Montag, 21. September 2026

Creep (2014)

https://www.imdb.com/de/title/tt2428170/
https://letterboxd.com/film/creep-2014/

Als sich ein Videofilmer auf eine Online-Anzeige für einen Ein-Tages-Job in einem abgelegenen Bergdorf meldet, muss er feststellen, dass sein Klient nicht das ist, was er zunächst zu sein scheint.

"Creep" ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig ein Horrorfilm eigentlich braucht, um unangenehm zu werden. Patrick Brice reduziert seinen Debütfilm fast vollständig auf zwei Männer, eine Kamera und eine zunehmend verstörende Begegnung. Videofilmer Aaron (Patrick Brice) nimmt einen scheinbar einfachen Auftrag von Josef (Mark Duplass) an, der für sein ungeborenes Kind ein Videotagebuch aufnehmen möchte. Was zunächst nur seltsam wirkt, entwickelt sich langsam zu einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel. Gerade diese langsame Verschiebung von sozialer Peinlichkeit zu echter Bedrohung ist die große Stärke des Films. Mark Duplass' Josef ist gleichzeitig freundlich, lächerlich, manipulativ und beunruhigend - und gerade weil Duplass nicht permanent auf "Psychopath" spielt, bleibt seine Figur zunächst schwer einzuschätzen. Patrick Brice hält als Aaron glaubwürdig dagegen und vermittelt überzeugend, warum sein Charakter trotz wachsender Zweifel immer wieder versucht, die Situation zu entschärfen.

Auch die Inszenierung überzeugt durch ihre Konsequenz. Die Handkamera wirkt nicht wie ein aufgesetzter Genre-Gimmick, sondern ergibt sich logisch aus Aarons Tätigkeit. Musik, aufwendige Effekte und klassische Horrorkulissen spielen kaum eine Rolle. Stattdessen entstehen Spannung und Atmosphäre durch Blicke, Pausen, Dialoge und kleine Grenzüberschreitungen. Das macht "Creep" erstaunlich intim und teilweise unangenehm realistisch. Doch Aarons Entscheidungen wirken mit zunehmender Laufzeit teilweise schwer nachvollziehbar, und der Film verlangt dem Zuschauer einiges an Geduld ab. Außerdem verliert die zweite Hälfte etwas von der subtilen Ambivalenz des starken ersten Abschnitts. "Creep" ist kein besonders blutiger oder spektakulärer Horrorfilm, sondern ein kleines, clever konstruiertes Psychospiel, das seine Wirkung hauptsächlich aus zwei starken Darstellern und einer konsequent minimalistischen Inszenierung bezieht. Besonders Mark Duplass macht Josef zu einer Figur, von der man kaum wegsehen kann. Die beklemmende Atmosphäre und der trockene, teilweise schwarze Humor funktionieren hervorragend, während die etwas konstruierten Entscheidungen und die im späteren Verlauf weniger subtile Dramaturgie eine höhere Wertung verhindern. 

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkBlumhouse Productions/Duplass Brothers Productions

Sonntag, 20. September 2026

Midnight Mass (2021)

https://www.imdb.com/de/title/tt10574558/
https://letterboxd.com/film/midnight-mass-2021/

Riley Flynn (Zach Gilford), verließ seine Heimat, die abgelegene Insel-Gemeinde Crockett Island, vor vielen Jahren, um das große Geld in Chicago zu machen. Das funktionierte eine Zeit lang gut, bis er sich betrunken in sein Auto setzte und damit den Tod eines jungen Mädchens verschuldete. Nachdem er seine vierjährige Haftstrafe abgesessen hat, kehrt er nun zurück in das Haus seiner Eltern. Schon früh nach seiner Ankunft wird deutlich, dass irgendetwas auf der von Krisen und Katastrophen heimgesuchten Insel nicht stimmt. Zudem ist nicht nur Riley "neu" auf die Insel gekommen, sondern auch ein junger Pater (Hamish Linklater), der den aus Krankheitsgründen unpässlichen Monsignore vertritt und nach bestem Gewissen versucht, Zugang zu den eingeschworenen Inselbewohnern zu finden. Und dann ist da noch die dunkle Gestalt, die in der Nacht ihre Runden über das Eiland zieht...

https://www.imdb.com/title/tt10576598/
1. Buch I: Genesis (Book I: Genesis)
Nach einem vierjährigen Gefängnisaufenthalt, weil er betrunken am Steuer ein Mädchen getötet hatte, kehrt Riley Flynn nach Hause zurück. Auch kommt auf der Insel Father Paul Hill mit einer großen verschlossenen Truhe an, um den alten Monsignor Pruitt zu vertreten, der nach einer Israelreise hätte zurückkommen sollen, aber angeblich erkrankt sei. Nachdem Rileys Bruder Warren mit Freunden in den Uppards des Eilands, einem Gebiet nahe dem Strand, abhängt und eine Bewegung in den Büschen zu sehen glaubt, werden dort nachts streunende Katzen von einem Wesen angefallen. Bei der Kommunion, bei der Father Paul sich der Gemeinde vorstellt, bleibt Riley sitzen. Riley trifft seine alte Jugendliebe Erin Greene wieder, die aus New York schwanger zurückgekehrt war. Während eines nächtlichen Sturms glaubt Riley draußen Pruitt herumgehen zu sehen. - 7,5/10

https://www.imdb.com/title/tt10576592/
2. Buch II: Psalmen (Book II: Psalms)
Der Sturm hat aus den Uppards Leichen angebissener Katzen an den Strand geschwemmt, worauf die überfromme Bev Keane Rattengift auslegt. Father Paul besucht die demente Mildred Gunning zuhause, um mit ihr die Messe zu begehen. Am Aschermittwoch findet ein Frühlingsfest statt, bei dem der Hund des Säufers Joe Collie vergiftet zusammenbricht. Father Paul beginnt mit Riley AA-Treffen abzuhalten, damit dieser für diese nicht zum Festland fahren muss. Riley vertritt darin atheistische Ansichten zur Theodizeefrage, warum Gott das Leid auf der Welt zulasse. Als Leeza Scarborough, die im Rollstuhl sitzt, weil Joe sie bei einem Jagdunfall angeschossen hat, während einer Sonntagsmesse an der Reihe ist, die Hostie zu erhalten, besteht Father Paul darauf, dass sie aufsteht, um zu ihm zu kommen, was ihr auch gelingt. - 8/10

https://www.imdb.com/title/tt10576596/
3. Buch III: Sprichwörter (Book III: Proverbs)
In seiner ersten Nacht auf der Insel beichtet Father Paul zu Gott, dass er die Bewohner über Monsignor Pruitt belügen wird. Dieser war bei Damaskus während eines Sandsturms in eine Höhle geraten, wo ihn ein geflügeltes Wesen anfiel, das Paul Engel nennt. Es saugte ihm seinen Schmerz aus und gab ihm sein Blut zum Trinken, wodurch er am Morgen verjüngt erwachte - Father Paul ist der wieder junge Monsignor Pruitt. Nach dem offenbaren Wunder an Leeza läuft Father Paul davon in das Pfarrhaus, verfolgt von Bev Keane, wo sie ein altes Foto des jungen Pruitts sieht. Auch anderen, die den Kommunionswein empfangen haben, geht es plötzlich besser, wie der gebrechlichen Mildred und Rileys Eltern; durch das Wunder herrscht wieder großer Andrang in der Kirche. Leeza sucht Joe auf und sagt ihm, dass sie ihn hasst, aber vergibt, worauf dieser beim nächsten AA-Treffen erscheint. Nachdem der muslimische Sheriff entdeckt, dass Bev an die Schüler die Bibel verteilt hat, argumentiert er in einer Elternsitzung, warum dies ein Problem ist. Sein Sohn Ali bittet später, in die Kirche gehen zu dürfen. Father Paul hat immer wieder Schwächeanfälle und bricht schließlich im Pfarrhaus in Anwesenheit von Bev, Sturge, Bürgermeister Wade und seiner Frau Dolly (Leezas Eltern), scheinbar tot zusammen, doch nach einigen Minuten erwacht er wieder. - 8/10

https://www.imdb.com/title/tt10576594/
4. Buch IV: Klagelieder (Book IV: Lamentations)
Bei einer Ultraschalluntersuchung für Erin stellt Ärztin Sarah Gunning fest, dass nichts zu sehen und der Uterus leer ist, was heißt, dass Erin eine unbemerkte Fehlgeburt gehabt haben muss. Während Bev für Pauls Genesung die Messe absagt, verspürt dieser plötzlich Hautverbrennungen, wenn er einen Arm ins Sonnenlicht hält. Auch eine Blutprobe Erins brennt im Sonnenlicht. Am Abend begeht Paul wieder mit Mildred die Messe, die ihn nun sicher als Pruitt erkennt. Als Joe im Pfarrhaus auftaucht und das alte Foto sieht, führt ein Unfall zu Joes Tod, worauf Father Paul das Verlangen überkommt, dessen Blut zu trinken. Erin und Riley tauschen sich darüber aus, was sie glauben, was nach dem Tod passiert. Nachdem er die Nacht bei ihr verbracht hat, fährt sie aufs Festland für eine zweite Meinung, wo die Tests allerdings anzeigen, sie sei gar nicht schwanger gewesen. Als Father Paul nicht zur Messe erscheint, entdeckt Bev Joes Leiche und instruiert Wade und Sturge, sie zu beseitigen. Beim AA-Treffen wundert Riley sich über Joes Abwesenheit, wofür Paul eine Ausrede liefert, die Riley als Lüge erkennt. Als Riley in das Freizeitzentrum zurückkehrt, füllt der Engel gerade sein Blut in einen Dekanter und greift Riley sofort an. - 8/10

https://www.imdb.com/title/tt10576590/
5. Buch V: Evangelien (Book V: Gospels)
Mildred ist am Morgen so verjüngt und gestärkt, dass sie zur Kirche gehen kann, wo aber nur noch Mitternachtsmessen stattfinden. Rileys Familie und Erin sind besorgt über seine Abwesenheit, sodass Erin ihn beim Sheriff vermisst meldet. Bei der Karfreitagmesse spricht Father Paul zur Gemeinde, dass sie alle Teil von Gottes Armee werden sollen, was Mildred schockiert. In der Nacht erscheint Riley bei Erin und rudert mit ihr in einem Boot aufs Meer, um zu erzählen, was passiert ist: Nach dem Angriff konnte er nicht mehr ins Sonnenlicht gehen und Paul erklärte, er sei Pruitt und das Wesen ein Engel, der ihn in sein bestes Selbst zurück versetzte. Riley war angewidert von Paul und Bev, die ihm einen Becher mit Engelsblut gab, aber durfte, als es dunkel war, gehen. Im Boot erklärt er, Erin soll weiter zum Festland rudern; als der Sonnenaufgang kommt, vergeht Riley in Flammen, während Erin entsetzt schreit. - 8,5/10

https://www.imdb.com/title/tt10576588/
6. Buch VI: Die Geschichte der Apostel (Book VI: The Act Of Apostles)
Entgegen Rileys Rat rudert Erin zur Insel zurück und spricht mit Sarah, die ihr zeigt, wie eine Blutprobe in der Sonne verbrennt, und Mildred. Sie vermutet, dass es eine Blutkrankheit ist, die wie eine Seuche in der Kirche durch eine Einnahme (des Weines) verbreitet wird. Während Erin Annie erzählt, dass Riley tot ist, und versucht, sie zu überzeugen, aufs Festland mitzukommen, teilt Sarah ihren Verdacht dem Sheriff mit, der ablehnt, in der Kirche zu ermitteln. Als die Frauen aufs Festland wollen, sind die Fähren weg und später werden auch Strom und Funkverbindung gekappt. In der Osternacht führen Bev und die Scarboroughs eine Lichterprozession an, auch die drei Frauen und der Sheriff mit seinem Sohn kommen mit. In der Predigt enthüllt Paul seine Identität als Pruitt und dass er gestorben ist, und lädt seine Gemeinde ein, ihm und Christus ins ewige Leben nachzufolgen. Als Demonstration lässt Sturge sich vergiften und stirbt; da erscheint der Engel in Priestergewand und Bev verteilt das Gift. Um seinen Sohn abzuhalten, droht der Sheriff mit seiner Pistole, doch Ali trinkt vom Gift, dann unter anderen Wade, Dolly und Ooker. Die Verwandelten greifen schnell weitere an, darunter Ed. Mildred schießt mit der Pistole Pruitt in den Kopf, worauf der Engel auf sie zu und mit ihr in den Himmel fliegt. Erin, Sarah, Annie, der Sheriff und Warren und Leeza entkommen hinten raus, wo Erin auf Bev schießt. Die wiederauferstandenen Bev und Sturge öffnen entgegen Pruitts Willen die Kirchentür und lassen die Verwandelten auf die übrigen Bewohner los. - 8,5/10

