Samstag, 31. Januar 2026

Dolly (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt32639175/

Im Zentrum steht Macy (Fabianne Therese), eine junge Frau, die mit ihrem Freund Chase ein romantisches Wochenende im Wald verbringt, bei dem er ihr einen Heiratsantrag machen will. Nach einem Spaziergang auf einem Naturpfad führt Chase sie zu seinem Lieblingsaussichtspunkt, bricht dann aber seine eigene Regel und verlässt den markierten Weg, als er ein unheimliches Geräusch und Musik aus einem Spielzeugradio hört. Chase kehrt nicht zurück, Macy macht sich auf die Suche - und stößt stattdessen auf eine riesenhafte, wortlose Gestalt (Max the Impaler) im Kleid und mit einer groben Porzellanpuppen-Maske, die später nur noch Dolly genannt wird. Diese Kreatur schlägt Macy bewusstlos und trägt sie tief in den Wald in ein abgelegenes, heruntergekommenes Haus. Macy erwacht in einem Obergeschoss, genauer: in einem grotesk überdimensionierten Kinderzimmer. Sie trägt Babykleidung, liegt in einem viel zu großen Stubenwagen und ist umgeben von verstörenden Puppenarrangements - ein Raum, der für ein Kind gedacht scheint, aber mit Obsession und Gewalt aufgeladen ist...

"Dolly" ist ein bewusst schmutziger, kompromisslos körperlicher Horrorthriller, der die Ikonen des 70er‑Jahre‑Slashers in die Gegenwart holt und daraus eine verstörende Studie über Zwangsfamilie, Regressionsfantasien und weibliches Überleben macht. Der Film funktioniert weniger als "Meta-Spiel" mit Nostalgie, sondern als ernst gemeinte, dichte Albtraum-Erfahrung, die das Publikum in eine einzige, eskalierende Situation einsperrt. Als Dolly in den Raum platzt, wird klar, was hier passiert: Diese monströse "Mutterfigur" will Macy (Fabianne Therese) nicht foltern oder töten, sondern als ihr Kind großziehen, als lebendige Puppe. Dazu gehören Füttern, Beruhigen, in den Schlaf wiegen, Zwang zur Hilflosigkeit - Handlungen, die im Alltag fürsorglich wären, hier aber zur reinen Machtausübung werden. Je länger der Film im Haus bleibt, desto bizarrer und brutaler wird das Geschehen. Dolly pendelt zwischen übergriffiger Zärtlichkeit und Selbsthass, zwischen kindlicher Kränkung und hemmungsloser Wut, die sich immer wieder in plötzlich aufflammender Gewalt entlädt. Die "Mutterliebe" ist unberechenbar: Ein falsches Wort, ein Fluchtversuch, ein abgewendeter Blick - und die Stimmung kippt in eine brutale Züchtigung, die zugleich die Illusion der perfekten Puppe wiederherstellen soll.

Macy entdeckt nach und nach Überreste früherer "Kinder": Blutspuren, Kleidungsstücke, Hinweise auf andere Opfer, die diese Rolle nicht überlebt haben. Dadurch verwandelt sich der Film in ein reines Survival-Szenario, in dem Macy jede Interaktion mit Dolly taktisch spielt - zwischen gespielter Unterwerfung und gezielten Versuchen, ihren Entführer körperlich und psychologisch aus dem Gleichgewicht zu bringen. Im letzten Drittel verlagert "Dolly" den Schwerpunkt stärker auf offene Konfrontation und Flucht. Macy nutzt jeden Bruch im Ritual - Momente, in denen Dolly sich in Selbsthass verliert oder das Haus verlassen muss - und verwandelt das Haus selbst in eine Waffe, als Schauplatz mehrerer brutaler Auseinandersetzungen. Die Flucht durch den Wald, mit Dolly im Rücken, bündelt das, was der Film die ganze Zeit vorbereitet: eine Art dreckige, physische Katharsis, in der die zähe, erfinderische Macy zum "Final Girl" im klassischen Sinn wird, ohne dass die Inszenierung sie zum coolen Actionstar verklärt. Spätestens hier erkennt der Zuschauer sehr direkte Bezüge zu Tobe Hoopers "The Texas Chainsaw Massacre" - von der Steigerungsdramaturgie im Haus bis zum verzweifelten Sprint in die vermeintliche Freiheit.

Macy ist die emotionale und moralische Achse des Films. Zu Beginn ist sie eine relativ normale junge Frau mit Zukunftsplänen, deren größtes Problem darin besteht, ob sie für einen Heiratsantrag bereit ist; in Dollys Haus wird sie zur Projektionsfläche eines völlig kranken Familienideals. Ihre Transformation zur Überlebenden verläuft nicht über coole One‑Liner, sondern über zunehmende Verzweiflung, Wut und einen sehr physischen Überlebenswillen, ganz genau wie Marilyn Burns' Performance in "The Texas Chainsaw Massacre" vergleichen. Dolly selbst gehört zu den eindrucksvollsten neuen Horrorfiguren des Films. Verkörpert von der Wrestlerin Max the Impaler, ist sie ein stummer, massiver Körper im zerrissenen Kleid mit starrem Puppengesicht, irgendwo zwischen Jason, Leatherface und einem pervertierten Muttergott. Dass Dolly nicht spricht, verstärkt die Lesbarkeit ihrer "Liebe" als reine Handlung: Füttern, Tragen, Schütteln, Bestrafen - alles körperliche Sprache, die von einem beschädigten Verständnis von Fürsorge erzählt. "Dolly" lässt sich als Horrorfilm über extreme Regression lesen: Die Fantasie, einen erwachsenen Menschen vollständig in den Zustand der Abhängigkeit zurück zu zwingen - emotional, körperlich, sozial. Horror entsteht hier nicht nur aus Gewalt, sondern aus der Auslöschung von Autonomie: Macy soll nicht einmal mehr eine Person mit Vergangenheit und Zukunft sein, sondern ein Ding, ein "Baby", das ausschließlich durch Dollys Bedürfnis definiert wird. Damit spielt der Film explizit mit Motiven toxischer Fürsorge und Besitzliebe. Dolly ist keine klassische Serienkillerin mit Kodex, sondern jemand, der Liebe mit Einverleibung verwechselt und Individualität als Bedrohung der eigenen Identität erlebt. In diesem Sinne ist Dolly weniger Monster als Spiegelbild jener Beziehungen, in denen eine Person die andere infantilisieren, kontrollieren, "retten" will, bis nichts von ihr übrig bleibt.

Formell positioniert sich Dolly klar als 70er‑Jahre‑Throwback: knapp 82 Minuten Laufzeit, niedrigeres Budget, körnige, griffige Ästhetik, weitgehend praktische Effekte und eine Faszination für körperlichen Schmerz und Schmutz. Leider nutzt der Film des begrenzten Budgets aber nicht, um Intimität und Intensität zu steigern, sondern kaschiert sie mit CGI. Die Gewalt ist nicht permanent, aber wenn sie kommt, dann hart, blutig und ohne ironischen Sicherheitsabstand - eine Mischung, die die "neue französische Härte" mit amerikanischen Slasher-Konventionen verbindet. Gleichzeitig durchzieht den Film ein sehr dunkler Humor, der eher nervöses Lachen provoziert als befreiende Gags; das groteske Puppen-Setting und die Überzeichnung von Dollys Ritualen machen klar, wie absurd diese "Familie" ist, ohne das Leid der Opfer zu relativieren. 

"Dolly" ist kein Meisterwerk, aber ein bemerkenswert konsequenter Film. Er nimmt sein pulpiges Konzept ernst, ohne es zu adeln, und fragt: Was passiert, wenn eine Figur, die nicht erwachsen sein kann oder will, sich eine Familie baut, in der niemand außer ihr handeln darf? Der Film lebt von der körperlichen Präsenz seiner Hauptdarstellerinnen - der verletzlichen, aber zähen Macy und der monströsen, zugleich bemitleidenswerten Dolly - und wie der Horror genau aus dieser Konstellation erwächst. "Dolly" ist kein subtiler Kommentarfilm, aber er ist ehrlich in seinem Schmutz: Er zeigt, wie Besitzansprüche, Fürsorgefantasien und das Bedürfnis nach absoluter Kontrolle in pure Gewalt kippen, wenn niemand da ist, der "Nein" sagt. 

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Gentile Entertainment Group/Mama Bear Studios/Set Point/Monarque Entertainment/Witchcraft Motion Picture Company

Dust Bunny (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt23172090/

Aurora (Sophie Sloan), ein einsames Pflegekind in einem heruntergekommenen New Yorker Apartmentblock, lebt mit der felsenfesten Überzeugung, dass unter ihrem Bett kein harmloser "Dust Bunny" (eine "Wollmaus"), sondern ein echtes Monster lauert. Als ihre Pflegeeltern auf grausige Weise verschwinden, deutet Aurora jede Blutspur und jede Unordnung als Beweis dafür, dass die Kreatur zugeschlagen hat - und dass sie die Nächste sein könnte. Bei ihren nächtlichen Fluchten durchs Treppenhaus entdeckt sie den rätselhaften Nachbarn (Mads Mikkelsen), den sie für eine Art professionellen Monsterjäger hält, nachdem sie ihn in Chinatown scheinbar gegen einen Drachen kämpfen sieht. Tatsächlich ist er ein Auftragskiller, dessen blutige Auseinandersetzung mit einer Triaden-Gang von Aurora kindlich missverstanden wird - für sie ist er der perfekte Söldner, um das Wesen unter ihrem Bett zu exekutieren. Zwischen dem abgebrühten Killer und dem hyperwachsamen Kind entsteht eine krude, nicht ganz elterliche, aber zutiefst emotionale Beziehung, während sich die Bedrohungslage zunehmend verdichtet: Sind die Monster in Auroras Leben real, metaphorisch - oder beides gleichzeitig? 

"Dust Bunny" ist ein Horrorthriller, der wie ein verstörtes Märchen beginnt und was wie ein kindlicher Albtraum klingt, wird von Regisseur Bryan Fuller zu einer stilisierten Mischung aus Märchen, Actionfilm und Trauma-Studie ausgebaut. "Dust Bunny" entführt den Zuschauer in eine Welt, die halb vertraut, halb traumhaft verzerrt ist. Die Atmosphäre mischt morbiden Humor mit aufrichtiger Kindheitsangst, erinnert tonal an die düster-ironischen Welten von "Delicatessen" und "Léon - Der Profi", ohne je in bloße Hommage zu kippen. Fuller setzt auf die Logik von Albträumen: Räume kippen von Geborgenheit in Bedrohung, Straßenecken wirken zugleich realistisch und märchenhaft verschoben. Dieser Ton erlaubt es dem Film, brutale Gewalt und grotesken Witz nebeneinander stehen zu lassen, ohne das kindliche Zentrum der Geschichte zu verraten. Er weigert sich auch lange, die Frage nach Realität eindeutig zu beantworten, und baut den Film konsequent auf dem Spannungsfeld zwischen kindlicher Imagination und brutaler Alltagsgewalt auf.

Visuell arbeitet "Dust Bunny" mit einem starken Kontrast zwischen engen, klaustrophobischen Innenräumen und opulenten, fast opernhaften Action-Tableaus. Die Kamera bleibt in Auroras (Sophie Sloan) Wohnung nah am Boden, zeigt den Raum aus Kinderperspektive: Bettgestell, Boden, Schattenkanten - die gefährliche Grenze, die man nicht betreten darf. "Der Boden ist Lava" scheint eine der Grundlagen dieser Story zu sein. In den Außen- und Actionszenen dagegen öffnet sich das Bild in überstilisierten Kompositionen: das "Drachen"-Gefecht in Chinatown vor Feuerwerk und Neon ist zugleich Gangsterfilm und kindliche Fantasieillustration. Fuller nutzt Schatten, Reflexionen und negative Räume, um das Monster immer wieder anzudeuten - etwa wenn eine normale Hand als klauenartige Silhouette an der Wand erscheint - und spielt so bewusst mit der Frage, ob hier wirklich etwas Übernatürliches agiert. Der anonyme Großstadt-Block, in dem Aurora lebt, wirkt dabei wie eine Märchenburg aus Beton: Altbauartig, aber voller visueller Details, die von verborgenen Geschichten erzählen. Die Wohnung ist zugleich Schutzraum und Falle; der Boden wird buchstäblich zur tödlichen Zone, die Aurora meidet, indem sie über Möbel, Fenster und sogar ein Nilpferd-Statue balanciert. Außerhalb des Hauses entfaltet der Film eine Art urbanes Fantasiereich aus Gassen, Chinatown-Labyrinthen und kalten Bürotempeln der Unterweltbosse. Das Produktionsdesign betont die Künstlichkeit dieser Welt, ohne ins Comic-Hafte zu kippen, und schafft damit eine glaubhafte Bühne für eine Geschichte, in der Kindheitslogik und Auftragsmord in denselben Flur passen.

Sophie Sloan trägt den Film auf Schultern, die eigentlich zu klein für so viel Traumalast wirken sollten. Ihre Aurora ist kein niedliches Gruselkind, sondern eine ernste, taktierende Überlebende, deren übergroße Augen weniger Naivität als ständige Gefahrenanalyse spiegeln. Mads Mikkelsen variiert sein vertrautes Repertoire aus kühler Distanz und verborgenem Mitgefühl und spielt den intrganten Nachbarn als Mann, der sich selbst für ein Monster hält, aber in der Begegnung mit Aurora an die Angst des Kindes erinnert wird, das er einmal war. In den besten Momenten kippt das Machtverhältnis: Das Kind wirkt rationaler und pragmatischer, während der Killer in seine eigene Verwundbarkeit stolpert. Sigourney Weaver gibt der Rolle der skrupellosen Händlerin eine fast mythische Qualität; sie ist weniger Person als Raubtier im Designer-Outfit, das jederzeit die gesamte fragile Konstellation verschlingen könnte. David Dastmalchian und Sheila Atim füllen die Welt mit prägnanten Nebenfiguren, die wie groteske Märchen-Archetypen aufblitzen: der verwirrte Komplize, die zweifelnde Ermittlerin, beide eher Spiegel für Auroras Lage als bloße Plot-Schachfiguren.

Im Kern erzählt "Dust Bunny" von der Frage, wie sich ein Kind eine unerträgliche Realität so umdeutet, dass sie überhaupt erträglich wird. Der Monster-Mythos unter dem Bett ist hier kein billiger Horror-Hook, sondern eine Strategie, ökonomische Vernachlässigung, Pflegefamiliensystem und alltägliche Gewalt in eine Form zu bringen, die Aurora kontrollieren kann: Ein Monster kann man töten, Gefühle und Erlebtes nicht so einfach. Der Film hält lange die Ambivalenz, ob es sich um reine Projektion handelt oder ob tatsächlich ein übernatürliches Wesen existiert - und findet darin eine produktive Spannung. Die Figur des Killers wird zur moralischen Scharnierfigur: ein Mann, der reale Monster in Menschengestalt tötet und doch von der kindlichen Sichtweise lernt, dass manche Ängste sich nicht mit Logik oder Ballistik erledigen lassen.

Bryan Fullers Kinodebüt trägt barocke Bilder, morbiden Witz, Gewalt als fast choreografierte Performance. Gleichzeitig schwingt das Erbe klassischer "gefährlicher Freundschaft"-Geschichten wie in "Léon - Der Profi" mit, was sich besonders in der schrägen, aber nie sexualisierten Nähe zwischen Aurora und dem Killer zeigt. "Dust Bunny" ist sich dieser Bezüge auch bewusst und arbeitet mit ihnen eher spielerisch als ehrfürchtig; das Ergebnis ist ein Film, der wie ein pasticheartiger Remix verschiedener Vorbilder wirkt, aber genug eigene Handschrift besitzt, um mehr als nur Zitatmaschine zu sein. Wo der Film stolpert, ist weniger die Bildsprache als gelegentliches Überladen der Tonlage: Die Balance aus Märchen, Action und Trauma-Horror gerät nicht immer völlig bruchlos."Dust Bunny" funktioniert letztlich weniger als perfektes Uhrwerk denn als Erlebnisfilm - entscheidend ist, wie intensiv man Aurora und ihrem Killer nahekommt, und nicht, ob jeder Storytwist wasserdicht ist. Die emotionalen Wahrheiten über kindliche Furcht, die Sehnsucht nach einem Beschützer und die Art, wie Fantasie zur Überlebensstrategie wird, tragen den Film auch über seine Unebenheiten hinweg. Fullers Debüt ist ein mutiges, manchmal überbordendes Stück Genrekino, das sich traut, brutal, verspielt und zärtlich zugleich zu sein. Wer im Horrorkino vor allem sauber strukturierte Plots und nüchterne Spannungsführung sucht, wird hier vielleicht eher irritiert als begeistert - wer aber bereit ist, sich auf ein dunkles Großstadtmärchen einzulassen, findet in "Dust Bunny" einen der eigensinnigeren Horrorfilme seines Jahrgangs.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Entertainment One (eOne)/Hero Squared/Thunder Road Pictures

La Valle Dei Sorrisi - The Holy Boy (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt33382323/

Sergio Rossetti (Michele Riondino), ein ehemaliger Judo-Champion und nun Sportlehrer, flieht nach einem schweren persönlichen Verlust in das Bergdorf Remis, das als "glücklichster Ort Italiens" gilt. Dort treffen ihn die ewigen Lächeln der Bewohner zunächst wie ein Hohn auf seinen eigenen Kummer, doch Remis scheint zugleich der perfekte Ort für einen Neuanfang zu sein. In der Schule begegnet Sergio dem introvertierten Schüler Matteo Corbin (Giulio Feltri), während er in der örtlichen Pension Michela (Romana Maggiora Vergano) kennenlernt, die ihn mit seinem offensichtlichen Schmerz nicht stehen lassen will. Sie führt ihn eines Nachts zu einem geheimen Ritual: Einmal pro Woche stellt sich das ganze Dorf in eine Schlange, um Matteo zu umarmen, der den Menschen ihren Schmerz nimmt - und ihn in sich hinein saugt...

"The Holy Boy" (die eigentlich präzisere Übersetzung lautet "The Valley of Smiles" und ist deutlich besser) ist ein unheimlich präziser Horrorfilm über Schmerzverdrängung, gemeinschaftliche Selbstlüge und die Versuchung, Verantwortung an ein "Wunder" abzugeben. Er funktioniert wie eine finstere Parabel: Ein Dorf, Remis, das nie mehr leidet, weil einer für alle leidet - bis der Preis dafür nicht mehr zu bezahlen ist. Sergio (Michele Riondino) erlebt das Ritual selbst: Im Moment von Matteos (Giulio Feltri) Umarmung sieht er seinen verstorbenen Sohn, und als er wieder zu sich kommt, ist der unerträgliche Knoten aus Trauer und Schuld in seinem Inneren verschwunden. Von da an hellt sich sein Leben auf - er beginnt mit seinen Schülern Judo zu trainieren, öffnet sich Michela (Romana Maggiora Vergano) gegenüber und scheint wieder am Leben teilzunehmen. Doch gleichzeitig erkennt er, wie sehr das Dorf von Matteo abhängig ist: Die Menschen organisieren ihren Alltag um diese wöchentlichen Abbrüche ihres Kummers, sie stehen Schlange vor Matteos Haus, und sein Vater Mauro verwaltet den Jungen geradezu wie eine heilige Ressource. Matteo, noch ein Teenager, hat keine normale Jugend - er lebt für die Rituale, getrieben von den Erwartungen anderer und belastet von der Geschichte seiner Mutter, die sich nach einer frühen Manifestation seiner Kräfte aus dem Fenster gestürzt hat.

Zwischen Sergio und Matteo entwickelt sich eine zaghafte Freundschaft: Sergio versucht dem Jungen einzureden, dass er mehr ist als seine "Gabe", und dass er ein Recht auf ein eigenes Leben hat. Doch der Druck des Dorfes und die Müdigkeit durch die ständige Last des Schmerzes anderer lassen etwas in Matteo kippen - seine Kräfte beginnen, eine unheimlichere Dimension anzunehmen. In tranceartigen Zuständen entdeckt er, dass er nicht nur Leid absorbieren, sondern auch den Willen der Menschen beeinflussen kann. Er kontrolliert seinen Mitschüler Lorenzo (Diego Nardini), zu dem er sich hingezogen fühlt und der ihn früher gemobbt hat, zwingt ihn zu sexuellen Handlungen und bringt ihn später dazu, sich selbst in einem Livestream zu verbrennen. 

Die Grenze zwischen Opfer und Täter verschwimmt, und das, was das Dorf als Engel verehrt, zeigt einen erschreckend destruktiven Kern. Parallel dazu warnt ein Nachbar, Pichler (Sergio Romano), Sergio vor dem Kult um Matteo: Er verlor seine Frau bei einem Zugunglück, das das kleine Städtchen Remis vor Jahren traumatisiert hat, und schildert, wie er sich einst dem Ritual hingab, sich dann aber von dieser "kollektiven Betäubung" losreißen konnte. Sergio weist seine Mahnungen zunächst zurück, zu sehr genießt er seine neugewonnene Leichtigkeit und den emotionalen Frieden, den ihm Matteo geschenkt hat. Als Matteo zunehmend ausbrennt und die Rituale ausfallen, reagiert das Dorf wie eine suchtkranke Gemeinschaft: Krampfhaft, juckend, mit selbst zugefügten Verletzungen, getrieben von der Sehnsucht nach dem nächsten "Schuss" Erlösung. Der religiöse Unterton, verkörpert durch den Dorfpriester Father Attilio (Roberto Citran), schlägt endgültig ins Fanatische um: Der Priester ist bereit zu töten, um die Ordnung des Rituals zu bewahren.

In "The Holy Boy" geht hier weniger um die Frage, ob übernatürliche Kräfte funktionieren, sondern darum, was Menschen bereit sind zu tun, wenn ihnen jemand anbietet, die Last des Leidens abzunehmen. Remis wirkt wie eine Versuchsanordnung: Eine Gesellschaft, die entschieden hat, Schmerz als Defekt zu betrachten, den man outsourcen kann, statt ihn als notwendige, wenn auch grauenvolle Grundlage von Empathie zu akzeptieren. Matteo ist damit zugleich Opfer und Instrument - ein emotionaler Mülleimer, in den die Erwachsenen ihre Trauer, ihre Schuld, ihre Traumata kippen. Dass er schließlich seine Kräfte missbraucht, ist nicht einfach "dämonische Korruption", sondern die logische Folge einer Rolle, in der er nie als Mensch gesehen wurde, sondern als Ressource. Der Film fragt radikal: Was bleibt von Moral, wenn das eigene Leid verschwindet, aber die Verantwortung für das Leid anderer unsichtbar bleibt?


Sergio, gespielt als gebrochener, erschöpfter Mann, der seine Flucht vor der eigenen Trauer rationalisiert, ist das klassische Zentrum eines Horrorfilms: kein Held, kein Feigling, sondern jemand, der moralisch Stück für Stück ausgehöhlt wird. Seine Entwicklung vom skeptischen Außenseiter zum Nutznießer des Rituals und schließlich zum Handlanger im letzten Blutakt zeigt, wie verführerisch emotionale Anästhesie sein kann. Matteo verkörpert die Tragödie eines Jugendlichen, dem nie erlaubt wurde, Grenzen zu haben. Seine sexualisierte Kontrolle über Lorenzo, der selbst Opfer und Täter in einem ist, verschiebt das Motiv des "Engels" in Richtung eines dysfunktionalen, missbrauchten Gottes, der schließlich selbst zu einem Monster wird, weil ihm nie beigebracht wurde, Nein zu sagen. Michela steht als Überlebende des Zugunglücks für eine Generation, die ihren Kummer buchstäblich weggekuschelt hat - dank Matteo - und nun nicht mehr weiß, wer sie ohne diese Betäubung wäre.

Formal bewegt sich "The Holy Boy" zwischen Folk-Horror, Psychodrama und religiös kodiertem Mystery. Das Bergdorf mit seinen hellen Fassaden und freundlichen Gesichtern wird nicht als klassischer Spukhaus-Grusel inszeniert, sondern als Postkartenidylle, in der das Unheimliche in den Ritualen, den Blicken und der zu perfekten Höflichkeit steckt. Die wahren Schockmomente liegen weniger in Blut als in der Eskalation sozialer und emotionaler Dynamiken: die erste kollektive Umarmung, die wie eine groteske Messe wirkt, Lorenzos Selbstverbrennung in der Öffentlichkeit der sozialen Medien, der Zusammenbruch der Kapelle im Trance-Rausch der Bewohner. Der Film vertraut auf langsames Gift - auf die Erkenntnis, dass hier ein ganzes System aufgebaut wurde, um Schmerz nicht zu verarbeiten, sondern zu delegieren.


"The Holy Boy" ist damit weniger ein Horrorfilm, viele eher wirkt er wie ein moralisches Experiment, dem man sich willentlich aussetzt. Er stellt eine unangenehme, sehr zeitgenössische Frage: In einer Welt, die Selbstoptimierung, Wellness und permanente Positivität feiert - wie weit sind Menschen bereit zu gehen, um sich selbst nicht mehr fühlen zu müssen? Der Film ist am stärksten, wenn er das Übernatürliche fast beiläufig behandelt und sich auf die Gesichter konzentriert: auf die Erleichterung nach dem Ritual, auf die Leere in Matteo, auf die Müdigkeit in Sergio. Es ist ja so, dass ein guter Horrorfilm immer von etwas Realem handelt, das größer ist als seine Monster. Hier heißt dieses Monster nicht Matteo - sondern die kollektive Weigerung, Schmerz als Teil des Menschseins anzuerkennen.

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Fandango/Nightswim/SPOK Films

Vieja Loca - Crazy Old Lady (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt31613162/

Laura (Agustina Liendo) fährt in einer stürmischen Nacht über die Autobahn und führt ein beunruhigendes Telefonat mit ihrer senilen Mutter Alicia (Carmen Maura), die allein zu Hause ist. Besorgt um ihe Mutter und ohne Kontakt zur Pflegekraft, bittet Laura ihren Ex-Freund Pedro (Daniel Hendler), kurz vorbeizukommen, nach ihr zu sehen und sicherzustellen, dass sie ihre Medikamente nimmt. Pedro, der zunächst zögert, willigt ein - eine Entscheidung, die sein Leben in einen Albtraum verwandelt. Pedro erreicht das isolierte Familienhaus und findet Alicia scheinbar harmlos vor, mit ihrem Schoßhündchen namens Franco - eine Anspielung auf ihren verächtlichen Humor. Doch was als simpler Check-up beginnt, kippt schnell: Alicia lässt ihn nicht mehr gehen und schlägt ein "Spiel" vor, das in sadistische Grausamkeit mündet. Sein Schnurrbart triggert alte Erinnerungen - sie hält ihn für "César", eine Figur aus ihrer Vergangenheit, und entfesselt damit eine Kaskade aus Gewalt, Schrecken und sexueller Bedrohung...

"Crazy Old Lady" ist ein klaustrophobischer Psychothriller, der die Grenzen zwischen Demenz, Rache und intergenerationeller Gewalt aufbricht und dabei eine alte Frau in die Rolle einer sadistischen Jägerin verwandelt - ein Film, der weniger auf Effekthascherei als auf die pure, emotionale Wucht von Alicia (Carmen Maura) setzt. Er funktioniert als ein Zwei-Personen-Drama in einem Haus, das zur Folterkammer wird, und nutzt die Ängste vor Alter, Vergangenheit und Hilflosigkeit, um ein Publikum in den Sessel zu nageln. Sobald Pedro (Daniel Hendler) die Schwelle überschreitet, wird das Haus zur Falle: Alicia, gespielt mit urtümlicher Intensität von Carmen Maura, herrscht mit eisernem Despotismus. Pedro wacht gefesselt auf, gefangen in einem Via Crucis aus Demenzhalluzinationen, in denen Alicias Trauma - ein vermuteter Missbrauch oder Verrat durch "César", Alicias Ex-Mann, von dem nicht einmal die Tochter wusste - Ist er real? Ist er eine Einbildung? - mit realer Rache verschmilzt. Das "Spiel" eskaliert von psychologischer Folter zu physischer Brutalität: Blut, Gewalt und eine besonders verstörende Szene mit sexueller Komponente, die vermutliche jeden Zuschauer schockiert.

Der Film bleibt fast ausschließlich in einem Raum, wo Alicias Vergangenheit die Gegenwart überschreibt: Sie vernachlässigt ihre Medikamente, was ihre Paranoia und Aggression befeuert, während Pedro verzweifelt versucht, zu entkommen oder sie zu beruhigen. Die Handlung webt argentinische Kontexte ein - Andeutungen von Verschwindenlassen und historischen Traumata -, die Alicias Wahnsinn mit gesellschaftlicher Gewalt verknüpfen. Sie ist auch das Herz des Films: eine 80-jährige Frau, die zwischen vergesslicher Greisin und rachsüchtiger Bestie pendelt. Carmen Maura, vierfache Goya-Gewinnerin, beweist erneut ihre Vielseitigkeit - mit argentinischem Akzent und vulgären Ausdrücken verkörpert sie eine Furie, deren innere "Bestie" durch alte Wunden noch einmal erwacht. Pedro, dargestellt von Daniel Hendler, ist das Gegenstück: ein normaler Mann, der gegen den Maura-Tsunami ankämpft. Seine Hilflosigkeit macht ihn zur Identifikationsfigur - kein Held, sondern jemand, der in einer absurden Situation ums Überleben ringt, während er Alicias Erinnerungen rekonstruiert, um zu überleben. Laura bleibt am Rand, als Katalysator, der die Katastrophe lostritt. "Crazy Old Lady" adressiert radikal, wie Gewalt von Generation zu Generation weitergegeben wird - ein klaustrophobisches Horror-Märchen über Trauma, das nicht verarbeitet, sondern explodiert. Demenz wird nicht sentimentalisiert, sondern als Tor zur Hölle dargestellt: Alicias Vergangenheit frisst die Realität, und Pedro wird zum Sündenbock für "César". Der Film thematisiert zudem die Belastung der Pflege älterer Angehöriger - ein "Herzschmerz" inmitten des Grauens und ein Treffer für jeden, der schon einmal mit Pflege konfrontiert wurde. Horror entsteht aus dem Unausgesprochenen - der Score verstärkt die Spannung, während implizite Andeutungen mehr wirken als explizite Splatter. Dennoch hätte der Film etwas mehr "Gemeinheiten" vertragen können.

Regisseur Martín Mauregui, der hier sein Spielfilm-Debüt abliefert, schafft mit begrenztem Setting maximale Intensität: enge Räume, stürmisches Wetter draußen, scoregetriebene Unruhe. Der Horror mischt Suspense, Angst und Herzschmerz - keine billigen Effekte, sondern performative Grausamkeit durch Maura mit Fokus auf emotionaler Wahrheit statt CGI. "Crazy Old Lady" ist damit kein bloßer Schocker, sondern ein Film über das, was im Dunkeln bleibt: vergrabene Schmerzen, die ans Licht kommen und alles zerstören. Er zwingt die Zuschauer, sich mit der Realität von Alterspflege und Trauma auseinanderzusetzen. Mauregui nutzt Maura als Waffe, um ein Genre zu erneuern: Home Invasion von innen, wo die "Crazy Old Lady" die Jägerin ist. Kein Vergnügen, sondern eine Empfehlung für Horror-Fans, die nicht nur blutiges Gemetzel erwarten.

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Studiocanal/Bambú Producciones/La Unión de los Ríos

Every Heavy Thing (2025)

https://www.imdb.com/title/tt33029187/

Joe (Josh Fadem), ein schüchterner Ad-Seller für die letzte Alt-Weekly der Stadt, wird von einem Kollegen in eine Nachtclub-Szene geschleppt, wo er unfreiwillig zum Zeugen eines brutalen Mordes wird - begangen vom Tech-Mogul William Shaffer (James Urbaniak). Drohungen zwingen Joe zum Schweigen, während eine Serie von Frauenverschwindungen die Stadt erschüttert und neugierige Kollegin Cheyenne (Kaylene Snarsky) zu nah an die Wahrheit kommt. Sein Alltag zerfällt: Die Ehe mit der rastlosen Lux (Tipper Newton) bröckelt, Träume mischen sich mit Realität, und Hightown wird zur Kulisse eines paranoiden Abstiegs, in dem Verschwörungstheorien und persönliche Dämonen bald verschwimmen...

"Every Heavy Thing" von Mickey Reece ist ein fiebriger Albtraum aus Paranoia und Verschwörung, in dem ein unscheinbarer Anzeigenverkäufer in Hightown City Zeuge eines Mordes wird und dadurch in ein Netz aus Lügen, Halluzinationen und gesellschaftlichem Zerfall gerät. Der teilweise derb psychedelische Film lebt von seiner rohen Atmosphäre und der psychologischen Zerrüttung der Figuren und weniger von plottechnischer Präzision als von der immersiven Wucht eines surrealen Thriller-Trips. Der Film pulsiert mit einer schmutzigen Düsternis - körniger Filmstock, schmierige Effekte und ein Sounddesign, das mit seinen Kratzern und Verzerrungen wie ein defektes VHS-Tape klingt. Tonale Sprünge zwischen dunklem Humor, Horror und Absurdität erzeugen ein "Lost-Highway"-ähnliche Verwirrung, das weniger schockt als unter die Haut kriecht. Es geht um die Zerbrechlichkeit der Normalität, wo Passivität zur Mitschuld wird.

Reeces Kamera gleitet langsam durch schmierige Clubs, enge Apartments und neonbeleuchtete Straßen von Hightown, einer fiktiven Stadt, die wie ein verkommenes amerikanisches Nirgendwo wirkt - retro, texturiert, bedrohlich. Enge Nahaufnahmen fangen Joes Zittern ein, während weite Shots die klaustrophobische Weite der Verschwörung andeuten; VFX-Traumsequenzen wirken wie 80er-Sci-Fi-Relikte. Josh Fadem trägt seine Figur Joe als Jedermann, dessen Nervosität vom Tragischen ins Lächerliche kippt - ein Volltreffer für den outsidersartigen Stil. Barbara Crampton glänzt kurz, aber unvergesslich als schimmernde Sängerin Whitney Bluewill, James Urbaniak als kalter Tech-Tyrann, ergänzt von Vera Drew und John Ennis in schrulligen Nebenrollen. Das Ensemble fühlt sich authentisch ungeschliffen an.

Der Kern ist die Last des Zeigens - ohne zu handeln: Joe repräsentiert passive Zuschauer in einer allzeit überwachten Welt, wo Schweigen Gewalt perpetuiert. Reeces DIY-Ästhetik - roh, eklektisch, Genreübergreifend - macht daraus ein unkonventionelles Kunstwerk, doch er opfert Plotlogik für Stimmung, was den Film zu einem chaotischen Charakterporträt macht. Schwächen wie Unebenheiten im Tempo mindern dennoch nicht die hypnotische Kraft, die sich stroboskopartig auf die Netzhaut der Zuschauer hämmert. "Every Heavy Thing" ist unterm Strich ein absolut seltsamer Film. Er fordert nicht, geliebt zu werden, sondern erlebt zu werden - ein irgendwo diversives Juwel für Fans verwirrenden Kinos, das unter die Haut geht - und definitiv nicht jeden abholt

5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Firebook Entertainment

Donnerstag, 29. Januar 2026

Send Help (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt8036976/

Linda Liddle (Rachel McAdams) zählt zu den Angestellten, die im Unternehmen (nicht unbedingt freiwillig) unter dem Radar fliegt und deshalb kaum Beachtung findet. Ihr Alltag ändert sich jedoch von einem Moment auf den anderen, als sie gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten Bradley Preston (Dylan O'Brien) nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel strandet. Als einzige Überlebende stehen die beiden nun vor der Herausforderung, sich in dieser unwirtlichen Umgebung nicht nur zurechtzufinden, sondern den Überlebenskampf sicher für sich zu entscheiden. Früh treten die alten beruflichen Spannungen und unausgefochtene Konflikte an die Oberfläche, während die beiden gezwungen sind, zusammenzuarbeiten, um Nahrung, Schutz und einen Weg zur Rettung zu finden. Doch aus dem gemeinsamen Überlebenskampf entwickelt sich ein Spiel aus Kontrolle und Misstrauen, in dem keiner bereit ist, die Oberhand zu verlieren.

