Samstag, 17. Januar 2026

28 Years Later: The Bone Temple (2026)

https://www.imdb.com/title/tt32141377/

Nach einem schweren Verlust hat der zwölf Jahre alte Spike (Alfie Williams) die sichere Insel seiner einstigen Gemeinschaft verlassen, um sich in der vom Wutvirus heimgesuchten Wildnis alleine durchzuschlagen. Dabei macht er schließlich Bekanntschaft mit dem undurchsichtigen Kult-Anführer Jimmy Crystal (Jack O’Connell), dessen Anhänger und Anhängerinnen in grotesk bunten Trainingsanzügen kurzen Prozess mit den blutlechzenden Infizierten machen. Um seine Überlebenschancen zu steigern, schließt sich Spike der kurzerhand Truppe an, muss jedoch schon bald feststellen, dass diese den Infizierten in Sachen Grausamkeit eigentlich in nichts nachsteht. Zur selben Zeit macht der ehemalige Arzt Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) eine Entdeckung, die die postapokalyptische Welt noch ein weiteres Mal auf den Kopf stellen könnte...

"No children beyond this point" - das Schild wird gleich am Anfang eingeblendet - eine Warnung vor der Nutzung der Wasserrutsche. Doch es wirkt wie eine bittere Pointe auf das, was kommt. Im krassen Gegensatz zu "28 Years Later", der mit Spannung und Horror punkten konnte, wirkt "28 Years Later: The Bone Temple", der zweite Teil der neuen Trilogie zur einst mit "28 Days Later" begonnenen Zombie-Reihe, wie ein wütender, fiebriger Albtraum, der das ohnehin schon düstere Erbe der Reihe in eine noch kompromisslosere, fast schon halluzinatorische Extremform treibt. Wo "28 Days Later" den Schrecken der Ansteckung neu definierte und "28 Years Later" die Reihe in ein makabres Märchen über Schuld und Erinnerung kippte, inszeniert dieses Kapitel die Apokalypse als Kultstudie - weniger eine Geschichte über ein Virus als über die religiöse und moralische Fäulnis, die nach dem Ende der Welt übrig bleibt. Die Geschichte setzt direkt am offenen Ende von "28 Years Later" ein und folgt erneut Spike (Alfie Williams), der nun in den Bann eines Kultes gerät, der sich um den charismatisch-sadistischen Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell) formiert und seine Anhänger als "Fingers" instrumentalisiert. Dieser Kult verehrt das Chaos der Rage‑Verseuchten, nutzt aber vor allem die spirituelle Leere der Überlebenden als Rohstoff, um Macht, Gewalt und Rituale auf einem heiligen Schauplatz - dem titelgebenden Bone Temple - zu inszenieren. Parallel dazu begleitet der Film Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes), der eine ambivalente, beinahe zärtliche Beziehung zu dem Alpha‑Infizierten Samson (Chi Lewis‑Parry) aufbaut und in dessen Körper die Möglichkeit einer neuen, global relevanten Lösung sieht - eine, die entweder die Menschheit rettet oder endgültig auslöscht. Die Handlung verzichtet weitgehend auf klassische Plotarchitektur; sie verläuft eher wie ein dunkler Pilgerweg durch Episoden der Erniedrigung, des Glaubens und der Selbsttäuschung, der sich immer wieder in Gewaltspitzen entlädt.

Schon "28 Years Later" markierte einen radikalen Bruch mit der pandemischen Beklemmung von "28 Days Later" und "28 Weeks Later", indem es die Apokalypse als düsteres Kinder-Märchen aus der Perspektive des jungen Spike erzählte. Statt urbaner Überlebenskämpfe oder militärischer Eskalation stand dort die subjektive Wahrnehmung eines Kindes im Vordergrund, das durch eine Welt voller Memoriale, Monsterfiguren und symbolischer Gewalt geführt wurde. "28 Years Later: The Bone Temple" knüpft daran an, indem es Spikes Geschichte weiterführt, nimmt ihm aber den Rest von Unschuld und lässt ihn als Bruchstelle zwischen Kult, Wissenschaft und Erinnerung fungieren. Im Kontext der ganzen Reihe verschiebt der Film den Fokus deutlich von "Infektion" zu "Institution": Wo "28 Days Later" den Schrecken einer unkontrollierbaren Krankheit etablierte und "28 Weeks Later" die Brutalität staatlicher Reaktionen sezierte, legt dieses Kapitel den Blick auf die Strukturen, die Menschen sich im postapokalyptischen Vakuum bauen - Sekten, Ersatzreligionen, kleine Faschismen mit Blutaltar. In diesem Sinne wirkt "28 Years Later: The Bone Temple" weniger wie ein direkter Sequel-Baustein und mehr wie ein bewusst "Franchise‑adjazenter" Exkurs, der die Mythologie erweitert, ohne den ursprünglichen Infektions-Horror zu wiederholen.

