Mittwoch, 7. Oktober 2026

The Proposal - Selbst ist die Braut (2009)

https://www.imdb.com/de/title/tt1041829/
https://letterboxd.com/film/the-proposal-2009/

Ihre Angestellten behandelt sie wie Sklaven - kein Wunder, dass Verlagschefin Margaret (Sandra Bullock) den Ruf einer kaltherzigen Hexe hat. Dann machen Margarets Anwälte der Kanadierin klar, dass ihr Visum abgelaufen ist und ihr deswegen die Abschiebung droht. Das Oberbiest erpresst daraufhin ein Hochzeitsversprechen von Assistent Andrew (Ryan Reynolds). Wenige Stunden später befinden sich die beiden auf dem Weg nach Alaska, wo Andrews schrullige Familie die spröde Schönheit mit offenen Armen empfängt und schon eine Überraschungs-Hochzeit plant...

"Selbst ist die Braut" ist klassische RomCom-Kost: vorhersehbar, gelegentlich kitschig, aber dank Sandra Bullock und Ryan Reynolds deutlich charmanter, als das Schema vermuten lässt. Beide besitzen ein ausgesprochen gutes komödiantisches Timing und entwickeln gerade in den bissigen Wortgefechten eine überzeugende Dynamik. Bullock darf Margaret zwischen herrischer Eiseskälte und verletzlicher Unsicherheit spielen, während Reynolds Andrew mit einer angenehmen Mischung aus Selbstironie und trockenem Humor versieht. Auch die Nebendarsteller funktionieren überraschend gut. Mary Steenburgen und Craig T. Nelson geben Andrews Eltern sympathische Bodenständigkeit, während Betty White als Großmutter Annie mit sichtlichem Vergnügen jede Gelegenheit zum Szenendiebstahl nutzt. Gerade die Alaska-Passagen profitieren von diesem Ensemble, weil der Film hier seine streng konstruierte Ausgangssituation etwas lockerer ausspielen kann. 


Regisseurin Anne Fletcher hält den Film angenehm leicht und setzt auf klassischen Mainstream-Comedy-Look. Die Landschaften Alaskas bilden einen schönen Kontrast zur hektischen New Yorker Verlagswelt; tatsächlich wurden die Alaska-Aufnahmen teilweise durch Drehorte in Massachusetts ergänzt. Kameramann Oliver Stapleton liefert dabei gefällige, sauber komponierte Bilder, ohne die romantische Komödie unnötig aufzublasen. Die Dialoge zwischen Margaret und Andrew sind häufig witzig und ihre gegenseitigen Machtspiele sorgen für Tempo. Gleichzeitig ist fast jeder größere Entwicklungsschritt vorhersehbar. Das klassische "Hassen sie sich oder mögen sie sich?" wird sehr deutlich nach bekannten Romcom-Regeln abgearbeitet. Trotzdem besitzt der Film genügend Herz und Humor, um über seine Schwächen hinwegzutragen. Einige Gags sind albern oder wirken wie Pflichtprogramm - besonders die zunehmend slapstickartige Alaska-Handlung -, andere sitzen dagegen erstaunlich gut. Auch die berühmte Nacktszene zwischen Bullock und Reynolds ist eher körperkomödiantischer Klamauk als wirklich romantisch und wurde schon zur Veröffentlichung stark als Marketingmoment ausgeschlachtet.

Unterm Strich ist "Selbst ist die Braut" keine besonders originelle RomCom, aber eine ausgesprochen unterhaltsame. Das Drehbuch folgt zuverlässig der bekannten Formel, doch Sandra Bullock und Ryan Reynolds besitzen genügend Charme, Timing und gegenseitige Energie, um daraus mehr zu machen als bloße Genre-Routine. Wer romantische Komödien grundsätzlich mag, bekommt hier solide Unterhaltung mit einigen wirklich gelungenen Lachern, schönen Landschaftsaufnahmen und einem sympathischen Ensemble. Nicht überraschend, aber angenehm charmant - und damit ziemlich genau das, was eine gute Mainstream-RomCom leisten soll.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Touchstone Pictures/Mandeville Films/Kurtzman/Orci

Montag, 5. Oktober 2026

呪怨2 - Ju-on: The Grudge 2 -Ju-on: The Curse 2 (2003)

https://www.imdb.com/de/title/tt0367913/
https://letterboxd.com/film/ju-on-the-grudge-2/

Die bekannte Schauspielerin Kyoko Harase (Noriko Sakai) nimmt an den Dreharbeiten zu einer Fernsehsendung über paranormale Phänomene teil. Als das Team das berüchtigte Haus der Familie Saeki besucht, ahnt niemand, dass dort noch immer der Fluch von Kayako (Takako Fuji) und ihrem Sohn Toshio (Yūya Ozeki) wirkt. Nach den Dreharbeiten beginnen sich im Umfeld der Beteiligten mysteriöse und tödliche Ereignisse zu häufen. Auch Tomoka Miura (Chiharu Niiyama), Megumi Obayashi (Emi Yamamoto) und Regisseur Keisuke Okuni (Shingo Katsurayama) werden vom Fluch eingeholt. Für Kyoko wird die Situation besonders unheimlich, als sie nach einem schweren Autounfall eine erschütternde Entdeckung macht. Während der Fluch immer stärker auf ihr Leben übergreift, gerät auch die junge Chiharu (Yui Ichikawa) in seinen Bann. Kyoko muss schließlich erkennen, dass die Ereignisse im Saeki-Haus weitreichendere Folgen haben, als sie zunächst ahnen konnte...

Mit "Ju-On: The Grudge 2" setzt Takashi Shimizu seinen japanischen J-Horror nicht einfach fort, sondern variiert die bekannte Formel. Im Mittelpunkt steht die Horrorfilm-Darstellerin Kyoko Harase (Noriko Sakai), die für eine Fernsehsendung ein von einem Fluch heimgesuchtes Haus besucht. Schon bald greifen die übernatürlichen Ereignisse auf sie und die Menschen in ihrem Umfeld über. Shimizu bleibt dabei seinem episodischen Erzählprinzip treu und verbindet unterschiedliche Perspektiven und Zeitebenen. Diese einzelnen Geschichten erzeugen immer wieder interessante Situationen und lassen Realität, Erinnerung und Vision zunehmend ineinanderlaufen. Gleichzeitig wird die Handlung deutlich komplizierter, als es eigentlich nötig wäre. Dafür funktioniert die Atmosphäre hervorragend. Shimizu setzt weniger auf Blut und explizite Gewalt als auf leere Räume, alltägliche Schauplätze, unnatürliche Bewegungen und vor allem den Ton. Türen, Schritte, Stimmen und das charakteristische, kehlige Geräusch von Kayako (Takako Fuji) werden zu eigenständigen Schreckmomenten. Auch die scheinbare Normalität der hell ausgeleuchteten Wohnungen macht den Horror unangenehm glaubwürdig. Die Darsteller schlagen sich ordentlich, wobei Noriko Sakai als Kyoko dem Film erstmals eine etwas stärker ausgearbeitete zentrale Figur gibt. Ihre zunehmende Verunsicherung trägt einen großen Teil der Geschichte. Chiharu Niiyama, Yui Ichikawa und die übrigen Darsteller funktionieren vor allem innerhalb der einzelnen Episoden. Takako Fuji bleibt als Kayako jedoch die prägendste Erscheinung des Films: Ihre Körperlichkeit, der starre Blick und die abgehackten Bewegungen machen aus ihr eine der ikonischsten Geisterfiguren des J-Horrors.

Handwerklich bleibt Shimizu bewusst zurückhaltend. Tokushō Kikumura fotografiert den Film nüchtern und ohne übermäßige stilistische Spielereien, während Shiro Satōs Musik und insbesondere das Sounddesign entscheidend für die Spannung sind. Dadurch entstehen einige sehr wirkungsvolle Sequenzen, obwohl der Film seine Schreckmomente teilweise recht deutlich vorbereitet. Inhaltlich erweitert Shimizu den Mythos um Kayako und Toshio, ohne den Fluch wirklich erklären zu wollen. Das passt grundsätzlich zum Konzept: Der Horror entsteht gerade daraus, dass es keine sichere Logik und keinen wirklichen Ausweg gibt. Allerdings wiederholen sich die bekannten Muster zunehmend. Rotten Tomatoes fasst einen zentralen Kritikpunkt entsprechend zusammen: Mit fortschreitender Laufzeit wird der Film repetitiver und die Schockwirkung nimmt ab. "Ju-On: The Grudge 2" ist deshalb kein durchgehend überzeugendes Sequel, aber ein atmosphärisch bemerkenswert konsequenter J-Horror. Die besten Momente sind weiterhin unangenehm effektiv, das Sounddesign sitzt und Takako Fuji bleibt als Kayako eine echte Horror-Ikone. Dem stehen eine zunehmend verwirrende Handlung, teilweise austauschbare Nebenfiguren und eine gewisse Wiederholung der bekannten Schreckmuster gegenüber. Wer den ersten Teil mochte, bekommt hier mehr von Shimizus eigenwilligem, langsam kriechendem Horror - nur eben nicht unbedingt mehr davon, was ihn wirklich neu macht.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Oz Company/Aozora Investments/Pioneer LDC/Nikkatsu Corporation/Xanadeux Company/KADOKAWA Shoten/Tokyo Theatres Company

Sonntag, 4. Oktober 2026

呪怨 - Ju-on: The Grudge - Juon: The Curse (2002)

https://www.imdb.com/title/tt0364385/
https://letterboxd.com/film/ju-on-the-grudge/

Die junge Sozialarbeiterin Rika Nishina (Megumi Okina) übernimmt kurzfristig die Betreuung der bettlägerigen Sachie Tokunaga (Chikako Isomura) in einem unscheinbaren Haus in einem Vorort von Tokio. Schon bei ihrer Ankunft fällt ihr auf, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Sachie wirkt verstört und reagiert kaum auf ihre Umgebung. Im Obergeschoss entdeckt Rika schließlich einen kleinen Jungen namens Toshio (Yūya Ozeki) und eine Katze - doch niemand kann ihr erklären, woher die beiden kommen. Nach und nach stößt Rika auf die düstere Vergangenheit des Hauses. Jahre zuvor wurden dort Kayako Saeki (Takako Fuji) und ihr Sohn Toshio Opfer eines grausamen Verbrechens durch Kayakos Ehemann Takeo Saeki (Takashi Matsuyama). Seit dieser Tragödie scheint ein übernatürlicher Fluch auf dem Gebäude zu liegen. Jeder, der das Haus betritt, kann zum nächsten Opfer werden - und der Fluch beschränkt sich längst nicht mehr auf die vier Wände des Hauses. Während Rika versucht, das Geheimnis zu verstehen, werden auch andere Menschen mit der unheimlichen Präsenz konfrontiert...

