Sonntag, 4. Oktober 2026

呪怨 - Ju-on: The Grudge - Juon: The Curse (2002)

https://www.imdb.com/title/tt0364385/
https://letterboxd.com/film/ju-on-the-grudge/

Die junge Sozialarbeiterin Rika Nishina (Megumi Okina) übernimmt kurzfristig die Betreuung der bettlägerigen Sachie Tokunaga (Chikako Isomura) in einem unscheinbaren Haus in einem Vorort von Tokio. Schon bei ihrer Ankunft fällt ihr auf, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Sachie wirkt verstört und reagiert kaum auf ihre Umgebung. Im Obergeschoss entdeckt Rika schließlich einen kleinen Jungen namens Toshio (Yūya Ozeki) und eine Katze - doch niemand kann ihr erklären, woher die beiden kommen. Nach und nach stößt Rika auf die düstere Vergangenheit des Hauses. Jahre zuvor wurden dort Kayako Saeki (Takako Fuji) und ihr Sohn Toshio Opfer eines grausamen Verbrechens durch Kayakos Ehemann Takeo Saeki (Takashi Matsuyama). Seit dieser Tragödie scheint ein übernatürlicher Fluch auf dem Gebäude zu liegen. Jeder, der das Haus betritt, kann zum nächsten Opfer werden - und der Fluch beschränkt sich längst nicht mehr auf die vier Wände des Hauses. Während Rika versucht, das Geheimnis zu verstehen, werden auch andere Menschen mit der unheimlichen Präsenz konfrontiert...

Takashi Shimizus "Ju-On: The Grudge" gehört zu den Filmen, die weniger durch eine ausgefeilte Handlung als durch eine ganz bestimmte Atmosphäre funktionieren. Im Mittelpunkt steht ein Fluch, der aus einem brutalen Verbrechen hervorgegangen ist und jeden heimsucht, der mit dem betroffenen Haus in Kontakt kommt. Statt die Geschichte geradlinig zu erzählen, springt Shimizu zwischen verschiedenen Figuren und Zeitpunkten. Das ist zunächst verwirrend, passt aber erstaunlich gut zum Konzept eines Fluchs, der sich wie eine Infektion von Mensch zu Mensch weiterträgt. Die in ihrer nichtlinearen Erzählweise vorgetragenen einzelnen Episoden funktionieren beinahe wie kurze Geistergeschichten, deren Zusammenhänge sich erst allmählich erschließen. Dadurch entsteht ein permanentes Gefühl der Orientierungslosigkeit. Allerdings verhindert die Struktur auch eine tiefere Bindung an die Figuren und nimmt dem Film stellenweise die Möglichkeit, Spannung über längere Zeit aufzubauen.

Seine eigentliche Stärke entwickelt "Ju-on: The Grudge" bei der Inszenierung. Shimizu braucht erstaunlich wenig Blut oder aufwendige Effekte. Dunkle Räume, leere Flure, Treppen und scheinbar harmlose Bildhintergründe reichen aus, um ständig das Gefühl zu erzeugen, dass irgendwo etwas nicht stimmt. Besonders Kayako (Takako Fuji) und Toshio (Yūya Ozeki) gehören zu den nachhaltigsten Erscheinungen des J-Horrors. Auch die Kameraarbeit und das Sounddesign tragen enorm zur Wirkung bei. Tokushō Kikumura nutzt enge Räume und ruhige Einstellungen, anstatt die Schocks permanent mit hektischer Kameraführung vorzubereiten. Dazu kommt Shiro Satōs zurückhaltende Musik sowie vor allem die markanten, gutturalen Geräusche der Geister. Mehrere Kritiker sahen gerade in der Kombination aus Bildgestaltung und Ton einen entscheidenden Bestandteil des Schreckens. Die Darsteller agieren bewusst zurückgenommen. Megumi Okina, Misaki Itō, Misa Uehara und Yui Ichikawa tragen die einzelnen Kapitel solide, auch wenn die Figuren aufgrund der kurzen Episoden kaum Gelegenheit für eine wirklich komplexe Entwicklung bekommen. Dafür überzeugt Takako Fuji als Kayako vor allem körperlich: Ihre unnatürlichen Bewegungen und das charakteristische Keuchen machen sie zu einer Figur, die schon durch ihre bloße Anwesenheit Unbehagen erzeugt.

Thematisch bleibt der Film eher schlicht, aber konsequent: "Ju-on: The Grudge" handelt von Tod, Hass und einem Trauma, das nicht einfach verschwindet, sondern immer neue Opfer hervorbringt. Der Film interessiert sich weniger für die Frage, wie ein Fluch logisch funktioniert, sondern dafür, wie sich Angst und Gewalt unaufhaltsam fortsetzen. Gerade diese fehlende Erklärung macht den Horror teilweise so wirkungsvoll - der Fluch besitzt keine nachvollziehbare Grenze und damit auch keine einfache Lösung. Damit ist "Ju-on: The Grudge" kein perfekt erzählter Horrorfilm. Die episodische Struktur kostet Spannung, manche Figuren bleiben blass und die Handlung wirkt stellenweise unnötig kompliziert. Dafür entwickelt Takashi Shimizu eine außergewöhnlich dichte, kalte und unangenehme Atmosphäre und beweist, dass ein Horrorfilm nicht ständig zeigen muss, was passiert, um Angst zu erzeugen. Nicht jede Szene sitzt, aber einige Bilder und Geräusche bleiben lange im Kopf.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Oz Company/Xanadeux Company/Pioneer LDC/Nikkatsu Corporation

The Loved Ones - The Loved Ones: Pretty In Blood (2009)

https://www.imdb.com/title/tt1316536/
https://letterboxd.com/film/the-loved-ones/

Eigentlich hat sich Brent seine Highschool-Abschlussfeier unbeschwerter vorgestellt: Immer noch in Trauer um den Verlust seines Vaters, an dessen Unfalltod der Teenager mitschuldig war, flüchtet er sich in Heavy Metal und maßlosen Graskonsum. Einziger Lichtblick ist seine bezaubernde Freundin Holly, mit der er plant, den Ball zu besuchen. Zu dumm nur, dass Lola – eine heimliche Verehrerin – samt ihrer Familie etwas gegen das junge Glück der zwei einzuwenden hat, getreu dem Motto: „Wenn ich ihn nicht haben kann, dann bekommt ihn keine andere!“. Und so wird im irren Haushalt des einsamen Mauerblümchens, dem heiß ersehntem Date mit dem Traumprinzen mit messerscharfen und tiefbohrenden Argumenten nachgeholfen...

"The Loved Ones" beginnt beinahe wie eine typische Highschool-Geschichte: Brent (Xavier Samuel) lehnt die Einladung der unscheinbaren Lola (Robin McLeavy) zum Abschlussball ab - eine Entscheidung, die er schnell bereuen wird. Denn Lola lässt ihn von ihrem Vater entführen und veranstaltet ihren ganz eigenen, vollkommen entgleisten "Prom". Aus Teenie-Drama wird Psychothriller und schließlich brutaler Torture-Horror. Und das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil Sean Byrne in seinem Regiedebüt die Gewalt nicht isoliert betrachtet. Brent trägt Schuldgefühle am Tod seines Vaters mit sich herum und betäubt seinen Schmerz mit Drogen und Musik. Lola wiederum ist weit mehr als eine austauschbare Psychopathin. Robin McLeavy spielt sie zwischen kindlicher Verletzlichkeit, Besessenheit und erschreckender Grausamkeit - und macht Lola damit zur mit Abstand interessantesten Figur des Films. Auch Xavier Samuel überzeugt als Brent. Gerade weil der Film ihn zunächst als relativ typischen Jugendlichen etabliert, funktioniert sein Absturz in Lolas Albtraum umso besser. Die Chemie zwischen Samuel und McLeavy entsteht dabei weniger durch klassische Konfrontation als durch das verstörende Machtspiel zwischen Opfer und Täterin. John Brumpton als Lolas Vater ergänzt dieses familiäre Horrorszenario überzeugend.

Seine größte Stärke besitzt der Film jedoch in der Mischung aus Brutalität und schwarzem Humor. Bohrer, Nägel, Spritzen und andere Folterinstrumente sorgen für ausgesprochen unangenehme Momente, gleichzeitig besitzt Byrne ein Gespür für groteske Situationen und makabre Pointen. Der Film nimmt seine Gewalt ernst, ohne sich permanent in bedeutungsschwerem Elend zu verlieren. Handwerklich ist das für ein Regiedebüt bemerkenswert sicher. Schnitt, Musik, Farbgestaltung und Produktionsdesign verleihen dem Film einen eigenständigen Look. Besonders der Kontrast zwischen der kitschigen Prom-Ästhetik und der zunehmend brutalen Realität funktioniert hervorragend. Die lediglich rund 84 Minuten Laufzeit sorgen zudem für ein hohes Tempo, ohne dass der Film seine zentrale Geschichte aus den Augen verliert. 

