Donnerstag, 9. April 2026

Ready Or Not 2: Here I Come - Ready Or Not 2 (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt33978029/

Grace (Samara Weaving) hat zwar das tödliche Versteckspiel gegen die Le Domas', die Familie ihres frisch angetrauten Ehemanns, überlebt, doch damit ist die Sache noch lange nicht überstanden. Ehe sie es sich versieht, wird sie direkt in die nächste mörderische Hetzjagd vermittelt, bei der es dieses Mal um alles oder nichts geht. An ihrer Seite ist dabei nun ihre Schwester Faith (Kathryn Newton), die als Druckmittel eingesetzt wurde, um Grace dazu zu zwingen, erneut ihr Leben auf Spiel zu setzen. Dieses Mal werden die Schwestern von ganzen vier Familien ins Visier genommen – darunter auch die superreichen Danforths (u.a. Sarah Michelle Gellar und David Cronenberg), die sich durch einen Sieg im mörderischen Spiel zu einem höheren Rang aufschwingen wollen. An denen müssen Grace und Faith jedoch erst mal vorbei, um so schließlich den Hohen Rat und damit die blutige Spiele ein für alle Mal beenden zu können.

"Ready Or Not 2: Here I Come" knüpft unmittelbar an die Ereignisse des ersten Films an und verschiebt das Überleben von Grace in eine größere, härtere und zugleich problematischere Arena. Samara Weaving kehrt als Grace zurück, diesmal an der Seite ihrer entfremdeten Schwester Faith, gespielt von Kathryn Newton, während mehrere rivalisierende Elitefamilien sie jagen und um einen Sitz in einer machtbesetzten Ordnung kämpfen. Genau hier liegt der Reiz des Films, aber auch sein größtes Problem. Was im ersten Teil als präzise zugespitzter, fast bösartig klarer Klassen-Horror funktionierte, wächst hier zu einem komplizierteren Geflecht aus Schwesternkonflikt, Ritualmythologie und weltumspannender Verschwörung an, ohne sich immer organisch aus dem bereits Etablierten zu entwickeln. Das Ergebnis ist ein Film, der sichtbar mehr will, aber nicht immer besser weiß, wie er die einzelnen Einfälle zu einem wirklich lebendigen Ganzen verbindet. 

Vor allem die Schwesternschaft zwischen Grace und Faith trägt den Film. Die Idee, Grace nicht mehr nur als Einzelkämpferin gegen eine toxische Familie, sondern als Frau mit einer emotional beschädigten Verbindung zur eigenen Schwester zu zeigen, ist die stärkste menschliche Erweiterung des Stoffes. Samara Weaving spielt diese neue Form von Überlebenswut mit der gleichen elektrischen Präsenz wie zuvor, während Kathryn Newton der Figur der Faith eine Mischung aus Verletztheit, Trotz und spitzer Unberechenbarkeit gibt. Ihre Szenen haben dann die Wirkung, die der Rest des Films so oft sucht: Sie sind komisch, bitter und kurzfristig aufrichtig zugleich. Doch gerade weil die Schwesterndynamik so viel verspricht, fällt auf, wie oft der Film sie unter Schichten von Weltbau und Folklore begräbt. Statt die Beziehung der beiden über kleine Verschiebungen, alte Kränkungen und neue Bündnisse langsam zu vertiefen, stapelt der Film neue Regeln, neue Familien und neue Machtstrukturen aufeinander. Das macht ihn größer, aber nicht zwingend reichhaltiger. Man spürt die Absicht, die Mythologie auszubauen, doch oft wirkt dieses Wachstum eher wie das Hinzufügen weiterer Etagen zu einem Haus, dessen Fundament schon im ersten Stock zu wackeln begann.

Auch die zusammengestückelten Ideen sind schwer zu übersehen. Der Film will zugleich Fortsetzung, Satire auf Elitenmacht, blutige Spielvariante, Familienmelodram und expansionistisches Weltmodell sein. Einzelne Einfälle blitzen auf und sind in ihrer Bosheit oder Absurdität durchaus reizvoll, doch nicht jeder Gedanke bekommt die dramaturgische Luft, die er braucht. Dadurch entsteht bisweilen das Gefühl, man sehe weniger einen souverän gebauten Film als eine Kette cleverer, aber nicht immer sauber vernähter Ideen. Am deutlichsten zeigt sich das in der Welt des Films. Der erste Teil lebte gerade davon, dass seine absurde Prämisse klar begrenzt war: eine Familie, ein Ritual, eine Nacht, ein scharf umrissener Klassenhorror. Das Sequel öffnet diese Welt nun für Rivalen, Räte und globale Machtfragen, doch mit der Vergrößerung geht ein Teil der ursprünglichen Eleganz verloren. Die Welt wird breiter, aber nicht wirklich tiefer; sie wirkt weniger wie ein organisch gewachsenes Universum als wie ein nützlicher Schauplatz, der auf Abruf neue Spiele und neue Gegner liefern soll. 

Trotzdem ist "Ready Or Not 2: Here I Come" nicht bloß ein Fall von mehr Lärm als Substanz. Der Film besitzt Energie, Biss und genug schauspielerische Spielfreude, um die Lücken zeitweise zu kaschieren. Gerade Weaving hält alles zusammen; ihre Grace wirkt wie jemand, der gelernt hat, dass Überleben nicht nur Kampf, sondern auch Form der Selbstbehauptung ist. Wenn der Film die Konzentration auf sie und Faith nicht verliert, gewinnt er an menschlicher Spannung, die ihm seine Konstruktion sonst häufig wieder entzieht. So bleibt am Ende ein Sequel, das den richtigen Instinkt hat, den Stoff nicht einfach zu wiederholen, sondern zu vergrößern. Aber die Erweiterung kostet Klarheit, und die Lust am Weltaufbau ersetzt nicht automatisch die emotionale Genauigkeit, die den ersten Film so giftig und so wirkungsvoll machte. Das Ergebnis ist ein noch unterhaltsamer, oft sehr wilder und gelegentlich scharf beobachteter Horror-Satire-Mix, der vor allem dann überzeugt, wenn er bei den beiden Schwestern bleibt und nicht glaubt, dass mehr Mythologie automatisch mehr Bedeutung bedeutet. 

5,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Searchlight Pictures/Radio Silence Productions/Project X

Mittwoch, 8. April 2026

Der Spitzname (2024)

https://www.imdb.com/de/title/tt33111620/

Anna (Janina Uhse) und Thomas (Florian David Fitz) planen ihre Hochzeit in den malerischen Tiroler Alpen und haben die gesamte Familie eingeladen. Doch schon im Ski-Lift sinniert Stephan (Christoph Maria Herbst), gewohnt schlecht gelaunt, über die aktuellen Entwicklungen in den Leben der Böttchers, Wittmanns, Bergers und Königs: Anna hat überraschend doch noch als Schauspielerin Karriere gemacht, während Thomas kurz vor einem Aufstieg in den Vorstand eines Immobilienkonzerns steht – allerdings nur, wenn er die vorgeschriebene Sensibility-Schulung besteht. Stephans Frau Elisabeth (Caroline Peters) ist weiterhin Lehrerin, bessert jedoch heimlich die Haushaltskasse mit Bitcoin-Handel auf. René (Justus von Dohnányi), verheiratet mit Dorothea (Iris Berben) und seit drei Jahren Vater von Zwillingen, zeigt sich als überbesorgter Helikopter-Vater. Stephan selbst musste kürzlich seine Professorenstelle aufgeben – nach einem Vorfall an der Uni. Hinzu kommt noch das Chaos, das seine jugendlich-woken Kinder Cajus (Jona Volkmann) und Antigone (Kya-Celina Barucki) in die idyllische Winterkulisse bringen. Die ohnehin angespannten Familienverhältnisse drohen, die geplante Hochzeit zu gefährden und führen zu einer turbulenten Eskalation.

Fortsetzung von "Der Vorname" und "Der Nachname", die die Trilogie um eine dysfunktionale Familie aus gutbürgerlichem Milieu abschließt. "Der Spitzname" von Sönke Wortmann setzt dort an, wo moderne Familienkomödie und gesellschaftliche Diskussion aufeinanderprallen: nicht an den großen Weltuntergangsszenarien, sondern an einem geplanten Hochzeitswochenende in den Tiroler Alpen.  Anna (Janina Uhse) und Thomas (Florian David Fitz) wollen heiraten, doch anstatt einer ruhigen, verschneiten Winteridylle wartet eine Familie, die sich selbst mit ihren eigenen Lebensentwürfen, Widersprüchen und politischen Meinungen im Weg steht. Die Geschichte kreist um die gekonnte Collage aus Alltagskarrieren, digitalen Zeiten und sich verändernden Rollen: Anna hat überraschend eine Karriere als Schauspielerin gemacht, während Thomas kurz vor einer Beförderung in den Vorstand eines amerikanischen Immobilienkonzerns steht - vorausgesetzt, er übersteht eine Sensibilitäts‑Schulung, die ihn ungewohnt verletzlich macht. Dazwischen bewegt sich die Familie Böttcher‑Wittmann‑Berger‑König in einer Mischung aus Skigebiet‑Idylle und generationaler Verwirrung: Stephan (Christoph Maria Herbst), der ehemalige Professor, grübelt skeptisch darüber nach, wie aus seinen Mitmenschen geworden sind, während seine Frau Elisabeth (Caroline Peters) als Lehrerin den Haushalt heimlich mit Bitcoin‑Handel aufbessert. In den Bergen trifft die Runde auf Dorothea (Iris Berben), die mittlerweile mit René (Justus von Dohnányi) verheiratet ist und mit ihm Zwillinge aus einer Leihmutterschaft großzieht, wobei René als überfürsorglicher Helikopter‑Vater auftritt, der jede Kleinigkeit in den Griff zu bekommen versucht. Ergänzt wird das Spektrum durch die jüngere Generation: den 18‑jährigen Cajus (Jona Volkmann), der seinen Vornamen ohne Wissen der Eltern ändern ließ, und die 17‑jährige Antigone (Kya‑Celina Barucki), die die Hochzeitsgesellschaft mit Themen rund um Woke‑Debatten, Feminismus und nichtbinäre Geschlechtsidentität herausfordert. 

Wortmanns Film erzählt erneut weniger eine einzelne große Krisengeschichte als vielmehr eine Serie kleiner Zünder, die irgendwann und unausweichlich auf engstem Raum ohne Möglichkeit des Entkommens aufeinanderprallen: Streit über Job‑ und Karriereentscheidungen, Kritik an Mobbing‑Kultur und Geschlechterbildern, Unbehagen mit modernen Diversity‑Konzepten und der altbekannte Ego‑Kampf alter Familienharmonie versus neue Selbstoptimierung. Der Titel "Der Spitzname" hängt dabei an einem alltäglichen, fast liebevollen Detail - Thomas' Kosenamen für die gemeinsame Tochter, mit dem sich indirekt Spannungen um Geschlechtsidentität und Erziehungseinstellungen berühren - und macht deutlich, wie sehr die kleinen Worte in dieser Familie weitreichendes Gewicht tragen. Trotz der Fülle an Themen bleibt der Film formal klar und handlich, fast klassisch in der Besetzung einer sauber choreografierten Familienkomödie: ein gut eingespielter, hochkarätiger Cast, schnelle, dialogreiche Szenen und eine Ästhetik, die die winterliche Kulisse nutzen kann, ohne sentimentale Klischees zu übertreiben. Wortmann verzichtet auf dramatische Zerreißproben oder moralische Apokalypsen und setzt stattdessen auf ein Pointen‑Feuerwerk, das die Zuschauer zugleich lächeln und nachdenken lässt - weniger durch eine aufrührerische These, sondern durch die schlichte, oft unbequeme Einsicht, dass manche politischen Debatten uns am liebsten dort erreichen, wo wir sie am wenigsten erwarten: beim Familienessen, im Skilift, im Gespräch über einen simplen Kosenamen.

In der Tradition von Gesellschaftskomödien, die sich an der Familie abarbeiten, ist "Der Spitzname" kein revolutionärer Film, aber ein genau beobachtender Zeitgenosse, der mit Augenzwinkern, nicht ohne Spott, aber ohne wahllose Häme, zeigt, wie sehr sich die moderne Familie in Begriffe und Biografien verheddert. Wer die ersten beiden Teile kennt, wird die Charaktere wiedererkennen, doch wer neu einsteigt, bekommt eine kompakte, unterhaltsame Mini‑Erforschung von Sprache, Karriere, Digitalisierung, Identität und dem simplen Wunsch nach einem ruhigen Hochzeitstag - vergeblich, wie sich zeigt, weil jede Familie, die sich versammelt, gleichzeitig beginnt, mit sich selbst zu diskutieren. Ganz amüsant.

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Constantin Film

Dienstag, 7. April 2026

Anaconda (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt33244668/

Eine Freundesgruppe direkt in der Midlife-Crisis will aus ihrem Trott ausbrechen und noch mal was anderes machen wollen - allen voran Doug (Jack Black) und Griff (Paul Rudd). So beschließen sie zusammen den wilden Plan, ein Remake ihres Lieblingsfilms aus ihrer Jugend zu drehen: "Anaconda". Und weil es sie nach Abenteuer giert, soll das natürlich am authentischen Schauplatz mitten im Regenwald passieren. Tief im Amazonas angekommen, müssen sie aber – wie soll es auch anders sein – schnell um ihr Leben kämpfen. Denn nicht nur der Dschungel mit seinen Bewohnern selbst erweist sich als unerbittlicher Widersacher, sondern es treiben auch gefährliche Kriminelle hier ihr Unwesen. Natürlich gibt es auch die titelgebende Riesenschlange außerdem wirklich und verwandelt das kleine Abenteuer nun endgültig in ein gefährliches Spiel um Leben und Tod, bei dem es schnell nicht mehr nur um ein verrücktes Filmprojekt von Freunden geht.

Das Remake von "Anaconda" ist einer jener Filme, die mit einem Augenzwinkern an ihre eigene Lächerlichkeit erinnern und dadurch erst richtig charmant werden. Tom Gormicans Meta-Komödie nimmt den Kultklassiker von 1997 nicht als heiliges Erbe, sondern als perfekten Vorwand für ein chaotisches Freundesabenteuer: Eine Gruppe Midlife-Crisis-Opfer zieht in den Amazonas, um ein Remake ihres filmischen Idols zu drehen - bis eine echte Riesen-Anakonda die Dreharbeiten in ein echtes Schlangenabenteuer verwandelt. Was als selbstironische Hommage beginnt, entpuppt sich als herrlich unbeschwerte Runde aus Slapstick, Buddy-Chemie und genau genug Monster-Gore, um den Biss zu haben. Es ist kein Horror-Meisterwerk, aber eine Komödie, die ihre Schwächen als Stärke verkauft - und dabei lacht, bis die Lachtränen fließen.


Jack Black, ein Wirbelsturm aus Enthusiasmus und Tollpatschigkeit, spielt Doug McCallister, Paul Rudd, der ewige sympathische Chaot, seinen Jugendfreund Griff. Blacks hyperaktiver Traumtänzer, dessen "Lass uns das Ding drehen!"-Optimismus (wie schon in "King Kong") kollidiert mit Rudds trockenem Sarkasmus - das funktioniert wunderbar: ihre Chemie passt perfekt. Um dem Alltag zu entfliehen, schnappen sie sich die Filmrechte für "Anaconda" und chartern ein Boot in den Amazonas-Dschungel, um mit Freunden Claire (Thandiwe Newton), Kenny (Steve Zahn) und der mysteriösen Ana (Daniela Melchior) ihr Remake zu drehen. Mit winzigem Budget, improvisierten Kostümen und einem Cameo von Ice Cube als sich selbst entsteht ein meta-chaotisches Set: Doug als J.Lo-Stand-in, Griff als Jon Voight, alle stolpern durch Script-Änderungen und Technikpannen. Doch als eine gigantische Anakonda auftaucht - hungrig, aggressiv, mit lauten Jump Scares - wird aus Fake-Film echter Überlebenskampf. Newton bringt Claire scharfsinnige Coolness, Zahn Kenny als panische Comicfigur. Melchior bleibt als Ana etwas unterrepräsentiert, doch ihr Subplot mit brasilianischen Schurken (Selton Mello) gibt dem Chaos Struktur. Die Besetzung trägt Szenen wie die Boot-Reparatur oder das "Anaconda"-Sing-along mit solcher Leichtigkeit, dass man vergisst, wie klug der Humor getimt ist. 


Regisseur Tom Gormican dirigiert mit Augenzwinkern: Der Film parodiert B-Movie-Klischees - schlechte CGI-Schlangen, Script-Änderungen in letzter Minute, Cameos - und dreht sie zu Insider-Gags. Die echte Anakonda (besser animiert als 1997) beißt aggressiv zu, doch der Fokus liegt auf Komik: Laute Scares dienen dem Punchline, Gore ist cartoonesk. Der Amazonas fühlt sich lebendig an - neblig, sumpfig, bedrohlich -, und der Score mischt 90er-Nostalgie mit tropischem Beat. Es ist kein reiner Monster-Horror, sondern eine Komödie, die ihr Monster als Sidekick nutzt. Thematisch schimmert Midlife-Weisheit durch: Doug und Griff lernen, Träume trotz Chaos zu leben, Freundschaft über Fame zu stellen. Positive Botschaften wie Loyalität und Kreativität. Meta-Elemente spotten Hollywoods IP-Gier, ohne zu predigen - ein Spiegel für Fans, die Remakes lieben/hassen. 

"Anaconda" beißt zwar nicht ganz so hart zu wie erwartet, lacht aber herzhaft über sich selbst. Black und Rudd glänzen, Gormican bastelt ein charmantes Chaos - perfekt für Meta-Fans. Es schluckt sein Erbe nicht ganz, spuckt es aber mit Witz aus: Ein unterhaltsamer Biss ins Leere, der trotzdem satt macht. 

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Columbia Pictures

Montag, 6. April 2026

Stromberg: Wieder alles wie immer (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt34991535/

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) und sein Team von der Schadensregulierung der CAPITOL-Versicherung die deutsche Büro-Kultur auf den Kopf gestellt haben. Damals dominierten flapsige Sprüche, fragwürdige Umgangsformen und Kantinenessen ohne vegane Optionen. Nun steht ein Wiedersehen an, das klären soll, ob Stromberg und seine einstige Truppe sich ebenso verändert haben wie die moderne Arbeitswelt. Berthold "Ernie" Heisterkamp (Bjarne Mädel), Tanja und Ulf Steinke (Diana Staehly und Oliver Wnuk), Jennifer Schirrmann (Milena Dreissig) und Stromberg selbst treffen sich erneut - im Rahmen einer pompös inszenierten Reunion vor laufenden Kameras. Doch wie bei jeder Familienfeier kommen alte Konflikte, ungelöste Spannungen und reichlich Alkohol ins Spiel. Was als nostalgische Rückschau beginnt, gerät bald außer Kontrolle und endet in einem Chaos, das niemand vorausgesehen hat.

Gleich eines vorweg: dass mit der Film überhaupt ein paar Schmunzler abringen konnte, lag nur an einigen Interkationen zwischen Bjarne Mädel und Christoph Maria Herbst. Was man ihm zugute halten muss ist, dass "Stromberg: Wieder alles wie immer" eben nicht so tut, als wäre die Zeit stehen geblieben. Er ist weniger eine Rückkehr als ein Beweis dafür, wie schnell ein guter Einfall seine eigene Karikatur werden kann. Der Film weiß sehr genau, dass Bernd Stromberg nur deshalb funktioniert, weil er aus einer Kultur des kleinen Machtmissbrauchs stammt, aus dem Büro als moralischem Niemandsland, in dem ein Mann mit Halbglatze, Halbwissen und großer Klappe plötzlich so etwas wie Autorität beanspruchen durfte. 2025 wirkt diese Figur nicht nostalgisch, sondern wie ein Überbleibsel, das sich weigert, seinen Platz im Museum einzunehmen. Genau darin liegt der Reiz des Films - und auch sein größter Fehler. Das Publikum dürfte trotzdem einen weiteren Bürofilm erwartet haben, eine neue Runde jener präzisen, schmerzhaft komischen Beobachtung des Arbeitsalltags, die "Stromberg" einst so einzigartig machte. Stattdessen bekommt man einen Film, der sich zwar mit den alten Figuren zurückmeldet, aber zu oft den Eindruck erweckt, nur noch am Erbe zu hängen, das er selbst längst nicht mehr erneuern kann. 

Christoph Maria Herbst spielt Bernd Stromberg weiterhin mit bewundernswerter Kontrolle, doch genau diese Kontrolle lässt den Film paradoxerweise kalt wirken. Stromberg war einmal deshalb so unangenehm und lustig, weil er als Figur aus einem konkreten Milieu kam: dem kleinen Büro mit seinen kleinlichen Machtkämpfen, seinen peinlichen Hierarchien und seiner alltäglichen Unanständigkeit. Hier aber wirkt er wie ein Fossil, das man aus dem Schrank geholt hat, um zu prüfen, ob es noch denselben Effekt hat. Hat es nicht. Oder nicht mehr genug. Der Film verlässt sich sehr stark darauf, dass die bloße Rückkehr dieser Figur bereits ein Ereignis sei. Doch Wiedererkennung ist keine Dramaturgie. Das größere Problem ist, dass "Stromberg: Wieder alles wie immer" weder wirklich als Bürofilm funktioniert noch als scharfe Gegenwartsdiagnose. Wer eine neue, bissige Beobachtung des Arbeitslebens erwartet hatte, findet stattdessen einen Film, der seine Figuren durch Szenen schiebt, die eher wie Pflichtnummern wirken als wie lebendige Zuspitzungen. Es gibt Momente, in denen die alten Reibungen noch aufscheinen, doch viel zu oft wirken sie wie Wiederholungen ohne neuen Zweck. Man lacht gelegentlich, aber selten überrascht. Und bei einer Figur wie Stromberg ist Überraschung entscheidend, weil sein ganzes Prinzip auf dem unangenehmen Gefühl beruhte, dass im nächsten Satz schon wieder eine Grenze überschritten werden könnte. Hier kennt man die Grenze längst, und der Film hat nicht viel mehr im Sinn, als sie noch einmal zu umkreisen.

Auch das Ensemble leidet unter dieser Müdigkeit. Bjarne Mädel ist als Berthold "Ernie" Heisterkamp nach wie vor hervorragend, weil er jene Mischung aus Verletzlichkeit und passiver Gegenwehr mitbringt, die fast automatisch die stärksten Szenen erzeugt. Aber selbst er bleibt in einem Material gefangen, das eher auf Wiederbelebung als auf Entwicklung setzt. Die übrigen Rückkehrer werden mit sichtbarer Sorgfalt eingesetzt, doch der Film traut ihnen nicht wirklich zu, mehr zu sein als Erinnerungsanker. Das ist das eigentliche Problem solcher späten Fortsetzungen: Sie wollen das Publikum mit Vertrautheit beruhigen, vergessen dabei aber, dass Vertrautheit allein selten Kino trägt. Sie ist ein Anfang, kein Ziel. Regisseur Arne Feldhusen inszeniert das Ganze mit professioneller Gelassenheit, aber auch mit einer gewissen Vorsicht, die dem Stoff nicht guttut. Man spürt, dass er die Mechanik kennt, doch man spürt ebenso, dass der Film nicht so recht weiß, wohin er mit dieser Mechanik will. Soll er bissiger sein als früher? Melancholischer? Selbstkritischer? Die Antwort scheint oft zu lauten: alles ein bisschen, aber nichts konsequent. So entsteht ein Film, der in der Tonlage schwankt, ohne daraus Energie zu ziehen. Gerade die satirischen Spitzen verlieren dadurch an Schärfe; sie kommen nicht wie präzise gesetzte Stiche, sondern eher wie Erinnerungen an frühere Treffer. Am enttäuschendsten ist vielleicht, dass der Film den Büroalltag nicht mit jener unerbittlichen Genauigkeit betrachtet, die man von ihm erwarten durfte. Ein guter "Stromberg"-Film müsste das Arbeitsleben so zeigen, dass man sich gleichzeitig amüsiert, schämt und ein wenig ertappt fühlt. "Stromberg: Wieder alles wie immer" kommt dieser Wirkung gelegentlich nahe, bleibt aber zu oft an der Oberfläche seiner eigenen Idee hängen. Die Welt, die er zeigt, ist nicht mehr die alte, aber der Film zieht daraus keine wirklich neue Konsequenz. Er registriert den Wandel, statt ihn bissig-satirisch auszubeuten.

So bleibt am Ende ein Werk, das vor allem eines nicht sein will und es dann doch wird: bequem. Es spielt auf Sicherheit, auf Nostalgie, auf den Wiedererkennungswert einer Figur, die längst ikonisch geworden ist. Aber genau diese Sicherheit ist das Problem. "Stromberg" war immer dann am stärksten, wenn er unbequem war, wenn er unangenehm, kleingeistig, aber zugleich präzise als Symptom einer bestimmten Arbeitskultur wirkte. Hier wird er wiederholt, nicht wirklich neu belebt. Und ein wiederholter Witz, so treffend er einst war, verliert irgendwann seine Giftigkeit. Das Ergebnis ist kein Desaster, aber eine verpasste Gelegenheit. Das Publikum bekommt nicht den Bürofilm, den es erwartet hat, und der Film gibt auch nicht überzeugend an, warum er etwas anderes sein sollte. Er ist zu sehr Fortsetzung, um Neues zu wagen, und zu wenig mutig, um sich als eigenständiger Kommentar zu behaupten. Am Ende bleibt vor allem der Eindruck, dass hier eine Figur zurückkehrt, die einst präzise in ihre Zeit geschnitzt war, nun aber in einer Form wieder auftaucht, die ihre beste Eigenschaft eingebüßt hat: ihre Aktualität.

4/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: MadeFor Film//Brainpool/Prime Video/SevenPictures/Banijay Media Germany

Pretty Lethal - Pretty Lethal: Schön Tödlich (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt26678938/

Die fünf Profi-Balletttänzerinnen Bones, Princess, Zoe, Chloe und Grace (Maddie Ziegler, Lana Condor, Iris Apatow, Millicent Simmonds, Avantika) sind mit ihrer Lehrerin Miss Thorna (Lydia Leonard) unterwegs zu einem wichtigen Tanzwettbewerb in Budapest. Mitten im bewaldeten Nirgendwo hat ihr Bus dann aber eine Panne hat und kann nicht mehr weiterfahren. Handyempfang gibt es im Funkloch fern der Zivilisation auch keinen und als es dann auch noch in Strömen zu regnen beginnt, finden sie notgedrungen Zuflucht in einer seltsam anmutenden Absteige. Geleitet wird sie von Devora Kasimer (Uma Thurman), die früher selbst einmal Tänzerin war, die aber irgendwie unheimlich wirkt. Schnell merken die Ballerinas, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmt, doch da ist es schon zu spät und die Gruppe muss um ihr Überleben kämpfen. Allerdings kommt den Frauen dabei ihre harte Ausbildung zugute und sie lernen schnell neue, diesmal äußerst tödliche Tanzschritte.

Das ist genau die Art von Film, die man sich vorstellt, wenn man "Ballerinas vs. Gangster" hört: Ein Haufen zickiger Tänzerinnen landet in einem unheimlichen Gasthaus und muss ihre tänzerischen Skills zu tödlichen Waffen umfunktionieren - ein Konzept, das so absurd ist, dass es funktionieren muss, und tatsächlich tut es das, mit einem Übermaß an Gore, Choreografie und Uma Thurman, die wie eine verrückte Primaballerina aus der Hölle präsentiert wird. Vicky Jewson liefert hier typisches Streamer-Thriller-Futter - verrückt, blutig, unterhaltsam, aber letztlich zu seicht, um mehr als ein unterhaltsamer Abend mit einem Actionfilm zu sein.

Die jungen Darstellerinnen verkörpern eine dysfunktionale Truppe, die lernt, zusammenzuarbeiten; doch Uma Thurmans Devora stiehlt jede Szene mit herrlicher Bosheit. Die Mädels - ihre Gegenspielerinnen - sind aber als Charaktere entweder nicht nicht lächerlich genug oder eben zu ernst, um einen wirklich für ihre Figur zu begeistern, doch ihre physische Präzision (Ballett als Kampfsport) überzeugt. Jewson inszeniert dynamisch: fantasievolle Kills (Zehennägel-Torture Porn dank Ballettfüßen), ordentlich choreografierte Fights, kitschige Baroque-Ästhetik. Das Tempo ist, nach einer etwas zu langen Exposition straff und liefert dann aber Schlag auf Schlag blutige Action. Der Humor kommt auch nicht zu kurz, der Gore-Level passt. Wäre nur nicht der Plot so dünn, die Charaktere austauschbar und würde der Film etwas mehr Tiefe jenseits des Gemetzels bringen - er wäre besser und erinnerungswürdiger.

"Pretty Lethal" thematisiert oberflächlich Teamwork und Empowerment, bleibt aber bei den Ballerinas, die den Gangstern zeigen, wer hier wirklich härter ist - ein Guilty Pleasure, das seine Absurdität kennt und regelrecht umarmt. Kein Meisterwerk, aber ein spaßiger Streamer für Action-Fans. Und mehr konnte (und sollte) man eigentlich auch nicht erwarten.

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: amazon Video/87North

Dienstag, 31. März 2026

Captivity (2007)

https://www.imdb.com/de/title/tt0374563/

In einem Club wird das junge Model Jennifer Tree (Elisha Cuthbert) von einem psychopathischen Killer betäubt und mit in sein Haus genommen. Dort sperrt der Entführer die schöne Frau in eine Hightechzelle, die so eingerichtet ist, dass sich Jennifer zunächst in einem Hotelzimmer wähnt. Als das Model erkennt, wie die Lage wirklich aussieht, fängt sie an zu randalieren - und wird wieder betäubt. Wer nun denkt, der Urlaubstrick wäre das einzige, was sich der Psychogeiselnehmer ausgedacht hat, irrt. Jennifer steht eine grausame Zeit bevor. Ob ihr Mitgefangener Gary (Daniel Gillies) bei der Flucht helfen kann?

"Captivity" ist genau das, was man von einem Torture Porn-Film auf dem Höhepunkt des Genres und im Zuge des Mitschwimmens auf der "SAW"-Welle erwartet - und leider auch genau das, was ihn so enttäuschend macht: Eine schöne Frau wird entführt, gefoltert, und der Film verwechselt Ekel mit Spannung, ohne je eine Geschichte zu erzählen, die über das bloße Aussetzen von Elisha Cuthbert an sadistische Freuden hinausginge. Roland Joffé, der einst mit "The Killing Fields" und "The Mission" zu den Meistern des epischen Dramas gehörte, landet hier in der Vorhölle des Direct-to-Video-Horrors. Er wartet mit relativ harmlosen Folterporno-Klischees auf und liefert dazu mäßige Spannung, nichts, an was man sich 2 Minuten nach dem Abspann erinnern würde. Cuthbert ist das einzige Highlight: Ihre Jennifer leidet glaubwürdig, ohne zu übertreiben - eine Performance, die mehr verspricht als das Skript hält. Gillies und Vince sind austauschbar sadistisch, ohne Tiefe. 

Joffé und Kameramann Denis Lenoir schaffen keine Atmosphäre - der Keller ist steril, Folter-Szenen klinisch, ohne Spannungsbogen. Dazu kommt ein Twist, den man meilenweit vorhersehen kann, Sound und Schnitt fehlen Rhythmus - es gibt viel zu kritisieren. Als Torture Porn fehlt ihm Reflexion - keine Kritik an Voyeurismus, nur Exploitation. Cuthberts Engagement rettet wenig; Joffé versagt kläglich. Ein trauriges Relikt des Genres, das seine eigene Leere beweist.

2/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Lionsgate/Captivity Productions/Foresight Unlimited/Russian American Movie Company

Montag, 30. März 2026

Sei Donne Per L’assassino - Blood And Black Lace - Blutige Seide (1964)

https://www.imdb.com/de/title/tt0058567/

Die Contessa Christiana Cuomo (Eva Bartok) und ihr Partner Max Morlacchi (Cameron Mitchell) leiten in Rom eine exklusive Modeagentur voller glamouröser Models. Die scheinbar perfekte Welt aus Seidenroben und Fototerminen wird brutal zerstört, als die Models Isabella, Nicole, Peggy und weitere systematisch ermordet werden - von einem maskierten Killer in schwarzem Umhang, der mit phallischen Werkzeugen wie Scheren, Meißeln oder Peitschen grausame, inszenierte Morde begeht. Die Polizei unter Kommissar Silvestri (Thomas Reiner) ermittelt im Kreis der Verdächtigen: Neben den Agenturchefs kommen Models, Liebhaber und Angestellte infrage. Isabellas blutiges Tagebuch enthüllt ein Netz aus Drogenhandel, Erpressung und sexuellen Intrigen. Jeder Mord folgt einem Ritualmuster - die Leichen werden in der Agentur präsentiert -, während Panik und Misstrauen wachsen. Am Ende zeigt sich: Gier und Verrat innerhalb der glitzernden Fassade treiben den Killer an, in einem finalen Blutbad, das die wahren Täter entlarvt...

Mario Bavas "Blutige Seide" gilt als der protokollreine Ursprung des Giallo-Genres: ein farbexplodierender Kriminalfilm, der schöne Models in einem römischen Modesalon zu inszenierten Opfern eines maskierten Killers macht und mit jedem Mord zeigt, dass Stil hier Plot und Charakter bei Weitem übertrumpft. Bava, der italienische Maler mit der Kamera, schuf 1964 ein visuelles Manifest, das Slasher, Whodunit und Gothic-Horror zu einem Genre verschweißte - präzise, blutig, unvergesslich, aber mit Figuren, die kaum mehr als elegante Leichname sind. Der Film ist mit knapp 90 Minuten straff  gehalten, aber Plot dient nur der Optik und liefert perfekte Giallo-Zutaten. 

Die Models sind austauschbare Schönheiten - Objekte männlicher Begierde mit eindeutig sexuellem Subtext und tödlicher Rache -, Bartok und Mitchell verkörpern dekadente Eleganz, Reiner den routinierten Cop. Die Todeskämpfe entblößen die Models, die Morde sind teilweise richtig sadistisch.  Und diese sind auch die größte Stärke des Films, denn jeder Tod spiegelt die Laster der einzelnen Opfer wider. Doch die fehlende Dramaturgie und mangelnde Tiefe in Charakteren fallen negativ ins Gewicht. Auch der Plot hangelt sich von einem Kill zum nächsten und hat sonst keine weitere spürbare Funktion. Dafür ist Bavas Genie audiovisuell: Antonio Rinaldis Kamera malt mit Licht - Grün-Gelb-Rot-Schwarz als abstrakte Tafeln, Neonbeleuchtung, geometrische Kompositionen, Inszenierung der Morde als eine Art Ballett: Kamerafahrten durch Maskenlöcher, surreale Sets, Les Baxters nervöser Score. Das passt alles perfekt. Letztlich lässt sich dieser Urvater des Giallo aber durchaus als Satire auf die gesamte Modewelt der 60er sehen: Schönheit als Fluch, Frauen als Ware, Gier als Killer. Bava pfeift 1964 auf Realismus und schafft mit "Blutige Seide" eine für damalige zeit moderne Inszenierung, bei der Nihilismus auftrumpft: der Tod siegt immer. 

"Blutige Seide" ist rein storytechnisch ein eher lahmer Film mit blassen Charakteren. Doch auf der Haben-Seiten ist er visuell revolutionär, genre-definierend, stilistisch ekstatisch und ein Film, der mit jedem Bild atmet (und blutet).

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Emmepi Cinematografica