Freitag, 16. Oktober 2026

Love Hurts - Love Hurts: Liebe tut weh (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt30788842/
https://letterboxd.com/film/love-hurts-2025/

Hinter der Fassade des unscheinbaren Vorstadtmaklers Marvin (Ke Huy Quan) verbirgt sich mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Sein Leben wirkt ruhig, fast langweilig, während er gepflegte Häuser in einer idyllischen Nachbarschaft verkauft. Doch diese Fassade beginnt zu bröckeln, als seine längst verdrängte Vergangenheit ihn einholt. Unerwartet taucht sein Bruder (Daniel Wu) auf, ein charismatischer, aber gefährlicher Gangsterboss, der alte Konflikte und neue Gefahren mit sich bringt. Plötzlich werden aus den friedlichen Vorstadthäusern blutige Schauplätze eines erbitterten Überlebenskampfs. Marvin bleibt keine Wahl: Er muss sich seiner Vergangenheit stellen und beweisen, dass hinter seinem gewöhnlichen Äußeren Fähigkeiten schlummern, die ihn weit mehr als nur durchschnittlich machen.

Mit "Love Hurts" gibt Ke Huy Quan nach seinem Oscar-Erfolg mit "Everything Everywhere All At Once" erneut als Actionheld Vollgas. In seinem Spielfilmdebüt erzählt Regisseur Jonathan Eusebio die Geschichte von Marvin Gable, der sich im Immobiliengeschäft ein ruhiges Leben aufgebaut hat. Doch als seine frühere Komplizin Rose (Ariana DeBose) wieder auftaucht, holt ihn seine gewalttätige Vergangenheit ein. Plötzlich muss sich der freundliche Makler mit Auftragskillern, Verrat und seinem kriminellen Bruder Knuckles (Daniel Wu) auseinandersetzen. Die Grundidee eines ehemaligen Killers, der zwischen Besichtigungsterminen wieder zur Kampfmaschine wird, bietet durchaus Potenzial - wirklich ausgeschöpft wird es allerdings nicht. Ke Huy Quan sehe ich aber gern. Er besitzt eine sympathische Ausstrahlung, bringt hier körperlichen Einsatz mit und wirkt sichtlich motiviert, seine Fähigkeiten als Martial-Arts-Darsteller zu zeigen. Gerade in den Kampfszenen blitzt auf, was für einen unterhaltsamen Actionhelden er abgeben könnte. Allerdings wird Marvin als Figur nur oberflächlich ausgearbeitet. Auch Ariana DeBose kann als Rose wenig ausrichten, da ihre Beziehung zu Marvin emotional kaum greifbar wird. Daniel Wu sorgt als bedrohlicher Gegenspieler für etwas mehr Präsenz, während die zahlreichen Nebenfiguren häufig wie wandelnde Stichwortgeber wirken.

Bei der Action zeigt "Love Hurts" immerhin gelegentlich seine Stärken. Die Choreografien sind abwechslungsreich, die Nahkämpfe angenehm direkt und einige Einfälle sorgen für kurzweilige Unterhaltung. Eusebios Erfahrung als Stuntkoordinator ist dabei durchaus erkennbar. Allerdings fehlt es vielen Sequenzen an einem überzeugenden Rhythmus und klarer Inszenierung. Statt elegant choreografierter Action entsteht teilweise ein hektisches Durcheinander, bei dem die einzelnen Treffer kaum Wirkung entfalten. Der Film möchte offenbar an die überdrehten Actionkomödien vergangener Jahrzehnte erinnern, erreicht deren spielerische Leichtigkeit aber nur selten. Auch der Humor ist Geschmackssache. Die Gegenüberstellung des freundlichen Immobilienmaklers mit seiner brutalen Vergangenheit liefert eine grundsätzlich amüsante Ausgangslage. Einzelne absurde Einfälle funktionieren durchaus, doch viele Gags wirken übertrieben oder werden zu lange ausgespielt. Der Wechsel zwischen blutiger Gewalt, Slapstick und romantischen Momenten gelingt nicht immer. Was als bewusst überdrehte Mischung gedacht ist, wirkt dadurch stellenweise eher unausgegoren als herrlich verrückt.