Leider entwickelt sich vieles ziemlich vorhersehbar, und gerade einige der späteren Wendungen kündigen sich früh an. Problematischer ist die parallele Geschichte um Brents Freund Jamie und dessen ungewöhnliche Beziehung, die zwar als Kontrast zur Haupthandlung funktioniert, den Film aber auch etwas zerfasert. Trotzdem bleibt "The Loved Ones" ein ausgesprochen unterhaltsamer und unangenehmer Horrorfilm, der aus einer simplen Ausgangsidee erstaunlich viel herausholt. Sean Byrne verbindet Coming-of-Age, schwarze Komödie und Torture-Horror mit einem guten Gespür für Timing und Atmosphäre. Vor allem Robin McLeavy liefert als Lola eine herrlich durchgeknallte und gleichzeitig beunruhigende Vorstellung. Als kompromissloser, schwarzhumoriger australischer Horrorfilm funktioniert "The Loved Ones" am Ende ausgesprochen gut - blutig, böse und deutlich cleverer, als die simple Prämisse zunächst vermuten lässt.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Ambience Entertainment/Screen Australia/Omnilab Media/Film Victoria/MIFF Premiere Fund

Låt den rätte komma in - Let The Right One In - So finster die Nacht (2008 )

https://www.imdb.com/de/title/tt1139797/
https://letterboxd.com/film/let-the-right-one-in/

Oskar (Kare Hedebrant), ein zwölfjähriger Junge, lebt isoliert. Er leidet unter den Gemeinheiten von Mitschülern, einen richtigen Freund hat er nicht. In seiner sensiblen Seele brodelt es gewaltig, aber seine Rachepläne setzt er nie um. Dann lernt er Eli (Lina Leandersson) kennen, eine mysteriöse Nachbarin. Sie ist immer nur nach Sonnenuntergang draußen und trägt viel zu leichte Kleidung. Egal, Oskar scheint endlich eine ihm verwandte Seele gefunden zu haben. Doch das bleiche Mädchen mit den traurigen Augen, das mit ihrem angeblichen Vater in der Nachbarwohnung lebt, hütet ein blutiges Geheimnis...

"Let The Right One In" ist weit mehr als ein Vampirfilm. Es ist einer der Filme, die das Genre nicht einfach neu erzählen, sondern seine bekannten Regeln für eine ganz andere Geschichte nutzen. Tomas Alfredson  verlegt John Ajvide Lindqvists Roman in einen verschneiten Stockholmer Vorort und verbindet Coming-of-Age, Einsamkeit, erste Liebe, Mobbing und Horror zu einem ungewöhnlich ruhigen, atmosphärisch dichten Film. Besonders stark sind die beiden jungen Hauptdarsteller, die winterliche Bildsprache und die konsequente Ambivalenz zwischen Zärtlichkeit und Brutalität. Das Entscheidende ist dabei die Beziehung zwischen Oskar und Eli. Beide sind Außenseiter, beide leben in einer Welt, in der sie sich nicht wirklich zugehörig fühlen. Aus ihrer vorsichtigen Annäherung entsteht etwas, das gleichzeitig wie Freundschaft, erste Liebe und eine gefährliche Abhängigkeit wirkt. Alfredson erzählt diese Beziehung bemerkenswert ruhig und ohne romantische Überhöhung. Gerade dadurch wird sie so intensiv. Die Verbindung der beiden ist berührend, aber immer auch verstörend, weil Eli eben kein harmloses Mädchen ist.

Kåre Hedebrant und Lina Leandersson sind hervorragend. Hedebrant spielt Oskar verletzlich und zurückhaltend, ohne die Figur zum bloßen Opfer zu machen. Leandersson besitzt als Eli dagegen eine faszinierende Mischung aus kindlicher Ruhe und unheimlicher Überlegenheit. Beide tragen den Film praktisch über ihre Blicke und kleinen Gesten. Dass die jungen Darsteller diese schwierige Mischung aus Zärtlichkeit, Gewalt und Einsamkeit so überzeugend vermitteln, ist eine der größten Leistungen des Films. Atmosphärisch ist "Let The Right One In" ohnehin eine Klasse für sich. Der Schnee, die Dunkelheit und die fast farblose Winterlandschaft machen den Vorort zu einem Ort der Isolation. Hoyte van Hoytemas Kamera findet darin wunderschöne, aber gleichzeitig kalte Bilder. Die schwedische Kälte ist nicht bloß Kulisse, sondern wird zum visuellen Ausdruck der Einsamkeit der Figuren. Auch der Horror funktioniert gerade deshalb so gut, weil Alfredson nicht permanent auf Schockeffekte setzt. Blut und Gewalt können plötzlich und ausgesprochen brutal sein, stehen aber nie allein im Mittelpunkt. Der Film lässt seine verstörenden Momente häufig beinahe beiläufig in die Geschichte einfließen. Dadurch entsteht eine unangenehme Selbstverständlichkeit: Für Eli ist Töten keine dramatische Entscheidung, sondern schlicht Teil ihres Überlebens. Gleichzeitig wird Oskar immer stärker in diese Welt hineingezogen. 

