LAPD-Detective Raymond (Chris Pratt) steht, wie immer mehr in dieser dystopischen Zukunft, wegen des Mordes an seiner Frau (Annabelle Wallis) vor Gericht. Die hochmoderne KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson), deren Einführung er einst selbst unterstützte, leitet schließlich das Verfahren gegen ihn. Binnen lediglich 90 Minuten muss der Gesetzeshüter nun seine eigene Unschuld hieb- und stichfest beweisen, bevor die künstliche Rechtsprechung über sein weiteres Leben - oder dessen Ende - entscheidet.
Vom Konzept her ist "Mercy" ein spannender Film, seine Umsetzung anfänglich auch, doch gegen Ende verliert sich der Film in generischen Action-Setpieces: Ein Los-Angeles-Cop wird in einer nahen Zukunft von einem KI-Gericht in einen 90‑Minuten-Showdown um seine eigene Unschuld gezwungen - fast komplett erzählt über Monitore, Surveillance-Feeds und digitale Spuren. Das ist als Idee reizvoll, weil es "Minority Report", True-Crime-Podcasts und Videospiel-Ermittlungen kreuzt; als fertiger Film bleibt "Mercy" aber ein typischer "interessant, aber mittelmäßig"-Thriller: formal einfallsreich, inhaltlich bequem. Regisseur Timur Bekmambetovs Film nutzt sein 90-minütiges Zeitlimit als Klammer: Raven springt zwischen Bodycam-Footage, Ring-Doorbell-Videos, Straßenkameras, E‑Mails, Voicemails und Social-Media-Profilen - sogar auf den geheimen Instagram-Account seiner Tochter bekommt er Zugriff -, rekonstruiert die Stunden vor dem Mord und stößt auf eine Verschwörung, die ihn als Sündenbock missbraucht. Der Protagonist spielt sich durch Beweismittel, statt physisch durch die Stadt zu rennen.
Chris Pratt bekommt mit Raven eine Rolle, die ihn deutlich kantiger auftreten lässt als seine gewohnten, charmanten Helden: ein Mann mit echten Macken - Wut, Alkohol, Eheprobleme -, dessen Schuldfrage nicht sofort eindeutig ist. Pratt wirkt in diesen düsteren, weniger nett angelegten Momenten auch lebendiger als in manchem Blockbuster. Rebecca Ferguson verleiht der KI-Richterin Maddox eine kühle, fast überlegene Präsenz, die dem Kopf-an-Kopf-Duell mit Raven etwas von einem Kammerspiel gibt - auch wenn sie letztlich eher Sprachrohr der Drehbuchideen bleibt als vollwertige Figur. Das Problem liegt in der Tiefe: Ravens Partnerin Jaq (Kali Reis) und die Nebenfigur, die letztlich als Drahtzieher enttarnt wird, bleiben flach - und genau dort greift, was man erwartet: In einem solchen Thriller ist praktisch sofort klar, wer der eigentliche Bösewicht sein wird, weil er/sie sonst keine Funktion hätte. Die Verschwörung um Raven wirkt so eher wie ein Puzzle, das rückwärts aus der Auflösung konstruiert wurde, als eine lebendige Welt, in der mehrere Möglichkeiten wirklich denkbar wären. Die Stärken liegen in Tempo und Klarheit: Die 90 Filmminuten (nahe Echtzeit) sind straff geschnitten, der Wechsel von Überwachungskameras zu Dashcams, privaten Clips und Datensätzen ist erstaunlich gut lesbar und erzeugt gelegentlich jene Sogwirkung, die das Beste an Screenlife-Thrillern ist. Doch je länger das Konzept läuft, desto sichtbarer werden die Grenzen: Die filmische Welt fühlt sich zunehmend wie ein Kontrollzentrum an, nicht wie ein echtes Los Angeles; menschliche Beziehungen werden zu Datenpunkten, Konflikte zu Einträgen in Logfiles.Dabei ist "Mercy" auf dem Papier hochaktuell: Ein automatisiertes Justizsystem, das mithilfe allgegenwärtiger Überwachung (inklusive einer Ring-ähnlichen Haustürkamera, die prominent im Bild ist) über Leben und Tod entscheidet, berührt reale Debatten über KI im Rechtssystem, vorausschauende Polizeiarbeit und den Verlust der Privatsphäre. Die Ironie, dass Raven und seine Kollegin früher selbst für Mercy geworben haben und nun am eigenen Leib erfahren, was sie geschaffen haben, ist eine klassisch tragische Volte. Doch die Art, wie der Film diese Themen behandelt, ist zwiespältig. "Mercy" zeigt zwar das Verfahren als gefährlich fehleranfällig, hinterfragt aber nie wirklich, ob dieser totale Zugriff auf persönliche Daten - der Blick in private Mails, Social Media, intime Nachrichten, selbst Verstorbener - an sich schon ein ungeheurer Eingriff ist. Stattdessen kippt der Film oft in eine Art Überwachungskameraporno: Je mehr Kameras Raven anzapfen darf, desto mächtiger wirkt er - und damit das System, das ihm dies ermöglicht. Gerade weil der Film aus dem Umfeld eines Studios kommt, das in der Realität mit Überwachungsprodukten kooperiert, erscheint diese Ambivalenz nicht nur als erzählerische Unschärfe, sondern als latente Werbung für genau jene Kontroll-Infrastruktur, die er zu kritisieren vorgibt. Das macht "Mercy" intellektuell interessant - man kann darüber diskutieren, was er meint und was er unbeabsichtigt sagt -, aber moralisch und politisch bleibt er unklar.
"Mercy" ist damit ein typischer Fall von "gutes Konzept, mäßige Ausführung": Ein Film, der formal clever mit Screens, KI und Echtzeit spielt und seinem Hauptdarsteller erlaubt, eine etwas dunklere Facette zu zeigen, aber als Thriller nur selten über Genre‑Routine hinauskommt. Interessant ist er als Diskussionsanstoß über Überwachung und automatisierte Justiz, mittelmäßig als Drama über Schuld, Trauer und Verantwortung. Sehenswert genug, um darüber zu reden, aber zu bequem in seinen Antworten, um nachhaltig zu erschüttern.














