Samstag, 26. September 2026

Extinction (2015)

https://www.imdb.com/de/title/tt3467412/
https://letterboxd.com/film/extinction-2015/

In einer postapokalyptischen Welt, in der während des Dritten Weltkriegs vernichtende Chemiewaffen zum Einsatz kamen: Neun Jahre nachdem eine Infektion den Großteil der Bevölkerung in wilde Bestien verwandelt hat, ist es einer kleinen Gruppe Überlebenden gelungen, in einem winzigen Dörfchen jenseits der Zivilisation dem Schrecken zu entgehen. Das Glück von Patrick (Matthew Fox), Jack  (Jeffrey Donovan) und der neunjährige Lu (Quinn McColgan) scheint nun jedoch ein Ende zu nehmen. Nicht nur droht der tief sitzendende Hass, den Patrick und Jack gegeneinander hegen, ihre Lage zu verschlimmern, auch sehen sich die Drei nun mit den ersten ungebetenen Besuchern konfrontiert. Um die eine Person zu beschützen, die ihnen mehr als alles andere auf der Welt bedeutet, müssen die zwei Männer den Groll ruhen lassen und gemeinsam gegen die Infizierten vorgehen.

Regisseur Miguel Ángel Vivas, bekannt für den kompromisslosen Thriller "Kidnapped", erzählt "Extinction" zunächst weniger als klassischen Zombiefilm denn als ruhiges Endzeitdrama. Die eisige Landschaft, die leeren Häuser und die bedrückende Stille erzeugen eine überzeugende Atmosphäre. Der Film vermittelt das Gefühl einer Welt, in der nicht nur die Gesellschaft, sondern auch jede Hoffnung auf Normalität verschwunden ist - und ja, die ungewöhnliche Winterkulisse hebt ihn aus dem überfüllten Zombiegenre ein wenig heraus. Allerdings verlangt der Film seinem Publikum einiges an Geduld ab. Über weite Strecken konzentriert sich die Handlung auf die angespannte Beziehung zwischen Patrick und Jack. Ihre gemeinsame Vergangenheit, gegenseitige Schuldzuweisungen und die emotionale Bindung zu Lu bilden den eigentlichen Kern der Geschichte. Das ist grundsätzlich interessant, doch die Figurenzeichnung bleibt stellenweise schematisch. Die Konflikte werden häufig über Dialoge und Rückblenden erklärt, statt sich organisch aus dem Verhalten der Figuren zu entwickeln. Dadurch wirkt das Drama gelegentlich melodramatisch und unnötig ausgedehnt.

Matthew Fox liefert als verwahrloster, vereinsamter Patrick eine solide Leistung und verleiht der Figur glaubwürdige Erschöpfung. Jeffrey Donovan macht aus dem zunächst recht verschlossenen Jack mehr, als das Drehbuch vorgibt. Die größte Überraschung ist jedoch Quinn McColgan, die Lu mit einer angenehmen Mischung aus Verletzlichkeit, Eigenwilligkeit und kindlicher Energie spielt. Ihre Figur sorgt dafür, dass der Film trotz seiner düsteren Grundstimmung nicht vollständig in Schwermut versinkt. Als Horrorfilm funktioniert "Extinction" dagegen nur eingeschränkt. Die titelgebende Bedrohung tritt lange Zeit kaum in Erscheinung. Wenn die Kreaturen schließlich auftauchen, handelt es sich nicht mehr um die bekannten, langsam schlurfenden Zombies, sondern um weiterentwickelte, blinde und körperlich deformierte Wesen. Diese Idee ist durchaus reizvoll und verleiht dem Film einzelne spannende Momente. Auch die Begegnungen mit den Kreaturen sind teilweise überraschend körperlich und brutal inszeniert. Dennoch erinnern Aussehen und Verhalten der Monster deutlich an andere Genreproduktionen, insbesondere an die Kreaturen aus "I Am Legend" oder "The Descent".

