Montag, 26. Januar 2026

Furioza - Furioza: In den Fängen der Hooligans (2022)

https://www.imdb.com/de/title/tt10515864/

Nach vielen Jahren ohne Kontakt zueinander taucht Dzika (Weronika Ksiazkiewicz) - einst die Liebe seines Lebens - plötzlich wieder bei dem ehemaligen Kleingauner David (Mateusz Banasiuk) auf. Dzika ist mittlerweile eine toughe Polizistin und stellt ihn vor eine Wahl, bei der es nur eine Entscheidung geben kann: Entweder arbeitet David für sie als Spitzel oder Dzika verhaftet seinen kriminellen Bruder Kaszub (Wojciech Zielinski) und lässt ihn für viele Jahre ins Gefängnis einfahren. So lässt er sich auf den gefährlichen Deal ein und infiltriert eine Gruppe gefährlicher Gangster, die mitten in einem Bandenkrieg um Macht und viel Geld steckt. Während er in eine düstere Welt zurückgezogen wird, aus der er sich eigentlich längst befreit glaubte, muss David sich ständiger Verdächtigungen seines Jugendfreundes Golden (Mateusz Damiecki) erwehren. Der ahnt nämlich, dass er ein doppeltes Spiel treiben könnte...

Der polnischer Hooligan-Thriller, verbindet seinen rohen Milieu-Realismus mit melodramatischen Wendungen und will dabei ebenso Figuren- wie Milieudrama sein. Im Mittelpunkt steht weniger der Fußball als die Gewaltökonomie rund um Ultragruppen, Loyalität und Verrat. Im Zentrum steht Mateusz Banasiuk als Dawid: Er spielt den innerlich zerrissenen Rückkehrer mit einer Mischung aus stoischer Fassade und unterschwelliger Panik, die seine Doppelrolle - Arzt und Undercover-Hooligan - glaubwürdig macht. Weronika Książkiewicz als Dzika ist mehr als bloß die Polizistin: Sie bringt Härte und Verletzlichkeit zusammen, verkörpert eine Frau, die in genau dem Milieu ermittelt, in dem sie sozial verwurzelt ist, und gleichzeitig einen früheren Geliebten für ein riskantes Spiel instrumentalisiert. Besonders beeindruckend sind die schauspielerischen Metamorphosen von Książkiewicz und Mateusz Damięcki: charismatisch, gefährlich, fast magnetisch in seiner Ambivalenz zwischen Freundschaft und Machtgier.  Wojciech Zieliński als Kaszub gibt dem Anführer von Furioza etwas Tragisches: Er ist gleichzeitig Bruder, Chef und Symbol eines Systems, das alle Figuren in sich hineinzieht. 

"Furioza" nutzt Danzig und die Hafenstadt Gdynia als Schauplätze, um eine soziale Topografie zu zeichnen, in der Hafenanlagen, Bahnhöfe, graue Hinterhöfe und Stadionnähe ein glaubhaftes Hooligan-Ökosystem bilden. Die urbane Kälte der Danziger Bucht - Beton, Unterführungen, Trainingshallen, Bars - wird zum Resonanzraum für eine spezifisch osteuropäische Variante des Gangster- und Milieu-Films: kein glamouröses Verbrechertum, sondern ein Gemisch aus prekärem Alltag, Lokalpatriotismus und organisiertem Gewaltkapital. Die Kamera beobachtet die Gruppe oft in Rudeln: Trainingsplätze, Treffpunkte, kollektive Märsche - der Raum wirkt stets dicht, gedrängt, als wäre Rückzug kaum möglich. So entsteht eine Atmosphäre, in der Dawids Versuch, nur kurz zurückzukehren, von der physischen Nähe dieser Welt konterkariert wird; man spürt, wie schwer es ist, sie wieder zu verlassen. 

Auf der Action-Ebene ist "Furioza" weniger stylisierte Choreografie als körperlicher, dreckiger Nahkampf.  Die große Massenschlägerei, bei der die komplette Furioza-Crew gegen eine andere Gang antritt, wird als chaotischer, schmerzhafter Mahlstrom inszeniert, in dem Schläge nicht wie in einer Comic-Verfilmung wirken, sondern stumpf, schwer und verlustreich. Dawids Rolle - erst Beobachter, dann akuter Lebensretter, als er einem verletzten Hooligan medizinisch hilft - verknüpft hier gekonnt Action und Charakterentwicklung geschickt. Später intensivieren Überfälle, interne Abrechnungen und Eskalationen im Drogenmilieu den Gewaltgrad. Die Setpieces sind nicht nur Schauwerte, sondern dramatische Knotenpunkte, an denen Loyalitäten sichtbar zerreißen.

Durch seine Mischung aus Milieu-Studie, Polizeithriller und Bruder-Konflikt bewegt er sich formal näher an osteuropäischen Gangsterdramen als an britischen Hooligan-Filmen: Die Tonlage ist härter, weniger nostalgisch und stärker auf strukturelle Gewalt fokussiert. Im Vergleich zu polnischen Genrefilmen, die oft zwischen Sozialdrama und Crime pendeln, wirkt "Furioza" wie eine ambitionierte Synthese aus Martial-Arts-Action, Gangsterkino und Familiendrama - mit schauspielerischen Leistungen, die die Genreformel sichtbar überragen. "Furioza" ist weniger daran interessiert, ob man die Figuren mögen kann, als daran, ob man versteht, wie sie so werden konnten - und wie ein System aus Loyalität, Gewalt und Polizei-Logik sie am Ende zermalmt. Interesssant.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

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