https://letterboxd.com/film/the-death-of-robin-hood/
Robin Hood (Hugh Jackman) hadert nach einem Leben voll von mörderischen Umtrieben und Verbrechen mit seiner eigenen Vergangenheit. Als er schließlich verletzt wird, zeigt ihm eine mysteriöse Frau (Jodie Comer) unerwartet eine Möglichkeit auf, doch noch Erlösung von den eigenen Taten und der auf sich geladenen Schuld zu finden. Denn sein alter Gefährte Little John (Bill Skarsgård), der sich mittlerweile unter dem falschen Namen Edward eine neue bürgerliche Existenz aufbauen konnte, braucht nun seine Hilfe. Nachdem dieser nämlich von seinen alten Feinden enttarnt wurde, wurden seine Frau und seine Tochter Margaret (Faith Delaney) entführt und werden nun als Geiseln gehalten. Da Robin Hood ohnehin nicht mehr großartig an dem hängt, was von seinem Leben noch übrig ist, unternimmt er schließlich eine tollkühne Befreiungsaktion, um die Familie seines alten Freundes wieder lebendig zusammenzubringen.
Wer bei Robin Hood an grüne Strumpfhosen, fröhliche Gefährten und das Stehlen von den Reichen für die Armen denkt, erlebt mit "The Death Of Robin Hood" eine ziemlich radikale Ernüchterung. Michael Sarnoski nimmt die bekannte Legende auseinander und macht aus dem Volkshelden einen gealterten, brutalen Mann, der auf ein Leben voller Gewalt zurückblickt. Der Film interessiert sich weniger für den Mythos als für die Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn die eigene Legende längst größer geworden ist als die Wahrheit. Hugh Jackman spielt den titelgebenden Robin Hood und seine Figur hat mit dem charismatischen Abenteurer früherer Verfilmungen kaum noch etwas gemeinsam. Er ist müde, wortkarg, körperlich gezeichnet und vor allem von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt. Jackman spielt diese Version erstaunlich zurückgenommen und verzichtet fast vollständig auf sein sonst so präsentes Charisma. Gerade diese stoische Präsenz macht die Figur interessant. Gleichzeitig ist Robin bewusst so unsympathisch angelegt, dass die emotionale Nähe zum Zuschauer immer wieder auf die Probe gestellt wird.
Auch Jodie Comer überzeugt als Schwester Brigid. Ihre Figur bildet einen spannenden Gegenpol zu Jackmans gewalttätigem Robin: ruhig, beinahe entrückt und von einer Menschlichkeit geprägt, die der Hauptfigur zunehmend fehlt. Bill Skarsgård als Little John, Noah Jupe und Murray Bartlett ergänzen das Ensemble überzeugend, wobei der Film seine Nebenfiguren teilweise eher als Stationen auf Robins Weg zur Selbstreflexion nutzt, statt sie wirklich auszubauen. Das ist einer der Punkte, an denen das Drehbuch hinter seinen Ambitionen zurückbleibt. Sarnoskis größte Stärke ist die Atmosphäre. Die Aufnahmen in den rauen Landschaften Nordirlands verleihen dem Film eine erdige, fast zeitlose Qualität. Nebel, Felsen, Wälder und kaltes Tageslicht machen aus dem mittelalterlichen England keinen romantischen Märchenort, sondern eine unwirtliche Welt. Besonders interessant ist die visuelle Zweiteilung: Der brutale Auftakt wirkt breit und monumental, während sich der Film später stärker auf seine Figuren und die abgeschiedene Umgebung konzentriert. Kameramann Pat Scola findet dafür eindrucksvolle Bilder, ohne die Landschaft lediglich zur Dekoration zu machen. Und brutal ist das Ganze tatsächlich. Sarnoski zeigt Robin nicht als edlen Gesetzlosen, sondern als Mann, der Gewalt über Jahrzehnte perfektioniert hat. Einige Szenen sind ausgesprochen drastisch und dürften Zuschauer überraschen, die mit einer klassischen Robin-Hood-Verfilmung rechnen. Gleichzeitig ist die Gewalt nicht bloß Selbstzweck: Sie soll die romantische Vorstellung vom heroischen Outlaw regelrecht zertrümmern. Gerade der Kontrast zwischen den extrem blutigen Momenten und den anschließend langen, stillen Passagen gehört zu den interessantesten Entscheidungen des Films. Musikalisch geht der Film einen ähnlichen Weg. Jim Ghedis Score greift traditionelle, folkartige Klänge auf, lässt sie aber immer wieder in düstere und dissonante Passagen kippen. Dadurch entsteht eine melancholische, fast unheimliche Atmosphäre, die wesentlich dazu beiträgt, dass sich diese Robin-Hood-Geschichte eher wie eine mittelalterliche Tragödie als wie ein Abenteuerfilm anfühlt. Allerdings verlangt Sarnoski seinem Publikum einiges an Geduld ab. Nach dem harten und überraschend intensiven Beginn wird "The Death Of Robin Hood" zu einem ausgesprochen ruhigen Charakterdrama. Lange Gespräche, Blicke und Momente des Schweigens ersetzen zunehmend Action und Abenteuer. Das passt grundsätzlich zur Geschichte, zieht sich aber stellenweise deutlich. Diese Schwerfälligkeit und die Tatsache, dass die angestrebte philosophische Tiefe nicht immer die emotionale Wirkung erreicht, die der Film sucht, ist einer der größten Negativpunkte des Streifens. Das größte Problem ist deshalb nicht die ungewöhnliche Interpretation, sondern ihre Konsequenz. Sarnoski hat eine klare Vorstellung davon, was er mit der Figur machen möchte: Er will den Mythos entzaubern und einen Mann zeigen, der sich mit den Konsequenzen seines Lebens auseinandersetzen muss. Das ist spannend und teilweise erstaunlich konsequent umgesetzt. Gleichzeitig bleibt die Geschichte in ihren philosophischen Fragen gelegentlich etwas an der Oberfläche und wirkt in ihrer Schwermut fast zu kontrolliert. Wo "The Death Of Robin Hood" eigentlich berühren könnte, bleibt er manchmal lieber auf Distanz.Trotzdem ist gerade diese kompromisslose Neuinterpretation erfrischend. Sarnoski versucht nicht, noch eine weitere Variante der bekannten Robin-Hood-Geschichte zu erzählen, sondern fragt, was passiert, wenn man sämtliche romantischen Vorstellungen entfernt. Das Ergebnis ist kein klassischer Abenteuerfilm und schon gar kein fröhlicher Robin Hood, sondern ein düsteres, entschleunigtes Drama über Gewalt, Schuld, Erinnerung und die Möglichkeit, mit der eigenen Vergangenheit Frieden zu schließen. "The Death Of Robin Hood" ist damit defintiv nicht für jeden Geschmack. Wer großes Mittelalterkino mit Schlachten, Humor und Heldenpathos erwartet, dürfte sich an der bedächtigen Erzählweise und der konsequenten Düsternis reiben. Wer sich hingegen auf Sarnoskis ungewöhnliche Dekonstruktion einlässt, bekommt einen handwerklich starken und hervorragend gespielten Film, der die bekannte Figur tatsächlich einmal aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet. Nicht immer so tiefgründig, wie er gerne wäre - aber interessant genug, um deutlich länger im Kopf zu bleiben als die nächste gewöhnliche Robin-Hood-Neuauflage.






























