Ein Notruf erreicht die freiwilligen Rettungskräfte des Roten Halbmonds Ende Januar 2024: Ein gerade einmal sechs Jahre altes Mädchen ist bei der Flucht aus Gaza-Stadt in einem von der israelischen Armee unter Beschuss geratenen Auto eingeschlossen. Mit im Fahrzeug saßen auch Onkel, Tanten und deren Kinder. Doch sie haben den Angriff nicht überlegt. Und so ist es nur der verzweifelte Hilferuf des Mädchens, der durch die Leitung zu den Rettungskräften durchdringt. Am Telefon tun die Helfer:innen des Roten Halbmonds ihr Möglichstes, um sie zu beruhigen und gleichzeitig einen Rettungseinsatz zu koordinieren. Unter schwierigsten Bedingungen setzen die Einsatzkräfte alles daran, einen Krankenwagen an den gefährlichen Ort zum Autowrack zu schicken und das Kind zu erreichen, bevor noch Schlimmeres geschieht. Doch um dieses eine Leben zu retten, müssen sich die Helfer selbst in akute Lebensgefahr begeben...
Wer die Geschichte des 5-jährigen Mädchens Hind Rajab kennt, sollte sich sehr gut überlegen, ob er sich diesen Film antut. Denn mit dem Wissen, was in den Stunden des 29. Januar 2024 in Gaza-Stadt und mit Hind geschah, macht man sich bewusst auf eine tieftraurige Reise, die auch kein gutes Ende findet. "The Voice Of Hind Rajab" ist einer dieser Filme, vor denen man sich fürchtet, als dass man sich auf sie freut. Man weiß, dass man nach 90 Minuten nicht unterhalten, sondern verändert aus dem Kino geht. Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania, die schon mit "Olfas Töchter" die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion verwischte, inszeniert hier eine Docudrama-Chronik des letzten Telefonats der fünfjährigen Hind Rajab mit dem Palästinensischen Roten Halbmond in Gaza - und macht ihre reale, zerbrechliche Stimme zum eigentlichen Protagonisten. Der Film erzählt von den verzweifelten Versuchen der Roten-Halbmond-Helfer, Hind zu retten, die in einem Auto eingeschlossen ist, umgeben von den Leichen ihrer Familie, während israelische Panzer in der Nähe stehen und das Gebiet unter Beschuss liegt. Schauplatz der gesamten Handlung ist nicht das Schlachtfeld, sondern der nüchterne, fluoreszierend ausgeleuchtete Callcenter-Raum des Roten Halbmonds, in dem die Mitarbeiter versuchen, die Bürokratie, die militärische Realität und ihre eigene Hilflosigkeit zu überwinden. Ben Hania verankert die Zuschauer vollständig in diesem Innenraum; die Außenwelt erreicht uns vor allem als Stimme, als Funkverkehr, als digitale Anzeige - und das Furchtbarste: in Form des realen Audiomaterials der Gespräche mit Hind. Statt klassischer Kriegsbilder setzt der Film auf ein konsequentes Kammerspiel: Wände, Monitore, Telefone, Gesichter, die zuhören. Hind sehen wir nur in Archivbildern, aber wir hören sie fast in Echtzeit - eine formale Entscheidung, die aus einem konkreten Ereignis eine 70‑minütige moralische Prüfung für das Publikum macht.
Der vermutlich stärkste - und zugleich umstrittenste - Kunstgriff des Films ist die Verwendung der echten Tonaufnahmen von Hinds Hilferufen. In den ersten zwanzig Minuten ist die emotionale Wucht dieser Aufnahmen nahezu unerträglich; die kindliche Stimme oszilliert zwischen Verwirrung, Angst und einem erschütternden Versuch, das Unfassbare zu begreifen. Ben Hania visualisiert diese Stimme teilweise sogar abstrakt - etwa über die Darstellung des Audios als Spektrogramm im Breitwandformat, als würde der Klang selbst die Leinwand besetzen. Hier liegt die ethische Spannung des Films: Er zwingt uns, zuzuhören, ohne Cut, ohne Pause-Taste, und verweigert den Rückzug in Zahlen, Statistiken oder rhetorische Abstraktion. Dass die ausgedehnte Verwendung dieser realen Stimme nicht irgendwann den Punkt erreicht, an dem Betroffenheit in Überwältigung umschlägt und der Raum für Reflexion enger wird, forciert Sympathie statt reflektierender Distanz. Aber genau das will der Film auch: tiefstes Mitgefühl erzeugen, in einer Situation, die in der "westlichen Welt", der friedlichen Welt, durch den schützenden Bildschirm immer noch "weit weg" wirkt. Es ist der Kern des Films; der Film ist der moralische Konflikt. Das Unbehagen, das man spürt, ist nicht bloß ein Effekt der Inszenierung, sondern ein Echo jener Realität, die es abbildet.Die Darsteller - Saja Kilani, Motaz Malhees, Amer Hlehel und Clara Khoury - verkörpern die Callcenter-Mitarbeiter, die mit Hind sprechen, Funksprüche koordinieren und gleichzeitig mit bürokratischen Hindernissen und militärischen Ansprechpartnern ringen. Hier herrscht ein gewisses Ungleichgewicht: Überzogene Ausbrüche hier, betonte Zurückhaltung dort, die nicht immer nahtlos mit der dokumentarischen Tonspur verschmelzen. Doch gerade die Leistung in ihrer Gesamtheit überzeugt als kraftvolles Gegenüber zu Hinds zerbrechlicher Stimme. Ben Hania inszeniert "Die Stimme von Hind Rajab" mit der Spannung eines Single-Location-Thrillers, aber ohne die Mechaniken des Genrefilms jemals wichtiger werden zu lassen als das Mädchen am anderen Ende der Leitung. Der Rhythmus ist bewusst klaustrophobisch: Telefonate, Rückfragen, geografische Koordinaten, die Suche nach einem sicheren Korridor - und immer wieder Hinds leiser, eindringlicher Wunsch, vor Einbruch der Dunkelheit abgeholt zu werden. Bemerkenswert ist, wie der Film mit Politik umgeht. Er liefert keine ausgeglichene Debatte, keine Talkshow-Simulation. Die Faktenlage rund um Hinds Tod ist sorgfältig dokumentiert, etwa durch Untersuchungen wie jene von Forensic Architecture, die nur israelische Panzer in der Nähe des beschossenen Fahrzeugs nachweisen konnten - ohne Hinweise auf ein Gefecht mit bewaffneten Palästinensern. Doch "Die Stimme von Hind Rajab" referiert diese Kontexte eher implizit: durch das, was wir hören, und das, was wir nicht sehen dürfen. Der Film erhebt keinen Anspruch auf Neutralität – er ist Anklage, Archiv und Totenklage in einem. Dass der Film für den Oscar als Bester Internationaler Film nominiert wurde und auch bei den Golden Globes Beachtung fand, ist weniger ein Preis für politischen Mut als eine Anerkennung seiner filmischen Konsequenz. Ben Hania nutzt das Kino nicht als Fluchtpunkt, sondern als Zwangsraum des Hinsehens - oder besser: des Hinhörens. Am Ende verlässt man den Saal nicht mit dem Gefühl, eine Geschichte gesehen zu haben, sondern mit dem Eindruck, einem Dokument beigewohnt zu haben, das man von nun an in sich tragen muss. Filme sind ja oft Empathie-Maschinen "Die Stimme von Hind Rajab" ist ein Film, der diese Maschine auf die denkbar radikalste Weise betreibt: Er nimmt dem Zuschauer jede Ausrede, sich zu distanzieren, und überlässt ihm für 90 Minuten der Stimme eines Kindes, das es nicht mehr gibt, aber dessen Existenz nun unwiderruflich in sein Gedächtnis eingebrannt ist.
Es gibt Filme, die man empfiehlt, und Filme, vor denen man warnt - und sie gerade deshalb empfehlen muss. "Die Stimme von Hind Rajab" gehört zur zweiten Kategorie. Hind war nur eines von etwa 14.000 palästinensischen Kindern, die nach übereinstimmenden Meldungen mehrerer Medien weltweit während des Kriegs in Israel und Gaza bis Dezember 2024 gewaltsam ums Leben kamen.
Textauszüge: Wikipedia











