Samstag, 3. Oktober 2026

4인용 식탁 - A Table For Four - The Uninvited - The Uninvited: Der Tod ist immer bei dir (2003)

https://www.imdb.com/de/title/tt0358345/
https://letterboxd.com/film/the-uninvited-2003/

Innendekorateur Jeong-won (Park Shin-yang) schläft nachts in der U-Bahn ein. Als er an der Endstation erwacht und aussteigt, fallen ihm zwei kleine Kinder auf, die im Zug zurückbleiben. Tags darauf liest er in der Zeitung, dass die Kinder tot seien. Von diesem Moment an wird Jeong von Visionen der Verstorbenen geplagt und beginnt langsam, an seinem Verstand zu zweifeln. Eines Tages lernt er die junge Yeon (Jun Ji-hyun) kennen. Als sie die toten Kinder ebenfalls sieht, erkennt Jeong, dass die beiden ein furchtbares Ereignis aus der Vergangenheit zu verbinden scheint...

"The Uninvited" ist einer dieser Horrorfilme, die weniger durch Schockeffekte als durch eine unangenehme Grundstimmung funktionieren. Das südkoreanische Regiedebüt von Lee Soo-youn - im Original treffender "4inyong siktak", "A Table For Four" also "Tisch für vier“ - erzählt von dem Innenarchitekten Jeong-won (Park Shin-yang), der nach einer unheimlichen Begegnung mit zwei toten Kindern plötzlich Erscheinungen wahrnimmt. Als er die rätselhafte Yeon (Jun Ji-hyun) kennenlernt, die ebenfalls Tote sehen kann, führt ihn das immer tiefer in verdrängte Erinnerungen und familiäre Abgründe. Was mir an dem Film zunächst besonders gefällt, ist seine Atmosphäre. Lee Soo-youn setzt kaum auf den klassischen Horrorfilm-Baukasten, sondern auf leere Räume, kalte Apartmenthäuser, ungewöhnliche Geräusche und lange, beinahe hypnotische Einstellungen. Gerade der titelgebende Esstisch wird dabei zu einem starken visuellen Motiv: Eigentlich steht er für Familie und Zusammengehörigkeit, wird hier aber zum Schauplatz von Tod, Schuld und verdrängter Vergangenheit. Die offizielle koreanische Filmbeschreibung betont genau diese Verbindung zwischen dem Esstisch, dem zerfallenden Familienleben und den emotionalen Wunden der Figuren.

Dabei ist "The Uninvited" erstaunlich wenig auf klassische Gruseleffekte aus. Es gibt zwar einige wirklich verstörende und auch drastische Momente, doch der Film interessiert sich viel stärker für die psychologischen Folgen von Schuld und Verdrängung. Das macht ihn stellenweise durchaus beklemmend. Gleichzeitig verlangt diese Erzählweise Geduld. Mit rund zwei Stunden Laufzeit nimmt sich der Film sehr viel Zeit, seine Figuren und deren Vergangenheit aufzubauen. Genau das wurde auch von zeitgenössischen bzw. späteren Besprechungen als Schwäche gesehen: Die Atmosphäre ist stark, aber die Handlung kommt teilweise nur schleppend voran. Park Shin-yangs Jeong-won ist kein typischer Horrorfilmheld, sondern ein eher gewöhnlicher Mann, dessen vermeintlich geordnetes Leben langsam aus den Fugen gerät. Park vermittelt diese Unsicherheit überzeugend. Noch interessanter ist Jun Ji-hyun als Yeon. Bekannt aus leichteren Rollen, zeigt sie hier eine deutlich zurückgenommene und verletzliche Seite. Ihre Figur ist selbst schwer traumatisiert und wirkt dadurch gleichzeitig zerbrechlich und geheimnisvoll. Die Beziehung zwischen den beiden funktioniert gerade deshalb, weil sie nicht als klassische Liebesgeschichte angelegt ist, sondern eher als Begegnung zweier Menschen, die ihre Einsamkeit und ihre verdrängten Ängste miteinander teilen.

Inhaltlich wird es allerdings zunehmend kompliziert. Lee Soo-youn möchte sehr viel auf einmal erzählen: Geistergeschichte, psychologisches Drama, Familiengeschichte, Schuld, Trauma, Verdrängung und die Frage, wie Menschen mit einer Wahrheit umgehen, die sie lieber vergessen würden. Das ist ambitioniert und teilweise auch spannend – aber nicht alles fügt sich gleich überzeugend zusammen. Einige Nebenfiguren und Handlungsstränge wirken eher wie zusätzliche Puzzleteile, die nicht genügend Raum bekommen. Gerade im letzten Drittel merkt man, dass der Film seine vielen Ideen nicht ganz so elegant zusammenführen kann, wie er es gerne würde. Auch die Symbolik ist nicht gerade subtil. Die Wohnung, der Esstisch, die Kinder und die immer wiederkehrenden Bilder sind deutlich mehr als bloße Horror-Elemente. Im Kern geht es um Menschen, die emotional in ihrer Vergangenheit feststecken und erst durch die Konfrontation mit verdrängten Ereignissen überhaupt wieder eine Zukunft haben können. Das Korean Film Council beschreibt den Film entsprechend als Geschichte über Menschen, die äußerlich erwachsen werden, ihre inneren Verletzungen aber nicht bewältigen - und genau darin liegt letztlich die eigentliche Tragik.

Technisch ist das Ganze für ein Regiedebüt ziemlich beeindruckend. Kamera, Sounddesign und die bewusst leichenblasse Farbgebung erzeugen eine konstant melancholische Stimmung. Besonders die Wohnungen und anonymen Apartmentkomplexe wirken nicht wie neutrale Schauplätze, sondern wie Gefängnisse. Die Inszenierung bleibt dabei erfreulich ruhig und vertraut darauf, dass Atmosphäre mehr bewirken kann als zehn schnelle Jump-Scares. Genau diese stilistische Konsequenz gehört für mich zu den größten Pluspunkten des Films. Allerdings muss man diese Art von Horror mögen. Wer einen temporeichen Geisterfilm erwartet, dürfte mit "The Uninvited" vermutlich wenig anfangen. Der Film ist langsam, schwer, deprimierend und teilweise bewusst rätselhaft. Selbst positive Besprechungen weisen darauf hin, dass die lange Laufzeit und die komplexe Erzählstruktur den Zugang erschweren können. Für mich ist "The Uninvited" deshalb ein interessanter, atmosphärisch sehr starker Horrorfilm, der sich manchmal ein wenig zu viel vornimmt. Die Bildsprache, die beiden Hauptdarsteller und die düstere Grundstimmung funktionieren hervorragend. Beim Drehbuch hätte etwas weniger allerdings durchaus mehr sein können. Manche Nebenhandlung hätte man streichen, manche Erklärung präziser gestalten und das Tempo insgesamt etwas anziehen dürfen.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Bom Film Productions

Freitag, 2. Oktober 2026

Heart Of The Beast - Eiserne Wildnis: Heart Of The Beast (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt7526136/
https://letterboxd.com/film/heart-of-the-beast-2026/

Nach einem verheerenden Flugzeugabsturz strandet der ehemalige Special-Forces-Offizier James Belmont (Brad Pitt) gemeinsam mit seinem Militärhund Odin (Uber) in der abgeschiedenen Wildnis Alaskas. Von der Außenwelt abgeschnitten, sind die beiden ganz aufeinander angewiesen, um den extremen Bedingungen zu trotzen. Eisige Temperaturen, unwegsames Gelände und der tägliche Kampf um Nahrung und Schutz stellen sie immer wieder vor neue Herausforderungen. Während die Hoffnung auf Rettung schwindet, werden Ausdauer, Einfallsreichtum und der enge Zusammenhalt zwischen Mensch und Tier auf eine harte Probe gestellt. Um in der lebensfeindlichen Umgebung zu überleben, muss James all seine Fähigkeiten einsetzen und sich den Gefahren der Wildnis ebenso entschlossen stellen wie den körperlichen und mentalen Belastungen, die der Überlebenskampf mit sich bringt.

Bei Filmen wie "Call Of The Wild" oder "Eight Below" entstehen in mir aus dem Nichts pure Emotionen und die Augen werden feucht. Weil es hier im Grunde um Tiere geht, speziell um Hunde. Hunde, die zusammen mit ihrem Menschen etwas erleben und die nur deswegen überleben, weil sich beide, Tier und Mensch, nicht aufgeben und ihre spezielle Bindung an den Tag legen. David Ayers "Heart Of The Beast" klingt zunächst nach klassischem Survival-Kino: Flugzeugabsturz, eisige Wildnis, ein Mann und sein Hund gegen die Natur. Und tatsächlich liefert Ayer genau das - allerdings mit deutlich mehr Gefühl, als der Titel zunächst vermuten lässt. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Special-Forces-Soldat James Belmont (Brad Pitt), der nach einem Absturz mit seinem ehemaligen Militärhund Odin mitten in der abgelegenen Wildnis Alaskas ums Überleben kämpfen muss. Dabei wird schnell klar, dass es Ayer weniger um das bloße Überleben als um die außergewöhnliche Bindung zwischen Mensch und Tier geht.

Brad Pitt spielt James angenehm zurückgenommen und agiert quasi als Nebendarsteller. Statt des gewohnt coolen Filmstars sieht man einen körperlich angeschlagenen, traumatisierten Mann, der seine Vergangenheit mit sich herumträgt. Vieles funktioniert dabei über Blicke, Gesten und Körpersprache – denn über weite Strecken ist Pitt fast allein mit seinem tierischen Partner unterwegs. Gerade diese Reduktion kommt ihm zugute. James wird nicht zum unbesiegbaren Actionhelden stilisiert, sondern wirkt verletzlich und erschöpft. Der eigentliche Star ist zweifelsohne Odin. Der von mehreren Deutschen Schäferhunden verkörperte ehemalige Diensthund ist nicht einfach ein niedlicher Begleiter, sondern ein vollwertiger Teil der Geschichte. Seine körperlichen Einschränkungen und die gemeinsame Vergangenheit mit James verleihen der Beziehung zusätzliche Bedeutung. Besonders in den ruhigen Momenten gelingt Ayer eine erstaunlich glaubwürdige Kommunikation zwischen Mensch und Hund, ohne das Tier unnötig zu vermenschlichen. Genau diese Szenen gehören zu den stärksten des Films. Dafür ist die Handlung deutlich weniger originell. Absturz, Hunger, Verletzungen, Kälte, wilde Tiere und die Suche nach einem Weg zurück in die Zivilisation kennt man aus zahlreichen Survival-Filmen. Auch "Heart Of The Beast" folgt diesen vertrauten Mustern. Die Geschichte funktioniert, weil sie konsequent auf die Beziehung zwischen James und Odin konzentriert bleibt - nicht weil das Drehbuch von Cameron Alexander besonders überraschende Wege einschlägt. Selbst einige der Gefahren wirken eher wie obligatorische Stationen auf dem Weg zum emotionalen Finale. 

Visuell kann sich der Film dagegen sehen lassen. Die Landschaften, die in Neuseeland entstanden, vermitteln überzeugend die Einsamkeit und Unbarmherzigkeit der alaskischen Wildnis. David Ayer und Kameramann Mauro Fiore nutzen die Natur nicht nur als schöne Kulisse, sondern als ständigen Gegner: Schnee, Wasser, Felsen und extreme Wetterbedingungen bestimmen den Rhythmus der Geschichte. Dadurch besitzt der Film eine angenehm raue, physische Atmosphäre. Die Action ist ebenfalls ordentlich inszeniert, ohne den Film zu einem klassischen Actionvehikel zu machen. Begegnungen mit Raubtieren und andere Gefahrensituationen sorgen für Spannung, während Ayer immer wieder zu den ruhigeren Passagen zurückkehrt. Allerdings zeigt sich hier auch eine Schwäche: Einige computergenerierte Tiere wirken deutlich künstlicher als Odin selbst und reißen gelegentlich aus der ansonsten recht bodenständigen Atmosphäre heraus. Interessant ist außerdem, wie stark der Film mit der Kriegserfahrung seiner Hauptfiguren arbeitet. James und Odin sind beide gewissermaßen Veteranen: Der eine trägt seine psychischen Narben, der andere sichtbare körperliche Spuren davon. Die Wildnis wird damit zu einem Ort, an dem beide nicht nur ums Überleben kämpfen, sondern auch versuchen, mit ihrer Vergangenheit zurechtzukommen. Das ist nicht besonders subtil erzählt, verleiht der ansonsten einfachen Survival-Handlung aber eine zusätzliche emotionale Ebene. Leider übertreibt es der Film gelegentlich mit dieser Emotionalität. Wo die Beziehung zwischen James und Odin aus den Bildern und dem Spiel der beiden bereits überzeugend hervorgeht, setzt das Drehbuch teilweise noch einmal mit dem emotionalen Holzhammer nach. Gerade im späteren Verlauf wird die Geschichte vorhersehbarer und sentimentaler, als es nötig gewesen wäre. Auch die Nebenfiguren bleiben eher Randerscheinungen. J.K. Simmons bekommt zwar Gelegenheit, Akzente zu setzen, doch "Heart Of The Beast" ist letztlich bewusst ein Zwei-Personen-Stück - nur dass eine dieser beiden Personen vier Beine hat. Das funktioniert erstaunlich gut, begrenzt aber gleichzeitig die dramaturgische Tiefe des Films. 

Am Ende ist "Heart Of The Beast" deshalb weder das große Survival-Meisterwerk noch bloß sentimentales Hundekino. David Ayer erzählt eine ausgesprochen geradlinige Geschichte über Überleben, Trauma, Loyalität und die Kraft einer Freundschaft, die ohne große Überraschungen auskommt. Brad Pitt liefert eine starke, angenehm unprätentiöse Vorstellung, während Odin tatsächlich zu einem der überzeugendsten tierischen Filmpartner der letzten Zeit wird. Das reicht für einen sehenswerten Survivalfilm mit Herz, aber nicht ganz für die große emotionale Wucht, die der Film gelegentlich anstrebt. Wer sich auf die ungewöhnliche Mensch-Hund-Beziehung einlässt, bekommt einige wirklich schöne und spannende Momente - muss dafür allerdings auch mit einer recht vorhersehbaren Geschichte und gelegentlich zu viel Gefühl leben.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Paramount Pictures/Wild Chickens Productions/Temple Hill Entertainment/Domain Entertainment/GulfStream Pictures/Kino World

Don’t Worry Darling (2022)

https://www.imdb.com/de/title/tt10731256/
https://letterboxd.com/film/dont-worry-darling/

Alice (Florence Pugh) lebt friedlich mit ihrem Mann Jack (Harry Styles) in einer Haus in der Gemeinschaft von Victory, einer Firmenstadt, in der die Männer für das streng geheime Victory-Projekt arbeiten. Es sind die 1950er-Jahre und Alice führt ein Leben, das hauptsächlich aus Putzen, Kochen und nächtlichen Partys mit den ortsansässigen Leuten besteht. Die Idylle scheint perfekt, und die Bedürfnisse aller Bewohner werden von der Firma und ihrem CEO Frank (Chris Pine) erfüllt. Alles, was er im Gegenzug verlangt, ist bedingungsloses Engagement für die Sache von Victory. Doch als ihr paradiesisches Leben Risse bekommt und sich hinter der attraktiven Fassade etwas viel Unheimlicheres verbirgt, muss Alice sich fragen, was genau sie in Victory tun und warum. Ist Alice wirklich bereit, ihr scheinbar perfektes Leben hinter sich zu lassen, um herauszufinden, was es mit dem Projekt auf sich hat?

Olivia Wildes "Don't Worry Darling" sieht verdammt gut aus - und genau darin liegt zugleich seine größte Stärke und auch ein bisschen sein Problem. Das 50er-Jahre-Setting in der künstlich perfekten Wüstenstadt Victory ist mit seinen schicken Häusern, pastellfarbenen Kleidern, Oldtimern, Cocktailpartys und perfekt frisierten Bewohnern ein echter Hingucker. Alles wirkt zunächst wie das amerikanische Traumleben schlechthin. Nur eben ein bisschen zu perfekt. Im Mittelpunkt steht Alice (Florence Pugh), die mit ihrem Mann Jack (Harry Styles) dieses scheinbare Paradies genießt. Die Männer gehen jeden Morgen zur Arbeit am geheimnisvollen Victory Project, während die Frauen Hausarbeit erledigen, einkaufen, tanzen und sich bei Poolpartys die Zeit vertreiben. Hinter dieser perfekten Fassade beginnt Alice allerdings immer stärker zu spüren, dass etwas gewaltig nicht stimmt. Und je mehr sie nach Antworten sucht, desto mehr zerbröckelt ihre vermeintlich heile Welt.

Die Grundidee funktioniert dabei zunächst richtig gut. "Don't Worry Darling" verbindet 50er-Jahre-Fantasie mit Psychothriller, Science-Fiction und einer ziemlich deutlichen Gesellschaftskritik. Themen wie Konformität, Kontrolle, traditionelle Geschlechterrollen und die Frage, wie weit Menschen bereit sind, ihre persönliche Freiheit gegen ein vermeintlich perfektes Leben einzutauschen, stecken überall im Film. Das ist zwar keineswegs neu, aber die Mischung ist unterhaltsam genug, um über weite Strecken neugierig zu machen. Und dann ist da Florence Pugh. Sie trägt den Film praktisch im Alleingang. Alice entwickelt sich von der glücklichen Hausfrau zur zunehmend verängstigten und schließlich kämpferischen Frau, und Pugh macht jede dieser Veränderungen glaubwürdig. Gerade ihre körperliche Präsenz in den intensiveren Szenen ist beeindruckend. Man nimmt ihr die Panik, Verwirrung und Verzweiflung jederzeit ab. Auch Chris Pine macht als charismatischer Victory-Gründer Frank viel Spaß und bekommt in den direkten Konfrontationen mit Pugh einige der besten Szenen des Films. Olivia Wilde selbst sorgt als Alice' Freundin Bunny zudem für etwas Humor und Leichtigkeit. Harry Styles sehe ich dagegen etwas zwiespältiger. Als Jack funktioniert er durchaus, vor allem aufgrund seiner Ausstrahlung und weil seine zunächst charmante, später deutlich unangenehmere Seite zum Konzept passt. Für die emotionale Tiefe, die die Rolle teilweise verlangt, fehlt ihm allerdings noch etwas. 


