. 

"Anaconda" beißt zwar nicht ganz so hart zu wie erwartet, lacht aber herzhaft über sich selbst. Black und Rudd glänzen, Gormican bastelt ein charmantes Chaos - perfekt für Meta-Fans. Es schluckt sein Erbe nicht ganz, spuckt es aber mit Witz aus: Ein unterhaltsamer Biss ins Leere, der trotzdem satt macht. 

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Columbia Pictures

Montag, 6. April 2026

Stromberg: Wieder alles wie immer (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt34991535/

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) und sein Team von der Schadensregulierung der CAPITOL-Versicherung die deutsche Büro-Kultur auf den Kopf gestellt haben. Damals dominierten flapsige Sprüche, fragwürdige Umgangsformen und Kantinenessen ohne vegane Optionen. Nun steht ein Wiedersehen an, das klären soll, ob Stromberg und seine einstige Truppe sich ebenso verändert haben wie die moderne Arbeitswelt. Berthold "Ernie" Heisterkamp (Bjarne Mädel), Tanja und Ulf Steinke (Diana Staehly und Oliver Wnuk), Jennifer Schirrmann (Milena Dreissig) und Stromberg selbst treffen sich erneut - im Rahmen einer pompös inszenierten Reunion vor laufenden Kameras. Doch wie bei jeder Familienfeier kommen alte Konflikte, ungelöste Spannungen und reichlich Alkohol ins Spiel. Was als nostalgische Rückschau beginnt, gerät bald außer Kontrolle und endet in einem Chaos, das niemand vorausgesehen hat.

Gleich eines vorweg: dass mit der Film überhaupt ein paar Schmunzler abringen konnte, lag nur an einigen Interkationen zwischen Bjarne Mädel und Christoph Maria Herbst. Was man ihm zugute halten muss ist, dass "Stromberg: Wieder alles wie immer" eben nicht so tut, als wäre die Zeit stehen geblieben. Er ist weniger eine Rückkehr als ein Beweis dafür, wie schnell ein guter Einfall seine eigene Karikatur werden kann. Der Film weiß sehr genau, dass Bernd Stromberg nur deshalb funktioniert, weil er aus einer Kultur des kleinen Machtmissbrauchs stammt, aus dem Büro als moralischem Niemandsland, in dem ein Mann mit Halbglatze, Halbwissen und großer Klappe plötzlich so etwas wie Autorität beanspruchen durfte. 2025 wirkt diese Figur nicht nostalgisch, sondern wie ein Überbleibsel, das sich weigert, seinen Platz im Museum einzunehmen. Genau darin liegt der Reiz des Films - und auch sein größter Fehler. Das Publikum dürfte trotzdem einen weiteren Bürofilm erwartet haben, eine neue Runde jener präzisen, schmerzhaft komischen Beobachtung des Arbeitsalltags, die "Stromberg" einst so einzigartig machte. Stattdessen bekommt man einen Film, der sich zwar mit den alten Figuren zurückmeldet, aber zu oft den Eindruck erweckt, nur noch am Erbe zu hängen, das er selbst längst nicht mehr erneuern kann. 

Christoph Maria Herbst spielt Bernd Stromberg weiterhin mit bewundernswerter Kontrolle, doch genau diese Kontrolle lässt den Film paradoxerweise kalt wirken. Stromberg war einmal deshalb so unangenehm und lustig, weil er als Figur aus einem konkreten Milieu kam: dem kleinen Büro mit seinen kleinlichen Machtkämpfen, seinen peinlichen Hierarchien und seiner alltäglichen Unanständigkeit. Hier aber wirkt er wie ein Fossil, das man aus dem Schrank geholt hat, um zu prüfen, ob es noch denselben Effekt hat. Hat es nicht. Oder nicht mehr genug. Der Film verlässt sich sehr stark darauf, dass die bloße Rückkehr dieser Figur bereits ein Ereignis sei. Doch Wiedererkennung ist keine Dramaturgie. Das größere Problem ist, dass "Stromberg: Wieder alles wie immer" weder wirklich als Bürofilm funktioniert noch als scharfe Gegenwartsdiagnose. Wer eine neue, bissige Beobachtung des Arbeitslebens erwartet hatte, findet stattdessen einen Film, der seine Figuren durch Szenen schiebt, die eher wie Pflichtnummern wirken als wie lebendige Zuspitzungen. Es gibt Momente, in denen die alten Reibungen noch aufscheinen, doch viel zu oft wirken sie wie Wiederholungen ohne neuen Zweck. Man lacht gelegentlich, aber selten überrascht. Und bei einer Figur wie Stromberg ist Überraschung entscheidend, weil sein ganzes Prinzip auf dem unangenehmen Gefühl beruhte, dass im nächsten Satz schon wieder eine Grenze überschritten werden könnte. Hier kennt man die Grenze längst, und der Film hat nicht viel mehr im Sinn, als sie noch einmal zu umkreisen.

Auch das Ensemble leidet unter dieser Müdigkeit. Bjarne Mädel ist als Berthold "Ernie" Heisterkamp nach wie vor hervorragend, weil er jene Mischung aus Verletzlichkeit und passiver Gegenwehr mitbringt, die fast automatisch die stärksten Szenen erzeugt. Aber selbst er bleibt in einem Material gefangen, das eher auf Wiederbelebung als auf Entwicklung setzt. Die übrigen Rückkehrer werden mit sichtbarer Sorgfalt eingesetzt, doch der Film traut ihnen nicht wirklich zu, mehr zu sein als Erinnerungsanker. Das ist das eigentliche Problem solcher späten Fortsetzungen: Sie wollen das Publikum mit Vertrautheit beruhigen, vergessen dabei aber, dass Vertrautheit allein selten Kino trägt. Sie ist ein Anfang, kein Ziel. Regisseur Arne Feldhusen inszeniert das Ganze mit professioneller Gelassenheit, aber auch mit einer gewissen Vorsicht, die dem Stoff nicht guttut. Man spürt, dass er die Mechanik kennt, doch man spürt ebenso, dass der Film nicht so recht weiß, wohin er mit dieser Mechanik will. Soll er bissiger sein als früher? Melancholischer? Selbstkritischer? Die Antwort scheint oft zu lauten: alles ein bisschen, aber nichts konsequent. So entsteht ein Film, der in der Tonlage schwankt, ohne daraus Energie zu ziehen. Gerade die satirischen Spitzen verlieren dadurch an Schärfe; sie kommen nicht wie präzise gesetzte Stiche, sondern eher wie Erinnerungen an frühere Treffer. Am enttäuschendsten ist vielleicht, dass der Film den Büroalltag nicht mit jener unerbittlichen Genauigkeit betrachtet, die man von ihm erwarten durfte. Ein guter "Stromberg"-Film müsste das Arbeitsleben so zeigen, dass man sich gleichzeitig amüsiert, schämt und ein wenig ertappt fühlt. "Stromberg: Wieder alles wie immer" kommt dieser Wirkung gelegentlich nahe, bleibt aber zu oft an der Oberfläche seiner eigenen Idee hängen. Die Welt, die er zeigt, ist nicht mehr die alte, aber der Film zieht daraus keine wirklich neue Konsequenz. Er registriert den Wandel, statt ihn bissig-satirisch auszubeuten.

So bleibt am Ende ein Werk, das vor allem eines nicht sein will und es dann doch wird: bequem. Es spielt auf Sicherheit, auf Nostalgie, auf den Wiedererkennungswert einer Figur, die längst ikonisch geworden ist. Aber genau diese Sicherheit ist das Problem. "Stromberg" war immer dann am stärksten, wenn er unbequem war, wenn er unangenehm, kleingeistig, aber zugleich präzise als Symptom einer bestimmten Arbeitskultur wirkte. Hier wird er wiederholt, nicht wirklich neu belebt. Und ein wiederholter Witz, so treffend er einst war, verliert irgendwann seine Giftigkeit. Das Ergebnis ist kein Desaster, aber eine verpasste Gelegenheit. Das Publikum bekommt nicht den Bürofilm, den es erwartet hat, und der Film gibt auch nicht überzeugend an, warum er etwas anderes sein sollte. Er ist zu sehr Fortsetzung, um Neues zu wagen, und zu wenig mutig, um sich als eigenständiger Kommentar zu behaupten. Am Ende bleibt vor allem der Eindruck, dass hier eine Figur zurückkehrt, die einst präzise in ihre Zeit geschnitzt war, nun aber in einer Form wieder auftaucht, die ihre beste Eigenschaft eingebüßt hat: ihre Aktualität.

4/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: MadeFor Film//Brainpool/Prime Video/SevenPictures/Banijay Media Germany