Mittwoch, 28. Oktober 2026

The Chronicles Of Narnia: Prince Caspian - Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian von Narnia (2008)

https://www.imdb.com/de/title/tt0499448/
https://letterboxd.com/film/the-chronicles-of-narnia-prince-caspian/

1941: Nach dem Ende des ersten Abenteuers im sagenumwobenen Land Narnia leben die Pevensie-Geschwister Lucy (Georgie Henley), Edmund (Skandard Keynes), Peter (William Moseley) und Susan (Anna Popplewell) wieder in London. Ihr Alltagsdasein hat jedoch ein jähes Ende, als sie durch magische Kräfte zurück nach Narnia transferiert werden. Dort ist aber viel mehr Zeit vergangen, sodass die Situation nicht mehr so ist, wie sie die Pevensies in Erinnerung haben. Die vier jungen Abenteurer geraten in eine Auseinandersetzung hinein, die zwischen Prinz Kaspian (Ben Barnes), dem rechtmäßigen Thronerben der Telemarer, und dem aktuellen Herrscher Miraz (Sergio Castelitto) tobt. Miraz soll nur so lange auf dem Thron sitzen, bis Kaspian alt genug ist, selbst zu regieren. Um die Macht nicht zu verlieren, will Miraz den Thronfolger Kaspian töten lassen. Der flüchtet jedoch und schließt sich mit den Pevensie-Geschwistern sowie den Narnianern zusammen, um Miraz in die Schranken zu weisen.

Mit "Prinz Kaspian von Narnia" schlägt die Fantasyreihe einen deutlich düstereren Ton an. Ein Jahr ist in der Menschenwelt vergangen, doch in Narnia sind seit der Herrschaft der Pevensie-Geschwister mehr als 1.300 Jahre verstrichen. Das einst magische Königreich wird von den Telmarern beherrscht, während die verbliebenen alten Narnians im Verborgenen leben. Gemeinsam mit dem jungen Prinzen Kaspian müssen Peter, Susan, Edmund und Lucy den tyrannischen König Miraz stürzen und Narnia seine Freiheit zurückgeben. Regisseur Andrew Adamson setzt stärker auf mittelalterliche Kriegsführung, politische Intrigen und große Schlachten als auf den märchenhaften Entdeckergeist des Vorgängers. Das verleiht dem Film zwar mehr Ernsthaftigkeit, nimmt ihm aber auch einen Teil seines Zaubers. Die Geschichte um den rechtmäßigen Thronfolger ist vertraut und funktioniert als klassisches Abenteuer um Macht, Verrat und Selbstfindung. Allerdings gerät der Weg zum großen Konflikt mitunter unnötig kompliziert, während die politische Dimension nicht tief genug ausgearbeitet wird, um wirklich zu fesseln. Mit rund zweieinhalb Stunden ist der Film zudem deutlich zu lang geraten - gerade die ausgedehnten Kampfsequenzen ziehen sich stellenweise.

Die jungen Darsteller sind aber erneut ein Pluspunkt. William Moseley gibt Peter als zunehmend selbstbewussten, aber auch stolzen Anführer, dessen Rivalität mit Kaspian für einige der interessanteren Konflikte sorgt. Georgie Henley verleiht Lucy Wärme und Neugier, während Skandar Keynes als Edmund spürbar gereift wirkt. Anna Popplewell bleibt als Susan etwas blasser. Ben Barnes fügt sich als Kaspian solide in das Ensemble ein, auch wenn die Figur neben den bereits bekannten Geschwistern nicht immer genügend Profil entwickelt. Unter den Nebenfiguren stechen Peter Dinklage als mürrischer Zwerg Trumpkin und Eddie Izzard als Schwert schwingende Maus Riepischiep hervor. Sie bringen Humor und Persönlichkeit in eine Handlung, die sich ansonsten stark auf Krieg und Pflicht konzentriert. Sergio Castellitto sorgt als Miraz für einen passenden Gegenspieler, bleibt aber eher ein klassischer machtgieriger Bösewicht als eine wirklich vielschichtige Figur.

Visuell kann sich das Abenteuer durchaus sehen lassen. Die Landschaften, Kostüme und mittelalterlich anmutenden Kulissen schaffen eine glaubwürdige Fantasywelt, und die Effekte bringen zahlreiche fantastische Kreaturen eindrucksvoll auf die Leinwand. Besonders die bewegten Bäume und einzelne magische Begegnungen erinnern daran, was Narnia als Welt so reizvoll macht. Gleichzeitig wirken manche computergenerierten Bilder weniger überzeugend, als man es von einer Produktion dieser Größenordnung erwarten würde. Die Schlachten sind groß angelegt und übersichtlich inszeniert, ersetzen aber zu oft echte Spannung durch schiere Länge. Wo der Film auf kleinere Figurenmomente und die Magie seiner Welt setzt, funktioniert er deutlich besser als in den ausufernden Massenszenen. Die Musik von Harry Gregson-Williams unterstützt die epische Ausrichtung mit kraftvollen, emotionalen Themen und verbindet den Film hörbar mit seinem Vorgänger. Auch die Themen Mut, Verantwortung, Glaube und der schwierige Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden sind weiterhin vorhanden. Besonders Peters Umgang mit seiner eigenen Bedeutung und Lucys Vertrauen in das Gute geben der Geschichte emotionale Ankerpunkte. Doch die Botschaften werden bisweilen recht eindeutig vermittelt, und Aslan bleibt lange aus dem Geschehen heraus, wodurch ein wichtiger Teil der mystischen Faszination fehlt.

"Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian von Narnia" ist eine solide Fortsetzung, die technisch ambitionierter und actionreicher daherkommt als der erste Film, dafür aber weniger märchenhaft und stellenweise überraschend schwerfällig wirkt. Gute Darsteller, eine liebevoll gestaltete Fantasywelt und einzelne starke Momente stehen einer überlangen Erzählung, blasseren Figuren und zu ausgedehnten Schlachten gegenüber. Ein durchaus unterhaltsames Abenteuer für Fantasyfans, das sein Potenzial nicht voll ausschöpft und den besonderen Zauber des ersten Narnia-Films nur teilweise wiederfindet.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Walt Disney Pictures/Walden Media/Gran Via Productions/Silverbell Films

Dienstag, 27. Oktober 2026

Moana - Vaiana (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt27419466/
https://letterboxd.com/film/moana/

Vaiana (Catherine Laga'aia) will unbedingt weit raus aufs offene Meer, endlich mal die Welt jenseits des Riffs sehen, das die Insel ihres Volkes umgibt. Doch keiner der Motunui-Stammesgenossen der 16 Jahre alten Prinzessin traut sich so wirklich, dieses Abenteuer einmal konsequent anzugehen – und auch ihr ist der Versuch, das Riff hinter sich zu lassen, verboten. Doch dann gerät das Inselvolk in eine Notlage, und die Nahrung beginnt, langsam knapp zu werden. Vaiana schmiedet deshalb einen Plan und setzt schließlich eines Tages auf eigene Faust in See. Mit an Bord sind der treudoofe Hahn Heihei und das Hausschwein Pua. Unterwegs offenbart sich ihr sogar noch der legendäre Halbgott Maui (Dwayne Johnson), dem sehr mächtige Fähigkeiten nachgesagt werden. Doch schnell stellt sich heraus, dass das mit den Kräften zwar nicht gelogen war, Maui aber eine ganz eigene Suppe angerührt hat, die er zusammen mit Vaiana nun erst mal auslöffeln muss...

Eines gleich vorab: dies ist wohl die mit Abstand faulste Veröffentlichung von Disney, denn die zentrale Schwäche des Live-Action-Remakes von "Vaiana" ist nicht die bekannte Geschichte selbst, sondern die Frage, warum sie kaum verändert noch einmal erzählt werden musste. Die geringe Eigenständigkeit, die künstlich wirkende CGI-Optik und die im Vergleich zum Animationsfilm deutlich schwächere visuelle Dynamik sind da noch die offensichtlichsten Mängel. Disney schickt Moana erneut auf große Fahrt - doch diesmal bleibt der Zauber erstaunlich oft an Land. Die Realverfilmung des Animationshits von 2016 erzählt die bekannte Geschichte nahezu unverändert: Die junge Vaiana verlässt ihre Heimatinsel Motunui, um gemeinsam mit dem Halbgott Maui das gestörte Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen und ihr Volk zu retten. Das Abenteuer funktioniert auf dem Papier noch immer, doch Regisseur Thomas Kail gelingt es nur selten, der vertrauten Reise einen eigenen Charakter zu verleihen.

Catherine Lagaʻaia ist dabei kaum ein Vorwurf zu machen. Sie verkörpert Vaiana (im englischen Original Moana) sympathisch, bringt die nötige Energie mit und überzeugt insbesondere bei den Gesangseinlagen. Auch die bekannten Songs von Lin-Manuel Miranda besitzen weiterhin Ohrwurmqualität und erinnern daran, wie viel Herz und musikalischer Schwung bereits in der Vorlage steckten. John Tui als Moanas Vater und Rena Owen als ihre Großmutter sorgen zudem für glaubwürdige Momente im familiären Umfeld. Dwayne Johnson kehrt als Maui in seine Paraderolle zurück, erreicht mit seiner Darstellung aber nicht durchgehend die freche, überbordende Präsenz seines animierten Gegenstücks. Jemaine Clement darf als Tamatoa erneut glänzen, doch gerade dessen musikalischer Auftritt wirkt in der realfilmähnlichen Umsetzung deutlich weniger mitreißend als im Original. 

Das eigentliche Problem liegt in der Inszenierung. Wo die Animation grenzenlose Fantasie, überzeichnete Figuren und spektakuläre Bewegungen ermöglichte, wirkt die Realverfilmung häufig künstlich und überraschend leblos. Das Meer schimmert in sattem Blau, die Landschaften sind farbenprächtig - dennoch fehlt vielen Bildern die Dynamik und emotionale Wucht, die das Original auszeichneten. Die umfangreichen CGI-Effekte lassen fantastische Figuren und Kreaturen zwar aufwendig aussehen, verleihen ihnen aber nicht automatisch mehr Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil: Einige der skurrilen Begegnungen verlieren durch ihre realfilmähnliche Umsetzung ihren ursprünglichen Charme. Auch die eher konventionelle Kameraarbeit sorgt nur selten für echtes Abenteuergefühl.

Inhaltlich bleibt die Geschichte mit ihren Themen Selbstvertrauen, Verantwortung, kultureller Identität und dem Respekt vor der Natur durchaus wertvoll. Vaianas Entwicklung zur selbstbestimmten Anführerin funktioniert weiterhin, und die Verbindung zu den Traditionen ihrer Vorfahren verleiht dem Abenteuer eine wichtige kulturelle Dimension. Doch weil Handlung, Dramaturgie, Dialoge und Musik größtenteils 1:1 aus dem Original übernommen wurden, fehlt es an Überraschungen. Neue Ideen, die eine erneute Verfilmung wirklich rechtfertigen würden, sind rar. Mit rund 115 Minuten Laufzeit zieht sich die Reise dadurch stellenweise unnötig in die Länge; bekannte Höhepunkte werden eher reproduziert als neu interpretiert. So bleibt "Vaiana" am Ende ein zwar aufwendig produziertes, musikalisch weiterhin ansprechendes Familienabenteuer, das vor allem von der Qualität seiner Vorlage und Catherine Lagaʻaia profitiert. Die Botschaft stimmt, die Songs funktionieren und einzelne Szenen bewahren einen Teil des ursprünglichen Charmes. Doch die künstliche Optik, die fehlende visuelle Fantasie und die weitgehend uninspirierte Wiederholung lassen das Remake letztlich überflüssig erscheinen. Wer die Geschichte noch nicht kennt, kann durchaus einen unterhaltsamen Familienfilm entdecken. Für alle anderen bleibt das Original von 2016 die deutlich lebendigere, kreativere und emotional stärkere Reise - und damit die bessere Wahl.

4/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Walt Disney Pictures/Seven Bucks Productions/Flynn Picture Company/5000 Broadway Productions

Sonntag, 25. Oktober 2026

Cinderella (1950)

https://www.imdb.com/de/title/tt0042332/
https://letterboxd.com/film/cinderella/

Cinderella (Stimme: Ilene Woods) lebt bei ihrer Stiefmutter (Eleanor Audley) und deren beiden, faulen Töchtern Drizella (Rhoda Williams) und Anastasia (Lucille Bliss). Ihre Stiefmutter demütigt sie und gibt ihr stets unschaffbar viel Arbeit auf, da ihre eigenen Töchter nicht so hübsch sind wie Cinderella. Eines Tages lädt der Prinz (William Phipps) sämtliche heiratsfähigen Frauen zu einem Ball ein. Cinderella möchte hingehen, aber ihre Stiefmutter torpediert diesen Wunsch, indem sie ihr massig Arbeit zu tun gibt. Dem unterdrückten Mädchen bleibt kaum Zeit, sich ein Kleid zu nähen. Aber ihre Tier-Freunde helfen dabei, das prachtvolle Gewand rechtzeitig fertigzubekommen. Drizella und Anastasia passt überhaupt nicht, wie hübsch das Kleid geworden ist, also reißen sie es in Stücke...

Mit "Cinderella" gelang Walt Disney 1950 nicht nur eine bezaubernde Neuinterpretation des bekannten Märchens, sondern auch ein entscheidender Erfolg für das angeschlagene Animationsstudio. Die Geschichte der jungen Ella, die nach dem Tod ihres Vaters von ihrer kaltherzigen Stiefmutter Lady Tremaine und deren Töchtern gedemütigt und als Dienstmagd gehalten wird, gehört längst zum kulturellen Allgemeingut. Als der König einen Ball veranstalten lässt, um für seinen Sohn eine Braut zu finden, scheint Cinderella zunächst ausgeschlossen. Doch mit der Hilfe ihrer tierischen Freunde und ihrer guten Fee erhält sie die Chance, ihrem trostlosen Alltag für eine Nacht zu entkommen. Die Handlung ist schlicht und vorhersehbar, entfaltet aber gerade durch ihre klare Märchenstruktur einen zeitlosen Zauber. Die größte Stärke des Films liegt in seiner liebevollen Gestaltung der Nebenfiguren. Während Cinderella selbst als freundliche, geduldige und beinahe unerschütterlich optimistische Heldin eher idealisiert wirkt, sorgen die Mäuse Jaq und Gus für Witz, Bewegung und überraschend viel Spannung - etwa beim Nähen des Kleides, beim mühsamen Transport des Schlüssels oder während der Flucht vor dem Kater Luzifer. Sie ergänzen die vergleichsweise einfache Haupthandlung um kleine Abenteuer mit eigenem Rhythmus. Besonders Gus entwickelt sich mit seiner tollpatschigen Art zum heimlichen Publikumsliebling. Luzifer ist zudem ein hervorragend eingesetzter Gegenspieler: Seine Jagd auf die Mäuse verleiht dem Film einen handfesten Slapstick-Anteil und sorgt für einige der spannendsten Szenen.

Optisch ist "Cinderella" ein Musterbeispiel klassischer Disney-Animation. Die handgezeichneten Figuren, die detailreichen Hintergründe und die leuchtenden Farben schaffen eine märchenhafte Welt, die trotz ihres Alters nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Besonders die Verwandlung des Kürbisses in eine Kutsche und der Auftritt der guten Fee gehören zu den unvergesslichen Momenten des Films. Die Animation verbindet elegante Bewegungen mit komödiantischem Timing und zeigt, wie viel Ausdruck sich ohne digitale Effekte erreichen lässt. Auch die Gestaltung des königlichen Schlosses und des Ballsaals ist beeindruckend. Die Regisseure Clyde Geronimi, Wilfred Jackson und Hamilton Luske verstehen es, die Magie des Märchens durch Bildkompositionen und sorgfältig choreografierte Bewegungen lebendig werden zu lassen. Ebenso prägend ist die Musik. Songs wie "Bibbidi-Babbidi-Bu" ("Bibbidi-Bobbidi-Boo"), "Ich hab ihn im Traum gesehen" ("A Dream Is A Wish Your Heart Makes") und "Das ist das Glück" ("So This Is Love") gehören zu den Klassikern des Disney-Repertoires. Sie transportieren Lebensfreude, Sehnsucht und Romantik, ohne den Erzählfluss übermäßig zu unterbrechen. Die musikalischen Passagen sind fest in die Handlung integriert und verleihen dem Film seinen unverwechselbaren Charme. Die Dialoge sind knapp, die Figuren klar charakterisiert und die Komik funktioniert häufig über Blicke, Bewegungen und Timing statt über ausführliche Erklärungen.

Ganz ohne Schwächen ist der Klassiker allerdings nicht. Cinderella bleibt als Persönlichkeit vergleichsweise passiv und wird vor allem durch Geduld, Freundlichkeit und äußere Hilfe aus ihrer Lage befreit. Auch Prinz Charming ist kaum mehr als eine idealisierte Projektionsfläche; zwischen den beiden entwickelt sich nur wenig echte Beziehung, bevor das Märchen seinem romantischen Ziel entgegensteuert. Ein weiterer wunder Punkt: Die Mäuse, der König und sogar der nervöse Großherzog besitzen oft mehr Persönlichkeit als das zentrale Liebespaar. Dennoch ist der Film nicht ausschließlich auf die Rettung durch einen Prinzen reduziert: Cinderellas Mitgefühl, ihre innere Stärke und ihre Weigerung, sich von Grausamkeit vollständig verbiegen zu lassen, sind wichtige Bestandteile ihrer Figur. Auch dramaturgisch funktioniert das Märchen besser, als seine vorhersehbare Handlung vermuten lässt. Die Szenen mit den Mäusen schaffen kleine Spannungsbögen, während die letzten Minuten mit dem verlorenen Glasschuh und dem heimlich herbeigeschafften Schlüssel zu den wirkungsvollsten Sequenzen des Films gehören. Die Gegenspieler sind zwar bewusst überzeichnet, doch Lady Tremaines ruhige Grausamkeit ist oft unangenehmer als offener Zorn. Gerade weil sie ihre Macht über Cinderella so kontrolliert ausübt, wird das häusliche Umfeld glaubwürdig bedrückend. Mit rund 74 Minuten bleibt der Film zudem angenehm kompakt und verliert sich kaum in unnötigen Nebenhandlungen.

Unterm Strich ist "Cinderella" aber immer noch ein zeitloser Disney-Klassiker, dessen herausragende Animation, eingängige Musik und charmante Tierfiguren die vergleichsweise dünne Handlung mühelos tragen. Die Hauptfiguren bleiben psychologisch überschaubar, und das traditionelle Rollenbild lässt sich heute durchaus kritisch betrachten. Doch die visuelle Fantasie, der Humor und die handwerkliche Präzision sind bemerkenswert. "Cinderella" mag nicht zu den komplexesten Disney-Erzählungen gehören, aber als liebevoll gestaltetes Märchen funktioniert der Film noch immer hervorragend - magisch, musikalisch und voller unvergesslicher Szenen.

9/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Walt Disney Productions

Samstag, 24. Oktober 2026

Clayface (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt34890576/
https://letterboxd.com/film/clayface/

Für den aufstrebenden Schauspieler Matt Hagen (Tom Rhys Harries) scheint sich in Gotham City endlich der große Durchbruch abzuzeichnen. Doch kurz bevor sich seine Träume erfüllen, wird er Opfer eines brutalen Angriffs: Ein Gangster entstellt sein Gesicht schwer und zerstört damit nicht nur sein Aussehen, sondern auch seine beruflichen Perspektiven. Auf der Suche nach einer letzten Hoffnung wendet sich Hagen an eine Wissenschaftlerin, die eine neuartige rekonstruktive Technologie entwickelt hat. Das experimentelle Verfahren stellt sein Gesicht tatsächlich wieder her, bringt jedoch unerwartete und folgenschwere Nebenwirkungen mit sich. Sein Körper verwandelt sich in eine lehmartige Substanz, die sich verformen und anpassen kann. Plötzlich muss Matt lernen, mit Fähigkeiten umzugehen, die sein Leben grundlegend verändern. Während er versucht, die Kontrolle über seinen neuen Körper zu gewinnen, sieht er sich mit den weitreichenden Konsequenzen des Experiments und den Herausforderungen seiner veränderten Existenz konfrontiert...

Mit "Clayface" schlägt DC einen angenehm schmutzigen, kompromisslosen Weg ein und liefert statt klassischer Superheldenaction einen düsteren Horrorfilm über Identitätsverlust, Eitelkeit und die zerstörerische Sehnsucht nach Anerkennung. Regisseur James Watkins, der bereits mit (dem Reamke) "Speak No Evil" sein Gespür für unangenehme Spannung bewiesen hat, verbindet grotesken Body-Horror mit einem tragischen Charakterdrama - und macht aus einer eher unbekannten Comicfigur einen überraschend reizvollen Antihelden. Im Mittelpunkt steht der Schauspieler Matt Hagen, dessen vielversprechende Karriere durch eine brutale Entstellung jäh endet. In seiner Verzweiflung lässt er sich auf eine experimentelle Behandlung der Wissenschaftlerin Caitlyn Corr ein. Was zunächst wie ein medizinisches Wunder wirkt, entwickelt sich zum Albtraum: Hagens Körper verändert sich auf erschreckende Weise, während sein Wunsch nach Rache zunehmend die Kontrolle übernimmt. Die Geschichte verbindet damit den klassischen Monsterfilm mit einer bitteren Satire auf Hollywoods Schönheitswahn und eine Branche, in der der äußere Schein oft mehr zählt als der Mensch dahinter.

Tom Rhys Harries ist das Hauptargument für "Clayface". Er trägt den Film mit einer intensiven, körperlich anspruchsvollen Leistung und macht Hagens Verwandlung vom verletzten, verzweifelten Mann zum bedrohlichen Monster nachvollziehbar, ohne die Figur auf ein bloßes Opfer zu reduzieren. Auch Naomi Ackie überzeugt als Caitlyn Corr, die weit mehr ist als die obligatorische Wissenschaftlerin im Horrorszenario. Zwischen beiden entsteht eine emotionale Verbindung, die dem Film zusätzliche Tragik verleiht. David Dencik sorgt als skrupelloser Gegenspieler für unangenehme Präsenz, während Max Minghella in der Rolle des Polizisten John Borrelli einen passenden Kontrast setzt. Die größte Stärke liegt allerdings im handfesten Horror. Verstörende Make-up-Arbeit, überzeugende praktische Effekte und drastische Körperveränderungen sorgen für Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Watkins hält dabei erfreulich wenig Abstand zum Geschehen: Verletzungen, Verformungen und körperlicher Verfall werden nicht nur angedeutet, sondern mitunter genüsslich ausgespielt. Und diese Mischung aus Ekel, Tragik und makabrem Humor verleiht dem Film eine angenehm eigenständige Note. Die düstere Bildgestaltung und Volker Bertelmanns Filmmusik unterstützen die unheilvolle Atmosphäre, auch wenn Gotham nicht immer so lebendig und bedrohlich wirkt, wie es die Geschichte verdient hätte.

Dass "Clayface" weitgehend ohne bekannte Superhelden und große Verknüpfungen zum DC-Universum auskommt, ist ein weiterer Pluspunkt. Der Film funktioniert auch ohne umfangreiches Comicwissen und erinnert eher an klassische Monster- und Body-Horror-Filme als an ein gewöhnliches Franchise-Abenteuer. Das Drehbuch von Mike Flanagan und Hossein Amini greift dabei interessante Fragen nach Selbstbild, Schönheit und Menschlichkeit auf. Allerdings bleiben einige dieser Ansätze eher angerissen, und die Mischung aus Liebesgeschichte, Rachethriller und Tragödie findet nicht immer zu einer überzeugenden Balance. Vor allem im letzten Drittel wird die Handlung vorhersehbarer und verliert etwas von ihrer psychologischen Tiefe. Doch am Ende ist "Clayface" ein mutiger, handwerklich starker DC-Film, der mit seinem grotesken Körperhorror, einem überzeugenden Hauptdarsteller und einer angenehm erwachsenen Ausrichtung aus dem üblichen Superheldeneinerlei heraussticht. Nicht jede dramatische Idee geht auf, und das Finale schöpft das Potenzial der Figur nicht vollständig aus. Doch die intensive Atmosphäre, die einprägsamen Schreckmomente und die tragische Grundidee überwiegen. Ein sehenswertes Horror-Experiment, das zeigt, wie spannend Comicverfilmungen sein können, wenn sie sich trauen, wirklich hässlich zu werden.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: DC Studios/Domain Entertainment/6th & Idaho Motion Picture Company/Troll Court Entertainment/The Safran Company

Freitag, 23. Oktober 2026

Extrawurst (2026)

https://www.imdb.com/title/tt36586751/
https://letterboxd.com/film/the-holy-grill/

In einem Tennisclub irgendwo in der deutschen Provinz wird das Sommerfest geplant, und unter Heriberts (Hape Kerkeling) strenger Leitung stehen die Vorbereitungen im Mittelpunkt. Als vorgeschlagen wird, für Erol (Fahri Yardım), das einzige muslimische Clubmitglied, einen separaten Grill zu organisieren, brechen unerwartete Spannungen auf. Was als scheinbar harmlose Diskussion beginnt, weitet sich schnell zu einer Debatte über gesellschaftliche und persönliche Konflikte aus. Während die Gemüter immer höher kochen, steht der Verein schließlich kurz vor dem Zerfall.

