Samstag, 13. Juni 2026

Rising Sun - Die Wiege der Sonne (1993)

https://www.imdb.com/de/title/tt0107969/

In den Büros eines japanischen Unternehmens findet man eine Frauenleiche. Kurz vor ihrem Ableben hatte die professionelle Mätresse scheinbar noch Sex. Polizeiinspektor Smith (Wesley Snipes) wird hinzugezogen, bekommt aber zuvor die Instruktion, einen John Connor (Sean Connery) abzuholen, der als Experte für die japanische Kultur gilt. Als die beiden dann schließlich vor Ort sind, ist für Web die Sache eindeutig. Connor meint jedoch, dass hinter dem Mord noch ganz andere Motive stehen. Die Firma, in der die Frau getötet wurde, gehört zu den einflussreichsten japanischen Kartellen. Die Ermittler decken einen Krieg auf, geführt hinter edlen Kulissen und mit unterschiedlichsten Waffen...

"Rising Sun" ist einer jener 90er-Jahre-Thriller, die zugleich größer und kleiner wirken, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Größer, weil sie mit Sean Connery und Wesley Snipes zwei starke Stars in eine Geschichte über Mord, Macht und kulturelle Reibung setzen; kleiner, weil der Film unter seiner elegant polierten Oberfläche nie ganz die Schärfe erreicht, die sein Stoff eigentlich verspricht. Der Film, inszeniert von Philip Kaufman nach dem Roman von Michael Crichton, beginnt mit einem Mordfall in einem Hochhaus einer japanischen Firma in Los Angeles. Die Ermittlungen führen die Detectives John Connor, gespielt von Sean Connery, und Web Smith, gespielt von Wesley Snipes, in ein Netz aus Videoaufnahmen, Unternehmensintrigen, politischen Spannungen und einem Verdacht, der sich immer wieder verschiebt. Was "Rising Sun" sofort interessant macht, ist sein Doppelcharakter. Einerseits ist es ein klassischer Thriller über einen möglicherweise manipulierten Tatort und eine Vertuschung, andererseits ist er auch ein Film über den Blick selbst: Wer beobachtet wen, wer kontrolliert die Bilder, und wie viel Wahrheit steckt in einer Aufnahme, die vielleicht schon verändert wurde? "Rising Sun" lebt stark von Präsenz, Dialog und Atmosphäre, aber die eigentliche Kriminalgeschichte ist eher mechanisch als überraschend.

Trotzdem wäre es zu einfach, den Film auf seine Schwächen zu reduzieren. Seine Bildsprache und seine stilistische Sicherheit ist grandios, und liefert fesselnde Spannung und zwei brillante Stars. Er ist oft reizvoller, wenn man ihn als Stimmungskino betrachtet, weniger als streng konstruierten Whodunit. Der Umgang mit dem Japan-Thema ist daher der vielleicht heikelste Aspekt des Films. Bereits bei Erscheinen wurde "Rising Sun" für seine Darstellung japanisch-amerikanischer Machtverhältnisse kritisiert und teils als japanfeindlich gelesen. Die Verfilmung versucht zwar, die schärfsten Kanten des Romans abzuschleifen, doch ganz los wird sie den Verdacht nicht, dass kulturelle Differenz hier öfter als dramatischer Motor denn als wirklich differenziert betrachtetes Thema genutzt wird. Gerade deshalb ist die Frage nach dem Blickwinkel zentral. Der Film spielt in einer amerikanischen Großstadt, wird aber durch japanische Unternehmensarchitektur, Verhaltensrituale und Machtcodes geprägt. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die für das westliche Thrillerkino damals frisch wirkte, heute aber auch als Produkt eines bestimmten exotisierenden Zugriffs lesbar ist. Spätere Kritiken und Rückblicke betonen genau diesen Punkt: Die filmische Welt ist interessant, aber sie ist nicht immer frei von den kulturellen Vereinfachungen ihrer Zeit. 