https://www.imdb.com/title/tt10576584/
7. Buch VII: Offenbarung (Book VII: Revelation)
Die zu Boden gefallene Mildred trifft in der Kirche nur noch auf Pruitt, der ihr sagt, er habe alles eigentlich nur für sie gemacht, damit sie und seine Tochter Sarah nicht sterben würden. Die Verwandelten greifen Bewohner in ihren Häusern und auf den Straßen an. Als Bev versucht, die Geflüchteten mit Feuer herauszulocken, lenkt Annie Flynn sie ab, indem sie sich mit einem Messer die Kehle aufschlitzt, während die übrigen die Boote verbrennen gehen, damit die Seuche nicht aufs Festland gelangen kann. Warren und Leeza rudern mit einem Kanu aufs Meer. Bev befiehlt, dass alle Häuser angezündet werden sollen, während das Freizeitzentrum den Verwandelten als Arche dienen soll. Als diese dorthinkommen, weist sie einen Mann ab, weil er nur selten in der Kirche war, aber Pruitt sagt, sie sei für alle offen. In der Kirche sieht er Sarah Benzin verteilen, aber Sturge schießt auf sie, bevor Pruitt mit Sarahs Leiche in den Armen die Kirche verlässt und Mildred eine Kerze umstößt. Der Sheriff und Erin versuchen das Freizeitzentrum anzuzünden, aber Bev schießt auf Hassan und der Engel greift Erin an, die mit einem Messer Löcher in seine Flügel schneidet, aber Ali wirft noch das Feuerzeug ins Benzin. Nun da beide Zufluchten brennen, sieht der Bürgermeister ihr Ziel verloren und die Leute wenden sich von ihr ab. Angeführt von Ed und Annie Flynn versammeln sie sich und singen, bis der Sonnenaufgang kommt und sie verbrennt. Warren und Leeza beobachten vom Meer aus, wie die Insel brennt und der Engel mit beschädigten Flügeln versucht, vor der Sonne davonzufliegen. Kurz darauf kann sie ihre Beine nicht mehr spüren. - 8,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Intrepid Pictures

Rubber (2010)

https://www.imdb.com/de/title/tt1612774/
https://letterboxd.com/film/rubber/

"Rubber" ist durch seine eingebaute Metaebene eine Huldigung des Sinnlosen: In der kalifornischen Wüste versammelt sich eine Schar von Menschen. Gespannt lauschen sie einem Vortrag des lokalen Sheriffs Chad (Stephen Spinella) über das filmische Element "No Reason" - eine gewisse Sinnlosigkeit in Filmen, die jede Handlung vorantreibt. Um selbst Zeuge des "No Reason" werden zu können, bekommen die Wüstenbesucher Ferngläser in die Hand. In der entfernten Landschaft beobachten sie einen zum Leben erwachten Autoreifen, der mittels Telekinese Tiere und menschliche Köpfe zum Explodieren bringt...

"Rubber" ist einer dieser Filme, bei denen die eigentliche Frage weniger lautet, ob die Idee funktioniert, sondern wie lange man bereit ist, sich auf ihre Konsequenzen einzulassen. Quentin Dupieux macht aus einem herrenlosen Autoreifen namens Robert einen telekinetischen Killer und verbindet absurden Horror mit einer selbstbewussten Parodie auf Genrefilm, Zuschauerhaltung und filmische Erzählregeln. Die Inszenierung ist dabei deutlich interessanter als die eigentliche Handlung. Robert rollt durch die kalifornische Wüste, entwickelt telekinetische Kräfte und beginnt, Gegenstände, Tiere und Menschen zu zerstören. Parallel beobachtet eine Gruppe von Zuschauern das Geschehen mit Ferngläsern - ein ebenso simpler wie cleverer Kniff, mit dem Dupieux die Beziehung zwischen Film und Publikum sichtbar macht. Der Film kommentiert fortwährend seine eigene Künstlichkeit und verweigert sich bewusst klassischer Logik. 

Auch visuell besitzt "Rubber" einen eigenständigen Charme. Die weiten Wüstenlandschaften, die reduzierte Bildsprache und der bewusst trockene Soundmix verleihen dem Geschehen eine fast hypnotische Wirkung. Besonders gelungen ist, wie Dupieux den Reifen selbst zur Figur macht: Ohne Gesicht oder Sprache bekommt Robert durch Bewegung, Rhythmus und Montage erstaunlich viel Persönlichkeit. Die Spezialeffekte sind dabei nicht auf spektakulären Realismus ausgelegt, sondern unterstützen den bewusst künstlichen Charakter des Films. Stephen Spinella als Lieutenant Chad und Jack Plotnick als Zuschauer beziehungsweise Filmfigur tragen die Metaebene mit bewusst überzeichnertem Spiel. Roxane Mesquida ergänzt das Ensemble als Sheila. Gerade die Darsteller akzeptieren die absurde Prämisse, ohne sie durch übertriebene Erklärungen zu zerstören. Das passt zum Grundprinzip des Films: sinnlose und völlif absurde Dinge geschehen, weil sie eben geschehen.

Allerdings wird Dupieux’ Konzept auf Spielfilmlänge auch zur Belastungsprobe. Die Idee ist originell, die Umsetzung mutig, aber die dramaturgische Entwicklung bleibt bewusst dünn. Nach dem anfänglichen Überraschungseffekt wiederholen sich bestimmte Muster, und aus der subversiven Idee wird phasenweise schlicht Leerlauf. Doch letztlich ist "Rubber" ein originelles, wunderbar bescheuertes und formal durchaus intelligentes Filmexperiment. Dupieux beweist Mut, einen Killerreifen zum Mittelpunkt eines Films zu machen und gleichzeitig die Mechanismen des Kinos selbst aufs Korn zu nehmen. Die Inszenierung, der trockene Humor und die ungewöhnliche Metaebene funktionieren immer wieder hervorragend. Gleichzeitig trägt die zentrale Idee keine 85 Minuten ohne Ermüdungserscheinungen. Wo der Film anfangs überraschend und anarchisch wirkt, erscheint er später zunehmend selbstverliebt und repetitiv. Dem zum Trotz kann man mit "Rubber" eine wunderbare Zeit haben - wenn man bereit dafür ist.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Realitism Films

Samstag, 19. September 2026

See No Evil - Blind Terror - Stiefel, die den Tod bedeuten (1971)

https://www.imdb.com/title/tt0067727/
https://letterboxd.com/film/see-no-evil/

Nach einem Reitunfall hat die junge Sarah (Mia Farrow) ihr Augenlicht verloren und verbringt ihre Genesungszeit auf dem abgelegenen Landsitz ihrer Verwandten im englischen Berkshire. Dort lebt sie bei ihrer Tante Betty Rexton (Dorothy Alison), ihrem Onkel George Rexton (Robin Bailey) und ihrer Cousine Sandy Rexton (Diane Grayson). Während sie sich langsam an ihr neues Leben gewöhnt, geschieht in ihrer Abwesenheit ein grausames Verbrechen. Als Sarah zurückkehrt, ahnt sie zunächst nicht, dass sie sich in unmittelbarer Gefahr befindet. Bald muss sie feststellen, dass ein unbekannter Killer noch immer in ihrer Nähe ist. Da Sarah blind ist, wird ihr vertrautes Zuhause plötzlich zu einem gefährlichen Labyrinth, in dem sie sich allein auf Gehör, Tastsinn und ihr Gedächtnis verlassen kann...

Richard Fleischers "See No Evil" - auch unter dem Titel "Blind Terror" und in der deutschen "Übersetzung" "Stiefel, die den Tod bedeuten" bekannt - ist ein klassischer britischer Psychothriller, der aus einer einfachen Prämisse erstaunlich viel Spannung gewinnt. Die nach einem Reitunfall erblindete Sarah (Mia Farrow) verbringt ihre Genesungszeit auf dem Landsitz ihrer Familie. Ohne es zu wissen, befindet sich dort bereits ein Mörder, der ihre Angehörigen tötet. Als Sarah schließlich allein zurückbleibt, wird ihre Blindheit vom Handicap zum entscheidenden Element eines nervenaufreibenden Katz-und-Maus-Spiels, bei dem der Zuschauer stets mehr weiß als die Protagonistin.

Fleischer inszeniert den Film angenehm geradlinig und setzt weniger auf spektakuläre Schocks als auf dramatische Ironie: Das Publikum sieht die Gefahr, während Sarah sie nicht sehen kann. Die Berkshire-Landschaft und das abgelegene Anwesen verstärken dabei die beklemmende Isolation. Der entscheidende Trumpf ist Mia Farrow. Sie spielt Sarah verletzlich, aber keineswegs hilflos und vermittelt überzeugend, wie sie sich ihre Umgebung über Gehör, Tastsinn und Erinnerung erschließt. Allerdings folgt die Handlung letztlich einem bekannten Thriller-Schema, manche Entscheidungen der Figuren wirken konstruiert und die Spannung wird nicht über die gesamte Laufzeit gleich konsequent gehalten. Zudem kann die extreme Gefährdung Sarahs stellenweise eher sadistisch als wirklich psychologisch wirken. "See No Evil" ist letztlich kein revolutionärer Thriller (schon gar nicht aus heutiger Sicht) , aber ein ausgesprochen wirkungsvoller Vertreter seines Genres. Die starke Hauptdarstellerin, die atmosphärische Inszenierung und das konsequent ausgespielte Blindheitsmotiv machen ihn auch heute noch sehenswert - vorausgesetzt, man kann mit einem gelegentlich etwas altmodischen und harten Thriller-Stil leben.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkGenesis Productions Ltd./Filmways Pictures/Columbia Pictures