Takashi Shimizus "Ju-On: The Grudge" gehört zu den Filmen, die weniger durch eine ausgefeilte Handlung als durch eine ganz bestimmte Atmosphäre funktionieren. Im Mittelpunkt steht ein Fluch, der aus einem brutalen Verbrechen hervorgegangen ist und jeden heimsucht, der mit dem betroffenen Haus in Kontakt kommt. Statt die Geschichte geradlinig zu erzählen, springt Shimizu zwischen verschiedenen Figuren und Zeitpunkten. Das ist zunächst verwirrend, passt aber erstaunlich gut zum Konzept eines Fluchs, der sich wie eine Infektion von Mensch zu Mensch weiterträgt. Die in ihrer nichtlinearen Erzählweise vorgetragenen einzelnen Episoden funktionieren beinahe wie kurze Geistergeschichten, deren Zusammenhänge sich erst allmählich erschließen. Dadurch entsteht ein permanentes Gefühl der Orientierungslosigkeit. Allerdings verhindert die Struktur auch eine tiefere Bindung an die Figuren und nimmt dem Film stellenweise die Möglichkeit, Spannung über längere Zeit aufzubauen.

Seine eigentliche Stärke entwickelt "Ju-on: The Grudge" bei der Inszenierung. Shimizu braucht erstaunlich wenig Blut oder aufwendige Effekte. Dunkle Räume, leere Flure, Treppen und scheinbar harmlose Bildhintergründe reichen aus, um ständig das Gefühl zu erzeugen, dass irgendwo etwas nicht stimmt. Besonders Kayako (Takako Fuji) und Toshio (Yūya Ozeki) gehören zu den nachhaltigsten Erscheinungen des J-Horrors. Auch die Kameraarbeit und das Sounddesign tragen enorm zur Wirkung bei. Tokushō Kikumura nutzt enge Räume und ruhige Einstellungen, anstatt die Schocks permanent mit hektischer Kameraführung vorzubereiten. Dazu kommt Shiro Satōs zurückhaltende Musik sowie vor allem die markanten, gutturalen Geräusche der Geister. Mehrere Kritiker sahen gerade in der Kombination aus Bildgestaltung und Ton einen entscheidenden Bestandteil des Schreckens. Die Darsteller agieren bewusst zurückgenommen. Megumi Okina, Misaki Itō, Misa Uehara und Yui Ichikawa tragen die einzelnen Kapitel solide, auch wenn die Figuren aufgrund der kurzen Episoden kaum Gelegenheit für eine wirklich komplexe Entwicklung bekommen. Dafür überzeugt Takako Fuji als Kayako vor allem körperlich: Ihre unnatürlichen Bewegungen und das charakteristische Keuchen machen sie zu einer Figur, die schon durch ihre bloße Anwesenheit Unbehagen erzeugt.

Thematisch bleibt der Film eher schlicht, aber konsequent: "Ju-on: The Grudge" handelt von Tod, Hass und einem Trauma, das nicht einfach verschwindet, sondern immer neue Opfer hervorbringt. Der Film interessiert sich weniger für die Frage, wie ein Fluch logisch funktioniert, sondern dafür, wie sich Angst und Gewalt unaufhaltsam fortsetzen. Gerade diese fehlende Erklärung macht den Horror teilweise so wirkungsvoll - der Fluch besitzt keine nachvollziehbare Grenze und damit auch keine einfache Lösung. Damit ist "Ju-on: The Grudge" kein perfekt erzählter Horrorfilm. Die episodische Struktur kostet Spannung, manche Figuren bleiben blass und die Handlung wirkt stellenweise unnötig kompliziert. Dafür entwickelt Takashi Shimizu eine außergewöhnlich dichte, kalte und unangenehme Atmosphäre und beweist, dass ein Horrorfilm nicht ständig zeigen muss, was passiert, um Angst zu erzeugen. Nicht jede Szene sitzt, aber einige Bilder und Geräusche bleiben lange im Kopf.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Oz Company/Xanadeux Company/Pioneer LDC/Nikkatsu Corporation

The Loved Ones - The Loved Ones: Pretty In Blood (2009)

https://www.imdb.com/title/tt1316536/
https://letterboxd.com/film/the-loved-ones/

Eigentlich hat sich Brent seine Highschool-Abschlussfeier unbeschwerter vorgestellt: Immer noch in Trauer um den Verlust seines Vaters, an dessen Unfalltod der Teenager mitschuldig war, flüchtet er sich in Heavy Metal und maßlosen Graskonsum. Einziger Lichtblick ist seine bezaubernde Freundin Holly, mit der er plant, den Ball zu besuchen. Zu dumm nur, dass Lola – eine heimliche Verehrerin – samt ihrer Familie etwas gegen das junge Glück der zwei einzuwenden hat, getreu dem Motto: „Wenn ich ihn nicht haben kann, dann bekommt ihn keine andere!“. Und so wird im irren Haushalt des einsamen Mauerblümchens, dem heiß ersehntem Date mit dem Traumprinzen mit messerscharfen und tiefbohrenden Argumenten nachgeholfen...

"The Loved Ones" beginnt beinahe wie eine typische Highschool-Geschichte: Brent (Xavier Samuel) lehnt die Einladung der unscheinbaren Lola (Robin McLeavy) zum Abschlussball ab - eine Entscheidung, die er schnell bereuen wird. Denn Lola lässt ihn von ihrem Vater entführen und veranstaltet ihren ganz eigenen, vollkommen entgleisten "Prom". Aus Teenie-Drama wird Psychothriller und schließlich brutaler Torture-Horror. Und das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil Sean Byrne in seinem Regiedebüt die Gewalt nicht isoliert betrachtet. Brent trägt Schuldgefühle am Tod seines Vaters mit sich herum und betäubt seinen Schmerz mit Drogen und Musik. Lola wiederum ist weit mehr als eine austauschbare Psychopathin. Robin McLeavy spielt sie zwischen kindlicher Verletzlichkeit, Besessenheit und erschreckender Grausamkeit - und macht Lola damit zur mit Abstand interessantesten Figur des Films. Auch Xavier Samuel überzeugt als Brent. Gerade weil der Film ihn zunächst als relativ typischen Jugendlichen etabliert, funktioniert sein Absturz in Lolas Albtraum umso besser. Die Chemie zwischen Samuel und McLeavy entsteht dabei weniger durch klassische Konfrontation als durch das verstörende Machtspiel zwischen Opfer und Täterin. John Brumpton als Lolas Vater ergänzt dieses familiäre Horrorszenario überzeugend.

Seine größte Stärke besitzt der Film jedoch in der Mischung aus Brutalität und schwarzem Humor. Bohrer, Nägel, Spritzen und andere Folterinstrumente sorgen für ausgesprochen unangenehme Momente, gleichzeitig besitzt Byrne ein Gespür für groteske Situationen und makabre Pointen. Der Film nimmt seine Gewalt ernst, ohne sich permanent in bedeutungsschwerem Elend zu verlieren. Handwerklich ist das für ein Regiedebüt bemerkenswert sicher. Schnitt, Musik, Farbgestaltung und Produktionsdesign verleihen dem Film einen eigenständigen Look. Besonders der Kontrast zwischen der kitschigen Prom-Ästhetik und der zunehmend brutalen Realität funktioniert hervorragend. Die lediglich rund 84 Minuten Laufzeit sorgen zudem für ein hohes Tempo, ohne dass der Film seine zentrale Geschichte aus den Augen verliert. 

Leider entwickelt sich vieles ziemlich vorhersehbar, und gerade einige der späteren Wendungen kündigen sich früh an. Problematischer ist die parallele Geschichte um Brents Freund Jamie und dessen ungewöhnliche Beziehung, die zwar als Kontrast zur Haupthandlung funktioniert, den Film aber auch etwas zerfasert. Trotzdem bleibt "The Loved Ones" ein ausgesprochen unterhaltsamer und unangenehmer Horrorfilm, der aus einer simplen Ausgangsidee erstaunlich viel herausholt. Sean Byrne verbindet Coming-of-Age, schwarze Komödie und Torture-Horror mit einem guten Gespür für Timing und Atmosphäre. Vor allem Robin McLeavy liefert als Lola eine herrlich durchgeknallte und gleichzeitig beunruhigende Vorstellung. Als kompromissloser, schwarzhumoriger australischer Horrorfilm funktioniert "The Loved Ones" am Ende ausgesprochen gut - blutig, böse und deutlich cleverer, als die simple Prämisse zunächst vermuten lässt.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Ambience Entertainment/Screen Australia/Omnilab Media/Film Victoria/MIFF Premiere Fund

Låt den rätte komma in - Let The Right One In - So finster die Nacht (2008 )

https://www.imdb.com/de/title/tt1139797/
https://letterboxd.com/film/let-the-right-one-in/

Oskar (Kare Hedebrant), ein zwölfjähriger Junge, lebt isoliert. Er leidet unter den Gemeinheiten von Mitschülern, einen richtigen Freund hat er nicht. In seiner sensiblen Seele brodelt es gewaltig, aber seine Rachepläne setzt er nie um. Dann lernt er Eli (Lina Leandersson) kennen, eine mysteriöse Nachbarin. Sie ist immer nur nach Sonnenuntergang draußen und trägt viel zu leichte Kleidung. Egal, Oskar scheint endlich eine ihm verwandte Seele gefunden zu haben. Doch das bleiche Mädchen mit den traurigen Augen, das mit ihrem angeblichen Vater in der Nachbarwohnung lebt, hütet ein blutiges Geheimnis...

