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Sonntag, 19. Juli 2026

The Odyssee - Die Odyssee (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt33764258/
https://letterboxd.com/film/the-odyssey-2026/

Nach dem Trojanischen Krieg möchte König Odysseus (Matt Damon) wieder zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland) nach Ithaka zurückkehren. Doch der Heimweg wird schwieriger als erwartet, denn Odysseus steht ein langes Abenteuer voller Gefahren bevor. So muss er sich unter Anderen mit der Göttin Kalypso (Charlize Theron), dem Zyklopen Polyphem (Bill Irwin) und der Zauberin Circe (Samantha Morton) auseinandersetzen. In der Zwischenzeit begibt sich die Göttin Athene (Zendaya) in Odysseus' Heimat Ithaka und drängt Telemachos dazu, sich auf die Suche nach seinem Vater zu machen. Daher begibt er sich nun zu König Menelaos von Sparta (Jon Berthal), Odysseus' Mitstreiter im Trojanischen Krieg, und bittet diesen um Rat.

Dieser Film stammt von demselben Regisseur, der "Interstellar", "The Dark Knight"-Trilogie, "Inception", "The Prestige", "Oppenheimer", "Memento", "Insomnia", Dunkirk" und "Tenet" gemacht hat.

10/10

Zugegeben - bei einem Regisseur wie Christopher Nolan gibt man gern mal Vorschusslorbeeren. Einfach weil seine filmische Vita bis dato keinerlei wirkliche Fehlschläge aufzeigt. Doch so eine Erfolgsgeschichte hat erfahrungsgemäß auch große Nachteile, denn die Erwartungen des Publikums werden von Anfang an entsprechend hoch gesteckt. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie bleibt man dann seinem Ruf noch so gerecht, dass man weiterhin als einer der erfolgreichsten Regisseure der Welt bekannt bleibt? Nun, in Nolans Fall ist es wohl die hingebungsvolle Aufmerksamkeit, die er selbst seinem Stoff widmet und seine filmische Umsetzung ("Die Odyssee" ist beispielsweise der erste Film, der vollständig auf 70mm-IMAX-Kameras gedreht wurde). Kurz: man spürt, dass Nolan in jedem seiner Filme einfach alles gibt was er hat. Darüber hinaus gilt Homers "Odyssee" ja als Fundament der westlichen Erzählkunst. Sie ist Abenteuerroman, Familiendrama, Mythologie, Kriegsnachwirkung und philosophische Reflexion zugleich. Generationen von Autoren, Regisseuren und Künstlern haben sich an ihr versucht - von den Sandalenepen der 1950er Jahre über Wolfgang Petersens "Troja" bis hin zu den augenzwinkernden Neuinterpretationen der Coen-Brüder in "O Brother, Where Art Thou?". Selbst moderne Fantasy wie "Der Herr der Ringe" oder historische Monumentalfilme wie "Gladiator" tragen unverkennbar Spuren von Homers Werk in sich. Doch keine dieser Adaptionen wagt den Schritt, den Christopher Nolan nun geht: Er erzählt die Geschichte nicht als Museumsstück, sondern als lebendiges, zutiefst menschliches Epos. Nolan macht keine Filme, die bloß Geschichten erzählen. Er macht Filme, die einen daran erinnern, warum Geschichten seit Jahrtausenden überhaupt erzählt werden. Und "Die Odyssee" reiht sich nahtlos in seine Vita ein. 

Schon die ersten Minuten machen deutlich, dass Nolan keine klassische Abenteuerreise inszenieren möchte. Der Trojanische Krieg dient nicht als heroischer Triumph, sondern als Ausgangspunkt eines Mannes, dessen größter Kampf erst beginnt. Odysseus kehrt nicht als strahlender Held heim - er trägt die Last eines Krieges mit sich, der ihn innerlich verändert hat. Diese Perspektive verleiht der bekannten Geschichte eine emotionale Tiefe, die weit über spektakuläre Monster, Sirenen oder göttliche Eingriffe hinausgeht. Matt Damon liefert dabei möglicherweise die beste Leistung seiner Karriere ab. Sein Odysseus ist weder makelloser Held noch tragischer Märtyrer. Er ist klug, erschöpft, stolz, verletzlich und manchmal erschreckend eigensinnig. Jede Entscheidung wirkt wie das Ergebnis jahrelanger Erfahrungen, jeder Blick erzählt von den Opfern des Krieges. Anne Hathaway verleiht Penelope außergewöhnliche Würde und Stärke, während Tom Holland als Telemachos weit mehr sein darf als bloßer Nebencharakter. Seine parallele Entwicklung spiegelt die Reise seines Vaters und macht deutlich, dass Heimkehr immer beide Seiten verändert. Auch die übrige Besetzung überzeugt auf ganzer Linie. Robert Pattinson verleiht Antinoos eine bedrohliche Präsenz, Charlize Theron erschafft eine faszinierend ambivalente Kalypso und Samantha Morton sorgt als Kirke für einige der eindrucksvollsten Momente des Films. Selbst kleinere Rollen hinterlassen bleibenden Eindruck, weil Nolan seinem Ensemble ungewöhnlich viel Raum gibt.


Visuell gehört "Die Odyssee" zum Beeindruckendsten, was das moderne Blockbusterkino hervorgebracht hat. Die IMAX-Kamera unter Hoyte van Hoytema verwandelt das Mittelmeer in einen nahezu mythischen Raum. Gewaltige Küstenlandschaften, peitschende Stürme und monumentale Tempelanlagen wirken nie wie digitale Kulissen, sondern besitzen eine greifbare physische Präsenz. Die Begegnungen mit Polyphem, den Sirenen oder Skylla entfalten ihre Wirkung gerade deshalb so intensiv, weil Nolan nie den Fehler macht, Spektakel über Atmosphäre zu stellen. Das Fantastische wirkt hier stets wie eine natürliche Erweiterung einer ansonsten realen Welt. Überhaupt hat man niemals das Gefühl, hier überbordernde CGI zu sehen oder der fünfhundersten noch epischeren Schlacht beizuwohnen. Sicher gibt es CGI und natürlich gibt es Schlachten, Nolan opfert aber nie seine Inszenierung für das Spektakel. Diese Effekte fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und wirken dadurch angenehm zurückgenommen, fast schon peinlich entschuldigend dafür, dass sie überhaupt da sind. Oft sieht man nur etwas im Hintergrund, aus der Perspektive der Person - die Effekte stehen nie (oder nur selten, wenn es darauf ankommt) im Vordergrund, sondern immer die Person. Besonders bemerkenswert ist, wie viele einzelne Sequenzen bereits jetzt, zum Kinostart, zum modernen Klassiker des Monumentalkinos avancieren. Hervorzuheben ist da besonders die erschütternde Eröffnung rund um den Fall Trojas, die gleichermaßen als spektakuläre Schlacht und als schonungslose Darstellung der Sinnlosigkeit des Krieges funktioniert. Auch die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem zählt zu den eindrucksvollsten Szenen des Films: Nolan verbindet hier praktisches Effektkino mit einer beinahe greifbaren Horroratmosphäre und schafft einen der spannendsten Momente seiner Karriere. Nicht weniger Lob kann man für die Episode um Kirke, die von Samantha Morton mit faszinierender Ambivalenz gespielt wird, vergeben. Ihre Geschichte ist der emotionale Wendepunkt des Films, weil sich hier erstmals Odysseus' innerer Konflikt stärker entfaltet als die äußeren Gefahren. Zudem kommen gewaltige Seesturm-Sequenzen und die Begegnungen mit den Sirenen, die die atemberaubende Inszenierung nur unterstreichen.

Hinzu kommt Ludwig Göranssons überwältigende, wuchtige Musik, die antike Klangwelten mit modernen orchestralen Strukturen verbindet. Sie begleitet die Handlung nicht bloß - sie trägt sie und verschmilzt Bild und Ton zu einem nahezu hypnotischen Erlebnis. Zusammen mit dem präzisen Schnitt entwickelt der Film einen hypnotischen Rhythmus, der seine fast drei Stunden erstaunlich kurz erscheinen lässt. Bemerkenswert ist außerdem, wie souverän Nolan die Themen der Vorlage in unsere Gegenwart überträgt. Heimat wird nicht als Ort verstanden, sondern als Identität. Die Götter erscheinen weniger als allmächtige Puppenspieler denn als Ausdruck menschlicher Ängste, Hoffnungen und moralischer Konflikte. Schuld, Verlust, Verantwortung und die Frage, ob ein Mensch nach den Schrecken des Krieges jemals wirklich nach Hause zurückkehren kann, bilden das emotionale Fundament des Films. Damit bleibt Nolan Homers Werk erstaunlich treu - nicht im Wortlaut, sondern im Geist. Und ist damit vermutlich auch viel näher an der Vorlage Homers als alle mythischen, an übernatürliche Wesen glaubenden Adaptionen vor ihm. Der vielleicht größte Triumph gelingt Nolan jedoch im Finale auf Ithaka. Die Rückkehr des lange verschollenen Königs, das vorsichtige Wiederfinden zwischen Odysseus, Penelope und Telemachos sowie die anschließende Abrechnung mit den Freiern sind quasi der perfekte Höhepunkt dieses dreistündigen Epos. Und gerade weil Nolan diese Szenen nicht als bloßen Actionhöhepunkt inszeniert, sondern als emotionales und moralisches Finale einer jahrzehntelangen Reise, erreicht "Die Odyssee" eine Kraft, die weit über das Spektakel hinausgeht und den Film lange nach dem Abspann nachhallen lässt. 


Natürlich erkennt man dabei unverkennbar den Regisseur hinter "Memento", "Inception", "Interstellar" und "Oppenheimer". Die nichtlineare Erzählweise, das Spiel mit Erinnerung und Zeit sowie die philosophische Auseinandersetzung mit Identität sind typische Nolan-Motive. Doch anders als manche seiner früheren Werke verliert sich "The Odyssey" nie in intellektueller Konstruktion. Hier stehen die Figuren im Mittelpunkt. Das Ergebnis wirkt emotional zugänglicher als "Tenet", persönlicher als "Inception" und gleichzeitig größer als alles, was Nolan bislang auf die Leinwand gebracht hat. Und das hat nach Filmen wie "Interstellar" und "Oppenheimer" ein Gewicht, dass man kaum in Worte fassen kann.

Vergleiche mit Filmen wie "Gladiator", "Troja", "Königreich der Himmel" oder sogar Peter Jacksons "Der Herr der Ringe"-Trilogie drängen sich zwangsläufig auf. Doch "Die Odyssee" kopiert keines dieser Werke. Stattdessen vereint der Film das Monumentale historischer Epen mit der psychologischen Tiefe moderner Charakterdramen und der erzählerischen Komplexität, für die Nolan seit Jahren bekannt ist. Dadurch entsteht etwas Seltenes: ein Blockbuster, der sowohl überwältigt als auch nachdenklich macht. Christopher Nolan beweist eindrucksvoll, dass große Mythen niemals veralten. Sie warten lediglich auf den richtigen Erzähler. "Die Odyssee" ist kein gewöhnlicher Abenteuerfilm, er wurde von interessierten Zuschauern von Beginn an auch nicht so gesehen oder erwartet. "Die Odyssee" ist eine monumentale Meditation über Krieg, Schuld, Familie und die ewige Sehnsucht nach Heimat. Ein Werk von atemberaubender visueller Kraft, außergewöhnlicher erzählerischer Reife und emotionaler Wucht - und zweifellos einer der wichtigsten Filme des modernen Kinos. Und man kann am Ende und ohne Umschweife sagen, dass Christopher Nolan mit "Die Odyssee" das beinahe Unmögliche gelingt: Er macht einen über 2.700 Jahre alten Mythos so zeitlos und überwältigend, als wäre er eigens für das Kino des 21. Jahrhunderts geschrieben worden. Ein modernes Meisterwerk, das lange nach dem Abspann nachhallt - und eine uneingeschränkte Empfehlung verdient. Es bleibt dabei.

10/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkUniversal Pictures/Syncopy

Montag, 13. Juli 2026

Insomnia - Insomnia: Schlaflos (2002)

https://www.imdb.com/de/title/tt0278504/
https://letterboxd.com/film/insomnia-2002/

In der Einöde Alaskas ist ein brutaler Mord geschehen. Um der unerfahrenen Polizistin Ellie Burr (Hilary Swank) bei den Ermittlungen zu helfen, werden die Cop-Legende Will Dormer (Al Pacino) und sein Partner Hap Eckhart (Martin Donovan) angefordert. Dormer jedoch hat eigentlich ganze andere Sorgen: Sein Kumpel plant, mit der Abteilung für Innere Angelegenheiten wegen eines Fehlverhaltens von Dormer einen Deal abzuschließen, der ihm die Haut rettet, aber seinem ehrgeizigen Partner die Karriere kosten wird. Der Trip nach Alaska gewährt nur ein wenig Aufschub. Dem Mörder der 17-jährigen Schülerin kommen die beiden Profis schnell auf die Spur. Sie stellen ihm eine Falle, aber im dichten Nebel kommt es zum Desaster. Aus Versehen erschießt Will seinen Partner Hap, weil er ihn für den fliehenden Täter hält. Aus Angst, seine Karriere zu riskieren, verschweigt er sein Versagen und schiebt den Mord dem Killer in die Schuhe. Doch der kennt die Wahrheit. Der Kriminalautor Walter Finch (Robin Williams) schlägt dem Cop einen Handel vor...

"Insomnia" ist ein packender psychologischer Thriller, der weniger von seinem Kriminalfall als von den Menschen dahinter lebt. Bevor Regisseur Christopher Nolan mit der "The Dark Knight"-Trilogie, "Inception" oder "Oppenheimer" zu einem der prägendsten Regisseure seiner Generation wurde, inszenierte er mit "Insomnia" einen vergleichsweise kleinen, aber bemerkenswert intensiven Thriller. Das Remake des gleichnamigen norwegischen Films ist weniger ein klassischer Krimi als vielmehr eine psychologische Studie über Schuld, Moral und die zerstörerische Kraft des eigenen Gewissens. Schon die Ausgangslage macht "Insomnia" zu etwas Besonderem. Die permanente Mitternachtssonne Alaskas wird zu einem zentralen Element des Films. Es wird nie richtig dunkel, Schlaf ist kaum möglich, und die Grenzen zwischen Realität, Erschöpfung und Schuld verschwimmen zunehmend. Nolan nutzt dieses ungewöhnliche Setting hervorragend und erzeugt eine ständige innere Unruhe. Die hellen, fast blendenden Bilder wirken paradoxerweise ebenso bedrückend wie die Dunkelheit eines klassischen Film-Noir.

Den größten Anteil am Gelingen des Films hat jedoch Al Pacino. Seine Darstellung des Will Dormer gehört zu den ruhigeren, aber gleichzeitig eindringlichsten Leistungen seiner Karriere. Dormer ist kein makelloser Held, sondern ein Mann, der zunehmend an seinen eigenen Entscheidungen zerbricht. Pacino spielt diesen moralischen Verfall mit großer Zurückhaltung und verleiht der Figur eine Tragik, die den Film emotional trägt. Jedoch nicht weniger beeindruckend ist Robin Williams. Bekannt vor allem für seine komödiantischen Rollen, zeigt er hier eine seiner stärksten dramatischen Leistungen. Sein Walter Finch ist kein überzeichneter Filmpsychopath, sondern ein intelligenter, verstörend normal wirkender Mann, dessen ruhige Art eine permanente Bedrohung ausstrahlt. Gerade die Szenen zwischen Williams und Pacino gehören zu den Höhepunkten des Films und leben von ihrer subtilen Spannung. Auch Hilary Swank überzeugt als junge Polizistin Ellie Burr, die zu ihrem erfahrenen Kollegen aufblickt und gleichzeitig immer stärker an dessen Integrität zweifelt. Ihre Figur bringt eine zusätzliche moralische Ebene in die Geschichte und sorgt dafür, dass der Film nicht ausschließlich zum Duell zwischen Ermittler und Täter wird.

Besonders fasziniert, dass "Insomnia" weitgehend auf große Überraschungen oder spektakuläre Wendungen verzichtet. Der Täter wird früh enthüllt, doch darum geht es Nolan auch gar nicht. Statt eines klassischen Whodunits interessiert ihn vielmehr, wie sich Schuld auf einen Menschen auswirkt und welche Kompromisse jemand eingeht, um seine eigene Wahrheit aufrechtzuerhalten. Diese psychologische Ausrichtung verleiht dem Film eine bemerkenswerte Tiefe. Die eher ruhige Erzählweise ist daher geschickt und passt hervorragend zum Thema das Films. Wie in Trance erlebt man diese filmgewordene Schlaflosigkeit. Einige Nebenfiguren bleiben zwar etwas blass, und manche Handlungselemente entwickeln sich recht vorhersehbar, dennoch funktioniert "Insomnia" insgesamt hervorragend. Die dichte Atmosphäre, die herausragenden Schauspieler und Nolans präzise Inszenierung machen aus dem Stoff einen fesselnden Thriller, der lange nachwirkt. Gerade weil der Film auf innere Konflikte statt auf Action setzt, besitzt er eine zeitlose Qualität, die ihn auch mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung sehenswert macht. Nolan inszeniert eine intensive Geschichte über Schuld und Selbsttäuschung, getragen von einem großartigen Al Pacino und einem beeindruckend gegen sein Image besetzten Robin Williams. Zwar fehlen die ganz großen Überraschungen, doch die starke Atmosphäre und die vielschichtigen Figuren machen "Insomnia" zu einem der unterschätztesten Filme in Nolans quasi makelloser Filmografie.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkAlcon Entertainment/Witt/Thomas Productions/Section Eight

Sonntag, 2. Februar 2025

The Prestige - Prestige: Die Meister der Magie (2006)

https://www.imdb.com/de/title/tt0482571/

Basierend auf einem Roman von Christopher Priest erzählt Christopher Nolan die Geschichte zwei Magier im London am Ende des 19. Jahrhunderts. Die beiden aufstrebenden Zauberkünstler Robert Angier (Hugh Jackman) und Alfred Borden (Christian Bale) stehen in einem unerbittlichen Konkurrenzkampf miteinander, der bald das erste Todesopfer fordert: Angiers Frau Julia (Piper Parabo), die als Assistentin auf der Bühne steht, kommt bei einem von Bordens spektakulär-waghalsigen Tricks ums Leben. Angier gibt Borden die Schuld am Tod seiner Frau. Es folgt eine erbitterte Schlacht um Ruhm, Ehre und Publikumsgunst...

"Jeder Zaubertrick besteht aus drei Akten. Im ersten Teil wird das Thema vorgestellt: der Magier zeigt Ihnen etwas ganz Gewöhnliches; ein Kartenspiel, einen Vogel oder eine Person. Er zeigt Ihnen dieses Objekt. Vielleicht bittet er Sie auch darum, es zu inspizieren, damit Sie sehen können, dass es wirklich echt ist, ja, unverfälscht und normal. Doch wahrscheinlich ist es das natürlich nicht. In der zweiten Phase geschieht der Effekt: der Magier nimmt das gewöhnliche Objekt und lässt damit etwas Außergewöhnliches geschehen. Nun suchen Sie nach den Geheimnissen, aber Sie werden es nicht finden, denn natürlich ist es so, dass Sie nicht wirklich hinsehen; Sie wollen es eigentlich gar nicht wissen. Sie wollen sich täuschen lassen. Aber noch applaudieren Sie nicht, denn etwas verschwinden zu lassen, ist nicht genug - man muss es auch zurückbringen. Aus diesem Grund hat jeder Zaubertrick einen dritten Akt, den schwierigsten Teil, das Finale. Man nennt ihn Prestigio."

Ich bin der Meinung, dass "Prestige: Meister der Magie“ Christopher Nolans bester Film ist, und zwar aus folgenden Gründen: Die verworrene Abfolge der Erzählung, die in der Zeit und allem hin und her springt, ergänzt und verbessert die Handlung tatsächlich - vielleicht zum einzigen Mal in seiner Filmografie nach "Memento". Nolan treibt einen in den Wahnsinn, indem er darauf besteht, dass jeder seiner Filme auch eine Studie in nichtlinearem Geschichtenerzählen sein muss. Selten wird dies tatsächlich durch die Geschichte gerechtfertigt, die sie erzählen. Tatsächlich riecht es normalerweise nur nach Effekthascherei. Warum musste "Dunkirk" drei Handlungsstränge haben, die wie eine Art illusorischer Joycescher Fiebertraum durch die Zeit verflochten sind? Brauchte es nicht wirklich. 

Aber bei "Prestige: Meister der Magie" kann man viel leichter argumentieren, dass die erzählerische Komplexität für die Geschichte, die sie erzählen, notwendig war – weil sie die Struktur eines Zaubertricks nachahmt. Michael Caine beschreibt sogar, was wir gleich sehen werden, im Eröffnungsmonolog, wenn er die Anatomie eines Zaubertricks erklärt. Die Struktur des Films folgt genau dieser Beschreibung und setzt diese epische Rivalität zwischen zwei Zauberern in Gang, die alles tun - buchstäblich alles -, um einander zu übertrumpfen und den Ruhm und die Bewunderung des Publikums zu gewinnen. Die ganze Zeit suchen wir, das Publikum, nach den Geheimnissen hinter ihren Tricks, aber in einem anderen Sinne besteht ein Teil des Spaßes an der Struktur dieses Films darin, dass wir auch getäuscht werden wollen. Wenn das allerletzte Prestigio enthüllt wird, ist das ein echter Trip und wirft dabei einige existenzielle Fragen auf. Vor allem aber stellt er die Frage wie weit ein Mensch bereit ist zu gehen, um in die Annalen der Geschichte einzugehen. Hier ist es "nur" Zauberei, aber es geht um mehr: es geht um die Selbstaufgabe, die Hingabe und der unbedingte Wille, der Beste zu sein.

Die Schauspielerei ist natürlich erstaunlich. Der Film ist mit wunderschönen historischen Details ausgestattet und mit untadeligem technischen Können gemacht. Aber die verworrene Erzählstruktur, die Verdoppelungen, die Psychospielchen, die der Film mit dem Publikum spielt – sie sind tatsächlich verdient und machen den Film vor allem besser. So oft spielen die Nolans, beide, mit Zeit und Struktur, ohne klaren Grund, außer, um ihrer Arbeit eine gewisse Schärfe zu verleihen, schätze ich. Aber in "Prestige: Die Meister der Magie“ dient alles einem höheren Zweck und ich denke, es ist mit Abstand Christopher Nolans bester Film bis heute.

9,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe
: Warner Bros.
Poster/Artwork: Warner Bros.

Donnerstag, 20. Juli 2023

Oppenheimer (2023)

https://www.imdb.com/title/tt15398776/

Als dem Physiker Julius Robert Oppenheimer (Cillian Murphy) während des Zweiten Weltkriegs die wissenschaftliche Leitung des Manhattan-Projekts übertragen wird, können er und seine Ehefrau Kitty (Emily Blunt) sich nicht vorstellen, welche Auswirkungen Oppenheimers Arbeit nicht nur auf ihr Leben, sondern auf die ganze Welt haben wird. Im Los Alamos National Laboratory in New Mexico sollen er und sein Team unter der Aufsicht von Lt. Leslie Groves (Matt Damon) eine Nuklearwaffe entwickeln - was ihnen auch gelingt. Oppenheimer wird zum "Vater der Atombombe" ausgerufen, doch dass seine tödliche Erfindung bald folgenschwer in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wird, lässt Oppenheimer Abstand von dem Projekt nehmen. Als der Krieg zu Ende geht, setzt sich Robert Oppenheimer als Berater der US-amerikanischen Atomenergiebehörde, die von Lewis Strauss (Robert Downey Jr.) mitbegründet wurde, für eine internationale Kontrolle von Kernenergie und gegen ein nukleares Wettrüsten ein - und gerät ins Visier des FBI....

Der theoretische Physiker Julius Robert Oppenheimer (1904-1967) stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie und gab zu, ein "Mitläufer Mitläufer" der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein. Oft anfällig für Depressionen, war ein hervorragender Chemiker und Physiker sowie und ein Pionier der Quantenmechanik. Er wurde vor allem während des Zweiten Weltkriegs für seine Rolle als wissenschaftlicher Leiter des "Manhattan-Projekts" bekannt. Dieses im Jahr 1943 geheim gehaltenen Los Alamos National Laboratory in New Mexico stationierte Projekt hatte zum Ziel, die ersten Nuklearwaffen zu entwickeln. Robert Oppenheimer gilt als "Vater der Atombombe", verurteilte jedoch ihren weiteren Einsatz, nachdem er die Folgen ihres Einsatzes gegen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki gesehen hatte. Nach dem Krieg arbeitete Robert Oppenheimer als Berater der 1946 neu gegründeten Atomenergiebehörde der Vereinigten Staaten und nutzte diese Position dazu, sich für eine internationale Kontrolle der Kernenergie und gegen ein nukleares Wettrüsten zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten einzusetzen. Nachdem er sich mit seinen politischen Ansichten das Missfallen vieler Politiker während der McCarthy-Ära zugezogen hatte, wurde ihm am 29. Juni 1954 die Sicherheitsberechtigung entzogen. Von direkter politischer Einflussnahme ausgeschlossen, setzte er seine Arbeit als Physiker in Forschung und Lehre fort. Knapp ein Jahrzehnt später wurde Robert Oppenheimer 1963 durch Präsident Lyndon B. Johnson als Zeichen seiner politischen Rehabilitierung der Enrico-Fermi-Preis verliehen.

In Christopher Nolans zwölftem Spielfilm mit dem Titel "Oppenheimer" spielt Cillian Murphy die Rolle von J. Robert Oppenheimer. Autor und Regisseur Paul Schrader bezeichnete "Oppenheimer" als "den besten und wichtigsten Film dieses Jahrhunderts". Und man kann ohne Umschweife behaupten, dass, wenn man nur einen Film im Jahr sehen will, es "Oppenheimer" sein sollte. Dazu muss man auch kein Nolan-Groupie sein, aber dieser Film reißt einfach die Türen aus den Angeln. Nolan klammert in seinem Film grob aus, was in Oppenheimers Jugend oder in seinem Ruhestand geschah, und konzentriert sich auf das, was im Mittelpunkt des nach der gleichnamigen Figur benannten Biopics steht. Soweit es die eher elliptische Struktur des Films zulässt, geht es dem Filmemacher um die Frage, ob Wissenschaftler sowohl vor ihrem eigenen Gewissen als auch vor dem Rest der Menschheit für die Nutzung ihrer Erfindungen durch Politiker verantwortlich sind.

Nolans Antwort auf seine eigene Frage liefert er in drei Stunden, brillant wie immer, wenn auch mit einem Hang zur Konzeptualität und mit einem Nachdruck, der wie immer dazu führt, dass seine Filme meist in übertrieberer Ausdrucksweise versinken. Angesichts des aktuellen Hollywood-Trends zu infantilisierten Filmen könnte man dafür jedoch fast dankbar sein. Das neue Werk des Regisseurs ist ein sanfter Ausdruck der Formel, die drei Epochen in einer Art chronologischer Verflechtung nebeneinander stellt, wobei jede Epoche mit einem Rückblick auf die vorhergehende beginnt. Nolans clevere Herangehensweise, die den Zuschauer auch schon in Filmen wie "Inception" oder "Tenet" zum Stauenen brachte, weil sich die Abfolge wie eine Matrjoschka anfühlt, wirft auch in "Oppenheimer" nur langsam Licht auf eine sich beim Zuschauer einschleichende Verwirrung. Der längste und letzte Abschnitt - vollständig in Schwarz-Weiß präsentiert - beschreibt das Auftreten von Robert Downey Jr.. Er ist der doppelzüngige Vorsitzende der Atomenergiekommission Lewis Strauss, die die Rolle untersucht, die er bei der Amtsenthebung Oppenheimers einige Jahre zuvor gespielt hat. Es stellt sich heraus, dass Strauss, ein fanatischer Konservativer, der auch von Oppenheimer öffentlich gedemütigt worden war, eine besonders schädliche Aussage macht, die gleichermaßen von Ideologie und persönlichem Groll motiviert ist. Und allein solche Dinge sind, es, die "Oppenheimer" auszeichnen.

Das Hauptereignis ist aber die erschreckende erste Demonstration: der "Trinity"-Atomtest in der Wüste von New Mexico im Juli 1945, bei dem Oppenheimer im Stillen über die Zeilen Vishnus aus der Hindu-Schrift Bhagavad-Gita nachgedacht haben soll (und später im Fernsehen intonierte): "Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten...". Das ist der Urknall, und niemand hätte ihn größer und überwältigender machen können als Nolan. Er tut dies, ohne es einfach in einen Action-Stunt zu verwandeln - obwohl dieser Film bei all seiner Kühnheit und seinem Ehrgeiz nie ganz das Problem seiner eigenen Stumpfheit löst: Er füllt das Drama so ausführlich mit den Qualen des genial-funktionären Oppenheimer auf Kosten der Darstellung der japanischen Erfahrung und der Menschen in Hiroshima und Nagasaki. Nolan bewegt sich in der Zeit vor und zurück, auf beiden Seiten der historischen Feuerpause von 1945, und zeigt Oppenheimers Anfänge als junger Wissenschaftler, einsam und unglücklich, elektrisiert von den neuen Entwicklungen in der Quantenmechanik, der nie Mitglied der kommunistischen Partei wurde, dessen Antifaschismus aber seinen Wunsch beflügelte, die Bombe zu entwickeln, bevor die Nazis es konnten, und der die Arbeit von Hunderten von Wissenschaftlern leitete.

Später, in den 50er Jahren, ist da der desillusionierte, kompromittierte Administrator, der von den McCarthy-Anhängern wegen seiner kommunistischen Verbindungen verfolgt wird, der von seiner eigenen sinnlosen Berühmtheit angewidert ist, von seinem Versagen, nach dem Krieg eine internationale Atomkontrolle zu etablieren, und von einem einzigen verleugneten Gedanken: Die Nazis kapitulierten, lange bevor es irgendeinen Hinweis darauf gab, dass sie die Waffe besaßen, und die Bombardierung der besiegten Japaner in Hiroshima und Nagasaki diente lediglich dazu, die Russen mit einer rücksichtslosen Demonstration der nuklearen Meisterschaft der USA einzuschüchtern. Cillian Murphy sieht Oppenheimer unheimlich ähnlich, mit seinem Markenzeichen, dem Hut und der Pfeife, und es gelingt ihm sehr gut, sein Gefühl der Einsamkeit und der emotionalen Gefangenschaft einzufangen, indem er dem Zuschauer den Oppenheimer-Millionenblick schenkt, mit den großen Augäpfeln in einem hageren Schädel, der Dinge sieht und voraussieht, die er nicht verarbeiten kann.

Matt Damon ist der barsche Generalleutnant Richard Groves, Oppenheimers militärischer Betreuer; Kenneth Branagh ist sein genialer wissenschaftlicher Held und Mentor Niels Bohr; Florence Pugh spielt seine Geliebte Jean Tatlock, deren Herz er gebrochen hat, während Emily Blunt seine von ihm ebenfalls schlecht behandelte (und stark dem Alkoholismus zugeneigte) Frau Kitty spielt. Letztere beweist aber vor allem im letzten Akt ihre Scharfsinnigkeit und lässt beim Zuschauer die Kinnlade herunter klappen. Tom Conti spielt den traurig-abgehobenen Albert Einstein, und man muss sagen, dass Nolan, ob zu Recht oder zu Unrecht, nicht-jüdische Schauspieler für Oppenheimer und Einstein, zwei der berühmtesten jüdischen Menschen der Geschichte, einsetzt und den Antisemitismus, dem Oppenheimer als assimilierter, säkularer, amerikanischer Jude ausgesetzt war, nicht ganz in den Griff bekommt. Es gibt eine furchtbar ergreifende Szene, die Oppenheimers prägende Erfahrung als unglücklicher Doktorand in England am Christ's College in Cambridge zeigt. Er erlitt so etwas wie einen psychotischen Zusammenbruch und ließ einen vergifteten Apfel auf dem Schreibtisch seines gereizten Vorgesetzten Patrick Blackett (James D'Arcy) liegen, den Blackett glücklicherweise nicht bemerkte und nicht aß. Nolan lädt kühl dazu ein, dies als Gleichnis für das verlorene Eden einer unschuldigeren Vorkriegsphysik zu sehen, mit Oppenheimer als Schlange mit Adams törichter Unschuld. Und natürlich gibt es die schleichende biografische Ironie: wie furchtbar nah Oppenheimer daran war, jemanden mit eigener Hand zu töten.

Die geballte Ladung Angst wird aber in einer Szene geliefert, die Nolan auch mit unverblümtem Gusto behandelt. Nach der erfolgreichen Zündung der Hiroshima-Bombe zeigt Murphy den schockierten Oppenheimer, der aber auch erkennt, dass er vor einem Publikum von jubelnden Kollegen und Untergebenen sprechen muss. Er weiß, dass es seine Pflicht als Führungskraft ist, ihnen zu gratulieren und optimistisch zu sein. Er stammelt eine dumme Bemerkung darüber, dass es den Japanern "nicht gefallen hat", merkt dann, wie gefühllos das war, und beginnt, das Grauen zu halluzinieren. Der Hintergrund verschwimmt, alles dröhnt. Natürlich hat Oppenheimer den tatsächlichen Einsatz seiner Waffe nicht miterlebt, er hat nie etwas gesehen, das zum Tod wurde, zum Zerstörer von Welten, und Nolan beschließt, auch hier wegzusehen, in den USA zu bleiben, bei Oppenheimer selbst zu bleiben, in seiner plötzlichen tragischen Bedeutungslosigkeit.

Der vielleicht wichtigste Moment des Films ist derjenige, der seine eigene Schwäche anspricht: die legendäre Nachkriegsbegegnung im Oval Office des Weißen Hauses zwischen Oppenheimer und Präsident Harry S. Truman (gespielt von Gary Oldman), dem Mann, der die endgültige exekutive Entscheidung zum Abwurf der Bombe traf. Nolan und Murphy zeigen, wie sich Oppenheimer wie ein verängstigter kleiner Junge in die Couch vor ihm verkriecht und offenbar so etwas wie Absolution vom Präsidenten will und murmelt, er habe das Gefühl, "Blut an den Händen zu haben". Wütend und verblüfft sagt Truman ihm knapp, dass er als Präsident für all das verantwortlich sei, und stellt eine sehr berechtigte Frage: Glaubt Oppenheimer, dass es die Japaner interessiert, wer die Bombe gebaut hat? Nein, sie wollen wissen, wer sie abgeworfen hat. Es stimmt: Die Konzentration auf Oppenheimer ist faszinierend und gleichzeitig nebensächlich für die Geschichte.

Und am Ende zeigt Nolan dem Publikum, wie die herrschende Klasse der USA Oppenheimer nicht verzeihen konnte, dass er sie zu Herren des Universums gemacht hat, wie sie es nicht ertragen konnte, in der Schuld dieses liberalen Intellektuellen zu stehen. Oppenheimer verliert sich auf ergreifende Weise in der kaleidoskopischen Masse der gebrochenen Blicke: der Opfer-Heldenfetisch des amerikanischen Jahrhunderts. Ein grandioses Biopic, aber das durfte man auch erwarten.

9,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Universal Pictures
Textauszüge: Wikipedia

Donnerstag, 27. August 2020

Tenet (2020)

https://www.imdb.com/title/tt6723592/

Ein CIA-Agent (John David Washington) wird nach einem Einsatz bei einem Terroranschlag auf die Kiewer Oper enttarnt und überwältigt. Selbst unter Folter weigert er sich jedoch, seine Kollegen zu verraten und nimmt sich selbst das Leben - oder glaubt das zumindest. In Wahrheit hat er so einen ultimativen Test bestanden und dadurch Zugang zu einer supergeheimen Organisation gewonnen, die versucht den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Die Mitarbeiter stoßen immer wieder auf Gegenstände aus der Zukunft, die sich rückwärts in der Zeit bewegen - die sogenannte Inversion. Offenbar handelt es sich dabei um eine Kriegserklärung aus der Zukunft, deren Mittelsmann der russische Waffenhändler Andrei Sator (Kenneth Branagh) ist. Gemeinsam mit seinem neuen Partner Neil (Robert Pattinson) versucht der Protagonist, Zugang zu Sator zu erhalten und den Krieg der Zeiten zu verhindern. Eine Möglichkeit scheint Sators Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) zu sein...

Christopher Nolan hat sich mittlerweile ein solch schwergewichtigen Namen zugelegt, dass die Erwartungen an seine Filme seit seinem zweiten Werk "Memento" in solch unermessliche Höhen gestiegen ist, dass man meinen könnte, eigentlich nur enttäuscht werden zu können. "Tenet" nun wurde bereits zum ersten Event-Film des Jahres, noch bevor die globale Pandemie ihn in ein schier unerreichbares Objekt verwandelte, dessen Reiz immer stärker wurde, je weiter sich seine Veröffentlichung nach hinten verschob. Das ist eine absurde Art, einen Film so zu betrachten, aber inmitten dieser stets geschäftsorientierten Praxis fragt man sich, ob Regisseur Christopher Nolan insgeheim wenigstens ein bisschen über die erhöhte Mystik um seinen Film amüsiert war. "Tenet" ist Nolans zehnter Film bei dem er gleichzeitig als Regisseur als auch Autor tätig war und sein elfter Film überhaupt. Dass Nolan keine Totalausfälle in seiner bisherigen Vita zu verzeichnen hat, spricht für ihn - sowohl als Autor, als auch als Regisseur. Und als Macher von Blockbustern, der dazu neigt, seine Werke im besten Fall in zeremonieller Geheimhaltung zu verbergen, hat er seinen elften Spielfilm in einer passenderweise chaotischen Zeit veröffentlicht. Doch zum Film. Nolans Filme haben in der Regel eine experimentelle Kante, die die Grenzen des Machbaren sprengt. "Tenet" ist ebenso in jeder Hinsicht groß - außer thematisch. Ideal präsentiert, gepaart mit Gesichtern einer zukünftigen Superstar-Generation, ansprechend über mehrere globale Schauplätze hinweg gedreht und mit einer elastischen, zeitverkrümmenden Vorstellungskraft spielend, ist der Film unbestreitbar unterhaltsam, aber seine schwindelerregende Grandiosität dient nur dazu, die Brüchigkeit seiner angeblichen Intelligenz zu kaschieren. Dies wäre kaum eine Kritik an einem anderen, ähnlich gelagertem Blockbuster. Aber Nolan ist mit seinen explodierenden Footballfeldern der führende Autor des Intellekts, der unterhaltsame, visuelle Genialität mit all den behäbigen Befriedigungen eines herausfordernden Puzzels kombiniert. Und im Rahmen seiner selbst-kreierten Marke erfüllt "Tenet" auch alle Erwartungen, außer derjenigen, dass er sie um ein vielfaches übertreffen wird.


Mit unvorhergesehener Ironie beginnt der Film in einem überfüllten Saal des Opernhauses in Kiew, das einem terroristischen Raubüberfall zum Opfer fällt, der wiederum von einem namenlosen CIA-Agenten (John David Washington), der auch schlicht "Protagonist" genannt wird, infiltriert wurde, als eine merkwürdige Sache passiert. Eine Kugel, die von einem unbekannten Verbündeten abgefeuert wird, fliegt aus einem Sockel zurück, wobei der Beton um das Einschussloch herum "zurück"-zersplittert. Kaum vorstellbar, was er (und der Zuschauer) da gesehen hat, kann der Agent diese seltsame Verhalten hinterfragen, denn schon in der nächsten Sekunde muss er Hunderte von Zivilisten vor dem sicheren Tod retten. Der Zuschauer befindet sich nur wenige Minuten in dem knapp 150 Minuten langem Film, und Nolan hat bereits geliefert: Die Sequenz endet mit Innen- und Außenaufnahmen einer Explosion, die die Cutterin Jennifer Lame mit einem so perfekten Action-Cut umsetzt, wie es ihn zuvor nur selten gegeben hat. Und genau an dieser Stelle zu Beginn des Films wird der Zuschauer an etwas erinnert, was die letzten Monate in Vergessenheit geraten ist: den beeindruckenden filmischen Maßstab eines Kinos, der dem hungrigen Zuschauer genau das serviert, was er sich nach dieser langen Durststrecke auch verdient hat und dieser scheinbare Prolog ist auch voller Hinweise und Andeutungen für spätere Referenzen, wie es sich für einen Film gehört, in dem Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht immer sauber aufeinander folgen, sondern manchmal so schnell durchschnitten werden wie drei Fahrspuren auf einer viel befahrenen Autobahn. "Tenet" operiert auf einer ordentlichen physiologischen Ebene, teils fühlt man sich wie in einem "James Bond"-Film, teils wie in "Inception" - letzterer nur in anders. Zum Film passt Ludwig Göranssons mitreißende, perkussive Partitur, die oft tief basslastig und stakkatokartig in die Magengrube hämmert und in Hoyte van Hoytemas Cinematographie, die die gleiche Großartigkeit liefert, ob man nun ein narrativ halb-überflüssiges Katamaranrennen beobachtet oder eine überbordernde Actionsequenz, findet man den einen oder anderen optischen Leckerbissen.


Wie in vielen von Nolans Filmen wurzelt der Hintergrundgedanke nicht mehr in der Physik als in der Philosophie oder Psychologie, wobei der Anker des Films - dass man die Welt an sich nicht verändern kann, indem man durch die Zeit reist, sondern indem man sie umkehrt - im Hinblick darauf erforscht wird, wie sie praktisch funktioniert und nicht, wie sich jemand dabei fühlt. "Tenet" ist am besten, wenn er sich in die phantasievollsten, tobenden Actionsequenzen verwandelt, die man je gesehen hat, komplett mit schwindelerregendem globalen Location-Hopping, Verfolgungsjagden und perfekt gesetzten Schnitten, die den Zuschauer ein ums andere Mal vor Staunen aus dem Sessel holen. Dass sich der Film - so kunstvoll präsentiert er auch sein mag - als geradliniger erweist die wildesten Spekulationen über ihn, ist etwas entwaffnend. Wie "Inception", der die wesentliche Sprache des Heist-Movies als Organisationsstruktur für Nolans eigentümliche Fixierungen auf Chronologie und Bewusstsein verwendete, trickst "Tenet" den Spionage-Thriller mit erweiterten Science-Fiction-Parametern aus, um zu Nolans Lieblingsthema (Zeit und Manipulation derselben) zurückzukehren. Rewind.


Nach der Operation in Kiew findet sich Washingtons stoisch imposanter Charakter jedenfalls in einer schattenhaften, weniger identifizierbaren internationalen Spionageorganisation wieder. Verbündet mit Neil (Robert Pattinson), über den der Zuschauer nur wenig erfährt, begibt er sich auf eine Mission, die auf verschiedene Weise als Verhinderung des Dritten nuklearen Weltkriegs und Rettung der Welt insgesamt beschrieben wird - Ziele, die im Allgemeinen so hoch gesteckt sind, dass man sich fragt, ob Nolan uns und seinen verwirrten Protagonisten auf den Arm nimmt. Doch die Suche führt uns auf einer Spur kunstvoll gepflanzter MacGuffins von Indien nach Estland, von der Bucht von Neapel zu verborgenen Städten Russlands. (In diesen spielt das Produktionsdesign von Nathan Crowley den Retro-Futurismus ihrer brutalistischen Architektur geistreich aus, um später die eigenen überlagerten Zeitlinien des Films zu reflektieren). Ein finsteres Netz internationaler Waffenhändler taucht auf, wobei eine von ihnen, Priya (Dimple Kapadia), hauptsächlich dazu dient, den Protagonisten durch die Korridore von Nolans Erzählung zu locken. Aber das ultimative Ziel ist Sator (Kenneth Branagh), ein bodenlos böser Oligarch, der die Welt nach seinem Tod ebenso ins Jenseits befördern will - oft im Zorn gegenüber seiner entfremdeten, aber gefangenen Frau Kat (Elizabeth Debicki), einer spröden Kunstauktionatorin, für die das Drehbuch seinem Protagonisten ein Minimum an Gefühlen zugesteht.


So geschrieben klingt der Storyaufbau wie das Standardwerk eines Ian Fleming. Der Trick liegt natürlich in dem nebulösen Konzept der Zeitumkehrung, das auf der Leinwand besser zu sehen ist als man es hier erklären kann - obwohl Nolan, wie er es als Drehbuchautor gewohnt ist, auch nicht an leicht fadenscheinigen, filmreifen Erklärungen spart. Wie "Inception" ist "Tenet" es ein Film, in dem gut informierte Charaktere oft die scheinbar richtigen Fragen stellen ("Wissen Sie, was ein Freeport ist?", "Kennen Sie das Manhattan-Projekt?"), auf die sie sofort eine ausführliche Antwort erhalten. So wortreich Nolan seine Ideen auch auswählt, die Aufregung liegt vor allem in der filmischen Illustration: Die grandiosen Bilder des Films, in denen Kugeln rückwärts durch die Luft rasen (die Trümmer eines kommenden Krieges, wie man dem Zuschauer mitteilt), sind auffälliger als die saubere Theorie hinter ihrer Flugbahn. "Versuchen Sie nicht, es zu verstehen, sondern fühlen Sie es", rät eine kryptische Wissenschaftlerin (Clémence Poésy) dem Protagonisten schon früh im Film, und ob Nolan es beabsichtigt oder nicht, das fühlt sich auch für den Zuschauer wie ein solider Rat an. Die "Lehre" ist an sich nicht so schwer zu verstehen: Er ist mehr verworren als komplex, breiter als tief, und seine Form ist linearer, als man vermuten würde, obwohl er einige elegant ausgeführte Strukturfiguren bietet - kleine Stolpersteine entlang des Weges.


All das bedeutet, dass sich das genaue Nachzeichnen der Handlung von "Tenet" wie Arbeit auf Kosten des Filmvergnügens anfühlt. Diese reichen von seinen beeindruckenden, treibenden Kampfsequenzen bis zur hypnotisierenden, beinahe schon archaischen Schönheit seiner Darsteller, allesamt gekleidet in makellose, knitterfreie Anzüge. Die schiere Akribie von Nolans großformatiger Action-Ästhetik auf der Leinwand ist unglaublich fesselnd, als wolle sie die verirrten losen Fäden und neckenden Paradoxien seines Drehbuchs ausgleichen - oder vielleicht einfach nur unterstreichen, dass sie nicht so wichtig sind. Die absolute Killerszene ist wiederum ein Korridor-Kampf, obwohl es viele solcher Schlüsselszenen gibt, die man hier beschreiben könnte. "Tenet" ist eine schwindelerregende, teure, aufregende Unterhaltung sowohl der alten als auch der neuen Schule. Doch in "Tenet" ist allein der Einfallsreichtum seiner Macher beeindruckend. Ähnlich wie in "Inception", der eine ganze Traumweltmythologie schuf, stellt die Zeitumkehrung in "Tenet" eine bahnbrechende Innovation dar, was sich am besten in Szenen äussert, wenn die Zeit gleichzeitig vor- und rückwärts zu laufen scheint.

"Tenet" blendet die Sinne, aber ruft beim Zuschauer keine besonderen mitfühlenden Gedanken auf. - eine Kritik, die alle Filme Nolans gemein haben. Washington ist im Grunde genommen ein James Bond-Ersatz, vorwärts und rückwärts, bis hin zum gelegentlich schrägen One-Liner. Nolan stellt sich aber erneut selbst ein Bein: Er stellt sich unmögliche Technologien vor, will aber ihre tieferen Implikationen nicht erforschen. Das ist leicht frustrierend, weil Nolan in Branaghs Sator - der facettenreichsten Figur des Films, auch wenn all seine Facetten bösartig sind - so nahe kommt. Sators Motivation, die Zukunft mit der Vergangenheit in den Krieg zu führen, hat erschreckende Auswirkungen, und vielleicht ist es der Nihilismus dieser Pandemie-Ära, der Zeit nach dem Fingerschnippen eines Thanos, aber er weckt den unbefriedigten Wunsch, dem schlimmsten Fall zuzusehen, wie sich das Szenario entfaltet. Stattdessen zieht sich Nolan im Augenblick des größten potenziellen Chaos in die relative Sicherheit der Spionagefilmkonvention zurück. Nimmt man "Tenet" nämlich das zeitraubenden Gimmick weg, so ist der Film eine Reihe von schüchternen, allgemeinen Versatzstücken: Raubüberfälle, Verfolgungsjagden, Bombenentschärfungen, weitere Raubüberfälle. Aber - verdammt - Nolan sprengt gut Dinge in die Luft. Vielleicht kann "Tenet" sogar einen nostalgischen Blick darauf werfen, wer der Zuschauer noch vor Monaten auf der anderen Seite des eigenen seltsamen Zeitexperiments waren. So scheint "Tenet", die Art von enorm teurem, glückselig-leeren Spektakel zu sein, das man sich in naher bis mittlerer Zukunft nur schwer vorstellen kann. Jetzt ein faszinierendes Artefakt einer liebenswert ahnungslosen Zivilisation zu sein, die sich der Katastrophe, die um die Ecke lauert, nicht bewusst ist. Grandios.

9/10

Von WARNER BROS. Home Entertainment kommt der Film auch als "Limiterte 3-Disc Steelbook-Edition" in 4K Ultra-HD im Steelbook.  


Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Samstag, 15. August 2020

Memento (2000)

https://www.imdb.com/title/tt0209144/

Leonard (Guy Pearce) hat sein Kurzzeitgedächtnis verloren, als er seine Frau vor einem Mordanschlag retten wollte. Seitdem muss er sich alles aufschreiben, und eine Polaroid-Kamera wird zu seinem ständigen Begleiter. Während Leonard versucht, den Mörder seiner Frau zu finden, wird in Rückblenden erzählt, wie es zu dem tragischen Unfall kam. Während eines Einbruchs in sein Haus wird der Versicherungsvertreter Leonard Shelby (Guy Pearce) niedergeschlagen. Seine Frau wird von den Einbrechern vergewaltigt und dann ermordet. Durch den Schlag auf den Kopf verliert Leonard sein Kurzzeitgedächtnis. Er weiß zwar noch, wer er ist und dass er den Täter finden und für sein Verbrechen bestrafen will, aber neue Informationen kann sein Gehirn nur für wenige Minuten speichern. Leonards einzige Hilfsmittel gegen den stetigen Gedächtnisverlust sind Polaroidbilder und Tätowierungen. Auf seiner Suche nach dem Mörder seiner Frau fotografiert er Indizien und Personen, fertigt dicke Ordner an und tätowiert sich die wichtigsten Fakten auf seinen Körper. Unterstützt wird er außerdem von dem Polizisten Teddy und der Kellnerin Natalie (Carrie-Anne Moss)...

Der zweite abendfüllende Spielfilm von Christopher Nolan ist ein ganz besonderes Stück Kino- und Filmgeschichte. Nicht nur, dass "Memento" der erste Film war, der das Konzept der stringenten Erzählweise völlig auf den Kopf stellt, er schafft es, trotz gegebener Umstände, den Zuschauer am Ende, oder am Anfang, je nachdem wie man es sieht, doch noch mit einem mehr als gelungenem Twist zu überraschen. Das Aufeinandertreffen von linearer und non-linearer Erzählstruktur macht, neben den hevorragend besetzten und agierenden Schauspielern und trotz relativ banaler Story, "Memento" so großartig. Mit der Adaption einer Kurzgeschichte seines kleinen Bruders Jonathan Nolan, die ihn aus dem Nichts für größere Aufgaben interessant machte, ist Christopher Nolan etwas gelungen, was ihm so, in dieser Form, bisher keiner nachmachen konnte und bis heute unerreicht ist. Dabei ist "Memento" alles andere als Mainstreamkino. Der Film ist mehr oder weniger genau das, was Nolan im Idealfall aufregend macht: Es ist Unterhaltungskino, aber mit Köpfchen und einem gewissen Clou, der es deutlich von der Masse abhebt.

"Memento" fordert von der ersten Sekunde an uneingeschränkte Konzentration und Aufmerksamkeit seitens des Zuschauers ein, sonst dürfte man bei der Suche von Leonard (Guy Pearce) nach dem Mörder seiner Frau schon früh den Überblick verlieren. Der Grund dafür ist so einfach wie brillant: Ein linearer Zeitstrahl, unterteilt in zwei Erzählebenen, die von den beiden Endpunkten aufeinander zulaufen. Während die in Schwarz/Weiß gehaltenen Szenen chronologisch ablaufen und Stück für Stück etwas mehr über die Hintergründe des mysteriösen Puzzles preisgeben, bewegt sich der eigentliche Plot rückwärts. So beginnt der Film am tatsächlichen Ende und und arbeitet sich zum beginn der Geschichte vor, was das Publikum in die gleiche Lage befördert wie den oftmals irritierten Protagonisten. Ohne Anhaltspunkte wird man in eine Szene geschleudert und muss nur damit interagieren, was sich fix aus dem Zusammenhang erschließen lässt oder was einem aufgrund der akribischen Dokumentation von Lenny als loser, roter Faden dient. Dank beschrifteten Polaroids und Tattoos für besonders wichtige Infos am eigenen Körper, versucht dieser sich zu orientieren und letztlich muss es ihm der Zuschauer gleichtun, da ihm jeglicher Wissensvorsprung ebenso fehlt. Nur wann sind Fakten echte Fakten? Weil sie in einem Moment der absoluten Überzeugung unter die Haut gestochen wurden?

Kritisch betrachtet könnte "Memento" als banale Rachestory beurteilt werden, der nur aufgrund seiner Vorgehensweise funktioniert. Ganz falsch wäre das natürlich nicht, denn der Reiz liegt eindeutig am narrativen Konzept, was eine ansonsten vermutlich nicht sonderlich aufsehenerregende Geschichte massiv aufwertet. Da lässt sich auch vergessen, dass "Memento" seiner eigentlich tief tragischen, emotionalen Wucht gar nicht genügend Bühne bietet, weil sich alles dem narrativen Gerüst unterordnen muss. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass der Film seine ganze Wucht nur bei der Erstsichtung ausspielen kann. Er bleibt auch bei der zweiten oder dritten Betrachtung genial, doch die Überraschung fehlt. Doch das geht vielen Filmen so und soll hier keinesfalls als Negativpunkt aufgenommen werden. In "Memento" führt eines zum anderen - nur anders herum. Eine raffinierte Seherfahrung, kreativ und intelligent umgesetzt, dazu bereits hier von hoher, fachlicher Kompetenz gekennzeichnet. "Memento" ist das erste Meisterwerk eines inzwischen mehr als relevanten Regisseurs. Grandios.

9/10

Quellen
Inhaltsangabe: Columbia TriStar Pictures

Donnerstag, 27. Juli 2017

Dunkirk (2017)

http://www.imdb.com/title/tt5013056/

Mai 1940, der Zweite Weltkrieg tobt. Die Nazis haben die französische Hafenstadt Dünkirchen eingekesselt und kündigen mit Flugblättern den Bewohnern und den dort stationierten Soldaten ihre scheinbar ausweglose Lage an. Denn durch die feindlichen Truppen auf der einen Seite und das Wasser auf der anderen, scheint es keine Chance zu geben, zu überleben. Doch in Großbritannien ersinnt man eine kühne Rettungsmission, von der zuerst nur die wenigsten glauben, dass sie Aussicht auf Erfolg haben kann. Doch einige verwegene und mutige Männer machen sich daran, ihre Kameraden zu retten. Denn schließlich warten auf den Stränden vor Dünkirchen fast 400.000 Mann auf ihre Hilfe...

Nach den beiden letzten großartigen Filmen von Erfolgsregisseur und Bank Christopher Nolan kommt nun ein Film, den man so von ihm nie erwartet hätte. "Dunkirk" erzählt von der Evakuierungsaktion Operation Dynamo, durch die während des Zweiten Weltkrieges britische, belgische und französische Soldaten aus der von deutschen Truppen eingekesselten Stadt Dünkirchen (engl.: Dunkirk) befreit wurden. Operation Dynamo war der Codename für eine militärische Evakuierungsaktion der britischen Admiralität im Zweiten Weltkrieg. Im Rahmen der Operation konnten vom 26. Mai bis zum 4. Juni 1940 mit 85 Prozent das Gros des britischen Expeditionskorps (BEF) und Teile der französischen Armee, die von deutschen Truppen bei Dünkirchen eingekesselt waren, per Schiff nach Großbritannien transportiert werden. Bis zum 4. Juni wurden insgesamt 338.226 alliierte Soldaten, davon etwa 110.000 Franzosen, unter Zurücklassung fast des gesamten Materials evakuiert. So viel zum Background.


"Dunkirk" verzichtet auf Exposition, Überlänge, lässt Bilder (und grossartig konsternierte Hauptfiguren) für sich sprechen und wirft den Zuschauer gleich mitten ins Geschehen. In einer Art Episodendrama, natürlich mit verschiedenen Timelines, so viel Nolan muss sein, lässt "Dunkirk" die Qualen des Krieges und einer der raren Lichtblicke des zweiten Weltkriegs fassbar werden. Und - was beinahe unglaublich erscheint - das fast ohne "typische" Kriegsszenarien zu zeigen, wie sie gern bei "Der Soldat James Ryan", "Band Of Brothers" oder Mel Gibsons "Hacksaw Ridge" gezeigt werden. Was heißen soll: es gibt keine wirklichen Mann-gegen-Mann-Kampfhandlungen. Was man eigentlich von einem Kriegsfilm erwarten würden. Aber Nolan stellt mal eben das Genre auf den Kopf alles einmal um und erschafft mit "Dunkirk" einen ganz eigenen Kriegsfilm, in dem eben die Rettung der Soldaten an erster Stelle steht und die Kriegshandlungen lapidar Mittel zum Zweck sind. Dabei sind vor allem die Luftkämpfe zwischen Messerschmidt und Spitfire hervorragend eingefangen und so spannend inszeniert, sodass der Zuschauer zu jeder Sekunde mitfiebert. Und auch der Soundtrack trägt einen erheblichen Teil dazu bei. Auf Hans Zimmer ist immer Verlass, aber wenn er mit Nolan zusammenarbeitet übertrifft er sich selbst noch einmal.

Der Film erzählt auf eben drei Zeitebenen und drei Sichtweisen die "Dunkirk"-Evakuierung im zweiten Weltkrieg. Dabei richtet er nicht über Gut und Böse, Nazis oder Alliierte. Nein, er zeigt einen intimen, dramatischen Überlebenskampf. Der Krieg an sich mit allen historischen Hintergründen spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Ein dramaturgischer Kniff, der in diesem Genre so noch nicht dagewesen ist. Technisch ist der Film natürlich auch allererste Güte. Nolan nutzt kaum CGI oder die Sicherheit eines Studios. Er dreht am Originalschauplatz, mit realen Schiffen, Flugzeugen und tausenden Statisten. Alles wirkt umso realistischer und verschlingt den Zuschauer förmlich. Von der ersten Minute an ist man mit am Strand eingekesselt und fiebert mit den Figuren ums Überleben. Dieses Gefühl wird durch die geniale Kameraarbeit noch verstärkt. Optisch und drehbuchtechnisch ist der Film bis auf das obligatorische Zusammentreffen der Protagonisten am Ende also herausragend. Die Hauptdarsteller, allen voran Kenneth Branagh, Tom Hardy und Cillian Murphy sind großartig besetzt und gespielt. Ein Wermutstropfen ist die durch die Distanz gewahrte Charakterzeichnung emotionale Tiefe. Das ist etwas schade, aber eben auch Teil des Werkes.

"Dunkirk" würde gar für die Liga der besten Kriegsfilme überhaupt reichen, hätte der Film in den letzten Minuten nicht noch eine Pathos-Bombe abgeworfen.

9/10

Freitag, 14. November 2014

Interstellar (2014)

http://www.imdb.com/title/tt0816692/

Seit Menschengedenken haben wir immer nach den Sternen gegriffen, danach gestrebt, den Planeten zu verlassen und neue Welten zu entdecken. Dieses Streben nahm ernsthafte Züge an, als die Amerikaner im Wettlauf mit den Russen zunächst ins All vordrangen, den Mond betraten und Sonden in die Weiten unseres Sonnensystems entsandten. Bislang scheiterten Versuche, in bemannten Missionen die Weite des Raumes zu durchschreiten, an der Zeit, die dafür benötigt wird. Nun aber scheint der Durchbruch nahe: Die Theorie der Existenz von Wurmlöchern wurde durch die Praxis bestätigt, und so begibt sich eine Gruppe von Wissenschaftlern (darunter Matthew McConaughey und Anne Hathaway) auf eine phantastische Reise durch Raum und Zeit...

Geflasht? Definitv ja. Aber irgendwo in dieser Geschichte fehlt etwas. "Interstellar" bleibt trotz seiner geradezu epischen Laufzeit von knapp 169 Minuten einfach zu wenig Zeit, um seine ausführliche und wohldurchdachte Geschichte auch in vollem Umfang zu erzählen. Ja, die Handlung ist komplex, wer ihr jedoch aufmerksam folgt, wird sie zu großen Teilen verstehen, auch wenn Grundkenntnisse in moderner Physik sicher sehr nützlich sind.

"Interstellar" ist dabei sowohl erzählerisch, als auch visuell sehr viel zurückhaltender als nach Sichtung des Trailers gedacht und definitiv nicht das Bombastfeuerwerk und Science-Fiction-Epos, welches ich irgendwie im Vorfeld erwartet hatte. So stehen trotz ambitionierter Themen (Fortbestand der Menschheit und intergalaktische Reisen) stets die Charaktere und ihre Gefühle im Vordergrund. Demzufolge bleibt die Kamera auch immer nah an den Personen und es gibt nur wenige (aber dafür umso effektivere) Panoramaaufnahmen. Selbst in den Einstellungen im Weltraum ist die Kamera oft fest auf der Außenhülle des Raumschiffs montiert, was teilweise (gerade bei den Drehungen) gewöhnungsbedürftig ist, diesen Szenen jedoch (trotz der Endlosigkeit des Alls) etwas unglaublich Faszinierendes verleiht.

Dass "Interstellar" da auch nur selten wirklich episch ist, fällt gar nicht negativ auf, sondern passt zum aussichtslosen Grundton des Filmes. Visuell bietet "Interstellar" trotzdem einige sehr beeindruckende Einfälle. Vor allem in der zweiten Hälfte bekommt man immer öfter Bilder zu sehen, die es so im Kino noch nicht zu bestaunen gab, seien es die (wissenschaftlich korrekten) Aufnahmen des Schwarzen Lochs oder die kreativen Planeten des fremden Sonnensystems. Äußerst lobenswert ist dabei, dass das Ausmaß der Computereffekte dabei erstaunlich gering bleibt. So wurde bei den Dreharbeiten kein einziger Greenscreen verwendet. Was also durch die Fenster der Raumfähre zu sehen ist, war dank Projektion auch für die Schauspieler sichtbar. Bei den Aufnahmen der Shuttles hingegen kamen in vielen Fällen Modelle zum Einsatz, was dem auf Film gedrehten Streifen (das wird am Ende der Credits extra erwähnt!) einen angenehm greifbaren und irgendwie auch zeitlosen Look verleiht.


Im Erzählrhythmus offenbart sich jedoch ein klitzekleiner Schwachpunkt von "Interstellar". Während der Film sich in einzelnen Szenen (zurecht) Zeit lässt und dabei sogar leicht ausufert, wirken andere Abschnitte (wie zum Beispiel die Landung auf dem ersten Planeten) sehr überhastet. In Anbetracht der Laufzeit klingt es zwar ironisch, aber tatsächlich hätten dem Film an mehreren Stellen (vor allem im ersten Drittel) einige zusätzliche Minuten nur gut getan, um Unstimmigkeiten zu beseitigen oder bereits eindrucksvolle Szenen noch intensiver umzusetzen. So verschenkt Nolan durch die teilweise sehr sprunghafte Erzählweise leider eine Winzigkeit an Potential.

Positiv hervorzuheben ist der grandiose Soundtrack von Nolans (mittlerweile offensichtlichen) Lieblingskomponisten Hans Zimmer, der hier einen etwas ungewohnten Beitrag im Vergleich zu seinen übrigen Werken abliefert. Stellenweise ruhig, dann wieder ehrfürchtig oder pompös scheinbar ins Unendliche anschwellend, schafft er es, die entsprechende Stimmungen auch akustisch perfekt zu übertragen. Vor allem in der zweiten Hälfte erzeugen die dröhnenden Sounds eine teilweise äußerst unangenehme Stimmung, die überraschend gut zur Handlungsentwicklung passt, wenn man bedenkt, dass Zimmer zur Komposition gar kein Skript (sondern nur Textpassagen) erhalten hatte.

Schauspielerisch gibt es besonders vom Hauptdarsteller McConaughey eine beeindruckende Leistung, dessen Performance wohl die emotionalste ist, die es bisher in einem Nolan-Film zu sehen gab. Aber McConaughey mausert sich immer mehr und mehr zu einem meiner Lieblings-Schaupieler. und das, obwohl ich ihn bis vor ein paar Jahren eher als den arroganten Angeber wahrgenommen hatte. Was vermutlich auch an seinen Rollen lag. Aber hier bringt er die Verzweiflung und Trauer seines Charakters darüber, dass er seine geliebten Kinder auf der sterbenden Erde zurücklassen musste, wirklich meisterhaft rüber. Michael Caines Potential wird diesmal zwar nicht völlig ausgenutzt, einige starke Auftritte hat er dennoch. Vor allem, wenn er Dylan Thomas‘ überwältigendes Gedicht "Do Not Go Gentle Into That Good Night" rezitiert, bekommt man als Zuschauer eine gewaltige Gänsehaut. Wie immer überzeugend ist auch Anne Hathaway, die Prof. Brands Tochter spielt, welche ebenfalls zu den Astronauten der Rettungsmission zählt und von Hathaway schön kaltschnäuzig und unsympathisch gespielt wird. Am meisten beeindruckt war ich jedoch von zwei weiteren Nebendarstellern, zum einen von der (gerade erst dreizehnjährigen) Mackenzie Foy, die McConaugheys Filmtochter Murph überzeugend und überaus ergreifend spielt. Der zweite herausragende Nebendarsteller soll hier nicht genannt werden, da dieser Star nur kurz in den Credits genannt wird und sein Auftreten somit für mich eine große Überraschung war.


"Interstellar" ist, eigentlich typisch für Nolan, ein recht ungewöhnlicher Film. Mit seiner ruhigen Erzählweise (die ein wenig an "2001" erinnert), der komplexen, recht physikalischen Handlung und dem abstrakten Ende hat er mich anfänglich irritiert, bevor ich seine wahre Größe begriff. Man bekommt mit dem Streifen ein so intensives, intellektuell stimulierendes, toll gespieltes, ergreifendes und bildstarkes Werk geboten, wie man es nur selten im Kino erleben darf. Nur im Vergleich zu Nolans noch besseren Werken, fällt der Film, aufgrund einer stellenweise überhasteten und bruchstückhaften Erzählweise, sowie wenige schwach ausgearbeiteten Nebenfiguren leicht ab. Wie fast immer bei solchen Werken ist dies allerdings Jammern auf hohem - unglaublich hohem - Niveau.

9,5/10

Wer fand eigentlich, dass TARS und sein Kollege CASE sehr an  die Monolithen aus "2001" erinnerten? Und wer hat gemerkt, dass die Erklärung der Raumkrümmung ganz schön aus "Event Horizon" abgeschaut wurde? :)

Nur in Großbritannien gab es den Film (inklusive deutschem Ton) als Special Edition mit Bonus-Disc im limitierten 24-seitigen Digibook. Da fiel die Wahl doch relativ leicht...