"Send Help" markiert Sam Raimis Rückkehr zu jener nervösen Mischung aus Horror, Slapstick und moralischer Boshaftigkeit, die seinen Namen berühmt gemacht hat: ein zweipersoniger Überlebens-Thriller auf einer einsamen Insel, der mehr an "Misery" und "Evil Dead II" erinnert als an seine Arbeit. für das MCU. Zwei Kollegen, eine von ihrem Chef gemobbte Angestellte und ihr arrogantes Gegenüber, überleben als Einzige einen mitunter grotesken Flugzeugabsturz und verwandeln die Insel in ein Labor für Machtspiele, Ressentiments und blutig-derbe Ironie. Im Zentrum steht Linda Liddle (Rachel McAdams, und der Nachname macht schon deutlich, wo das Drehbuch ihre Position verortet), eine hochkompetente, permanent übergangene Büroangestellte, und ihr Chef Bradley, ein selbstgefälliger, misogyn gezeichneter Vorgesetzter, der sie vor dem Crash kaum ernst nimmt - und teilweise bösartig mobbt. Doch nach dem Absturz ändert sich die Hierarchie radikal: Bradley ist verletzt und auf Lindas unterdrückte Survival-Skills angewiesen, was den Film zu einem Kammerspiel im Freien macht - ein Katz-und-Maus-Spiel mit Sand, Salz und Haifischbecken aus verletzten Egos. Die Handlung folgt im Kern einer klaren Linie: Zusammenarbeit als Notwendigkeit, Misstrauen als Instinkt und schließlich ein eskalierender Machtkampf, der aber eher psychologisch ausgetragen wird. 

"Send Help" wird als "Survival-Horrorthriller" beschrieben, aber der Ton ist eindeutig von Raimis Signatur geprägt: grotesker Humor, physischer Slapstick und plötzliche Ausbrüche von Sadismus, Gewalt und Jump-Scares stehen nebeneinander. Es ist eine düstere, komische Geschichte, in der die beiden Figuren in einem Willenskampf gefangen sind - mehr fiese Gesellschaftsstudie als klassischer Abenteuerfilm. Raimi inszeniert seine Protagonisten als Figuren eines modernen Märchens über Machtmissbrauch, Klassen- und Statusgefälle, wobei das Vergnügen des Publikums eng mit der Demontage des arroganten Chefs verknüpft ist. Die Gewalt wirkt dabei weniger wie nüchterner Realismus denn wie moralisch aufgeladene Übertreibung: Strafen, Demütigungen, körperliche Eskalationen, die den Zuschauer gleichzeitig zusammenzucken und lachen lassen sollen - ganz in der Tradition des Regisseurs, der jede Wunde als visuelles Ausrufezeichen begreift. Rachel McAdams als Linda ist der emotionale Anker: eine unterschätzte, nüchterne Pragmatikerin, deren stille Wut und fachliche Kompetenz sich auf der Insel in Führungsstärke verwandeln. Ihre Figur wird in der Bürowelt ignoriert, in der Wildnis wird sie aber zur einzigen Hoffnung ihres verhassten Chefs - ein Rollenwechsel, der ihr reichlich Platz für leise Ironie und latent gesammelten Zorn gibt. Dylan O’Brien als Bradley verkörpert den hassenswerten Boss, der seine Macht verliert und in Abhängigkeit gerät, was den Reiz des Films ausmacht: Das Vergnügen, einen einst dominanten Mann als hilflosen, panischen Körper zu sehen, gehört zum moralischen Kern des Films. 

"Send Help" ist ein Film, der Gewalt und Demütigung benutzt, um eine einfache Wahrheit auszubuchstabieren - dass Machtverhältnisse brüchig sind und Respekt niemals optional sein sollte. Wie oft bei Raimi stellt sich dabei die Frage, ob der Film seine Figuren quält, um etwas über sie zu sagen, oder weil das Quälen an sich Spaß macht. "Send Help" balanciert oft (aber gekonnt) am Rand dieser Linie, besitzt aber genügend bitteren Witz und charakterbezogene Pointen, um nicht in reinen Menschenzirkus abzugleiten. Wenn der Abspann läuft, bleibt weniger die Insel in Erinnerung als der Blick auf zwei Menschen, die einander alles antun können - und trotzdem irgendwie gezwungen sind, zusammenzuhalten; ein Setting, das  so menschlich wie monströs nachwirkt.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Twentieth Century Studios/Disney

Caught Stealing (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt1493274/

Auf der Highschool war Hank Thomas (Austin Butler) ein Basketball-Genie. Dennoch ist es mit der großen, glanzvollen Profikarriere nicht wirklich etwas geworden. Jetzt führt er also ein genügsames Leben in New York, schlägt sich als Barkeeper durch, genießt die Zeit mit seiner Freundin Yvonne (Zoë Kravitz) und hat immer noch ein Herz für den Sport. Sein Lieblingsteam steht überraschenderweise im Meisterschaftsfinale. Klingt eigentlich nach einer guten Zeit. Doch dann klingelt sein Nachbar Russ (Matt Smith) bei ihm. Ob Hank ein paar Tage lang auf seine Katze aufpassen könne, fragt der ihn. Doch mit der Katze holt er sich offenbar auch jede Menge Probleme ins Haus. Denn plötzlich stehen jede Menge zwielichtige Gestalten vor seiner Tür, die alle etwas von ihm wollen - und er sich doch eigentlich nur auf Katzensitting eingelassen hat. Schnell geht es für Hank jedoch um mehr, als nur das Tier, sondern gleich um sein Leben...

Darren Aronofskys "Caught Stealing" ist ein aalglatter, freigeistiger Heist-Movie, der im heruntergekommen Teil des New York der 1990er-Jahre spielt und in dem der ehemalige Baseball-Star und nun Barkeeper Hank Thompson (Austin Butler) ein im Grunde ruhiges Leben mit Freundin Yvonne (Zoë Kravitz) führt. Der Autounfall, der seine Sportträume zerstörte, klingt irgendwo noch nach und die Story beginnt, als Hank nach dem Katzensitten für den punkigen Nachbarn Russ (Matt Smith) in einen Strudel aus Gangstern, versteckten Schlüsseln und felinem Chaos gerät. Es ist eine Abkehr für den Regisseur von "Requiem For A Dream" und "Black Swan", der hier auf psychische Qualen verzichtet und stattdessen knackige Action und schwarzen Humor bietet - doch sein Gespür für Spannung und lebendige Stadtbilder hält den Film elektrisierend am Laufen.

Was folgt ist eine Neo-Noir-Achterbahnfahrt aus Prügeln, Schießereien und Verrat mit russischen Mobstern, hasidischen Gangstern (unter Führung von Vincent D’Onofrio und Liev Schreiber) und einem korrupten Cop (Regina King), die alle ein mysteriöses McGuffin jagen. Basierend auf Charlie Hustons Roman von 2004, bringt das Skript zahlreiche Wendungen und mischt Guy-Ritchie-Chaos mit authentischem East-Village-Dreck. Austin Butler glänzt als Durchschnittsheld wider Willen, der Charisma, Verletzlichkeit und Biss vereint - er wird blutig geschlagen, bleibt aber (erwartbar) zäh und belegt hier seine Action-Qualitäten nach seinem Auftritt in "Elvis". Zoë Kravitz bringt Feuer als seine Stütze, während das Ensemble - Matt Smith als zwielichtiger Punk und Auslöser, Regina King als doppelbödige Detektivin und altbekannte, wohlige Gesichter wie Vincent D’Onofrio und Liev Schreiber - skurrile Bedrohlichkeit und unvergessliche Momente liefert. Sogar die sibirische Katze Bud (eigentlich Tonic) ist ein wahrer Szenendieb und agiert nach ihrem Auftritt im Remake von "Friedhof der Kuscheltiere" und "Thanksgiving" in manchen Szenen sogar besser als Butler.