Die Action ist handwerklich ordentlich, bleibt aber auf wenige Höhepunkte beschränkt. Die Kamera nutzt die verschneite Umgebung wirkungsvoll, während Ausstattung und Farbgestaltung eine kalte, trostlose Welt erschaffen. Die Effekte sind für eine vergleichsweise kleine Produktion akzeptabel, wirken aber nicht immer überzeugend. Vor allem die digitalen Kreaturen verlieren gelegentlich an Bedrohlichkeit, weil ihre Bewegungen künstlich erscheinen. Ein markanter visueller Stil oder eine wirklich eigenständige Bildsprache entwickelt sich daraus nicht. Inhaltlich versucht "Extinction", den Zombiehintergrund als Allegorie auf Schuld, Verlust, Elternschaft und menschliche Isolation zu nutzen. Diese Themen sind durchaus vorhanden, werden aber nicht immer subtil vermittelt. Der Film möchte mehr sein als ein reiner Überlebenshorror, findet jedoch nicht durchgehend die richtige Balance zwischen Charakterdrama und Genrekino. Wer einen temporeichen Zombie-Actionfilm erwartet, dürfte sich angesichts des langsamen Mittelteils und der relativ wenigen Monsterauftritte enttäuscht zeigen. Wer sich auf ein melancholisches Endzeitkammerspiel einlässt, bekommt zumindest eine atmosphärisch interessante Variante des Stoffes. Problematisch ist aber vor allem die Laufzeit von knapp zwei Stunden. Einige Rückblenden und Beziehungskonflikte hätten deutlich gestrafft werden können. Dadurch würde der Film nicht nur spannender, sondern vermutlich auch emotional wirkungsvoller ausfallen. Das Finale liefert schließlich die erwartete Konfrontation und einige gelungene Spannungsspitzen, kann die vorherigen Längen aber nicht vollständig kompensieren.

Ordentlich gespielt und atmosphärisch reizvoll. Ein Endzeitdrama, das seine Zombiehandlung zugunsten eines familiären Konflikts zurücknimmt. Die verschneite Welt, die brauchbaren Darsteller und die Idee weiterentwickelter Infizierter sorgen für einige interessante Ansätze. Gleichzeitig bleibt der Film zu langsam, zu melodramatisch und in seiner Monsterdarstellung zu wenig eigenständig, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Ein solider Genrebeitrag mit guten Momenten, aber kein herausragender Zombiefilm.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Vaca Films/La Ferme! Productions/Laokoon Filmgroup/Ombra Films/Telefónica Studios

Freitag, 25. September 2026

Psycho Killer (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt1764551/
https://letterboxd.com/film/psycho-killer-2026/

Die Autobahnpolizistin Jane Archer (Georgina Campbell) muss mit ansehen, wie ihr Mann Mike, der ebenfalls als Highwaypolizist arbeitet, bei der Routinekontrolle eines Autos kaltblütig erschossen wird. Dem Täter gelingt die Flucht, doch nachdem Jane die ersten schlimmen Tage und Mikes Beerdigung irgendwie überstanden hat, setzt sie alles daran, den Killer zu fassen. Der hat inzwischen noch weitere Morde begangen und alles deutet darauf hin, dass es sich um einen Serienkiller handelt, der auf Anweisungen des Teufels persönlich hin zu handeln glaubt. Janes Ermittlungen führen sie von der Westküste quer durch die USA und je näher sie dem wahnsinnigen Satanisten kommt, desto klarer wird ihr, dass dieser offenbar einen bizarren Plan in die Tat umsetzen will, der zahllose Menschenleben kosten könnte...

Mit "Psycho Killer" wollte Drehbuchautor Andrew Kevin Walker, der einst das Skript zu "Sieben" verfasste, offenbar einen klassischen Serienkiller-Thriller mit satanischem Einschlag wiederbeleben. Das Ergebnis wirkt allerdings weniger wie eine finstere Genre-Hommage als wie ein überholtes Relikt, das jahrelang in der Produktionshölle feststeckte - und dessen Schwächen man ihm deutlich ansieht. Im Mittelpunkt steht die Polizistin Jane Archer (Georgina Campbell), die miterleben muss, wie ihr Ehemann von einem maskierten Serienmörder getötet wird. Während der sogenannte "Satanic Slasher" eine blutige Spur durch das Land zieht, nimmt Jane die Verfolgung auf. Parallel dazu gewährt der Film immer wieder Einblicke in die Perspektive des Killers. Diese wechselnde Erzählstruktur ist grundsätzlich ein brauchbarer Ansatz, um Spannung und Täterprofil miteinander zu verbinden. Leider bleibt sie weitgehend ohne Wirkung, da weder die Ermittlerin noch ihr Gegenspieler genügend psychologische Tiefe erhalten.

Georgina Campbell bemüht sich redlich, ihrer Figur Trauer, Wut und Entschlossenheit zu verleihen. Das Drehbuch lässt ihr jedoch kaum Raum für eine glaubwürdige Entwicklung. Jane funktioniert vor allem als dramaturgisches Werkzeug, das die Handlung von einem Mordschauplatz zum nächsten führt. Auch der Killer selbst bleibt trotz auffälliger Maske, tiefer Stimme und satanischer Symbolik erstaunlich eindimensional. Statt einer wirklich bedrohlichen Persönlichkeit bekommt man vor allem eine Ansammlung vertrauter Slasher-Merkmale. Atmosphärisch setzt "Psycho Killer" auf düstere Schauplätze, okkulte Zeichen, brutale Morde und eine bewusst schmutzige Optik. Einzelne Szenen besitzen durchaus eine gewisse Härte, und auch die Gore-Effekte können gelegentlich überzeugen. Wirklich verstörend oder nachhaltig unheimlich wird der Film jedoch selten. Viele Gewalteinlagen wirken mechanisch abgearbeitet, während die Inszenierung kaum ein Gespür für Timing, Suspense oder visuelle Eigenständigkeit entwickelt. Die satanische Mythologie bleibt zudem oberflächlich und wird eher als dekoratives Element denn als sinnvoller Bestandteil der Geschichte eingesetzt.

Auch das Erzähltempo ist problematisch. Der Film kommt zunächst relativ zügig voran, verliert aber zunehmend an Spannung, weil die Ermittlungsarbeit schematisch bleibt und die Figuren kaum greifbarer werden. Besonders im letzten Drittel gerät die Geschichte aus dem Gleichgewicht. Der angekündigte Twist versucht zwar, dem Geschehen eine neue Richtung zu geben, wirkt aber eher willkürlich als clever vorbereitet. Was zuvor noch als konventioneller Serienkillerfilm funktioniert, kippt dadurch in eine zunehmend unausgegorene Mischung aus Slasher, Mystery und satanischem Horror. Die Kameraarbeit erfüllt ihren Zweck, die düstere Ausstattung passt zum Genre und der Soundtrack sorgt punktuell für Atmosphäre. Doch weder Bildsprache noch Musik oder Sounddesign entwickeln eine eigene Handschrift. Selbst Malcolm McDowell, dessen kurzer Auftritt zu den interessanteren Momenten gehört, kann dem Film keine nachhaltige Energie verleihen. Das größte Problem ist letztlich die verschenkte Ausgangsidee. Ein Drehbuch vom Autor von "Sieben", eine traumatisierte Polizistin, ein religiös aufgeladener Serienmörder und eine wechselnde Täterperspektive hätten durchaus die Grundlage für einen bissigen, atmosphärischen Thriller bilden können. Stattdessen bleibt "Psycho Killer" überraschend oberflächlich, vorhersehbar und spannungsarm. Die wenigen gelungenen Momente - einzelne Morde, ein paar düstere Bilder und Campbells engagierte Darstellung - reichen nicht aus, um die zahlreichen dramaturgischen und inszenatorischen Schwächen auszugleichen.

Damit ist "Psycho Killer" weder ein wirklich packender Serienkiller-Thriller noch ein besonders einfallsreicher Slasher. Der Film besitzt Ansätze, aber kaum Konsequenz, Atmosphäre oder Charaktertiefe. Für hartgesottene Genrefans mögen einige blutige Szenen einen kurzen Reiz haben - insgesamt bleibt jedoch ein enttäuschend generischer und schnell vergessener Horrorfilm.