Ein zweiter Grill reicht, um einen ganzen Tennisverein an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen. In "Extrawurst" wird aus einer vermeintlichen Kleinigkeit eine hitzige Debatte über Religion, Toleranz und gesellschaftliche Vorurteile. Regisseur Marcus H. Rosenmüller verfilmt das erfolgreiche Theaterstück von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob und setzt dabei auf ein prominentes Ensemble und pointierte Wortgefechte. Die Grundidee ist absurd, aber nah genug am Alltag, um einen wunden Punkt zu treffen. Allerdings schöpft die Komödie ihr satirisches Potenzial nicht konsequent aus. Als Melanie (Anja Knauer) vorschlägt, für Erol (Fahri Yardım), das einzige muslimische Mitglied des Vereins, einen separaten Grill anzuschaffen, eskaliert die Diskussion. Vereinsvorsitzender Heribert (Hape Kerkeling), sein Stellvertreter Matthias (Friedrich Mücke) und Melanie und ihr Mann Torsten (Christoph Maria Herbst) verstricken sich in Grundsatzfragen, gegenseitige Vorwürfe und verletzte Eitelkeiten. Besonders treffend ist, dass Erol die Sonderbehandlung gar nicht verlangt - die anderen diskutieren trotzdem darüber, was angeblich das Beste für ihn sei. So entlarvt der Film sowohl kleinkariertes Denken als auch demonstrative moralische Überlegenheit.

Das Ensemble ist solide, wobei Kerkeling und Herbst mit ihrem komödiantischen Timing besonders auffallen. Fahri Yardım setzt wichtige Gegenakzente und verleiht dem Konflikt emotionale Glaubwürdigkeit. Allerdings bleiben manche Figuren eher Sprachrohre bestimmter Haltungen als vielschichtige Charaktere. Die Dialoge sind häufig pointiert und bringen die Streitspirale unterhaltsam voran, drehen sich aber gelegentlich im Kreis. Auch der Slapstick rund um eine außer Kontrolle geratene Tennisballmaschine wirkt eher grob als wirklich originell. Die Theaterherkunft ist deutlich spürbar. Die Handlung bleibt weitgehend auf das Vereinsgelände beschränkt, während Kamera und Schnitt wenig eigene Akzente setzen. Rosenmüller lockert die Diskussionen zwar mit Ortswechseln und körperlicher Komik auf, doch visuell bleibt der Film recht statisch. Auch dramaturgisch hätte eine straffere Bearbeitung gutgetan. Inhaltlich ist "Extrawurst" dagegen durchaus relevant: Der Film zeigt, wie schnell vermeintliche Rücksichtnahme in Bevormundung umschlägt und wie eine Debatte über Minderheiten plötzlich mehr über die Mehrheitsgesellschaft verrät als über die Betroffenen selbst. Allerdings verteilt die Satire ihre Treffer nicht immer mit gleicher Präzision. Einige Positionen werden eher vorgeführt als ernsthaft hinterfragt, wodurch die gesellschaftliche Analyse gelegentlich oberflächlich bleibt. Unterm Strich ist "Extrawurst" eine unterhaltsame Gesellschaftskomödie mit einer starken Grundidee, einem namhaften Ensemble und einigen treffenden Beobachtungen. Die theatralische Inszenierung, wiederholende Streitgespräche und der mitunter grobe Humor verhindern jedoch, dass daraus eine wirklich bissige Satire wird. Der Film regt zum Nachdenken an und sorgt für Lacher, bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten zurück.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: ARD Degeto/Lieblingsfilm/StudioCanal

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Below (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt35934755/
https://letterboxd.com/film/below-2026/

Der alleinziehende Vater und Fischer Calvin Penney (Josh Hartnett) ist gutherzig sowie starrköpfig und lebt mit seiner Familie in einer kleinen Stadt auf Neufundland. Schon seit Jahrzehnten wird er vom mysteriösen Tod seines Vaters verfolgt, welcher so viele offene Fragen hinterlassen hat. Plötzlich fängt eine Meereskreatur an, seine Heimatstadt zu bedrohen und zu terrorisieren, wodurch er und die anderen Fischer ums Überleben kämpfen müssen. Um seinen Sohn Wade (Charlie Heaton) und seine Familie zu beschützen, tut er sich mit der Meeresforscherin Fonda Howander (Mackenzie Davis) zusammen, die in der Stadt nur zu Besuch ist. Zusammen versuchen sie, sich dem Monster entgegenzustellen und dabei die Geheimnisse der Insel zu lösen.

https://www.imdb.com/title/tt36961288/
1. Heimatjahr (Come Home Year)
Fischer Calvin Penney lebt in einem abgelegenen Dorf auf Neufundland und versucht, seine Heimat vor wirtschaftlichen Interessen und einer drohenden Umsiedlung zu bewahren. Während sich die Gemeinde auf das traditionelle Heimatfest vorbereitet, kehren seine Kinder zurück. Alte familiäre Konflikte brechen wieder auf, während sich vor der Küste eine unheimliche Bedrohung zusammenbraut. - 7/10

https://www.imdb.com/title/tt36961289/
2. Glücksrad (Crown And Anchor)
Die Spannungen im Dorf nehmen zu, während die Rückkehr der Familienmitglieder alte Wunden aufreißt. Gleichzeitig sorgt ein mysteriöser Eisberg im Hafen für Unruhe. Ungewöhnliche Ereignisse und die wachsende Gefahr auf See lassen erahnen, dass hinter den Geschehnissen mehr steckt als ein gewöhnliches Naturphänomen. - 7/10

https://www.imdb.com/title/tt37505135/
3. Sir John Franklin (Sir John Franklin)
Die rätselhaften Vorgänge rund um den Hafen und den Eisberg rücken zunehmend in den Mittelpunkt. Die Bewohner versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen, während die Bedrohung für die Fischer und ihre Familien wächst. Die Geschichte der Arktis und die Expeditionen des berühmten Polarforschers Sir John Franklin bilden einen thematischen Bezug zur eisigen, unheilvollen Atmosphäre der Serie. - 7/10

https://www.imdb.com/title/tt37505133/
4. Verhängnisvolle Tiefen (The Ocean Will Have Us All)
Die Gefahr aus dem Meer wird immer konkreter. Die ungewöhnlichen Ereignisse bedrohen nicht mehr nur einzelne Fischer, sondern die gesamte Gemeinde. Untersuchungen und die Erfahrungen der Einheimischen liefern Hinweise auf ein Wesen, das mit dem geheimnisvollen Eisberg in Verbindung steht. Gleichzeitig verschärfen sich die Konflikte um die Zukunft des Dorfes. - 7/10

https://www.imdb.com/title/tt37505134/
5. Little Pot Rock (Little Pot Rock)
Calvin stößt auf erschütternde Wahrheiten über seine Vergangenheit. Während er versucht, die neuen Erkenntnisse einzuordnen, macht Fonda eine überraschende Entdeckung. Das Eintreffen unerwarteter Besucher bringt zusätzliche Unruhe in die ohnehin angespannte Lage. Persönliche Geheimnisse und die übernatürliche Bedrohung beginnen sich immer stärker miteinander zu verbinden. - 7/10

https://www.imdb.com/title/tt37505136/
6. Brechende Anker (The Unfathering Deep)
Im Finale spitzt sich der Kampf um das Dorf und seine Bewohner dramatisch zu. Calvin und Fonda versuchen, die Gefahr zu bannen, ohne das Wesen aus dem Meer und seine Nachkommen endgültig zu vernichten. Gleichzeitig drohen wirtschaftliche Interessen und militärische Maßnahmen, die Situation außer Kontrolle geraten zu lassen. Das Ende verbindet die Auflösung des unmittelbaren Konflikts mit einem unheilvollen Ausblick auf die Zukunft. - 7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Pacesetter U.K./Paddy Wagon Pictures

Mittwoch, 21. Oktober 2026

Animals (2026)

https://www.imdb.com/title/tt31049299/
https://letterboxd.com/film/animals-2026/

Der Bürgermeisterkandidat von Los Angeles (Ben Affleck) und seine Ehefrau (Kerry Washington) werden aus ihrem scheinbar geordneten Leben gerissen, als ihr Sohn entführt wird. Um die geforderte Lösegeldsumme aufzubringen, geraten die beiden in ein undurchsichtiges Netz aus Lügen, Betrug und Abhängigkeiten. Unter dem wachsenden Druck müssen sie Entscheidungen treffen, die nicht nur ihre moralischen Grenzen infrage stellen, sondern auch ihre politische Karriere und ihre gemeinsame Zukunft gefährden. Mit jedem weiteren Schritt wird unklarer, wem sie noch vertrauen können und welchen Preis sie für die Rettung ihres Sohnes zu zahlen bereit sind.

Mit "Animals" kehrt Ben Affleck auf den Regiestuhl zurück und verbindet einen Entführungsthriller mit politischer Intrige und moralischen Abgründen. Im Mittelpunkt steht Mark Kimball (Affleck), ein Bürgermeisterkandidat in Los Angeles, dessen Leben aus den Fugen gerät, als sein Sohn entführt wird. Gemeinsam mit seiner Frau Abigail (Kerry Washington) versucht er, das geforderte Lösegeld aufzutreiben. Doch schon bald geht es nicht mehr nur um die Rettung eines Kindes, sondern auch um öffentliche Wahrnehmung, persönliche Schuld und den Preis politischer Ambitionen. Die Ausgangslage erinnert zwar an "Kopfgeld", ist aber vielversprechend und bietet reichlich Stoff für ein spannendes Drama über Macht, Geld und menschlichen Egoismus. Leider schöpft der Film sein Potenzial nur teilweise aus.

