https://www.imdb.com/de/title/tt33764258/https://letterboxd.com/film/the-odyssey-2026/Nach dem Trojanischen Krieg möchte König Odysseus (Matt Damon) wieder zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland) nach Ithaka zurückkehren. Doch der Heimweg wird schwieriger als erwartet, denn Odysseus steht ein langes Abenteuer voller Gefahren bevor. So muss er sich unter Anderen mit der Göttin Kalypso (Charlize Theron), dem Zyklopen Polyphem (Bill Irwin) und der Zauberin Circe (Samantha Morton) auseinandersetzen. In der Zwischenzeit begibt sich die Göttin Athene (Zendaya) in Odysseus' Heimat Ithaka und drängt Telemachos dazu, sich auf die Suche nach seinem Vater zu machen. Daher begibt er sich nun zu König Menelaos von Sparta (Jon Berthal), Odysseus' Mitstreiter im Trojanischen Krieg, und bittet diesen um Rat.
Dieser Film stammt von demselben Regisseur, der "Interstellar", "The Dark Knight"-Trilogie, "Inception", "The Prestige", "Oppenheimer", "Memento", "Insomnia", Dunkirk" und "Tenet" gemacht hat.
10/10

Zugegeben - bei einem Regisseur wie Christopher Nolan gibt man gern mal Vorschusslorbeeren. Einfach weil seine filmische Vita bis dato keinerlei wirkliche Fehlschläge aufzeigt. Doch so eine Erfolgsgeschichte hat erfahrungsgemäß auch große Nachteile, denn die Erwartungen des Publikums werden von Anfang an entsprechend hoch gesteckt. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie bleibt man dann seinem Ruf noch so gerecht, dass man weiterhin als einer der erfolgreichsten Regisseure der Welt bekannt bleibt? Nun, in Nolans Fall ist es wohl die hingebungsvolle Aufmerksamkeit, die er selbst seinem Stoff widmet und seine filmische Umsetzung ("Die Odyssee" ist beispielsweise der erste Film, der vollständig auf 70mm-IMAX-Kameras gedreht wurde). Kurz: man spürt, dass Nolan in jedem seiner Filme einfach alles gibt was er hat. Darüber hinaus gilt Homers "Odyssee" ja als Fundament der westlichen Erzählkunst. Sie ist Abenteuerroman, Familiendrama, Mythologie, Kriegsnachwirkung und philosophische Reflexion zugleich. Generationen von Autoren, Regisseuren und Künstlern haben sich an ihr versucht - von den Sandalenepen der 1950er Jahre über Wolfgang Petersens "
Troja" bis hin zu den augenzwinkernden Neuinterpretationen der Coen-Brüder in "
O Brother, Where Art Thou?". Selbst moderne Fantasy wie "Der Herr der Ringe" oder historische Monumentalfilme wie "Gladiator" tragen unverkennbar Spuren von Homers Werk in sich. Doch keine dieser Adaptionen wagt den Schritt, den Christopher Nolan nun geht: Er erzählt die Geschichte nicht als Museumsstück, sondern als lebendiges, zutiefst menschliches Epos. Nolan macht keine Filme, die bloß Geschichten erzählen. Er macht Filme, die einen daran erinnern, warum Geschichten seit Jahrtausenden überhaupt erzählt werden. Und "Die Odyssee" reiht sich nahtlos in seine Vita ein.