4/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: New Regency Pictures/Vertigo Entertainment/Constantin Film/Regency Enterprises

Avengers: Endgame Encore (2026)

https://www.imdb.com/title/tt4154796/
https://letterboxd.com/film/avengers-endgame/

Thanos (Josh Brolin) hat also tatsächlich Wort gehalten, seinen Plan in die Tat umgesetzt und die Hälfte allen Lebens im Universum ausgelöscht. Die Avengers? Machtlos. Iron Man (Robert Downey Jr.) und Nebula (Karen Gillan) sitzen auf dem Planeten Titan fest, während auf der Erde absolutes Chaos herrscht. Doch dann finden Captain America (Chris Evans) und die anderen überlebenden Helden auf der Erde heraus, dass Nick Fury (Samuel L. Jackson) vor den verheerenden Ereignissen gerade noch ein Notsignal absetzen konnte, um Verstärkung auf den Plan zu rufen. Die Superhelden-Gemeinschaft bekommt mit Captain Marvel (Brie Larson) kurzerhand tatkräftige Unterstützung im Kampf gegen ihren vermeintlich übermächtigen Widersacher. Und dann ist da auch noch Ant-Man (Paul Rudd), der wie aus dem Nichts auftaucht und sich der Truppe erneut anschließt, um die ganze Sache womöglich doch noch zu einem guten Ende zu bringen...

4 Minuten mehr Film machen aus dem 2019er "Avengers Endgame" keinen vollständig neuen Film, aber sie ebnen den Weg für den mit Spannung erwarteten "Avengers: Doomsday". Obwohl das damalige Produkt nahezu perfekt war, wirkt der Film durch das neue Color-Grading und das durchgängige "Infinity Vision"-Format (bzw. IMAX-Format) stimmiger, epischer, einfach etwas besser. Und nach all den Jahren bekomme ich im Finale immer noch eine Gänsehaut und mein Körper wird durchströmt mit diesem heroischen Gefühl der Freude und einem erhabenen Adrenalinschub, gepaart mit einem unfassbar ausgeprägtem Gerechtigkeitsgefühl. Ja, das muss es sein.

9,5/10

Von WALT DISNEY STUDIOS gab es die 4-teilige Filmreihe exklusiv bei BestBuy in einem Metall-Slipcase, welches die 4 Filme auf 4K Ultra-HD Blu-ray im Steelbook enthielt.

Quellen: 
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Marvel Studios

Mittwoch, 23. September 2026

Le Dernier Refuge - The Last House (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt32268156/
https://letterboxd.com/film/the-last-house-2026/

Es scheint ein Tag wie jeder andere im Leben von Riley (Great Lee), Jason (Wagner Moura) und ihren Kindern Graham (Noah Alexander Sosnowski) und Ruth (Riley Chung) zu sein. Man hat sich fertig für eine gemeinsame Unternehmung gemacht und will gerade das Haus in der Vorstadt verlassen, als Graham und Ruth feststellen, dass die Haustür fest verschlossen ist. Schnell wird klar, dass auch die restlichen Türen und die Fenster sich nicht öffnen lassen und dass außerdem die Telekommunikation komplett versagt. Auch alle anderen Versuche, das Haus zu verlassen, scheitern und bald macht sich Panik breit, nicht zuletzt als sich abzeichnet, dass die Ursache für ihre Lage nicht natürlichen Ursprungs zu sein scheint. Durchs Fenster kann man lediglich sehen, dass auch die Nachbarn von dem mysteriösen Phänomen betroffen sind. Doch das alles ist erst der Anfang, denn irgendwann droht der Familie die Nahrung auszugehen und wer auch immer für ihre ausweglose Situation verantwortlich ist, scheint Pläne zu haben.

Louis Leterriers "The Last House" nimmt eine ebenso simple wie beklemmende Ausgangsidee und verbindet sie mit den Ängsten der Pandemiezeit: Eine Familie wacht eines Morgens auf und stellt fest, dass sie ihr eigenes Haus nicht mehr verlassen kann. Türen und Fenster lassen sich nicht öffnen, während ein mysteriöser, von starkem Regen begleiteter Einfluss die Außenwelt unzugänglich macht. Jason Delgado (Wagner Moura), seine Frau Ann (Greta Lee) und ihre beiden Kinder müssen sich in ihrem unfreiwilligen Gefängnis organisieren - zunächst gegen Langeweile und wachsende Gereiztheit, später gegen Hunger, Krankheit und eine zunehmend unbegreifliche Bedrohung. Die Prämisse ist sofort wirkungsvoll, weil sie eine alltägliche Erfahrung ins Bedrohliche überführt. Das eigene Zuhause, normalerweise Synonym für Sicherheit, wird zum hermetisch abgeschlossenen Lebensraum. Der Film nutzt diese Situation zunächst für eine glaubwürdige Darstellung familiärer Spannungen: Vorräte werden knapp, Routinen verändern sich, und aus anfänglicher Improvisation wird ein jahrelanger Überlebenskampf. Die Parallelen zu den Corona-Lockdowns sind dabei deutlich, bleiben aber eher metaphorisch als politisch.

Wagner Moura und Greta Lee verleihen ihren Figuren genügend Wärme und Verletzlichkeit, um die familiäre Dimension über weite Strecken zu tragen. Moura spielt Jason als pragmatischen, zunehmend verzweifelten Improvisator, während Lee Anns emotionale Erschöpfung und ihre Bemühungen um Normalität glaubwürdig vermittelt. Auch die beiden Kinder funktionieren als Teil der Familiendynamik, zumal ihre Entwicklung über mehrere Jahre hinweg durch unterschiedliche Darsteller sichtbar gemacht wird. Die Leistungen können allerdings nicht vollständig ausgleichen, dass die Figurenzeichnung gelegentlich auf bekannte Krisenfilm-Muster zurückfällt. Handwerklich ist "The Last House" durchaus solide. Die Entscheidung, den Großteil der Handlung in einem einzigen Haus spielen zu lassen, wird durch ein sich veränderndes Set sinnvoll genutzt: Die Räume verwandeln sich allmählich von einem komfortablen Zuhause in eine improvisierte Überlebensstation. Kameraführung, Sounddesign und Produktionsdesign erzeugen ein klaustrophobisches Gefühl, ohne sich ausschließlich auf Jump-Scares zu verlassen. Auch die zunehmend verwahrloste Umgebung vermittelt überzeugend den Zeitablauf und den körperlichen wie psychischen Verschleiß der Familie. Je stärker der Film jedoch seine Science-Fiction- und Horror-Komponente in den Vordergrund rückt, desto deutlicher treten die Schwächen hervor. Die Erklärung für die Isolation und die Natur der Bedrohung bleiben lange diffus und werden schließlich nur bedingt befriedigend aufgelöst. Was anfangs als psychologisch nachvollziehbares Kammerspiel funktioniert, entwickelt sich zunehmend zu einem Creature-Feature mit teilweise schwer vermittelbaren Regeln. Die Handlung verliert dadurch an Präzision, während manche Wendungen eher wie nachträgliche Lösungen für dramaturgische Probleme wirken.

Auch das Erzähltempo ist unausgewogen. Die 110 Minuten bieten zwar Raum, um den langen Überlebenszeitraum abzubilden, doch nicht jede Phase dieser Gefangenschaft ist gleichermaßen interessant. Hinzu kommt, dass die gesellschaftlichen Themen - Klimakrise, menschliche Selbstzerstörung, Konsumverhalten und die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur - zwar erkennbar angelegt sind, aber kaum vertieft werden. Der Film möchte mehr sein als ein simples Gefangenschaftsszenario, findet aber keine wirklich prägnante Form, seine Ideen mit der Handlung zu verbinden. Dadurch wirkt das Finale eher versöhnlich und konventionell als zwingend oder nachhaltig verstörend. Der Film besitzt damit eine starke, zeitgemäße Grundidee, eine überzeugende Hauptbesetzung und eine über weite Strecken beklemmende Atmosphäre. Besonders die Darstellung des familiären Zusammenlebens unter extremen Bedingungen funktioniert. Dem stehen jedoch ein unausgeglichenes Tempo, eine nur oberflächlich entwickelte Mythologie, wechselhafte Tonlagen und eine wenig befriedigende Auflösung gegenüber. Als klaustrophobischer Streaming-Thriller ist der Film durchaus brauchbar, bleibt aber deutlich hinter dem Potenzial seiner Prämisse zurück.

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Chernin Entertainment/3 Arts Entertainment

Dienstag, 22. September 2026

Den hemmelige kvinde - The Secret Woman - Die Frau ohne Vergangenheit (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt37275992/
https://letterboxd.com/film/the-secret-woman/

Louise Andersen (Natalie Madueño) lebt gemeinsam mit ihrem Partner Joachim ein zurückgezogenes Leben auf der norwegischen Insel Hidra, wo sie ein kleines Café betreibt. Ihr Alltag gerät jedoch aus den Fugen, als eine Fremde sie als Helene Söderberg erkennt – eine Frau, die vor drei Jahren in Dänemark spurlos verschwand. Nach und nach erfährt Louise, dass sie einst verheiratet war und einen kleinen Sohn hat. Entschlossen, die Wahrheit über ihre Identität und die Ereignisse ihres Verschwindens herauszufinden, lässt sie ihr bisheriges Leben hinter sich und kehrt in ihre Vergangenheit zurück. Je tiefer sie in die Nachforschungen eintaucht, desto mehr verborgene Geheimnisse kommen ans Licht und führen zu einer Enthüllung, die ihr gesamtes Leben infrage stellt.

