Springfield droht der ökologische Kollaps. Und wer hat Schuld? Natürlich Homer Simpson (Originalstimme: Dan Castellaneta)! Der entsorgte die in einem Silo gesammelten Fäkalien seines neuen Hausschweines - "Spiderschwein" - im ohnehin vollkommen verdreckten örtlichen See und brachte das Fass damit zum Überlaufen. Springfield ist nun offiziell die dreckigste Stadt der USA. Auch das Weiße Haus und Präsident Arnold Schwarzenegger (Harry Shearer) können angesichts dieser Tatsache nicht länger die Augen verschließen. Die Lösung: Ganz Springfield wird eine riesige Glaskugel übergestülpt. Wen wundert es da, dass sich schnell ein aufgebrachter Mob versammelt, der nach Rache sinnt. Den Simpsons bleibt damit nichts anderes als die Flucht - die auch gerade so durch einen Hasenbau gelingt. Marge (Julie Kavner) gefällt das Ganze zwar überhaupt nicht, aber letztlich stimmt sie doch Homers Notfallplan zu: einem Neuanfang in Alaska. Als jedoch bekannt wird, dass die Regierung Springfield vollkommen auslöschen möchte, machen sich Marge und die Kinder auf, ihre alten Freunde zu retten. Nur Homer muss noch überzeugt werden...
Als 2007 endlich "The Simpsons Movie" in die Kinos kam, fühlte es sich an, als würde eine längst überfällige Frage beantwortet: Kann eine Serie, die das amerikanische Fernsehen seit Jahrzehnten kommentiert, auch das Kino kommentieren - und dabei selbst noch lebendig wirken? Der Film ist keine Revolution, aber er ist ein erstaunlich lebendiger Beweis dafür, dass in Springfield noch Herz, Wut und Witz stecken, wenn man die besten Köpfe wieder an einen Tisch setzt. Die Macher hatten ja seit den frühen Jahren der Serie mit dem Gedanken eines Films gespielt, ihn aber ursprünglich erst nach dem Ende der Serie realisieren wollen - ein Ende, das bekanntlich nie kam. Matt Groening sah im Kino vor allem die Chance, die Skala zu vergrößern und Sequenzen zu animieren, die im Fernsehen zu aufwendig wären. Also holte man die stärkstmögliche Autorentruppe aus den frühen Staffeln zurück, Mike Scully, Al Jean und andere Veteranen, und verpflichtete David Silverman, einen prägenden Regisseur der Serie, der dafür sogar seinen Job bei Pixar aufgab. Das Ergebnis ist ein Film, der sich anfühlt wie eine destillierte Version der Serie: größer, glatter, teurer - aber immer dann am besten, wenn er klein, boshaft und familiär wird.
Die Geschichte ist, im besten und im schwächeren Sinne, archetypisch für "Die Simpsons": Homer verursacht - aus reiner Bequemlichkeit und Ignoranz - eine ökologische Katastrophe, indem er einen Silo voller Schweinekot in den See Springfield kippt, woraufhin Springfield unter eine gigantische Glaskuppel gesperrt und von der US-Regierung praktisch aufgegeben wird. Dass ausgerechnet eine reale Meldung über ein Städtchen, das mit Schweinegülle im Wassersystem zu kämpfen hatte, Groening zu diesem Plot inspirierte, passt zur Arbeitsweise der Serie: Die große Satire beginnt mit einem absurden, aber durchaus recherchierbaren Zeitungssatz. Wie oft in den besten TV‑Folgen wird die Stadt kollektiv wahnsinnig, und es dauert nicht lange, bis sich der Mob gegen die Familie Simpson wendet. Der Film zwingt die Familie zur Flucht nach Alaska, nur um sie im Finale umso emphatischer nach Springfield zurückkehren zu lassen, wo sie - natürlich - die Stadt retten müssen. In seiner Struktur ist das klassische Fernsehdramaturgie, einfach aufgeblasen: ein üppiger Auftakt in Springfield, Exil und Selbstfindung in der Fremde, apokalyptische Rückkehr. Wer die Serie kennt, erkennt hier die DNA zahlreicher Episoden, nur in 90 Minuten ausgerollt. Auf der Gag-Ebene ist "The Simpsons Movie" überraschend dicht und erstaunlich fokussiert, gerade gemessen an den zeitgleichen Staffeln der Serie, denen viele Fans zum damaligen Zeitpunkt (Staffel 17/Staffel 18) einen kreativen Durchhänger attestierten. Der Film liefert aber die herzhaften Lacher, die beißende Satire und das ehrliche Porträt einer amerikanischen Familie, die die Serie einst so populär gemacht haben. Die Pointen sind beiläufig und kommen natürlich, und wenn mal ein Gag nicht ankommt, folgt der nächste sofort hinterher. Typisch für "Die Simpsons" ist die Mischung aus Slapstick, Metawitz und politischer Groteske: Die Kuppel, der inkompetente Präsident und seine technokratischen Berater, der blinde Fortschrittsglaube der Behörden - all das wirkt wie eine logische Fortsetzung des satirischen Blicks, mit dem die Serie seit Ende der Achtziger amerikanische Politik seziert. An manchen Stellen merkt man dem Film seine Pflicht zur Event-Komödie allerdings an: Running Gags und "schneller, größer. lauter"-Momente (etwa die spektakulären Verfolgungsjagden) drängen gelegentlich den leiseren, giftigeren Humor an den Rand. Am stärksten ist der Film immer dann, wenn er sich wieder auf den Kern konzentriert, der die Serie nachhaltig gemacht hat: die dysfunktionale, aber unzerstörbare Familie. Der emotionale Höhepunkt ist eine Szene, die wohl eine der bewegendsten Momente in der gesamten Geschichte der Marke bezeichnet wurde: Marge, die Homer verlässt, und eine Video-Nachricht, in der sie - in zittriger Handkamera - die Beziehung seziert. Hier tritt der typische Zynismus kurz zurück, und man sieht, was die besten Simpsons-Folgen immer konnten: die Lächerlichkeit des Alltags zeigen, ohne die Figuren selbst lächerlich zu machen. Barts Loyalitätskonflikt zwischen Homer und dem scheinbar perfekten Nachbarn Ned Flanders verleiht der Geschichte zusätzlich eine emotionale Achse. Diese Art von Subplot - ein Kind, das sich einen "besseren" Vater sucht - hat die Serie häufig gespielt, aber im Kinokontext gewinnt sie Gewicht, weil die wenigen Figuren, die wirklich Raum bekommen, sorgfältig geführt werden. Dass umgekehrt viele Nebenfiguren nur als Cameo durch das Bild huschen, ist die Kehrseite dieser Konzentration: Springfield wirkt wie ein Wimmelbild, aber nur wenige Gesichter dürfen wirklich sprechen. Und tatsächlich: Wer die frühen, radikal witzigen Staffeln als Maßstab nimmt, wird im Kino kein neues "Monorail"-Moment finden, keine Folge, die man in die Fernsehgeschichte gravieren möchte. Der Film ist eher ein spätes, aber würdiges Kapitel eines Phänomens, das seine größten Risiken bereits im Fernsehen eingegangen ist. Letztlich hat "The Simpsons Movie" das Fernsehen nicht neu erfunden, wie es die Serie einst getan hat, aber er erinnert daran, warum diese gelbe Familie überhaupt zu einer kulturellen Institution werden konnte. Er ist witziger und fokussierter als die meisten Episoden seiner Zeit, technisch deutlich aufgewertet und in seinen besten Momenten emotional ehrlicher, als man es einem Markenprodukt dieses Kalibers zutrauen würde. Man könnte ihm vorwerfen, nur eine überdimensionierte Episode zu sein - und wäre damit vermutlich gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Aber wenn eine 90‑minütige Episode so konsequent lacht, stichelt und gelegentlich das Herz bricht wie diese, dann ist das vielleicht gerade die richtige Form für eine Serie, die das Fernsehen schon längst erobert hat und im Kino eigentlich nur noch beweisen musste, dass sie noch lebt.






