In der Besetzung liegt dennoch viel von der anhaltenden Attraktivität des Films. Sean Connery spielt John Connor mit jener Mischung aus Autorität, Charme und Ironie, die ihn in den 90ern so verlässlich machte. Wesley Snipes bringt als Web Smith eine ruhigere, wachere Energie ein, die dem Film gut tut, und Harvey Keitel verleiht der Geschichte eine rauere, bedrohlichere Kante. Auch Cary-Hiroyuki Tagawa wird in mehreren Rückblicken als bemerkenswerte Präsenz hervorgehoben. Phil Kaufman inszeniert das Ganze mit einer für Hollywood-Thriller jener Zeit typischen Mischung aus Glanz und Paranoia. Die 125 Minuten Laufzeit lassen den Film stellenweise etwas schwerfällig erscheinen, und diese Patina aus Dialoglast, Plotverdichtung und Unentschlossenheit wiegt irgendwo zu schwer.  Dennoch funktioniert "Rising Sun" in vielen Momenten gerade deshalb, weil er nicht nur auf Action setzt, sondern auf Misstrauen, Machtspiele und die Spannung zwischen institutioneller Ordnung und versteckter Gewalt. 

Das Ergebnis ist kein großer Genre-Klassiker, aber ein intelligenter, oft sehr sehbarer Thriller, der sich bis heute nicht vollständig auf eine einfache Bewertung reduzieren lässt. Wer einen straffen Krimi mit überraschender Härte erwartet, wird gelegentlich auf Distanz gehalten. Wer aber Interesse an einem stilbewussten, politisch und kulturell aufgeladenen Thriller aus der Hochphase der 90er-Jahre hat, bekommt hier einen Film, der mehr Gesprächsstoff als reine Plotbefriedigung liefert. Und am Ende bleibt "Rising Sun" ein Film der Reibung: zwischen Starpower und Skript, zwischen Atmosphäre und Logik, zwischen politischer Brisanz und Genre-Unterhaltung. Er ist nicht der schärfste Thriller seiner Zeit, aber einer der interessantesten, weil er zeigt, wie ein großes Studioformat zugleich faszinierend, irritierend und unvollständig sein kann. Genau das macht ihn auch heute noch sehenswert.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkTwentieth Century Fox/Walrus & Associates

Freitag, 12. Juni 2026

Black Rain (1989)

https://www.imdb.com/de/title/tt0096933/

Die beiden New Yorker Polizisten Nick Conklin (Michael Douglas) und Charlie Vincent (Andy Garcia) sollen das japanische Yakuza-Mitglied Sato (Yusaku Matsuda) nach Japan begleiten, um ihn der dortigen Polizei auszuliefern. Zuvor hatte Sato in New York einen Mord begangen. Alles läuft scheinbar glatt, aber aufgrund einer Panne liefern Conklin und Vincent Sato nicht etwa den japanischen Ordnungskräften, sondern seinen Freunden von der Yakuza aus. Um den Fehler wieder gut zu machen, bleiben die beiden amerikanischen Cops in Japan und machen unter der Führung des Polizisten Masa (Ken Takakura) Jagd auf den flüchtigen Sato. Dabei geraten sie zwischen die Fronten des organisierten Verbrechens, das sie zu zermalmen droht. Aber auch die kulturellen Unterschiede erweisen sich als Fallstricke beim Aufenthalt in Japan. Immerhin kann Conklin auf die Amerikanerin Joyce (Kate Capshaw) zählen, die schon seit Jahren in Japan lebt und ihm unterstützend zur Seite steht.

Ridley Scotts "Black Rain" ist ein Film, der fast vollständig aus Oberfläche besteht, aber diese Oberfläche mit solcher Wucht und solcher Kontrolle gestaltet, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann. Er ist ein düster glänzender, von Neon, Stahl und Nässe durchzogener Kriminalthriller, der mehr an Atmosphäre interessiert ist als an Glaubwürdigkeit, und genau darin liegt seine eigentümliche Faszination. Der Film beginnt in New York mit den Detectives Nick Conklin, gespielt von Michael Douglas, und Charlie Vincent, gespielt von Andy Garcia, die einen Mord in einer Bar beobachten und den Täter Sato verhaften, einen Yakuza-Mann aus Osaka. Als sie ihn nach Japan überführen, entgleitet ihnen der Fall jedoch schnell: Sato wird befreit, und Nick sowie Charlie geraten tiefer in die japanische Unterwelt, wo sie zwischen Polizei, Mafia und kultureller Entfremdung einen Weg suchen müssen. Schon die Grundidee verrät den Reiz und das Problem des Films zugleich. "Black Rain" will ein klassischer Cop-Thriller sein, aber einer, der sich in einer fremden, von Regeln, Ritualen und Machtstrukturen geprägten Welt verliert; dadurch bekommt der Film etwas Fremdes, Abweisendes und zugleich sehr Cinematografisches. Genau das hebt die Rotten-Tomatoes-Kritik zusammenfassend hervor: Der Film besitzt Ridley Scotts visuelles Talent, bleibt erzählerisch jedoch in Genre-Konventionen gefangen. 

Das ist auch der Punkt. "Black Rain" ist und bleibt, trotz all seiner Widersprüche und wiederverwerteten Klischees, ein Designer-Movie, der sehr gut aussieht, aber das Herz vermissen lässt. Michael Douglas spielt Nick Conklin bewusst kantig, kühl und oft geradezu abweisend, was den Film zwar härter macht, aber nicht unbedingt sympathischer. Und doch ist es unmöglich, über "Black Rain" zu sprechen, ohne seine visuelle Kraft zu würdigen. Scott verwandelt Osaka in eine glitzernde, feuchte, neongetränkte Metropole, in der jede Straße, jede Werkhalle und jede Gasse wie unter Spannung steht. Ein späterer Kritiker lobte genau diesen Eindruck: Die Farben seien Stahlgrau, trübe Blautöne, nasser Beton, dazwischen Neonlichter, Funkenregen und explodierende Autos. Der Film ist in diesem Sinn nicht bloß ein Thriller, sondern eine Stimmung, die sich in Bilder gegossen hat. Gerade deshalb wirkt der Film oft stärker, wenn er beobachtet, als wenn er erklärt. Die kulturelle Reibung zwischen amerikanischer Härte und japanischer Ordnung ist nicht immer subtil, und kulturelle Klischees und problematische Vereinfachungen sind an der Tagesordnung. Trotzdem besitzt der Film eine merkwürdige Ehrlichkeit in seiner Perspektive: Er zeigt einen Mann, der in einer Welt unterwegs ist, die er nicht versteht, und dessen Gewissheiten im Regen Japans langsam weggespült werden.

Auch die Nebenfiguren tragen zu diesem Eindruck bei. Andy Garcia gibt Charlie Vincent eine ruhige, beobachtende Energie, die gut zu Douglas’ störrischem Auftreten kontrastiert, während Ken Takakuras Masahiro Matsumoto dem Film die nötige Würde verleiht. Dass gerade die Beziehung zwischen Nick und Masahiro zu den stärkeren Momenten gehört, ist kein Zufall; hier findet der Film so etwas wie moralische Spannung, die über das bloße Abhaken von Actionbeats hinausgeht. Gleichzeitig darf man nicht übersehen, dass "Black Rain" auch ein Produkt seiner Zeit ist. Die Mechanik des Plots ist klassisch, manchmal sogar vorhersehbar, und einige Wendungen wirken konstruiert. Das ist der Preis für einen Film, der sich so konsequent auf Stil, Klang und Bewegung verlässt. Heute erscheint "Black Rain" vielleicht überzeugender als zur Zeit seiner Premiere, weil man den Film weniger als präzisen Krimi denn als atmosphärisches Autoren-Actionkino lesen kann. Er ist kein perfekter Film, und er will es auch nicht sein. Aber er ist ein stark gebauter, visuell unvergesslicher Thriller über Entfremdung, Korruption und die Unmöglichkeit, sich in einer fremden Ordnung einfach mit Gewalt durchzusetzen.