Schon die ersten Minuten machen deutlich, dass Nolan keine klassische Abenteuerreise inszenieren möchte. Der Trojanische Krieg dient nicht als heroischer Triumph, sondern als Ausgangspunkt eines Mannes, dessen größter Kampf erst beginnt. Odysseus kehrt nicht als strahlender Held heim - er trägt die Last eines Krieges mit sich, der ihn innerlich verändert hat. Diese Perspektive verleiht der bekannten Geschichte eine emotionale Tiefe, die weit über spektakuläre Monster, Sirenen oder göttliche Eingriffe hinausgeht. Matt Damon liefert dabei möglicherweise die beste Leistung seiner Karriere ab. Sein Odysseus ist weder makelloser Held noch tragischer Märtyrer. Er ist klug, erschöpft, stolz, verletzlich und manchmal erschreckend eigensinnig. Jede Entscheidung wirkt wie das Ergebnis jahrelanger Erfahrungen, jeder Blick erzählt von den Opfern des Krieges. Anne Hathaway verleiht Penelope außergewöhnliche Würde und Stärke, während Tom Holland als Telemachos weit mehr sein darf als bloßer Nebencharakter. Seine parallele Entwicklung spiegelt die Reise seines Vaters und macht deutlich, dass Heimkehr immer beide Seiten verändert. Auch die übrige Besetzung überzeugt auf ganzer Linie. Robert Pattinson verleiht Antinoos eine bedrohliche Präsenz, Charlize Theron erschafft eine faszinierend ambivalente Kalypso und Samantha Morton sorgt als Kirke für einige der eindrucksvollsten Momente des Films. Selbst kleinere Rollen hinterlassen bleibenden Eindruck, weil Nolan seinem Ensemble ungewöhnlich viel Raum gibt.
Visuell gehört "Die Odyssee" zum Beeindruckendsten, was das moderne Blockbusterkino hervorgebracht hat. Die IMAX-Kamera unter Hoyte van Hoytema verwandelt das Mittelmeer in einen nahezu mythischen Raum. Gewaltige Küstenlandschaften, peitschende Stürme und monumentale Tempelanlagen wirken nie wie digitale Kulissen, sondern besitzen eine greifbare physische Präsenz. Die Begegnungen mit Polyphem, den Sirenen oder Skylla entfalten ihre Wirkung gerade deshalb so intensiv, weil Nolan nie den Fehler macht, Spektakel über Atmosphäre zu stellen. Das Fantastische wirkt hier stets wie eine natürliche Erweiterung einer ansonsten realen Welt. Überhaupt hat man niemals das Gefühl, hier überbordernde CGI zu sehen oder der fünfhundersten noch epischeren Schlacht beizuwohnen. Sicher gibt es CGI und natürlich gibt es Schlachten, Nolan opfert aber nie seine Inszenierung für das Spektakel. Diese Effekte fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und wirken dadurch angenehm zurückgenommen, fast schon peinlich entschuldigend dafür, dass sie überhaupt da sind. Oft sieht man nur etwas im Hintergrund, aus der Perspektive der Person - die Effekte stehen nie (oder nur selten, wenn es darauf ankommt) im Vordergrund, sondern immer die Person. Besonders bemerkenswert ist, wie viele einzelne Sequenzen bereits jetzt, zum Kinostart, zum modernen Klassiker des Monumentalkinos avancieren. Hervorzuheben ist da besonders die erschütternde Eröffnung rund um den Fall Trojas, die gleichermaßen als spektakuläre Schlacht und als schonungslose Darstellung der Sinnlosigkeit des Krieges funktioniert. Auch die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem zählt zu den eindrucksvollsten Szenen des Films: Nolan verbindet hier praktisches Effektkino mit einer beinahe greifbaren Horroratmosphäre und schafft einen der spannendsten Momente seiner Karriere. Nicht weniger Lob kann man für die Episode um Kirke, die von Samantha Morton mit faszinierender Ambivalenz gespielt wird, vergeben. Ihre Geschichte ist der emotionale Wendepunkt des Films, weil sich hier erstmals Odysseus' innerer Konflikt stärker entfaltet als die äußeren Gefahren. Zudem kommen gewaltige Seesturm-Sequenzen und die Begegnungen mit den Sirenen, die die atemberaubende Inszenierung nur unterstreichen.

