Das Leben von Cassie (Carey Mulligan) ist auf den ersten Blick ein Scherbenhaufen: Mit 30 Jahren lebt sie immer noch bei Eltern Stanley (Clancy Brown) und Susan (Jennifer Coolidge) und langweilt sich bei ihrer Arbeit in einem Coffee Shop. Doch nachts führt sie ein geheimes Doppelleben: Sie besucht Bars und Clubs, wo sie so tut, als wäre sie stockbetrunken, um sich von "hilfsbereiten" Männern nach Hause nehmen zu lassen, wo sie ihnen dann eine gehörige Lektion erteilt. Der Grund für Cassies Rachemission ist ihre Freundin Nina, die an der Medizin-Uni, an der die beiden studiert haben, sexuell missbraucht wurde, was damals allerdings unter den Teppich gekehrt wurde...
"Promising Young Woman" ist ein Film, der sich anfühlt wie eine vergiftete Praline - zuckersüß verpackt, aber mit einem Kern aus purem Rachedurst, der einen lange nachhallt. Emerald Fennells Regiedebüt aus dem Jahr 2020 ist ein seltenes Biest: ein Rache-Thriller, der feministische Abrechnung mit schwarzem Humor und Pop-Kultur-Vibes vermischt, ohne je in Moralsäulenpredigt abzurutschen. Es ist kein perfektes Werk - das Finale polarisiert bis heute -, aber Carey Mulligans Tour-de-Force und Fennells messerscharfe Beobachtungen machen es zu einem der aufregendsten Genre-Mixe der letzten Jahre. Was Fennell so klug macht, ist die narrative Architektur: Der Film vermeidet die lineare Opfer-Opfer-Täter-Kette und webt stattdessen ein Netz aus Komplizenschaft. Jeder Nebencharakter ist ein Spiegel der Gesellschaft - die nette Freundin, die wegsieht (Alison Brie), die gutmütige Mutter, die Loyalität über Wahrheit stellt (Jennifer Coolidge), der charmante Arzt, der ahnungslos in Cassies Welt stolpert (Bo Burnham). Die Story dreht sich nicht nur um Rache, sondern um die kollektive Verantwortungslosigkeit, die toxische Männlichkeit am Leben hält. Das Drehbuch spielt mit Erwartungen: Es beginnt wie ein Slapstick-Revenge-Flick, wird zum romantischen Intermezzo und endet in einem Thriller-Finale, das so brutal unvorhersehbar ist, dass es Zuschauer entweder jubeln oder empört lässt. Fennell leiht sich von Tarantino die Gewaltästhetik, von Hitchcock die Paranoia – aber sie macht daraus etwas Eigenes, Zeitgemäßes.
Carey Mulligan liefert eine Performance, die sie endgültig aus der "braves British Girl"-Schublade katapultiert. Cassie ist kein Opfer, kein Engel, keine Superheldin; sie ist ein wandelnder Widerspruch: zuckersüß manipulativ in ihren Fallen, zutiefst verletzlich in ihren privaten Momenten, explosiv rachsüchtig, wenn die Maske fällt. Mulligan wechselt nahtlos zwischen Lolita-Ästhetik (Perlenkette, Pferdeschwanz, Pastellkleider) und animalischer Wut - ihre Augen verraten immer, dass unter der Oberfläche ein Vulkan brodelt. Es ist Oscar-würdige Arbeit, die an ihren "Drive"-Auftritt erinnert, aber emotionaler, nackter. Bo Burnham als Ryan, der sensible Arzt, bringt echte Wärme und Humor in die Kälte: Seine Chemie mit Mulligan ist der emotionale Anker, der den Film vor reiner Aggression bewahrt - bis Fennell sie brutal dekonstruiert. Das Ensemble ist ein All-Star-Cameo-Fest: Connie Britton als steife Dekanin, die Schutz mit Vertuschung verwechselt; Alison Brie als fröhliche Freundin, deren Lachen zur Grimasse wird; Jennifer Coolidge als tragikomische Mutter, die in einer Szene mehr über mütterliche Verleugnung sagt als mancher Drama-Film in zwei Stunden; Adam Brody und Ray Nicholson als charmante Vergewaltiger-Typen, die ihre Rollen mit diabolischer Präzision verkörpern. Jeder Auftritt ist kalkuliert - Fennell nutzt die Stars, um Klischees zu zertrümmern und das Publikum zu täuschen. Fennells Geniestreich liegt in der visuellen Welt: "Promising Young Woman" spielt nicht in einer finsteren Unterwelt, sondern im hellen Alltag der amerikanischen Mittelklasse - schäbige Neons Bars, sterile Vorortküchen, pastellfarbene Cafés, ein Krankenhaus mit fluoreszierendem Licht. Die Farbpalette schreit förmlich: Pink, Mintgrün, Babyblau - Pop-Ästhetik, die an Barbie und Britney Spears erinnert, kontrastiert mit der Grausamkeit der Themen. Es ist eine bewusste Desorientierung: Wie kann etwas so Buntes so Böse sein? Die Kamera von Benjamin Kračun tanzt in engen Nahaufnahnen, zoomt auf Perlenketten oder iPhone-Bildschirme, wo Ninas alte Videoaufnahme lauert - ein digitales Gespenst. Sounddesign verstärkt das: Retro-Pop-Hits ("Misery Business" von Paramore, "Toxic" von Britney Spears) unterbrechen brutale Momente, unterstreichen die Banalität des Grauens. Dieses Setting macht den Horror greifbar - er passiert nicht da draußen, sondern genau dort, wo wir shoppen, trinken und lachen. Als Thriller funktioniert der Film meisterhaft, weil er nie in eine Schublade passt: Die Spannung baut sich in Cassies Fallen - man hält den Atem an, wenn ein "Retter" zuschlägt -, wechselt zu Slapstick (Cassie mit Ponyfrisur und Scalpel), dann zu Romantik, bevor das Finale explodiert. Fennell dosiert die Eskalation wie eine Chirurgin: Jede Konfrontation ist ein Mini-Thriller, unterlegt mit Ironie; der Soundtrack wird zum Charakter - Pop-Hymnen, die Gewalt untermalen, erinnern an "Kill Bill", sind hier aber bissiger. Das Finale ist der Knaller: kontrovers, weil es Rache nicht romantisiert, sondern eskaliert - es zwingt zur Debatte über Gerechtigkeit vs. Anarchie. Schwäche? Manche Wendungen wirken gezwungen, das Tempo stockt minimal in der Romanze. Aber insgesamt: Ein Adrenalinrausch, der unter die Haut geht. "Promising Young Woman" ist ein filmischer Wake-up-Call: Fennell nimmt den #MeToo-Diskurs, packt ihn in ein Revenge-Pop-Trauma und macht daraus Kunst. Es provoziert, unterhält, verunsichert - und bleibt hängen wie Ninas Lachen im Video. Mulligan und das Ensemble tragen es über jede Unebenheit, das Design hypnotisiert. Nicht jeder wird es lieben, aber definitiv niemand vergisst es. Und genau das macht große Filme aus.




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