"Black Rain" bleibt aber genau deshalb im Gedächtnis: nicht wegen seiner plotgetreuen Sauberkeit, sondern wegen seines Regens, seiner Neonflächen, seines grimmigen Tons und der Art, wie Ridley Scott selbst aus einem vermeintlich konventionellen Cop-Film eine düstere, fast metallische Welt formt. Wer ihn nur als Actionfilm betrachtet, wird an seinen Schwächen hängen bleiben. Wer ihn aber als Studie über Stil, Stimmung und kulturelle Verlorenheit sieht, erkennt einen Film, der mehr Substanz hat, als sein Ruf manchmal vermuten lässt.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkPegasus Film Partners/Paramount Pictures/Jaffe-Lansing

Donnerstag, 11. Juni 2026

RocknRolla - RockNRolla (2008)

https://www.imdb.com/de/title/tt1032755/

Der Unterwelt-Pate Lenny Cole (Tom Wilkinson) hat drei Londoner Kleinganoven bei einer Grundstückspekulation böse auflaufen lassen. Am Ende der verunglückten Aktion hat das Trio aus One Two (Gerard Butler), Bob (Tom Hardy) und Mumbles (Idris Elba) Schulden von zwei Millionen Pfund. Da kommt ihnen ein Geschäft, das die gerissene Buchhalterin Stella (Thandie Newton) vorschlägt, gerade recht. Ihr Boss, der skrupellose russische Milliardär Uri Obomavich (Karel Roden), will Lennys Kontakte im Stadtrat nutzen, um sich eine Baugenehmigung zu erschleichen. Die sieben Millionen Pfund Schmiergeld fangen die drei Kleinganoven auf Stellas Tipp hin bei der Übergabe ab. Doch das ist nur der Anfang von nicht enden wollenden Verwicklungen...

"RocknRolla" ist kein perfekter Gangsterfilm, aber ein sehr lebendiger. Guy Ritchie kehrt hier nach den eher enttäuschenden Zwischenstationen seiner Karriere mit einem Film zurück, der sich deutlich an den Energiequellen seiner frühen Erfolge orientiert und genau daraus seine Wirkung bezieht: aus Tempo, Sprachwitz, Milieustudie, Musik und einem permanenten Gefühl von geschäftiger Unordnung. Der Film erzählt von einer Londoner Unterwelt, die sich im Wandel befindet. Der altgediente Gangster Lenny Cole, gespielt von Tom Wilkinson, kontrolliert noch immer die etablierten Strukturen, doch ein russischer Geschäftsmann namens Uri Obomavich will über einen Immobilien-Deal in großem Stil mitmischen. Dazwischen geraten Kleinganoven wie One Two, Mumbles und Handsome Bob, außerdem die Buchhalterin Stella, die selbst mitspielen will, und Johnny Quid, der ausgerechnet als Rocker mit Selbstzerstörungsinstinkt eine zentrale Rolle im Geflecht von Verrat, Geld und Macht übernimmt. 

Was "RocknRolla" sofort von vielen konventionellen Gangsterfilmen trennt, ist seine Haltung. Ritchie interessiert sich weniger für psychologische Tiefe als für Bewegung, Rhythmus und ein Milieu, das sich über Sprache, Kleidung, Gesten und Statusspiele definiert. epd Film beschreibt den Film als kraftvoll, vital und selbstbewusst; der Titel sei Programm. Genau das ist der richtige Zugang: *RocknRolla* will nicht moralisch ergründen, sondern elektrisieren. Dabei ist der Film ganz offensichtlich auch eine Rückkehr zu bekannten Mustern. Es ist ein lässiges, hippes Gangster-Genrestück, das sich an "Bube, Dame, König, grAs" und "Snatch" orientiert, ohne diese beiden Filme einfach zu wiederholen. Der Vorwurf der Selbstwiederholung liegt nahe, doch gerade diese Wiedererkennbarkeit ist hier Teil des Vergnügens. Ritchie arbeitet mit seinen eigenen Werkzeugen: verschachtelte Handlung, schnelle Schnitte, lakonische Dialoge, Popmusik als Motor und Figuren, die noch cooler wirken wollen, als sie ohnehin schon sind. Die große Stärke des Films liegt in seiner Besetzung. Gerard Butler gibt One Two genug lässige Energie, um als Einstiegspunkt in dieses Geflecht zu funktionieren, während Tom Wilkinson als Lenny Cole mit kalter Autorität und köstlicher Eitelkeit auftritt. Mark Strong spielt Archy mit kontrollierter Bedrohlichkeit, Thandie Newton bringt als Stella Eleganz und Berechnung zusammen, und Toby Kebbell stiehlt als Johnny Quid viele Szenen mit einer Mischung aus Punk-Attitüde, Chaos und Anarchie. 

Gerade Johnny Quid ist derjenige, an dem sich der Film am deutlichsten entzündet. Er ist nicht nur eine Figur, sondern ein Ausdruck des ganzen Films: exzessiv, unzuverlässig, musikalisch, selbstzerstörerisch und doch irgendwie magnetisch. In ihm bündelt Ritchie die Idee, dass Macht, Image und Inszenierung im kriminellen London untrennbar miteinander verbunden sind. Dazu passt auch die Beobachtung der Kritiken, dass "RocknRolla" den Wandel des Milieus ernst nimmt: Statt Drogengeschäften geht es um Immobilien, Schmiergeld und städtische Machtverhältnisse. Visuell und rhythmisch ist der Film stark auf Wirkung gebaut. Die Musik treibt die Szenen voran, die Kamera sucht nach Glanz in einer schmutzigen Welt, und der Schnitt gibt dem Ganzen eine fast musikalische Struktur. Das ist die eigentliche Qualität von "RocknRolla": Es geht nicht nur darum, was passiert, sondern wie sich ein Ereignis in einen Flow verwandelt. Natürlich hat diese Form ihren Preis. Der Film ist zu sehr an Oberfläche, Coolness und Verwicklungen interessiert ist und bleibt emotional auf Distanz. 

"RocknRolla" ist kein großes Epos über Schuld und Vergebung, sondern ein pointierter, manchmal überdrehter, oft sehr unterhaltsamer Gangsterfilm über Gier, Loyalität und Selbstdarstellung. Er lebt davon, dass er sich selbst mit einem gewissen Augenzwinkern betrachtet, ohne in reine Parodie abzugleiten. Deshalb funktioniert er besser als spätes Lebenszeichen eines Regisseurs, der seine eigene Handschrift wiedergefunden hat, als als radikale Neuerfindung. Auch retrospektiv wirkt der Film interessant, weil er kurz vor der Finanzkrise entstand und ausgerechnet im Immobiliengeschäft die Brutstätte krimineller Macht sieht. Das verleiht ihm im Nachhinein eine gewisse Schärfe, die man bei der Erstaufführung vielleicht weniger stark wahrnahm. Ritchie zeigt eine Welt, in der alte Bosse und neue Geldeliten um denselben Kuchen kämpfen, und genau darin liegt mehr Gegenwartsbezug, als der lässige Ton zunächst vermuten lässt. Am Ende ist "RocknRolla" kein Meisterwerk, aber ein sehr gelungenes Comeback. Der Film ist schnell, laut, selbstverliebt, oft herrlich komisch und in seinen besten Momenten genau so cool, wie er sein möchte. Er kopiert nicht bloß seine Vorbilder, sondern aktualisiert seine eigene Formel für eine neue Londoner Gangsterwelt. Wer Ritchies frühe Filme mochte, bekommt hier eine entschlossene Rückkehr zur Form; wer mehr Tiefe erwartet, wird die Lackschicht sehen und nicht die Maschine darunter. Beide Reaktionen sind verständlich, doch nur die erste wird dem Film ganz gerecht. 

