Sonntag, 18. Januar 2026

Marco (2024)

https://www.imdb.com/de/title/tt29383379/

Marco (Unni Mukundan), der als Adoptivsohn zur Familie Adattu gehört, setzt alles daran, den Tod seines Bruders zu rächen. Getrieben von Schmerz und Entschlossenheit verfolgt er seine Feinde kompromisslos. Doch wohin ihn sein Weg auch führt, stößt er immer wieder auf Verrat, erleidet schwere Verluste und wird mit schonungsloser Gewalt konfrontiert.

"Marco" ist ein kompromissloser Rache-Actionfilm, der seine Wirkung fast vollständig über exzessive Brutalität, stilisierte Inszenierung und die Überhöhung seiner Titelfigur als ikonischen Killer entfaltet. Inhaltlich bleibt der Film schlicht, ja beinahe archaisch: Ein Mann verliert seine Familie und antwortet mit einer Gewaltorgie, die sich immer weiter steigert und den Plot zunehmend zur bloßen Klammer für set-pieceartige Eskalationen degradiert. "Marco" wird auch offensiv als "brutalster indischer Film aller Zeiten" vermarktet, und selten war eine Triggerwarnung, die auch dem Film vorgeschaltet ist, so gerechtfertigt. Die Gewalt ist nicht nur zahlreich, sondern explizit: Gesichter werden zu Brei geschlagen, Gliedmaßen abgetrennt, Kettensägen, Säurebecken und Schusswaffen verwandeln Körper in reine Zerstörungsoberflächen. Besonders verstörend sind Szenen, in denen Kinder und Schwangere Opfer werden - darunter ein Junge, dessen Gesicht in Nahaufnahme zerschlagen wird, und eine Frau, der während der Geburt das Baby aus dem Bauch gerissen wird, das anschließend wie eine blutige Trophäe herumgetragen wird. In Momenten wie diesen überschreitet der Film endgültig die Grenze vom brutalen Actionkino zur Zumutung, weil die Inszenierung den Akt der Gewalt stärker betont als jede moralische oder emotionale Reflexion.

Die Geschichte von "Marco" folgt dem vertrauten Pfad des Rachefilms: Der Titelheld, schwarzes Schaf einer kriminellen Familie, schwört nach dem Mord an seinem blinden Adoptivbruder Vergeltung und kämpft sich durch ein Netz aus Verrat, Machtmissbrauch und Gangsterstrukturen. Was zunächst wie ein klassischer, wenn auch düsterer Genreplot beginnt, driftet zunehmend in eine Abfolge von Gewaltspitzen ab, die mehr um Steigerung als um Entwicklung bemüht sind. Und das ist auch das Problem des Films: die eskalierende Brutalität ersetzt den ohnehin dünnen Plot und vertieft ihn nicht: Je mehr Knochen brechen und Körper verstümmelt werden, desto weniger scheinen Figuren oder Konflikte wirklich an Gewicht zu gewinnen. "Marco" reiht sich damit in eine Welle von Racheerzählungen ein, die seit "John Wick" primär über Schauwerte funktionieren, aber noch stärker den Eindruck erwecken, dass der Bodycount wichtiger ist als jede psychologische oder moralische Nuance. 

Unni Mukundan verkörpert Marco als überhöhten Racheengel: eine nahezu unantastbare Killermaschine, ultracool, stoisch, ein wandelnder Mythos, der weniger Mensch als Projektionsfläche für Maskulinitätsfantasien ist. Seine Präsenz trägt den Film, doch die Figur bleibt bewusst eindimensional – ein Mann, der nur noch aus Rache besteht, ohne echte innere Brüche oder Zweifel, wodurch auch die Chancen auf tragische Tiefe ungenutzt bleiben. Die Gegenspieler, etwa die Mitglieder der kriminellen Familien im Hintergrund, sind radikal eindimensional als abgrundtief böse angelegt, mit wenig Ambivalenz und kaum erkennbaren inneren Konflikten; sie dienen vor allem als Kanonenfutter für Marcos Feldzug. So viel physische Energie "Marco" seinem Ensemble auch abverlangt, so wenig interessiert sich der Film letztlich für echte Charakterentwicklung - es geht um Gesten, Posen und Schmerz, nicht um Menschen. Auch dauert es viel zu lange bis es zur Sache geht. Wie bei indischen Filmen fast typisch wird in etwa der ersten Hälfte des Films beinahe schon gähnend langweilig aufmunitioniert, nur um dann alles im letzten Teil des Films zu entladen.

Inszenatorisch besitzt "Marco" zweifellos Kraft: Die Bilder sind stylisch, die Kamera sucht gern das Extreme, der treibende Score (den man mögen muss!) pumpt den Szenen eine Energie ein, die das Publikum in den Sog dieser Gewaltoper zieht. Wenn Marco in Zeitlupe durch Blutfontänen schreitet, heroische Musik anschwellen lässt und digitale Effekte den Splatter-Overkill betonen, wirkt der Film wie ein bewusstes Experiment darin, Gewalt zur reinen Stilgeste zu machen. Genau darin liegt aber das zentrale moralische Problem: Die Brutalität wird selten ernsthaft hinterfragt, sondern oft mit einer "Coolness" präsentiert, die der Gewalt eine beiläufige Selbstverständlichkeit verleiht. "Marco" ist damit ein Film, der manchen Zuschauern genau das liefert, was sie suchen: ein extrem stilisiertes, gnadenloses Blutbad, das die Grenzen des Mainstream-Actionkinos testet. Der Film verwechselt Intensität mit Bedeutung - er ist faszinierend in seiner Konsequenz, für viele Zuschauer jedoch wird er zur Prüfung der eigenen Belastbarkeit - nicht, weil er die dunklen Winkel von Schuld und Vergeltung ausleuchtet, sondern weil er Gewalt zum Selbstzweck erhebt und die Menschen darin zu Statisten im Dienst der nächsten, noch heftigeren Eskalation macht. In einem Zeitalter, in dem das Actionkino immer weiter hochdreht, wirkt "Marco" wie ein logischer, aber auch erschöpfender Endpunkt dieses Trends: beeindruckend inszeniert, schwer zu vergessen - und doch seltsam leer, sobald das Adrenalin nachlässt; ein Werk, das alles aufdreht, außer seinem eigenen moralischen Bewusstsein. 

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Cubes Entertainments/Busch Media Group

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