Donnerstag, 22. Januar 2026

Black Phone 2 (2025)

https://www.imdb.com/title/tt29644189/

Eigentlich sollte der "Greifer" (Ethan Hawke) tot sein. Doch dann klingelt das Telefon bei Finn (Mason Thames) und sein Peiniger, den der heute 17-Jährige vermeintlich vier Jahre zuvor umbrachte, spricht plötzlich wieder zu ihm – und er lässt keine Zweifel daran, dass er es auf Rache abgesehen hat. Nun hat es der Greifer auf Finns jüngere Schwester Gwen (Madeleine McGraw) abgesehen. Finn, selbst noch mit den Nachwehen seiner eigenen Erfahrungen beschäftigt, muss mit ansehen, wie auch die 15-jährige Gwen in den Bann des Greifers gerät. So wird sie von Träumen heimgesucht, in denen nicht nur das schwarze Telefon klingelt, sondern in denen ihr auch Szenen von drei unbekannten Jungen, die in einem Wintersportort von irgendetwas verfolgt werden, vorgesetzt werden. Das wollen Gwen und Finn jedoch nicht achselzuckend hinnehmen. Sie beschließen also, an diesen Ort zu fahren, um dem Schrecken für alle ein Ende zu setzen. Doch auf das, was sie vor Ort erwartet, hätte sie niemand vorbereiten können...

"The Black Phone 2" ist genau die Art Fortsetzung, vor der man sich fürchtet - und die einen dann doch auf unangenehme Weise erwischt. Der Film verliert zwar etwas von der klaustrophobischen Eleganz des Vorgängers, gewinnt aber eine neue, frostige Albtraumqualität, die ihn mehr zur eigenständigen Horrorvision als zur bloßen Wiederholung macht. "Black Phone" war ein Film aus Beton und Dunkelheit: ein Kellerraum, eine schäbige Matratze, ein altes Telefon - und fertig war das Gefängnis.  Die Fortsetzung sprengt diese Enge und verlegt die Geschichte in ein abgelegenes Winter-Camp, ein Ort, der aussieht, als hätte "Freitag der 13." Urlaub in einem katholischen Ferienlager gemacht.  Der Schnee, das Eis, die zugefrorenen Seen: Das Setting macht den Film weniger zu einem Escape Room und mehr zu einem offenen, aber dennoch ausweglosen Albtraum, in dem jede freie Fläche zur Angriffsfläche wird.

Dieser Ortswechsel ist der interessanteste kreative Schritt des Films. Wo der erste Teil seine Spannung aus Beklemmung zog, arbeitet der zweite mit Weite und Entblößung: Kinderfiguren, die auf einem weißen, scheinbar grenzenlosen Feld stehen, sind verletzlicher als jede Kellerratte. Die Kamera nutzt dieses Umfeld konsequent, etwa wenn eine einsame Telefonzelle im Schneesturm steht und sich der Hintergrund, erst leer, dann nach und nach voller verlorener Seelen, in einem einzigen Kameraschwenk in eine Art Beerdigungsprozession verwandelt. Der Film setzt Finney und Gwen einige Jahre nach den Ereignissen des ersten Films wieder in Szene: ältere Teenager, scheinbar weitergezogen, aber emotional immer noch an jenem Keller angebunden. Sie arbeiten in genau dem Camp, in dem ihre Mutter einst tätig war - und unter mysteriösen Umständen starb -, was dem Film eine fast schon unverschämte Plot-Konstruktion verleiht, die aber gut genug funktioniert, um die Figuren dorthin zu bringen, wo der Film sie haben will. Das titelgebende schwarze Telefon ist nun weniger ein verfluchter Gegenstand als ein metaphysischer Knotenpunkt: eine Schnittstelle zwischen Traum, Schuld, Jenseits - und natürlich dem Grabber. Die Fortsetzung vertieft die religiösen Untertöne des ersten Films: Gwen spricht offen mit Jesus, Visionen werden zu etwas zwischen Offenbarung und posttraumatischem Flashback, und das Drehbuch flirtet mit einer Art katholischer Dunkel-Märchenlogik, in der Gut und Böse keine abstrakten Konzepte, sondern buchstäbliche Kräfte sind, die um jede einzelne Kinderseele ringen. Die Kehrseite dieser Ambition: Der Film erklärt sich eindeutig zu oft. Ein längerer Mittelteil wirkt, als hätte jemand die Extras "Hintergründe und Mythologie erklärt" versehentlich in den fertigen Kinocut geschnitten. Wenn "Black Phone 2" aufhört zu dozieren und seine eigene Traumlogik einfach laufen lässt - Visionen, Telefonate aus dem Nirgendwo, Zeitsprünge, die eher gefühlt als verstanden werden -, ist er deutlich stärker. 

Mason Thames und Madeleine McGraw tragen auch im zweiten Teil die Geschichte. Thames spielt Finney als Jugendlichen, der äußerlich stabil, innerlich aber immer noch ein Junge ist, der nie wirklich aus dem Keller entlassen wurde; seine zurückhaltende Art verhindert, dass die Figur in typischen Horror-Teenager-Trotz verfällt. McGraw dagegen bleibt die heimliche Hauptfigur: Ihre Mischung aus Sturheit, Verwundbarkeit und unerschütterlichem Glauben verleiht dem Film mehr Gravitas, als die wacklige Mythologie eigentlich verdient. Und dann ist da Ethan Hawke als Grabber, nun endgültig auf dem Weg vom Serienkiller zur modernen Horror-Ikone. Die Fortsetzung reduziert seine physische Präsenz, macht jede Szene mit ihm aber zu einem Event: Er ist weniger der Mann im Keller als eine Art Spukgestalt, ein Freddy-Krueger-Schatten, der die Träume und Visionen der Figuren kontaminiert.  Manche Zuschauer werden bemängeln, dass der Grabber damit etwas von seiner rohen, greifbaren Bedrohlichkeit verliert und in Richtung überlebensgroßer Genrefigur driftet, doch aus Sicht des Horrormythos ist das fast zwangsläufig: Schurken, die zurückkehren, gehören früher oder später eher zur Folklore als zur Realität. Der Horror des ersten Films war leise, schleichend und von einer unangenehmen Alltagstreue: Man glaubte, dass dieser Mann in dieser Nachbarschaft existieren könnte, und dass Kinder eben spurlos verschwinden. "The Black Phone 2" verschiebt diese Angst in eine andere Tonlage - weg vom "Das könnte passieren" hin zum "Das fühlt sich wie ein Albtraum an, aus dem man  einfach nicht aufwacht".  Die Visionen, zerschnittenen Gesichter hinter Fensterscheiben und die eiskalte Camp-Topografie erzeugen eine Bilderflut, die weniger im Magen als im Unterbewusstsein arbeitet. Es gibt zudem auch Momente, in denen der Film sehr grafisch wird, fast trotzig gegenüber der glattgebügelten Studio-Horrorware, die üblicherweise durch Testscreenings weichgespült wird.  Trotzdem schwankt der Horrorfaktor: Manche Szenen sind meisterhaft aufgebaut, andere wirken wie Variationen auf Bilder, die man schon im ersten Teil besser gesehen hat - oder in den "A Nightmare On Elm Street"-Filmen, denen der Film offen huldigt. Wenn "Black Phone 2" sich traut, langsam zu sein, Spannung zu dehnen und Gewalt punktuell, nicht inflationär einzusetzen, ist er fast so unbehaglich wie das Original; wenn er versucht, jede Idee auszukosten, wird aus Terror gelegentlich Routine. 

Im Vergleich zum Vorgänger wirkt "The Black Phone 2" wie ein Horrorfilm, der genau weiß, dass er ein Sequel ist - und das weder verstecken noch komplett ausnutzen kann. Wo der erste Film fast hermetisch geschlossen war, ein kleines, dreckiges Meisterstück über Missbrauch, Überleben und kindliche Resilienz, öffnet die Fortsetzung die Türen und lässt Themen, Bilder und Theologie wild hereinströmen.  Das Ergebnis ist weniger elegant, aber auch mutiger: Man spürt das Risiko, den Grabber zu entzaubern, die zentrale Metapher zu überfrachten und das Publikum zu verlieren - und gerade dieses Risiko gibt dem Film eine gewisse nervöse Energie. "Black Phone 2" ist damit ganz sicher kein notwendiger Film, aber ein interessanter. Er zerstört nicht, was den ersten "Black Phone" stark gemacht hat, aber er beweist auch nicht, dass diese Geschichte unbedingt weitererzählt werden musste. Als Horror-Erlebnis funktioniert "The Black Phone 2" wunderbar - stimmungsvoll, verstörend, manchmal überladen -, als Fortsetzung ist er wie ein eiskaltes Echo: Das Telefon klingelt wieder, und die Stimme am anderen Ende ist vertraut, aber sie spricht eine neue Sprache.

6,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Universal

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