Sonntag, 30. Januar 2022

Spell (2020)

https://www.imdb.com/title/tt10736580/

Die ländliche Region Appalachia im Osten der USA: Marquis (Omari Hardwick), seine Frau Veora (Lorraine Burroughs) und die gemeinsamen Kinder im Teenager-Alter Tydon (Kalifa Burton) und Samsara (Hannah Gonera) sind mit dem Flugzeug auf dem Weg zur Beerdigung seines Vaters. Der Flieger gerät in einen Sturm und stürzt ab. Als Marquis aufwacht, befindet er sich auf dem Dachboden von Eloise (Loretta Devine). Die alte Dame macht zunächst einen freundlichen Eindruck. Doch sie hat eine Puppe aus der Haut von Marquis gemacht, den sie nun per Hoodoo-Magie unter Kontrolle hat. Marquis muss seine Familie retten, bevor der nächste Blutmond aufgeht...

"Spell" ist ein knackiger, mysteriös-skurriler Horrorthriller, der an Jordan Peeles "Get Out" oder an ähnliche Südstaatengruseler wie "Der verbotene Schlüssel" erinnert. In der Prämisse wirkt er sehr einfach: Marquis, verkörpert von Omari Hardwick, überlebt einen Flugzeugabsturz in der ländlichen Appalachen‑Region, wird von einer alten Frau und ihrer Familie aufgenommen - und merkt erst nach und nach, dass ihre Gastfreundschaft weniger Heilung als eine Form von Haft, Ritual und Strafe bedeutet. Regisseur Mark Tonderai inszeniert aus dieser Konstellation einen Supernatural‑Thriller, der sich bei einem Hollywood‑Stephen‑King bedient und sich gleichzeitig an die Mythen und Folklore‑Kulte von Hoodoo anlehnt. Marquis ist nicht zufällig Opfer. Er ist ein erfolgreicher, recht leistungsfähiger Geschäftsmann, der seine Familie achtlos behandelt, seine Moral relativiert und seine Position als CEO im eigenen Haus wähnt. In diesem Sinne erinnert "Spell" tatsächlich an die Struktur eines modernen, psychologischen Horrors: Wo in "Misery" der Schriftsteller von einem fanatischen Fan gefangen gehalten wird, so ist Marquis gefangen durch die Bedürfnisse einer Familie, die sich selbst als Hüter der Moral gebietet, die sie an ihm exemplarisch vollstreckt. Diese Parallele ist kein glücklicher Zufall, sondern eine Art homologen Ausgangslage, die den Film sofort in eine legitimierende Tradition stellt. Nach einem kurzen, noch holprigen Start, nimmt der Film richtig Fahrt auf und liefert richtig fiesen, originellen und packenenden Nervenkitzel. Dabei spielt er mit allerlei Mythen, Klischees und sozialen Extrempositionen und lässt zwei Welten aufeinanderprallen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wenn man so möchte, stellt er dabei auch zwei völlig unterschiedliche Modelle von Lebenswirklichkeiten einander gegenüber und lässt beide in grotesk überzeichneter Form kollidieren. 

Hardwick gibt Marquis genug Überzeugung, damit seine Lage anfangs wie ein Unfall, später wie ein Prozess wirkt. Loretta Devines Mrs. Esmeralda, die ihn aufnimmt, ist dabei weniger das personifizierte Böse als das Organ einer moralischen Ordnung, die außerhalb der Großstadt‑Gesellschaft existiert und ihre eigenen Regeln besitzt. Der Film lebt aber vor allem von Atmosphäre statt von Kreativität.  Tonderai baut einen düsteren, feuchten, hauptsächlich ländlichen Stil auf, der durch Musik, Beleuchtung und oft extrem flache Fokusbelichtung dominieren gelassen wird. Diese ästhetische Entscheidung ist stilvoll, aber auch be- und manchmal erdrückend - der Film baut im Horror‑Gefühl Festigkeit auf, variiert jedoch seine Schrecken nicht ausreichend oder überrascht."Spell" wirft mit Themen wie Schuld, Verantwortung, Familie, Rennen und Kolonialisierung um, ohne sie zu artikulieren; sie bleiben eher als Thema im Hintergrund. "Spell" ist damit ein solider Film: Er bietet Suspense, eine klar organisierte Logik und genug dramatische Spannung um nicht abzuschalten, verliert dabei aber den Appetit auf selbstkritische Reflexion über die Moral, die er stets so gern demonstriert. Am Ende ist er ein filmischer Zaubertrick, der beinahe wirkt, doch dessen Formel zu oft aus demselben Buch abgelesen zu werden scheint, ohne die eigene Handschrift herauszustellen. 

5,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Paramount Players/Mayhem Pictures/MC8 Entertainment/Link Entertainment

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen