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Paula (Elena Anaya) und ihr Mann sind auf dem Rückweg von einem Abendessen mit Freunden, als sie während der Fahrt auf ein Mädchen stoßen, das allein auf der Straße läuft. Sie beschließen, sie zu den Behörden zu bringen, die sich im Laufe der Wochen für sie interessieren und überrascht sind, dass niemand gekommen ist, um sie abzuholen. Aus diesem Grund nehmen Paula und ihr Mann sie vorübergehend bei sich auf, auch um ihre Beziehung zu retten. Die Situation ist kompliziert, denn das junge Mädchen ist von einem vermeintlichen Monster besessen, das sie bestrafen wird, wenn sie aus einem mit Kreide gemalten Quadrat auf dem Boden heraustritt. Nachdem sich zwischen den beiden Frauen eine starke Bindung entwickelt hat, begibt sich Paula auf dunkle Pfade, um das Rätsel der Vergangenheit des kleinen Mädchens zu entschlüsseln.
Mit "Die Kreidelinie" liefert der Spanier Ignacio Tatay ein bemerkenswertes Langfilmdebüt, das sich irgendwo zwischen Psychothriller, Mystery und Horror bewegt. Ein Ehepaar findet nachts ein verstörtes Mädchen mitten auf der Straße. Paula (Elena Anaya) nimmt die schweigsame Clara (Eva Tennear) schließlich bei sich auf und versucht herauszufinden, warum das Kind panische Angst davor hat, einen mit Kreide gezogenen Bereich zu verlassen. Tatay hält dabei bewusst lange offen, ob hier tatsächlich etwas Übernatürliches vor sich geht oder ob hinter Claras Verhalten ein viel realerer Schrecken steckt. Und die Ausgangsidee macht den Film von Anfang an interessant. Das Kreidequadrat wird zu einem einfachen, aber effektiven visuellen Symbol für Angst, Kontrolle und Gefangenschaft. Gleichzeitig entwickelt sich zwischen Paula und Clara eine glaubwürdige emotionale Bindung. Elena Anaya verleiht ihrer Paula genügend Wärme und Verletzlichkeit, während die junge Eva Tennear überraschend stark auftritt. Ihre zurückhaltende, beinahe wortlose Darstellung macht Clara gleichzeitig bemitleidenswert und unheimlich. Auch Pablo Molinero als Simón funktioniert als glaubwürdiger Gegenpol.
Regisseur Tatay setzt dankenswerter Weise weniger auf klassische Schockeffekte als auf Atmosphäre und Unsicherheit. Die Kamera von Oriol Barcelona nutzt statische Einstellungen, dunkle Räume und scheinbar harmlose Details, um eine unterschwellige Bedrohung aufzubauen. Vieles wirkt bewusst kalt und distanziert. Das erinnert stellenweise an europäischen Mystery-Horror, ohne einfach dessen bekannte Formeln zu kopieren. Gerade die Entscheidung, Informationen zurückzuhalten und Situationen teilweise aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, sorgt dafür, dass man als Zuschauer ständig versucht, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen. Der Score von Snorri Hallgrímsson bleibt überwiegend zurückhaltend und verstärkt eher das Gefühl von Unbehagen, als jeden Schreckmoment musikalisch anzukündigen. Tatay versteht es zudem, mit Stille zu arbeiten. Das macht einige Szenen wesentlich unangenehmer, als es eine klassische Jump-Scare-Inszenierung könnte. Handwerklich ist das für ein Langfilmdebüt durchaus beachtlich.Beim Drehbuch von Tatay und Isabel Peña zeigen sich allerdings auch die Schwächen. Die erste Hälfte lebt hervorragend von der Frage, wer Clara ist und was hinter ihrem Verhalten steckt. Sobald der Film beginnt, Antworten zu liefern, wird die Geschichte konventioneller. Einige Erklärungen wirken weniger überraschend als die zuvor aufgebaute Atmosphäre, und manche Figuren bleiben eher funktionale Bestandteile des Rätsels. Dafür zieht "Die Kreidelinie" im letzten Drittel spürbar an. Der Film wird härter, emotionaler und deutlich bedrohlicher. Dabei verzichtet Tatay erfreulicherweise darauf, den Horror ausschließlich über übernatürliche Elemente zu definieren. Hinter dem Mystery steckt ein erschreckend realistischer Kern, wodurch manche Szenen sogar unangenehmer wirken als klassische Geisterfilm-Momente. Die Gewalt ist teilweise durchaus drastisch und thematisch nicht leicht verdaulich; gerade dadurch bekommt der Film eine düstere Ernsthaftigkeit.
Was bleibt, ist ein guter Thriller mit einigen wirklich starken Momenten, der sein vorhandenes Potenzial aber nicht vollständig ausschöpft. "Die Kreidelinie", im Original "Jaula", ist atmosphärisch, gut gespielt und clever genug, um das Interesse über weite Strecken aufrechtzuerhalten. Die etwas konventionelle Auflösung, kleinere Logiklücken und die nicht immer natürliche Dialogführung verhindern jedoch den ganz großen Wurf. Trotzdem ist Tatays Debüt sehenswert - insbesondere, wenn man Mystery-Thriller mag, die lieber Fragen stellen und Unbehagen erzeugen, als permanent mit Jump Scares zu arbeiten.