Die Geschichte will nämlich gleichzeitig nervenaufreibender Kidnap-Thriller, Familiendrama und gesellschaftskritische Betrachtung sein, findet dabei aber nur selten einen überzeugenden Rhythmus. Die Handlung verstrickt sich zunehmend in Wendungen und moralische Konflikte, ohne ihnen genügend Tiefe zu geben. Gerade die Frage, wie weit Menschen gehen, wenn sie ihre Familie schützen oder ihre gesellschaftliche Stellung bewahren wollen, hätte für echte Ambivalenz sorgen können. Stattdessen wirken manche Entwicklungen konstruiert, während die Spannung immer wieder unter Szenen leidet, die mehr erklären als vorantreiben. Auch das Finale kann die zuvor aufgebauten Erwartungen nur bedingt einlösen.


Darstellerisch ist "Animals" aber durchaus ordentlich besetzt, lässt seine Möglichkeiten aber ebenfalls liegen. Affleck verkörpert Mark mit der nötigen Verbissenheit, bleibt als innerlich zerrissener Familienvater jedoch vergleichsweise blass. Kerry Washington bemüht sich, die Verzweiflung und die Belastung ihrer Figur spürbar zu machen, überzieht dabei stellenweise aber das emotionale Spiel. Deutlich mehr Präsenz entwickelt Gillian Anderson als undurchsichtige Akteurin, die dem Geschehen eine angenehm kühle Note verleiht. Steven Yeun ergänzt das Ensemble, erhält jedoch ebenso wenig Raum, wie es die Figurenzeichnung insgesamt zulässt. So gibt es einzelne interessante Momente, aber kaum eine Figur, deren innere Konflikte wirklich nachhaltig beschäftigen.

Auch inszenatorisch bleibt der Film hinter Afflecks besseren Regiearbeiten wie "The Town" oder "Argo" zurück. Zwar bemüht er sich um eine realistische, gegenwartsnahe Atmosphäre und nutzt Los Angeles als Schauplatz einer Geschichte, in der politische Außendarstellung und soziale Ungleichheit eng miteinander verknüpft sind. Die Bilder des erfahrenen Kameramanns Robert Elswit wirken jedoch überraschend flach und wenig eigenständig. Statt die klaustrophobische Situation der Familie visuell zu verdichten, verliert sich die Inszenierung immer wieder in konventionellen Einstellungen und wenig markanten Stadtaufnahmen. Auch der Schnitt verleiht der Handlung nicht immer den nötigen Zug.

Inhaltlich besitzt "Animals" immerhin durchaus Biss. Der Film stellt die Frage, ob moralische Prinzipien Bestand haben, wenn das eigene Ansehen, die Karriere und das Familienglück auf dem Spiel stehen. Zugleich berührt er Themen wie soziale Klassenunterschiede, Migration und die Instrumentalisierung menschlichen Leids für politische Zwecke. Besonders interessant ist dabei der Gegensatz zwischen dem privilegierten Kandidaten und den Menschen, deren Schicksal in seiner Krise eine entscheidende Rolle spielt. Allerdings deutet der Film viele dieser Aspekte eher an, als sie konsequent auszuarbeiten. Seine gesellschaftskritischen Ansätze bleiben dadurch oft Behauptung, statt sich organisch aus den Figuren und ihren Entscheidungen zu entwickeln.


Handwerklich ist "Animals" auch solide, aber eben ohne größere Höhepunkte. Mit rund 106 Minuten ist der Thriller angenehm kompakt, doch die Laufzeit allein sorgt nicht für Tempo. Die Entführung liefert zwar einen grundsätzlich wirkungsvollen Spannungsrahmen, der Gegenspieler bleibt aber zu wenig ausgearbeitet, um eine wirklich bedrohliche Präsenz zu entwickeln. Dadurch fehlt es dem Film an einem klaren dramatischen Gegenpol. Wo ein packender Thriller seine Konflikte zuspitzen und die Figuren zu immer schwierigeren Entscheidungen treiben müsste, verliert sich "Animals" zu häufig in vorhersehbaren Entwicklungen und einer nur bedingt überzeugenden Dramaturgie.

Unterm Strich ist "Animals" ein Thriller mit einer interessanten Grundidee, einem namhaften Ensemble und relevanten gesellschaftlichen Themen, dessen Umsetzung jedoch deutlich hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Ben Affleck gelingt es nicht, aus der moralisch vielversprechenden Ausgangslage ein durchgehend packendes und emotional überzeugendes Drama zu formen. Einige gute Ansätze und Gillian Andersons markante Präsenz halten den Film über Wasser, können die schwache Figurenzeichnung, die wenig aufregende Bildsprache und das unausgereifte Drehbuch aber nicht ausgleichen. Für einen kurzweiligen Thrillerabend reicht das gerade noch - für einen wirklich nachhaltigen Film fehlt "Animals" die nötige Kraft.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Artists Equity/Makeready/Fifth Season