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Warner Bros./Studiocanal/Toff Guy Films/Dark Castle Entertainment

Mittwoch, 10. Juni 2026

Deadly Spawn - Kosmokiller: Sie fressen alles (1983)

https://www.imdb.com/de/title/tt0087998/

Ein Meteorit landet auf der Erde und setzt eine winzige, schleimartige Kreatur frei, die sich nach dem Verzehr von menschlichem Fleisch schnell vergrößert und vermehrt. Sobald der "Kosmokiller" aus dem Meteoriten entkommt, nistet er sich im Keller einer kleinen Stadtfamilie häuslich ein. Während er die verschiedenen Familienmitglieder und jeden unglücklichen Besucher angreift, die es wagen, in den Keller zu gehen, wächst er in seiner Größe und erschafft mehr kleine Kosmokiller-Würmer, die sich schnell auf die ganze die Stadt ausbreiten. Vier Teenager, unterstützt vom jüngeren Bruder der Familie, müssen einen Weg finden, die immer größer werdende Monstrosität zu stoppen...

Mit dem bescheidenen Budget von gerade mal 25.000 $ realisierte Douglas McKeown diesen 80er-Jahre-B-Horrormovie, bei dem man in jeder Szene die Energie der Macher, aber auch die Schwächen in der Ausstattung spürt. Die Besetzung umfasst Charles George Hildebrandt als Charles, Tom DeFranco als Pete, Richard Lee Porter als Frankie, Jean Tafler als Ellen, Karen Tighe als Kathy und James L. Brewster als Sam und nicht ganz zufällig, so scheint es, versucht der Film an den Erfolg von Ridley Scotts "Alien" anzuknüpfen. Was den Film hier besonders macht, ist die Atmosphäre. Der Großteil der Handlung spielt während eines längeren Regens, der seit ein paar Tagen andauert und alles wasserdurchtränkt und klaustrophobisch wirken lässt. Das hat auch den Effekt, dass bequeme unterirdische Wasserwege für die gefräßigen Aliens entstehen, die sich durch die Dunkelheit schleichen, bis es Zeit zum Fressen ist - und um zu wachsen. Und sie wachsen fast zu obszönen Mengen, gewinnen zusätzliche Köpfe und Zähne und die Fähigkeit, ganze Buicks zu verschlucken. Die Grundformel für jeden Creature-Feature-Fan ist also erfüllt. 

Auch die Besetzung der Hauptfiguren ist bemerkenswert, denn hier sind es nicht die typischen dummen Teenager, die auf Jason warten, sondern College-Wissenschaftler und Rentner, die die Show stehlen. Die vier Hauptcharaktere sind eine der ersten Male, dass ich mich erinnern kann, dass Science- und Horror-Nerds die Überlebenden sind. Besonders der junge Charles, der Horror-Enthusiast, der als Stellvertreter für jeden Horror-Fan fungiert, der wegen seiner Begeisterung seltsam angesehen wurde, ist sympathisch. Er ist klug, ruhig und ressourcenschonend. Und er ist nicht pompös oder unehrlich. Er ist einfach ein normaler Junge mit einer lebhaften Vorstellungskraft. Allerdings ist die Schauspielleistung insgesamt nicht sehr beeindruckend, die Hauptcharaktere sind nicht wirklich gut aufgebaut, also kümmert man sich auch nicht wirklich darum, ob sie Monster-Nahrung werden oder nicht. Doch die Spezialeffekte sind auch der Hauptgrund, warum dieser Film so toll ist. Nicht nur die Creature-Effekte sind erstaunlich, sondern auch die Gore-Effekte werden in schönen Details durchgeführt. Es fehlt also schon mal nicht an Blut, wenn die Kreaturen angreifen. 

"Kosmokiller: Sie fressen alles" kann dann am Ende als ein mutiger, leidenschaftlicher Versuch, die alten Creature-Feature-Filme der 1950er-Jahre wiederzubeleben, allerdings mit einer guten Splatterdosis, angesehen werden. Das Monster-Design und Konzept ist ziemlich cool, die Begeisterung ist ansteckend, die Effekte sind beeindruckend für das Budget, und der Film hat eine Symbolik, die selten geworden ist. Er ist nicht perfekt, aber er ist unterhaltsam, und er erinnert daran, dass Horrorfilme immer noch ihre Berechtigung haben, solange sie nicht vergessen, warum sie überhaupt spannend waren.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Filmline Communications

Hansel and Gretel - Hänsel und Gretel (Short) (2007)

https://www.imdb.com/de/title/tt1482859/

Es waren einmal ein Bruder und eine Schwester, Hänsel und Gretel . Früh am Morgen stahlen sich die beiden ungezogenen Kinder ohne die Erlaubnis ihrer lieben Eltern von zu Hause, um im Wald zu spielen . Ihre Eltern hatten ihnen verboten, jemals allein im Wald zu spielen, da sie sich sonst verirren und nie wieder nach Hause finden könnten.