Regisseur Aronofsky malt mit Kameramann Matthew Libatique ein atemberaubendes, vibrierendes New York - schmuddelige Bars leuchten Neonfarben, Verfolgungsjagden pochen vor Dringlichkeit, Gewalt explodiert in unnachgiebigem Gemetzel. Schnitt und Soundtrack treiben die 107-minütige Laufzeit voran und machen es zu Aronofskys publikumswirksamsten Film, wenngleich ihm die emotionalen Tiefen seiner besten Werke fehlen. Es ist einfach ein Retro-Spaß und Butlers Starpower, was den Film unterhaltsam macht. Natürlich ist es nicht Aronofskys Meisterwerk - das Material wirkt stellenweise dünn und lehnt sich auf Klischees - doch es ist ein verdammt unterhaltsamer Ritt, ideal für Fans stylischer Thrills. Daumen hoch.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Sony

Mittwoch, 28. Januar 2026

Wonder Man (2026)

https://www.imdb.com/title/tt21066182/

Simon (Yahya Abdul-Mateen II), ein kinobegeisterter Perfektionist mit Selbstzweifeln, wird von seinem Bruder Eric (Demetrius Grosse) finanziell unterstützt und ringt mit beruflichen Misserfolgen. In einer Krise trifft er den exzentrischen Trevor Slattery (Ben Kingsley), der, nach seiner Arbeit für Aldrich Killian und Xu Wenwu seine "zweite Chance" in Hollywodd wittert, als sein Mentor fungiert; beide konkurrieren um die Hauptrolle in einem fiktiven Superheldenfilm über "Wonder Man". Komplikationen entstehen durch Simons Kräfte, die in der Filmbranche verboten sind, sowie Ermittlungen des Department of Damage Control (DODC) (Agent Cleary, Arian Moayed), das "verbesserte Menschen" jagt...

https://www.imdb.com/title/tt21941138/
1. Matinee (Matinee)
Der erfolglose Schauspieler Simon Williams wird bei "American Horror Story" gefeuert und von seiner Freundin Vivian verlassen. Er lernt den ehemaligen Schauspieler Trevor Slattery kennen und freundet sich mit ihm an. Slattery erzählt ihm, dass er für ein Remake des Superheldenfilms "Wonder Man" von 1980 vorspricht, bei dem der gefeierte Regisseur Von Kovak Regie führen soll. Da "Wonder Man" einer von Simons Lieblingsfilmen aus seiner Kindheit war und ihn zum Schauspielern inspirierte, bittet Simon seine Agentin Janelle inständig um eine Chance, für die Rolle vorzusprechen. Aufgrund seiner kürzlichen Entlassung wird er jedoch abgelehnt. Simon ergattert das Vorsprechen selbst und trifft dort auf Slattery. Slattery macht einen hervorragenden ersten Eindruck und gibt Simon Ratschläge, die ihm helfen, beim Vorsprechen erfolgreich zu sein. Nach einem Abendessen mit Simon wird Slattery von P. Cleary, einem Agenten des Department of Damage Control (DODC), kontaktiert. Cleary hat Slattery angeheuert, um Simon auszuspionieren, der im Verdacht steht, Superkräfte zu besitzen. In Hollywood gibt es eine sogenannte "Doorman Clause", die es Personen mit Superkräften verbietet, an großen Film- oder Fernsehrollen teilzunehmen. - 8/10

https://www.imdb.com/title/tt27774495/
2. Self-Tape (Self-Tape)
Janelle deutet Simon an, dass sein Wonder-Man-Vorsprechen die Produzenten beeindruckt hat. Simon versucht, ein Self-Tape-Vorsprechen für einen kommenden Independent-Film aufzunehmen. Als er sich eines seiner alten Videos ansieht, sieht er Vivian, was in seiner Wohnung eine Ionenexplosion auslöst. Cleary beauftragt Slattery, sich mithilfe eines Smartrings in Simons Laptop zu hacken. Simon bittet Slattery daraufhin um Hilfe bei seinem Self-Tape, und Slattery versucht, ihn zu inspirieren, unter anderem durch einen Besuch bei seinem Erzfeind Joe Pantoliano. Obwohl einige Aufnahmen misslingen, gelingt ihnen schließlich eine erfolgreiche in Simons Wohnung. Slattery legt den Ring auf Simons Laptop, bevor er den Schaden in Simons Wohnung entdeckt und das Ausmaß von Simons Kräften erkennt. - 7,5/10

https://www.imdb.com/title/tt31260214/
3. Pacoima (Pacoima)
Das DODC und Cleary statten Slattery mit einem Mikrofon aus, um seine Gespräche mit Simon aufzuzeichnen. Simon lädt Slattery in seine Heimatstadt Pacoima ein, um den Geburtstag seiner Mutter Martha zu feiern. Auf der Feier versucht Slattery vergeblich, den Gästen Informationen über Simon zu entlocken. Er fühlt sich schuldig, als Martha ihm erzählt, dass Simon immer ein Einzelgänger war und sie froh ist, in ihm einen Freund gefunden zu haben. Simon gerät in Streit mit seinem Bruder Eric und zerstört dabei einen Teil der Küche. Daraufhin verlassen er und Slattery die Feier. Simon erzählt, dass seine Familie schon seit seiner Kindheit von seinen Kräften wusste und dass er selbst nicht weiß, warum er sie besitzt. Nachdem Slattery Simons Geständnis aufgezeichnet hat, beschließt er, die Aufnahme zu vernichten, um Simons Geheimnis zu wahren. Simon teilt Slattery mit, dass sie beide zu einem Rückruf für Wonder Man eingeladen wurden, was sie sehr freut. - 8/10

https://www.imdb.com/title/tt29258523/
4. Doorman (Doorman)
DeMarr Davis ist ein erfolgloser Türsteher im Wilcox Club, wo Josh Gad Stammgast ist. Er sieht, wie giftige Abfälle aus einem Roxxon-Müllcontainer quellen. Als er die Substanz berührt, wird er in eine alternative Dimension voller Türen transportiert. Er landet in seiner Wohnung und entdeckt, dass Gegenstände ihn durchdringen können. In der folgenden Nacht bricht im Club ein Feuer aus, und DeMarr nutzt seine Kräfte, um Gad und die Gäste zu retten. Der dankbare Gad engagiert DeMarr als seinen persönlichen Bodyguard und anschließend für die Hauptrolle in dem Film "Cash Grab", in dem DeMarrs Kräfte zur Schau gestellt werden. Der Film wird ein Hit und macht DeMarr zum Star. Nach einiger Zeit schwinden DeMarrs Ruhm, Reichtum und Ansehen, und er verfällt dem Alkohol. Gad bietet ihm an, seine Karriere mit "Cash Grab 2" wiederzubeleben. Während der Dreharbeiten ist DeMarr betrunken, und als Gad durch ihn hindurchgehen soll, verliert er sich stattdessen in der Dimension und kann trotz aller Bemühungen nicht mehr entkommen. Daraufhin stellt das DODC DeMarr unter lebenslange Überwachung, um herauszufinden, wie Gad befreit werden kann. Mehrere Studios betreiben Lobbyarbeit und verabschieden ein Gesetz, die sogenannte "Doorman Clause", die Superhelden dauerhaft von der Arbeit in Film und Fernsehen ausschließt. Schauspieler müssen eidesstattliche Erklärungen unterzeichnen, die bestätigen, dass sie keine übermenschlichen Kräfte besitzen. Simon, der an einem Krimidrama arbeitet, sieht die Ankündigung und ist verzweifelt. - 8/10

https://www.imdb.com/title/tt31260217/
5. Found Footage (Found Footage)
Simon und Slattery freuen sich über ihren Rückruf, doch Simon wird nervös. Slattery leitet ihn bei einer Atemübung an, während er Anrufe von Cleary ignoriert, der unter Druck steht, den Fall schnellstmöglich abzuschließen. Die beiden werden von einem Drogendealer, Patrick Connor, dem Slattery Geld schuldet, in die Enge getrieben. Simon muss seine Kräfte einsetzen, um Connor und seine Handlanger außer Gefecht zu setzen. Sie entdecken einen Jungen, der alles mit seiner GoPro gefilmt hat, und nehmen die Verfolgung auf, um das Material zurückzuholen. Im Auto lesen sie eine Szene, die ihnen Janelle geschickt hat: Slatterys Charakter, sein Sidekick Barnaby, verrät Wonder Man gegen Bezahlung. Sie sehen den Jungen, Jayden, der ihnen sagt, er werde das Material löschen, wenn Simon ihm hilft, sein gestohlenes Fahrrad von einem Mann namens Esteban zurückzubekommen. Bei Estebans Haus angekommen, erklärt dieser ihnen, dass Jayden lügt. Connor und seine Männer kehren zurück und nehmen Jayden als Geisel, um Slattery freizulassen. Slattery überzeugt Jayden, ihm das Videomaterial zu geben, damit er es löschen kann. Die Polizei trifft ein und liefert sich ein Feuergefecht mit Connors Männern; Jayden kann fliehen und versöhnt sich mit Esteban. Simon und Slattery fliehen und erfahren von Janelle, dass Von Kovak sie sofort zu sich nach Hause einladen will. - 8/10

https://www.imdb.com/title/tt31260218/
6. Call Back (Call Back)
Simon und Slattery fahren sofort zu Von Kovaks Villa zum Casting und treffen dort auf die anderen Schauspieler, die für die Rollen von Wonder Man und Barnaby im Rennen sind. Erschöpft und übermüdet ist Simon paranoid, als das Casting beginnt. Von Kovak teilt die Schauspieler für Chemietests per Improvisationsübung in Paare ein. Während Slattery die Gruppe beeindruckt, scheitert Simon an seinen Improvisationsfähigkeiten. Simon vertraut Slattery an, dass er nervös ist, weil Von Kovak ihn drängen könnte, sich zu offenbaren. Slattery ermutigt ihn jedoch und versichert ihm, dass er mehr ist als seine Kräfte. Nachdem Simon und Slattery endlich zusammenarbeiten, beeindruckt Von Kovak so sehr, dass er beide engagiert. Nachdem Simon Slattery nach Hause gebracht hat, wird dieser vom DODC bedrängt, weil er Simon nicht festnehmen konnte. Slattery bittet sie inständig um mehr Zeit. - 7,5/10