Regisseur Nia DaCosta inszeniert den Film mit einer Mischung aus grobkörnigem Realismus und halluzinogener Übersteigerung, die sich sichtbar auf die ruppige Handkamera-Ästhetik des ersten Films bezieht. Besonders in der Pool‑Kampfszene, in der Spike sein Leben gegen ein anderes Kultmitglied verteidigen muss, zitiert die stotternde, kreisende Kamera direkt die nervöse Unmittelbarkeit von "28 Days Later", allerdings jetzt im Kontext eines ritualisierten Menschenopfers statt eines spontanen Überlebenskampfes. Die Gewalt ist - im Vergleich zu allen Vorgängern - noch expliziter, zäher und auf Körperlichkeit fixiert: Haut wird abgezogen, Körper werden entweiht, Folter wird in quälender Länge ausgespielt. DaCosta koppelt diese Splatterspitzen an einen bewusst zynischen Blick auf Spektakel, etwa in einer Szene, in der ein kokaingetriebener, satanisch aufgeladener Exzess zu Iron Maiden's "The Number Of The Beast" als bewusst hohle, aber verführerische Religionsmaschine inszeniert wird. Die Apokalypse erscheint hier nicht mehr primär als Virus-Pandemie, sondern als fortlaufende, selbstinszenierte Show menschlicher Grausamkeit.

Ralph Fiennes spielt Dr. Kelson mit einer müden, intellektuellen Gravität, die gleichzeitig an Humanismus festhält und von radikalem Pragmatismus unterwandert wird. In seinen Szenen mit Samson entsteht eine seltsam intime Dynamik: Für eine Weile kippt der Film in eine Art "Hangout" zwischen Arzt und Monster, geprägt von Gesprächen, Drogen-induzierten Zuständen und körperlicher Nähe, die den Infizierten als Projektionsfläche für Kelsons ethische Sehnsüchte entlarvt. Jack O’Connell verleiht Sir Jimmy Crystal eine gefährliche Mischung aus pubertärem Humor, medialem Trash-Wissen und religiösem Wahn, die ihn zu einem der unheimlichsten Antagonisten der Reihe macht. Er ist weniger klassischer Bösewicht als eine Art entgleister Jugendpastor der Apokalypse, der Popkultur, Traumata und Spiritualität zu einer toxischen Glaubensform verschmilzt. Alfie Williams’ Spike bleibt hier eher Katalysator als Zentrum - ein Überlebender, der von Film zu Film mehr zum verbindenden Gewebe der Saga wird, auch wenn seine Agency in diesem Kapitel zugunsten des Kult- und Kelson-Fokus zurücktritt. Samson, der Alpha‑Infizierte, erhält über Flashbacks und Sound-Trigger (Züge, Autos, Kinderstimmen) eine angedeutete Vorgeschichte, die kurz ein Fenster auf ein verlorenes Leben öffnet, aber nie vollständig ausbuchstabiert wird. Diese bewusste Distanzierung von klaren psychologischen Erklärungen macht die Figur eher zu einem tragischen Totem als zu einem traditionellen Charakter - ein Ansatz, der faszinierend, aber auch frustrierend sein kann.

"28 Years Later: The Bone Temple" ist weniger daran interessiert, eine befriedigende Fortsetzung zu sein, als eine verstörende Variation auf ein Thema - ein Film, der den Regler für Trostlosigkeit und Brutalität voll aufdreht. Er ist episodisch, manchmal emotional distanziert und in seinem Splatter fast sadistisch; doch gerade in dieser Kompromisslosigkeit steckt eine Ehrlichkeit darüber, was nach drei Jahrzehnten Apokalypse vom Menschen übrig bleibt. Als Teil der Reihe wirkt er wie ein mutiger, wenn auch sperriger Seitenast: weniger infektiöser Schock als kultischer Kater, weniger klares Sequel als wütende Fußnote, die fragt, ob der wahre Horror niemals das Virus, sondern immer schon der Mensch gewesen ist.

9/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Columbia Pictures/DNA Films/Decibel Films

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