Dies ist der Eröffnungstext (übersetzt) zu Robert Eggers' filmischen Debüt. Basierend auf dem klassischen Märchen der Brüder Grimm ist "Hänsel und Gretel "ein düsterer und stilisierter, schwarz-weißer, expressionistischer Stummfilm mit detailliertem Design und einer unheimlichen Filmmusik. In knappen 27 Minuten erzählt Eggers stilsicher die altbekannte Geschichte im Detail nach und beweist hier schon seine Treffsicherheit in Bezug auf Bildsprache, Einsatz von Musik und Kameraarbeit. Es ist beileibe kein perfekter Film, doch der Stil, der an einen Stummfilm aus den 1930er Jahren erinnert, die eingeschobenen Texttafeln, die Musik, die aus ebenjener Zeit entsprungen sein könnte und die limitierten Schauspieler haben das gewisse Etwas. Natürlich erfindet Eggers hier das Rad nicht neu, sondern spielt lieber mit Bildkomposition und Kamerawinkeln, um dem Märchen der Gebrüder Grimm seine eigene Note zu verpassen. Für ein Debüt wirklich nicht schlecht.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Palehorse Productions

Brothers (Short) (2014)

https://www.imdb.com/de/title/tt5803522/

Die Geschichte zweier Brüder, Tom und Jake, und ihrer problematischen Beziehung.

Robert Eggers drehte diesen 11-minütigen Kurzfilm 2014 als Bewerbung für Investoren, und genau darin liegt seine Kraft: Der Film ist nicht nur ein Kurzfilm, sondern ein "Proof of Concept", der die ganze dunkle, atmosphärische, psychologische Spannung von Eggers' späteren Werken zeigt und ein Beweis dafür, dass Eggers die Fähigkeit hat, die Natur als Albtraum zu gestalten. Zwischen den Wäldern von New Hampshire, fernab von jeder Straße, leben zwei Brüder, Tom und Jake, bei ihrer herrischen Großmutter. Sie sind jung, sie sind allein, und sie sind in einem ständigen, unsichtbaren Kampf gefangen, der nicht nur über sie, sondern auch über ihre Beziehung und ihre Zukunft entscheidet. "Brothers" ist eine Kain-und-Abel-Geschichte, die auf Eggers' eigenen Kindheitserinnerungen basiert, an Geschichten von New Hampshire-Farmleben aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und an eine tragische Jagd-Begebenheit. "Brothers" ist irgendwo nachvollziehbar, verständlich und doch unfassbar tragisch. Eine Geschichte, die effektiv und effizient erzählt wird, und dabei genau so lang ist wie sie sein muss, um alles zu sagen. Kameraarbeit und Sounddesign, sowie der limitierte Dialog haben eine gute Sogwirkung inne und faszinieren, Spannung baut sich langsam auf und entlädt sich dann mit einem Schlag. Das Ende ist dann bitter und düster und lässt einen nachdenken. Beeindruckend.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkParts & Labor/Code Red Productions

The Tell-Tale Heart - Das verräterische Herz (Short) (2008)

https://www.imdb.com/de/title/tt1330057/

In einem stattlichen Herrenhaus ruft der kranke Hausherr seinen Diener mit einer Glocke. Der Diener trägt, füttert und wäscht seinen Herrn, wobei er jeden Augenblick in der Gegenwart des kränklichen alten Mannes fürchtet und hasst. Dies wiederholt sich eine Woche lang, bis der Diener schließlich frustriert seine Taschenuhr zerbricht, anstatt sie erneut aufzuziehen. In der achten Nacht betritt der Diener das Schlafzimmer des Herrn. Der Herr erwacht und will wissen, wer da ist. Daraufhin leuchtet der Diener ihm mit seiner Laterne ins Auge. Von Wut überwältigt, erstickt der Diener den Herrn mit dessen eigenen Bettlaken. Dann trägt er die Leiche in den Keller hinunter, zerstückelt sie und vergräbt sie unter den Dielen, bevor es an der Haustür klopft...