Hinzu kommt Ludwig Göranssons überwältigende, wuchtige Musik, die antike Klangwelten mit modernen orchestralen Strukturen verbindet. Sie begleitet die Handlung nicht bloß - sie trägt sie und verschmilzt Bild und Ton zu einem nahezu hypnotischen Erlebnis. Zusammen mit dem präzisen Schnitt entwickelt der Film einen hypnotischen Rhythmus, der seine fast drei Stunden erstaunlich kurz erscheinen lässt. Bemerkenswert ist außerdem, wie souverän Nolan die Themen der Vorlage in unsere Gegenwart überträgt. Heimat wird nicht als Ort verstanden, sondern als Identität. Die Götter erscheinen weniger als allmächtige Puppenspieler denn als Ausdruck menschlicher Ängste, Hoffnungen und moralischer Konflikte. Schuld, Verlust, Verantwortung und die Frage, ob ein Mensch nach den Schrecken des Krieges jemals wirklich nach Hause zurückkehren kann, bilden das emotionale Fundament des Films. Damit bleibt Nolan Homers Werk erstaunlich treu - nicht im Wortlaut, sondern im Geist. Und ist damit vermutlich auch viel näher an der Vorlage Homers als alle mythischen, an übernatürliche Wesen glaubenden Adaptionen vor ihm. Der vielleicht größte Triumph gelingt Nolan jedoch im Finale auf Ithaka. Die Rückkehr des lange verschollenen Königs, das vorsichtige Wiederfinden zwischen Odysseus, Penelope und Telemachos sowie die anschließende Abrechnung mit den Freiern sind quasi der perfekte Höhepunkt dieses dreistündigen Epos. Und gerade weil Nolan diese Szenen nicht als bloßen Actionhöhepunkt inszeniert, sondern als emotionales und moralisches Finale einer jahrzehntelangen Reise, erreicht "Die Odyssee" eine Kraft, die weit über das Spektakel hinausgeht und den Film lange nach dem Abspann nachhallen lässt.
Natürlich erkennt man dabei unverkennbar den Regisseur hinter "
Memento", "
Inception", "
Interstellar" und "
Oppenheimer". Die nichtlineare Erzählweise, das Spiel mit Erinnerung und Zeit sowie die philosophische Auseinandersetzung mit Identität sind typische Nolan-Motive. Doch anders als manche seiner früheren Werke verliert sich "The Odyssey" nie in intellektueller Konstruktion. Hier stehen die Figuren im Mittelpunkt. Das Ergebnis wirkt emotional zugänglicher als "
Tenet", persönlicher als "
Inception" und gleichzeitig größer als alles, was Nolan bislang auf die Leinwand gebracht hat. Und das hat nach Filmen wie "
Interstellar" und "
Oppenheimer" ein Gewicht, dass man kaum in Worte fassen kann.
Vergleiche mit Filmen wie "
Gladiator", "
Troja", "
Königreich der Himmel" oder sogar Peter Jacksons
"Der Herr der Ringe"-Trilogie drängen sich zwangsläufig auf. Doch "Die Odyssee" kopiert keines dieser Werke. Stattdessen vereint der Film das Monumentale historischer Epen mit der psychologischen Tiefe moderner Charakterdramen und der erzählerischen Komplexität, für die Nolan seit Jahren bekannt ist. Dadurch entsteht etwas Seltenes: ein Blockbuster, der sowohl überwältigt als auch nachdenklich macht. Christopher Nolan beweist eindrucksvoll, dass große Mythen niemals veralten. Sie warten lediglich auf den richtigen Erzähler. "Die Odyssee" ist kein gewöhnlicher Abenteuerfilm, er wurde von interessierten Zuschauern von Beginn an auch nicht so gesehen oder erwartet. "Die Odyssee" ist eine monumentale Meditation über Krieg, Schuld, Familie und die ewige Sehnsucht nach Heimat. Ein Werk von atemberaubender visueller Kraft, außergewöhnlicher erzählerischer Reife und emotionaler Wucht - und zweifellos einer der wichtigsten Filme des modernen Kinos. Und man kann am Ende und ohne Umschweife sagen, dass Christopher Nolan mit "Die Odyssee" das beinahe Unmögliche gelingt: Er macht einen über 2.700 Jahre alten Mythos so zeitlos und überwältigend, als wäre er eigens für das Kino des 21. Jahrhunderts geschrieben worden. Ein modernes Meisterwerk, das lange nach dem Abspann nachhallt - und eine uneingeschränkte Empfehlung verdient. Es bleibt dabei.
10/10
Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Universal Pictures/Syncopy