Montag, 31. August 2026

Straw Dogs - Wer Gewalt sät (1971)

https://www.imdb.com/de/title/tt0067800/
https://letterboxd.com/film/straw-dogs/

Der junge Mathematiker David Sumner (Dustin Hoffman) reist gemeinsam mit seiner Frau Amy (Susan George) aus den USA in ihre englische Heimatstadt, um für ein paar Wochen den Unruhen der turbulenten 60er Jahre zu entgehen. Hier erhofft sich David die nötige Ruhe, um seinen Arbeiten nachgehen zu können. Doch das Auftreten des Ehepaars erregt Abneigung unter den Einwohnern der Kleinstadt. Es kommt zu immer neuen Anfeindungen und versuchten Demütigungen, unter anderem ausgeführt von einer Gruppe Handwerkern, die eine Garage an das Anwesen der Sumners anbauen. Die Situation eskaliert, als der geistig zurückgebliebene Niles (David Warner) versehentlich das junge Mädchen Janice (Sally Thomsett) tötet und David ihn um jeden Preis vor dem rachsüchtigen Lynchmob der Einheimischen retten will...

Sam Peckinpahs "Wer Gewalt sät" ist einer dieser Filme, die man kaum "mögen" kann - und die man trotzdem gesehen haben sollte. Dustin Hoffman spielt den amerikanischen Mathematiker David Sumner, der mit seiner Frau Amy (Susan George) in ein abgelegenes Dorf in Cornwall zieht. Was als Rückzug ins ruhige Landleben beginnt, entwickelt sich durch die Feindseligkeit der Einheimischen zu einer immer bedrohlicheren Eskalation. Peckinpah interessiert sich dabei weniger für einen klassischen Kampf zwischen Gut und Böse als für die dünne Schicht Zivilisation, unter der Gewalt und männlicher Dominanz lauern. Peckinpahs Inszenierung und John Coquillons Kamera macht die idyllische Landschaft zunehmend klaustrophobisch, während der berühmte, hektische Schnitt die Gewalt nicht nur zeigt, sondern den Zuschauer regelrecht in sie hineinzieht. Gerade das Finale gehört zum eindrucksvollsten und nervenaufreibendsten Actionkino der frühen 70er. Ein Stück weit zelebriert der Film Gewalt, doch die außergewöhnliche Kontrolle über Spannung und Atmosphäre machen ihn faszinierend.

Dustin Hoffman ist als zunächst konfliktscheuer, intellektueller David hervorragend besetzt. Interessant ist vor allem seine allmähliche Veränderung: Aus dem Mann, der Gewalt vermeiden möchte, wird jemand, der sie schließlich selbst mit erschreckender Konsequenz einsetzt. Genau diese Entwicklung macht den Film bis heute so unangenehm. Susan George ist als Amy allerdings eine wesentlich kompliziertere und problematischere Figur, insbesondere angesichts der berüchtigten Vergewaltigungsszene. Hier hat der Film eine bis heute schwer zu übersehende Ambivalenz, die seine Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt sowohl interessant als auch moralisch fragwürdig macht. Genau darin liegt die beschriebene Faszination von "Wer Gewalt sät": Er lässt sich nicht bequem als Warnung vor Gewalt oder als simple Männerfantasie einordnen. Peckinpah zwingt den Zuschauer vielmehr dazu, sich beim Zuschauen selbst zu beobachten - insbesondere im blutigen Finale, wenn die Gewalt beinahe kathartisch wirkt. Natürlich ist auch dieser Film nicht frei von Schwächen. Manche Figuren bleiben eher Typen als Menschen, und Peckinpahs provokante Symbolik wirkt stellenweise ausgesprochen dick aufgetragen. Wer eine eindeutige moralische Position erwartet, wird mit dem Film wenig anfangen können. Gerade seine Uneindeutigkeit macht ihn jedoch wesentlich interessanter als den deutlich konventionelleren Actionthriller, als der er auf den ersten Blick erscheinen könnte.

"Wer Gewalt sät" ist brutal, unbequem und stellenweise schwer erträglich - aber auch meisterhaft inszeniert, hervorragend gespielt und bis heute diskussionswürdig. Peckinpah macht aus der englischen Provinz einen psychologischen Pulverfass und aus einem zurückhaltenden Intellektuellen einen Mann, der seine eigene Gewalt entdeckt. Ein problematischer Film, zweifellos - aber gerade deshalb ein wichtiger und bemerkenswert nachhaltiger. 

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkABC Pictures/Talent Associates/Amerbroco Films

Sonntag, 30. August 2026

Limitless - Ohne Limit (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt1219289/
https://letterboxd.com/film/limitless/

Eddie Morra (Bradley Cooper) lebt in New York und resigniert zunehmend wegen seiner stockenden Autoren-Karriere. Dann fällt ihm eine ganz besondere Droge in die Hand, mit deren Hilfe sich Charisma und kognitive Fähigkeiten rapide steigern lassen. Jede noch so kleine Information und Erinnerung kann verlustfrei abgerufen werden. Innerhalb von vier Tagen stellt er seinen Roman fertig, lernt rasend schnell verschiedene Fremdsprachen und betätigt überaus erfolgreiche Finanzgeschäfte. Bald schon ist er reich, sexy und berühmt. Wer würde da nicht zum Junkie werden? Bloß hat die Droge bereits zahlreiche Todesopfer gefordert - und auch Eddies Zeit läuft langsam ab...

"Limitless" von Regisseur Neil Burger nimmt eine ziemlich alte Science-Fiction-Idee - eine Pille, die das menschliche Gehirn scheinbar grenzenlos leistungsfähig macht - und verpackt sie als rasant erzählten Thriller. Eddie Morra (Bradley Cooper) ist zunächst ein erfolgloser Schriftsteller, bis ihm eine mysteriöse Droge plötzlich ermöglicht, sich an alles zu erinnern, blitzschnell zu lernen und scheinbar jeden Menschen und jede Situation zu durchschauen. Aus dem Verlierer wird ein Börsenstar - doch der Preis für die neue Genialität lässt nicht lange auf sich warten. Cooper trägt den Film souverän: Er macht Eddies Verwandlung vom lethargischen Chaoten zum selbstbewussten Machtmenschen glaubwürdig, ohne die Figur völlig sympathisch werden zu lassen. Abbie Cornish gibt als Lindy der Geschichte eine emotionale Erdung, während Robert De Niro als Finanzmagnat Carl Van Loon zwar Präsenz besitzt, aber für einen Schauspieler seines Kalibers erstaunlich wenig aus seiner eindimensionalen Rolle machen darf. 

Visuell ist "Limitless" dagegen ausgesprochen einfallsreich. Die Kameraarbeit und die digitalen Effekte vermitteln Eddies beschleunigte Wahrnehmung mit ungewöhnlichen Zooms, fließenden Übergängen und einer bewusst überdrehten Bildsprache. Burgers Inszenierung macht den Gedankenrausch regelrecht körperlich spürbar. Dazu kommt ein angenehm hohes Tempo, das den Film über weite Strecken zum unterhaltsamen Mix aus Thriller, Science-Fiction und Finanzsatire macht. Die Schwäche liegt im Drehbuch. Die zentrale Idee wird nie wirklich konsequent zu Ende gedacht: Die angebliche "100-Prozent-Gehirn"-Prämisse ist wissenschaftlicher Unsinn, und auch die Handlung um Drogendealer, Kredithaie, Mord und politische Macht wirkt zunehmend wie eine Sammlung praktischer Thriller-Bausteine. Trotzdem besitzt "Limitless" einen entscheidenden Vorteil: Er weiß, dass er in erster Linie Spaß machen soll. Statt sich in pseudowissenschaftlichen Erklärungen zu verlieren, verwandelt der Film seine Prämisse in eine elegante Fantasie über Erfolg, Geld und die Verlockung grenzenloser Möglichkeiten. Ein bisschen "Wall Street", ein bisschen "The Matrix" und eine gute Portion Hochglanz-Verschwörungsthriller - nicht besonders tiefgründig, aber verdammt unterhaltsam.

"Limitless" ist clever inszeniertes Popcornkino mit einem starken Bradley Cooper, einem großartigen visuellen Konzept und einer ausgesprochen verführerischen Ausgangsidee. Dass der Film seine interessanten philosophischen Fragen zugunsten eines konventionellen Thrillers weitgehend liegen lässt, verhindert den ganz großen Wurf. Als temporeicher, stilvoller und angenehm leichtfüßiger Sci-Fi-Thriller funktioniert er aber auch Jahre später noch erstaunlich gut.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkRelativity Media/Virgin Produced/Many Rivers Productions/Boy of the Year/Rogue Pictures/Mandate International

Toy Story 5 (2026)

https://www.imdb.com/title/tt29355505/

Nachdem Cowboy Woody (Stimme im Original: Tom Hanks, auf Deutsch: Michael „Bully“ Herbig) und Space Ranger Buzz Lightyear (Tim Allen) in den vorherigen Filmen damit klarkommen mussten, dass ihr Besitzer Andy langsam älter wird und sich immer weniger für seine Kinderspielzeuge interessiert, sind sie mittlerweile alle im Besitz von Andys kleiner Schwester Bonnie. Aber damit sind sie längst noch nicht auf der sicheren Seite: Denn in „Toy Story 5“ kommt ein neues Spielzeug ins Kinderzimmer, das dafür sorgen könnte, dass alle anderen Spielzeuge schnell in Vergessenheit geraten: ein Tablet in Form eines Frosches! Schließlich kennt man das auch aus dem realen Leben: Sobald ein Screen erleuchtet, ist alles Analoge oft schnell vollkommen uninteressant. Finden Woody, Buzz & Co. trotzdem einen Weg, das Herz von Bonnie zurückzuerobern?

Zugegeben: Nach "Toy Story 4: Alles hört auf kein Kommando" waren wir alle davon überzeugt, dass die Geschichte von Woody, Buzz, Jessy und all ihren Freunden endgültig erzählt ist. Die emotionale Verabschiedung von Woody wirkte 2019 wie ein perfekter Schlusspunkt für eine der erfolgreichsten Filmreihen der Animationsgeschichte. Entsprechend groß war die Skepsis, als Pixar "Toy Story 5" ankündigte und man stellte sich die Frage: "Braucht es wirklich noch einen weiteren Teil?" Und überraschenderweise lautet die Antwort: Ja. Ja, zumindest wenn er so charmant, emotional und thematisch aktuell ausfällt wie dieser hier. Unter der Regie von Andrew Stanton verlagert sich in "Toy Story 5" der Fokus stärker auf Jessie. Während Woody und Buzz weiterhin wichtige Rollen spielen, steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, welche Bedeutung Spielzeug in einer Welt hat, die zunehmend von Bildschirmen, Tablets und digitalen Unterhaltungsangeboten geprägt wird. Die neue Gegenspielerin Lilypad, ein intelligentes Tablet-Gerät, konkurriert direkt um Bonnies Aufmerksamkeit und stellt die traditionellen Spielzeuge vor eine Herausforderung, die aktueller kaum sein könnte. 


Was zunächst wie eine einfache "Spielzeug gegen Technologie"-Geschichte klingt, entwickelt sich zu einer überraschend differenzierten Auseinandersetzung mit Kindheit, Fantasie und den Veränderungen moderner Lebenswelten. Dabei vermeidet der Film weitgehend die Falle, digitale Medien pauschal zu verteufeln. Stattdessen untersucht er, wie sich Spielverhalten verändert und warum Fantasie auch im digitalen Zeitalter ihren Wert behält. Diese ausgewogene Herangehensweise und die Aktualität der Thematik ist erstaunlich differenziert und damit sehr erwähnens- und gleichzeitig lobenswert.

Besonders erfreulich ist zudem, wie viel Raum Jessie in "Toy Story 5" erhält. Bereits in "Toy Story 2" gehörte sie zu den emotional stärksten Figuren der Reihe, wurde in den späteren Filmen jedoch oft etwas in den Hintergrund gedrängt. Hier darf sie endlich die Hauptfigur sein. Ihre Geschichte verleiht dem Film eine emotionale Tiefe, die überrascht und gleichzeitig verzaubert. Die Verlagerung des Fokus auf Jessie verleiht dem Franchise neue Impulse und verhindert gleichzeitig, dass sich die Geschichte abgenutzt anfühlt oder lediglich wiederholt.


Visuell bewegt sich Pixar einmal mehr auf beeindruckendem Niveau. Die Animationen gehören zum wiederholten Male zum Besten, was das Studio bislang produziert hat. Besonders die Lichtstimmungen, die detaillierten Oberflächen der Spielzeuge und die liebevolle Gestaltung der Umgebungen zeigen eindrucksvoll, wie weit sich Computeranimation seit dem ersten "Toy Story" entwickelt hat. Dabei verliert der Film nie den warmen, vertrauten Look, der die Reihe seit 1995 auszeichnet.

Auch emotional funktioniert "Toy Story 5" einmal mehr erstaunlich gut. Die Reihe war schon immer dann am stärksten, wenn sie universelle Themen wie Verlust, Veränderung und Zugehörigkeit behandelte (vor allem mit den bis heute emotionalsten Szenen wie Jessis Verlust in "Toy Story 2" und der Zusammenhalt der Spielzeuge im Finale bei "Toy Story 3"). Diesmal stehen die Angst vor dem Überholtwerden und die Frage im Mittelpunkt, welchen Platz traditionelle Formen des Spielens in einer technologisierten Welt noch haben. Gerade heutige Erwachsene, die irgendwo mit der Reihe aufgewachsen sind, werden vermutlich in vielen Szenen eine unerwartete emotionale Resonanz finden. 

Allerdings ist nicht alles perfekt und einige Kritikpunkte lassen sich nicht vollständig von der Hand weisen. Die Grundkonstellation erinnert stellenweise auffällig an den ersten "Toy Story"-Film: Ein neues Objekt tritt auf, bedroht die Stellung der etablierten Figuren und sorgt für Konflikte innerhalb der Gruppe. Bestimmte Handlungselemente fühlen sich so merkwürdig vertraut an und nicht jede Idee wirkt damit vollkommen neu - eben nur der heutigen Zeit angepasst. Prinzipiell ist dies nur der Wermutstropfen in einer ansonsten durch die Bank weg unterhaltsamen Geschichte. Zudem bleibt auch am Ende die Frage bestehen, ob die Geschichte wirklich notwendig war. Die Qualität des Films steht außer Frage, jedoch bleiben durchaus Zweifel hinsichtlich der Frage zurück, ob die Reihe nach vier Filmen überhaupt noch weiterer Fortsetzungen bedurfte. Diese Diskussion begleitet den Film aber zwangsläufig und wird vermutlich auch in Zukunft Teil seiner Wahrnehmung bleiben. 


Trotzdem gelingt Pixar etwas Bemerkenswertes: Der Film fühlt sich trtz aller vorheriger Kritik nicht wie eine reine Pflichtfortsetzung an. Statt lediglich bekannte Figuren für einen weiteren Kassenerfolg zurückzubringen, versucht "Toy Story 5" tatsächlich, neue Fragen zu stellen und die Themen der Reihe weiterzuentwickeln. Die Mischung aus Nostalgie, Humor und emotionaler Reife ist tatsächlch positiv hervorzuheben und die Rückkehr der Spielzeughelden begeistert schlichtweg ab dem ersten moment, wo man "seine" Helden wieder auf der Leinwand erblickt. 

Letztlich beweist "Toy Story 5" einmal mehr, dass in diesem Franchise offenbar noch immer Leben steckt. Vielleicht erreicht der Film nicht ganz die emotionale Wucht von "Toy Story 3" oder die kreative Frische des Originals, doch er erzählt seine Geschichte mit so viel Herz, Charme und handwerklicher Klasse, dass man ihm seine Existenz kaum übelnehmen kann. Damit avanciert "Toy Story 5" zu einer überraschend gelungenen Fortsetzung, die den Spagat zwischen Nostalgie und zeitgemäßen Themen bemerkenswert gut meistert. Die stärkere Fokussierung auf Jessie, die intelligente Auseinandersetzung mit Technologie und die gewohnt brillante Pixar-Qualität sorgen für einen Film, der weit mehr ist als nur ein weiterer Aufguss bekannter Ideen. Zwar sind einige Wiederholungen nicht zu übersehen, doch die emotionale Kraft und der Charme der Figuren tragen den Film mühelos über kleinere Schwächen hinweg. Für Fans der Reihe ist diese Rückkehr definitiv eine Reise wert. 

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Disney/Pixar

Samstag, 29. August 2026

The Woman (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt1714208/
https://letterboxd.com/film/the-woman/

Der angesehene Anwalt und Familienvater Chris Cleek (Sean Bridgers) fängt eines Tages eine wilde, in den Wäldern lebenden Frau (Pollyanna McIntosh). Angekettet in einem Verlies in seinem Garten will er das „Monster“ zivilisieren. Mit immer brutaleren Mitteln, versucht er dieses Ziel zu erreichen und spannt dabei seine Familie ein. Während sein Sohn immer stärker in seine Fußstapfen tritt, fällt der jahrelang unterdrückten Mutter (Angela Bettis) das Schweigen immer schwerer. Tochter Peggy (Lauren Ashley Carter) zieht sich immer weiter zurück, was auch ihrer besorgten Lehrerin (Carlee Baker) auffällt. Als diese ein Gespräch sucht, überschlagen sich die Ereignisse…

Lucky McKees "The Woman" ist kein Horrorfilm, der sein Publikum gemütlich erschrecken möchte. Er will provozieren, ekeln und vor allem unangenehme Fragen stellen. Die Geschichte um den Familienvater und Anwalt Chris Cleek (Sean Bridgers), der eine verwilderte Frau (Pollyanna McIntosh) gefangen nimmt und sie in seinem Keller "zivilisieren" will, entwickelt sich vom verstörenden Hinterwäldler-Schocker zur bitterbösen Abrechnung mit patriarchaler Gewalt und familiärer Fassade. Dass der Film dabei teilweise mit dem Holzhammer arbeitet, gehört ebenso zu seinen Stärken wie zu seinen Schwächen. McKees größter Coup ist, dass die vermeintliche Bestie gar nicht das eigentliche Monster ist. Während Chris seine Gefangene kontrollieren und misshandeln lässt, offenbart sich nach und nach, wie krank seine scheinbar perfekte Familie tatsächlich ist. Die clevere Umkehrung des üblichen Horrorfilms - draußen lauert das Monster, drinnen ist die Familie sicher - macht "The Woman" wesentlich interessanter als einen gewöhnlichen Torture-Horror. 

Pollyanna McIntosh Darstellung ist dabei fast vollständig nonverbal und trotzdem enorm präsent. Sean Bridgers verkörpert Chris dagegen bewusst widerlich: freundlich nach außen, selbstgerecht und kontrollierend im Privaten. Angela Bettis als Ehefrau Belle und Lauren Ashley Carter als Tochter Peggy sorgen dafür, dass die Gewalt nicht nur als Konflikt zwischen Täter und Opfer funktioniert, sondern als System, in das eine ganze Familie hineingezogen wird. Gerade die Figurenzeichnung der Cleeks gehört zu den überzeugenderen Aspekten des Films. Natürlich ist "The Woman" nicht subtil. Die feministische Botschaft wird so deutlich ausgesprochen und ausgespielt, dass man sie eigentlich nicht übersehen kann. Das Drehbuch von McKee und Jack Ketchum setzt weniger auf psychologische Feinzeichnung als auf Eskalation - und manchmal merkt man ihm seine Herkunft aus dem Exploitation-Kino deutlich an.

Dafür besitzt die Inszenierung eine unangenehme Konsequenz. McKee lässt die Gewalt nicht einfach als Schockeffekt verpuffen, sondern verbindet sie mit der Frage, wie Missbrauch innerhalb einer vermeintlich normalen Familie weitergegeben wird. Besonders im letzten Drittel zieht der Film die Schraube drastisch an und liefert eine blutige, bewusst exzessive Schlussphase. Handwerklich ist das Ganze eher dreckig als elegant. Einige Kameraperspektiven und die langsame erste Hälfte wirken gelegentlich unbeholfen, während der metallische Soundtrack und die explizite Gewalt den Film fest im Horror- und Exploitationbereich verankern. Gerade diese Mischung aus Sozialdrama, Home-Invasion-Umkehrung und Splatter macht "The Woman" aber unverwechselbar. Seine größte Schwäche bleibt, dass McKee seine Aussage mehrfach wiederholt, anstatt sie sich aus den Figuren entwickeln zu lassen. Dadurch wirkt manches konstruiert und provokativ um der Provokation willen. 

"The Woman" ist unangenehm, brutal und alles andere als subtil - aber gerade deshalb bleibt er hängen. Hinter der schmutzigen Exploitation-Oberfläche steckt eine erstaunlich klare Analyse von Macht, Missbrauch und patriarchaler Kontrolle. Pollyanna McIntosh liefert eine herausragende körperliche Performance, Sean Bridgers einen herrlich abstoßenden Gegenpol, und McKee findet im letzten Akt Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Kein perfekter Horrorfilm und sicherlich nichts für empfindliche Gemüter. Aber als wütende, blutige und bewusst überzeichnete Abrechnung mit häuslicher Gewalt funktioniert "The Woman" deutlich besser, als sein reißerisches Äußeres vermuten lässt.

6,5/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien die "The Woman"-Trilogie hierzulande in 4K Ultra-HD einem tollen Mediabook, welches alles drei Teile ("Beutegier", "The Woman" und "Darlin'") in ihrer ungeschnittenen Originalversion beinhaltet:


Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Modernciné

Freitag, 28. August 2026

Sleepers (1996)

https://www.imdb.com/de/title/tt0117665/
https://letterboxd.com/film/sleepers/

New York in den sechziger Jahren: Die vier Freunde aus dem New Yorker Stadtviertel Hell's Kitchen hatten eigentlich nur einen harmlosen Streich im Sinn, ohne mit den schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen. Ihre Kindheit endet von einem Tag auf den anderen und sie landen im Jugendknast, wo sie der sadistische Aufseher Nokes (Kevin Bacon) auf bestialische Weise mißhandelt. Als sie die Freunde als Erwachsene wiedertreffen, wollen sie vor allem eines: Rache für ihre verlorene Jugend. In einer Bar schießen sie den verhassten Nokes nieder und es kommt zu einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess.

Das düstere Schuld-und-Sühne-Drama "Sleepers" von Regisseur Barry Levinson, bezieht seine Wirkung vor allem aus einem erschütternden Thema und einer außergewöhnlichen Besetzung. Vier Jungen aus Hell’s Kitchen landen nach einem missglückten Streich in einer Jugendstrafanstalt, wo sie von Aufseher Nokes (Kevin Bacon) und seinen Männern brutal missbraucht werden. Jahre später begegnen sich die traumatisierten Freunde wieder - und beschließen, Vergeltung zu üben. Levinson erzählt diese Geschichte in zwei sehr unterschiedlichen Hälften: zunächst als atmosphärisches Jugenddrama über Freundschaft und das raue New York der 1960er, später als Kriminal- und Gerichtsfilm. Beide Teile funktionieren, wobei gerade der Wechsel der Perspektiven die Geschichte spannend hält. Die erwachsenen Hauptrollen mit Jason Patric, Brad Pitt, Billy Crudup und Ron Eldard werden durch Robert De Niro als Father Bobby, Dustin Hoffman als Anwalt Danny Snyder und Kevin Bacon als erschreckend nüchternen Nokes prominent ergänzt. Die Besetzung ist tatsächlich eine der größten Stärken des Films. 

Besonders stark ist die Darstellung der Folgen des Missbrauchs. "Sleepers" macht aus dem Erlebten keine bloße Vorgeschichte für einen Rachethriller, sondern zeigt, wie sehr die Vergangenheit die vier Männer geprägt hat. Gleichzeitig bleibt Levinson nicht bei einem simplen "Auge um Auge". Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Kann ein Verbrechen durch ein anderes Verbrechen gesühnt werden? Und darf eine Gesellschaft Gerechtigkeit durch Selbstjustiz ersetzen? Genau hier liegt allerdings auch die Schwäche des Films. Das Drehbuch arbeitet teilweise sehr manipulativ und erklärt seine moralischen Konflikte lieber, als sie den Zuschauer selbst entdecken zu lassen. Besonders die ausgedehnte Off-Erzählung von Shakes wirkt gelegentlich überdeutlich. Hinzu kommt die bis heute problematische Behauptung, die Geschichte beruhe auf wahren Ereignissen - eine Behauptung, die schon bei Lorenzo Carcaterras Vorlage massiv angezweifelt wurde. Trotzdem entwickelt "Sleepers" eine enorme emotionale Sogwirkung. Michael Ballhaus' Kamera verleiht dem Film eine düstere, fast klassische Optik, während Levinson die Milieus von Hell's Kitchen und der Strafanstalt überzeugend gegenüberstellt. Die Gerichtssequenzen sind vielleicht etwas konventionell, aber hervorragend besetzt und dramaturgisch effektiv. 

"Sleepers" ist damit letztlich kein makelloser Film und schon gar kein unproblematisches moralisches Lehrstück. Dafür ist die Inszenierung teilweise zu melodramatisch und die Konstruktion der Rachegeschichte zu bequem. Aber Levinson gelingt ein packendes, hervorragend gespieltes Drama über Freundschaft, Trauma, Schuld und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Gerade die herausragende Besetzung und die kompromisslose Darstellung der psychischen Folgen machen den Film auch heute noch eindringlich.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkPropaganda Films/Baltimore Pictures

The Last House On The Left (2009)

https://www.imdb.com/de/title/tt0844708/
https://letterboxd.com/film/the-last-house-on-the-left-2009/

Gleich am ersten Abend des gemeinsamen Urlaubs mit ihren Eltern geht Mari (Sara Paxton, "Plötzlich verliebt", "Superhero Movie") zusammen mit ihrer Freundin Paige (Martha MacIsaac, "Superbad") auf Entdeckungstour. Geködert von gutem Hasch landen die Mädels im Hotelzimmer des etwa gleichaltrigen Justin (Spencer Treat Clark, "Mystic River"). Doch Justins Vater Krug (Garret Dillahunt, "No Country For Old Men"), ein flüchtiger Mörder, dessen Grufti-Freundin Sadie (Riki Lindhome, "Powder Blue") und Justins psychopathischer Onkel Giles (Joshua Cox) kehren früher als erwartet zurück. Es folgt eine sadistische Orgie, in deren Verlauf Mari brutal vergewaltigt wird, während sie zusehen muss, wie Paige neben ihr röchelnd verblutet. Mari, eine gute Schwimmerin, kann sich zwar noch in den See flüchten, doch Krug verpasst ihr zum Abschied eine Kugel in den Rücken. Ein heftiges Gewitter zieht auf, die Gang sucht Unterschlupf im nahegelegenen Haus der Collingwoods. Zunächst erweisen sich John und Emma als höfliche und zuvorkommende Gastgeber - bis sie herausfinden, was mit ihrer innig geliebten Tochter geschehen ist...

Dennis Iliadis’ "The Last House On The Left" ist ein bemerkenswert harter, aber letztlich zwiespältiger Horrorfilm. Das Remake von Wes Cravens Skandalfilm von 1972 nimmt dessen "Rape-and-Revenge"-Grundidee und übersetzt sie in ein deutlich aufwendigeres, technisch souveräneres Mainstreamkino. Die Geschichte um die junge Mari (Sara Paxton), die mit ihrer Freundin in die Hände des brutalen Krug (Garret Dillahunt) und seiner Bande gerät, ist dabei nichts für empfindliche Gemüter. Die Gewalt ist drastisch, aber Iliadis nutzt sie zumindest zunächst nicht bloß als Selbstzweck. Die größte Stärke liegt in der Inszenierung. Sharone Meirs Kamera und John Murphys düsterer Score erzeugen eine bedrückende Atmosphäre, während Iliadis besonders in der ersten Hälfte Spannung und Raumgefühl hervorragend kontrolliert. Auch die Besetzung überzeugt: Sara Paxton verleiht Mari Verletzlichkeit und Entschlossenheit, Tony Goldwyn und Monica Potter funktionieren als verzweifelte Eltern, und Garret Dillahunt macht Krug mit seiner erschreckend kontrollierten Grausamkeit zu einem glaubwürdigen Gegenspieler. 

Problematisch wird der Film dort, wo er seine moralische Ambivalenz zugunsten möglichst spektakulärer Rache aufgibt. Aus dem bedrückenden Überlebensdrama wird im letzten Drittel zunehmend ein blutiger Vergeltungsthriller. Damit verliert das Remake auch einen Teil dessen, was Cravens Original so verstörend machte. Iliadis interessiert sich weniger für Schuld, Vergeltung und die psychologischen Folgen von Gewalt als für die unmittelbare Wirkung seiner Szenen. Trotzdem ist "The Last House On The Left" kein schlechter Vertreter seines Genres. Er ist atmosphärisch dicht, hervorragend gespielt und in seinen besten Passagen wirklich unangenehm spannend. Nur macht ihn die zunehmend voyeuristische Gewalt letztlich weniger nachhaltig, als seine kompromisslose Ausgangslage verspricht. Ein technisch starkes und darstellerisch überzeugendes Remake, das aus seinem düsteren Ausgangsmaterial zunächst viel herausholt, sich am Ende aber zu sehr dem Torture-Horror und der befriedigenden Rachefantasie hingibt. Härte allein ist eben noch keine Tiefe.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkRogue Pictures/Film Afrika/Sean S. Cunningham Films/The Night Co./Focus Features/Scion Films/Universal Pictures

Donnerstag, 27. August 2026

Hard Candy (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt0424136/
https://letterboxd.com/film/hard-candy/

Der erfolgreiche Modefotograf Jeff (Patrick Wilson) und die 14-jährige Hayley (Ellen Page) lernen sich im Internet kennen. Beim ersten Treffen im Coffeeshop ist Jeff sehr angetan von dem aufgeweckten und charmanten Mädchen. Allerdings überrascht es ihn, dass Hayley sich kein bisschen scheut, mit ihm nach Hause zu gehen. In seinem Apartment angekommen, mag der Fotograf seinen Augen kaum trauen, denn Hayley legt den Vorwärtsgang ein: Nicht nur, dass sie beginnt, an der Bar Cocktails zu mischen - bald bietet sie sich auch für erotische Fotos an. Da kann Jeff natürlich nicht Nein sagen. Doch schon am Beginn des Shootings fängt Jeff an, sich seltsam zu fühlen. Kurz darauf wird er ohnmächtig...

Dieser unangenehm intensive Psychothriller setzt sein Publikum bewusst in eine moralische Zwickmühle. Die Begegnung zwischen der 14-jährigen Hayley (Elliot Page) und dem deutlich älteren Fotografen Jeff (Patrick Wilson) entwickelt sich zum beklemmenden Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Opfer- und Täterrollen zunehmend verschwimmen. Gerade diese Umkehrung macht den Film so wirkungsvoll - und so kontrovers. Page spielt Hayley mit einer Mischung aus kindlicher Unschuld, Intelligenz und erschreckender Entschlossenheit, während Wilson Jeff zunächst sympathisch erscheinen lässt und ihn anschließend immer verzweifelter und undurchsichtiger werden lässt. Der Film lebt fast vollständig von diesem Zweipersonenduell, und beide tragen die ungewöhnlich lange Spannung erstaunlich souverän. 