In der düsteren, viktorianisch eingebauten Halle eines verlassenen Hauses in New Hampshire entwickelt sich eine Geschichte, die wir alle kennen - Edgar Allan Poes "Das verräterische Herz" - doch Robert Eggers macht aus diesem Klassiker eine ganz eigene, atmosphärische Vision. Der Film ist ehrlich, leidenschaftlich und voller Vorahnung dessen, was Eggers später ausgestalten würde. Was "The Tell-Tale Heart" von Beginn an besonders macht, ist seine Atmosphäre. Eggers verzichtet auf viele Dialoge und lässt die Stimmung durch Licht, Klang und Bild entstehen. Der Sounddesign ist eindringlich, das Herz des Opfers pulsiert im Hintergrund, ein rhythmischer, fast medizinischer Klang, der sich langsam in die Psyche des Zuschauers einschlägt. Der Film lebt von der rhythmischen, verzerrten Beziehung zwischen Auge und Herz. 

Die Bildsprache ist ebenso beeindruckend. Der Film ist in einem engen, klaustrophobischen Aspekt gedreht, der die Beobachter in die enge Welt des Dieners und des Meisters hineindrückt. Die Kamera bleibt oft auf den Gesichtern, besonders auf dem Gesicht des alten Mannes. Richard Easton ist grandios, und seine Darstellung ist eine der besten, die ich in einem Kurzfilm gesehen habe. Ein besonders bemerkenswerter Aspekt ist die Verwendung einer Puppe, um den alten Mann zu spielen. Eggers wollte ursprünglich einen sehr gebrechlichen, alten Schauspieler für die Rolle engagieren, aber die Drehbedingungen in einem verlassenen, kalten, 19. Jahrhundertshaus in New Hampshire waren so schwierig, dass er eine Puppe bevorzugte. Diese Entscheidung macht den Film einzigartig: Der alte Mann ist nicht nur ein Mensch, sondern ein unbelebtes, fast unheimliches Objekt, das die Angst und die Schuld des Dieners verstärkt.

Die Handlung ist einfach, aber Es ist nicht nur die Geschichte eines Dieners, der seinen Meister tötet, sondern die Geschichte eines Menschen, der von seiner Schuld und seiner Angst zerreibt. Eggers zeigt, wie die Schuld sich langsam in den Diener einschlägt, und wie das Herz, das er tötet, immer noch pulsiert. Der Film ist eine Studie über Schuld, Angst und die Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu vergessen. Vermutlich ist dies eine der besten Edgar Allen Poe-Adaptionen, die man je gesehen hat, und sicherlich die beste Adaption von "Das verräterische Herz" überhaupt. Der Film ist nicht nur eine Adaption, sondern eine Interpretation, die die Atmosphäre und die Stimmung von Poe einfängt, ohne die Prosa zu überbetonen. Auch die technische Umsetzung ist für ein Low-Budget-Projekt erstaunlich wirkungsvoll. Die Kameraarbeit ist präzise, das Sounddesign ist eindringlich, und die Darstellung ist beeindruckend. Der Film ist nicht perfekt, aber er ist ein Beweis dafür, dass große Wirklichkeit nicht von großen Budgets abhängt.

Am Ende bleibt "The Tell-Tale Heart" ein außergewöhnlich reiner Kurzfilm, ein Stück Kino, das fast aus nichts besteht und doch lange nachwirkt. Eggers beweist hier bereits, wie sicher er das Publikum durch Raum, Tempo und Wahrnehmung führen kann. Was als Fernsehen begann, ist zu einem fast archetypischen Albtraum geworden: der Mensch allein gegen sein eigenes Herz, in der dunklen, kalten Halle eines verlassenen Hauses. "It is the beating of his hideous heart!" - und das ist genau das, was den Film so mächtig macht.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Palehorse Productions