https://www.imdb.com/title/tt27739623/
7. Kathy Friedman (Kathy Friedman)
Die Dreharbeiten zu Wonder Man beginnen. Simon ist überwältigt von der ihm zuteil werdenden Sonderbehandlung, doch Slattery beruhigt ihn. Janelle informiert die beiden, dass die New-York-Times-Journalistin Kathy Friedman ein Porträt über sie schreiben möchte. Simon ist entsetzt, da er weiß, dass Friedmans Genauigkeit sein Geheimnis enthüllen könnte. Friedman besucht die beiden am nächsten Tag, doch Simon ist gezwungen, Vivian als persönliche Referenz anzugeben. Simon trifft Vivian, die ihm offenbart, dass sie von seinen Superkräften weiß und ihn ermutigt, ganz er selbst zu sein. Vor dem Interview erfährt Simon, dass Kathy mit Martha und Eric gesprochen hat, was ihn erneut paranoid macht. Umso überraschter ist er während des Interviews, als seine Familie sehr positiv über sie spricht. Friedman hingegen konfrontiert Slattery damit, dass er trotz vorzeitiger Entlassung freigelassen wurde, weil er vermutlich einen Deal mit der Regierung geschlossen hat. Daraufhin verlässt Slattery den Raum. Von Simon konfrontiert, gesteht Slattery die Wahrheit über seinen Deal mit dem DODC, Simon auszuspionieren, ist aber überzeugt, dass sie einen Ausweg finden werden. Der verratene Simon ist außer sich und verursacht eine Explosion am Filmset. - 8,5/10

https://www.imdb.com/title/tt27739622/
8. Yucca Valley (Yucca Valley)
Simon flieht aus den Trümmern, während das DODC den Ort abriegelt. Verängstigt verfolgt er die Folgen in den Nachrichten und ruft seine Mutter an. Slattery ruft Simon an, um sich zu entschuldigen und sagt, er habe eine Lösung. Slattery erweckt seine Mandarin-Identität wieder zum Leben und nimmt die Schuld für die Explosion auf sich. Er wird von Cleary und dem DODC verhaftet, wobei er lügt, dass der Mandarin sein wahres Ich sei, und kündigt seine Flucht an. Simon wird zu einem neuen Set in das Haus von Von Kovak gebracht, der ihm versichert, dass er die richtige Wahl für die Rolle des Wonder Man war. Joe Pantoliano wird als Ersatz für Slattery in der Rolle des Barnaby engagiert. Der Wonder-Man-Reboot wird ein Erfolg und macht Simon zum Star. Zu seinem Entsetzen teilt ihm Janelle mit, dass Slattery in Yucca Valley im Gefängnis sitzt, doch Simon kann nun nach vorne blicken und entscheiden, wie es weitergeht. Unter dem Vorwand einer neuen Aufgabe schleust sich Simon in das Gefängnis des DODC ein und erhält Zugang zu Slatterys Zelle. Cleary enthüllt, dass am Explosionsort ionische Energie nachgewiesen wurde und schlägt vor, dass Simon eine wertvolle Hilfe sein könnte. Simon befreit Slattery aus seiner Zelle, und die beiden fliegen davon. - 8,5/10

Quellen:
InhaltsangabeDisney+
Poster/Artwork: Disney+/Marvel

Dienstag, 27. Januar 2026

Promising Young Woman (2020)

https://www.imdb.com/de/title/tt9620292/

Das Leben von Cassie (Carey Mulligan) ist auf den ersten Blick ein Scherbenhaufen: Mit 30 Jahren lebt sie immer noch bei Eltern Stanley (Clancy Brown) und Susan (Jennifer Coolidge) und langweilt sich bei ihrer Arbeit in einem Coffee Shop. Doch nachts führt sie ein geheimes Doppelleben: Sie besucht Bars und Clubs, wo sie so tut, als wäre sie stockbetrunken, um sich von "hilfsbereiten" Männern nach Hause nehmen zu lassen, wo sie ihnen dann eine gehörige Lektion erteilt. Der Grund für Cassies Rachemission ist ihre Freundin Nina, die an der Medizin-Uni, an der die beiden studiert haben, sexuell missbraucht wurde, was damals allerdings unter den Teppich gekehrt wurde...

"Promising Young Woman" ist ein Film, der sich anfühlt wie eine vergiftete Praline - zuckersüß verpackt, aber mit einem Kern aus purem Rachedurst, der einen lange nachhallt. Emerald Fennells Regiedebüt aus dem Jahr 2020 ist ein seltenes Biest: ein Rache-Thriller, der feministische Abrechnung mit schwarzem Humor und Pop-Kultur-Vibes vermischt, ohne je in Moralsäulenpredigt abzurutschen. Es ist kein perfektes Werk - das Finale polarisiert bis heute -, aber Carey Mulligans Tour-de-Force und Fennells messerscharfe Beobachtungen machen es zu einem der aufregendsten Genre-Mixe der letzten Jahre. Was Fennell so klug macht, ist die narrative Architektur: Der Film vermeidet die lineare Opfer-Opfer-Täter-Kette und webt stattdessen ein Netz aus Komplizenschaft. Jeder Nebencharakter ist ein Spiegel der Gesellschaft - die nette Freundin, die wegsieht (Alison Brie), die gutmütige Mutter, die Loyalität über Wahrheit stellt (Jennifer Coolidge), der charmante Arzt, der ahnungslos in Cassies Welt stolpert (Bo Burnham). Die Story dreht sich nicht nur um Rache, sondern um die kollektive Verantwortungslosigkeit, die toxische Männlichkeit am Leben hält. Das Drehbuch spielt mit Erwartungen: Es beginnt wie ein Slapstick-Revenge-Flick, wird zum romantischen Intermezzo und endet in einem Thriller-Finale, das so brutal unvorhersehbar ist, dass es Zuschauer entweder jubeln oder empört lässt. Fennell leiht sich von Tarantino die Gewaltästhetik, von Hitchcock die Paranoia – aber sie macht daraus etwas Eigenes, Zeitgemäßes. 

Carey Mulligan liefert eine Performance, die sie endgültig aus der "braves British Girl"-Schublade katapultiert. Cassie ist kein Opfer, kein Engel, keine Superheldin; sie ist ein wandelnder Widerspruch: zuckersüß manipulativ in ihren Fallen, zutiefst verletzlich in ihren privaten Momenten, explosiv rachsüchtig, wenn die Maske fällt. Mulligan wechselt nahtlos zwischen Lolita-Ästhetik (Perlenkette, Pferdeschwanz, Pastellkleider) und animalischer Wut - ihre Augen verraten immer, dass unter der Oberfläche ein Vulkan brodelt. Es ist Oscar-würdige Arbeit, die an ihren "Drive"-Auftritt erinnert, aber emotionaler, nackter. Bo Burnham als Ryan, der sensible Arzt, bringt echte Wärme und Humor in die Kälte: Seine Chemie mit Mulligan ist der emotionale Anker, der den Film vor reiner Aggression bewahrt - bis Fennell sie brutal dekonstruiert. Das Ensemble ist ein All-Star-Cameo-Fest: Connie Britton als steife Dekanin, die Schutz mit Vertuschung verwechselt; Alison Brie als fröhliche Freundin, deren Lachen zur Grimasse wird; Jennifer Coolidge als tragikomische Mutter, die in einer Szene mehr über mütterliche Verleugnung sagt als mancher Drama-Film in zwei Stunden; Adam Brody und Ray Nicholson als charmante Vergewaltiger-Typen, die ihre Rollen mit diabolischer Präzision verkörpern. Jeder Auftritt ist kalkuliert - Fennell nutzt die Stars, um Klischees zu zertrümmern und das Publikum zu täuschen. 

Fennells Geniestreich liegt in der visuellen Welt: "Promising Young Woman" spielt nicht in einer finsteren Unterwelt, sondern im hellen Alltag der amerikanischen Mittelklasse - schäbige Neons Bars, sterile Vorortküchen, pastellfarbene Cafés, ein Krankenhaus mit fluoreszierendem Licht. Die Farbpalette schreit förmlich: Pink, Mintgrün, Babyblau - Pop-Ästhetik, die an Barbie und Britney Spears erinnert, kontrastiert mit der Grausamkeit der Themen. Es ist eine bewusste Desorientierung: Wie kann etwas so Buntes so Böse sein? Die Kamera von Benjamin Kračun tanzt in engen Nahaufnahnen, zoomt auf Perlenketten oder iPhone-Bildschirme, wo Ninas alte Videoaufnahme lauert - ein digitales Gespenst. Sounddesign verstärkt das: Retro-Pop-Hits ("Misery Business" von Paramore, "Toxic" von Britney Spears) unterbrechen brutale Momente, unterstreichen die Banalität des Grauens. Dieses Setting macht den Horror greifbar - er passiert nicht da draußen, sondern genau dort, wo wir shoppen, trinken und lachen. 

Als Thriller funktioniert der Film meisterhaft, weil er nie in eine Schublade passt: Die Spannung baut sich in Cassies Fallen - man hält den Atem an, wenn ein "Retter" zuschlägt -, wechselt zu Slapstick (Cassie mit Ponyfrisur und Scalpel), dann zu Romantik, bevor das Finale explodiert. Fennell dosiert die Eskalation wie eine Chirurgin: Jede Konfrontation ist ein Mini-Thriller, unterlegt mit Ironie; der Soundtrack wird zum Charakter - Pop-Hymnen, die Gewalt untermalen, erinnern an "Kill Bill", sind hier aber bissiger. Das Finale ist der Knaller: kontrovers, weil es Rache nicht romantisiert, sondern eskaliert - es zwingt zur Debatte über Gerechtigkeit vs. Anarchie. Schwäche? Manche Wendungen wirken gezwungen, das Tempo stockt minimal in der Romanze. Aber insgesamt: Ein Adrenalinrausch, der unter die Haut geht. "Promising Young Woman" ist ein filmischer Wake-up-Call: Fennell nimmt den #MeToo-Diskurs, packt ihn in ein Revenge-Pop-Trauma und macht daraus Kunst. Es provoziert, unterhält, verunsichert - und bleibt hängen wie Ninas Lachen im Video. Mulligan und das Ensemble tragen es über jede Unebenheit, das Design hypnotisiert. Nicht jeder wird es lieben, aber definitiv niemand vergisst es. Und genau das macht große Filme aus. 

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Focus Features/FilmNation Entertainment/LuckyChap

The Woman in Cabin 10 (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt7130300/

Die Reise-Journalistin Laura "Lo" Blacklock (Keira Knightley) soll die erste Fahrt eines neuen Luxuskreuzfahrtschiffs begleiten. Doch dann beobachtet sie, wie mitten in der Nacht etwas über Bord geworfen wird und ist überzeugt, dass es sich um die Frau aus ihrer Nachbarkabine handeln muss, die gerade getötet wurde. Doch keiner glaubt ihr. Schließlich ist Schiff vollzählig. Niemand wird vermisst. Und in Kabine 10 war unbewohnt. Doch Lo weiß, was sie gesehen hat. Sie ermittelt auf eigene Faust und ist überzeugt, dass jemand auf dem Schiff für einen Mord verantwortlich ist.

"The Woman in Cabin 10" ist ein solider, wenn auch vorhersehbarer Yacht-Thriller, der Ruth Wares Roman in eine elegante, aber etwas glatte Netflix-Produktion verwandelt - ein Film, der seine Spannung mehr aus dem glamourösen Setting als aus originellen Wendungen zieht. Journalistin Lo Blacklock (Keira Knightley) steigt an Bord der Luxusyacht Aurora Borealis, um über das Wohltätigkeitsprojekt des Milliardärs Richard Bullmer (Guy Pearce) und seiner todkranken Frau Anne (Lisa Loven Kongsli) zu berichten. Nachdem sie Zeugin wird, wie eine Frau aus der Kabine 10 über Bord geworfen wird, wird sie von Crew und Passagieren als hysterisch abgetan - ein klassisches Gaslighting-Szenario, das an "Flightplan" oder Agatha-Christie-Ensemble-Mysterien erinnert. Die Handlung baut solide Spannung auf, leidet aber unter einem Drehbuch, das zu sehr auf bekannte Tropen setzt und im Finale etwas nachlässt.


Keira Knightley trägt den Film mit intensiver, glaubwürdiger Verletzlichkeit: Lo ist eine traumatisierte Investigative, die zwischen Paranoia und Entschlossenheit balanciert - Knightley macht aus ihr eine Protagonistin, der man glaubt, selbst wenn das Skript stolpert. Guy Pearce als charismatischer Milliardär mit dunklem Geheimnis und Lisa Loven Kongsli als zerbrechliche Anne liefern nuancierte Kontraste; Pearce besonders überzeugt in seiner Mischung aus Charme und Bedrohung. Das Ensemble (u.a. Hannah Waddingham, Gugu Mbatha-Raw, Adeel Akhtar) ist überqualifiziert, bleibt aber oft eindimensional - mehr Dekoration als Tiefe. 

Das Herzstück ist die Yacht selbst: ein labyrinthartiges, opulentes Schiff mit polierten Decks, gedimmtem Licht und einem Kontrast aus Glamour und Enge, der die Klaustrophobie perfekt einfängt. Die Kameraführung nutzt Spiegelungen, enge Korridore und das endlose Meer, um Paranoia zu verstärken - ein Setting, das wie geschaffen ist für ein Whodunit, auch wenn es manchmal zu glatt wirkt. 

Die Spannung entfaltet sich durch Los zunehmende Isolation und die ständige Zweifel an ihrer Wahrnehmung, unterstützt von dumpfer Beleuchtung und einem Score, der das Unbehagen verstärkt. Es ist unterhaltsam wie ein Flughafenroman - vorhersehbar, aber knackig -, doch das Finale fühlt sich gehetzt an und verpasst die Chance auf echte Überraschung. 


"The Woman in Cabin 10" ist ein angenehmer Zeitvertreib für Mystery-Fans: Knightley und Pearce heben es über die Mittelmäßigkeit, während das Yacht-Setting eine willkommene Frische bringt - aber letztlich mehr Versprechen als Erfüllung.

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

Druga Furioza - Inside Furioza - Furioza 2 (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt36265413/

Ein fehlgeschlagener Anschlag auf den Anführer einer Ultras-Gruppe endet tödlich. In der Folge reißt der ehrgeizige Hooligan Golden (Mateusz Damiecki) die Kontrolle an sich. Mit Hilfe der bestehenden Strukturen steigt er rasch zum dominierenden Machtfaktor im städtischen Verbrechen auf. Doch nachdem er sein Ziel, die Herrschaft über die Stadt, erreicht hat, richtet er den Blick über die Landesgrenzen hinaus. Seine brutale Expansion bleibt weder den Behörden noch rivalisierenden Gruppierungen verborgen. Bald entbrennt ein gnadenloser Konkurrenzkampf, der sein Imperium ins Wanken bringt.

Die Fortsetzung des polnischen Actionfilms "Furioza" nimmt den rohen Hooligan-Krieg des Vorgängers und dreht ihn in eine düstere Rise-and-Fall-Chronik um Golden, der als neuer Anführer von Furioza '97 aus Trauer, Gier und Halluzinationen eine Grenzüberschreitungskriminalität entfacht - intensiv, aber durch endlose Längen getrübt. Cyprian T. Olencki inszeniert diesen Netflix-Sequel als Scarface-variierendes Gangsterdrama, das Loyalität, Drogen und internationale Eskalationen in Grautönen taucht. Mateusz Damięcki dominiert als Golden: Er balanciert Wahnsinn, Charisma und verletzliche Tiefe, macht aus dem Monster einen nuancierten Antihelden, dessen Abstieg fesselt. Pola Gonciz bringt Eli Wärme in die Kälte, während Szymon Bobrowski als Mrowka einen würdigen Gegenspieler gibt; Nebenfiguren wie die Crew bleiben jedoch oft Schemazeichen. Damięckis Tour de Force hebt den Film, wo das Skript strauchelt. 

Danzig und Gdynia kehren als graue, klaustrophobische Hafenwelten zurück - Hinterhöfe, Stadien, Trainingshallen -, ergänzt um Dublins irische Pubs, Straßen und IRA-Kontakte, die eine erfrischende Fremde einbringen. Die Atmosphäre ist noch düsterer als im Vorgänger: Nebel, Regen und Kokain-Nächte verschlingen alles in einer Mischung aus osteuropäischem Brutalrealismus und keltischem Chaos. Olencki eskaliert die Gewalt zu epischen Massenkeulen: Straßenkämpfe mit Macheten, Drogenrazzias und ein blutiger Dublin-Brawl mit IRA-Beteiligung - roh, chaotisch, mit realen Verletzungen, die Konsequenzen spürbar machen. Im Gegensatz zum Fokus auf Nahkampf im ersten  Teil dominieren hier internationale Setpieces, die Tempo versprechen, aber unter Langatmigkeit leiden. 

Während "Furioza" Dawids moralischen Zwiespalt und Undercover-Spannung in 140 Minuten bündelte, dehnt Teil 2 (165 Minuten) Goldens Aufstieg zu einem langsamen, introspektiveren Abgrund - komplexer Charakter, aber weniger Fokus und mehr episodische Füllung. Der Vorgänger war ein wilder Streetfight mit Milieu-Frische; hier wird's zu einem klassischen Crime-Saga mit "Scarface"-Vibes, atmosphärisch dichter, doch actionmäßig epischer und narrativ lockerer. Damięckis Glut und rohe Energie machen "Furioza 2" zu einem würdigen Sequel für Fans dunkler Brüderlichkeit, das aber durch Länge und Nebenfiguren keucht und daher im direkten Vergleich etwas abfällt

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix