Donnerstag, 8. Januar 2026

A House Of Dynamite (2025)

https://www.imdb.com/title/tt32376165/

Eine Atomrakete rast auf die Vereinigten Staaten zu, weder die Herkunft noch das genaue Ziel sind bekannt. Die Mitarbeiter des Weißen Hauses unter Leitung des Präsidenten (Idris Elba) müssen sich nun mit dieser Bedrohung auseinandersetzen und innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen, die für den Rest der Menschheit den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten könnten...

Der neue politischer Thriller von Kathryn Bigelow zeigt in fast dokumentarischer Nüchternheit, wie fragil die Architektur nuklearer Abschreckung ist - und wie erschreckend wenig Menschen über das Schicksal von Millionen entscheiden. Es ist dabei weniger ein Katastrophenfilm als ein Charakter‑ und Systemporträt: nicht die Explosion ist das Zentrum, sondern die Entscheidungsprozesse in den Gängen der Macht. Die Handlung setzt in Washington, D.C. ein, als Captain Olivia Walker (Rebecca Ferguson) ihren Dienst in der Situation Room‑Schicht antritt und beinahe nebenbei in einen Albtraum hineingezogen wird: Ein nicht eindeutig zuzuordnender Interkontinentalraketenstart wird entdeckt, das Ziel ist Chicago, die Zeit bis zum möglichen Einschlag beträgt Minuten. Was zunächst wie ein weiterer nordkoreanischer Test aussieht, wird zur akuten Bedrohung, als klar wird, dass die Rakete in eine niedrige Erdumlaufbahn übergeht und ihr Kurs auf amerikanisches Territorium stabil ist.

Parallel dazu folgt der Film Major Daniel Gonzalez (Anthony Ramos) in Fort Greely, Alaska, dessen Einheit mit der Abwehr des Sprengkörpers betraut ist: Zwei Abfangraketen werden gestartet, beide scheitern - "eine Kugel, die eine Kugel treffen soll", wie ein Offizier lakonisch sagt. Der Moment, in dem Gonzalez sich übergibt und im Schnee kniet, markiert den Übergang von technischer Spannung zu existenzieller Hilflosigkeit: Die Verteidigungsarchitektur, in die ein Land Milliarden investiert, erweist sich im Ernstfall als Illusion. Der zweite Handlungsstrang konzentriert sich auf den Präsidenten (Idris Elba), der von einem Charity‑Basketballspiel in die absolute Ausnahmesituation katapultiert wird, während ihn der militärische Beraterstab - General Anthony Brady auf der einen, der stellvertretende Sicherheitsberater Jake Baerington auf der anderen Seite - zwischen Vergeltungsschlag und Nicht‑Reaktion hin‑ und herzieht. Der Film arbeitet auf eine finale Entscheidung zu: Der Präsident muss entscheiden, ob er eine Antwort befiehlt, ohne zu wissen, wer den Angriff ausgelöst hat - im Wissen, dass jede Fehlentscheidung einem globalen Suizid gleichkommen könnte.

Idris Elba spielt den namenlosen Präsidenten mit einer Mischung aus Autorität und leiser Verzweiflung, die die Figur bemerkenswert menschlich macht: Er ist kein Superstratege, sondern ein Mann, der versteht, dass Geschichte sich gerade auf seine Schultern legt. Der Film gönnt ihm Momente der Stille - ein Blick aus dem Hubschrauberfenster, ein stockender Anruf bei der in Kenia befindlichen First Lady -, die zeigen, wie die private Person verzweifelt versucht, hinter dem Amt zu bleiben, während der Apparat ihn nach vorne schiebt. Rebecca Ferguson verankert die Handlung emotional im Situation Room: Ihre Olivia Walker ist kompetent, erschöpft, und immer wieder unterspielt die Schauspielerin den Reflex, in Panik zu geraten, zugunsten einer konzentrierten, fast körperlich spürbaren Professionalität. Anthony Ramos macht aus Gonzalez keine heroische Actionfigur, sondern einen Offizier, der erkennt, dass sein gesamtes Training ihn nicht auf das vorbereitet hat, was es bedeutet, beim Scheitern der Verteidigung zuzusehen - seine letzte Einstellung im Film, allein vor der Basis, ist eine stille Verdammung der Illusion, jemand könne die Lage im Griff haben. In den Nebenrollen steht General Brady (Tracy Letts) für den instinktiven Reflex der militärischen Vergeltung, während Baerington (Gabriel Basso) die fragile Stimme der strategischen Zurückhaltung verkörpert: Der eine fordert den großen Gegenschlag gegen alle potenziellen Täter, der andere warnt, dass ein unbedachter Schritt ein Ende ohne Rückkehr bedeuten könnte. Diese Konstellation vermeidet simple Schwarz‑Weiß‑Zeichnung; beide wirken überzeugend in ihrer Logik - genau darin liegt die Unheimlichkeit des Films.