Aber die Handlung ist vorhersehbar, die Dialoge bleiben häufig oberflächlich und die zahlreichen Figuren erhalten kaum Gelegenheit, sich zu entwickeln. Besonders die romantische Komponente zwischen Marvin und Rose wirkt wenig überzeugend, weil Chemie und emotionale Tiefe fehlen. Auch die Auseinandersetzung mit Marvins Vergangenheit wird eher behauptet als wirklich erzählt. Mit einer Laufzeit von nur 83 Minuten ist der Film zwar angenehm kurz, trotzdem fühlt sich die Geschichte stellenweise erstaunlich zerfahren an. Optisch setzt "Love Hurts" auf knallige Farben, überzeichnete Charaktere und eine bewusst künstliche Welt. Das passt grundsätzlich zum Comic-haften Ton der Geschichte, wirkt aber nicht immer stimmig. Auch der Soundtrack unterstreicht die überdrehte Stimmung mit Nachdruck, drängt sich dabei jedoch gelegentlich zu sehr in den Vordergrund. Technisch ist das alles solide, ohne dem Film eine wirklich eigene visuelle Identität zu verleihen. Unterm Strich ist "Love Hurts" eine gut gemeinte, aber nur teilweise gelungene Actionkomödie. Ke Huy Quan bringt Charme und körperlichen Einsatz mit, und einige Kampfszenen machen durchaus Spaß. Doch schwaches Drehbuch, wenig überzeugende Figuren, flache Witze und eine unausgewogene Mischung aus Gewalt, Romantik und Humor verhindern, dass daraus mehr wird. Für einen kurzweiligen Filmabend reicht es gerade so - das verschenkte Potenzial bleibt allerdings deutlich spürbar.

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: 87North Productions/Universal Pictures

Tremors: A Cold Day in Hell - Tremors 6: Ein kalter Tag in der Hölle (2018)

https://www.imdb.com/title/tt6086082/
https://letterboxd.com/film/tremors-a-cold-day-in-hell/

Burt Gummer (Michael Gross) und sein Sohn Travis Welker (Jamie Kennedy) sind Raketenwurmjäger und reisen zusammen nach Kanada, um die Gerüchte über Angriffe riesiger Würmer zu überprüfen. Doch auf das, was sie mitten in der arktischen Tundra erwartet, waren selbst die erfahrenen Spezialisten nicht vorbereitet. In dem Gebiet um eine abgelegene Forschungsstation wimmelt es nur so vor Graboiden, wie die Raketenwürmer auch genannt werden, und bald muss sich das Vater-Sohn-Gespann zusammen mit einigen Überlenden gegen eine regelrechte Heerschar des überdimensionalen Wurmgetiers zur Wehr setzen. Gerade als Burt der beunruhigende Verdacht kommt, dass die Graboiden heimlich zu Waffen gemacht werden, wird er mit deren tödlichem Gift infiziert. Jetzt ist Eile geboten, denn wenn sie nicht innerhalb von 48 Stunden herausfinden, wie man einen Graboiden melkt und daraus ein Gegengift herstellen kann, ist Burts Schicksal besiegelt...

Mit "Tremors: A Cold Day in Hell" geht die Monsterfilmreihe in die sechste Runde. Diesmal verschlägt es den unverwüstlichen Burt Gummer (Michael Gross) und seinen Sohn Travis (Jamie Kennedy) in die kanadische Arktis, wo Graboids und ihre fliegenden Verwandten, die Ass-Blasters, eine Forschungsstation bedrohen. Als Burt durch das Gift der Kreaturen lebensgefährlich erkrankt, beginnt zusätzlich ein Wettlauf gegen die Zeit. Das eisige Setting verspricht frischen Wind, doch im Kern bleibt alles beim alten Muster. Michael Gross beherrscht Burts Mischung aus Waffenfanatismus, Misstrauen und trockenem Humor erneut sicher und hält den Film mit seiner Präsenz zusammen. Jamie Kennedy sorgt als Travis für die gewohnten Sprüche, doch die Vater-Sohn-Dynamik wirkt zunehmend routiniert. Auch die Nebenfiguren bleiben blass und bekommen kaum Gelegenheit, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. 

Der Schauplatz hätte einiges zu bieten: Schnee, Eis und eine abgelegene Forschungsstation könnten für klaustrophobischen Monsterhorror sorgen. Leider nutzt die Inszenierung diese Möglichkeiten kaum. Die künstlich wirkende Umgebung trägt wenig zur Atmosphäre bei, zumal der Film größtenteils in Südafrika gedreht wurde - wo es nun weit entfernt von "kalt" ist. Regisseur Don Michael Paul liefert solide Genre-Routine, aber wenig Spannung oder visuelle Eigenständigkeit. Auch die Kreaturen sorgen für gemischte Gefühle. Die Angriffe liefern ein paar unterhaltsame und blutige Momente, doch die computergenerierten Graboids wirken häufig wenig überzeugend. Der Charme der handgemachten Effekte früherer Teile fehlt. Das Drehbuch macht es nicht besser: Neben der Monsterbedrohung werden eine mögliche Waffenforschung und Burts Vergiftung eingeführt, ohne dass alle Handlungsstränge wirklich überzeugend zusammenfinden. Vorhersehbare Wendungen und reichlich platte Dialoge bremsen zusätzlich den Spaß. Sobald die Würmer angreifen, kommt endlich mal Bewegung in die Handlung; dazwischen ziehen sich die Szenen mit den wenig interessanten Figuren. Musik und Schnitt erfüllen ihren Zweck, bleiben aber ebenso wenig im Gedächtnis wie die Geschichte selbst. Für Fans gibt es immerhin vertraute Monster-Action und einige Momente, die an den ursprünglichen Reiz der Reihe erinnern.

Doch unterm Strich ist "Tremors: A Cold Day in Hell" eine uninspirierte Fortsetzung, die aus ihrem ungewöhnlichen Schauplatz zu wenig macht. Michael Gross hält die Stellung und einzelne Kreaturenattacken unterhalten durchaus, doch schwache Dialoge, blasse Nebenfiguren und mäßige Effekte überwiegen. Für einen anspruchslosen Monsterfilmabend reicht es gerade noch - von einer Reihe, die mit ihrem Original so viel Charme bewiesen hat, darf man allerdings mehr erwarten.

3,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Universal 1440 Entertainment

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Whalefall (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt28535715/
https://letterboxd.com/film/whalefall/

Nach dem Tod seines Vaters (Josh Brolin) reist Jay Gardiner (Austin Abrams) an die Pazifikküste, um nach dessen sterblichen Überresten zu suchen. Während eines Tauchgangs gerät seine Mission jedoch völlig außer Kontrolle: Zunächst wird er von einem Riesenkalmar erfasst, der kurz darauf selbst einem gewaltigen Pottwal zum Opfer fällt. Jay überlebt den Angriff, findet sich jedoch zu seinem Entsetzten im Inneren des riesigen Meeressäugers wieder. Mit einem begrenzten Sauerstoffvorrat beginnt für ihn ein Wettlauf gegen die Zeit, denn ihm bleibt nur etwa eine Stunde, um einen Ausweg zu finden. In der lebensbedrohlichen Situation muss Jay auf alles zurückgreifen, was ihm sein Vater einst beigebracht hat. Die Erinnerungen an dessen harte Lektionen könnten seine einzige Chance sein, den Kampf ums Überleben zu gewinnen und dem Wal lebend zu entkommen...

Was zunächst wie eine völlig absurde Überlebensgeschichte klingt, entwickelt sich in "Whalefall" zu einem klaustrophobischen Wettlauf gegen die Zeit. Regisseur Brian Duffield, der bereits mit "No One Will Save You" sein Gespür für ungewöhnliche Genrestoffe bewiesen hat, verfilmt den gleichnamigen Roman von Daniel Kraus. Im Mittelpunkt steht Jay Gardiner (Austin Abrams, der nach "Resident Evil" und "Weapons" wohl der Newcomer ist, den man im Auge behalten sollte), der nach dem Tod seines Vaters Mitt (Josh Brolin) vor der kalifornischen Küste nach dessen Überresten sucht. Doch während seines Tauchgangs wird Jay von einem gewaltigen Pottwal verschluckt. Mit nur noch einer Stunde Sauerstoff beginnt ein verzweifelter Kampf ums Überleben - und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der schwierigen Beziehung zu seinem Vater. Keine Frage: die ungewöhnliche Ausgangslage ist der größe Pluspunkt des Films und es ist eine, die Duffield erstaunlich ernst nimmt. Statt sich auf eine bloße Aneinanderreihung spektakulärer Gefahren zu verlassen, verbindet "Whalefall" den Überlebenskampf mit einer persönlichen Geschichte über Trauer, Schuld und eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung. Die Rückblicke auf Mitt geben Jays Situation eine emotionale Dimension, ohne den eigentlichen Überlebenskampf vollständig aus dem Blick zu verlieren. Allerdings folgt die Entwicklung dieser Beziehung teilweise vertrauten Mustern. Manche Erkenntnisse und emotionalen Wendungen sind früh absehbar, wodurch die Geschichte nicht immer dieselbe Originalität besitzt wie ihre Grundidee.

Austin Abrams trägt den Film mit einer bemerkenswert körperlichen Leistung. Er vermittelt Panik, Erschöpfung und Verzweiflung überzeugend und macht Jays Kampf dadurch unmittelbar nachvollziehbar. Da die Geschichte weitgehend auf ihn konzentriert ist, muss Abrams einen Großteil der emotionalen und körperlichen Belastung allein tragen – und das gelingt ihm überwiegend sehr gut. Josh Brolin ergänzt ihn in den Rückblenden als harter, schwieriger Vater, dessen Verhältnis zu seinem Sohn von unausgesprochenen Konflikten geprägt ist. Auch Elisabeth Shue und die übrige Besetzung tragen zur familiären Vorgeschichte bei, bleiben angesichts des begrenzten Raums für Nebenfiguren jedoch zwangsläufig im Hintergrund. Inszenatorisch nutzt Duffield das ungewöhnliche Szenario, um ein Gefühl permanenter Beklemmung zu erzeugen. Die Enge im Inneren des Wals, Jays eingeschränkte Bewegungsfreiheit und der unaufhaltsam schwindende Sauerstoffvorrat sorgen für eine klaustrophobische Atmosphäre. Dabei setzt der Film nicht ausschließlich auf klassische Schockmomente, sondern auch auf die Vorstellung, in einer gewaltigen, fremden Umgebung vollkommen hilflos zu sein. Gerade diese Mischung aus körperlicher Gefahr und existenzieller Angst macht "Whalefall" zu einem intensiven Erlebnis. Wer allerdings unter ausgeprägter Klaustrophobie leidet, dürfte sich mit einigen Szenen schwer tun.

Auch technisch kann der Film überzeugen. Die Gestaltung des Walinneren und die visuellen Effekte schaffen eine fremdartige Welt, die gleichermaßen faszinierend und abstoßend wirkt. Besonders die Verbindung von organischen Oberflächen, schleimigen Strukturen und den Bewegungen des gewaltigen Tieres sorgt für eindrucksvolle Bilder. Die Soundgestaltung ist dabei ein wesentlicher Bestandteil der Wirkung: Knarzende Geräusche, dumpfe Bewegungen und die akustische Präsenz des Meerestiers verstärken das Gefühl, in einem lebenden Organismus gefangen zu sein. Der Score von Joseph Trapanese unterstützt sowohl die Spannung als auch die emotionalen Momente, ohne die Szenen permanent mit Musik zu überfrachten. Die handwerkliche Umsetzung gehört damit zu den überzeugendsten Aspekten des Films. Beim Spannungsaufbau profitiert "Whalefall" von seinem klaren Zeitlimit. Jede Entscheidung kann über Leben und Tod entscheiden, und der Film schafft es über weite Strecken, diesen Druck aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig muss er seine zentrale Situation immer wieder variieren, damit der Überlebenskampf nicht eintönig wird. Nicht jede Komplikation wirkt dabei gleichermaßen glaubwürdig, und manche Wendungen erscheinen eher dramaturgisch notwendig als wirklich organisch. Auch die Balance zwischen realistischem Survival-Thriller und emotionalem Familiendrama gerät gelegentlich ins Schwanken. Trotzdem bleibt der Film über weite Strecken packend und findet immer wieder eindrucksvolle Bilder für Jays ausweglose Lage.

Thematisch geht es letztlich um mehr als die Flucht aus dem Inneren eines Wals. Jay muss sich mit dem Erbe seines Vaters auseinandersetzen und erkennen, welche seiner Lektionen ihm tatsächlich helfen können. Dabei stellt der Film die Frage, wie sehr uns schwierige Beziehungen prägen und ob wir aus schmerzhaften Erfahrungen etwas mitnehmen können, ohne die Fehler der vorherigen Generation zu wiederholen. Diese Ebene verleiht der Geschichte emotionale Tiefe, wird jedoch gelegentlich etwas zu deutlich ausformuliert. Wo die Bilder und die Situation bereits für sich sprechen, unterstreicht das Drehbuch seine Botschaft mitunter unnötig nachdrücklich. Unterm Strich ist "Whalefall" ein ungewöhnlicher und handwerklich überzeugender Survival-Thriller, der aus einer extremen Situation ein ebenso körperliches wie emotionales Kinoerlebnis macht. Austin Abrams überzeugt mit einer intensiven Hauptrolle, die klaustrophobische Inszenierung ist wirkungsvoll und Sounddesign sowie Effekte sorgen für eine bemerkenswerte immersive Wirkung. Allerdings folgt die Vater-Sohn-Geschichte teilweise bekannten Mustern, und nicht jede Wendung hält der ungewöhnlichen Prämisse stand. Für einen wirklich herausragenden Film fehlt es dem Drehbuch an etwas mehr erzählerischer Konsequenz. Trotzdem bleibt "Whalefall" ein spannender, visuell eindrucksvoller Genrefilm, der seine eigenwillige Idee ernst nimmt und daraus mehr macht als bloß ein absurdes Monsterabenteuer.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Imagine Entertainment/20th Century Studios/Jurassic Party

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Virus - Virus: Schiff ohne Wiederkehr (1999)

https://www.imdb.com/de/title/tt0120458/
https://letterboxd.com/film/virus-1999/

Der amerikanische Schleppkutter "Sea Star" gerät in einen Sturm und wird schwer beschädigt. Während der Reparaturarbeiten stößt die Besatzung um Captain Everton (Donald Sutherland) auf ein verlassenes, russisches Satellitenüberwachungsschiff und beschließt an Bord zu gehen - immerhin stehen ihnen nach internationalem Seerecht für die Bergung des Schiffes rund zehn Prozent seines Wertes zu. Doch ihre Entscheidung erweist sich als folgenschwerer Fehler: Kaum sind der Maschinist Steve Baker (William Baldwin) und die Navigationsoffizierin Kelly Foster (Jamie Lee Curtis) an Bord des Geisterschiffes, wird die "Sea Star" mitsamt zweier Crewmitglieder vom Ozean verschluckt. Ihnen wird klar, dass sie nicht alleine sind. Eine fremde Lebensform hat die Kontrolle über das Schiff übernommen und sieht in der Menschheit nichts weiter als einen lästigen Virus, der ausgemerzt werden muss...

"Virus" ist einer dieser typischen Sci-Fi-Horrorfilme der späten 90er, die deutlich mehr Wert auf spektakuläre Effekte, düstere Schauplätze und ordentliches Monsterkino legen als auf eine besonders ausgefeilte Geschichte. Die Handlung schickt eine Bergungsschlepper-Crew während eines Taifuns auf ein verlassenes russisches Forschungsschiff. Dort entdecken sie eine außerirdische Lebensform, die Elektrizität als Lebensgrundlage nutzt und aus menschlichen Körpern und Maschinenteilen eine eigene Armee erschafft. Die Mischung aus Science-Fiction, Horror und Action ist dabei ziemlich offensichtlich von "Alien", "Terminator" und ähnlichen Genrevorbildern beeinflusst und besitzt deutliche Parallelen zu "Octalus". Ja - die Geschichte ist sicher nicht die große Stärke des Films. Das Drehbuch von Chuck Pfarrer und Dennis Feldman arbeitet mit bekannten Motiven und entwickelt seine Bedrohung relativ geradlinig. Die Idee einer außerirdischen Intelligenz, die Technik und menschliche Körper miteinander verschmilzt, besitzt allerdings durchaus Reiz. Besonders die Verbindung von organischen und mechanischen Elementen verleiht dem Monsterkonzept eine eigene Note. Schade ist nur, dass der Film daraus kaum mehr als eine klassische "Überlebende gegen Monster"-Geschichte macht. Die zeitweise interessanten Ansätze werden zugunsten von Verfolgungsjagden und Action schnell wieder beiseitegeschoben.

Deutlich besser funktioniert die Inszenierung. Regisseur John Bruno, der zuvor vor allem als Spezialeffektkünstler gearbeitet hatte, schafft eine schön dreckige und klaustrophobische Atmosphäre. Das verlassene Schiff, die dunklen Gänge, der permanente Sturm und die vielen technischen Elemente geben dem Film genau den richtigen Look für ein 90er-Jahre-Sci-Fi-Abenteuer. Kameramann David Eggby arbeitet viel mit Schatten und begrenzten Lichtquellen, während Joel McNeelys wuchtiger Score die Bedrohung zusätzlich unterstreicht. Allerdings ist der Film teilweise tatsächlich so dunkel, dass manche Szenen eher schwer zu erkennen als atmosphärisch wirken. Das eigentliche Highlight sind die Spezial- und Kreaturen-Effekte. Hier merkt man Brunos Erfahrung sofort. Die biomechanischen Kreaturen, Roboterwesen und grotesken Körpermaschinen gehören zu den interessantesten Elementen des Films und wirken auch heute noch teilweise erstaunlich kreativ. Gerade aus heutiger Sicht besitzen die handgemachten Effekte einen gewissen Charme, weil sie noch stark auf praktische Konstruktionen, Masken und Modelle setzen. Auch die Besetzung ist besser, als das Drehbuch es manchmal verdient. Jamie Lee Curtis funktioniert als taffe und entschlossene Kit Foster überzeugend und bringt die nötige Genre-Erfahrung mit. William Baldwin bleibt als Steve Baker eher blass, während Donald Sutherland als skrupelloser Kapitän Robert Everton sichtbar Spaß daran hat, einen egoistischen und zunehmend besessenen Charakter zu spielen. Joanna Pacula bekommt als Nadia ebenfalls einige gute Momente. Variety bescheinigte Curtis und Pacula trotz der dünnen Rollen ausdrücklich überzeugende Leistungen.

Beim Spannungsaufbau schwankt "Virus" allerdings deutlich. Die ersten Minuten mit dem Sturm und der Entdeckung des verlassenen Schiffes funktionieren noch richtig gut. Sobald die Bedrohung etabliert ist, verwandelt sich der Film jedoch zunehmend in eine Abfolge aus Rennen, Schießen, Verstecken und Monsterangriffen. Wirklich überraschend ist dabei wenig. Trotzdem würde ich "Virus" heute etwas positiver beurteilen. Der Film ist sicher kein unterschätztes Meisterwerk und erzählerisch teilweise ausgesprochen dünn. Aber als unkomplizierter Sci-Fi-Horror mit starker Ausstattung, ordentlichen Darstellern, einer gelungenen düsteren Atmosphäre und teilweise wirklich coolen Creature-Designs funktioniert er erstaunlich gut. Wer mit 90er-Jahre-Genre-Kino etwas anfangen kann und keine innovative Geschichte erwartet, bekommt zumindest solide Unterhaltung.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Universal Pictures/Mutual Film Company/Dark Horse Entertainment/Valhalla Motion Pictures/UGC PH/BBC Film/Marubeni/TOHO-TOWA/Tele München

リング0 バースデイ - Ringu Zero: Bāsudei - Ring 0: Birthday - Ring 0 (2000)

https://www.imdb.com/title/tt0235712/
https://letterboxd.com/film/ring-0/

30 Jahre vor den Ereignissen von "Ring" lebt die junge Sadako Yamamura (Yukie Nakama) zurückgezogen und versucht, als Schauspielerin in einer Theatergruppe Fuß zu fassen. Als eine Hauptdarstellerin unter mysteriösen Umständen stirbt, übernimmt Sadako ihre Rolle. Gleichzeitig häufen sich im Umfeld des Ensembles unerklärliche Ereignisse und weitere Todesfälle. Nur der Toningenieur Hiroshi Toyama (Seiichi Tanabe) glaubt an Sadakos Unschuld und entwickelt Gefühle für sie. Währenddessen untersucht die Journalistin Akiko Miyaji (Yoshiko Tanaka) Sadakos Vergangenheit und die übersinnlichen Kräfte ihrer Mutter Shizuko Yamamura (Masako). Schon bald gerät Sadako selbst ins Zentrum einer tödlichen Spirale aus Angst, Misstrauen und übernatürlichen Ereignissen. 

Mit "Ring 0" wagt sich die japanische "Ring"-Reihe zurück zu den Ursprüngen ihrer wohl bekanntesten Figur. Die Vorgeschichte erweitert damit die Mythologie, erzählt aber bewusst eine deutlich geradlinigere Geschichte als die Vorgänger. Das Interessante daran ist zunächst der Perspektivwechsel: Aus dem nahezu übermenschlichen Schrecken der ersten Filme wird eine junge Frau mit Verletzlichkeit, Isolation und einer tragischen Beziehung zu ihrer eigenen Vergangenheit. Yukie Nakama spielt Sadako entsprechend zurückhaltend und verleiht ihr eine überraschend menschliche Seite. Auch Seiichi Tanabe als Hiroshi Toyama funktioniert als emotionaler Gegenpol. Gleichzeitig bleiben viele Figuren der Theatergruppe relativ schematisch, wodurch das Drama nicht die gewünschte Tiefe erreicht.

Atmosphärisch geht "Ring 0" einen anderen Weg. Statt der beklemmenden Alltagsangst und des technologischen Unbehagens von Hideo Nakatas "Ring" setzt Tsuruta stärker auf klassische Mystery- und Theaterhorror-Elemente. Bühne, Probenräume, Gerüchte und merkwürdige Todesfälle liefern durchaus brauchbares Material, doch die Inszenierung ist wesentlich weniger verstörend. Gerade im Vergleich zum ersten Film fehlt häufig jene stille, unterschwellige Bedrohung, die den Schrecken von Sadako ursprünglich so wirkungsvoll machte. Auch das Drehbuch von Hiroshi Takahashi hat Licht und Schatten. Positiv ist, dass der Film versucht, Sadako nicht einfach als eindimensionale Horrorfigur zu behandeln, sondern ihre Geschichte emotionaler zu erzählen. Gleichzeitig wirken einige Wendungen konstruiert und die Erklärung ihrer Vergangenheit nimmt dem Mythos teilweise das Geheimnisvolle. Mehrere Kritiken bemängeln genau diese Entscheidung und sehen in der Vorgeschichte eher eine Abschwächung als eine Vertiefung der ursprünglichen Mythologie.

Handwerklich ist der Film durchaus solide. Kamera und Ausstattung erzeugen besonders im Theatermilieu einige schöne, düstere Bilder, während Musik und Sounddesign die Spannung unterstützen. Die Effekte sind nicht das Problem - vielmehr fehlt es vielen Szenen an Intensität. Erst im letzten Abschnitt zieht der Horror spürbar an und liefert einige wirklich gelungene Momente. Thematisch funktioniert "Ring 0" deshalb am besten als tragische Charakterstudie und weniger als klassischer J-Horror. Einsamkeit, Ausgrenzung, Misstrauen und die Angst vor dem eigenen Anderssein stehen stärker im Vordergrund als der Schrecken des unbekannten Fluchs. Das macht Sadako interessanter, nimmt ihrer Figur aber gleichzeitig einen Teil ihrer ursprünglichen Unheimlichkeit. Unterm Strich ist "Ring 0" eine durchaus interessante Ergänzung der Reihe, die ihrer Hauptfigur mehr Hintergrund und Menschlichkeit gibt. Als Horrorfilm bleibt er jedoch deutlich hinter "Ring" und "Ring 2" zurück: zu geradlinig, stellenweise zu langsam und insgesamt nicht unheimlich genug. Die solide Inszenierung, Yukie Nakamas überzeugende Darstellung und einige starke Momente im letzten Drittel reichen für einen ordentlichen, aber nicht herausragenden Abschluss der ursprünglichen "Ring"-Trilogie.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Ring 0 Production Group

Dienstag, 13. Oktober 2026

Carrie (2002)

https://www.imdb.com/de/title/tt0319970/
https://letterboxd.com/film/carrie-2002/

Carrie White (Angela Bettis) wächst unter der strengen Kontrolle ihrer religiös fanatischen Mutter Margaret White (Patricia Clarkson) auf und wird auch in der Schule wegen ihrer schüchternen, unbeholfenen Art regelmäßig ausgegrenzt. Als Carrie entdeckt, dass sie über telekinetische Fähigkeiten verfügt, beginnt sich ihr Leben grundlegend zu verändern. Während sie versucht, ihren Platz in der Welt zu finden, nehmen die Spannungen mit ihrer Mutter und ihren Mitschülern immer weiter zu. Die Neuverfilmung von Stephen Kings Horrorroman erzählt die Geschichte einer jungen Außenseiterin, deren unterdrückte Gefühle und außergewöhnliche Kräfte zunehmend außer Kontrolle geraten...

Stephen Kings "Carrie" wurde 1976 von Brian De Palma eindrucksvoll verfilmt. Die TV-Neuauflage von David Carson versucht 2002, der Geschichte um die gemobbte Außenseiterin und ihre telekinetischen Fähigkeiten eine neue Perspektive zu geben. Carrie White (Angela Bettis) wächst unter der Kontrolle ihrer streng religiösen Mutter Margaret (Patricia Clarkson) auf und wird auch in der Schule regelmäßig gedemütigt. Als ihre Mitschülerinnen sie beim Abschlussball erneut zum Opfer eines grausamen Streichs machen, entlädt sich ihre angestaute Verzweiflung in einer blutigen Katastrophe. Die Geschichte funktioniert nach wie vor, doch diese Neuverfilmung findet nur selten einen überzeugenden eigenen Zugang. Angela Bettis verleiht Carrie eine verletzliche, verschlossene und zugleich unterschwellig bedrohliche Seite. Auch Patricia Clarkson bringt die religiöse Besessenheit und Kontrollsucht der Mutter grundsätzlich überzeugend auf den Bildschirm, während David Keith als ermittelnder Detective für eine zusätzliche Perspektive sorgt. Die Besetzung ist also durchaus brauchbar, doch nicht alle Figuren gewinnen an Tiefe. Vor allem die Beziehungen zwischen den Jugendlichen bleiben teilweise oberflächlich, sodass die Grausamkeit des Mobbings nicht immer die emotionale Wirkung entfaltet, die sie haben sollte. Auch die Chemie zwischen den Figuren wirkt mitunter etwas künstlich.

Drehbuchautor Bryan Fuller orientiert sich stärker an Stephen Kings Roman als De Palmas berühmte Verfilmung. Die ergänzende Rahmenhandlung mit den Ermittlungen nach den Ereignissen und die nicht chronologische Erzählweise sollen dem Stoff eine zusätzliche Dimension verleihen. Das ist zumindest ein interessanter Ansatz, denn die Geschichte wird dadurch nicht einfach Szene für Szene wiederholt. Allerdings zieht sich die Erzählung stellenweise unnötig in die Länge. Mit rund 132 Minuten ist der Fernsehfilm für seine Geschichte zu ausgedehnt, und manche Dialoge erklären mehr, als sie tatsächlich vermitteln. Die zusätzlichen Elemente sorgen nicht durchgehend für neue Erkenntnisse, sondern bremsen häufig den Erzählfluss. Auch atmosphärisch bleibt "Carrie" hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Demütigungen in der Schule und die bedrückende Situation zu Hause bilden zwar eine solide Grundlage für psychologischen Horror, doch die Inszenierung entwickelt nur selten echte Spannung. Wo De Palmas Version mit Bildsprache, Montage und einem stetig wachsenden Gefühl des Unbehagens arbeitete, wirkt diese Fassung deutlich nüchterner und fernsehfilmtypischer. Die Ausstattung und die Kulissen erscheinen vergleichsweise schlicht, und auch die Kamera findet kaum prägnante Bilder, die länger im Gedächtnis bleiben. Besonders deutlich zeigen sich die Grenzen bei den Spezialeffekten. Carries telekinetische Kräfte sind zentral für die Geschichte, doch ihre Darstellung wirkt häufig billig und sichtbar künstlich. Gerade in den Szenen, in denen Gegenstände durch die Luft fliegen oder Carrie ihre Kräfte immer weniger kontrollieren kann, fehlt es an visueller Wucht. Der Abschlussball bleibt zwar der dramaturgische Höhepunkt, erreicht aber nicht die Intensität und verstörende Wirkung des Originals. Die Musik unterstützt die düstere Stimmung, kann die fehlende Spannung jedoch nicht ausgleichen.

Eine interessante Entscheidung ist das veränderte Finale, das sich stärker vom bekannten Filmende entfernt und die Möglichkeit einer Fortsetzung offenhält. Die Idee ist zumindest ungewöhnlich, wirkt in der Umsetzung aber nicht wie eine wirkliche Verbesserung. Statt die Tragik von Carries Geschichte konsequent zuzuspitzen, hinterlässt das Ende eher den Eindruck, dass die Verantwortlichen noch eine Tür für weitere Geschichten offenlassen wollten. Damit verliert der Film einen Teil der emotionalen Wucht, die den Stoff eigentlich auszeichnet. Im Vergleich zur Verfilmung von 1976 fehlt es dieser Version schlicht an Eigenständigkeit. Die Geschichte über Ausgrenzung, religiösen Fanatismus, unterdrückte Sexualität und die zerstörerischen Folgen von Demütigung ist weiterhin relevant. Doch „Carrie“ erzählt sie zu routiniert, ist zu lang und nutzt seine Möglichkeiten im Horrorbereich nur unzureichend. Angela Bettis liefert einzelne überzeugende Momente, und die stärkere Orientierung am Roman bringt einige interessante Ansätze mit sich. Unterm Strich ist "Carrie" von 2002 eine weitgehend überflüssige Neuverfilmung eines bereits hervorragend adaptierten Stoffes. Die Besetzung ist ordentlich und die erzählerischen Änderungen sind nicht uninteressant, doch sie reichen nicht aus, um dem Film eine eigene Identität zu geben. Für Fans von Stephen King mag die alternative Interpretation einen Blick wert sein; als Horrorfilm bleibt sie allerdings enttäuschend und kann dem Klassiker von 1976 kaum etwas entgegensetzen.

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: MGM Television/Trilogy Entertainment Group

Montag, 12. Oktober 2026

Infiesto (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt15789492/
https://letterboxd.com/film/infiesto/

In einer kleinen Stadt in Asturien wird eine junge Frau entdeckt, die schon seit Monaten für tot gehalten wurde – nur mit einem Nachthemd bekleidet und offenbar traumatisiert, aber immerhin noch am Leben. Die Polizei entsendet das Ermittlerduo Samuel García ((Isak Férriz) und Marta Castro (Iria del Río) in das triste Bergbaugebiet, wo es sich um den rätselhaften Fall kümmern soll – vor dem Hintergrund der sich gerade erst aufbauenden Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 unter erschwerten Vorzeichen. Bei ihren Nachforschungen stoßen García und Castro auf Hinweise für ein Verbrechen dramatischen Ausmaßes.

"Infiesto" von Patxi Amezcua spielt im März 2020, unmittelbar zu Beginn des Corona-Lockdowns. Die Ermittler Samuel García (Isak Férriz) und Marta Castro (Iria del Río) werden mit dem Fall einer jungen Frau konfrontiert, die nach langer Zeit wieder auftaucht. Was zunächst wie ein klassischer Vermisstenfall wirkt, führt bald zu einer wesentlich größeren und düsteren Verschwörung. Die Verbindung von Polizeithriller und Pandemie ist dabei durchaus interessant. Seine größte Stärke ist die Atmosphäre. Die trostlosen Landschaften Asturiens, verregnete Orte, dunkle Innenräume und die bedrückende Stimmung der ersten Pandemiephase erzeugen ein permanent ungutes Gefühl. Gerade die Kombination aus realer gesellschaftlicher Unsicherheit und der zunächst unbekannten Bedrohung funktioniert erstaunlich gut. Auch einige Schauplätze, insbesondere die Szenen in der Mine, sind visuell und inszenatorisch gelungen. 

Isak Férriz und Iria del Río liefern als Ermittlerpaar eine solide Leistung ab und funktionieren auch im Zusammenspiel gut. Die Figuren bleiben allerdings relativ zweckmäßig geschrieben und bekommen wenig Raum für eine wirkliche persönliche Entwicklung. Das gilt auch für viele Nebenfiguren, die eher dazu dienen, die Handlung voranzutreiben. Problematischer wird es einmal mehr beim Drehbuch. "Infiesto" versucht, Kriminalfall, Serienkiller-Thriller, Sektenmythologie, archaische Rituale und Pandemieängste miteinander zu verbinden. Daraus entstehen zwar einige interessante Ansätze, wirklich vertieft wird aber kaum einer davon. Besonders die Mythologie hätte deutlich mehr Potenzial gehabt. Stattdessen hangelt sich die Handlung relativ geradlinig von einer Enthüllung zur nächsten. Auch einige Entscheidungen der Figuren wirken eher wie Mittel zum Zweck. Spannung ist trotzdem durchaus vorhanden, vor allem in den stärkeren Action- und Ermittlungsszenen. Die rund 96 Minuten sorgen außerdem dafür, dass der Film kaum unnötige Längen entwickelt. Gleichzeitig fehlen aber die wirklich überraschenden Wendungen und die psychologische Tiefe, die aus einem ordentlichen Thriller einen herausragenden machen würden. Das Ende ist letztlich deutlich weniger überraschend, als der Film gerne wäre.

Und genau hier liegt für mich das Problem: Ich habe bereits deutlich bessere spanische Thriller gesehen. "Mörderland" beispielsweise verbindet Kriminalfall, Atmosphäre und gesellschaftliche Themen wesentlich überzeugender. Auch "Der unsichtbare Gast" ist mit seinen raffinierten Wendungen und seiner deutlich ausgefeilteren Konstruktion eine wesentlich stärkere Genrearbeit. "Infiesto" ist aber deshalb keineswegs ein Totalausfall. Die düstere Atmosphäre, die ordentliche Besetzung und einige effektiv inszenierte Sequenzen sorgen für solide Thriller-Unterhaltung. Letztlich verschenkt der Film aber viel von seinem interessanten Potenzial und bleibt erzählerisch zu konventionell. Gerade die Kombination aus Pandemie, Verschwörung und Folk-Horror hätte wesentlich mehr hergeben können.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Vaca Films