Aurora (Sophie Sloan), ein einsames Pflegekind in einem heruntergekommenen New Yorker Apartmentblock, lebt mit der felsenfesten Überzeugung, dass unter ihrem Bett kein harmloser "Dust Bunny" (eine "Wollmaus"), sondern ein echtes Monster lauert. Als ihre Pflegeeltern auf grausige Weise verschwinden, deutet Aurora jede Blutspur und jede Unordnung als Beweis dafür, dass die Kreatur zugeschlagen hat - und dass sie die Nächste sein könnte. Bei ihren nächtlichen Fluchten durchs Treppenhaus entdeckt sie den rätselhaften Nachbarn (Mads Mikkelsen), den sie für eine Art professionellen Monsterjäger hält, nachdem sie ihn in Chinatown scheinbar gegen einen Drachen kämpfen sieht. Tatsächlich ist er ein Auftragskiller, dessen blutige Auseinandersetzung mit einer Triaden-Gang von Aurora kindlich missverstanden wird - für sie ist er der perfekte Söldner, um das Wesen unter ihrem Bett zu exekutieren. Zwischen dem abgebrühten Killer und dem hyperwachsamen Kind entsteht eine krude, nicht ganz elterliche, aber zutiefst emotionale Beziehung, während sich die Bedrohungslage zunehmend verdichtet: Sind die Monster in Auroras Leben real, metaphorisch - oder beides gleichzeitig?
"Dust Bunny" ist ein Horrorthriller, der wie ein verstörtes Märchen beginnt und was wie ein kindlicher Albtraum klingt, wird von Regisseur Bryan Fuller zu einer stilisierten Mischung aus Märchen, Actionfilm und Trauma-Studie ausgebaut. "Dust Bunny" entführt den Zuschauer in eine Welt, die halb vertraut, halb traumhaft verzerrt ist. Die Atmosphäre mischt morbiden Humor mit aufrichtiger Kindheitsangst, erinnert tonal an die düster-ironischen Welten von "Delicatessen" und "Léon - Der Profi", ohne je in bloße Hommage zu kippen. Fuller setzt auf die Logik von Albträumen: Räume kippen von Geborgenheit in Bedrohung, Straßenecken wirken zugleich realistisch und märchenhaft verschoben. Dieser Ton erlaubt es dem Film, brutale Gewalt und grotesken Witz nebeneinander stehen zu lassen, ohne das kindliche Zentrum der Geschichte zu verraten. Er weigert sich auch lange, die Frage nach Realität eindeutig zu beantworten, und baut den Film konsequent auf dem Spannungsfeld zwischen kindlicher Imagination und brutaler Alltagsgewalt auf.
Sophie Sloan trägt den Film auf Schultern, die eigentlich zu klein für so viel Traumalast wirken sollten. Ihre Aurora ist kein niedliches Gruselkind, sondern eine ernste, taktierende Überlebende, deren übergroße Augen weniger Naivität als ständige Gefahrenanalyse spiegeln. Mads Mikkelsen variiert sein vertrautes Repertoire aus kühler Distanz und verborgenem Mitgefühl und spielt den intrganten Nachbarn als Mann, der sich selbst für ein Monster hält, aber in der Begegnung mit Aurora an die Angst des Kindes erinnert wird, das er einmal war. In den besten Momenten kippt das Machtverhältnis: Das Kind wirkt rationaler und pragmatischer, während der Killer in seine eigene Verwundbarkeit stolpert. Sigourney Weaver gibt der Rolle der skrupellosen Händlerin eine fast mythische Qualität; sie ist weniger Person als Raubtier im Designer-Outfit, das jederzeit die gesamte fragile Konstellation verschlingen könnte. David Dastmalchian und Sheila Atim füllen die Welt mit prägnanten Nebenfiguren, die wie groteske Märchen-Archetypen aufblitzen: der verwirrte Komplize, die zweifelnde Ermittlerin, beide eher Spiegel für Auroras Lage als bloße Plot-Schachfiguren.
Im Kern erzählt "Dust Bunny" von der Frage, wie sich ein Kind eine unerträgliche Realität so umdeutet, dass sie überhaupt erträglich wird. Der Monster-Mythos unter dem Bett ist hier kein billiger Horror-Hook, sondern eine Strategie, ökonomische Vernachlässigung, Pflegefamiliensystem und alltägliche Gewalt in eine Form zu bringen, die Aurora kontrollieren kann: Ein Monster kann man töten, Gefühle und Erlebtes nicht so einfach. Der Film hält lange die Ambivalenz, ob es sich um reine Projektion handelt oder ob tatsächlich ein übernatürliches Wesen existiert - und findet darin eine produktive Spannung. Die Figur des Killers wird zur moralischen Scharnierfigur: ein Mann, der reale Monster in Menschengestalt tötet und doch von der kindlichen Sichtweise lernt, dass manche Ängste sich nicht mit Logik oder Ballistik erledigen lassen.Bryan Fullers Kinodebüt trägt barocke Bilder, morbiden Witz, Gewalt als fast choreografierte Performance. Gleichzeitig schwingt das Erbe klassischer "gefährlicher Freundschaft"-Geschichten wie in "Léon - Der Profi" mit, was sich besonders in der schrägen, aber nie sexualisierten Nähe zwischen Aurora und dem Killer zeigt. "Dust Bunny" ist sich dieser Bezüge auch bewusst und arbeitet mit ihnen eher spielerisch als ehrfürchtig; das Ergebnis ist ein Film, der wie ein pasticheartiger Remix verschiedener Vorbilder wirkt, aber genug eigene Handschrift besitzt, um mehr als nur Zitatmaschine zu sein. Wo der Film stolpert, ist weniger die Bildsprache als gelegentliches Überladen der Tonlage: Die Balance aus Märchen, Action und Trauma-Horror gerät nicht immer völlig bruchlos."Dust Bunny" funktioniert letztlich weniger als perfektes Uhrwerk denn als Erlebnisfilm - entscheidend ist, wie intensiv man Aurora und ihrem Killer nahekommt, und nicht, ob jeder Storytwist wasserdicht ist. Die emotionalen Wahrheiten über kindliche Furcht, die Sehnsucht nach einem Beschützer und die Art, wie Fantasie zur Überlebensstrategie wird, tragen den Film auch über seine Unebenheiten hinweg. Fullers Debüt ist ein mutiges, manchmal überbordendes Stück Genrekino, das sich traut, brutal, verspielt und zärtlich zugleich zu sein. Wer im Horrorkino vor allem sauber strukturierte Plots und nüchterne Spannungsführung sucht, wird hier vielleicht eher irritiert als begeistert - wer aber bereit ist, sich auf ein dunkles Großstadtmärchen einzulassen, findet in "Dust Bunny" einen der eigensinnigeren Horrorfilme seines Jahrgangs.



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