Handwerklich gibt es dagegen wenig zu meckern. Matthew Libatiques Kameraarbeit fängt Victory mit warmen Farben und eleganten Bildern ein, während Produktionsdesign und Kostüme die künstliche Perfektion der Welt hervorragend verkaufen. Dazu kommt John Powells zunehmend aufdringliche, aber wirkungsvolle Musik. Wilde versteht es durchaus, Atmosphäre aufzubauen und aus dem schönen Schein langsam etwas Unheimliches entstehen zu lassen. Mein größeres Problem liegt im Drehbuch. Je näher "Don't Worry Darling" seiner großen Auflösung kommt, desto stärker merkt man, dass die Geschichte nicht alle Fragen wirklich zufriedenstellend beantworten kann. Die zentrale Wendung ist interessant genug, wirkt aber rückblickend deutlich weniger clever, als der Film sie zunächst erscheinen lässt. Einige Konsequenzen und Zusammenhänge bleiben erstaunlich dünn erklärt. Statt die Spannung konsequent aufzubauen, liefert der Film gegen Ende sehr viel Erklärung auf einmal. Genau hier verliert er einen Teil seiner zuvor so schön aufgebauten Atmosphäre. 

Auch die gesellschaftliche Aussage ist etwas einfacher, als die aufwendige Verpackung vermuten lässt. Die Kritik an patriarchalen Strukturen und der Idee einer vermeintlich perfekten, kontrollierten Gesellschaft ist klar erkennbar, wird aber teilweise so plakativ präsentiert, dass wenig Raum für Ambivalenz bleibt. Der Film hat also durchaus etwas zu sagen - nur wäre es spannender gewesen, wenn er seinem Publikum etwas mehr zugetraut hätte. Trotzdem hat "Don't Worry Darling" für mich genügend Qualitäten, um über seine Schwächen hinwegzusehen. Der Film ist atmosphärisch, spannend, hervorragend ausgestattet und mit Florence Pugh ausgezeichnet besetzt. Nur hätte aus dieser starken Ausgangsidee und der fantastischen visuellen Umsetzung ein wirklich herausragender Thriller werden können. Stattdessen bleibt ein unterhaltsamer, teilweise ziemlich cleverer, aber letztlich etwas unausgegorener Film zurück.

"Don't Worry Darling" ist für mich vor allem Style over Substance - allerdings mit ziemlich viel Style. Die Optik, Atmosphäre und Florence Pughs starke Hauptrolle machen den Film sehenswert, während das Drehbuch und die große Auflösung hinter den eigenen Möglichkeiten zurückbleiben. Kein Meisterwerk, aber definitiv interessanter und besser gemacht, als es seine Schwächen vermuten lassen.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Vertigo Entertainment/New Line Cinema

The Two Popes - Die zwei Päpste (2019)

https://www.imdb.com/title/tt8404614/
https://letterboxd.com/film/the-two-popes/

Kardinal Bergoglio (Jonathan Pryce) ist von der Leitung der katholischen Kirche enttäuscht und bittet Papst Benedikt (Anthony Hopkins) um die Erlaubnis, 2012 in den Ruhestand zu treten. Stattdessen beruft der nachdenkliche Papst Benedikt seinen schärfsten Kritiker und zukünftigen Nachfolger nach Rom, um ein Geheimnis preiszugeben, das die Grundfeste der katholischen Kirche erschüttern würde. Hinter den Mauern des Vatikans beginnt ein Kampf zwischen Tradition und Fortschritt, Schuld und Vergebung, da diese beiden sehr unterschiedlichen Männer sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, um Gemeinsamkeiten zu finden und eine Zukunft für eine Milliarde Anhänger auf der ganzen Welt zu schmieden. Der Argentinier wird Nachfolger des Deutschen Benedikt XVI., hegte aber zunächst Zweifel, ob er das Amt übernehmen soll. Schließlich wurde er der erste lateinamerikanische Papst und auch der erste Papst, der dem Orden der Jesuiten angehört.

Zwei Männer, zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Kirche und Glauben - und ein überraschend unterhaltsames Gespräch darüber, wie schwer es sein kann, die eigene Haltung zu hinterfragen. "Die zwei Päpste" erzählt von den fiktiv ausgestalteten Begegnungen zwischen Papst Benedikt XVI. (Anthony Hopkins) und dem argentinischen Kardinal Jorge Mario Bergoglio (Jonathan Pryce), dem späteren Papst Franziskus. Was zunächst wie ein höflicher Machtkampf hinter vatikanischen Mauern beginnt, entwickelt sich zu einem erstaunlich warmherzigen Film über Zweifel, Schuld, Veränderung und gegenseitigen Respekt. Regisseur Fernando Meirelles inszeniert das Ganze weniger als klassische Biografie denn als Kammerspiel mit Buddy-Movie-Elementen. Benedikt ist konservativ, intellektuell und auf Distanz bedacht, während Bergoglio bodenständig, humorvoll und deutlich volksnäher auftritt. Aus diesem Gegensatz gewinnt der Film einen Großteil seines Reizes. Die beiden diskutieren über Theologie, Musik, Fußball und die Zukunft der katholischen Kirche - und kommen sich dabei allmählich näher.

Das Drehbuch von Anthony McCarten ist ausgesprochen dialogstark. Viele Gespräche sind pointiert, geistreich und angenehm leichtfüßig, ohne dass die Themen dadurch völlig banal würden. Gerade die kleinen Momente funktionieren besonders gut: ein gemeinsames Bier, ein Fußballspiel im Fernsehen oder ein Gespräch über Musik sagen oft mehr über die Figuren aus als längere Erklärungen. Der Film besitzt dadurch einen charmanten Humor, der die Schwere seiner Themen immer wieder auflockert. Getragen wird "Die zwei Päpste" vor allem von seinen beiden Hauptdarstellern. Anthony Hopkins spielt Benedikt mit einer Mischung aus Strenge, intellektueller Eitelkeit und trockenem Witz. Hinter der kontrollierten Fassade lässt er immer wieder Einsamkeit und Unsicherheit erkennen. Jonathan Pryce wiederum verleiht Bergoglio eine bemerkenswerte Wärme und Lebendigkeit. Seine Darstellung ist charismatisch, ohne zur bloßen Heiligenverehrung zu verkommen. Die Chemie zwischen beiden ist der eigentliche Motor des Films - und erklärt, warum selbst lange Dialogpassagen kaum langweilig werden. Die Rückblenden in Bergoglios Vergangenheit erweitern die Geschichte um eine ernstere, politisch aufgeladene Ebene. Sie zeigen seine Tätigkeit während der argentinischen Militärdiktatur und die Schuldgefühle, die ihn bis ins Alter verfolgen. Diese Passagen sind wichtig, wirken aber stilistisch etwas uneinheitlich. Die schwarz-weiße Gestaltung und die dramatische Inszenierung machen deutlich, dass hier ein moralisches Trauma verhandelt wird. Gleichzeitig bleibt die Darstellung der historischen Zusammenhänge relativ verkürzt. Gerade bei einem Film, der sich so stark mit Schuld und Verantwortung beschäftigt, hätte man sich an manchen Stellen mehr Differenzierung gewünscht.

Auch die kontroversen Seiten der katholischen Kirche werden angesprochen, allerdings nicht immer mit der Konsequenz, die das Thema verdient hätte. Der Film deutet institutionelles Versagen und den Umgang mit Missbrauch an, bleibt dabei aber auffallend zurückhaltend. Statt die politischen und moralischen Konflikte umfassend auszuleuchten, konzentriert er sich lieber auf die persönliche Annäherung seiner beiden Protagonisten. Das macht ihn zugänglich, nimmt ihm aber auch etwas von seiner kritischen Schärfe. Zeitgenössische Kritiken bemängelten entsprechend, dass die problematischen Aspekte der Kirchengeschichte nur vorsichtig behandelt werden. Visuell ist der Film deutlich abwechslungsreicher, als man bei einem dialoglastigen Kammerspiel erwarten könnte. Fernando Meirelles arbeitet mit beweglicher Kamera, dynamischem Schnitt und unterschiedlichen Bildformaten. Die vatikanischen Räume wirken zunächst monumental und distanziert, während die Szenen außerhalb des Vatikans deutlich menschlicher und freier gestaltet sind. Die Musik von Bryce Dessner unterstützt die wechselnden Stimmungen, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Gelegentlich wirkt die Inszenierung allerdings etwas zu geschniegelt und glatt, als wolle sie jede Szene möglichst elegant und gefällig präsentieren. Inhaltlich überzeugt "Die zwei Päpste" vor allem durch seine humanistische Grundidee. Der Film behauptet nicht, dass alle theologischen oder politischen Gegensätze plötzlich verschwinden. Er zeigt vielmehr, dass Verständigung möglich wird, wenn Menschen einander nicht nur als Vertreter einer Position, sondern als verletzliche Individuen begegnen. Dabei ist die Darstellung natürlich stark fiktionalisiert. Die privaten Gespräche, die der Film ins Zentrum stellt, sind dramaturgisch wirkungsvoll, aber nicht als umfassendes historisches Protokoll zu verstehen.

Ein wenig zu glatt fällt schließlich die Entwicklung der Beziehung aus. Der Film führt seine beiden Figuren relativ zielstrebig von Skepsis zu Verständnis und von Konfrontation zu Freundschaft. Das ist unterhaltsam und emotional stimmig, wirkt aber gelegentlich auch etwas bequem. Die Gegensätze werden dadurch stärker personalisiert als institutionell oder theologisch ausgetragen. Wer eine tiefgehende Analyse der katholischen Kirche erwartet, bekommt deshalb eher ein kluges, sympathisches Schauspielduell als eine umfassende Auseinandersetzung. "Die zwei Päpste" ist ein charmantes, hervorragend gespieltes und überraschend unterhaltsames Drama über zwei sehr unterschiedliche Männer, die sich trotz ihrer Gegensätze aufeinander zubewegen. Anthony Hopkins und Jonathan Pryce sind großartig, das Drehbuch liefert pointierte Dialoge, und Fernando Meirelles hält das dialoglastige Konzept mit einer lebendigen Inszenierung in Bewegung. Die historische und kirchenkritische Dimension bleibt zwar teilweise zu oberflächlich, doch als menschliches Kammerspiel funktioniert der Film ausgesprochen gut. Warmherzig, geistreich und sehenswert - auch für Zuschauer, die mit Religion wenig anfangen können.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Rideback

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Remember Me - Remember Me: Lebe den Augenblick (2010)

https://www.imdb.com/de/title/tt1403981/
https://letterboxd.com/film/remember-me/

Über den Tod seines Bruders ist Tyler Hawkins (Robert Pattinson) auch nach Jahren nicht hinweg gekommen. Vater Charles (Pierce Brosnan) zahlt zwar, hat aber ansonsten keine Verbindung zu seinem sensiblen Sohn und dessen kleiner Schwester Caroline (Ruby Jerins). Als Tyler in eine Schlägerei gerät, überredet ihn sein Kumpel Aidan (Tate Ellington), mit der Tochter des Polizisten (Chris Cooper) anzubandeln, der ihn verhaftet hat. Ally (Emilie de Ravin) studiert genau wie Tyler an der NYU. Langsam kommen sich die beiden näher - bis ernsthafte Probleme die frische Beziehung belasten...