"A House Of Dynamite" ist unübersehbar ein Produkt der Gegenwart: einer Welt multipler Atommächte, strategischer Unklarheit und hybrider Kriegsführung, in der die Herkunft eines Angriffs womöglich nie eindeutig zu klären ist. Die Rakete im Film ist unidentifiziert - weder Russland, noch China noch Nordkorea übernehmen Verantwortung, und jeder voreilige Rückschlag könnte einen unbeteiligten Gegner in einen tatsächlich weltvernichtenden Konflikt ziehen. Die Dialoge verweisen explizit auf die Fragilität von Abschreckung im Zeitalter von Cyberangriffen, Proxy‑Konflikten und entgrenzter Kommunikation: Wenn der Präsident von einem Leben "in einem Haus aus Dynamit" spricht, beschreibt er nicht nur das Arsenal der Großmächte, sondern auch die politische Kultur, in der innenpolitischer Druck, Medien, Militärs und Bündnispartner die Entscheidungsräume verengen. Die Evakuierung ausgewählter Regierungsmitarbeiter in Bunker wie Raven Rock steht dabei in krassem Kontrast zu den namenlosen Millionen, die in Chicago und anderswo einfach übrigbleiben - ein Bild, das sich in der aktuellen Debatte über Schutzräume, Ungleichheit und Krisenresilienz wiederfindet. Vor dem Hintergrund globaler Spannungen - verschärfte Konkurrenz zwischen USA, Russland und China, atomare Modernisierungsprogramme, neue Raketen‑ und Abwehrsysteme - wirkt der Film wie ein Gedankenspiel, das erschreckend wenig Fantasie benötigt. Die Frage, wie politische Führungen unter Zeitdruck und unvollständiger Informationslage entscheiden, ist nicht theoretisch: Missverständnisse, Fehlalarme und technische Fehler sind historisch belegt, und der Film montiert diese realen Ängste in einen einzigen, komprimierten Krisentag.

Der Film interessiert sich aber weniger für geopolitische Lösungen als für die moralische Unbequemlichkeit, in der sich alle Beteiligten befinden. Der Präsident schwankt zwischen Brady, der von Kapitulation spricht, wenn nicht zurückgeschlagen wird, und Baerington, der ihn daran erinnert, dass ein Gegenschlag auf Verdacht ein Verbrechen ohne Präzedenzfall wäre - ein Dilemma, das die reale Diskussion über Erst‑ und Zweitschlagdoktrinen spiegelt. Die Unklarheit des Endes - die Frage, ob der Präsident den Befehl zur Vergeltung gibt oder nicht - wird bewusst nicht aufgelöst, um das Publikum aus der bequemen Zuschauerposition zu lösen. In Interviews betont Kathryn Bigelow, sie wolle, dass man den Kinosaal mit der Frage verlässt: "Was tun wir jetzt?" - also mit einem politischen, nicht bloß filmischen Nachhall. In einer Zeit, in der Nachrichtenzyklen Krisen blitzartig verschlingen, zwingt dieser Film dazu, über das Undenkbare wenigstens einmal konzentriert nachzudenken. Formal inszeniert Bigelow die Krise als eine Abfolge zunehmend klaustrophobischer Räume: vom weitläufigen Basketballcourt über die fluoreszierenden Flure des Pentagons hin zur Enge der Situation Room‑Tische und der vibrierenden Kabine von 'Marine One'. Die Kamera arbeitet mit vielen Close‑ups auf Gesichter, Hände, Bildschirme; die Welt draußen erscheint häufig nur als abstrakte Kartenprojektion oder schemenhafte Städte im Dunkel - ein visueller Kommentar darauf, wie sehr moderne Kriegsführung in Interfaces statt in Landschaften stattfindet.

Statt spektakulärer Effektaufnahmen des anfliegenden Sprengkopfs dominieren Monitore, Zahlen, Statusanzeigen; das Unsichtbare ist das eigentlich Bedrohliche. Wenn wir am Ende Menschen in Scharen in Richtung Raven Rock‑Bunker rennen sehen, bleibt die Kamera auf Bodenniveau - keine heroischen Totalen, sondern ein chaotischer Strom verängstigter Körper, der eher an dokumentarische Aufnahmen von Katastrophen erinnert als an konventionelle Actionästhetik. Die Musik hält sich über weite Strecken zurück, verstärkt jedoch in entscheidenden Momenten - etwa bei Bakers Suizid vom Dachlandeplatz - die Erkenntnis, dass es sich hier nicht um coole Action, sondern um die Kapitulation eines Individuums vor einer nicht mehr begreifbaren Verantwortung handelt. So wird das titelgebende "A House Of Dynamite" nicht als schillernde Metapher, sondern als formales Programm verstanden: Jede Einstellung deutet an, dass alles bereits vorbereitet ist - die Sprengsätze, die Zündschnüre, die Statuten, die Bunker -, und dass es am Ende nur noch eines falschen Befehls bedarf. In dieser Konsequenz und Nüchternheit liegt die eigentliche Sprengkraft des Films: Er unterhält, indem er erschreckt, und erschreckt, indem er zeigt, wie wenig zwischen dem Jetzt und dem Danach steht.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

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