Besonders gelungen ist die Art, wie der Film Vampirmotive mit den Themen Mobbing, Einsamkeit und Erwachsenwerden verbindet. Oskars Fantasien von Rache spiegeln Elis tatsächliche Gewalt. Beide kennen Hilflosigkeit, reagieren darauf aber völlig unterschiedlich. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend. Auch die berühmte Regel, dass ein Vampir einen Raum nur nach einer Einladung betreten kann, bekommt hier eine zusätzliche Bedeutung: Es geht nicht nur um eine Horrorregel, sondern um Vertrauen und darum, jemanden in das eigene Leben zu lassen. Doch nicht alles ist dabei völlig ausformuliert. Einige Nebenfiguren bleiben eher Skizzen, und bestimmte Handlungselemente wirken bewusst rätselhaft oder werden nur angedeutet. Wer einen geradlinigen Vampirfilm mit klaren Erklärungen und hohem Tempo erwartet, dürfte sich an der entschleunigten Erzählweise ebenfalls stören. Gerade diese Zurückhaltung ist aber Teil seiner Wirkung. Der Film vertraut darauf, dass Atmosphäre und Andeutungen stärker sein können als ausführliche Erklärungen.

"Let The Right One In" ist deshalb ein ungewöhnlich stiller Horrorfilm, der seine stärksten Momente nicht durch Lautstärke, sondern durch Kontraste erreicht: kindliche Unschuld trifft auf brutale Gewalt, erste Liebe auf Abhängigkeit, verschneite Idylle auf blutige Morde. Genau diese Mischung macht ihn bis heute so besonders. Für mich bleibt damit ein atmosphärisch außergewöhnlicher, hervorragend gespielter Vampirfilm, der das Genre gleichzeitig bedient und unterläuft. Nicht jede Nebenhandlung sitzt perfekt und das bewusst langsame Tempo verlangt etwas Geduld. Dafür bekommt man eine ungewöhnlich melancholische Geschichte über zwei einsame Kinder, deren Beziehung gleichermaßen wunderschön und beunruhigend ist.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: EFTI/Bavaria Film International/Sandrew Metronome Sverige/Filmpool Nord/SVT/WAG/Fido Film/Chimney Sweden

Turbulence (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt33009027/
https://letterboxd.com/film/turbulence-2025-1/

Die jungen Eheleute Emmy (Hera Hilmar) und Zach (Jeremy Irvine) sind auf Hochzeitsreise und wollen einen romantischen Trip mit einem Heißluftballon durch die majestätischen Dolomiten in Südtirol unternehmen. Als ihr Ballonführer (Kelsey Grammer) gerade die Leinen losmacht und starten will, springt in letzter Sekunde noch eine weitere Person in den großen Korb für die Fahrgäste. Die Frau ist sehr aufgebracht und aufgrund ihrer recht eindeutigen Äußerungen schließt Emmy, dass ihr Mann die sich immer unberechenbarer gebärdende Julia (Olga Kurylenko) kennen muss. Es dauert nicht lange, da stellt sich heraus, dass Emmy richtig liegt und der Neuankömmling durchaus Gründe dafür hat, nicht gut auf Zach zu sprechen zu sein. So wird aus dem Ausflug in die Wolken schnell ein bedrohliches Psychospiel ums Überleben. In fast fünf Kilometern Höhe kommen immer neue düstere Geheimnisse ans Licht und jedes Wort oder eine unbedachte Bewegung können über Leben und Tod entscheiden…

"Turbolence" nimmt eine eigentlich hervorragende Thriller-Idee: Ein Ehepaar startet mit einem Heißluftballon zu einem romantischen Ausflug über die Dolomiten - doch eine unerwartete dritte Passagierin verwandelt die Fahrt in einen Kampf ums Überleben. Emmy (Hera Hilmar) erkennt schnell, dass Julia (Olga Kurylenko) eine Verbindung zu ihrem Mann Zach (Jeremy Irvine) hat. Aus dem romantischen Ausflug wird ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel hoch über dem Boden. Und diese klaustrophobische Ausgangslage hätte viel Spannung hergegeben. Hätte. Regisseur Claudio Fäh beschränkt den Schauplatz fast vollständig auf den Ballon und nutzt die Höhe, die Enge und die fehlenden Fluchtmöglichkeiten grundsätzlich effektiv. Die Dolomiten liefern zudem spektakuläre Landschaftsbilder. Auch die Darsteller holen aus dem überschaubaren Material einiges heraus: Hilmar funktioniert als zunehmend unter Druck geratene Emmy, während Kurylenko als unberechenbare Julia zumindest zeitweise für Dynamik sorgt. Kelsey Grammer ist als Ballonpilot Harry eine sympathische Ergänzung. Aber das Drehbuch.... Die Figuren sind zu eindimensional, ihre Entscheidungen häufig konstruiert und die Enthüllungen nur selten überraschend. Besonders die Beziehung zwischen Emmy und Zach, die eigentlich das emotionale Fundament bilden müsste, bleibt erstaunlich oberflächlich. Auch Julias Motivation wird früh durchschaubar. Damit verpufft ein großer Teil des psychologischen Potenzials, das der Film mit seinem Dreiecksverhältnis eigentlich besitzt. 

Auch technisch ist "Turbolence" eher zweckmäßig als beeindruckend. Die Aufnahmen der Dolomiten sind schön, doch die eigentlichen Ballonszenen können ihre künstliche Entstehung nicht immer verbergen. Der Film wurde aus Landschaftsaufnahmen und Studioaufnahmen mit Hintergrundprojektionen beziehungsweise Greenscreen kombiniert. Das funktioniert passabel, wirkt aber gerade in den gefährlicheren Momenten nicht immer besonders glaubwürdig. Spannung entsteht deshalb nur punktuell. Einige Situationen funktionieren durchaus und vermitteln ein unangenehmes Gefühl von Höhe und Ausweglosigkeit. Über weite Strecken bleibt die Inszenierung jedoch erstaunlich zahm. Wo Filme wie "Fall" aus einer simplen Extremsituation echten körperlichen Nervenkitzel entwickeln, verliert sich "Turbolence" zu häufig in Beziehungsdrama und vorhersehbaren Wendungen. Schade ist das vor allem deshalb, weil der Film durchaus Ambitionen erkennen lässt. Die Mischung aus Ehekrise, Erpressung, psychologischem Thriller und Survival-Szenario hätte als kleines, konzentriertes Kammerspiel funktionieren können. Stattdessen wirkt vieles wie ein routiniert abgearbeitetes Genre-Skript. Selbst die vergleichsweise kurze Laufzeit von rund anderthalb Stunden fühlt sich dadurch stellenweise länger an, als sie ist. "Turbolence" bleibt am Ende also ein grundsätzlich brauchbarer, aber enttäuschend spannungsarmer Thriller. Die außergewöhnliche Location, einige solide Darstellerleistungen und die interessante Grundidee reichen für ein paar ordentliche Momente. Für mehr fehlt es jedoch an glaubwürdigen Figuren, überraschenden Entwicklungen und vor allem an der nötigen Intensität.

4,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Altitude Film Sales/Head Gear Films/Metrol Technology/Altitude Film Entertainment/Enderby Entertainment/Phiphen Pictures

The Dive (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt13566172/
https://letterboxd.com/film/the-dive-2023/

Die Schwestern Drew (Sophie Lowe) und Mary (Louisa Krause) freuen sich darauf, an einem der entlegensten und schönsten Plätze der Welt tauchen zu gehen. Was als entspannter Ausflug geplant war, entpuppt sich schnell als ein Kampf um Leben und Tod, als bei einem Erdrutsch Felsen ins Meer stürzen und May in 28 Meter Tiefe einklemmen. Während ihr Sauerstoff immer knapper wird, versucht Drew allein eine Entscheidung über Leben und Tod zu fällen, denn Hilfe ist nicht in Sicht. So bleibt ihr nur die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu riskieren, um ihre Schwester zu retten.