"Remember Me" ist ein Film, der auf den ersten Blick wie eine typische romantische Tragödie aus der Zeit nach dem großen "Twilight"-Hype wirkt. Robert Pattinson spielt wieder einen schweigsamen, verletzten jungen Mann, der mit seiner Vergangenheit hadert und sich nur schwer auf andere Menschen einlassen kann. Trotzdem steckt in Allen Coulters Drama mehr, als die Oberfläche zunächst vermuten lässt. Der Film ist nicht frei von Kitsch und dramaturgischen Schwächen, entwickelt aber eine erstaunlich intensive emotionale Wirkung. Aber gerade die Figuren sind für mich die größte Stärke des Films. Tyler ist zwar deutlich als klassischer, melancholischer "Rebel without a Cause" angelegt, aber Pattinson spielt ihn mit genügend Ecken und Kanten, damit er nicht nur wie ein hübscher Problemjunge wirkt. Seine Wut, seine Selbstzerstörung und seine Verletzlichkeit sind nicht immer subtil geschrieben, wirken in den ruhigeren Momenten aber durchaus glaubwürdig. Besonders gut funktioniert seine Beziehung zu seiner jüngeren Schwester Caroline (Ruby Jerins). In diesen Szenen zeigt Pattinson eine Wärme, die seiner Figur sonst oft fehlt. Auch Emilie de Ravin überzeugt als Ally. Sie ist nicht bloß die verständnisvolle Freundin, die Tyler aus seiner Krise retten soll, sondern bringt ihre eigene Trauer und ihre eigenen Ängste mit. Die Chemie zwischen ihr und Pattinson stimmt, und ihre Beziehung entwickelt sich angenehm beiläufig. Der Film nimmt sich Zeit für gemeinsame Gespräche, kleine Gesten und unspektakuläre Alltagssituationen. Dadurch wirkt die Romanze trotz mancher Klischees überraschend greifbar.

Der übrige Cast ist ebenfalls stark. Pierce Brosnan verleiht Tylers Vater eine Mischung aus Kälte, Überforderung und unterdrücktem Schuldgefühl. Chris Cooper spielt Allys Vater, einen Polizisten, der nach einem persönlichen Schicksalsschlag emotional verhärtet ist. Beide Männer sind als Gegenpole angelegt, bleiben aber mehr als bloße Gegenspieler. Ihre Konflikte mit den Kindern verleihen dem Film eine zusätzliche familiäre Ebene. Die Nebenfiguren sind zwar nicht immer gleich tief ausgearbeitet, tragen aber viel zur melancholischen Grundstimmung bei. Allen Coulter setzt inszenatorisch auf eine gedämpfte Farbpalette, New Yorker Schauplätze und eine ruhige Kamera, die den Figuren viel Raum lässt. Die Stadt wirkt nicht wie eine glamouröse Filmkulisse, sondern wie ein etwas grauer, hektischer Ort, in dem sich die Charaktere verlieren und gelegentlich wiederfinden. Marcelo Zarvos’ Musik unterstreicht die emotionale Atmosphäre wirkungsvoll, ist allerdings mitunter sehr deutlich darauf ausgerichtet, Gefühle zu verstärken. Das Drehbuch von Will Fetters hat seine Stärken vor allem in den zwischenmenschlichen Szenen. Die Dialoge sind nicht immer subtil, und manche Figuren werden etwas zu offensichtlich mit tragischen Hintergrundgeschichten ausgestattet. Fast jeder Charakter trägt eine Form von Verlust mit sich herum, was den Film stellenweise überladen wirken lässt. Trotzdem gelingt es der Geschichte, die Themen Trauer, familiäre Entfremdung und die Suche nach einem Neuanfang miteinander zu verbinden. Problematischer ist da die Dramaturgie im letzten Drittel. Ohne das Ende vorwegzunehmen: Der Film setzt auf eine große Wendung, die seine gesamte Geschichte rückwirkend in ein anderes Licht rücken soll. Dieser Kniff ist zweifellos mutig, wirkt aber auch konstruiert und emotional manipulativ. Die Frage ist weniger, ob das Finale überrascht, sondern ob es sich organisch aus dem zuvor Erzählten entwickelt. Für mich funktioniert es als emotionaler Schock, aber nicht vollständig als überzeugende dramaturgische Konsequenz. Trotzdem würde ich "Remember Me" nicht auf seine letzte Wendung reduzieren. Der Film besitzt zuvor genügend ruhige, ehrliche und gut gespielte Momente, um emotional zu funktionieren. Besonders die Szenen zwischen Tyler und Caroline sowie die vorsichtige Annäherung von Tyler und Ally bleiben im Gedächtnis. Hier zeigt sich, dass der Film nicht nur auf Tragik aus ist, sondern tatsächlich etwas über Menschen erzählen möchte, die versuchen, mit Verletzungen weiterzuleben.

"Remember Me" bleibt daher ein gefühlvolles, gut gespieltes Drama, das seine Wirkung vor allem aus den Figuren und ihren Beziehungen bezieht. Robert Pattinson zeigt, dass er mehr kann als den distanzierten Schwarm aus "Twilight", während Emilie de Ravin, Pierce Brosnan, Chris Cooper und Ruby Jerins das Ensemble überzeugend ergänzen. Das Drehbuch ist gelegentlich überladen und das Finale zweifellos diskutabel, doch bis dahin entwickelt der Film eine glaubwürdige emotionale Nähe. Für mich bleibt deshalb ein melancholischer, nicht immer subtiler, aber durchaus berührender Film über Liebe, Verlust und die schwierige Suche nach Vergebung.

7,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Summit Entertainment

Mittwoch, 30. September 2026

The Lovely Bones - In meinem Himmel (2009)

https://www.imdb.com/de/title/tt0380510/
https://letterboxd.com/film/the-lovely-bones/

Größere Konflikte gab es für die 14-jährige Susie Salmon (Saoirse Ronan) bisher keine in ihrem Leben. Streit mit Mama Abigail (Rachel Weisz) und Papa Jack (Mark Wahlberg) entsteht meist nur wegen kleinerer finanzieller Probleme. So ist es ihren Eltern z. B. unmöglich, alle 24 Filme, die Susie in kürzester Zeit mit ihrer neuen Kamera verschossen hat, auf einmal entwickeln zu lassen. Aber selbst die Enttäuschung darüber verblasst sofort, als sie erkennt, dass sich ihr erster Schwarm, Ray Singh (Reece Ritchie), auch für sie interessiert. Gerade an diesem Nachmittag begegnet sie auf dem Heimweg von der Schule George Harvey (Stanley Tucci), einem Nachbarn, der sie in einen unterirdischen Bunker unter einem Feld lockt und sie dort tötet. Da Susie sich aber noch nicht ganz von ihrem Leben lösen kann, verharrt sie in einem Zwischenreich, während ihre Eltern trauern.

"The Lovely Bones" ist ein Film, bei dem sich Faszination und Frustration immer wieder abwechseln. Peter Jackson erzählt die Geschichte der 14-jährigen Susie Salmon (Saoirse Ronan), die von ihrem Nachbarn George Harvey (Stanley Tucci) ermordet wird und anschließend aus einer Zwischenwelt heraus beobachtet, wie ihre Familie mit dem Verlust umgeht. Gleichzeitig muss sie miterleben, dass ihr Täter weiterhin unbehelligt unter den Menschen lebt. Der Film verbindet Kriminaldrama, Familiendrama und Fantasy - und genau diese Mischung ist zugleich seine Stärke und sein Problem. Besonders überzeugend sind die Szenen, die auf der Erde spielen. Die Familie zerbricht beinahe an Susies Tod, wobei Mark Wahlberg als verzweifelter Vater und Rachel Weisz als emotional zurückgezogene Mutter unterschiedliche, glaubwürdige Formen der Trauer zeigen. Saoirse Ronan verleiht Susie eine berührende Mischung aus Verletzlichkeit, Neugier und stiller Wut.

Auch Stanley Tucci hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Sein George Harvey wirkt nicht wie ein überzeichneter Bösewicht, sondern wie ein höflicher, unscheinbarer Nachbar. Gerade diese Normalität macht ihn so unangenehm und bedrohlich. Susan Sarandon sorgt als Susies Großmutter dagegen für schwarzen Humor, wirkt mit ihrer bewusst überdrehten Darstellung aber gelegentlich wie eine Figur aus einem anderen Film. Visuell ist Jacksons Werk zweifellos beeindruckend. Die Zwischenwelt ist fantasievoll, farbenprächtig und technisch aufwendig gestaltet. Allerdings wirkt sie stellenweise so opulent und künstlich, dass sie die eigentlichen Gefühle überdeckt. Die märchenhaften Bilder passen zwar zu Susies Perspektive, geraten aber gelegentlich zur Effektdemonstration. Auch tonal schwankt der Film stark zwischen Thriller, Trauerdrama, Fantasy und Sentimentalität. Dadurch entsteht nicht immer ein stimmiges Gesamtbild.

Inhaltlich beschäftigt sich "The Lovely Bones" mit Verlust, Schuld, Rache und dem Loslassen. Einige ruhige Familienszenen treffen dabei deutlich stärker als die großen Fantasysequenzen. Leider bleibt die Handlung rund um die Ermittlungen und Susies mögliche Erlösung etwas oberflächlich. Auch das Tempo ist nicht ganz ausgewogen: Manche Nebenhandlungen werden ausführlich behandelt, während andere Entwicklungen zu schnell abgehandelt werden. "The Lovely Bones" ist ein ambitionierter, atmosphärischer und hervorragend gespielter Film, der sich jedoch zu häufig zwischen seinen verschiedenen Tonlagen verliert. Saoirse Ronan und Stanley Tucci sind herausragend, die Familienszenen besitzen echte emotionale Kraft. Die visuelle Gestaltung ist fantasievoll, aber oft überladen. Für mich bleibt ein berührendes, eigenwilliges und sehenswertes Drama - allerdings eines, das seine größten Stärken immer dann zeigt, wenn es sich auf die Menschen konzentriert.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: WingNut Films/DreamWorks Pictures/Film4 Productions

Heavenly Creatures (1994)

https://www.imdb.com/title/tt0110005/
https://letterboxd.com/film/heavenly-creatures/

In den 1950er Jahren im neuseeländischen Christchurch lernen sich die jugendlichen Außenseiterinnen Pauline Rieper (Melanie Lynskey) und Juliet Hulme (Kate Winslet) kennen und entwickeln eine intensive Freundschaft. Die Mädchen haben viele Gemeinsamkeiten: Sie leiden beide unter einer schweren Krankheit und verehren den italo-amerikanischen Opernsänger Mario Lanza. Um der langweiligen und geschniegelten Realität Christchurchs zu entfliehen, schaffen die Freundinnen gemeinsam eine Fantasiewelt, die von Einhörnern, übergroßen Schmetterlingen und einer dekadenten Königsfamilie bevölkert wird. Ihre Eltern erkennen in der immer intensiver werdenden Bindung der Mädchen schon bald den Beginn einer "gefährlichen homosexuellen Beziehung" und versuchen sie mit allen Mitteln auseinanderzubringen. Doch Pauline und Juliet sind zum Äußersten bereit, um sich und ihr Königreich gegen diesen Angriff zu verteidigen...

"Heavenly Creatures" ist ein Film, der einen zunächst mit seiner fantasievollen, beinahe märchenhaften Oberfläche lockt - und einen dann ziemlich unbarmherzig daran erinnert, dass hinter dieser Fantasie etwas zutiefst Verstörendes steckt. Peter Jackson erzählt darin die wahre Geschichte der beiden Jugendlichen Pauline Parker (Melanie Lynskey) und Juliet Hulme (Kate Winslet), die sich im Neuseeland der 1950er-Jahre anfreunden und eine gemeinsame Fantasiewelt erschaffen. Aus dieser intensiven Freundschaft entwickelt sich schließlich eine Katastrophe. Was mich an dem Film besonders beeindruckt, ist, wie konsequent Jackson die Welt durch die Augen der beiden Mädchen zeigt. Christchurch wird für Pauline und Juliet schnell zu einem langweiligen, einengenden Ort, aus dem sie sich in ihre eigene „Vierte Welt“ flüchten. Dort gibt es Königreiche, Monster, Helden und große Abenteuer. Ihre Fantasie ist nicht bloß ein gelegentlicher Ausweg aus dem Alltag, sondern wird zunehmend zu ihrer eigentlichen Realität. Jackson visualisiert diese Vorstellungen mit enormer Kreativität: Plastilinfiguren erwachen zum Leben, Landschaften verwandeln sich in märchenhafte Kulissen, und die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit verschwimmen immer stärker.

Gerade diese Szenen sind visuell herausragend. Die Kamera bewegt sich oft geradezu euphorisch durch die Bilder, die Musik wird zum emotionalen Verstärker, und die Fantasiesequenzen besitzen eine fiebrige, manchmal fast psychedelische Energie. Gleichzeitig wirkt das Ganze nie nur verspielt. Schon früh liegt über der Freundschaft etwas Unruhiges, Übersteigertes. Die Mädchen erleben ihre Verbindung als etwas Absolutes, als hätten sie füreinander eine eigene Welt geschaffen, in der die Regeln der Erwachsenen nicht mehr gelten. Dass diese Welt zunehmend bedrohliche Züge annimmt, macht den Film so faszinierend. Melanie Lynskey und Kate Winslet sind dabei schlicht großartig. Lynskey spielt Pauline als verschlossene, empfindsame und zugleich zunehmend besessene Jugendliche. Man spürt, wie sehr sie sich nach Anerkennung und Nähe sehnt, aber auch, wie schwer es ihr fällt, ihre Gefühle einzuordnen. Winslet ist als Juliet zunächst charismatischer und selbstsicherer. Sie besitzt eine ansteckende Energie, wirkt aber ebenfalls exaltiert und emotional instabil. Die beiden ergänzen sich hervorragend, weil ihre Freundschaft sowohl von echter Zuneigung als auch von gegenseitiger Verstärkung lebt.

Besonders stark ist, dass Jackson die beiden nicht einfach als unschuldige Opfer einer verständnislosen Erwachsenenwelt darstellt. Natürlich fühlen sie sich von ihren Eltern, der Schule und den gesellschaftlichen Erwartungen eingeengt. Ihre Fantasie ist auch ein Ausdruck jugendlicher Selbstbehauptung. Aber der Film zeigt ebenso deutlich, wie egozentrisch, manipulativ und gefährlich diese Abgrenzung werden kann. Pauline und Juliet sind keine eindimensionalen „bösen Mädchen“, aber auch keine romantischen Rebellinnen. Sie sind Jugendliche, die sich in ihrer eigenen emotionalen Dynamik immer weiter verlieren. Die Erwachsenen bleiben dabei bewusst etwas auf Abstand. Das ist einerseits konsequent, weil die Geschichte aus der Perspektive der Mädchen erzählt wird. Andererseits hätte ich mir stellenweise etwas mehr Tiefe bei den Eltern gewünscht. Ihre Sorgen und Reaktionen sind nachvollziehbar, doch sie erscheinen oft vor allem als Gegenspieler der Fantasiewelt. Gerade dadurch wird die Isolation der beiden Hauptfiguren verstärkt - allerdings verliert der Film gelegentlich an sozialer Ausgewogenheit.

Auch das Drehbuch von Peter Jackson und Fran Walsh ist bemerkenswert. Es versucht nicht, den realen Kriminalfall nüchtern nachzuerzählen, sondern interessiert sich für die emotionale Entwicklung, die zu ihm führt. Dabei bleibt die konkrete Psychologie nicht immer vollständig erklärbar. Warum aus einer intensiven Freundschaft eine derart zerstörerische Dynamik entsteht, beantwortet der Film nicht eindeutig. Das kann man als Schwäche empfinden, für mich passt es aber zur verstörenden Wirkung: "Heavenly Creatures" zeigt keinen sauber analysierbaren Abstieg, sondern einen Sog, dem sich die Figuren selbst immer weniger entziehen können. Die Inszenierung ist zweifellos Jacksons größte Leistung. Wer ihn nur von seinen späteren Großproduktionen kennt, dürfte überrascht sein, wie verspielt, mutig und experimentierfreudig dieser frühe Film ist. Die Kamerafahrten, die Farbgestaltung, die Musik und die Übergänge zwischen Realität und Fantasie wirken ausgesprochen einfallsreich. Gleichzeitig ist die Bildsprache nicht bloß Selbstzweck. Die märchenhaften Bilder machen sichtbar, wie Pauline und Juliet ihre Umwelt wahrnehmen - und wie gefährlich es wird, wenn diese Wahrnehmung keinen Korrektiven mehr begegnet. Das Erzähltempo ist allerdings nicht immer vollkommen ausgewogen. Gerade im Mittelteil verliert sich der Film gelegentlich etwas in der ausufernden Darstellung der Fantasiewelt und der emotionalen Abhängigkeit der Mädchen. Die Faszination ihrer Freundschaft ist zwar nachvollziehbar, doch manche Szenen wiederholen ähnliche Zustände von Euphorie, Trotz und gegenseitiger Bestätigung. Dadurch wirkt der Film stellenweise leicht überladen. Gleichzeitig ist diese Übersteigerung natürlich auch Teil seines Konzepts. Das Ende gehört dann zu den verstörendsten Momenten des Films. Jackson inszeniert die Katastrophe nicht als sensationellen Schockeffekt, sondern als erschreckende Konsequenz einer Entwicklung, die sich zuvor bereits angekündigt hat. Gerade weil der Film die Mädchen so intensiv in ihrer Fantasie begleitet, trifft der Bruch mit dieser Welt umso härter. Die märchenhafte Oberfläche wird rückwirkend zu etwas Tragischem und Unheimlichem.

"Heavenly Creatures" ist ein außergewöhnlicher Film über Freundschaft, Fantasie, emotionale Abhängigkeit und die gefährliche Grenze zwischen Vorstellung und Realität. Peter Jackson erzählt den Stoff mit einer beeindruckenden visuellen Energie, ohne die verstörende Dimension der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Melanie Lynskey und Kate Winslet liefern herausragende Leistungen und machen die Beziehung ihrer Figuren gleichermaßen faszinierend und beunruhigend. Nicht jede Nebenfigur ist tief ausgearbeitet, und die Inszenierung ist gelegentlich etwas überbordend – trotzdem bleibt dieser Film lange im Gedächtnis. Ein eigenwilliges, intensives und visuell herausragendes Drama.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: WingNut Films/New Zealand Film Commission/Fontana Film Production