Barbara Topsøe-Rothenborgs "Die Frau ohne Vergangenheit" beginnt mit einer reizvollen Mystery-Prämisse: Louise Andersen (Natalie Madueño) führt auf der norwegischen Insel Hidra ein ruhiges Leben mit ihrem Partner Joachim (Pål Sverre Hagen) und betreibt ein kleines Café. Als ein Fremder sie plötzlich Helene nennt, gerät ihre vermeintlich stabile Identität ins Wanken. Eine DNA-Untersuchung bestätigt schließlich, dass Louise tatsächlich Helene Söderberg ist - eine wohlhabende dänische Unternehmerin, die vor Jahren verschwunden ist, einen Ehemann und einen Sohn hat und sich an ihr früheres Leben nicht erinnern kann. Der Film nutzt diesen Ausgangspunkt für einen klassischen Identitäts- und Familienthriller. Louise kehrt in eine Vergangenheit zurück, die ihr fremd geworden ist, und versucht herauszufinden, warum sie ihr altes Leben hinter sich gelassen hat. Dabei verbindet das Drehbuch Gedächtnisverlust, familiäre Geheimnisse, psychologische Manipulation und Anklänge an Nordic Noir. Die Idee, dass die Hauptfigur nicht nur ihre Vergangenheit vergessen hat, sondern sich inzwischen ein neues, selbstbestimmtes Leben aufgebaut hat, verleiht dem bekannten Amnesie-Motiv immerhin eine interessante Variante.

Natalie Madueño vermittelt Louises Verunsicherung, ihre Vorsicht und den zunehmenden Konflikt zwischen der vertrauten Gegenwart und der verstörenden Vergangenheit glaubwürdig. Auch Pål Sverre Hagen sorgt als Joachim für eine sympathische, geerdete Präsenz. Claes Bang ist als Ehemann Edmund dagegen ausgesprochen wirkungsvoll, allerdings setzt der Film seine bedrohliche Ausstrahlung so früh und deutlich ein, dass kaum Zweifel daran bleiben, dass mit dieser Figur etwas nicht stimmt. Atmosphärisch kann "Die Frau ohne Vergangenheit" ebenfalls punkten. Die norwegische Inselwelt, die kühlen Farben und die kontrastreiche Gegenüberstellung von Louises einfachem Leben und ihrer wohlhabenden dänischen Vergangenheit erzeugen eine passende, leicht unheilvolle Stimmung. Die Inszenierung bleibt dabei eher elegant und kontrolliert als wirklich verstörend. Der Film setzt weniger auf harte Schocks als auf Misstrauen, Andeutungen und die Frage, welchen Erinnerungen und Personen Louise überhaupt trauen kann. Leider wird - wie so oft - das Potenzial des Stoffes durch ein häufig allzu offensichtliches Drehbuch eingeschränkt. Viele Hinweise werden mit dem sprichwörtlichen Holzhammer präsentiert, während zahlreiche Wendungen eher konstruiert als zwingend wirken. Die Geschichte möchte überraschen, verrät ihre Geheimnisse aber teilweise zu früh und greift auf vertraute Thriller-Klischees zurück. Auch die ernsteren Themen - Identität, familiäre Kontrolle, Machtmissbrauch und die psychischen Folgen verdrängter Vergangenheit - werden eher behauptet als wirklich vertieft. Hinzu kommt, dass die Figuren außerhalb der zentralen Konstellation nur begrenzt ausgearbeitet sind. Dadurch wirkt die Handlung mitunter wie ein Puzzle, dessen Teile vor allem zur nächsten Enthüllung führen sollen. Zwar bleibt die Neugier bis zum Ende erhalten, doch echte emotionale Wucht oder nachhaltige psychologische Spannung entwickelt sich nur selten. Auch die Laufzeit von knapp zwei Stunden macht sich bemerkbar: Einige Entwicklungen hätten von mehr Ruhe und Tiefe profitiert, während andere unnötig kompliziert erscheinen.

"Die Frau ohne Vergangenheit" besitzt eine interessante Ausgangsidee, eine überzeugende Hauptdarstellerin, eine ansprechende nordische Atmosphäre und genügend Geheimnisse, um als Thriller über weite Strecken zu unterhalten. Gleichzeitig verhindern vorhersehbare Enthüllungen, überzeichnete Figuren und eine wenig subtile Dramaturgie den Sprung in die Oberklasse. Ein solider, stellenweise spannender Identitätsmysteryfilm - aber kein neues Highlight des skandinavischen Thrillers.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: SF Studios

Wind Chill - Der eisige Tod (2007)

https://www.imdb.com/de/title/tt0486051/
https://letterboxd.com/film/wind-chill/

Sie (Emily Blunt) hat ein schlechtes Gefühl, als sie zu dem fremden Kommilitonen (Ashton Holmes) ins Auto steigt - und soll Recht behalten. Das, was ihr der Unbekannte so erzählt, ergibt keinen rechten Sinn. Richtig unheimlich wird er ihr allerdings erst, als sie nach einem Beinahe-Unfall auf einer abgelegenen Route, die er als Abkürzung bezeichnet hat, liegen bleiben. Und es kommt noch schlimmer: Bald sehen beide unheimliche Gestalten vor ihrem Auto vorbeihuschen...

"Wind Chill" ist ein reduzierter Horrorfilm, der aus einer simplen Ausgangssituation - zwei Studenten stranden während eines Schneesturms auf einer abgelegenen Landstraße - eine Mischung aus Kammerspiel, Geistergeschichte und psychologischem Thriller entwickelt. Regisseur Gregory Jacobs interessiert sich dabei weniger für blutige Schockeffekte als für Isolation, Misstrauen und die beklemmende Wirkung einer lebensfeindlichen Umgebung und beginnt  das ganze Szenario angenehm unspektakulär: Eine Studentin (Emily Blunt) nimmt kurz vor den Weihnachtsferien das Mitfahrangebot eines Kommilitonen (Ashton Holmes) an. Was zunächst wie eine gewöhnliche Fahrt nach Hause wirkt, kippt, als der junge Mann eine abgelegene Abkürzung nimmt und ein riskantes Ausweichmanöver die beiden von der Straße abkommen lässt. Im Schneesturm sitzen sie fest - und müssen bald erkennen, dass die Kälte nicht ihre einzige Bedrohung ist. 

Die verschneite Landschaft, die Dunkelheit und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit erzeugen ein glaubwürdiges Gefühl von Hilflosigkeit. Statt pausenloser Jump-Scares setzt Jacobs auf Stille, lange Einstellungen, Geräusche und die Erwartung, dass irgendwo außerhalb des sichtbaren Bildes etwas lauert. Getragen wird das Kammerspiel vor allem von Emily Blunt. Sie verleiht ihrer Figur eine Mischung aus Misstrauen, Widerstandskraft und zunehmender Verzweiflung und macht die Studentin auch dann interessant, wenn das Drehbuch nur wenig über sie preisgibt. Ashton Holmes bleibt als zunächst schüchterner, zunehmend undurchsichtiger Mitfahrer bewusst schwer greifbar. Beide funktionieren als ungleiches Duo, dessen angespannte Dynamik den Film in der ersten Hälfte zusammenhält. 

Mit dem Auftauchen verschiedener Erscheinungen erweitert sich "Wind Chill" von einem realistischen Überlebensdrama zu einer folkloristisch angehauchten Geistergeschichte. Die Idee, dass die Straße von den Spuren vergangener Todesfälle heimgesucht wird, besitzt einen gewissen Reiz. Sie verleiht dem Schauplatz eine unheimliche Vergangenheit und lässt die Isolation beinahe metaphysisch wirken. Allerdings bleibt die Mythologie des Films unausgegoren. Die Erscheinungen werden nicht immer überzeugend in die Handlung integriert, und manche Erklärungen wirken eher angedeutet als konsequent entwickelt. Genau hier liegt das zentrale Problem. Der Film baut eine interessante Spannung zwischen psychologischem Misstrauen, körperlicher Bedrohung und übernatürlichem Schrecken auf, findet aber keinen wirklich befriedigenden Weg, diese Ebenen miteinander zu verbinden. Die Handlung dreht sich phasenweise im Kreis, während einige Wendungen eher Verwirrung als nachhaltigen Schrecken erzeugen. 

Trotzdem scheitert "Wind Chill" nicht völlig. Die Inszenierung bleibt angenehm zurückhaltend, die winterliche Kulisse wird effektiv genutzt, und Emily Blunt zeigt bereits jene Präsenz, die sie später zu einer so vielseitigen Hauptdarstellerin machen sollte. Der Film besitzt zudem den Mut, nicht jede Szene mit Musik oder plakativen Effekten zu überladen. Doch die gute Grundstimmung reicht nicht aus, um die dramaturgischen Schwächen auszugleichen. Seine Konzentration auf Isolation und psychologische Spannung ist erfreulich, seine Geistergeschichte bleibt jedoch erzählerisch unausgereift und verliert sich zunehmend in Wiederholungen und unklaren Einfällen. Wer ruhigen, reduzierten Horror schätzt, findet hier einige starke Momente - sollte aber keinen durchgehend ausgefeilten oder besonders originellen Genrebeitrag erwarten.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: TriStar Pictures/Blueprint Pictures/Section Eight

Montag, 21. September 2026

Creep (2014)

https://www.imdb.com/de/title/tt2428170/
https://letterboxd.com/film/creep-2014/

Als sich ein Videofilmer auf eine Online-Anzeige für einen Ein-Tages-Job in einem abgelegenen Bergdorf meldet, muss er feststellen, dass sein Klient nicht das ist, was er zunächst zu sein scheint.

"Creep" ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig ein Horrorfilm eigentlich braucht, um unangenehm zu werden. Patrick Brice reduziert seinen Debütfilm fast vollständig auf zwei Männer, eine Kamera und eine zunehmend verstörende Begegnung. Videofilmer Aaron (Patrick Brice) nimmt einen scheinbar einfachen Auftrag von Josef (Mark Duplass) an, der für sein ungeborenes Kind ein Videotagebuch aufnehmen möchte. Was zunächst nur seltsam wirkt, entwickelt sich langsam zu einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel. Gerade diese langsame Verschiebung von sozialer Peinlichkeit zu echter Bedrohung ist die große Stärke des Films. Mark Duplass' Josef ist gleichzeitig freundlich, lächerlich, manipulativ und beunruhigend - und gerade weil Duplass nicht permanent auf "Psychopath" spielt, bleibt seine Figur zunächst schwer einzuschätzen. Patrick Brice hält als Aaron glaubwürdig dagegen und vermittelt überzeugend, warum sein Charakter trotz wachsender Zweifel immer wieder versucht, die Situation zu entschärfen.

Auch die Inszenierung überzeugt durch ihre Konsequenz. Die Handkamera wirkt nicht wie ein aufgesetzter Genre-Gimmick, sondern ergibt sich logisch aus Aarons Tätigkeit. Musik, aufwendige Effekte und klassische Horrorkulissen spielen kaum eine Rolle. Stattdessen entstehen Spannung und Atmosphäre durch Blicke, Pausen, Dialoge und kleine Grenzüberschreitungen. Das macht "Creep" erstaunlich intim und teilweise unangenehm realistisch. Doch Aarons Entscheidungen wirken mit zunehmender Laufzeit teilweise schwer nachvollziehbar, und der Film verlangt dem Zuschauer einiges an Geduld ab. Außerdem verliert die zweite Hälfte etwas von der subtilen Ambivalenz des starken ersten Abschnitts. "Creep" ist kein besonders blutiger oder spektakulärer Horrorfilm, sondern ein kleines, clever konstruiertes Psychospiel, das seine Wirkung hauptsächlich aus zwei starken Darstellern und einer konsequent minimalistischen Inszenierung bezieht. Besonders Mark Duplass macht Josef zu einer Figur, von der man kaum wegsehen kann. Die beklemmende Atmosphäre und der trockene, teilweise schwarze Humor funktionieren hervorragend, während die etwas konstruierten Entscheidungen und die im späteren Verlauf weniger subtile Dramaturgie eine höhere Wertung verhindern. 

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Blumhouse Productions/Duplass Brothers Productions