"Let The Right One In" ist weit mehr als ein Vampirfilm. Es ist einer der Filme, die das Genre nicht einfach neu erzählen, sondern seine bekannten Regeln für eine ganz andere Geschichte nutzen. Tomas Alfredson  verlegt John Ajvide Lindqvists Roman in einen verschneiten Stockholmer Vorort und verbindet Coming-of-Age, Einsamkeit, erste Liebe, Mobbing und Horror zu einem ungewöhnlich ruhigen, atmosphärisch dichten Film. Besonders stark sind die beiden jungen Hauptdarsteller, die winterliche Bildsprache und die konsequente Ambivalenz zwischen Zärtlichkeit und Brutalität. Das Entscheidende ist dabei die Beziehung zwischen Oskar und Eli. Beide sind Außenseiter, beide leben in einer Welt, in der sie sich nicht wirklich zugehörig fühlen. Aus ihrer vorsichtigen Annäherung entsteht etwas, das gleichzeitig wie Freundschaft, erste Liebe und eine gefährliche Abhängigkeit wirkt. Alfredson erzählt diese Beziehung bemerkenswert ruhig und ohne romantische Überhöhung. Gerade dadurch wird sie so intensiv. Die Verbindung der beiden ist berührend, aber immer auch verstörend, weil Eli eben kein harmloses Mädchen ist.

Kåre Hedebrant und Lina Leandersson sind hervorragend. Hedebrant spielt Oskar verletzlich und zurückhaltend, ohne die Figur zum bloßen Opfer zu machen. Leandersson besitzt als Eli dagegen eine faszinierende Mischung aus kindlicher Ruhe und unheimlicher Überlegenheit. Beide tragen den Film praktisch über ihre Blicke und kleinen Gesten. Dass die jungen Darsteller diese schwierige Mischung aus Zärtlichkeit, Gewalt und Einsamkeit so überzeugend vermitteln, ist eine der größten Leistungen des Films. Atmosphärisch ist "Let The Right One In" ohnehin eine Klasse für sich. Der Schnee, die Dunkelheit und die fast farblose Winterlandschaft machen den Vorort zu einem Ort der Isolation. Hoyte van Hoytemas Kamera findet darin wunderschöne, aber gleichzeitig kalte Bilder. Die schwedische Kälte ist nicht bloß Kulisse, sondern wird zum visuellen Ausdruck der Einsamkeit der Figuren. Auch der Horror funktioniert gerade deshalb so gut, weil Alfredson nicht permanent auf Schockeffekte setzt. Blut und Gewalt können plötzlich und ausgesprochen brutal sein, stehen aber nie allein im Mittelpunkt. Der Film lässt seine verstörenden Momente häufig beinahe beiläufig in die Geschichte einfließen. Dadurch entsteht eine unangenehme Selbstverständlichkeit: Für Eli ist Töten keine dramatische Entscheidung, sondern schlicht Teil ihres Überlebens. Gleichzeitig wird Oskar immer stärker in diese Welt hineingezogen. 

Besonders gelungen ist die Art, wie der Film Vampirmotive mit den Themen Mobbing, Einsamkeit und Erwachsenwerden verbindet. Oskars Fantasien von Rache spiegeln Elis tatsächliche Gewalt. Beide kennen Hilflosigkeit, reagieren darauf aber völlig unterschiedlich. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend. Auch die berühmte Regel, dass ein Vampir einen Raum nur nach einer Einladung betreten kann, bekommt hier eine zusätzliche Bedeutung: Es geht nicht nur um eine Horrorregel, sondern um Vertrauen und darum, jemanden in das eigene Leben zu lassen. Doch nicht alles ist dabei völlig ausformuliert. Einige Nebenfiguren bleiben eher Skizzen, und bestimmte Handlungselemente wirken bewusst rätselhaft oder werden nur angedeutet. Wer einen geradlinigen Vampirfilm mit klaren Erklärungen und hohem Tempo erwartet, dürfte sich an der entschleunigten Erzählweise ebenfalls stören. Gerade diese Zurückhaltung ist aber Teil seiner Wirkung. Der Film vertraut darauf, dass Atmosphäre und Andeutungen stärker sein können als ausführliche Erklärungen.

"Let The Right One In" ist deshalb ein ungewöhnlich stiller Horrorfilm, der seine stärksten Momente nicht durch Lautstärke, sondern durch Kontraste erreicht: kindliche Unschuld trifft auf brutale Gewalt, erste Liebe auf Abhängigkeit, verschneite Idylle auf blutige Morde. Genau diese Mischung macht ihn bis heute so besonders. Für mich bleibt damit ein atmosphärisch außergewöhnlicher, hervorragend gespielter Vampirfilm, der das Genre gleichzeitig bedient und unterläuft. Nicht jede Nebenhandlung sitzt perfekt und das bewusst langsame Tempo verlangt etwas Geduld. Dafür bekommt man eine ungewöhnlich melancholische Geschichte über zwei einsame Kinder, deren Beziehung gleichermaßen wunderschön und beunruhigend ist.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: EFTI/Bavaria Film International/Sandrew Metronome Sverige/Filmpool Nord/SVT/WAG/Fido Film/Chimney Sweden

Turbulence (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt33009027/
https://letterboxd.com/film/turbulence-2025-1/

Die jungen Eheleute Emmy (Hera Hilmar) und Zach (Jeremy Irvine) sind auf Hochzeitsreise und wollen einen romantischen Trip mit einem Heißluftballon durch die majestätischen Dolomiten in Südtirol unternehmen. Als ihr Ballonführer (Kelsey Grammer) gerade die Leinen losmacht und starten will, springt in letzter Sekunde noch eine weitere Person in den großen Korb für die Fahrgäste. Die Frau ist sehr aufgebracht und aufgrund ihrer recht eindeutigen Äußerungen schließt Emmy, dass ihr Mann die sich immer unberechenbarer gebärdende Julia (Olga Kurylenko) kennen muss. Es dauert nicht lange, da stellt sich heraus, dass Emmy richtig liegt und der Neuankömmling durchaus Gründe dafür hat, nicht gut auf Zach zu sprechen zu sein. So wird aus dem Ausflug in die Wolken schnell ein bedrohliches Psychospiel ums Überleben. In fast fünf Kilometern Höhe kommen immer neue düstere Geheimnisse ans Licht und jedes Wort oder eine unbedachte Bewegung können über Leben und Tod entscheiden…

"Turbolence" nimmt eine eigentlich hervorragende Thriller-Idee: Ein Ehepaar startet mit einem Heißluftballon zu einem romantischen Ausflug über die Dolomiten - doch eine unerwartete dritte Passagierin verwandelt die Fahrt in einen Kampf ums Überleben. Emmy (Hera Hilmar) erkennt schnell, dass Julia (Olga Kurylenko) eine Verbindung zu ihrem Mann Zach (Jeremy Irvine) hat. Aus dem romantischen Ausflug wird ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel hoch über dem Boden. Und diese klaustrophobische Ausgangslage hätte viel Spannung hergegeben. Hätte. Regisseur Claudio Fäh beschränkt den Schauplatz fast vollständig auf den Ballon und nutzt die Höhe, die Enge und die fehlenden Fluchtmöglichkeiten grundsätzlich effektiv. Die Dolomiten liefern zudem spektakuläre Landschaftsbilder. Auch die Darsteller holen aus dem überschaubaren Material einiges heraus: Hilmar funktioniert als zunehmend unter Druck geratene Emmy, während Kurylenko als unberechenbare Julia zumindest zeitweise für Dynamik sorgt. Kelsey Grammer ist als Ballonpilot Harry eine sympathische Ergänzung. Aber das Drehbuch.... Die Figuren sind zu eindimensional, ihre Entscheidungen häufig konstruiert und die Enthüllungen nur selten überraschend. Besonders die Beziehung zwischen Emmy und Zach, die eigentlich das emotionale Fundament bilden müsste, bleibt erstaunlich oberflächlich. Auch Julias Motivation wird früh durchschaubar. Damit verpufft ein großer Teil des psychologischen Potenzials, das der Film mit seinem Dreiecksverhältnis eigentlich besitzt. 

Auch technisch ist "Turbolence" eher zweckmäßig als beeindruckend. Die Aufnahmen der Dolomiten sind schön, doch die eigentlichen Ballonszenen können ihre künstliche Entstehung nicht immer verbergen. Der Film wurde aus Landschaftsaufnahmen und Studioaufnahmen mit Hintergrundprojektionen beziehungsweise Greenscreen kombiniert. Das funktioniert passabel, wirkt aber gerade in den gefährlicheren Momenten nicht immer besonders glaubwürdig. Spannung entsteht deshalb nur punktuell. Einige Situationen funktionieren durchaus und vermitteln ein unangenehmes Gefühl von Höhe und Ausweglosigkeit. Über weite Strecken bleibt die Inszenierung jedoch erstaunlich zahm. Wo Filme wie "Fall" aus einer simplen Extremsituation echten körperlichen Nervenkitzel entwickeln, verliert sich "Turbolence" zu häufig in Beziehungsdrama und vorhersehbaren Wendungen. Schade ist das vor allem deshalb, weil der Film durchaus Ambitionen erkennen lässt. Die Mischung aus Ehekrise, Erpressung, psychologischem Thriller und Survival-Szenario hätte als kleines, konzentriertes Kammerspiel funktionieren können. Stattdessen wirkt vieles wie ein routiniert abgearbeitetes Genre-Skript. Selbst die vergleichsweise kurze Laufzeit von rund anderthalb Stunden fühlt sich dadurch stellenweise länger an, als sie ist. "Turbolence" bleibt am Ende also ein grundsätzlich brauchbarer, aber enttäuschend spannungsarmer Thriller. Die außergewöhnliche Location, einige solide Darstellerleistungen und die interessante Grundidee reichen für ein paar ordentliche Momente. Für mehr fehlt es jedoch an glaubwürdigen Figuren, überraschenden Entwicklungen und vor allem an der nötigen Intensität.

4,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Altitude Film Sales/Head Gear Films/Metrol Technology/Altitude Film Entertainment/Enderby Entertainment/Phiphen Pictures

The Dive (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt13566172/
https://letterboxd.com/film/the-dive-2023/

Die Schwestern Drew (Sophie Lowe) und Mary (Louisa Krause) freuen sich darauf, an einem der entlegensten und schönsten Plätze der Welt tauchen zu gehen. Was als entspannter Ausflug geplant war, entpuppt sich schnell als ein Kampf um Leben und Tod, als bei einem Erdrutsch Felsen ins Meer stürzen und May in 28 Meter Tiefe einklemmen. Während ihr Sauerstoff immer knapper wird, versucht Drew allein eine Entscheidung über Leben und Tod zu fällen, denn Hilfe ist nicht in Sicht. So bleibt ihr nur die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu riskieren, um ihre Schwester zu retten.

"The Dive" reduziert den Survival-Thriller auf eine denkbar einfache Situation: Die Schwestern Drew (Sophie Lowe) und May (Louisa Krause) gehen an einem abgelegenen Küstenabschnitt tauchen, als ein Erdrutsch May in 28 Metern Tiefe unter einem Felsen begräbt. Während ihr Sauerstoff knapp wird, muss Drew immer wieder zur Oberfläche und zurück tauchen, um ihre Schwester zu versorgen und einen Weg aus der tödlichen Situation zu finden. Der Film ist dabei ein englischsprachiges Remake des norwegischen "Breaking Surface" von Joachim Heden. Wie schon beim Original funktioniert die Ausgangslage durchaus. Regisseur Maximilian Erlenwein konzentriert sich auf das Wesentliche und entwickelt aus Sauerstoffmangel, Kälte und zunehmender Erschöpfung einen klassischen Wettlauf gegen die Zeit. Sophie Lowe trägt dabei den körperlich anspruchsvolleren Part überzeugend, während Louisa Krause die zunehmend aussichtslose Lage ihrer Figur glaubwürdig vermittelt. Gerade die beiden Hauptdarstellerinnen verhindern, dass das Kammerspiel unter Wasser völlig mechanisch wirkt.

Kameramann Frank Griebe liefert beeindruckende Unterwasserbilder, die gleichzeitig die Schönheit und die Bedrohlichkeit der Tiefe vermitteln. Dunkelheit, Enge und die eingeschränkte Sicht erzeugen immer wieder ein beklemmendes Gefühl. Auch die vergleichsweise bodenständige Herangehensweise ist positiv: Statt ständig neue Monster oder völlig absurde Katastrophen aus dem Hut zu zaubern, bleibt der Film weitgehend bei seinem realistischen Überlebenskampf. Problematisch ist jedoch, dass aus dieser starken Ausgangssituation nicht durchgehend die erwartete Spannung entsteht. Der Film ist handwerklich solide und nachvollziehbar, wirkt aber stellenweise erstaunlich routiniert. Auch die Rückblenden in die schwierige Familiengeschichte der Schwestern sollen zusätzliche emotionale Tiefe schaffen, bleiben dafür aber zu vage. Man versteht, dass zwischen Drew und May einiges im Argen liegt - wirklich greifbar wird ihre Beziehung dadurch trotzdem nicht. Hinzu kommen einige fragwürdige Details bei der Darstellung des Tauchens. Für erfahrene Taucher sind bestimmte Abläufe und Entscheidungen durchaus diskutabel. Gleichzeitig gelingt es dem Film, die zentrale Gefahr grundsätzlich verständlich und körperlich spürbar zu vermitteln. Die dramatische Wirkung funktioniert daher besser als die technische Genauigkeit.

"The Dive" ist somit ein ordentlich gemachter, atmosphärischer Survival-Thriller, dem allerdings die entscheidende Portion Eigenständigkeit und Intensität fehlt. Sophie Lowe und Louisa Krause überzeugen, die Unterwasseraufnahmen sind teilweise großartig und die reduzierte Ausgangssituation besitzt durchaus Potenzial. Inhaltlich bleibt das Ganze jedoch ziemlich dünn und erreicht nur selten die beklemmende Spannung, die aus der Prämisse eigentlich entstehen könnte - und die das Original noch hatte.

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Augenschein Filmproduktion/Falkun Films/Logical Pictures/MFG-Film/Protagonist Pictures/ZDF/Logical Content Ventures

Killer Whale (2026)


Die besten Freundinnen Maddie (Virginia Gardner) und Trish (Melanie Jarnson) studieren zusammen am College. Maddie ist eine talentierte Konzertcellistin, die eine Faszination für den Gesang von Walfischen entwickelt hat, den sie als Inspiration für ihre Musik nutzt. Doktorandin Trish hingegen ist eine angehende Meereswissenschaftlerin. Da kommt es eines Tages zu einer Katastrophe: Maddies Freund Chad (Isaac Crawley) wird getötet, als er sie während eines Raubüberfalls beschützen will. Obendrein wird auch noch das Gehör der jungen Frau schwer geschädigt. Ein Jahr später hat Trish dann ihren Traumjob gefunden, während Maddie ihre Musikkarriere aufgeben musste. Trish will sie trösten und überrascht sie mit einer gemeinsamen Urlaubsreise nach Thailand. Dort eingetroffen, schlägt Trish vor, in einen lokalen Wasserpark zu gehen und den dort lebenden Orca zu besuchen. Maddie will die Gefangenschaft des Tieres allerdings nicht noch mit ihrem Eintrittsgeld unterstützen. Deshalb brechen die zwei über Nacht in den Park ein, um das Tier gratis zu bewundern. Am nächsten Morgen baden sie dann in einer abgelegenen Lagune. Plötzlich taucht dort der aus seinem Gefängnis entkommene Killerwal auf und greift sie an...

"Killer Whale" hat eigentlich eine interessante Ausgangsidee: Nach einem persönlichen Schicksalsschlag reist Maddie (Virginia Gardner) mit ihrer Freundin Trish (Mel Jarnson) nach Thailand und gerät dort mit einem aus der Gefangenschaft entkommenen Orca aneinander. Der Film versucht dabei, Tierhorror mit einem Drama über Trauma und die Haltung von Wildtieren in Gefangenschaft zu verbinden. Leider funktioniert kaum etwas davon wirklich. Vor allem ist es erstaunlich, wie wenig Präsenz der titelgebende Orca bekommt. Statt spannender Konfrontationen gibt es lange Dialogpassagen und ganz viel Beziehungsdrama. Die beiden Hauptdarstellerinnen bemühen sich zwar, ihren Figuren emotionale Tiefe zu geben, doch das Drehbuch bleibt oberflächlich und lässt ihre Entscheidungen oft unglaubwürdig wirken. Auch als Tierhorror enttäuscht der Film. Die abgeschiedene Lagune wäre eigentlich eine ideale Kulisse für klaustrophobischen Survival-Thriller, doch Spannung kommt nur selten auf. Der Orca wirkt eher wie ein dramaturgisches Hindernis als wie eine wirklich bedrohliche Präsenz. Selbst die Attacken bleiben weitgehend vorhersehbar.

Visuell ist "Killer Whale" durchschnittliche Streamingware. Die Landschaften sind durchaus ansprechend, die CGI-Effekte des Orcas dagegen schwanken deutlich. Gerade bei einem Film, der von seinem tierischen Gegner leben sollte, ist das ein großes Problem. Positiv bleibt lediglich der Versuch, die Gefangenschaft von Wildtieren kritisch zu thematisieren - dieser Ansatz wird jedoch nicht konsequent genug ausgearbeitet. Unterm Strich ist "Killer Whale" weder spannender Tierhorror noch überzeugendes Drama. Zu wenig Orca, zu wenig Spannung, zu wenig Eigenständigkeit. Die Grundidee hätte durchaus Potenzial gehabt, doch daraus entsteht ein erstaunlich zahnloser Survival-Thriller. Lieber "The Shallows" ansehen.

2/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Jaggi Entertainment/Metrol Technology/Ace Entertainment Films/Head Gear Films/Asia Pacific Film Group/Screen Queensland

GODZILLA 星を喰う者 - Gojira: Hoshi o Kū Mono - Godzilla: The Planet Eater - Godzilla: Zerstörer der Welt (2018)

https://www.imdb.com/title/tt8478602/
https://letterboxd.com/film/godzilla-the-planet-eater/

Dritter Teil der animierten „Godzilla“-Filmreihe, die in Deutschland zuerst auf Netflix zu sehen war. Darin haben Godzilla und viele andere Monster die Erde übernommen – und zwar vor 20.000 Jahren! Die Menschen und ihre außerirdischen Verbündeten, die Bilusaludo, versuchen, ihre alte Heimat zurückzuerobern und kämpfen im zweiten Teil, „Eine Stadt am Rande der Schlacht“, zusammen mit Robotern gegen den bisher größten Godzilla überhaupt. Nun steht der alles entscheidende Endkampf an – gegen den dreiköpfigen Riesendrachen King Ghidorah! Kann die Menschheit diesen Krieg gewinnen oder versinkt ihr Planet für immer in absoluter Dunkelheit?

"Godzilla: Zerstörer der Welt" beendet die Anime-Trilogie um Haruo Sakaki (Mamoru Miyano) und setzt unmittelbar nach "Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht" an. Die Menschheit ist Godzilla erneut unterlegen, und während der gigantische Kaiju ruht, geraten Haruo und seine Gefährten immer stärker unter den Einfluss der Exif. Deren Anführer Metphies (Takahiro Sakurai) verfolgt allerdings einen ganz eigenen Plan: Mit dem dreiköpfigen King Ghidorah soll eine Macht heraufbeschworen werden, die nicht weniger als die Vernichtung der Welt bedeutet. Die interessanteste Entscheidung des Films ist, dass er nicht einfach das erwartete Monsterduell abliefert. Ghidorah wird hier völlig neu interpretiert: weniger als klassischer Riesen-Kaiju und mehr als übernatürliche, nahezu gottgleiche Erscheinung. Dass man ihn lange nur über seine Köpfe, Schatten und seine bizarre Präsenz wahrnimmt, erzeugt tatsächlich eine unheimliche Atmosphäre. Gerade diese ungewöhnliche Version des bekannten Monsters gehört zu den stärksten Ideen des Films. 

Dafür dürfte gerade das Finale viele Godzilla-Fans enttäuschen. Wer nach zwei Filmen auf den großen Kampf zwischen Godzilla und Ghidorah wartet, bekommt erstaunlich wenig klassische Monster-Action. Der eigentliche Konflikt spielt sich zunehmend auf einer philosophischen und psychologischen Ebene ab. Der Film interessiert sich für Nihilismus, Religion, freien Willen und die Frage, ob die Menschheit überhaupt das Recht besitzt, ihre zerstörte Welt zurückzufordern. Das ist ambitioniert und passt durchaus zur traditionellen Godzilla-Idee als Sinnbild für die Folgen menschlichen Handelns - wird aber stellenweise arg verkopft präsentiert. Besonders deutlich wird das an Metphies. Seine Entwicklung vom geheimnisvollen Verbündeten zum eigentlichen Gegenspieler funktioniert grundsätzlich gut und gibt der Geschichte einen klareren persönlichen Konflikt. Gleichzeitig verbringt der Film sehr viel Zeit mit religiösen Erklärungen und philosophischen Dialogen. Die Botschaft über Glauben und Fanatismus ist durchaus interessant, wird aber so deutlich ausgesprochen, dass kaum Raum für subtilere Zwischentöne bleibt. Haruo bekommt ebenfalls seinen konsequenten Abschluss. Seine jahrelange Fixierung auf Godzilla, sein Hass und sein Wunsch nach Rache werden noch einmal grundsätzlich hinterfragt. Dadurch erhält die Trilogie zumindest thematisch einen nachvollziehbaren roten Faden: Es geht letztlich weniger darum, ob Haruo Godzilla besiegen kann, sondern darum, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn sein gesamtes Leben von diesem Ziel bestimmt wurde. Leider bleiben dafür viele Nebenfiguren erneut im Hintergrund. Die emotionale Wirkung ist dadurch geringer, als sie sein könnte.

Auch technisch bleibt die CGI-Animation zwiespältig. Die großen Kreaturen und die ungewöhnlichen Bilder können durchaus beeindrucken, während menschliche Figuren weiterhin etwas steif wirken. Gerade bei Ghidorah funktioniert die visuelle Gestaltung allerdings hervorragend, weil die reduzierte Darstellung seine übernatürliche Wirkung unterstützt. Der Score und die düstere Farbgebung tragen ebenfalls zur apokalyptischen Atmosphäre bei. Das größte Problem ist für mich allerdings das Tempo. Auch im Finale wird erstaunlich viel geredet, erklärt und philosophiert. Die Trilogie hat ohnehin nie besonders viel Wert auf klassische Monster-Action gelegt, aber hier wird das Verhältnis endgültig unausgewogen. Der große Showdown, auf den drei Filme hingearbeitet haben, ist letztlich wesentlich weniger spektakulär, als man erwarten dürfte. Trotzdem hat "Godzilla: Zerstörer der Welt" etwas, das vielen konventionellen Godzilla-Filmen fehlt: eine eigene Idee davon, was Godzilla eigentlich bedeutet. Die ökologische Dimension der Vorgänger wird weitergeführt, gleichzeitig wird Religion als zerstörerische Antwort auf die menschliche Angst vor dem Ende thematisiert. Das ist teilweise ziemlich plakativ, aber zumindest konsequent. Der Film möchte nicht einfach nur Monster gegen Monster antreten lassen, sondern einen Gedanken zu Ende bringen.

Als Abschluss einer Trilogie funktioniert das deshalb besser als als eigenständiger Godzilla-Film. Einige zuvor eingeführte Themen und Figuren erhalten ihren Abschluss, während die ungewöhnliche Interpretation von Ghidorah für einen echten Überraschungseffekt sorgt. Gleichzeitig macht der Film die Schwächen seiner Vorgänger nicht vollständig vergessen: Die Figuren bleiben teilweise dünn, die Dialoge sind überladen und die Inszenierung ist deutlich weniger spektakulär, als das Finale einer Godzilla-Trilogie sein müsste.

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Polygon Pictures/TOHO

Samstag, 3. Oktober 2026

GODZILLA 決戦機動増殖都市 - Gojira: Kessen Kidō Zōshoku Toshi - Godzilla: City On The Edge Of Battle - Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht (2018)

https://www.imdb.com/title/tt8015080/
https://letterboxd.com/film/godzilla-city-on-the-edge-of-battle/

Nachdem der Krieg gegen die Monster aussichtslos schien, kehrte die Menschheit - oder was davon übrig blieb - der Erde den Rücken zu. 20.000 Jahre später herrschen die sogenannten "Kaijus" über den blauen Planeten, ihrem Anführer dienend, dem König aller Monster - Godzilla. Als sich eine Gruppe von Menschen auf den Weg zurück auf die Erde macht, um den Planeten zurückzuerobern, müssen die Rückkehrer nicht nur die mächtigste aller Kreaturen bezwingen, sondern auch erkennen, dass sie doch nicht die letzten Menschen sind...

"Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht" macht genau dort weiter, wo "Godzilla: Planet der Monster" aufgehört hat: Haruo Sakaki (Mamoru Miyano) und seine Gefährten kämpfen auf der von Godzilla beherrschten Erde ums Überleben. Nach der verheerenden Schlacht stoßen sie auf die Houtua, Nachfahren der Menschen, die vor 20.000 Jahren auf der Erde zurückblieben. Ihre Waffen bestehen aus Nanometall - und damit aus dem Material des längst zerstört geglaubten MechaGodzilla. Die Idee ist eigentlich ziemlich cool. Ausgerechnet MechaGodzilla wird hier nicht einfach als riesiger Roboter präsentiert, sondern als technologisches Relikt, dessen Nanometall über Jahrtausende weiterexistiert. Daraus entwickelt der Film eine ungewöhnliche Mischung aus Kaiju-Film, Science-Fiction und postapokalyptischem Anime. Auch die Houtua bringen etwas mehr Leben in die zuvor ziemlich sterile Welt der Trilogie.

Leider bleibt "Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht" trotzdem auffällig langsam. Die Reise zum MechaGodzilla-Komplex wird mit viel Dialog, Erklärungen und philosophischen Diskussionen gefüllt. Manche davon treiben die Geschichte tatsächlich voran, vieles wirkt aber weiterhin wie ausgedehnte Vorbereitung auf den eigentlichen Film. Haruo bekommt immerhin etwas mehr Profil. Sein blinder Hass auf Godzilla wird zunehmend hinterfragt, und seine Beziehungen zu den anderen Figuren gewinnen an Bedeutung. Gerade dadurch wirkt die Geschichte stellenweise persönlicher als der Vorgänger. Gleichzeitig bleiben viele Nebenfiguren weiterhin erstaunlich blass, und auch die Liebesgeschichte zwischen Haruo und Yuko (Kana Hanazawa) entwickelt nicht die emotionale Wirkung, die sich der Film offenbar wünscht. Optisch ist das Ganze wieder eine Mischung aus Licht und Schatten. Die futuristische Erde, die riesigen Ruinen und die gewaltigen Maschinen können durchaus beeindrucken. Die CGI vermittelt außerdem ein gutes Gefühl für die enorme Größe von Godzilla. Bei menschlichen Figuren zeigen sich dagegen weiterhin steife Bewegungen und teilweise wenig ausdrucksstarke Gesichter. Selbst Godzilla bewegt sich relativ wenig – was zwar zu seiner Darstellung als nahezu unbewegliche Naturgewalt passen kann, aber nicht immer spektakulär aussieht.

Und genau das ist für einen Godzilla-Film ein Problem: Godzilla ist viel zu selten der eigentliche Star. Die Monster-Action wird zugunsten von Strategie, Technologie und Worldbuilding zurückgefahren. Wenn der Film endlich richtig loslegt, funktioniert das Geschehen deutlich besser. Die Vulture-Mechs, Nanometall-Technologie und die Auseinandersetzung mit Godzilla liefern einige schöne Science-Fiction-Ideen, aber über weite Strecken wartet man doch darauf, dass aus dem interessanten Konzept endlich ein großer Kaiju-Film wird. Dafür hat die Geschichte einen interessanten düsteren Grundton. Die Menschheit versucht nicht einfach, einen Monsterangriff abzuwehren, sondern ihre verlorene Heimat zurückzugewinnen. Gleichzeitig wird die Frage gestellt, ob die Menschen überhaupt noch in diese veränderte Erde gehören. Das gibt dem Film mehr thematische Tiefe als einem gewöhnlichen Monsterkampf, macht ihn aber auch ziemlich schwerfällig. Kritiker waren deshalb geteilter Meinung: Während manche das Worldbuilding und die stärkere Charakterorientierung lobten, kritisierten andere gerade die Ernsthaftigkeit, das fehlende Vergnügen und den Mangel an spektakulärer Kaiju-Action. Als Mittelteil einer Trilogie funktioniert der Film letztlich besser als als eigenständiges Abenteuer. Er erweitert die Welt sinnvoll, führt MechaGodzilla als zentrale Idee ein und bereitet das große Finale vor. Gleichzeitig merkt man ihm ständig an, dass er genau das tut: Er bereitet vor. Eine abgeschlossene Geschichte mit einem wirklich befriedigenden Höhepunkt bekommt man hier nicht.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Polygon Pictures/TOHO

GODZILLA 怪獣惑星 - Gojira: Kaijū Wakusei - Godzilla: Planet Of The Monsters - Godzilla: Planet der Monster (2017)

https://www.imdb.com/title/tt5979874/
https://letterboxd.com/film/godzilla-planet-of-the-monsters/

Im letzten Sommer des 20. Jahrhunderts wurde die Menschheit mit einer gänzlich neuen Bedrohung konfrontiert: Riesige Monster, „Kaiju“ genannt, tauchten plötzlich auf und begannen unter der Führung von Godzilla den Planeten in Schutt und Asche zu legen. Die Menschen versuchten vergeblich, gegen die neue Übermacht anzukämpfen, aber 2048 müssen sie sich ihre Niederlage eingestehen – die Erde wird nun von den Monstern beherrscht. Deswegen planen sie, ein neues Zuhause im Weltall zu suchen und eine Gruppe Auserwählter, zu denen auch Haruo Sakaki (Stimme im Original: Mamoru Miyano) gehört, macht sich auf zu dieser verantwortungsvollen Mission. Als sich der Zielplanet als Reinfall entpuppt, bleibt nur noch eine Möglichkeit: Godzilla mit allen Mitteln zu bekämpfen und so die Kontrolle über die Erde zurückzuerlangen. Für Haruo eine Herzensangelegenheit - schließlich wurden seine Eltern von der Riesenechse getötet und nun sinnt er auf Rache…

Mit "Godzilla: Planet der Monster" wagt sich das japanische Monster-Urgestein erstmals in einen vollständig computeranimierten Spielfilm - und verlegt die Handlung gleich 20.000 Jahre in die Zukunft. Nachdem Godzilla und andere Kaiju die Erde verwüstet haben, flieht die Menschheit ins All. Als sich der vermeintliche Zufluchtsort als unbewohnbar erweist, kehren die Überlebenden unter Führung des verbissenen Haruo Sakaki (Mamoru Miyano) zur Erde zurück. Dort wartet allerdings keine vertraute Heimat mehr, sondern ein völlig neuer Planet, an dessen Spitze Godzilla steht. Die Grundidee ist tatsächlich reizvoll. Statt Godzilla erneut in einer modernen Großstadt wüten zu lassen, entwirft der Film eine postapokalyptische Science-Fiction-Welt mit interstellaren Reisen, fremden Spezies und einer Erde, die sich über Jahrtausende völlig verändert hat. Besonders die Vorstellung, dass die Natur nach dem Verschwinden der Menschen ein neues Gleichgewicht entwickelt hat, verleiht dem Film einen interessanten ökologischen Unterton.

Leider bleibt vieles davon an der Oberfläche. Das Drehbuch von Gen Urobuchi liefert zwar zahlreiche große Konzepte, verliert sich aber häufig in technischen Erklärungen, politischen Diskussionen und militärischen Planungen. Die Figuren wirken dagegen erstaunlich blass. Haruo ist als von Rache getriebener Held zunächst nachvollziehbar, wird durch seine kompromisslose Art aber schnell anstrengend. Die Nebenfiguren bleiben meist auf ihre Funktion innerhalb der Handlung reduziert, weshalb der emotionale Einsatz der Menschheit um ihre Rückkehr zur Erde nur begrenzt mitreißt. Optisch ist der Film durchaus interessant, aber nicht durchgehend überzeugend. Die 3D-CGI-Animation ermöglicht beeindruckende Größenverhältnisse und verleiht Godzilla eine gewaltige, fast naturkatastrophale Präsenz. Gerade die Kämpfe und die Darstellung des riesigen Godzilla Earth gehören zu den stärkeren Momenten. Gleichzeitig wirken Bewegungen und Gesichter teilweise steif, während die Figuren in manchen Szenen eher wie Spielfiguren aus einem Videospiel aussehen. Die technische Umsetzung ist ambitioniert, erreicht aber nicht immer die Ausdruckskraft klassischer 2D-Animation.

Wenn Godzilla schließlich ins Geschehen eingreift, funktioniert der Film am besten. Seine schiere Größe, die wuchtigen Attacken und die bedrohliche Präsenz vermitteln zumindest ansatzweise das Gefühl, es mit einer nahezu unbezwingbaren Naturgewalt zu tun zu haben. Allerdings wird Godzilla über weite Strecken eher als fernes strategisches Ziel behandelt denn als ständig präsente Bedrohung. Wer vor allem spektakuläre Monster-Action erwartet, muss sich deshalb in Geduld üben. Auch die Inszenierung schwankt zwischen atmosphärischer Science-Fiction und recht trockener Exposition. Die fremdartige Erde, die Ruinen und die riesigen Landschaften erzeugen gelegentlich starke Bilder. Dazwischen stehen jedoch lange Dialogpassagen, militärische Besprechungen und Erklärungen, die den Erzählfluss immer wieder ausbremsen. Der Film fühlt sich dadurch eher wie der Auftakt einer größeren Geschichte an als wie ein in sich vollständig befriedigendes Abenteuer.

Trotzdem ist "Godzilla: Planet der Monster" kein völlig misslungener Neustart. Die Verlegung in die Zukunft, die neue Interpretation Godzillas und die Verbindung aus Kaiju-Film und Weltraumoper zeigen Mut. Auch die Musik von Takayuki Hattori unterstützt die epische Dimension des Geschehens. Nur gelingt es dem Film nicht, seine interessante Welt mit entsprechend starken Charakteren und einer konstant packenden Dramaturgie zu verbinden.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Polygon Pictures/TOHO

Digger (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt31450459/
https://letterboxd.com/film/digger-2026/

Der in die Jahre gekommene, verschrobene, milliardenschwere Erdölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) hat durch seine skrupellosen Geschäftstaktiken eine Umweltkatastrophe verursacht, die unter anderem das ewige Eis der Polarkappen schmelzen lässt und Tsunamis verursacht, die wiederum Atomkraftwerke beschädigen. Nun steht die Menschheit kurz vor dem Aus, die Welt versinkt im Chaos, alle bereiten sich schon auf die kurz bevorstehende Apokalypse vor, einzelne Nationen bringen Truppen in Stellung. Nun verlangt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (John Goodman) von Digger Rockwell, die Suppe, die er allen eingebrockt hat, selbst auszulöffeln und den Planeten zu retten. Dieser nimmt die Herausforderung an, denn als Egomane käme es ihm ganz recht, als großer Retter der Menschheit dazustehen.

"Digger" ist alles andere als der typische Tom-Cruise-Film. Regisseur Alejandro González Iñárritu schickt den Superstar als exzentrischen Öl-Milliardär Digger Rockwell in eine absurde Weltuntergangssatire: Nachdem eine von Rockwells Unternehmungen eine globale Umweltkatastrophe ausgelöst hat, versucht ausgerechnet der Verantwortliche, sich zum Retter der Menschheit aufzuschwingen. Damit verbindet Iñárritu schwarze Komödie, Gesellschaftssatire und Katastrophenfilm zu einem ziemlich wilden Genre-Mix. Tom Cruise geht dabei sichtbar ins Risiko. Mit Bauch, Perücke, Prothesen und stark veränderter Stimme hat er mit seinem üblichen Leinwandimage kaum noch etwas gemeinsam. Entscheidend ist aber, dass die Verwandlung nicht bloß ein Gimmick bleibt: Cruise spielt Rockwell als selbstverliebten, größenwahnsinnigen und gleichzeitig erstaunlich verletzlichen Mann. Gerade diese ungewöhnliche Performance gehört zu den am häufigsten gelobten Elementen des Films.

Auch die Nebenrollen sind stark besetzt. Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Jesse Plemons und Sophie Wilde bekommen neben Cruise genügend Raum, wobei besonders Ahmed und Goodman für einen nachhaltigen Eindruck sorgen. Allerdings hat der Film ein grundsätzliches Problem mit seiner Figurenzeichnung: Viele Charaktere funktionieren eher als satirische Typen denn als wirklich ausgearbeitete Menschen. Das passt zum absurden Ansatz, kostet der Geschichte aber emotionale Tiefe. Visuell ist "Digger" dagegen eine Wucht. Emmanuel Lubezki fotografierte den Film komplett in VistaVision und entwickelt gemeinsam mit Iñárritu eine ungewöhnlich opulente, teilweise groteske Bildsprache. Produktionsdesign, Kostüme, Masken und Kameraarbeit sind ausgesprochen aufwendig und unterstreichen den surrealen Charakter der Geschichte. 


"Digger" ist ein gutes Beispiel für einen Film, bei dem die Ambition zugleich seine größte Stärke und Schwäche ist: Tom Cruise liefert eine ungewöhnlich exzentrische Performance, Iñárritu inszeniert visuell extrem eigenwillig - doch Satire, Komödie und Weltuntergangsdrama finden nicht immer zu einer überzeugenden Einheit. 

Inhaltlich zielt Iñárritu deutlich auf Themen wie Macht, Gier, Verantwortung und Umweltzerstörung. Rockwell verkörpert dabei einen Menschen, der die Katastrophe zunächst selbst verursacht und anschließend unbedingt beweisen möchte, dass nur er sie wieder beseitigen kann. Das ist als Satire durchaus reizvoll, wird allerdings teilweise sehr plakativ präsentiert. Der Film vertraut seinem Publikum nicht immer genug und erklärt manche seiner Aussagen lieber noch einmal, anstatt sie aus den Figuren und Situationen heraus wirken zu lassen. Das größte Problem ist deshalb der Ton. "Digger" möchte gleichzeitig absurd komisch, politisch bissig, emotional, apokalyptisch und philosophisch sein. Einzelne Szenen funktionieren hervorragend, andere wirken dagegen merkwürdig deplatziert oder schlicht nicht besonders lustig. Auch die Dramaturgie ist bewusst unberechenbar und nimmt einige sehr eigenwillige Abzweigungen. Das macht den Film interessant, verhindert aber ebenso einen wirklich runden Erzählfluss. 

Und trotz seiner Schwächen ist gerade dieser Mut bemerkenswert. Nach Jahren, in denen Tom Cruise vor allem mit spektakulärem Blockbusterkino verbunden wurde, liefert er hier eine ausgesprochen schräge Charakterrolle. Und Iñárritu geht nicht den sicheren Weg, sondern versucht, aus einem potenziellen Hollywood-Starvehikel etwas deutlich Eigenständigeres zu machen. Nicht jede Idee sitzt, aber "Digger" ist zumindest niemals langweilig oder beliebig. Am Ende bleibt eine visuell beeindruckende, hervorragend gespielte und angenehm riskante Satire, die ihre großen Ideen nicht immer elegant zusammenbekommt. "Digger" ist manchmal zu laut, zu bemüht und zu eigenwillig - gleichzeitig aber genau deshalb interessanter als ein weiterer glattpolierter Katastrophen-Blockbuster.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Warner Bros. Pictures/Legendary Pictures/TC Productions/M Productions/Domain Entertainment

Not Without My Daughter - Nicht ohne meine Tochter (1991)

https://www.imdb.com/de/title/tt0102555/
https://letterboxd.com/film/not-without-my-daughter/

Eigentlich führt die Amerikanerin Betty Mahmoody (Sally Field) in den USA eine glückliche Ehe mit dem Iraner Moody (Alfred Molina). Aber als die junge Familie, zu der auch Tochter Mahtab (Sheila Rosenthal) gehört, in den Iran zu Moodys Verwandten reist, kippt die Stimmung. Ohne seine Frau oder Tochter zu informieren, hat Moody seinen Job als Arzt in einem amerikanischen Krankenhaus gekündigt. Denn die Reise war längst als dauerhafte Rückkehr in den Iran geplant, zu der Betty niemals bereit gewesen wäre. Nach der Ankunft in Moodys arabischer Heimat setzt er seine Frau unter Druck und will si dazu bringen, dem iranischen Frauenbild entsprechend zu leben. Sie soll ihn als unumstrittenes Oberhaupt anerkennen. Da Betty ihre Tochter Mahtab nicht zurücklassen will, reist sie nicht einfach aus, sondern geht zum Schein auf Moodys Forderungen ein. Insgeheim plant sie aber eine Flucht mit Mahtab, um nicht nur sich, sondern auch ihre Tochter aus der Unterdrückung zu befreien...

"Nicht ohne meine Tochter" ist ein Film, der auch mehr als 30 Jahre später noch erstaunlich funktioniert und beklemmend wirkt - auch wenn der Film damals wie heute sehr klischeehafte, pauschalisierende und anti-islamische, ja, sogar rassistische Haltungen einnimmt. Ich würde den Film hier bewusst auch in seinem historischen Kontext betrachten. Sally Field spielt hier Betty Mahmoody, eine amerikanische Mutter, die mit ihrem iranischen Mann Moody (Alfred Molina) und der gemeinsamen Tochter für einen vermeintlich kurzen Familienbesuch in den Iran reist. Dort eröffnet ihr Moody plötzlich, dass sie bleiben werden - und aus der Reise wird ein Kampf um Freiheit und die gemeinsame Tochter. Brian Gilbert inszeniert das zunächst fast wie ein Familiendrama, bevor sich die Geschichte immer stärker zum Flucht- und Überlebensthriller entwickelt. Gerade dieser langsame Übergang funktioniert hervorragend. Aus alltäglichen Situationen werden zunehmend Bedrohungen, während Betty merkt, dass sie kaum noch Kontrolle über ihr eigenes Leben besitzt. Der Film baut die Spannung dabei weniger über Action als über die ständig wachsende Ausweglosigkeit auf. 

Sally Field spielt Betty nicht als unerschrockene Actionheldin, sondern als verängstigte Frau, die Schritt für Schritt lernen muss, sich gegen ihre Situation zu behaupten. Gerade die Mischung aus Angst, Wut und Entschlossenheit trägt den Film. Alfred Molina ist als Moody ebenfalls stark, wobei seine Figur zunehmend zum klassischen Antagonisten gezeichnet wird. Die kleine Sheila Rosenthal als Tochter Mahtob sorgt zusätzlich für eine emotionale Dimension, weil Bettys Flucht dadurch nicht nur der eigenen Freiheit, sondern auch dem Schutz ihres Kindes gilt. Handwerklich ist das Ganze eher solides 90er-Jahre-Kino als große Filmkunst. Die Bilder sind funktional, Jerry Goldsmiths Musik unterstützt die Spannung wirkungsvoll und die Inszenierung findet besonders in den Fluchtszenen einen guten Rhythmus. Gleichzeitig wirkt manches heute ziemlich plakativ und melodramatisch. Der Film möchte seine Zuschauer emotional packen - und scheut sich dabei nicht vor deutlichen Gesten und sehr klaren Gut-und-Böse-Zuordnungen. Genau hier liegt auch das größte Problem. "Nicht ohne meine Tochter" erzählt konsequent aus Bettys Perspektive, aber dadurch entsteht ein ausgesprochen einseitiges Bild des Iran und seiner muslimischen Bevölkerung. Die emotionale Wirkung passt, jedoch wird praktisch keine muslimische Figur positiv dargestellt. Das ist für mich mehr als nur eine historische Randnotiz. Der persönliche Erfahrungsbericht von Betty Mahmoody bildet zwar die Grundlage der Geschichte, doch die Verfilmung macht daraus teilweise ein sehr schematisches Bild einer fremden Kultur. Selbst Figuren, die Betty helfen, erscheinen eher als Ausnahmen innerhalb einer grundsätzlich feindselig dargestellten Gesellschaft. 

Trotzdem würde ich dem Film nicht absprechen, dass er als Thriller funktioniert. Gerade die klaustrophobische Atmosphäre, Bettys zunehmende Isolation und die Angst um ihre Tochter entwickeln eine enorme Sogwirkung. Die eigentliche Flucht wird dadurch zum spannendsten Teil des Films. Gleichzeitig ist "Nicht ohne meine Tochter" emotional ziemlich manipulativ und moralisch wesentlich einfacher gestrickt, als sein realer Hintergrund vermuten lässt.  Er ist ohne Zweifel ein wirkungsvoller, hervorragend gespielter und stellenweise richtig spannender Fluchtthriller, dessen emotionale Wirkung bis heute funktioniert. Gleichzeitig ist die Darstellung des Iran und des Islam so einseitig, dass der Film seine eigene Geschichte unnötig vereinfacht. Ein zwiespältiger, aber durchaus packender 90er-Jahre-Thriller.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Ufland/MGM-Pathé Communications/Metro-Goldwyn-Mayer

Backwood Madness - Trolls Rising (2025)

https://www.imdb.com/title/tt5159720/
https://letterboxd.com/film/backwood-madness/

Während des Zweiten Weltkriegs stoßen finnische Soldaten in den Wäldern auf ein Volk mystischer Waldwesen und töten mehrere von ihnen. Jahrzehnte später kehrt die Vergangenheit zurück: Ein geheimnisvolles Mischwesen macht sich auf, das Gleichgewicht zwischen Menschen und Kreaturen wiederherzustellen. Doch zwischen Menschen, Trollen und anderen Wesen entbrennt ein blutiger Kampf, der tief in den finnischen Wäldern seine Spuren hinterlässt...

"Backwood Madness" ist definitiv kein Film, dem es an Ideen mangelt. Finnische Soldaten töten während des Zweiten Weltkriegs Angehörige des Troll-Volkes und lösen damit einen blutigen Rachefeldzug aus. Jahre später versucht ein Mischwesen, das Gleichgewicht zwischen Menschen und Waldwesen wiederherzustellen. Daraus macht Ari Savonen eine Mischung aus Folk Horror, Fantasy, Kriegsfilm und Splatter. Doch die nichtlineare Struktur mit mehreren Zeitebenen sorgt weniger für Spannung als für Verwirrung. Figuren, Beziehungen und Motivationen werden nur unzureichend eingeführt, sodass man gerade zu Beginn Mühe hat, überhaupt zu verstehen, wer hier gegen wen kämpft und warum. Selbst wenn sich später einige Zusammenhänge klären, bleibt die Geschichte unnötig zerfasert. Dabei steckt in der Grundidee durchaus Potenzial. Die Verbindung von Krieg, Naturzerstörung und der Rache der Waldwesen lässt sich problemlos als ökologische Allegorie lesen. Der Film interessiert sich aber deutlich mehr für Blut und Monster als für die interessanten Themen dahinter. Dialoge und Figuren bleiben entsprechend oberflächlich.

Wo "Backwood Madness" wirklich punkten kann, ist die handgemachte Effektarbeit. Die unterschiedlichen Trolle und Goblins sehen teilweise richtig stark aus, und gerade die Masken und praktischen Gore-Effekte vermitteln angenehm viel B-Movie-Charme. Auch die finnischen Waldlandschaften funktionieren hervorragend als Kulisse. Dazu kommt ein atmosphärischer Score, der dem ansonsten ziemlich chaotischen Geschehen zumindest gelegentlich Gewicht verleiht. Leider reicht das nicht für einen funktionierenden Film. Die Inszenierung wirkt häufig amateurhaft, das Schauspiel bleibt wechselhaft und die zahlreichen Zeitsprünge machen die ohnehin dünne Handlung noch schwerer zugänglich. Gerade bei einem Film, der über zehn Jahre hinweg produziert wurde, ist das Ergebnis technisch in einzelnen Bereichen erstaunlich, als geschlossenes Werk aber deutlich unausgereift und funktioniert für mich nur sehr eingeschränkt. 

3/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: SF Media Oy/Bright Fame Pictures

New Life (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt18973958/
https://letterboxd.com/film/new-life-2023-1/

Jessica Murdock (Hayley Erin) ist untergetaucht und auf der Flucht. Das FBI ist gewillt, die junge Frau endlich in Handschellen zu legen und schickt deshalb die mit allen Wassern gewaschene Spezialagentin Elsa Gray (Sonya Walger) in die Spur. Doch Elsa kämpft nicht nur gegen Jessicas Ausdauer, sondern auch gegen den eigenen Körper. Denn der arbeitet mit einer unheilbaren Krankheit gegen sie. Das FBI weiß davon nichts, doch Elsa kann dadurch immer schlechter ihren Job machen. Außerdem kann sie sich schon bald, je näher sie Jessica kommt, nicht mehr sicher sein, wirklich auf der Seite von Recht und Ordnung zu stehen…

John Rosmans "New Life" beginnt als rätselhafter Verfolgungsthriller: Jessica (Hayley Erin) ist auf der Flucht, während FBI-Agentin Elsa Gray (Sonya Walger) ihre Spur aufnimmt. Erst nach und nach wird klar, dass hinter der Jagd eine gefährliche Infektion steckt. Aus dem Thriller entwickelt sich so eine Mischung aus Seuchenhorror, Body Horror und persönlichem Drama. Die beiden Hauptdarstellerinnen Hayley Erin und Sonya Walger verleihen ihren Figuren trotz der teilweise etwas konstruierten Handlung glaubwürdige Emotionen. Besonders gelungen ist, dass der Film die drohende Katastrophe nicht über große Action, sondern über die persönlichen Schicksale seiner Figuren vermittelt. Auch der handgemachte Body Horror sorgt für einige unangenehme und durchaus effektive Momente.

Leider ist "New Life" erzählerisch nicht ganz so stark wie seine Ausgangsidee. Der Film hält seine Informationen lange zurück, wodurch die Spannung nicht immer wächst, sondern stellenweise einfach ins Stocken gerät. Die Hintergründe der Epidemie und des FBI-Einsatzes bleiben zudem teilweise zu vage. Was zunächst wie bewusstes Mystery wirkt, erscheint später gelegentlich eher wie eine dünne Drehbucherklärung. Atmosphäre und Inszenierung profitieren dagegen vom kleinen Budget: ländliche Schauplätze, zurückhaltende Kameraarbeit und eine insgesamt nüchterne Optik passen gut zum minimalistischen Ansatz. Gerade dadurch wirkt die drohende Katastrophe stellenweise angenehm realistisch. Ein sicher interessantes Genredebüt mit guten Darstellerinnen, einigen starken Body-Horror-Momenten und einer gelungenen Mischung aus Thriller und Seuchenfilm. Allerdings bremsen das gemächliche Tempo, einige konstruiert wirkende Handlungselemente und die etwas unbefriedigende Auflösung den Film deutlich aus. 

5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Great Lakes Vacuum Supplies Unlimited/American Storyworks

El Convento - The Convent - Der Konvent: Im Namen des Teufels

https://www.imdb.com/de/title/tt29259211/
https://letterboxd.com/film/the-convent-2026/

1750: Eine Gruppe Nonnen lebt innerhalb der eigentlich so sicher und ruhig erscheinenden Mauern eines katholischen Klosters in der spanischen Provinz. Doch dann verfällt die Oberin Schwester Águeda (Ana Álvarez) während einer Messe plötzlich in eine religiöse Ekstase. Die Frau weint unablässig blutige Tränen und gewinnt damit große Aufmerksamkeit bei den Gläubigen der Gegend, die schnell von einem Wunder sprechen. Inspiriert von Águeda treffen zwei junge Novizinnen ein, um sich in ihren und den Dienst Gottes zu stellen. Es dauert nicht lange, da wirbeln die Neuankömmlinge den klösterlichen Alltag mächtig auf. Während Lucía (María Mercado) ganz und gar Águeda verfallen ist, beäugt Ana María (Nahia Bergasa) deren Treiben ungleich skeptischer und vermutet einen sinistren Hintergrund. Sie denkt, dass hinter dem Deckmantel des Glaubens dunkle Mächte am Werk sein könnten...

Der übernatürliche Horrorfilm ist inspiriert von Ereignissen, die sich Mitte des 18. Jahrhunderts in einem Konvent im spanischen Corella (gelegen im äußersten Südwesten der heutigen autonomen Gemeinschaft Navarra) zugetragen haben sollen. Der Film von Luis Galindo und Ángel M. Chivite greift die Geschichte der satanischen Nonnen von Corella auf und verbindet sie mit klassischem religiösem Horror. Das Problem: Aus diesem wirklich interessanten Stoff macht der Film erstaunlich wenig. Lucía (María Mercado) und Ana María (Nahia Bergasa) kommen aus unterschiedlichen Gründen in das abgelegene Kloster. Während Lucía von Schwester Águeda (Ana Álvarez), der geheimnisvollen Oberin, und deren vermeintlichen Wundern fasziniert ist, bleibt Ana María skeptischer. Genau dieser Gegensatz ist eigentlich eine hervorragende Ausgangslage. Glaube trifft auf Zweifel, mystische Erfüllung auf blankes Überleben. Leider braucht "Der Konvent" ziemlich lange, um überhaupt in Gang zu kommen. Die erste Hälfte setzt vor allem auf Alltag, religiöse Rituale und die bedrückende Atmosphäre des Klosters. Das ist grundsätzlich nicht schlecht - im Gegenteil: Die Zurückhaltung hätte zu einem richtig schön langsamen, psychologischen Horrorfilm führen können. Nur fehlt es an Spannung. Statt einer stetig wachsenden Bedrohung bekommt man über weite Strecken vor allem sehr viel Warten. Dabei sieht das Ganze durchaus ordentlich aus. Die alten Gemäuer, engen Gänge, Kerzen, religiösen Symbole und das Spiel mit Licht und Schatten schaffen eine passende, klaustrophobische Atmosphäre. Kameramann Íñigo Hualde holt aus den begrenzten Schauplätzen einiges heraus. Gerade deshalb ist es schade, dass die Inszenierung diese visuelle Grundlage nur selten für wirklich starke Schreckmomente nutzt. 

Auch die Darstellerinnen können nicht wirklich dafür sorgen, dass das Drehbuch seine Schwächen kaschiert. Ana Álvarez ist als Schwester Águeda zweifellos die auffälligste Erscheinung und verleiht der Oberin eine interessante Mischung aus Frömmigkeit und Unberechenbarkeit. María Mercado und Nahia Bergasa machen als gegensätzliche junge Frauen ebenfalls einen ordentlichen Job. Gerade ihre Figurenbeziehung hätte aber wesentlich mehr Tiefe vertragen können. Die beiden sind eher Funktionen der Handlung als wirklich komplex ausgearbeitete Charaktere. Und dann kommt das Drehbuch. Je näher "Der Kovent" seinem Finale kommt, desto mehr verabschiedet sich der Film von seinem zuvor halbwegs kontrollierten Ton. Aus dem historischen Psychothriller wird zunehmend ein sehr konventioneller Dämonenhorror, der seine Geschichte mit immer drastischeren Ideen zu Ende bringen möchte. Der finale Twist soll offenbar alles noch einmal herumreißen, wirkt aber eher wie ein hektischer Versuch, die zuvor ziemlich zähe Handlung mit einem großen Knall abzuschließen. Ohne zu spoilern: Für mich funktioniert das weder als Überraschung noch als wirklich befriedigende Auflösung. Besonders ärgerlich ist das, weil die reale Vorlage wesentlich interessanter ist. Die sogenannten satanischen Nonnen von Corella waren im 18. Jahrhundert tatsächlich Gegenstand eines Inquisitionsverfahrens. Der Film nimmt diesen historischen Hintergrund allerdings eher als Sprungbrett für seine Horrorstory, statt sich intensiver mit den damaligen gesellschaftlichen, religiösen und psychologischen Umständen auseinanderzusetzen. Eine historische Aufarbeitung wäre hier mindestens genauso spannend gewesen wie die übernatürliche Variante. 

Das macht "Der Kovent" letztlich zu einem Film mit einer besseren Idee als deren Umsetzung. Die Atmosphäre stimmt teilweise, die Schauplätze passen hervorragend und gerade die ersten Ansätze zwischen Glauben, Zweifel und religiösem Fanatismus machen neugierig. Aber das Tempo ist zu gemächlich, die Figuren bleiben blass und der Horror entwickelt zu wenig Wirkung. Wenn dann ausgerechnet das Finale völlig überzieht, ist das vorhandene Potenzial endgültig verschenkt. Damit hätte "Der Konvent" mit seinem historischen Hintergrund und dem abgeschotteten Klostersetting durchaus ein atmosphärischer, psychologisch interessanter Horrorfilm werden können. Stattdessen bekommt man einen stellenweise hübsch fotografierten, aber spannungsarmen Genrebeitrag, der seine interessantesten Ideen nicht konsequent verfolgt und sich zum Ende hin immer stärker in vorhersehbaren Horror-Klischees verliert. 

4/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Elcon Films/Mother Superior/teleaut produzione/El Sueño Eterno Pictures