Shark Night 3D (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt1633356/
https://letterboxd.com/film/shark-night-3d/

Für Sara (Sara Paxton) und ihre College-Freunde soll es das ultimative Partywochenende im Ferienhaus ihrer Eltern auf einer kleinen Insel in Louisiana werden. Die Stimmung ist ausgelassen, der Salzsee lockt und die Freunde stürzen sich ins Wasser. Doch die Partylaune sinkt schnell, als Malik (Sinqua Walls) bei einem Stunt mit dem Wakeboard stürzt und wenig später an Land taumelt – mit einem abgerissenen Arm. Die Freunde machen sich in einem Motorboot auf den Weg Richtung Krankenhaus. Erst auf dem See wird ihnen klar: Es war kein Unfall. Im Wasser wimmelt es von mordlustigen Haien. Was als Racheplan einheimischer Jugendlicher rund um Saras Ex-Freund begonnen hat, wird für die Clique zum verzweifelten Kampf ums Überleben.

"Shark Night 3D" hat mit einer Gruppe von Studenten, einem abgelegenen See und hungrigen Haien eigentlich alle Zutaten für kurzweiligen Tierhorror. Regisseur David R. Ellis, der mit "Final Destination 2" eine ganze Generation traumatisierte und mit "Snakes On A Plane" auf sich aufmerksam machte, kombiniert klassischen Hai-Thriller mit Teenie-Slasher - doch ausgerechnet der erwartete B-Movie-Spaß bleibt weitgehend aus. Die Handlung ist simpel und zunehmend hanebüchen, die Figuren bestehen aus bekannten Genreklischees. Zwar sorgen einige Haiattacken für Tempo und nette Schockmomente, doch die jugendfreie Ausrichtung nimmt dem Film viel von der Härte, die das Konzept eigentlich verlangen würde. Auch die CGI-Haie wirken wechselhaft, während das 3D nur selten einen echten Mehrwert bietet. Dabei ist Ellis durchaus in der Lage, die Action flott zu inszenieren. Das Problem ist vielmehr, dass "Shark Night 3D" weder den Suspense eines "Der weiße Hai" noch den hemmungslosen Trash-Spaß von "Piranha 3D" erreicht. Selbst die absurdesten Ideen werden erstaunlich ernst präsentiert. Ein paar Haie, eine hübsche Location und ordentlich Bewegung reichen letztlich dann doch nicht aus. "Shark Night 3D" ist kein Totalausfall, aber ein erstaunlich zahmer Hai-Film, der sein eigentliches Unterhaltungspotenzial nie ausschöpft.

4/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkIncentive Filmed Entertainment/Rogue Pictures/Relativity Media/Sierra/Affinity/Silverwood Films/Next Entertainment

Freitag, 18. September 2026

Anaconda 3: Offspring (2008)

https://www.imdb.com/de/title/tt1137996/
https://letterboxd.com/film/anaconda-3-offspring/

Hammett (David Hasselhoff) wird nicht umsonst der Schlangenjäger genannt. Der erfahrene Ex-Bademeister hat schon so manches Biest wieder eingefangen. Aber diesmal hat er es mit einer ganz besonders schweren Aufgabe zu tun. Aus dem Forschungslabor des wohlhabenden Murdoch (John Rhys-Davies) ist eine Anakonda entkommen, die zu Untersuchungszwecken mit allerlei Mitteln behandelt wurde. Das aggressive Tier stellt nun eine Gefahr für die Umgebung dar, zumal die meisten der Wissenschaftler bereits dran glauben mussten, die in dem Labor tätig waren, als die Schlange entkommen ist. Hammett und seine Leute müssen nun all ihr Können und ihren gesammelten Wagemut an den Tag legen, um das Schlimmste zu verhindern. Denn das Tier muss unschädlich gemacht werden, bevor es sich vermehren kann. Aber sie haben nicht damit gerechnet, dass Murdoch eventuell noch andere Pläne verfolgt, die er ihnen nicht mitgeteilt hat.

So billig wie das Kinoposter ist auch der Film. Mit "Anaconda 3: Offspring" verabschiedet sich die Reihe endgültig vom Kinomonsterfilm und landet beim billigen TV-B-Movie. Ein todkranker Milliardär (John Rhys-Davies) lässt genetisch veränderte Anakondas züchten, die als mögliches Heilmittel gegen Krankheiten dienen sollen. Als die Tiere entkommen, übernimmt Söldner Hammett (David Hasselhoff) die Jagd. Die Prämisse ist typischer Monster-Trash, doch Drehbuch und Figuren bleiben erschreckend schematisch. Hasselhoff sorgt mit seinem völlig überzeichneten Auftritt immerhin für unfreiwilligen Unterhaltungswert, während Rhys-Davies aus seiner undankbaren Rolle kaum etwas herausholen kann. Die Handlung besteht ansonsten hauptsächlich aus bekannten Genre-Versatzstücken und vorhersehbaren Opfersequenzen. Größtes Problem sind die Effekte und die Inszenierung. Die CGI-Schlangen wirken selbst für einen Fernsehfilm ihrer Zeit billig und rauben den Monstern fast jede Bedrohlichkeit. Einige blutige Kills sorgen zwar für Gore-Unterhaltung, doch die Action bleibt ebenso uninspiriert wie die Figuren. Selbst die grundsätzlich passende Monsterjagd verliert im letzten Drittel deutlich an Tempo und Spannung. 

Hasselhoffs Trash-Faktor, die blutigen Effekte und die grundsätzlich unterhaltsame Schlangenprämisse sind amüsant, dafür fehlt es jedoch an fast allem, was einen funktionierenden Creature-Feature ausmacht: Spannung, glaubwürdige Figuren, vernünftige Effekte und eine überzeugende Inszenierung. "Anaconda 3: Offspring" ist billig, vorhersehbar und technisch schwach - als unfreiwillige Trash-Komödie besitzt der Film dank David Hasselhoff aber zumindest einen gewissen Unterhaltungswert.

3/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkCastel Film/Hollywood Media Bridge/Syfy

Donnerstag, 17. September 2026

Resident Evil (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt35538033/
https://letterboxd.com/film/untitled-resident-evil-reboot/

Für Kurierfahrer Bryan (Austin Abrams) beginnt der Tag mit einem Routineauftrag: Er soll ein biomedizinisches Paket an seinen Bestimmungsort bringen. Doch schon kurz nach der Übernahme der Lieferung gerät der Einsatz außer Kontrolle. Aus der vermeintlich gewöhnlichen Fahrt entwickelt sich innerhalb weniger Stunden ein Albtraum, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Mit jeder Station nehmen die Ereignisse eine bedrohlichere Wendung, während Bryan immer tiefer in eine Situation hineingezogen wird, deren Ausmaß er zunächst nicht begreift. Die geheimnisvolle Fracht löst eine Kette unvorhersehbarer Geschehnisse aus und macht die Nacht zu einem erbitterten Kampf ums Überleben. Je weiter der Transport voranschreitet, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Horror.

Zach Creggers "Resident Evil" ist der für mich bisher überzeugendste Versuch, den Geist der Videospielreihe ins Kino zu übertragen. Statt erneut die Geschichten von Chris Redfield, Jill Valentine oder Leon S. Kennedy nachzuerzählen, bringt Cregger eine eigenständige Geschichte: Der Uber-Kurier für medizinische Sachen Bryan (Austin Abrams) gerät auf einer letzten Fahrt nach Raccoon City mitten in einen Situation, die er gar nicht begreifen kann und muss eine geheimnisvolle biomedizinische Fracht durch eine Nacht voller Monster und Mutationen bringen. Und wie atmosphärisch das ist! Cregger, der mit "Barbarian" und "Weapons" bereits bewiesen hat, dass er Horror effektiv inszenieren kann, setzt hier weniger auf Dauerfeuer als auf Unsicherheit, Enge und Ressourcenknappheit. Genau das entspricht seiner Vorstellung von "Resident Evil" als Survival Horror und nicht als reiner Actionfilm. Munition und Heilmittel sind knapp, jeder Schuss hat Konsequenzen - ein ungewöhnlich konsequenter Versuch, eine typische Spielmechanik filmisch umzusetzen. Austin Abrams erweist sich dafür als passende Hauptfigur. Bryan ist kein übermenschlicher Actionheld, sondern ein gewöhnlicher Mensch, der zunehmend von den Ereignissen überfordert wird. Dadurch entsteht tatsächlich das Gefühl, dass jede Begegnung mit einem Gegner gefährlich sein könnte. Zudem versucht der Film erfreulicherweise nicht, seine Figuren durch permanente One-Liner künstlich cool erscheinen zu lassen. Und - man! - ist das spannend! Gerade weil die Hauptfigur ständig in Gefahr ist, fiebert man von Beginn an mit. Und man lacht über wiederkehrende Gags, wie zum Beispiel das Schlösser eben nicht so einfach zu knacken sind, wie es einem andere Filme weis machen wollen. Oder eben, dass Autos nicht das Allheilmittel sind, um irgendwo wegzukommen. Herrlich.

Auch die Monster funktionieren. Die Zombies (die im Film niemals so genannt werden) und mutierte Kreaturen sind nicht bloß digitale Zielscheiben, sondern werden als reale (und oft kreative) Bedrohung inszeniert. Cregger setzt dabei bewusst auf vertraute Elemente des Spiels - darunter den (hier nicht näher benannten) T-Virus, bekannte Heilgegenstände, Waffen und weitere Easter Eggs. Für Kenner gibt es einiges zu entdecken, ohne dass der Film für Neueinsteiger zu einem reinen Insidergag verkommt. Gerade diese Balance ist bemerkenswert, denn "Resident Evil" geht einen riskanten Weg. Cregger erzählt ausdrücklich keine direkte Adaption eines bestimmten Spiels. Die Handlung ist vielmehr eine neue Geschichte innerhalb des bekannten Universums und spielt zeitgenössisch in einem winterlichen Raccoon City. Das entfernt den Film zwar von der konkreten Ästhetik der ursprünglichen Spiele, gibt ihm gleichzeitig genug Freiheit, eine eigene Identität zu entwickeln.


Und das ist gut so. Creggers Entscheidung, die Geschichte in die Gegenwart zu verlegen, wirkt bodenständig, obwohl die Handlung trotz ihrer eigenständigen Ausgangslage ziemlich geradlinig verläuft. Einige Nebenfiguren bleiben eher funktional, manche sind notwendiges Übel und stören sogar etwas, sind aber wichtig für die entscheidende Information. Und sobald der Film stärker auf Action setzt, verliert er etwas von der beklemmenden Atmosphäre seiner ersten Hälfte. Trotzdem ist genau dieser Survival-Horror-Fokus das entscheidende Argument für den Film. Nach den Paul-W.S.-Anderson-Filmen, die sich zunehmend vom Horror zum bombastischen Actionkino entwickelten, und dem ebenfalls nur bedingt gelungenen Reboot "Welcome To Raccoon City" findet Cregger wieder zurück zu dem Gefühl, das die Spiele ursprünglich ausgezeichnet hat: Nicht der Held kontrolliert die Situation - die Situation kontrolliert den Helden. Selbst die bewusste Beschränkung auf einen kleineren Ausschnitt der umfangreichen "Resident Evil"-Mythologie ist deshalb eine gute Entscheidung. Cregger hat selbst erklärt, dass er sich nicht in der immer komplexer gewordenen Lore verlieren wollte, sondern die Atmosphäre und das grundlegende Konzept in den Mittelpunkt stellen wollte. Und das ist ihm vollauf gelungen. 

Handwerklich ist das Ganze erfreulich solide. Kamera, Produktionsdesign, Creature Effects und Sound arbeiten konsequent auf Atmosphäre hin. Besonders die winterliche Umgebung gibt Raccoon City einen passenden Look und verhindert, dass der Film wie eine bloße Kopie bekannter Spiele-Szenarien wirkt. Gleichzeitig bleiben genügend vertraute Details erhalten, damit Fans sofort erkennen, in welcher Welt sie sich befinden. Damit avanciert "Resident Evil" nicht zu der die perfekten Videospielverfilmung und schon gar nicht zu einer 1:1-Adaption. Dafür ist Creggers Film zu eigenständig. Aber gerade darin liegt seine Stärke. Er versteht, dass "Resident Evil" nicht primär von komplizierter Mythologie oder möglichst vielen bekannten Figuren lebt, sondern von Atmosphäre, Ressourcenknappheit, klaustrophobischer Spannung und dem unangenehmen Gefühl, nie wirklich vorbereitet zu sein. Austin Abrams trägt die Geschichte überzeugend, die Kreaturen machen Spaß und die zahlreichen spielerischen Details wirken meist organisch statt aufgesetzt. Lediglich die Begegnung im Mittelteil, die zweifelsohne wichtig für die Story ist, will für mich irgendwie nicht so recht passen. Und dennoch ist dies endlich wieder ein "Resident Evil", der sich wie "Resident Evil" anfühlt - und nicht wie ein gewöhnlicher Actionfilm mit Zombies. 

PS: Lieber Zach Cregger, sollten Sie das lesen... wie wärs mit "Dead Space"? 😉

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkConstantin Film/Subconscious/Vertigo Entertainment/Davis Films/Columbia Pictures/PlayStation Productions/TriStar Pictures