Mittwoch, 7. Januar 2026

Train Dreams (2025)

https://www.imdb.com/title/tt29768334/

Robert Grainier (Joel Edgerton) schlägt sich im frühen 20. Jahrhundert als Tagelöhner durch – in einer Epoche, die von rasanten Umbrüchen geprägt ist. Nach dem frühen Verlust seiner Eltern wächst er als Adoptivkind inmitten der weiten Wälder des Pazifischen Nordwestens der Vereinigten Staaten von Amerika auf. Dort beteiligt er sich am Ausbau des landesweiten Schienennetzes und arbeitet Seite an Seite mit Männern, deren Geschichten so vielfältig sind wie die Natur um sie herum. Eines Tages lernt er Gladys (Felicity Jones) kennen, mit der er sich ein einfaches Leben aufbaut und eine Tochter bekommt. Obwohl er durch seine Arbeit oft von seiner Familie getrennt ist, entsteht zwischen ihnen eine tiefe Verbundenheit. Als ein dramatisches Ereignis jedoch alles bisher sicher geglaubte über den Haufen wirft, beginnt Grainier, die Wälder, die ihn umgeben, mit ganz anderen Augen zu sehen.

Basierend auf dem Roman von Denis Johnson ist "Train Dreams" ist ein stiller und zugleich epischer Film über ein scheinbar unspektakuläres Leben, das sich - wie die Landschaften, durch die die Züge rollen - langsam, aber unwiderruflich verändert. Er erzählt von einem Mann, der die Moderne mit aufbaut, ohne je wirklich bei ihr anzukommen, und verwandelt Holz, Rauch und Licht in etwas, das sich anfühlt wie Erinnerung, nicht wie bloße Inszenierung. Im Zentrum steht Robert Grainier (Joel Edgerton), ein Waisenjunge, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Wälder Idahos gerät und dort als Holzfäller und Eisenbahnarbeiter an den Rändern der expandierenden USA lebt. Der Film verfolgt ihn über Jahrzehnte: von der jugendlichen Orientierungslosigkeit über die Gründung einer Familie bis hin zu Einsamkeit und Alter in einer Welt, die sich technisch rasant verändert. Die Geschichte ist weniger dramatischer Plot als Chronik eines Bewusstseins. Wiederkehrende Motive - Züge, Brücken, Feuer, der Wald - bilden eine Art visuelle Partitur für Roberts innere Schuld und sein Staunen über eine Zeit, in der Pferdefuhrwerke und Raumfahrt noch innerhalb eines einzelnen Lebens nebeneinander existieren. Der Film interessiert sich dabei nicht primär für Wendungen, sondern dafür, wie es sich anfühlt, in der Haut dieser Menschen und an diesem Ort, zu leben.

Joel Edgerton spielt Robert als Mann, der kaum viele Worte findet, aber in jeder Geste verrät, wie viel er mit sich herumträgt. Die entscheidenden Momente - sein Wegsehen bei der Misshandlung eines chinesischen Arbeiters, das stumme Entsetzen nach dem Waldbrand, der seine Frau Gladys und Tochter Kate verschlingt - liegen in kurzen Blicken und abgebrochenen Bewegungen, nicht in Dialogen. Felicity Jones verleiht Gladys in wenigen Szenen eine zarte, pragmatische Wärme, die dem Film sein moralisches Gravitationszentrum gibt: Man versteht, warum dieses kleine Haus am Fluss für Robert zur gesamten Welt wird. Nathaniel Arcand als Ignatius Jack und Kerry Condon als Claire Thompson bringen in Nebenrollen eine leise Humanität ein - Figuren, die Robert nach der Katastrophe daran erinnern, dass Verbundenheit noch möglich ist, selbst wenn man sich längst aus der Gesellschaft verabschiedet hat.

"Train Dreams" ist auch ein Film über Amerika, das sich von einer rauen Grenzgesellschaft zu einer technisierten Nation wandelt. Die Eisenbahnlinien, an denen Robert arbeitet, sind sichtbare Nähte der Moderne, aber sie verlaufen durch Territorien, in denen Rassismus, Ausbeutung und Vernachlässigung indigener und chinesischer Arbeiter zur Alltäglichkeit gehören. Die Szene, in der ein chinesischer Arbeiter von einer Brücke gestoßen wird, während Robert daneben steht, ohne einzugreifen, ist der moralische Knoten des Films. Später, wenn er den Verlust seiner eigenen Familie als eine Art Fluch deutet, wird spürbar, dass persönliche Tragödie und historische Schuld untrennbar ineinander greifen: Der Film behauptet nicht, dass die Katastrophe "gerechte Strafe" sei, sondern dass niemand unberührt bleibt von der Gewalt, auf der dieser Fortschritt gebaut ist.

Am eindrucksvollsten ist "Train Dreams" aber als visuelle Erfahrung, als Abfolge von Einstellungen, die aussehen, als seien sie aus verblassten Erinnerungen herauskopiert. Der Wald ist kein bloßer Hintergrund: In den frühen Szenen wirkt er weit und offen, mit klaren Linien aus Stämmen und Bahnschienen, in warmem, goldenen Licht, das die Kameraführung oft mit langen, ruhigen Fahrten einfängt. Später, nach dem Brand, werden dieselben Räume fragmentierter, die Bäume sparsamer, das Licht härter, als sei ein Teil der Welt unwiderruflich ausgelöscht. Die Züge sind das wiederkehrende Bild, das dem Film seinen Titel gibt: nachts durch die Dunkelheit schneidende Lichtkegel, Räder, die in Großaufnahme Funken schlagen, Silhouetten von Waggons, die über Brücken gleiten. In Roberts Träumen und Visionen - die Kamera verschmilzt oft reale Landschaften mit leicht verschobenen Farben, Nebel und Überblendungen - werden diese Züge zu Projektionen seiner Schuld: Sie verbinden Orte, aber sie tragen auch das Echo derer, die zurückgelassen oder verdrängt wurden. Die vielleicht schönste Sequenz zeigt Robert im hohen Alter in einem Doppeldeckerflugzeug, das Schleifen über die Landschaft schlägt. Während er kopfüber die Welt sieht, montiert der Film Bilder seines gesamten Lebens - Wälder, Feuer, die Gesichter von Gladys und Kate, den Fluss und die Schienen - in ein fließendes, fast abstraktes Mosaik, bis das Oben und Unten buchstäblich verschwimmen. Das ist Kino im besten Sinne: eine Szene, die nicht erklärt, sondern fühlen lässt, was es heißt, sich "endlich mit allem verbunden" zu wissen.

Im Ton erinnert "Train Dreams" an jene Filme, die oft als "Porträts eines Lebens" beschrieben werden können: Geschichten, in denen weniger geschieht, als dass sich ein Bewusstsein langsam entfaltet. Die Regie von Clint Bentley - ruhige, aufmerksame Kamera, zurückhaltende Musik, Vertrauen in Landschaft und Gesichter - lässt Raum für Zuschauer, selbst zu interpretieren, statt ihnen Botschaften aufzuzwingen. Dass der Film seine schönsten Bilder nicht für große dramatische Höhepunkte reserviert, sondern für alltägliche Momente - eine Hand, die Nägel in ein Holzbrett schlägt, Schnee auf Bahnschienen, ein Kind, das am Flussufer spielt - macht seine Melancholie so nachhaltig. Am Ende bleibt weniger die Erinnerung an die Katastrophen als das Gefühl, einem Leben lange genug zugesehen zu haben, um zu begreifen, wie viel Schönheit selbst in den Randzonen der Geschichte möglich ist.

9/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

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