Dienstag, 31. Oktober 2023

紅衣小女孩2 - Hong yi xiao nu hai 2 - The Tag-Along 2 (2017)

https://www.imdb.com/title/tt6295898/

Die urbane Legende um das "Mädchen in Rot" ist wieder zurück! Der unheimliche Berggeist begibt sich erneut auf die Suche nach neuen Opfern, die er verdammen und verfluchen kann. In diesem Fall entdeckt die Sozialarbeiterin Shu-fen (Rainie Yang), dass ihre schwangere Teenager-Tochter Ya-Ting (Wan-Ru Zhan) spurlos vom Erdboden verschwunden ist. Ihre Suche führt Shu-fen in ein verlassenes Krankenhaus, wo sie auf die mysteriöse Mei-hua (Francesca Kao) stößt...

Regisseur Cheng Wei-hao, Drehbuchautor Chien Shih-Keng und ein Teil der Besetzung aus dem ersten Teil haben sich für die mit Spannung erwartete Fortsetzung des taiwanesischen Horror- und Kassenschlagers "The Tag-Along" erneut zusammengetan. Das Original aus dem Jahr 2015 basiert auf einem beliebten Volksmärchen über ein mysteriöses kleines Mädchen in einem roten Kleid, das 1998 vor der Kamera festgehalten wurde, als es einer Gruppe Wanderer auf dem Berg von Taichung folgte. Ein Mitglied der Gruppe starb kurz nach diesem Tag und löste eine Hysterie über die gruselige Gestalt in Rot aus. Regisseur Cheng verwandelte die urbane Legende 2015 in seinen ersten Spielfilm und in eine unglaubliche Kassensensation, wodurch "The Tag-Along" der Horrorfilm mit den höchsten Einspielzahlen in der Geschichte Taiwans wurde. Dieser Rekord wurde nun von - Überraschung! - "The Tag-Along 2" übertroffen. Der Film beginnt im Jahr 2014, dort, wo der vorherige aufhörte, in demselben gruseligen Wald, der als Hauptschauplatz des neuen Films dienen wird. Etwas Böses ist dort immer noch am Leben und die Liste der verschwundenen Menschen wird immer länger. In der Gegenwart begleiten wir nun die Sozialarbeiterin Shu-fen (Rainie Yang Cheng-lin) bei einem ihrer Routinebesuche bei Mei-hua (Francesca Kao Hui-chun), einer Mutter, die sich irgendwie seltsam verhält.

Der erste Teil hatte eine atmosphärische und ahnungsvolle Stimmung geschaffen und sich stark vom Mythos des roten Mädchens inspirieren lassen, ohne viel über sie preiszugeben. Hier erfährt man endlich mehr über ihre Herkunft, während sich die Geschichte ausdehnt und sich die Charaktere weiterentwickeln. Dies ist ein zufriedenstellendes Ergebnis, da die durch den ersten Film geweckte Neugier teilweise gestillt wird. Das verstörende Reich der Dämonen wird von den Qualen und Schuldgefühlen der Protagonisten genährt, wie es oft in Horrorfilmen der Fall ist. Die Botschaft zielt sicherlich darauf ab, ein allgemeines Publikum anzusprechen und die Bedeutung von Liebe und familiären Bindungen hervorzuheben; Einige könnten jedoch durch die eher umstrittene Moral der Dämonen abgeschreckt werden. Im ersten "The Tag-Along" wurde Shen Yi-chun hart dafür bestraft, dass sie sich weigerte, zu heiraten und Kinder zu bekommen, und hier löst die bloße Idee einer Abtreibung die Hölle auf Erden aus. 

"The Tag-Along 2" ist einen Ticken besser als der erste, da die ineinandergreifenden Handlungsstränge komplexer und interessanter sind. Auch die Abhängigkeit von einigen schamanischen Ritualen, die vom Großvater von Ya-tings Freund (Wu Nien-hsuan) durchgeführt werden, und die Nachahmung eines heiligen Tigers durch den Jungen tragen dazu bei, eine wirklich unheimliche Atmosphäre zu schaffen, die sogar noch verstörender ist als die verschiedenen vorhersehbaren Jump-Scares, die verstreut sind hier und da. Die CGI sind nicht besonders bemerkenswert, die Darbietungen sind alle angemessen, wobei Hsu Wei-ning besonders intensiv und geisterhaft ist. Alles in allem nutzt "The Tag-Along" trotz mangelnder Originalität publikumsfreundliche sentimentale Werte, um sich seinen Platz als solides Stück Geister-Unterhaltung zu sichern.

6,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Koch Films

紅衣小女孩 - Hong yi xiao nu hai - The Tag-Along (2015)

https://www.imdb.com/title/tt5078188/

In Taiwan häufen sich die mysteriösen Ereignisse. Immer wieder verschwinden Männer und Frauen im Seniorenalter. Sie scheinen wie vom Erdboden verschluckt - ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Als die Großmutter des Immobilienmaklers Zhi-wie He verschwindet, bemerkt der Karrierist dies erst einmal gar nicht. Als er sich dann endlich auf die Suche nach ihr begibt, macht er auf den Bändern der Überwachungskameras eine furchteinflößende Entdeckung: Scheinbar wurde seine Großmutter beim Verlassen des Hauses von einem kleinen Mädchen im roten Kleid verfolgt...

"The Tag-Along" ist ein taiwanesischer Horrorfilm aus dem Jahr 2015 unter der Regie von Cheng Wai-hao. Es ist von einem lokalen urbanen Mythos aus dem Jahr 1998 inspiriert, der von einem viralen Video einer Gruppe von Touristen inspiriert wurde, die einen Bergweg entlangwandern - hinter ihnen läuft ein gruseliges und unerkanntes junges Mädchen in einem roten Outfit. Auf den ersten Blick scheint es, als würde der Film dieses Video als Sprungbrett für jedes erdenkliche asiatische Horror-Stereotyp nutzen. Gruselige Geister sind kaum zu sehen, erschreckende Geräusche hallen durch den Ort und Charaktere verschwinden - scheinbar spurlos.

Die erste Hälfte des Films ist wirklich kompetent produziert, aber es mangelt etwas an Originalität. Dann, zur Hälfte, verschwindet ein weiterer Charakter aus seinem Zuhause und "The Tag-Along" schlägt mit einer Reihe unerwarteter neuer Ideen eine überraschende neue Richtung ein. Am Ende ist der Film so weit in dieses neue Gebiet vorgedrungen, dass er auf eigenen Beinen stehen kann. Es ist kein Meisterwerk, aber sicherlich ein sehr unterhaltsamer und gruseliger Horrorfilm mit einem eigenen kreativen Ansatz und einer eigenen Nische im Genre. Tiffany Hsu ist großartig als Yi-chun. Sie fühlt sich zu Beginn des Films wie ein Opfer auf der Lauer, aber je weiter die Geschichte voranschreitet, desto zentraler wird sie für die Handlung. Im dritten Akt des Films übt sie eine besonders große Anziehungskraft aus und alles in allem ist sie das stärkste Besetzungsmitglied. Liu Yin-shang spielt Weis Großmutter überzeugend. 

Der Film bietet eine Mischung aus urbanem Mythos und traditioneller Folklore. Jedes Element funktioniert für sich genommen gut, aber wenn man sie alle zusammenfügt, wirken die Dinge etwas zu kompliziert und chaotisch. Das Ende des Films erklärt vielleicht etwas zu viel - auf einigen Ebenen fühlt es sich weniger gruselig an, auf anderen fühlt es sich an, als wären kreative Möglichkeiten liegen gelassen worden. Insgesamt scheint es, als bräuchte der FIlm noch eine gründliche Überarbeitung, um wirklich erfolgreich zu sein. Der Kameramann Chen Ko-chin taucht Taipeh in ein passendes Spektrum aus matten Farben und abstoßenden Farbtönen. Sowohl das Sounddesign als auch die Musik von Rockid Lee sind angemessen gruselig, aber wenig inovativ. Der Film läuft in den ersten paar Minuten wohl auch noch etwas zu schnell, aber im Laufe der Zeit wird er langsamer und findet einen stärkeren Rhythmus. "The Tag Along" mag unvollkommen sein, gewinnt aber durch seine späteren kreativen Ideen an Reiz. Hsus starke Leistung und seine faszinierende Verwendung der taiwanesischen Kultur, Folklore und urbanen Mythologie heben ihn von anderen Horrorwerken in chinesischer Sprache ab.

6,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Koch Films

Bodom - Lake Bodom (2016)

https://www.imdb.com/title/tt3743042/

1960 wurde am See Bodom der Alptraum eines jeden Campers Wirklichkeit: Vier junge Menschen wurden kaltblütig erstochen, während sie in ihren Zelten schliefen. Im Laufe der Jahre wurde der ungelöste Fall zu einer urbanen Legende und die Geschichte dieser Morde wird noch heute am Lagerfeuer erzählt und von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Auch die beiden Freunde Elias (Mikael Gabriel) und Atte (Santeri Helinheimo Mäntylä) haben von der unheimlichen Geschichte gehört. Zusammen überreden sie die beiden Mädels Ida (Nelly Hirst-Gee) und Nora (Mimosa Willamo) zu einem Ausflug an den See Bodom, unter dem Vorwand eine Party in einer Hütte zu feiern. Doch in Wirklichkeit möchten sie den Ort des grausamen Verbrechens aufsuchen und die Tat für ein paar Fotos nachstellen. Noch ahnen sie jedoch nicht, dass ihnen ein kranker Killer bereits auflauert und nur auf seine Gelegenheit wartet, kurzen Prozess mit ihnen zu machen...

Der Horrorfilm aus Finnland verleiht dem altbekannten Genre des Shalshers einen skandinavischen Touch - und der sieht rein optisch ganz gut aus und bringt auch irgendwie etwas Unheimliches mit sich. Nachdem die Jugendlichen sich auf den Weg zum Campen gemacht haben, beginnt dann auch hscnell eine typische Slasher-Handlung. Dabei ist das Setting aber enorm atmosphärisch und auch die Kamerafahrten sind richtig stark. Auch wenn hier anscheinend jemand vergessen hat, die Nebelmaschine auszuschalten - der Wald wirkt sehr gruselig.

Leider wird der Film im Mittelteil, trotz des Twists, sehr zäh und auch langweilig. Hier versucht Regisseur Taneli Mustonen eine tiefgreifendere Geschichte zu erzählen, allerdings verliert der Film dadurch an Bodenhaftung und driftet zu sehr ins Unglaubliche ab. Zudem verlangsamt diese Erklärbär-Nummer auch noch das Tempo des Films. Außerdem wird die Richtung, die der Film am Anfang einschlägt, auch nicht weiter verfolgt und so wird aus einem Slasher eine Art Drama. Am Schlimmsten ist jedoch, dass der Film trotz seiner kurzen Laufzeit von ca. 80 Minuten überhaupt nicht spannend ist. Einzig die Schauspieler holen hier noch ein paar Punkte heraus. Am Ende nimmt der Streifen dann doch noch mal Fahrt auf, Sinn ergibt das aber ganz und gar nicht, was hier passiert. Da ist man wirklich enttäuscht.

4,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Koch Films

Montag, 30. Oktober 2023

Barbie (2023)

https://www.imdb.com/title/tt1517268/

In Barbieland ist alles an seinem Platz. Die Frisur sitzt, die Kleidung und jedes Accessoire passen zueinander. Kurz: Es ist eine perfekte Welt, zumindest äußerlich. Wer hier leben will, muss sich nämlich ausnahmslos an die aufgestellten Normen halten. So auch die stereotypische Barbie (Margot Robbie), eine der einflussreichsten Barbies im Land, die vom platinblonden Schönling Ken (Ryan Gosling) angehimmelt wird. Doch irgendetwas stimmt in letzter Zeit nicht, denn Barbie beschleichen immer wieder Gedanken an den Tod. Ein absolutes No-Go im Barbieland, wo jeder Tag doch einfach nur perfekt sein sollte. Ihre einzige Hoffnung ist die seltsame Barbie (Kate McKinnon), die außerhalb des Barbielands ein Einsiedler-Dasein führt. Diese offenbart ihr, dass der Ursprung ihres merkwürdigen Verhaltens in der richtigen Welt zu finden ist und sie die Person aufspüren muss, die mit ihr spielt. Also brechen Barbie und Ken gemeinsam in die reale Welt auf. Doch kaum angekommen, müssen sie feststellen, dass dort andere Regeln als im Barbieland gelten. Während Barbie sich den neuen Herausforderungen stellt und dabei mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt kommt, entdeckt Ken das Patriarchat für sich... 

Die filmische Real-Interpretation von Mattels berühmtestem Spielzeug durch die Autorin und Regisseurin Greta Gerwig wirkt wie ein zuckersüßes Mashup aus "Toy Story 2" und "Pinocchio". Aber es ist eine leidlich unterhaltsame und noch dazu bonbonfarbene feministische Fabel, die es zwar schafft, ihr fröhlich-plastisches Thema zu feiern, zu satirisieren und zu dekonstruieren, aber nur wenig zu begeistern. Das Publikum war allerdings begeistert und Mattel dürfte ebenso begeistert sein - angesichts zu erwartender steigender Umsätze. Doch dass dieser Film gegen den am gleichn Tag gestarteten "Oppenheimer" an den Kinokassen gewann - es wirkt fast schon lächerlich. Gewitzelt wurde, dass "Barbenheimer" sich gegenseitig pushen würde - und das Marketing dahinter war schon irgendwo genial und es ist auch verständlich, warum der Film beim Publikum besser ankam. Er ist leicht bekömmlich. In "Barbie" begibt sich er Zuschauer nach einem stark parodierten Trailer aus dem Jahr 2001 in eine pastellrosa Oase, in der "dank Barbie alle Probleme des Feminismus und der Gleichberechtigung gelöst wurden". Das ist Barbieland - eine Fantasiewelt, in der langhaarige Puppen alles sein können (Anwälte, Ärzte, Physiker, Präsidenten) und so zu gleichwertigen weiblichen Leistungen in der "realen Welt" anregen.

Wie eine verträumte Version des albtraumhaften "Being John Malkovich" ist hier jeder Barbie. Außer den Männern, die einfach nur Ken sind. Oder Allan (ein unglücklicher Michael Cera). Aber hauptsächlich nur Ken - ein Anhängsel ohne männliches Anhängsel. Im Zentrum all dieser selbstreferenziellen Aufregung steht die "stereotypische Barbie" von Produzentin und Hauptdarstellerin Margot Robbie - eine Rolle, die so perfekt ist, dass es niemanden stört, wenn Helen Mirrens Erzählerin einen hämischen Scherz über die Besetzung macht. Daher ist es eine Überraschung, wenn dieses stets lächelnde Wesen von Gedanken an Traurigkeit, Angst und Tod heimgesucht wird. Schlimmer noch, sie entwickelt Plattfüße und Cellulite - zwei der drei Reiter der Barbie-Apokalypse.

Ein Besuch bei Kate McKinnons "verrückter Barbie" offenbart, dass sich aufgrund dieser Veränderungen zwischen dieser und der realen Welt eine Art Wurmloch aufgetan hat. Jetzt muss unsere Märchenheldin eine Fahrt in die Realität antreten, begleitet von Ken (Ryan Gosling), der prompt das Patriarchat entdeckt, in dem Männer (und Pferde) das Sagen haben. Währenddessen schlüpft Will Ferrell in der Mattel-Zentrale wieder in seine "The LEGO-Movie"-Rolle als erwachsener Zerstörer kindlicher Träume und verlangt, dass Barbie "zurück in die Kiste" (ihre Pappschachtel) kommt. Aber inzwischen hat Barbie die Gothic-Teenagerin Sasha (Ariana Greenblatt) kennengelernt, die ihr erzählt, dass "die Barbie-Puppen dafür gesorgt haben, dass Frauen zuenhemn in Rollenbilder gedrängt wurden, seit sie erfunden wurden", und fügt hinzu: "Du wirfst die feministische Bewegung um 50 Jahre zurück, du Faschistin!" (der einzige wirkliche Lacher in diesem Film!) Weit davon entfernt, die Welt zu retten, scheint Barbie also dazu beigetragen zu haben, eine Dystopie zu schaffen, in der "Männer Frauen wie ein Objekt ansehen" und "jeder Frauen hasst!". Damit haben die Macher zumindest den Kern der Sache erfasst.

Gut, es gibt noch Gags über die rote Pille aus "Matrix", die Schneekugel aus "Citizen Kane", die männliche "Bedeutung" von Coppolas "Der Pate" und fanboyhafte emotionale Überinvestitionen an Zack Snyders Director’s Cut von "Justice League". Dennoch ist "Barbie" nie weniger als inklusiv - was bedeutet, dass junge Fans, die mit den Zeichentrickserien über Barbie aufgewachsen sind, die alleinigen Adressaten sind und damit Grund zum Jubeln finden werden. Schrumpelige, alte Kritiker, die nach intelligenten Filmreferenzen suchen, werden nur marginal bedient und dürften an "Barbie" kaum etwas wirklich Neues oder Interessantes finden. Gerwigs neuestes Werk hat defintiv nicht die Absicht, das Kernpublikum seines Ausgangsmaterials im Stich zu lassen. Publikum mit einem anderen Filmgeschmack wird kaum Freude an ihrem Film haben, wenngleich sie diesen dadurch entschuldigen können, dass sie ihn mit kanonischen Werken vergleichen. Aber da sind noch die Kulissen - an denen könnte man durchaus etwas finden, was wirklich toll und vor allem passend aussieht.

Das altbackene Drehbuch, das gemeinsam mit Noah Baumbach geschrieben wurde, erinnert den Zuschaueran Mattels ständige Versuche, sein Produkt neu zu erfinden und an die peinliche Einstellung von Modellen, die Verbraucher/Einzelhändler in Mitleidenschaft gezogen haben. Darüber hinaus ist die Geschichte aber keineswegs neu. Das Ganze gipfelt in einem zu erwartendem, lebhaften Abbau der männlichen Macht ("Er hat dir dein Zuhause genommen; er hat deine Freunde einer Gehirnwäsche unterzogen; er will die Regierung kontrollieren"), immerhin aufgepeppt durch Goslings köstlich leeren Apex-Ken-Auftritt und schulterhoch getragen von Margot Robbie. Ohne die beiden wäre dieser kühne Schwachsinn durchaus auf der Strecke geblieben. Ein bewegender Cameo-Auftritt von Rhea Perlman als Schöpferin all dieses Wahnsinns verleiht einen Hauch von herzlichem Pathos. Aber es sind Robbie und Gerwig (zusammen mit den Produktionsdesignern und Songwritern), die dafür sorgen, dass alles großartig wirkt, auch wenn es nicht so ist.

5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Sonntag, 29. Oktober 2023

Stargate (1994)

https://www.imdb.com/title/tt0111282/

Der junge Ägyptologen Dr. Daniel Jackson (James Spader) genießt in Fachkreisen nicht gerade hohes Ansehen und wird von seinen Kollegen für seine Vermutung, die seien ägyptischen Pyramiden erheblich älter als bisher angenommen, belächelt. Eines Tages tritt das US-Militär an den Jackson heran und bittet ihn um seine Hilfe. Im Jahr 1928 wurde in Ägypten ein geheimnisvolles Artefakt geborgen, ein riesiger Steinkreis mit ungewöhnlichen Schriftzeichen, die der junge Wissenschaftler übersetzen soll. Seine Analyse der Inschrift, die bis dahin nicht übersetzbar gehalten wurde, ergibt, dass es sich um ein "Sternentor" handelt, mit dessen Hilfe eine Verbindung zu einem fernen Planeten hergestellt werden kann. General West (Leon Rippy) rekrutiert Colonel O’Neill (Kurt Russell), der zusammen mit Jackson und einigen Soldaten durch das Tor gehen soll, um die fremde Welt zu erkunden. 

Als dieser Film 1994 herauskam, war er ein Phänomen, dass ganze 3 Serienadaptionen nach sich zog. Und das ist auch nicht verwunderlich: "Stargate" kam zu einer Zeit heraus, in der das Science-Fiction-und Action-Genre gut bedient und die Zuschauer quasi verwöhnt wurden. Unter der Regie von Roland Emmerich war "Stargate" ein visuell fesselnder Science-Fiction-Actionfilm, der auf kreative Art und Weise Action-Unterhaltung, Science-Fiction-Nuancen und ägyptische Überlieferungen miteinander vermischte. Das mag wie eine bizarre Mischung klingen, aber es hat auf jeden Fall funktioniert und einen faszinierenden Film ergeben. Das Drehbuch, das von Emmerich und Dean Devlin verfasst wurde, zeigte einen unterhaltsamen Science-Fiction-Aspekt der Erzählung, der sich um eine Gruppe von Erdlingen dreht, die durch ein Tor (das titelgebende Stargate) in eine andere Welt reisen und sich gleichzeitig mit der ägyptischen Mythologie befassen, um dort Verwendung zu finden die Geschichte des Features. Darüber hinaus ist die Präsentation des Films recht beeindruckend, insbesondere für ein Filmprojekt, das in den 90er Jahren entstand. Natürlich sehen einige der CGI-Grafiken heute etwas veraltet, aber für den Zeitraum der Veröffentlichung immer noch recht gut aus. Auch die allgemeine Attraktivität und das "Look And Feel" sehen gut aus, da die verschiedenen Sets und ihre Dekorationen großartig umgesetzt sind, insbesondere weil sie die altägyptische Architektur und Stile nutzen. Und wer könnte auch die ikonische Filmmusik von David Arnold vergessen?

Das Problem bei "Stargate" ist das Fehlen eines überzeugenden Drehbuchs für die Geschichte und die verschiedenen Charaktere. Der Film hat eine ziemlich gute Geschichte zu erzählen, aber es gibt bestimmte Teile davon, die leicht erweitert und vollständig in den Film integriert werden könnten. Natürlich gibt es im Film viele exponierende Szenen, in denen erklärt wird, "wer ist wer" und "was ist was", aber man hat das Gefühl, dass es einen konkreteren Aspekt des Geschichtenerzählens hätte geben können, wenn man das Drehbuch besser gehandhabt hätte. Das Gleiche lässt sich über einige der Charaktere des Films sagen. Einige von ihnen sind etwas ausgefeilter, hätten aber (wiederum) leicht erweitert werden können, um ihnen einen dynamischeren/abgerundeteren Charakteraufbau zu verleihen. Darüber hinaus ist Emmerichs "Stargate" ein sehr ehrgeiziges filmisches Unterfangen und hat definitiv einen gewissen Maßstab und Umfang, aber es fühlt sich ein wenig so an, als hätte der Film Einschränkungen hinsichtlich seiner Darstellung. Die Geschichte ist sehr umfangreich und wahrscheinlich hatte Emmerich große Ideen für diesen Film, aber der Film selbst wirkt etwas zurückhaltend. "Independence Day", Emmerichs nächster Film nach "Stargate", hatte die angelegte Größe eines Science-Fiction-Spielfilms und weckte darüber hinaus erneut Hollywoods Interesse an Science-Fiction-Filmen. Kurz gesagt, "Stargate" hat das Potenzial, "groß" zu werden, und hätte es tatsächlich auch können, aber der Film hält dieses Potenzial zurück - und das merkt man auch.

Die Besetzung in "Stargate" ist ziemlich gut, mit den Schauspielern James Spader (der wie John Lennon aussieht) und Kurt Russell als den beiden Hauptdarstellern von Daniel Jackson und Jack O’Neil. Obwohl ihre Teilnahme an diesem Film nicht gerade der entscheidende Moment (als Schauspieler) war, schufen sowohl Spader als auch Russell in ihren jeweiligen Charakteren etwas, wobei Spader Jackson den klassischen nerdigen Wissenschaftler verlieh und Russell einen stoischen/unsinnigen Ton einbrachte Natürlich hätten beide Charaktere (ein wenig) erweitert werden können, aber das, was gegeben wurde, funktioniert für den Film. Der vielleicht einzige andere erwähnenswerte Charakter ist der Charakter von Ra, dem Antagonisten des Films, der vom Schauspieler Jaye Davidson gespielt wird. Er spielt die Rolle auf jeden Fall gut und es ist cool, dass der Film alle seine Dialogzeilen auf Altägyptisch statt auf Englisch wiedergibt. Der Rest der Besetzung hat ein paar bekannte Gesichter aus anderen Projekten, daher macht es Spaß, sie zu entdecken.

Natürlich war der Erfolg von "Stargate" spürbar. Er wurde von seinen Fans positiv aufgenommen und erlangte schnell eine Kult-Anhängerschaft, die eine Fortsetzung des Franchise als Fernsehserie ermöglichte. Am Ende ist "Stargate" aus dem Jahr 1994 eine ansprechende, aber einfache Mischung, die letztendlich funktioniert und besser funktioniert, als sie sein sollte; Sowohl durch diesen Film als auch durch seine verschiedenen TV-Spin-Offs erlangte das Franchise einen starken und großen Kultstatus. Das Drehbuch hätte besser ausgefeilt und die Charaktere hätten konkreter gestaltet werden können, aber der Film hat definitiv einen Science-Fiction-Appeal und ein kreatives visuelles Flair, was den Film tatsächlich zu einem gesunden und unterhaltsamen Film macht. Natürlich darf man sich fragen, wieso Ungereimtheiten und offensichtliche Logikfehler den Weg des Films schmücken, aber dies zu hinterfragen, wäre wohl der Stimmungskiller schlechthin. Für Nostalgiezwecke ist "Stargate" die perfekte Wahl, da es filmische Nuancen der Mitte der 90er Jahre zeigt, die Science-Fiction-Action seiner Zeit zeigt und den Zuschauern in einer faszinierenden Prämisse und Unterhaltungsgeschichte die Möglichkeit bietet, zwei Stunden lang der Realität zu entfliehen.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe
: MGM / Studiocanal

Samstag, 28. Oktober 2023

The Blood on Satan's Claw - In den Krallen des Hexenjägers (1971)

https://www.imdb.com/title/tt0066849/

Der junge Bauer Ralph Gower (Barry Andrews) gräbt beim Pflügen einen menschenähnlichen Schädel aus, der mit einem Fell überzogen ist. Überzeugt davon, dass er einen Dämon befreit hat, konsultiert er den lokalen Richter (Patrick Wymark). Doch als beide an den Fundort zurückkehren, ist das bizarre Objekt spurlos verschwunden. Fortan geschehen unheimliche Dinge: Die Kinder der Gemeinde verfallen einer okkulten Macht und werden zu fanatischen Jüngern der schönen "Angel" (Linda Hayden), die alles andere als himmlische Absichten hat. Mithilfe menschlicher Opfer will sie dem Teufel wieder zu seiner ursprünglich monströsen Gestalt verhelfen. Der Richter wird zum unerschrockenen "Hexenjäger" und formiert eine Gruppe tapferer Dorfbewohner, um dem Satanskult und seiner Anführerin das Handwerk zu legen.

"The Blood On Satan's Claw" oder halt eben "In den Krallen des Hexenjägers" sieht aus, als hätte es ein Hammer-Horrorfilm aus den 70ern sein können, der mit Okkult und speziell Hexen thematisch spielt. Leider ist "In den Krallen des Hexenjägers" aber nur ein durchschnittlicher Film, in dem mysteriöse Vorkommnisse in einer kleinen Gemeinschaft für Ärger sorgen und die jungen und normalerweise attraktiven jungen Frauen unter Kontrolle böser Mächte geraten und manchmal nackt sind. Dazu gesellen sich auch Monster, alte Knochen und Hexerei. Aber "In den Krallen des Hexenjägers" fühlt sich aus heutiger Sicht nur noch wenig wie Horrorfilm an. Das Problem ist, dass dererlei Periodenhorror auch etwas ist, das man entweder liebt oder das man unglaublich langweilig findet, und trotz der Tatsache, dass "In den Krallen des Hexenjägers" ein besser produzierter Film ist, als man erwarten würde, gilt selbiges für den Horror über Hexerei, Zirkel, Wahnsinn und Monster nicht. Man erwartet stets, dass der Horror auf einen zukommt - was aber leider nie passiert. Dennoch gibt es sicherlich einige beunruhigende Szenen, wenn es darum geht, was im Wald passiert. Es handelt sich außerdem um einen Film, der hauptsächlich an Originalschauplätzen gedreht wird und nicht an Outdoor-Sets, die in einem Studio erstellt wurden, was das seltsame Gefühl verstärkt, dass er tatsächlich besser ist als ein Hammer-Film aus dieser Zeit. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass "In den Krallen des Hexenjägers" zwar nur ein durchschnittlicher Horrorfilm, aber in dieser Hinsicht ein Film mit historischer Geschichte ist. Aber das macht ihn zu einem Film mit ganz besonderem Reiz und in vielerlei Hinsicht zu einem Film für diejenigen, die sich in den 70er Jahren für historischen Horror interessieren.

5/10

Quellen
Inhaltsangabe: NSM

Castle Freak (2020)

https://www.imdb.com/title/tt10701458/

Die erblindete Rebecca (Clair Catherine) erbt nach dem Tod ihrer Mutter ein Schloss in Albanien, das sie gemeinsam mit ihren Freunden besucht. Nachdem die Gruppe angekommen ist und sich von dem faszinierenden Gemäuer beeindrucken lassen hat, müssen sie bald schon feststellen, dass in der Gruft der Burg ein tödliches Monster haust, mit dem gar nicht zu spaßen ist...

Stuart Gordons gleichnamiges Original von 1985 war seine dritte H.P. Lovecraft-Adaption und es kam schnell zustande, als das Ministudio zusammenbrach und Band wohl sinngemäß sagte: "Alter, willst du einen Film in meinem Schloss machen?" Das Endergebnis war ein solider kleiner Film, in dem sich Gordon mit einigen großen Themen rund um Familie und Schuld auseinandersetzte und gleichzeitig Jeffrey Combs und Barbara Crampton zu großartigen Leistungen entlockte. Über den "Alter, willst du einen Film in einem Schloss machen"-Teil ist das Remake offenbar nicht hinausgekommen.

Dabei beginnt der 2020er "Castle Freak" ziemlich vielversprechend mit einem stimmungsvollen und gut gedrehten Prolog. Doch was danach kommt, könnte man als einen der schnellsten Sturzflüge in der Geschichte des Films bezeichnen, bei dem der Zuschauer auf die dämlichsten, unsympathischsten Charaktere treffen, die man je gesehen hat. Eine Gruppe von Mittzwanzigern, die so dumme Dialoge halten, dass man weinend weglaufen möchte. Kein Scherz, als die Charaktere vogestellt werden, dreht einer von ihnen einen Joint und es kommt zu einem Dialog über Echsenwesen, Multiversen und Klone. Erschüttert sitzt man da und fragt sich, was das soll. Und die Lage verschlechtert sich noch, als der betrunkene/bekiffte John Rebecca nach Hause fährt und prompt einen Unfall baut. Als Gegenleistung dafür, dass Rebecca noch nicht gecheckt hat, dass ihr Freund die absolute Obernull ist, verliert sie nun auch noch ihre Augenlicht. Schnitt zu einem unbekannten Zeitpunkt später: Die blinde Rebecca (jetzt adrett und anständig, logisch, wenn man blind ist) und John (Immer noch der? Warum?) sind in Albanien, um einen Ort zu besuchen, den sie von ihrer mysteriösen leiblichen Mutter geerbt hat. Spätestens jetzt kann man seinen Unglauben gegenüber einem verwesenden Monster, das in Burgmauern lebt, aufgeben, denn man darf sich fragen, warum in aller Welt jemand mit jemanden zusammenbleibt, der einen mit Vorsatz schwerstverletzt hat. Als sie in dem Ort ankommen, ist Rebecca überrascht zu hören (nicht sehen!), dass es sich um ein Schloss handelt ("Hast du gerade Schloss gesagt?"). Ach ja, es ist die Art von Drehbuch, bei dem Menschen tausende Kilometer um den Globus fliegen, um eine Erbschaft zu erhalten, denen aber nie gesagt wird, was sie bekommen werden. Gut, abgenickt. Das nächste Ziel besteht nun darin, das Schloss zu verkaufen, und das bedeutet natürlich, dass all ihre unerträglichen, idiotischen Freunde herüberfliegen, um dabei zu helfen, den Hausrat loszuwerden. Womit sie nicht rechnen, ist, dass der "Castle Freak" kein Treuhandkonto hat. 

Bis jetzt ist etwa eine TSunde vergangen und es ist rien gar nichts passiert, was man nicht in 5 Minuten auserzählt hätte. Man fragt sich, ob die Debüt-Drehbuchautorin Kathy Charles überhaupt das Original gesehen hat. Dies ist die Art von schlecht geplantem Film, in dem das Monster zum Opfer wird, weil ein albanischer Drogendealer darauf besteht, sich im Schloss Heroin zu schießen, weil er zu Hause bei seiner Mutter lebt. Noch dazu schwingt der Typ eine Waffe und bietet den Charakteren, von dem man schon lange weiß, wer es bis über das Finale aus schafft und wer nicht, eine billige Möglichkeit an eine Waffe zu kommen. Es ist die Art von Film, in dem ein sexgeiler John mit verbundenen Augen an ein Bett gefesselt ist und nicht bemerkt, wie ein verrotteter Schlossfreak mit riesigem Geschlechtsteil ihn besteigt, um ihn zu vergewaltigen. Die "mutige Neuinterpretation" des Films besteht also darin, dass sie aus dem "Castle Freak" eine Frau machen. Sie ist die Schwester des blinden Mädchens und sie sind geistig verbunden. Der, pardon, die "Castle Freak" hat auch noch einen großen Tentakel, der aus ihrer Vagina kommt und den sie einzusetzen weiß. Das wirkliche Manko hier ist, dass der Film gut gedreht ist, eine gute Filmmusik von Fabio Frizzi enthält und einen tollen Drehort hat. Der Debüt-Regisseur Tate Steinsiek ist ein FX-Künstler und sieht dort ziemlich gut aus (seltsamerweise ahmt das Gesicht des Freaks das Original zu sehr nach) und versucht offensichtlich, mit gruseliger Beleuchtung und bizarren Träumen eine Stimmung zu schaffen. Es wird am Ende richtig blutig, aber das bedeutet, dass man sich bis dahin durchbeißen muss und, vielleicht schon eingeschlafen ist, sobald der Splatter beginnt. Das lächerliche Drehbuch ist unkonzentriert (das verdammte Ding dauert 1 Stunde und 45 Minuten) und macht alles Positive im Film zunichte. Wenn überhaupt, kann man dem Film einige Punkte für einige absolute Brüller mit absurden Dialogen geben und für die zwei netten, nackten Tatsachen. Und das auch nur, weil man nichts anderes an ihm findet.

2/10

Quellen
Inhaltsangabe: Nameless

Freitag, 27. Oktober 2023

Belfast (2021)

https://www.imdb.com/title/tt12789558/

Sommer, 1969 in Belfast: Der neunjährige Buddy (Jude Hill) ist Sohn einer typischen Arbeiterfamilie in der nordirischen Hauptstadt. Er liebt Kinobesuche, Matchbox-Autos und seine Großeltern Granny (Judi Dench) und Pop (Ciarán Hinds) – außerdem schwärmt er für eine seiner Mitschülerinnen. Als jedoch die gesellschaftspolitischen Spannungen in Belfast eskalieren und es daraufhin sogar in der friedlichen Nachbarschaft zu grausamen Gewalteruptionen kommt, endet die idyllische Kindheit von Buddy mit einem Schlag. Während seine Eltern Ma (Caitriona Balfe) und Pa (Jamie Dornan) versuchen, die Zukunft der Familie zu sichern, ist Buddy gezwungen, viel zu schnell erwachsen zu werden. Trotz allem versucht er, seine Lebensfreude und seine Begeisterung für Film und Fernsehen nicht zu verlieren...

"Belfast", Regisseur Kenneth Branaghs halb-autobiografische Sicht auf das Aufwachsen in der nordirischen Hauptstadt während der turbulenten 60er Jahre, endet mit einer Widmung für diejenigen, die blieben, gingen oder aber verloren gingen. Es ist ein Gefühl, das an die großherzige, emotional direkte Herangehensweise des Filmemachers erinnert. Es handelt sich bei "Belfast", den Branagh selbst als "autofiktional" bezeichnet, um seinen bislang persönlichsten Film, weil dieser autobiografisch geprägt ist und von der Kindheit des Regisseurs in Belfast erzählt. Betrachtet werden die Geschehnisse durch die Augen eines neunjährigen, filmverrückten Kindes. Branagh wurde 1960 in Belfast geboren, seine Familie zog jedoch nach England, als er selbst sich in diesem Alter befand. Auch wenn ihm die dramatische Wucht des ähnlichen Romans "Roma" fehlt, wendet Branagh einen epischen Filmstil an, der von einer schwungvollen Van-Morrison-Partitur getragen wird, auf ein kleines, intimes Szenario. Doch "Belfast" erzählt keine lineare Geschichte, vielmehr handelt es sich um eine Ansammlung von Anekdoten und Momenten, die den Zuschauer überall und immer begeistern.

Der Film beginnt in Farbe mit einem touristischen Blick auf die Stadt - die Docks von Harland & Wolff, das Titanic-Hotel - bis die Kamera sich über eine Mauer bewegt und eine Straße aus dem Jahr 1969 enthüllt, jetzt in auffälligem Schwarzweiß. Die Kamera des Kameramanns Haris Zambarloukos fliegt und gleitet über die belebte Straße, die sich schnell in einen Aufstand verwandelt, als protestantische Banden katholische Häuser in Brand stecken. In den Nahkampf verwickelt ist der neunjährige Buddy (Jude Hill), das jüngste Mitglied einer protestantischen Familie, zu der auch Buddys älterer Bruder Will (Lewis McAskie) und Pa (Jamie Dornan) gehören, der als  Tischler auswärts arbeitet, die Steuerschulden abbezahlt und daher selten zu Hause ist, Ma (Caitriona Balfe), die die Familie beharrlich auf dem richtigen Weg hält, sowie Pop (Ciarán Hinds) und Granny (Judi Dench).

Der Nordirlandkonflikt fungiert eher als Unterströmung als als Hauptdarsteller, was "Belfast" eher zu einem Erinnerungsfilm als zu einer politischen Hetzrede macht. Der größte Teil des Films dreht sich um Buddys Missverständnisse (über Politik und Religion) und Missgeschicke (verfällt dem örtlichen katholischen Streber, vermasselt den Diebstahl einer türkischen Köstlichkeit), wobei Hill ein natürlicher, einnehmender Ersatz für Branagh ist. Dornan ist eine überwiegend freundliche Vaterfigur, während Hinds und Dench Momente der Ernsthaftigkeit zeigen, aber Balfe ist hier der Star und hält die herausragende Rede des Films über die Gefahren, das Zuhause zu verlassen - die Chemie, die sie mit Dornan teilt, ist greifbar.

Branaghs Film läuft trotzdem oft Gefahr, zu kitschig zu werden. Allein die Verwendung von "Do Not Forsake Me, Oh My Darlin" aus dem Film "High Noon", um einen Showdown auf der Straße in ein Western-Duell zu verwandeln, verbilligt den Moment, aber der überwiegende Teil von "Belfast" ist hochtrabend und (er)leuchtend. Vor allem die liebevollen Hommagen an Ephemera aus der Kindheit der späten 60er Jahre (Fußballer Danny Blanchflower, Anzüge der "Thunderbirds" und "Star Trek", Corgis Aston Martin DB5) und als farbenfrohe Kinobesuche inszenierte Szenen, die das Leben mit anderen Augen zeigen - lediglich der Ausflug zu "Tschitti Tschitti Bäng Bäng" fühlt sich etwas übertrieben an: die Familie reagiert biespielsweise auf Flugsequenzen wie auf einer Achterbahnfahrt. Branaghs Film-Film-Tendenzen kommen wieder zum Vorschein, als Pa mit einer überschwänglichen Darbietung von "Everstanding Love" beginnt, das er seiner Frau vorsingt. Dennoch ist "Belfast" die Art von Film, in dem man gelegentlich die Legende und nicht die Wahrheit abdruckt. Und wenn man den Kontext betrachtet, in dem Branagh aufgewachsen ist, kann man absolut verstehen, warum. "Belfast" ist damit genau die Art von Film, die auf einem Festival einen Publikumspreis gewinnt – höchst unterhaltsam und wunderschön gemacht, ohne jemals innovativ oder herausfordernd zu sein, der das Universelle im Spezifischen, das Aufmunternde in schlimmen Umständen findet. Leicht, aber siegreich.

7,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Universal Pictures

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Verónica - Veronica: Spiel mit dem Teufel (2017)

https://www.imdb.com/title/tt5862312/

Eine Sonnenfinsternis steht an und auch an der Schule der jungen Verónica (Sandra Escacena) will man sich dieses seltene Naturphänomen nicht entgehen lassen. Doch Verónica und zwei ihrer Freundinnen haben ganz andere Pläne geschmiedet: Während der Rest der Schule gebannt in den Himmel starrt, machen sie sich mit einem Ouija-Brett davon. Unbeobachtet starten sie eine Séance, bei der die Mädchen den Geist von Verónicas verstorbenen Vater heraufbeschwören wollen. Doch die Sitzung hat verheerende Folgen, denn Verónica verfällt in eine tiefe Trance und verliert anschließend auch noch das Bewusstsein. Als sie dann später aufwacht, scheint alles wieder beim Alten zu sein. Der Scheint trügt jedoch und immer öfter kommt es zu mysteriösen Ereignissen, die das Leben des Mädchens zutiefst erschüttern... 

Paco Plazas "[REC]"-Filme (die ersten beiden wurden gemeinsam mit Jaume Belaguero gedreht) fanden überraschend neues Leben im Found-Footage-Horror-Genre und sahen aus wie ein Fantasy-Franchise mit dem Potenzial, immer besser zu werden. Bis Teil 4 so enttäuschend war, dass die Serie einen unrühmlichen Abschluss fand. "Veronica" beweist, dass Plaza immer noch das Zeug dazu hat, ein Akteur unter den globalen Genretalenten zu bleiben. Aber diese etwas langatmige Geschichte über die dämonische Invasion in einem Madrider Haushalt ist nur ein teilweiser Aufschwung: Die Ideen darin sind nicht originell oder ihre Schrecken stark genug, um hier von einem Meisterwerk zu sprechen. 

Nach einem Teaser-Auftakt, in dem die Polizei auf einen panischen Anruf einiger Kinder reagiert (die ankommen, um Zeuge einer Szene zu werden, deren Schrecken etwa 90 Minuten lang nicht auf dem Bildschirm zu sehen ist), spulen wir 76 Stunden zurück. Es ist nur ein weiterer anstrengender Tag für die 15-jährige Vero, alias Veronica (eine beeindruckende Sandra Escacena), die ihre drei jüngeren Geschwister wecken, sie füttern, zur und von der Schule begleiten und sich ansonsten um die ganze Erziehung kümmern muss, denn ihre verwitwete, in einer Bar angestellte Mutter (Ana Torrent) vernachlässigt dies ordentlich. Unter diesen Umständen hält sich Vero ganz gut. Aber sie ist verletzt, als ihre zuverlässige beste Freundin Rosa (Angela Fabian) sich offenbar mit der neuen Freundin Diana (Carla Camera) eingelassen hat und diese zu einem angeblich geheimen Rendezvous einlädt - einer heimlich eingeschmuggelten Ouija-Brett-Beschwörung im Keller der Schule, während Lehrer und Schüler eine Sonnenfinsternis bestaunen.

Dieses nur zum Spaß gedachte übernatürliche Experiment läuft jedoch etwas zu gut: Inmitten seltsamer Phänomene scheint Vero in Trance zu geraten und dann "besessen" zu werden. Als sie später aufwacht, gehen die Nonnen davon aus, dass es sich lediglich um eine Ohnmacht aufgrund eines niedrigen Blutzuckerspiegels handelt, und schicken sie mit den Zwillingsschwestern Lucia und Irene (Claudia Placer, Bruna Gonzalez) sowie ihrem kleinsten Bruder Antonito (Ivan Chavero) nach Hause. Aber die Dinge werden immer wilder, da die Wohnung der Familie Opfer poltergeistiger Unruhen wird. Veronica wird von der verängstigten Diana und Rosa verschmäht, als ihr klar wird, dass sie eine weitere "Seance" abhalten muss, um diese Invasion zu beenden, und wendet sich schließlich an ihre kleinen Geschwister – was sich als sehr schlechte Idee herausstellt.

"Veronica" spielt im Jahr 1991 (obwohl nicht ganz klar ist, warum) und ist bewundernswert faszinierend und bis zu einem gewissen Grad spannend. Aber irgendwann in der Mitte, als der Protagonist ein langes Tête-à-Tête mit einer schwerfälligen, ohne Grund unheimlichen blinden Nonne namens Schwester Tod (Consuelo Trujillo) hat, beginnt der Film, seine Trümpfe etwas zu langsam auszuspielen. Die Schocks voller visueller Effekte sind nicht wirklich aufwühlend genug, um die Tatsache auszugleichen, dass man nie herausfindet, warum Veronica "ausgewählt" wurde oder wer ihr dämonischer Besitzer ist. Im Schlusstext wird behauptet, dass dies alles auf realen spanischen Polizeiakten basiert - was zwar wahr sein mag, aber durch die Allgegenwärtigkeit solcher Behauptungen in zeitgenössischen Horrorfilmen etwas wertlos wird.

Plaza lässt die Found-Footage-Konventionen der "[REC]"-Filme hinter sich und inszeniert dieses bescheidene Projekt mit einem eleganten, geradlinigen Schliff, der der gewöhnlichen Wohnung der Familie eine bedrohliche Atmosphäre verleiht. Die jungen Darsteller machen ihre Sache durch die Bank weg sehr gut, und die leicht dysfunktionale, aber immer noch funktionierende Dynamik der vaterlosen Familie hat einen schönen, ungezwungenen Sinn für Details. Das einzige Verpackungselement, das eher selbstbewusst als naturalistisch ist, ist Chucky Namaneras Partitur, die es schafft, sowohl Synth-Suspense-Motive im 80er-Jahre-Stil als auch melodramatische Schnörkel der älteren Schule zu integrieren, und das alles mit gutem Erfolg. Aber die Sorgfalt, mit der "Veronica" zusammengestellt wurde, wird am Ende immer noch ein wenig durch den Inhalt enttäuscht: Dieser Film braucht einfach zu lange, um sich nicht genug von zig anderen aktuellen "Haunted Family"-Chillern im "Conjuring"-Modus zu unterscheide.

6/10

Quellen
Inhaltsangabe: Netflix

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Appendage (2023)

https://www.imdb.com/title/tt17202164/

Hannah (Hadley Robinson) ist eine talentierte junge Modedesignerin, wird aber von ihrem Boss Cristean (Desmin Borges) andauernd gemobbt. Da hilft es auch nicht, dass ihr Freund Kaelin (Brandon Mychal Smith) und ihre beste Freundin Esther (Kausar Mohammed) ihr immer wieder Mut machen. Nach einem besonders schlimmen Tag manifestieren sich Hannahs Selbstzweifel dann auf schockierende Art und Weise: eine Art Parasit wächst in ihr heran, nährt sich von ihren Ängsten und übernimmt zunehmend auch die Kontrolle über ihren Geist. In einer Gruppe sucht Hannah nach Hilfe und gerät dort an die dubiose Claudia (Emily Hampshire), die eigene Ziele verfolgt. 

Horror nimmt ja gerne eine menschliche Angst auf und personifiziert sie. Das ist oft ein erfolgreicher Schachzug, der manche schlimmen Albträume wahr werden lässt, aber wie sieht der Selbstzweifel einer Frau aus? In "Appendage" von Regisseurin Anna Zlokovic jedenfalls extrem hässlich und etwas lächerlich, aber sicher nur wenig gruselig. Das Team für Spezialeffekte hat hier einen Fehler gemacht, und die physische Präsenz des "Anhängsels" (die wörtliche deutsche Übersetzung des Titels) lenkt mehr ab als das es einen gruselt. Sein Konzept und seine Aura gehen jedoch weiter, und es gibt ein paar bewundernswerte Twists, die darüber hinaus einen merkwürdigen Blick auf die weibliche Psychologie und gesellschaftliche Erwartungen werfen. Ihre gegenseitige Abhängigkeit spiegelt sich dann in der spärlichen Hintergrundgeschichte des Films wider und zeichnet eine traumatische Reise nach, die überraschend nachvollziehbar ist - dennoch fehlt es hier an Durchschlagskraft.

Obwohl "Appendage" kein Film für schwache Nerven ist, nimmt der Film sein Element des Body-Horrors ernst. Natürlich kommen einem David Cronenbergs "Die Brut" und "Scanners" in den Sinn, und man merkt, dass Zlokovic von den Besten gelernt hat. Die verabscheuungswürdige Kreatur in ihrem Film ist zwar nicht so gruselig oder fachmännisch gestaltet, aber sie weiß es besser, als sich ausschließlich auf das Blut zu verlassen. Stattdessen liegt ihre Stärke darin, den weiblichen Körper in eine tickende Bombe zu verwandeln. Egal, ob Hannah an ihrer Bauchwunde herumstochert oder einfach nur an ihrem Fingernagel kratzt - zu einem quälenden Geräusch -, in jeder Geste steckt sehr viel Selbstsabotage. Doch was "Appendage" selbst als zweitklassigen Horrorfilm auszeichnet, ist die Art und Weise, wie Angst durch Körperhorror bis hin zum haarsträubenden Jucken zum Ausdruck gebracht werden kann. Nicht übel.

6/10

Quellen
Inhaltsangabe: Disney+