Regisseur David Slade inszeniert sein Regiedebüt stilistisch ausgesprochen kontrolliert. Enge Einstellungen, die klaustrophobische Wohnung und der bewusste Verzicht darauf, Gewalt immer direkt zu zeigen, machen vieles unangenehmer, als es ein expliziter Splatterfilm könnte. Gleichzeitig ist "Hard Candy" nicht frei von Manipulation: Das Drehbuch von Brian Nelson arbeitet teilweise sehr gezielt mit Provokation und moralischer Unsicherheit und lässt manche psychologischen Wendungen etwas konstruiert wirken. Besonders interessant ist, dass der Film keine einfache Rachegeschichte sein möchte. Er zwingt dazu, über Selbstjustiz, Schuld, Pädophilie und die Grenzen moralischer Vergeltung nachzudenken. Dabei bleibt er allerdings bewusst ambivalent: "Hard Candy" verurteilt sexuelle Ausbeutung eindeutig, stellt aber gleichzeitig die Gewalt seiner vermeintlichen Rächerin so drastisch dar, dass auch ihre Methoden hinterfragt werden müssen. Diese moralische Unbequemlichkeit ist sein größter Trumpf. Nicht jede Provokation funktioniert dabei aber gleichermaßen gut, und gelegentlich wirkt das Drehbuch zu sehr darauf bedacht, sein Publikum schockieren zu wollen. Trotzdem bleibt der Film über seine knapp 103 Minuten bemerkenswert konzentriert. 

"Hard Candy" ist kein angenehmer Film und will es auch nicht sein. Er ist hervorragend gespielt, atmosphärisch dicht und moralisch bewusst schwer einzuordnen. Seine plakative Rachefantasie und manche Drehbuchkonstruktion verhindern den ganz großen Wurf, doch als kompromissloses Schauspielerduell über Macht, Manipulation und Selbstjustiz funktioniert Slades Film auch Jahre später noch erstaunlich gut.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Vulcan Productions

Mittwoch, 26. August 2026

ゾンビアス - Zonbiasu - Zombie Ass: Toilet Of The Dead - Zombie Ass (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt2061869/
https://letterboxd.com/film/zombie-ass-toilet-of-the-dead/

Megumi ist seit dem Selbstmord ihrer Schwester, die in der Schule von anderen tyrannisiert wurde, nicht mehr die gleiche. Um auf andere Gedanken zu kommen, begleitet sie ein paar alte Freunde auf einen Campingausflug in die Wälder. Es scheint auch alles gut zu gehen, bis die jungen Leute in ihrem Essen etwas finden, was einem Wurm ähnelt. Ein Mädchen jedoch schlingt ihn bei lebendigem Leib hinunter, in der Hoffnung, dass es einen entschlackenden Effekt auf sie hat. Jedoch wird dieses Ereignis von etwas viel schlimmeren überschattet, denn die Gruppe wird urplötzlich von einer Horde Zombies attackiert. Die Untoten sind komplett mit Fäkalien beschmiert und scheinen aus dem nahegelegenen Toilettenhäuschen zu kommen. Megumi und ihre Freunde können sich grade noch zu dem merkwürdigen Dr. Tanaka retten. Jedoch wissen sie nicht, dass er sowohl für die Zombies, als auch für den Wurm verantwortlich ist, diese sogar in Zusammenhang stehen und er mit den jungen Leuten noch etwas vor hat...

Noboru Iguchis "Zombie Ass" ist weniger ein Horrorfilm als ein zweifelhaftes Experiment darüber, wie weit sich Fäkalhumor, Splatter und sexualisierte Trash-Ästhetik treiben lassen. Eine Gruppe junger Leute gerät im Wald an Zombies, die von Parasiten kontrolliert werden - und damit beginnt eine hemmungslose Mischung aus Furzen, Erbrechen, Kot und Tentakeln. Die Grundidee passt perfekt zu Iguchis bewusst geschmacklosem B-Movie-Kosmos, ist aber irgendwann auch einfach ermüdend. Seine wenigen Pluspunkte liegen im Tempo und in der hemmungslosen Fantasie. Die handgemachten Splattereffekte können durchaus Spaß machen, und das völlig enthemmte Finale zeigt, dass Iguchi zumindest weiß, wie man aus billigem Trash ein visuelles Chaos macht. Seine Konsequenz und sein absurder Einfallsreichtum schaffen also einen gewissen Unterhaltungswert.

Das Problem: Der Film verwechselt Grenzüberschreitung allzu oft mit Einfallslosigkeit. Das Drehbuch ist dünn, die Figuren bleiben Karikaturen, das Overacting strapaziert schnell die Geduld und die billigen CGI-Effekte sehen häufig entsprechend aus. Vor allem aber wiederholt "Zombie Ass" seine wenigen Gags bis zur Erschöpfung. Wer Iguchis "The Machine Girl"- oder "RoboGeisha"-Schule des japanischen Extrem-Trashs liebt, dürfte hier zumindest auf seine Kosten kommen. Für alle anderen ist "Zombie Ass" vor allem ein Test der persönlichen Schmerzgrenze. Ein konsequent geschmackloser, gelegentlich verblüffend kreativer, meistens aber schlicht nerviger Splatter-Trashfilm. "Zombie Ass" hat zweifellos seine Momente - nur leider sehr viel mehr Furzwitze als gute Ideen.

2,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Nikkatsu Corporation

The End Of Oak Street (2026)

https://www.imdb.com/title/tt27165187/
https://letterboxd.com/film/the-end-of-oak-street/

Ein rätselhaftes kosmisches Ereignis reißt die Nachbarschaft der Familie Platt aus ihrer gewohnten Umgebung und versetzt sie an einen unbekannten Ort, an dem Dinosaurier die Landschaft beherrschen. Für Denise (Anne Hathaway), Greg (Ewan McGregor) sowie ihre Kinder Brian (Christian Convery) und Audrey (Maisy Stella) beginnt damit ein gefährlicher Überlebenskampf. In der fremden Welt lauern zahlreiche Bedrohungen, denen die Familie nur gemeinsam entgegentreten kann. Während sie nach einem Ausweg sucht und versucht, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden, wird der Zusammenhalt der Platts immer wieder auf die Probe gestellt. Um die Herausforderungen zu meistern und einen Weg zurück nach Hause zu finden, müssen sie sich aufeinander verlassen und den Gefahren der prähistorischen Welt stellen.

David Robert Mitchell ist zurück - und er bringt Dinosaurier mit. Acht Jahre nach "Under The Silver Lake" meldet sich der Regisseur von "It Follows" mit "The End Of Oak Street" überraschend im großen Mainstream-Kino zurück. Produziert von J. J. Abrams und mit Anne Hathaway und Ewan McGregor prominent besetzt, verbindet der Film nostalgisches 80er-Jahre-Abenteuerkino mit Science-Fiction, Familiendrama und handfestem Dinosaurier-Survival. Das Ergebnis ist nicht ganz der große Klassiker, den seine ambitionierte Ausgangslage verspricht, aber ein ausgesprochen unterhaltsames und atmosphärisches Abenteuer. Was zunächst wie ein ziemlich verrückter "Jurassic Park"-Abklatsch klingt, entwickelt sich erfreulicherweise zu einer Mischung aus mehreren bekannten Spielberg- und Amblin-Motiven. Genau darin liegt zugleich die größte Stärke und Schwäche des Films. "The End Of Oak Street" liebt das Abenteuerkino der 1980er-Jahre ganz offensichtlich. Die Vorstadt, die Kinderfiguren, die Familie in einer außergewöhnlichen Situation, die Dinosaurier und die Mischung aus Spannung und Sentimentalität erinnern immer wieder an eine Zeit, in der große Genreunterhaltung noch stärker von Figuren als von Franchise-Mythologien lebte. 

Mitchell kopiert Spielberg allerdings nicht einfach. Wer "It Follows" kennt, erkennt schnell seine Handschrift wieder. Schon dort machte er vertraute amerikanische Wohngegenden zu unheimlichen Orten. Auch hier beginnt der Schrecken nicht sofort mit einem Dinosaurierangriff, sondern mit kleinen Veränderungen, die zunächst kaum einzuordnen sind. Die sommerliche Vorstadt wirkt plötzlich falsch: Die Hitze nimmt zu, Pflanzen erscheinen, wo sie nicht hingehören, und die Umgebung entwickelt eine merkwürdige Fremdartigkeit. Diese langsame Verschiebung vom Alltäglichen ins Unheimliche gehört zu den gelungensten Elementen des Films. Dabei ist die Kameraarbeit von Michael Gioulakis ein wichtiger Trumpf. Mitchell nutzt ungewöhnliche Bildkompositionen, Split-Diopter-Aufnahmen und sorgfältig aufgebaute Räume, um die vermeintliche Sicherheit der Vorstadt zu unterlaufen. Die Dinosaurier werden nicht permanent ins Bild gestellt, sondern teilweise über Geräusche, Bewegungen und die Reaktionen der Figuren angekündigt. Das erzeugt stellenweise tatsächlich Spannung, statt lediglich CGI-Spektakel abzuspulen. 


Die Dinosaurier selbst sind natürlich das große Verkaufsargument - und der Film weiß das. Glücklicherweise behandelt Mitchell sie nicht ausschließlich als digitale Attraktionen. Gerade die Begegnungen mit den Tieren besitzen häufig etwas Bedrohliches und Unberechenbares. Der Film versteht, dass ein Dinosaurier nicht unbedingt permanent brüllen und Menschen jagen muss, um beeindruckend zu sein. Ein Schatten, ein Geräusch oder ein plötzlich auftauchender Kopf können bereits reichen. Hier unterscheidet sich "The End Of Oak Street" wohltuend von manchen neueren "Jurassic World"-Filmen, deren Dinosaurier zunehmend wie austauschbare Actionmonster behandelt wurden. Doch letztlich geht es gar nicht hauptsächlich um Dinosaurier. Der eigentliche Kern des Films ist die Familie Platt. Anne Hathaway und Ewan McGregor spielen zwei Menschen, deren Ehe bereits vor der Katastrophe Risse zeigt. Die außergewöhnliche Situation zwingt sie, alte Konflikte beiseitezuschieben und sich wieder aufeinander zu verlassen. Hathaway verleiht Denise dabei eine bemerkenswerte Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit. McGregor wiederum spielt Greg weniger als klassischen Actionhelden denn als Vater, der verzweifelt versucht, seine Familie zusammenzuhalten. Auch Maisy Stella und Christian Convery funktionieren überzeugend als Kinderfiguren, ohne dass der Film sie zu den üblichen nervigen Teenagerklischees degradiert. Gerade Audrey und Brian tragen einen Teil des emotionalen Gewichts der Geschichte. 

Das Drehbuch hat allerdings eine gewisse Unentschlossenheit. "The End Of Oak Street" möchte gleichzeitig Familienfilm, Dinosaurierabenteuer, Mystery, Science-Fiction-Thriller und nostalgischer 80er-Jahre-Film sein. Die Mischung funktioniert erstaunlich oft, aber nicht immer harmonisch. Manche Ideen werden eingeführt, ohne später ausreichend vertieft zu werden. Andere wirken wie Überbleibsel aus einem völlig anderen Film. Gerade hier liegt der Abstand zu den großen Vorbildern. Spielberg konnte in "E.T.", "Jurassic Park" oder "Vergessene Welt. Jrassic Park" Abenteuer, Humor, Familiengeschichte und Spektakel miteinander verbinden, ohne dass die einzelnen Bestandteile wie separate Filme wirkten. Mitchell kommt diesem Gleichgewicht nahe, erreicht es aber nicht vollständig. Auch die nostalgische Ebene kann gelegentlich etwas zu offensichtlich wirken. 80er-Jahre-Ästhetik ist inzwischen selbst zum Genre geworden. "The End Of Oak Street" bemüht sich zwar, nicht ständig mit dem Ellenbogen darauf hinzuweisen, dass es ein 80er-Film sein möchte, doch die Referenzen auf das klassische Amblin-Kino sind unübersehbar. Das funktioniert für Zuschauer, die diese Art von Abenteuer lieben, ausgesprochen gut - kann aber auch den Eindruck erwecken, dass Mitchell eher mit Erinnerungen an bessere Filme arbeitet als mit einer völlig eigenen Filmsprache.

Zum Glück besitzt der Film genügend eigene Qualitäten, um nicht ausschließlich von Nostalgie abhängig zu sein. Besonders die familiäre Dynamik gibt dem Abenteuer eine emotionale Grundlage. Die Dinosaurier sind die äußere Bedrohung; die persönlichen Konflikte der Platts bilden die innere. Das ist klassisches Abenteuerkino, aber Mitchell erzählt es mit einem leicht düsteren Unterton, der immer wieder an seine Horrorfilme erinnert. Auch Michael Giacchinos Musik trägt entscheidend zur Atmosphäre bei. Sie darf groß und orchestral werden, ohne jede Szene mit emotionalem Zuckerguss zu überziehen. In Verbindung mit Gioulakis' Bildern entsteht so ein Film, der tatsächlich nach großem Kino verlangt. Bemerkenswert ist außerdem, dass Mitchell nach acht Jahren Pause einen deutlich zugänglicheren Film vorlegt, ohne seine eigene Identität vollständig aufzugeben. "It Follows" war ein minimalistischer Horrorfilm, "Under The Silver Lake" ein verschrobener Neo-Noir. "The End Of Oak Street" ist dagegen eindeutig auf ein größeres Publikum zugeschnitten. Trotzdem bleibt Mitchells Interesse an fremd gewordenen vertrauten Räumen erhalten. Die Vorstadt ist bei ihm erneut kein sicherer Ort - nur diesmal stehen hinter dem Gartenzaun keine unsichtbaren übernatürlichen Verfolger, sondern Dinosaurier.


Die Schwächen liegen vor allem in der Dramaturgie. Nicht jede Szene besitzt das gleiche Gewicht, und der Film hätte an einigen Stellen durchaus straffer erzählt werden können. Einige Wendungen sind vorhersehbar, und wer einen besonders tiefgründigen Science-Fiction-Film erwartet, wird von der relativ simplen Mythologie enttäuscht sein. Trotzdem überwiegt am Ende der positive Eindruck. "The End Of Oak Street" ist kein "Jurassic Park", und er möchte es vermutlich auch gar nicht sein. Er ist vielmehr ein liebevoller, manchmal düsterer Rückblick auf eine Form des Abenteuerkinos, die heute seltener geworden ist: eine Geschichte über eine Familie, die in einer unmöglichen Situation zusammenfinden muss - mit Dinosauriern als ziemlich überzeugendem Argument für familiären Zusammenhalt.

"The End Of Oak Street" verbindet 80er-Jahre-Nostalgie, Science-Fiction, Familiendrama und Dinosaurierabenteuer zu einem unterhaltsamen Gesamtpaket. Anne Hathaway und Ewan McGregor geben dem Spektakel eine glaubwürdige emotionale Grundlage, die jungen Darsteller überzeugen, und David Robert Mitchell findet immer wieder Bilder, die deutlich mehr Atmosphäre besitzen als ein gewöhnlicher Blockbuster. Gleichzeitig ist der Film erzählerisch nicht ganz so mutig wie seine Prämisse und kann sich von seinen Spielberg- und "Jurassic Park"-Vorbildern nie vollständig lösen. Wer großes, klassisch erzähltes Abenteuerkino vermisst, dürfte hier dennoch auf seine Kosten kommen. "The End Of Oak Street" ist vielleicht nicht das Meisterwerk, das aus dieser verrückten Ausgangsidee hätte entstehen können - aber ein sympathischer, spannender und visuell starker Sommerfilm, der seine Dinosaurier ernst genug nimmt, um tatsächlich Spaß zu machen.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkWarner Bros. Pictures/Domain Entertainment/Bad Robot/Jackson Pictures

La Captura - Facing El Chapo - Die Festnahme (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt39390497/
https://letterboxd.com/film/facing-el-chapo/

 Basierend auf wahren Begebenheiten: Der international gesuchte Drogenkartellboss Joaquin „El Chapo“ Guzmán flüchtet am 8. Januar 2016 vor dem Zugriff der mexikanischen Marine durch die Kanalisation aus seinem Anwesen. Anschließend bringt er ein Auto in seine Gewalt und wähnt sich bald in Sicherheit. Doch dann gerät er in eine Routinekontrolle durch zwei ganz normale Polizisten, die ihn jedoch direkt erkennen. Nachdem der Gangster bei ihnen mit Bestechungsversuchen auf Granit beißt, droht er ihnen unverhohlen mit dem Tod durch seine Leute, sollten sie ihn nicht freilassen. Für die beiden braven Gesetzeshüter beginnen die härtesten Stunden ihres bisherigen Lebens.

Chava Cartas’ "Die Festnahme" nimmt sich einen ungewöhnlichen Moment aus der Geschichte des mexikanischen Drogenbosses Joaquín "El Chapo" Guzmán vor: Nicht die spektakuläre Jagd, sondern eine scheinbar banale Verkehrskontrolle wird zum Ausgangspunkt eines nervösen Kriminalthrillers. Zwei Polizisten, Arturo Carmona (Alfonso Herrera) und Héctor Rosales (Noé Hernández), erkennen den meistgesuchten Verbrecher des Landes - und müssen plötzlich entscheiden, ob sie ihren Fund wirklich festhalten können. Die reale Grundlage ist dabei tatsächlich bemerkenswert: Die Ereignisse vom 8. Januar 2016 bildeten den Kern der Geschichte, während die beiden Polizisten für den Film fiktionalisiert wurden. Gerade diese Konzentration ist die größte Stärke des Films. Statt den El-Chapo-Mythos mit Kartellkrieg, Luxus und großen Schießereien aufzublasen, macht Cartas daraus zunehmend ein klaustrophobisches Kammerspiel. Alfonso Herrera und Noé Hernández tragen das Geschehen überzeugend, während Héctor Kotsifakis als Guzmán weniger als charismatischer Gangsterboss denn als gefährliche, schwer einzuschätzende Präsenz funktioniert. Die Enge des Settings erzeugt dabei durchaus Spannung. 

Allerdings braucht "Die Festnahme" zu lange, um zu seinem eigentlichen Konflikt vorzudringen. Die ausführliche Einführung der beiden Polizisten schafft zwar eine gute menschliche Grundlage, bleibt bei deren Charakterisierung aber etwas oberflächlich. Sobald der Film schließlich Fahrt aufnimmt, ist das moralische Dilemma - Gesetzestreue gegen Geld, Angst und Überlebenswillen - interessant, aber auch ziemlich konventionell. Handwerklich ist das solide Genrearbeit: düstere Atmosphäre, konzentrierte Inszenierung und ein angenehm zurückhaltender Umgang mit dem ohnehin bekannten El-Chapo-Mythos. Wer allerdings einen großen Kartellthriller erwartet, dürfte enttäuscht sein. "Die Festnahme" ist wesentlich kleiner gedacht - und genau dadurch interessanter, aber eben auch weniger spektakulär. Damit avanciert der Film zu einem ordentlich gespielten, atmosphärischen Krimi, der aus einem ungewöhnlichen historischen Moment ein spannendes Kammerspiel macht. Die Idee ist besser als ihre dramaturgische Ausführung, und gerade die langsame erste Hälfte kostet einiges an Spannung. Trotzdem überzeugt der Film dort, wo er El Chapo nicht als Popkultur-Ikone, sondern als gefährlichen Menschen in einer sehr engen Situation zeigt.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Draco Films/Netflix

Dienstag, 25. August 2026

Michael (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt11378946/
https://letterboxd.com/film/michael-2026/

Der junge Michael Jackson (Juliano Krue Valdi) wird als achtes von zehn Kindern unter der strengen Führung seines Vaters Joe (Colman Domingo) früh für eine Musikkarriere gedrillt wird. Mit der Familienband Jackson Five feiert er erste Erfolge, im Alter von 13 Jahren startet er bereits die Solokarriere. Auch im Erwachsenenalter (Jaafar Jackson) ist sein Leben von der Musik dominiert. Ende der 1970er-Jahre lernt er bei Filmarbeiten Diana Ross (Kat Graham) und den Produzenten Quincy Jones (Kendrick Sampson) kennen, was seine musikalische Ausrichtung grundlegend verändert. Das von Jones produzierte Album "Off the Wall" (1979) wird ein großer Erfolg, der 1982 durch die bahnbrechende und meistverkaufte Platte "Thriller" noch übertroffen wird. Parallel zu diesem Aufstieg kommt es zum Bruch mit seinem Vater Joe, den Jackson als Manager entlässt und durch den Anwalt John Branca (Miles Teller) ersetzt.

Bei dem Namen Antoine Fuquas denkt man stets zuerst an Actionfilme. Doch dass Herr Fuqua auch anders kann, beweist er mit "Michael", ein Film, der gleichzeitig beeindruckt und frustriert. Er erzählt die Karriere Michael Jacksons von den frühen Jahren bei den Jackson 5 bis zur "Bad"-Ära - und konzentriert sich dabei ganz auf die Musik, den Aufstieg zum Weltstar und die außergewöhnliche Bühnenpräsenz. Das funktioniert als großes Popkino hervorragend, als Biografie bleibt der Film jedoch auffällig vorsichtig. Die größte Überraschung ist Jaafar Jackson. Michael Jacksons Neffe spielt seinen Onkel nicht nur äußerlich verblüffend ähnlich, sondern entwickelt eine eigene Präsenz, die besonders in den nachgestellten Auftritten funktioniert. Sobald Jaafar tanzt oder singt, wird aus dem eher konventionellen Biopic plötzlich ein faszinierendes Konzertfilm-Erlebnis. Auch Colman Domingo als Joe Jackson und Nia Long als Katherine Jackson sorgen für darstellerisches Gewicht. Vor allem Domingo vermittelt eindringlich, wie sehr Michaels außergewöhnliches Talent aus einem familiären Umfeld hervorging, das zugleich Förderung und psychischer Druck war. Der Film zeigt diese Vater-Sohn-Dynamik durchaus deutlich - allerdings bleibt sie letztlich Teil einer klassischen Aufstiegsgeschichte: Trauma, Talent, Durchbruch, nächster Hit.

Handwerklich ist "Michael" dagegen ausgesprochen hochwertig. Fuqua inszeniert die Konzertsequenzen mit Energie und großer Liebe zum Detail, während Kostüme, Ausstattung und Choreografie darauf ausgerichtet sind, die verschiedenen Phasen von Jacksons Karriere möglichst authentisch nachzubilden. Gerade die Rekonstruktion bekannter Auftritte besitzt eine fast hypnotische Qualität. Wer Jacksons Musik liebt, dürfte an diesen Passagen kaum vorbeikommen. Das Problem ist das Drehbuch von John Logan. Statt die Widersprüche seiner Hauptfigur wirklich auszuhalten, ordnet es Michaels Leben häufig in bekannte Biopic-Bausteine ein. Jackson wird zum genialen, verletzlichen Künstler, der von der Welt missverstanden wird. Das ergibt ein emotional zugängliches Porträt, ist aber auch auffällig glatt. Noch problematischer ist, was "Michael" nicht erzählt. Der Film endet bereits 1988 und berührt damit die späteren Kontroversen um Jacksons Leben kaum. Das ist keine bloße dramaturgische Entscheidung, sondern verändert zwangsläufig das gesamte Bild der Person. Die künstlerische Größe und die schwerwiegenden Vorwürfe gegen Jackson existieren historisch nebeneinander - der Film entscheidet sich jedoch weitgehend dafür, nur eine Seite zu zeigen.


Damit wird "Michael" letztlich eher zum "Musikfilm über Michael Jackson" als zu einer umfassenden Biografie. Das muss nicht automatisch schlecht sein. Ein Biopic darf einen bestimmten Lebensabschnitt fokussieren. Problematisch wird es dort, wo die Auslassungen den Eindruck erzeugen, der Film wolle seinem Gegenstand nicht wirklich widersprechen. Gerade deshalb ist der Film interessanter, wenn man ihn nicht als endgültige Wahrheit über Michael Jackson betrachtet. Fuqua rekonstruiert eine öffentliche Figur: den begabten Jungen, den außergewöhnlichen Tänzer, den Perfektionisten und den Popstar, der die Grenzen zwischen Musik, Tanz und Performance neu definierte. In diesen Momenten versteht der Film sehr gut, warum Jackson zu einer der prägendsten Figuren der Popgeschichte werden konnte. Und dann gibt es Jaafar Jackson. Seine Besetzung erweist sich rückblickend als der größte Glücksgriff des Films. Er trägt die schwierige Aufgabe, eine Ikone nachzuahmen, ohne bloß zur Imitation zu werden. Wenn er auf der Bühne steht, verschwinden die Schwächen des Drehbuchs für einige Minuten vollständig. Dann wird "Michael" zu dem, was Jackson selbst immer war: pure Performance.

"Michael" ist ein technisch beeindruckendes und musikalisch mitreißendes Biopic, dessen größte Stärke gleichzeitig seine größte Schwäche ist. Jaafar Jackson ist sensationell, die Konzertsequenzen sind hervorragend und Fuqua beherrscht das große Popkino. Doch die Dramaturgie bleibt konventionell, manche Figuren werden zu Funktionsträgern und die problematischen Kapitel von Jacksons Leben werden so konsequent ausgespart, dass ein deutlich zu einseitiges Bild entsteht. Als musikalische Zeitreise funktioniert "Michael" deshalb erstaunlich gut. Als vollständiges Porträt des Menschen hinter dem Mythos bleibt er deutlich unvollständig. 

7,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkLionsgate/GK Films/Optimum Productions

Montag, 24. August 2026

Greenland 2: Migration (2026)

https://www.imdb.com/title/tt14850054/
https://letterboxd.com/film/greenland-2-migration/

John (Gerard Butler) und Allison (Morena Baccarin) Garrity haben nach dem Einschlag des Kometen Clarke ihren Bunker tief unter Grönland immer noch nicht verlassen. Dort haben sie zusammen mit ihrem Sohn Nathan (Roman Griffin Davis) Unterschlupf gesucht. Doch ein schwere Erdbeben zwingt die drei, ihren Zufluchtsort zu verlassen und zurück an die Oberfläche zu kehren. Dort herrschen jedoch regelrecht apokalyptische Zustände. Die Luft zum Atmen und das Wasser zum Trinken sind weitestgehend verseucht, die Atmosphäre ist löchrig und lässt gefährliche Strahlen durch und auch die Gefahr durch weitere Kometeneinschläge ist längst nicht gebannt. Ironischerweise gibt es jedoch noch einen Ort auf der Erde, der davor vergleichsweise geschützt ist: den Einschlagskrater von Clarke in Südfrankreich. Und dorthin wollen sich John, Allison und Nathan nun durchschlagen...

Fünf Jahre nach dem Kometeneinschlag ist die Welt von "Greenland 2: Migration" längst untergegangen - und genau darin liegt zunächst der reizvolle Ansatz der Fortsetzung. John Garrity (Gerard Butler), seine Frau Allison (Morena Baccarin) und Sohn Nathan leben mit anderen Überlebenden in einem unterirdischen Bunker in Grönland. Als Erdbeben die Anlage zerstören, beginnt für die Familie eine neue Odyssee durch ein verwüstetes Europa auf der Suche nach einem Ort, an dem menschliches Leben wieder möglich sein könnte. Der Film erweitert damit die Perspektive des Vorgängers vom unmittelbaren Katastrophenszenario zur klassischen postapokalyptischen Survival-Geschichte. Das ist durchaus interessant, denn "Greenland" von 2020 war gerade deshalb besser als viele seiner Genre-Kollegen, weil er seine Katastrophe vergleichsweise nüchtern und menschlich erzählte. "Greenland 2: Migration" versucht, diesen Ansatz weiterzuführen. Die Familie steht weiterhin im Mittelpunkt, während die zerstörte Welt eher Kulisse bleibt. Gerard Butler funktioniert dabei erneut erstaunlich gut als abgekämpfter Familienvater, der weniger als unbesiegbarer Actionheld denn als Mann auftritt, der seine Familie um jeden Preis zusammenhalten will. Auch Morena Baccarin bringt der Geschichte die nötige emotionale Erdung.

Leider verliert die Fortsetzung genau jene Bodenständigkeit, die den ersten Film ausgezeichnet hat. Sobald die Garritys den Bunker verlassen, wird aus dem persönlichen Überlebenskampf zunehmend ein konventioneller Abenteuerfilm: zerstörte Landschaften, bewaffnete Gruppen, gefährliche Überquerungen und die obligatorische Suche nach einem vermeintlichen sicheren Ort. Die Reise durch Europa bietet zwar größere Schauwerte, wirkt aber erzählerisch deutlich beliebiger. Regisseur Ric Roman Waugh inszeniert die Action solide. Besonders die Reise über den trockengelegten Ärmelkanal und einige Begegnungen mit Plünderern besitzen Spannung und körperliche Wucht. Gleichzeitig zeigen sich hier die Grenzen der Produktion: Auf beeindruckende Totalen der postapokalyptischen Welt folgen häufig deutlich kleinere, weniger überzeugende Actionsequenzen. Noch problematischer ist das Drehbuch. Die Figuren werden immer wieder in Situationen gebracht, die dramatisch wirken sollen, aber nur funktionieren, wenn man die Logik der Welt großzügig ignoriert. Auch die Hoffnung auf einen neuen Lebensraum wird dramaturgisch relativ plump aufgebaut. 

Wo "Greenland" mit der Unberechenbarkeit einer realen Katastrophe arbeitete, wirkt "Greenland 2: Migration" stellenweise wie ein Puzzle aus bekannten Endzeitfilm-Versatzstücken und erzählt von einer Welt, in der das Schlimmste bereits geschehen ist – und macht daraus einen wesentlich gewöhnlicheren Abenteuerfilm. Das ist unterhaltsam genug, aber eben auch deutlich weniger eindringlich. "Greenland 2: Migration" ist ordentlich produziertes Survival-Kino mit einem sympathischen Gerard Butler, einigen gelungenen Actionsequenzen und einer grundsätzlich interessanten Idee: Was passiert eigentlich nach dem Weltuntergang? Leider beantwortet der Film diese Frage mit zu vielen bekannten Genreklischees und zu wenig eigener Fantasie. Die größere Welt bedeutet nicht automatisch eine bessere Geschichte. Als geradliniger Endzeit-Actionfilm funktioniert der Film passabel. Als Fortsetzung des überraschend starken Originals ist es jedoch ein klarer Rückschritt. Wo "Greenland" Spannung aus menschlicher Nähe und glaubwürdiger Angst gewann, setzt "Greenland 2: Migration" zunehmend auf Pathos, Zufälle und Spektakel.

4/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkSTXfilms/Anton/Thunder Road/G-BASE/CineMachine/Lionsgate