"The Dive" reduziert den Survival-Thriller auf eine denkbar einfache Situation: Die Schwestern Drew (Sophie Lowe) und May (Louisa Krause) gehen an einem abgelegenen Küstenabschnitt tauchen, als ein Erdrutsch May in 28 Metern Tiefe unter einem Felsen begräbt. Während ihr Sauerstoff knapp wird, muss Drew immer wieder zur Oberfläche und zurück tauchen, um ihre Schwester zu versorgen und einen Weg aus der tödlichen Situation zu finden. Der Film ist dabei ein englischsprachiges Remake des norwegischen "Breaking Surface" von Joachim Heden. Wie schon beim Original funktioniert die Ausgangslage durchaus. Regisseur Maximilian Erlenwein konzentriert sich auf das Wesentliche und entwickelt aus Sauerstoffmangel, Kälte und zunehmender Erschöpfung einen klassischen Wettlauf gegen die Zeit. Sophie Lowe trägt dabei den körperlich anspruchsvolleren Part überzeugend, während Louisa Krause die zunehmend aussichtslose Lage ihrer Figur glaubwürdig vermittelt. Gerade die beiden Hauptdarstellerinnen verhindern, dass das Kammerspiel unter Wasser völlig mechanisch wirkt.

Kameramann Frank Griebe liefert beeindruckende Unterwasserbilder, die gleichzeitig die Schönheit und die Bedrohlichkeit der Tiefe vermitteln. Dunkelheit, Enge und die eingeschränkte Sicht erzeugen immer wieder ein beklemmendes Gefühl. Auch die vergleichsweise bodenständige Herangehensweise ist positiv: Statt ständig neue Monster oder völlig absurde Katastrophen aus dem Hut zu zaubern, bleibt der Film weitgehend bei seinem realistischen Überlebenskampf. Problematisch ist jedoch, dass aus dieser starken Ausgangssituation nicht durchgehend die erwartete Spannung entsteht. Der Film ist handwerklich solide und nachvollziehbar, wirkt aber stellenweise erstaunlich routiniert. Auch die Rückblenden in die schwierige Familiengeschichte der Schwestern sollen zusätzliche emotionale Tiefe schaffen, bleiben dafür aber zu vage. Man versteht, dass zwischen Drew und May einiges im Argen liegt - wirklich greifbar wird ihre Beziehung dadurch trotzdem nicht. Hinzu kommen einige fragwürdige Details bei der Darstellung des Tauchens. Für erfahrene Taucher sind bestimmte Abläufe und Entscheidungen durchaus diskutabel. Gleichzeitig gelingt es dem Film, die zentrale Gefahr grundsätzlich verständlich und körperlich spürbar zu vermitteln. Die dramatische Wirkung funktioniert daher besser als die technische Genauigkeit.

"The Dive" ist somit ein ordentlich gemachter, atmosphärischer Survival-Thriller, dem allerdings die entscheidende Portion Eigenständigkeit und Intensität fehlt. Sophie Lowe und Louisa Krause überzeugen, die Unterwasseraufnahmen sind teilweise großartig und die reduzierte Ausgangssituation besitzt durchaus Potenzial. Inhaltlich bleibt das Ganze jedoch ziemlich dünn und erreicht nur selten die beklemmende Spannung, die aus der Prämisse eigentlich entstehen könnte - und die das Original noch hatte.

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Augenschein Filmproduktion/Falkun Films/Logical Pictures/MFG-Film/Protagonist Pictures/ZDF/Logical Content Ventures

Killer Whale (2026)


Die besten Freundinnen Maddie (Virginia Gardner) und Trish (Melanie Jarnson) studieren zusammen am College. Maddie ist eine talentierte Konzertcellistin, die eine Faszination für den Gesang von Walfischen entwickelt hat, den sie als Inspiration für ihre Musik nutzt. Doktorandin Trish hingegen ist eine angehende Meereswissenschaftlerin. Da kommt es eines Tages zu einer Katastrophe: Maddies Freund Chad (Isaac Crawley) wird getötet, als er sie während eines Raubüberfalls beschützen will. Obendrein wird auch noch das Gehör der jungen Frau schwer geschädigt. Ein Jahr später hat Trish dann ihren Traumjob gefunden, während Maddie ihre Musikkarriere aufgeben musste. Trish will sie trösten und überrascht sie mit einer gemeinsamen Urlaubsreise nach Thailand. Dort eingetroffen, schlägt Trish vor, in einen lokalen Wasserpark zu gehen und den dort lebenden Orca zu besuchen. Maddie will die Gefangenschaft des Tieres allerdings nicht noch mit ihrem Eintrittsgeld unterstützen. Deshalb brechen die zwei über Nacht in den Park ein, um das Tier gratis zu bewundern. Am nächsten Morgen baden sie dann in einer abgelegenen Lagune. Plötzlich taucht dort der aus seinem Gefängnis entkommene Killerwal auf und greift sie an...

"Killer Whale" hat eigentlich eine interessante Ausgangsidee: Nach einem persönlichen Schicksalsschlag reist Maddie (Virginia Gardner) mit ihrer Freundin Trish (Mel Jarnson) nach Thailand und gerät dort mit einem aus der Gefangenschaft entkommenen Orca aneinander. Der Film versucht dabei, Tierhorror mit einem Drama über Trauma und die Haltung von Wildtieren in Gefangenschaft zu verbinden. Leider funktioniert kaum etwas davon wirklich. Vor allem ist es erstaunlich, wie wenig Präsenz der titelgebende Orca bekommt. Statt spannender Konfrontationen gibt es lange Dialogpassagen und ganz viel Beziehungsdrama. Die beiden Hauptdarstellerinnen bemühen sich zwar, ihren Figuren emotionale Tiefe zu geben, doch das Drehbuch bleibt oberflächlich und lässt ihre Entscheidungen oft unglaubwürdig wirken. Auch als Tierhorror enttäuscht der Film. Die abgeschiedene Lagune wäre eigentlich eine ideale Kulisse für klaustrophobischen Survival-Thriller, doch Spannung kommt nur selten auf. Der Orca wirkt eher wie ein dramaturgisches Hindernis als wie eine wirklich bedrohliche Präsenz. Selbst die Attacken bleiben weitgehend vorhersehbar.

Visuell ist "Killer Whale" durchschnittliche Streamingware. Die Landschaften sind durchaus ansprechend, die CGI-Effekte des Orcas dagegen schwanken deutlich. Gerade bei einem Film, der von seinem tierischen Gegner leben sollte, ist das ein großes Problem. Positiv bleibt lediglich der Versuch, die Gefangenschaft von Wildtieren kritisch zu thematisieren - dieser Ansatz wird jedoch nicht konsequent genug ausgearbeitet. Unterm Strich ist "Killer Whale" weder spannender Tierhorror noch überzeugendes Drama. Zu wenig Orca, zu wenig Spannung, zu wenig Eigenständigkeit. Die Grundidee hätte durchaus Potenzial gehabt, doch daraus entsteht ein erstaunlich zahnloser Survival-Thriller. Lieber "The Shallows" ansehen.

2/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Jaggi Entertainment/Metrol Technology/Ace Entertainment Films/Head Gear Films/Asia Pacific Film Group/Screen Queensland

GODZILLA 星を喰う者 - Gojira: Hoshi o Kū Mono - Godzilla: The Planet Eater - Godzilla: Zerstörer der Welt (2018)

https://www.imdb.com/title/tt8478602/
https://letterboxd.com/film/godzilla-the-planet-eater/

Dritter Teil der animierten „Godzilla“-Filmreihe, die in Deutschland zuerst auf Netflix zu sehen war. Darin haben Godzilla und viele andere Monster die Erde übernommen – und zwar vor 20.000 Jahren! Die Menschen und ihre außerirdischen Verbündeten, die Bilusaludo, versuchen, ihre alte Heimat zurückzuerobern und kämpfen im zweiten Teil, „Eine Stadt am Rande der Schlacht“, zusammen mit Robotern gegen den bisher größten Godzilla überhaupt. Nun steht der alles entscheidende Endkampf an – gegen den dreiköpfigen Riesendrachen King Ghidorah! Kann die Menschheit diesen Krieg gewinnen oder versinkt ihr Planet für immer in absoluter Dunkelheit?

"Godzilla: Zerstörer der Welt" beendet die Anime-Trilogie um Haruo Sakaki (Mamoru Miyano) und setzt unmittelbar nach "Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht" an. Die Menschheit ist Godzilla erneut unterlegen, und während der gigantische Kaiju ruht, geraten Haruo und seine Gefährten immer stärker unter den Einfluss der Exif. Deren Anführer Metphies (Takahiro Sakurai) verfolgt allerdings einen ganz eigenen Plan: Mit dem dreiköpfigen King Ghidorah soll eine Macht heraufbeschworen werden, die nicht weniger als die Vernichtung der Welt bedeutet. Die interessanteste Entscheidung des Films ist, dass er nicht einfach das erwartete Monsterduell abliefert. Ghidorah wird hier völlig neu interpretiert: weniger als klassischer Riesen-Kaiju und mehr als übernatürliche, nahezu gottgleiche Erscheinung. Dass man ihn lange nur über seine Köpfe, Schatten und seine bizarre Präsenz wahrnimmt, erzeugt tatsächlich eine unheimliche Atmosphäre. Gerade diese ungewöhnliche Version des bekannten Monsters gehört zu den stärksten Ideen des Films. 

Dafür dürfte gerade das Finale viele Godzilla-Fans enttäuschen. Wer nach zwei Filmen auf den großen Kampf zwischen Godzilla und Ghidorah wartet, bekommt erstaunlich wenig klassische Monster-Action. Der eigentliche Konflikt spielt sich zunehmend auf einer philosophischen und psychologischen Ebene ab. Der Film interessiert sich für Nihilismus, Religion, freien Willen und die Frage, ob die Menschheit überhaupt das Recht besitzt, ihre zerstörte Welt zurückzufordern. Das ist ambitioniert und passt durchaus zur traditionellen Godzilla-Idee als Sinnbild für die Folgen menschlichen Handelns - wird aber stellenweise arg verkopft präsentiert. Besonders deutlich wird das an Metphies. Seine Entwicklung vom geheimnisvollen Verbündeten zum eigentlichen Gegenspieler funktioniert grundsätzlich gut und gibt der Geschichte einen klareren persönlichen Konflikt. Gleichzeitig verbringt der Film sehr viel Zeit mit religiösen Erklärungen und philosophischen Dialogen. Die Botschaft über Glauben und Fanatismus ist durchaus interessant, wird aber so deutlich ausgesprochen, dass kaum Raum für subtilere Zwischentöne bleibt. Haruo bekommt ebenfalls seinen konsequenten Abschluss. Seine jahrelange Fixierung auf Godzilla, sein Hass und sein Wunsch nach Rache werden noch einmal grundsätzlich hinterfragt. Dadurch erhält die Trilogie zumindest thematisch einen nachvollziehbaren roten Faden: Es geht letztlich weniger darum, ob Haruo Godzilla besiegen kann, sondern darum, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn sein gesamtes Leben von diesem Ziel bestimmt wurde. Leider bleiben dafür viele Nebenfiguren erneut im Hintergrund. Die emotionale Wirkung ist dadurch geringer, als sie sein könnte.

Auch technisch bleibt die CGI-Animation zwiespältig. Die großen Kreaturen und die ungewöhnlichen Bilder können durchaus beeindrucken, während menschliche Figuren weiterhin etwas steif wirken. Gerade bei Ghidorah funktioniert die visuelle Gestaltung allerdings hervorragend, weil die reduzierte Darstellung seine übernatürliche Wirkung unterstützt. Der Score und die düstere Farbgebung tragen ebenfalls zur apokalyptischen Atmosphäre bei. Das größte Problem ist für mich allerdings das Tempo. Auch im Finale wird erstaunlich viel geredet, erklärt und philosophiert. Die Trilogie hat ohnehin nie besonders viel Wert auf klassische Monster-Action gelegt, aber hier wird das Verhältnis endgültig unausgewogen. Der große Showdown, auf den drei Filme hingearbeitet haben, ist letztlich wesentlich weniger spektakulär, als man erwarten dürfte. Trotzdem hat "Godzilla: Zerstörer der Welt" etwas, das vielen konventionellen Godzilla-Filmen fehlt: eine eigene Idee davon, was Godzilla eigentlich bedeutet. Die ökologische Dimension der Vorgänger wird weitergeführt, gleichzeitig wird Religion als zerstörerische Antwort auf die menschliche Angst vor dem Ende thematisiert. Das ist teilweise ziemlich plakativ, aber zumindest konsequent. Der Film möchte nicht einfach nur Monster gegen Monster antreten lassen, sondern einen Gedanken zu Ende bringen.

Als Abschluss einer Trilogie funktioniert das deshalb besser als als eigenständiger Godzilla-Film. Einige zuvor eingeführte Themen und Figuren erhalten ihren Abschluss, während die ungewöhnliche Interpretation von Ghidorah für einen echten Überraschungseffekt sorgt. Gleichzeitig macht der Film die Schwächen seiner Vorgänger nicht vollständig vergessen: Die Figuren bleiben teilweise dünn, die Dialoge sind überladen und die Inszenierung ist deutlich weniger spektakulär, als das Finale einer Godzilla-Trilogie sein müsste.

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Polygon Pictures/TOHO