Sergio Rossetti (Michele Riondino), ein ehemaliger Judo-Champion und nun Sportlehrer, flieht nach einem schweren persönlichen Verlust in das Bergdorf Remis, das als "glücklichster Ort Italiens" gilt. Dort treffen ihn die ewigen Lächeln der Bewohner zunächst wie ein Hohn auf seinen eigenen Kummer, doch Remis scheint zugleich der perfekte Ort für einen Neuanfang zu sein. In der Schule begegnet Sergio dem introvertierten Schüler Matteo Corbin (Giulio Feltri), während er in der örtlichen Pension Michela (Romana Maggiora Vergano) kennenlernt, die ihn mit seinem offensichtlichen Schmerz nicht stehen lassen will. Sie führt ihn eines Nachts zu einem geheimen Ritual: Einmal pro Woche stellt sich das ganze Dorf in eine Schlange, um Matteo zu umarmen, der den Menschen ihren Schmerz nimmt - und ihn in sich hinein saugt...
"The Holy Boy" (die eigentlich präzisere Übersetzung lautet "The Valley of Smiles" und ist deutlich besser) ist ein unheimlich präziser Horrorfilm über Schmerzverdrängung, gemeinschaftliche Selbstlüge und die Versuchung, Verantwortung an ein "Wunder" abzugeben. Er funktioniert wie eine finstere Parabel: Ein Dorf, Remis, das nie mehr leidet, weil einer für alle leidet - bis der Preis dafür nicht mehr zu bezahlen ist. Sergio (Michele Riondino) erlebt das Ritual selbst: Im Moment von Matteos (Giulio Feltri) Umarmung sieht er seinen verstorbenen Sohn, und als er wieder zu sich kommt, ist der unerträgliche Knoten aus Trauer und Schuld in seinem Inneren verschwunden. Von da an hellt sich sein Leben auf - er beginnt mit seinen Schülern Judo zu trainieren, öffnet sich Michela (Romana Maggiora Vergano) gegenüber und scheint wieder am Leben teilzunehmen. Doch gleichzeitig erkennt er, wie sehr das Dorf von Matteo abhängig ist: Die Menschen organisieren ihren Alltag um diese wöchentlichen Abbrüche ihres Kummers, sie stehen Schlange vor Matteos Haus, und sein Vater Mauro verwaltet den Jungen geradezu wie eine heilige Ressource. Matteo, noch ein Teenager, hat keine normale Jugend - er lebt für die Rituale, getrieben von den Erwartungen anderer und belastet von der Geschichte seiner Mutter, die sich nach einer frühen Manifestation seiner Kräfte aus dem Fenster gestürzt hat.
Zwischen Sergio und Matteo entwickelt sich eine zaghafte Freundschaft: Sergio versucht dem Jungen einzureden, dass er mehr ist als seine "Gabe", und dass er ein Recht auf ein eigenes Leben hat. Doch der Druck des Dorfes und die Müdigkeit durch die ständige Last des Schmerzes anderer lassen etwas in Matteo kippen - seine Kräfte beginnen, eine unheimlichere Dimension anzunehmen. In tranceartigen Zuständen entdeckt er, dass er nicht nur Leid absorbieren, sondern auch den Willen der Menschen beeinflussen kann. Er kontrolliert seinen Mitschüler Lorenzo (Diego Nardini), zu dem er sich hingezogen fühlt und der ihn früher gemobbt hat, zwingt ihn zu sexuellen Handlungen und bringt ihn später dazu, sich selbst in einem Livestream zu verbrennen.
Die Grenze zwischen Opfer und Täter verschwimmt, und das, was das Dorf als Engel verehrt, zeigt einen erschreckend destruktiven Kern. Parallel dazu warnt ein Nachbar, Pichler (Sergio Romano), Sergio vor dem Kult um Matteo: Er verlor seine Frau bei einem Zugunglück, das das kleine Städtchen Remis vor Jahren traumatisiert hat, und schildert, wie er sich einst dem Ritual hingab, sich dann aber von dieser "kollektiven Betäubung" losreißen konnte. Sergio weist seine Mahnungen zunächst zurück, zu sehr genießt er seine neugewonnene Leichtigkeit und den emotionalen Frieden, den ihm Matteo geschenkt hat. Als Matteo zunehmend ausbrennt und die Rituale ausfallen, reagiert das Dorf wie eine suchtkranke Gemeinschaft: Krampfhaft, juckend, mit selbst zugefügten Verletzungen, getrieben von der Sehnsucht nach dem nächsten "Schuss" Erlösung. Der religiöse Unterton, verkörpert durch den Dorfpriester Father Attilio (Roberto Citran), schlägt endgültig ins Fanatische um: Der Priester ist bereit zu töten, um die Ordnung des Rituals zu bewahren.In "The Holy Boy" geht hier weniger um die Frage, ob übernatürliche Kräfte funktionieren, sondern darum, was Menschen bereit sind zu tun, wenn ihnen jemand anbietet, die Last des Leidens abzunehmen. Remis wirkt wie eine Versuchsanordnung: Eine Gesellschaft, die entschieden hat, Schmerz als Defekt zu betrachten, den man outsourcen kann, statt ihn als notwendige, wenn auch grauenvolle Grundlage von Empathie zu akzeptieren. Matteo ist damit zugleich Opfer und Instrument - ein emotionaler Mülleimer, in den die Erwachsenen ihre Trauer, ihre Schuld, ihre Traumata kippen. Dass er schließlich seine Kräfte missbraucht, ist nicht einfach "dämonische Korruption", sondern die logische Folge einer Rolle, in der er nie als Mensch gesehen wurde, sondern als Ressource. Der Film fragt radikal: Was bleibt von Moral, wenn das eigene Leid verschwindet, aber die Verantwortung für das Leid anderer unsichtbar bleibt?
Formal bewegt sich "The Holy Boy" zwischen Folk-Horror, Psychodrama und religiös kodiertem Mystery. Das Bergdorf mit seinen hellen Fassaden und freundlichen Gesichtern wird nicht als klassischer Spukhaus-Grusel inszeniert, sondern als Postkartenidylle, in der das Unheimliche in den Ritualen, den Blicken und der zu perfekten Höflichkeit steckt. Die wahren Schockmomente liegen weniger in Blut als in der Eskalation sozialer und emotionaler Dynamiken: die erste kollektive Umarmung, die wie eine groteske Messe wirkt, Lorenzos Selbstverbrennung in der Öffentlichkeit der sozialen Medien, der Zusammenbruch der Kapelle im Trance-Rausch der Bewohner. Der Film vertraut auf langsames Gift - auf die Erkenntnis, dass hier ein ganzes System aufgebaut wurde, um Schmerz nicht zu verarbeiten, sondern zu delegieren.





Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen