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Samstag, 16. September 2017

The Texas Chainsaw Massacre - Blutgericht in Texas (1974)

http://www.imdb.com/title/tt0072271/

18. August 1973, Texas: Ein Friedhof wurde geschändet, die Leichen aus ihren Gräbern entfernt und zu bizarren Figuren angeordnet. Sally Hardesty (Marilyn Burns) und ihr im Rollstuhl sitzender Bruder Franklin (Paul A. Partain) sind besorgt, dass auch das Grab ihres Großvaters verwüstet wurde. Also reisen sie mit Sallys Freund Jerry (Allen Danziger), ihrer besten Freundin Pam (Teri McMinn) und deren Freund Kirk (William Vail) nach Texas. Als sie feststellen, dass die Ruhestätte intakt ist, fahren sie weiter zu dem alten, verlassenen Hof der Familie Hardesty. Unterwegs nehmen sie einen etwas kauzigen Anhalter (Edwin Neal) mit, den die Gruppe aber aufgrund dessen merkwürdigen Verhaltens wieder auf die Straße setzt. Wenig später erreichen die Freunde eine Tankstelle. Dort bekommen sie zwar kein Benzin, dafür jedoch hat ein alter Mann (Jim Siedow) einen wichtigen Rat: sie sollen umkehren! Doch die jungen Leute schlagen die Warnung in den Wind. Schließlich entdecken Kirk und Pam ein Haus und wollen die Bewohner nach Benzin fragen. Sie ahnen nicht, dass dort das leibhaftige Grauen wohnt: eine degenerierte Sippe, die ihr Heim mit menschlichen und tierischen Überresten dekoriert. Ein Familienmitglied, Leatherface (Gunnar Hansen), trägt Maske und Kettensäge...

Frei nach den grausamen Taten des Massenörders Ed Gein, der in den USA der fünfziger Jahre aktiv war, schuf Tobe Hooper im Jahre 1974 den bis heute wohl bekanntesten aller Horrorfilme: "The Texas Chainsaw Massacre". Und was diesen Film bis zum heutigen Tag so verstörend macht, ist nicht der Gewalt zu verdanken, von der es in einem Film mit dem reißerischen Titel (übersetzt) "Kettensägenmassaker" überraschend wenig gibt, sondern an der nervenzerreißenden Atmosphäre und wie realistisch sich der Film im Vergleich zu so vielen anderen Slashern anfühlt. Schon in den ersten Minuten weiß Regisseur Tobe Hooper eine unvergleichlich ungemütliche Atmosphäre zu erzeugen, als eine Gruppe Freunde dazu einwilligen, einen Fremden auf der Straße in ihren Wagen zu lassen. Doch statt dass wir schon im Voraus wissen, was auf die jungen Erwachsenen zukommt, verzichtet der Regisseur weitestgehend auf gruselige, laute Musik, die dem Zuschauer direkt verrät, dass sie Gefahr erwartet. Genau wie die Gruppe hat das Publikum nicht die leiseste Ahnung, was auf es zukommt, es wirkt fast schon so, als würde man sie auf ihrem Horrortrip begleiten.


Selbst Leatherface, einer der berühmtesten Gesichter im Horror-Genre bekommt keinen großen Auftritt wie so viele andere Killer, sondern kommt ganz natürlich um die Ecke ohne einem aufgezwungenen Jumpscare-Soundeffekt und schlägt genau den Charakter zu Boden, von dem man bei jedem anderen Horrorfilm nicht erwartet hätte, dass er als erstes ins Gras beißt. Genau das macht "The Texas Chainsaw Massacre" so grandios: er hält sich an keine Horrorfilm-Formel, trotz der altbekannten Prämisse. Es gibt keine Heldenmomente; kein überzogenes Drama mit trauriger Musik, wenn einer der Hauptcharaktere weg vom Fenster ist, der ganze Film dreht sich nur darum, zu überleben und dem Wahnsinnigen mit der Kettensäge zu entkommen.


Nicht nur das Setting unterscheidet Hoopers Werk von vorherigen Produktionen, denn The Texas Chainsaw Massacre bricht konsequent mit konventionellen Strukturen und Strategien des Horrorgenres. Statt wohligen Grusel aufzubauen, prägte The Texas Chainsaw Massacre den Begriff des Terrorfilms, der sein Publikum mit größtmöglicher Eskalation konfrontiert, der nicht selten auch eine degenerierte Perversion innewohnt: wo Geister und Vampire noch als Werkzeuge höherer Mächte wirken und ihrem Tun zumindest eine immanente Logik zugrunde liegt, gebären im Terrorfilm Stumpfsinn und Wahnsinn der Menschen groteske Bluttaten, deren Wesen keinerlei Funktion mehr erfüllt, sondern vollkommen sinnlos erscheint. Wo altmodische Horrorfilme unsere Synapsen mit schemenhaften Gruselsymptomen lediglich anregen, agiert der Terrorfilm absolut konkret, überfährt und überfordert uns mit seiner so anarchischen wie stumpfen Direktheit.

Und trotz der über 40 Jahre, die der Film auf dem Buckel hat, gehört vor allem das letzte Drittel des Films zu einer der verstörendsten Sequenzen, die man je gesehen hat. Statt dass der Film den Zuschauer Luft lässt und nur mit seinen blutigen Toden unterhält (die man eigentlich so gut wie gar nicht sieht), wie es so viele Filme heutzutage tun und sich als Slasher ausgeben, terrorisiert der Film auch den Zuschauer selbst. Der Film ist ungemütlich, dreckig, nicht vorhersehbar und schlägt dem Zuschauer oft genug ins Gesicht, sodass man in den letzten Minuten verzweifelt hofft, dass sich für wenigstens eine Person alles zum Guten wendet. Selten fühlt sich ein Horrorfilm so echt an, selten wurde ein Slasher so unkonventionell erzählt und in Szene gesetzt. Hut ab!

8,5/10

Von TURBINE Medien kommt der Film als deutsche Erstauflage ungeschnitten und unzensiert im auf 5.000 Stück limitierten DigiPak auf BD in HighDefintion.


Quellen
Inhaltsangabe: Turbine

Montag, 24. August 2020

The Texas Chainsaw Massacre: The Beginning - Texas Chainsaw Massacre: The Beginning (Unrated) (2006)

https://www.imdb.com/title/tt0420294/

In dem Sommer, den Bryan Adams rückblickend als besten seines Lebens besingt, machen vier Jugendliche einen Roadtrip durch den Süden der USA. Was Dean Hill (Taylor Handley), seine Freundin Bailey (Diora Baird), sein Bruder Eric (Matthew Bomer) und dessen Verlobte Chrissie (Jordana Brewster) dabei erleben, klingt aber so gar nicht wie ein fröhlicher Ausflug zur besten Zeit des Jahres, ganz im Gegenteil. In Texas treffen die vier zunächst einmal auf eine verrückte Rockerbraut, die die Gruppe mit ihrer abgesägten Schrotflinte zu überfallen versucht. Der selbsternannte Sheriff Hoyt (R. Lee Erney) aber weiß das auf blutige Art und Weise zu verhindern. Und ebenso blutig geht der Trip weiter: Kaum gerettet, finden sich die vier Teenager auch schon von einer inzestuösen Kannibalensippe verfolgt. Für die fachgerechte Schlachtung des Frischfleisches ist Neffe Thomas (Andrew Bryniarski), der später unter seinem Pseudonym "Leatherface" Bekanntheit erlagen wird, zuständig...

Deutlich im Budget gekürzt, spielt Regisseur Jonathan Liebesman gekonnt alle Stärken des Vorgängers aus. Wo er sich den düsteren Hochglanzlook von Marcus Nispels "Texas Chainsaw Massacre" nicht leisten kann, ersetzt er ihn durch schmierige Dreckigkeit. Das Teeny-Kanonenfutter ist nach wie vor gut gecastet und alle geben ihren im Grunde flachen Charakteren immer noch genügend Profil, was dann sowieso durch blanken Terror und Gore überspielt wird. Eigentliches Highlight des Remakes war sowieso R. Lee Ermey als Sheriff Hoyt, der hier folgerichtig mehr Screentime bekommt. Und weil es eine Vorgeschichte ist und die bösen Buben noch im Folgeteil herumlaufen müssen, darf die ganze Nummer auch schön böse enden. Inhaltlich ist es natürlich Jacke wie Hose, wann und warum überhaupt die Kannibalen in der alten, verlassenen Villa nun durchgedreht sind. Der Film überzeugt vor allem in seiner Tonalität. Wer das Remake nicht mochte, wird auch hiervon kein Freund werden. Wer aber nach dem ordentlichen Remake gern einen Nachschlag hätte, bekommt diesen mit "The Beginning" - und noch mehr. Denn "Texas Chainsaw Massacre: The Beginning" ist nicht nur brutal, er grenzt an puren Sadismus - und er hat daher einen sehr starken Leidensweg hinter sich - zumindest in Deutschland. Bis heute ist nicht eine einzige Version dieses Films ungeschnitten zu bekommen, selbst die Kinoauswertung war um 49 Sekunden geschnitten.

Doch unterm Strich spielt "Texas Chainsaw Massacre: The Beginning" in der Reihe definitiv weit oben mit, was der extrem ekligen Atmosphäre und der recht ungeschönten Gewaltdarstellung zu verdanken ist. Da es aber ein Prequel zum Remake ist, hat das Werk somit die typischen Remake-Probleme und man kennt somit mehr oder weniger die Ausgangslage der Handlung, sobald der Film startet.

7,5/10

Von WARNER Home Entertainment kommt der Film auch im auf 111 Stück limitierten Mediabook. Es enthält die Unrated Fassung auf DVD und Blu-ray in HD. 


Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Leatherface (2017)

http://www.imdb.com/title/tt2620590/

Auf der Farm der Familie Sawyer wird im Sommer 1955 die Tochter des örtlichen Sheriffs Hal Hartman (Stephen Dorff) tot aufgefunden. Zwar kann den Sawyers der Mord nicht nachgewiesen werden, doch veranlasst Hartman aus Rache, dass Verna Sawyer (Lili Taylor) das Sorgerecht für ihren Sohn Jedidiah entzogen und dieser in eine Nervenheilanstalt gesteckt wird. Zehn Jahre später verhilft Verna dort einigen Insassen zur Flucht, um ihren Sohn endlich ganz im Sinne der Familientradition zum Killer erziehen zu können. Tatsächlich befindet er sich unter einer Gruppe von vier gefährlichen Jugendlichen, die mit der Krankenschwester Lizzy (Vanessa Grasse) als Geisel Reißaus nehmen. Bei welchem der Patienten es sich um ihn handelt, ist allerdings unklar, haben diese doch zu ihrem eigenen Schutz neue Namen verpasst bekommen. Sheriff Hartman nimmt die Verfolgung auf...

Das Regie-Duo Alexandre Bustillo und Julien Maury kennt man im Horrorgenre bereits. Ihr  künstlerisches Schaffen ist ein Aushängeschild, wenn es darum geht, erbarmungsloses Schalchten stylistish und irgendwo auch ästehtisch dem Harcore-Splatter-Liebhaber schmackhaft zu machen um sie damit auch ein wenig zu berauschen. Bereits seit ihrem Debüt "Inside", dessen Klasse das Regie-Duo bisher nicht wieder erreichen konnte, weiß derZuschauer, wie außerordentlich kalt und gleichgültig sie in ihren Filmen die besonderen Noten verpasst.

In ihrem neuen Streifen "Leatherface", der das Prequel zu Tobe Hoopers Klasser "The Texas Chainsaw Massacre" bildet, zeigen beide erneut Talent, wenn es um möglichst blutige und schmerzhafte Bebilderung von Kills geht, jedoch mekt man auch recht schnell, dass ihr Talent hier einzig und allein hinter der Kamera lebt. Denn mit "The Texas Chainsaw Massacre" hat "Leatherface" kaum etwas gemein. Daher ist es durchaus auch ein wenig verständlich und sogar nachvollziehbar, dass der Streifen von den Fans des Kettensägenmassakers förmlich in der Luft zerrissen wurde. Dabei stützen sich Bustillo und Maury doch auf eine eigentlich recht interessante Story, die, wendungsarm und mit neutralem Spannungsbogen, von Kill zu Kill hechtet. Das klingt erst einmal sehr dröge, doch gemessen an der Laufzeit von knapp 87 Minuten in der ungeschnittenen Fassung ist dem nicht so. Im Gegenteil. Bewegt man sich gedanklich von Hoopers "The Texas Chainsaw Massacre" weg und betrachtet "Leatherface" als das, was er ist, dann bekommt der geneigte Horrorfan einen adäquaten Streifen serviert, der einmal mehr durch Optik und Effekt doch noch punkten kann. Dem Regie-Duo, das in der Vergangenheit in gemeinsamen Arbeiten vor allem durch bildstarke Horror-Impressionen auffiel, gelingt es aber nur in einigen wenigen Szenen, dem holprigen Drehbuch prägnante Einstellungen zu entlocken, die durch rücksichtslose Härte, handgemachte Gore-Effekte oder verspielte Bizarrheit bestechen.

Es ist wirklich kein Meisterwerk, das sicher nicht, aber auch kein so schlechter Film, wie er von vielen dargestellt wird. Als unentschiedene, zerfahrene Origin-Story einer die Zeit überdauernden Horror-Ikone, die ihren Schrecken gerade dadurch entfaltet, dass sie sich nicht konkret psychologisieren lässt, erweist sich Bustillo und Maurys Film spätestens im hilflosen Finale, das verzweifelt Horror-Mechanismen des bisherigen Franchise kopiert, als ein auch etwas gescheitertes Machwerk. Wer nämlich auf tiefgehende Einblicke und der Frage warum Leatherface zu diesem (späteren) Monster wurde, wartet, wird dies auch nur auf oberflächlichen Wege gezeigt bekommen. Vielleicht sollte man "Leatherface" einfach als das nehmen, was er vielleicht auch nur sein wollte: ein Horror-Splatter der äußerst harten Gangart mit losem Bezug zu Hoopers Original und mit neuen Ansätzen und Ideen. Dass er an Spannung und Wendungsreichtum krankt ist ihm da gerade noch zu verzeihen.

6,5/10 Punkten

Von TURBINE Medien kommt der Film als deutsche Erstauflage ungeschnitten und unzensiert im auf 1.000 Stück limitierten DigiPak auf BD in HighDefintion.


Quellen
Inhaltsangabe: Turbine

Sonntag, 19. April 2015

The Texas Chainsaw Massacre - Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre (2003)

http://www.imdb.com/title/tt0324216/

Noch ist die Stimmung gut: Die Teenager Erin (Jessica Biel), Morgan (Jonathan Tucker), Pepper (Erica Leerhsen), Andy (Mike Vogel) und Kemper (Mike Vogel) waren gerade in New Mexiko und befinden sich nun auf dem Heimweg. Die Taschen sind voll Marihuana, die Karten fürs anstehende Lynard-Skynard-Konzert im Portemonnaie und die Sorgen der Welt weit weg. Doch als sie am Straßenrand die vollkommen verstörte Henrietta (Heather Kafka) aufgabeln, verfliegt die sorglose Stimmung schnell. Schon bald nämlich werden sie von einem maskierten Hinterwäldler verfolgt, dessen liebstes Spielzeug eine kreischende Kettensäge ist...

Normalerweise traut man Explosions- und Sonnenuntergangsspezialist Michael Bay ja keine wirklich gute Neuverfilmung eines Stoffes zu, bei dem es gerade auf die Fans ankommt. Umso mehr überrascht es, dass Bay als ausführender Produzent und Regisseur Marcus Nispel es tatsächlich gelungen ist, den düster-dreckigen Stoff quasi nur etwas aufzupeppen und einen extrem blutigen Horrorstreifen mit angenehm vielen Spannungs- und Schockmomenten zu schaffen. Das Remake des Kult-Horrorstreifens von Tobe Hooper beeindruckt mit der richtigen Stimmung, der richtigen Bande an Opfern und einer grandiosen Erzählung über die Hewitt-Familie, die grausamer und bösartiger kaum sein könnte. Auch punktet der Film allein schon aufgrund der Tatsache, dass hier ausnahmsweise und untypisch für einen (Mainstream-)Horrorfilm des 21. Jahrhunderts in keiner Szene auch nur ein Fitzelchen nackter Haut zu sehen ist und in dystopisch blassen Farben gehalten vermittelt der Streifen von Anfang an eine perfekte Grundstimmung. Schon am Anfang des Filmes drückt sich ebendiese bedrückende Stimmung durch, als die fünf Teenager ein junges verstörtes Mädchen von der Straße aufnehmen, das kurz darauf vor deren Augen eine Waffe zieht und sich in den Mund schießt. Und hier kommt gleich der nächste große Pluspunkt des Films: R. Lee Ermey als herumbrüllender, beleidigender und grober Mann. Diese Rolle stand ihm schon als Ausbilder in "Full Metal Jacket" - und man hat das Gefühl, dass der Mann tatsächlich in solchen Charakteren aufgeht - verkörpert er sie doch so gut.

Zwar fallen auch hier die Teenies beim Kampf gegen den Maskenträger auch ab und an mal hin, verhalten sich aber dennoch nicht völlig dämlich. Im Gegenteil, gerade die Performance von Jessica Biel, die hier wirklich einen großen Job macht: glaubhaft angsterfüllt flieht sie vor dem Kettensägenkiller, gibt sich ab mit beunruhigend entspannten Bewohnern in einem Wohnwagen ab und sorgt allgemein für einen Protagonisten, mit dem man mitfiebern kann. Zusammenfassend heisst das: "Texas Chainsaw Massacre" besticht hauptsächlich in der dreckigen, bedrückenden Stimmung, die den ganzen Film lang anhält und des hier wirklich starken Final Girls. Ein gutes Remake, ohne Frage.

7/10

Von NAMELESS Media kommt der Film in HD im auf 500 Stück limitierten "Double Feature"-Mediabook, zusammen mit "Texas Chainsaw":


Quellen
Inhaltsangabe: Nameless / Warner Bros.

Donnerstag, 16. November 2017

The Texas Chainsaw Massacre 2 (1986)

http://www.imdb.com/title/tt0092076/

Seit einem Jahrzehnt versucht Texas Ranger Lefty Enright den grausamen Mord an seiner Familie durch die "legendäre" Sawyer-Familie zu rächen. Die Radiomoderatorin Vantia Block wird am Telefon Zeugin, wie zwei Jugendliche, die sie angerufen haben, getötet werden. Lieutenant Enright, dessen Neffen vor zehn Jahren von dem wahnsinnigen Kettensägenmörder getötet wurden, sieht in diesem Fall einen Zusammenhang mit den Geschehnissen von damals, und bittet die Techniker, den mitgeschnittenen Anruf auszusrahlen. Keine gute Idee, denn dadurch wird der Killer angelockt - und begibt sich geradewegs zum Sender, wo er alle, die Zeugen des Anrufs waren, mit seiner Kettensäge behandeln will. Bald finden sich alle in der Metzgerei der Sawyers wieder. Dort beginnt eine Schlacht von epischem Ausmaß...

Starke Fortsetzung, die zwar nicht an den unumstritten großartigen Erstling heranreicht, aber den Mut aufbringt, den nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten herausragend verwirklichten Erstling stilistisch in das komplette Gegenteil zu verkehren. Es ist (bis heute) eine extrem gewagte Fortsetzung von Regisseur Tobe Hooper, denn statt subtilem Psychoterror wird gemetzelt, und zwar auf unvergleichlich grenzdebile Art und Weise. Bereits der Opener auf der Brücke ist legendär, zwar unglaublich sinnfrei aber einfach toll gemacht. Was an "Blutgericht in Texas", diesem schroffen, so vielseitigen Blick in eine verstörende Americana-Finsternis, alles brillant war, muss an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden, gerade weil es der freidrehende Nachfolger auch von vornherein untersagt, den zwanghaften Vergleich zu forcieren – und in diesem Punkt sollte man ihm, gerade für das Ausreizen der immersiven Wirkung, unbedingt seine Aufmerksamkeit schenken.

"Texas Chainsaw Massacre 2" ist ein irrsinniger, ein in schmuddeligem braun gehaltener Exzess, der in diesem gewagten Eigensinn nur dem feurigen Canon-Köcher entsprungen sein kann.  Nicht nur, dass "Texas Chainsaw Massacre 2" den Aspekt um die aus der gesellschaftlichen Mitte verstoßenen Familie noch viel extremer ins Satirische überhöht, Tobe Hooper setzt sich auch ganz explizit mit der in der nationalen Identität Amerikas verwurzelten Leidenschaft für abtrünnige Gewalt auseinander. Dieses Muster setzt sich über die gesamte Laufzeit fort, der Film wirkt zeitweise wie eine Parodie auf das Original. Fans des ersten Teils seien also gewarnt, hier besteht durchaus auch Hassfilm-Potenzial. Verdrängung und Faszination bilden hier ein reziprokes Verhältnis und synchronisieren sich in ihrer Parallelität immer dort, wo das eine das andere auszuhebeln scheint. Vielmehr fördert die Angst eine neue Dimension der entarteten Lust empor. Gewalt ist ein ansteckender Akt, einmal mit ihr in Kontakt geraten, befällt sie die Seele wie ein dunkler Schatten. Und Leatherface ist die tragische Figur im grellen Geschehen, die sich nur nach fleischlicher Liebe verzehrt und doch nur töten kann. Im Rattern der ewigen Kettensägenmassaker finden urmenschliche Sehnsüchte ihren pervertierten Abglanz.

7/10

Von TURBINE Medien kommt der Film als deutsche Erstauflage ungeschnitten und unzensiert im auf 5.000 Stück limitierten DigiPak auf BD in HighDefintion. 


Quellen
Inhaltsangabe: Turbine

Donnerstag, 7. April 2022

X (2021)

https://www.imdb.com/title/tt13560574/

Ein Filmteam, eine bunt zusammengewürfelte Bande von Pornofilmemachern, darunter der ehrgeizige Regisseur RJ (Owen Campbell) und seine schüchterne Freundin und Tontechnikerin Lorraine (Jenna Ortega), erreicht ein abgelegenes Bauernhaus im tiefsten Texas, um einen Erwachsenenfilm zu drehen. Ihre Gastgeber, ein isoliertes, älteres Ehepaar, legt besonders großen Wert darauf, dass es ihren Gästen gut. Als jedoch die Nacht hereinbricht, wird das schon leicht aufdringliche Verhalten des Paaren plötzlich zusehends gewalttätig...

Dass Ti Wests "X" eine Liebeserklärung an den Prozess des Filmemachens ist, steht außer Frage. Allein die Meta-Kommentare der Protagonisten, die einen Porno drehen wollen, aber in einem selbstreferentiellen Horrorfilm landen, steht nicht ganz zufällig offensichtlich für die vielen, oftmals dokumentierten Verschiebungen, die sich während eines Drehs nun mal zwangsläufig ergeben. "X" drückt die Protagonisten (und den Zuschauer) natürlich mit der Nase rein, doch damit entpuppt sich der Film als eine Art cleveres Experiment, welches aber eher wie ein abendfüllender Scherz für Horrorfans und Filmemacher wirkt, als dass er eine eigene Perspektive bietet. West zaubert mit der Expertise eines Genre-Enthusiasten einen fiesen Spaß aus dem Hut, bietet darüber hinaus aber nicht viel mehr.

Das braucht es aber auch nicht. "X" ist ein teilweise ekliger, aber sexy Spaß, der in erster Linie unterhalten soll. Die Zutaten für diesen Fleischwolf kommt in Form von Möchtegern-Pornoproduzent Wayne (Martin Henderson), seiner Freundin Maxine (Mia Goth), Burlesque-Tänzerin Bobby-Lynne (Brittany Snow) und Bobby-Lynnes Freund/Co-Star Jackson (Scott "Kid Cudi" Mescudi), zusätzlich zu RJ und Lorraine. Wir schreiben das Jahr 1979, und Wayne hat die Crew auf einer Farm außerhalb von Houston untergebracht, um den Film "The Farmer's Daughters" zu drehen, von dem er erwartet, dass er ein Hit auf dem dato aufstrebenden Heimkinovideomarkt sein wird. Wayne wählt als Drehort eine klapprige, alte Hütte, die Howard (Stephen Ure) gehört, einem alten Kauz, der Wayne und seine Crew ganz unverhohlen nicht mag. Howards kranke Frau Pearl (deren Besetzung an dieser Stelle nicht offenbart werden soll) beneidet die Gruppe um ihre Jugend, Schönheit  und Männlichkeit und fühlt sich besonders zu der entschlossenen, aber unsicheren Maxine hingezogen. Jeder, der die "The Texas Chainsaw Massacre"-Vibes wahrnimmt oder RJ und Lorraines "Psycho"-Diskussion etwa zur Mitte des Films zur Kenntnis nimmt, kann sehen, worauf das hinausläuft - die Zahl der Toten nimmt im Laufe des Abends beachtlich zu. 

Ti West erfreut sich sichtlich an der Atmosphäre seines Schauplatzes und an den historischen Merkmalen der reißerischen Kulissen, in denen er spielt. Sein Wissen und sein Humor zeigen sich in Haarstyling und Make-up, in der schweißtreibenden Hitze des texanischen Küstenortes und in Jacksons babyblauem Freizeitanzug und seinem perfekten Afro. Wenn sich der Schwerpunkt auf den puren Horror verlagert, ändert sich auch die Begeisterung und Hingabe von "X". Statt der Figuren, die dem Film bis dato Leben eingehaucht haben, ist es nun der Regisseur selbst, der Begeisterung  für sein Werk ausstrahlt, während "X" seine Protaginsten genüsslich einen nach dem anderen dezimiert. Es gibt Andeutungen auf Themen der Kommerzialisierung von Jugend und Schönheit. Doch Howard und Pearl fühlen sich wie verpasste Gelegenheiten an, da sie ein wenig in Genre-Stereotypen gepresst werden und die kulturellen Unterströmungen ignorieren, die dazu beigetragen haben, dass die Familie Sawyer aus "The Texas Chainsaw Massacre" und Norman Bates aus "Psycho" so ikonisch wurden.

Bei "X" geht es darum, sich zu amüsieren und die harte Arbeit, das Engagement und die Befriedigung des unabhängigen Filmemachens zu genießen, unabhängig vom Genre. Diese klare Freude ist bewundernswert, aber Wests Ode an den technischen und künstlerischen Einfallsreichtum unterschätzt den Kontext, der für den Erfolg der Filme, auf die er sich so liebevoll bezieht, eine wichtige Rolle spielte. "X" macht eine Menge Spaß, fühlt sich aber auch wie eine Kleinigkeit an, aus der man viel mehr hätte machen können.

7,5/10

Quellen
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Capelight

Samstag, 31. Januar 2026

Dolly (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt32639175/

Im Zentrum steht Macy (Fabianne Therese), eine junge Frau, die mit ihrem Freund Chase ein romantisches Wochenende im Wald verbringt, bei dem er ihr einen Heiratsantrag machen will. Nach einem Spaziergang auf einem Naturpfad führt Chase sie zu seinem Lieblingsaussichtspunkt, bricht dann aber seine eigene Regel und verlässt den markierten Weg, als er ein unheimliches Geräusch und Musik aus einem Spielzeugradio hört. Chase kehrt nicht zurück, Macy macht sich auf die Suche - und stößt stattdessen auf eine riesenhafte, wortlose Gestalt (Max the Impaler) im Kleid und mit einer groben Porzellanpuppen-Maske, die später nur noch Dolly genannt wird. Diese Kreatur schlägt Macy bewusstlos und trägt sie tief in den Wald in ein abgelegenes, heruntergekommenes Haus. Macy erwacht in einem Obergeschoss, genauer: in einem grotesk überdimensionierten Kinderzimmer. Sie trägt Babykleidung, liegt in einem viel zu großen Stubenwagen und ist umgeben von verstörenden Puppenarrangements - ein Raum, der für ein Kind gedacht scheint, aber mit Obsession und Gewalt aufgeladen ist...

"Dolly" ist ein bewusst schmutziger, kompromisslos körperlicher Horrorthriller, der die Ikonen des 70er‑Jahre‑Slashers in die Gegenwart holt und daraus eine verstörende Studie über Zwangsfamilie, Regressionsfantasien und weibliches Überleben macht. Der Film funktioniert weniger als "Meta-Spiel" mit Nostalgie, sondern als ernst gemeinte, dichte Albtraum-Erfahrung, die das Publikum in eine einzige, eskalierende Situation einsperrt. Als Dolly in den Raum platzt, wird klar, was hier passiert: Diese monströse "Mutterfigur" will Macy (Fabianne Therese) nicht foltern oder töten, sondern als ihr Kind großziehen, als lebendige Puppe. Dazu gehören Füttern, Beruhigen, in den Schlaf wiegen, Zwang zur Hilflosigkeit - Handlungen, die im Alltag fürsorglich wären, hier aber zur reinen Machtausübung werden. Je länger der Film im Haus bleibt, desto bizarrer und brutaler wird das Geschehen. Dolly pendelt zwischen übergriffiger Zärtlichkeit und Selbsthass, zwischen kindlicher Kränkung und hemmungsloser Wut, die sich immer wieder in plötzlich aufflammender Gewalt entlädt. Die "Mutterliebe" ist unberechenbar: Ein falsches Wort, ein Fluchtversuch, ein abgewendeter Blick - und die Stimmung kippt in eine brutale Züchtigung, die zugleich die Illusion der perfekten Puppe wiederherstellen soll.

Macy entdeckt nach und nach Überreste früherer "Kinder": Blutspuren, Kleidungsstücke, Hinweise auf andere Opfer, die diese Rolle nicht überlebt haben. Dadurch verwandelt sich der Film in ein reines Survival-Szenario, in dem Macy jede Interaktion mit Dolly taktisch spielt - zwischen gespielter Unterwerfung und gezielten Versuchen, ihren Entführer körperlich und psychologisch aus dem Gleichgewicht zu bringen. Im letzten Drittel verlagert "Dolly" den Schwerpunkt stärker auf offene Konfrontation und Flucht. Macy nutzt jeden Bruch im Ritual - Momente, in denen Dolly sich in Selbsthass verliert oder das Haus verlassen muss - und verwandelt das Haus selbst in eine Waffe, als Schauplatz mehrerer brutaler Auseinandersetzungen. Die Flucht durch den Wald, mit Dolly im Rücken, bündelt das, was der Film die ganze Zeit vorbereitet: eine Art dreckige, physische Katharsis, in der die zähe, erfinderische Macy zum "Final Girl" im klassischen Sinn wird, ohne dass die Inszenierung sie zum coolen Actionstar verklärt. Spätestens hier erkennt der Zuschauer sehr direkte Bezüge zu Tobe Hoopers "The Texas Chainsaw Massacre" - von der Steigerungsdramaturgie im Haus bis zum verzweifelten Sprint in die vermeintliche Freiheit.

Macy ist die emotionale und moralische Achse des Films. Zu Beginn ist sie eine relativ normale junge Frau mit Zukunftsplänen, deren größtes Problem darin besteht, ob sie für einen Heiratsantrag bereit ist; in Dollys Haus wird sie zur Projektionsfläche eines völlig kranken Familienideals. Ihre Transformation zur Überlebenden verläuft nicht über coole One‑Liner, sondern über zunehmende Verzweiflung, Wut und einen sehr physischen Überlebenswillen, ganz genau wie Marilyn Burns' Performance in "The Texas Chainsaw Massacre" vergleichen. Dolly selbst gehört zu den eindrucksvollsten neuen Horrorfiguren des Films. Verkörpert von der Wrestlerin Max the Impaler, ist sie ein stummer, massiver Körper im zerrissenen Kleid mit starrem Puppengesicht, irgendwo zwischen Jason, Leatherface und einem pervertierten Muttergott. Dass Dolly nicht spricht, verstärkt die Lesbarkeit ihrer "Liebe" als reine Handlung: Füttern, Tragen, Schütteln, Bestrafen - alles körperliche Sprache, die von einem beschädigten Verständnis von Fürsorge erzählt. "Dolly" lässt sich als Horrorfilm über extreme Regression lesen: Die Fantasie, einen erwachsenen Menschen vollständig in den Zustand der Abhängigkeit zurück zu zwingen - emotional, körperlich, sozial. Horror entsteht hier nicht nur aus Gewalt, sondern aus der Auslöschung von Autonomie: Macy soll nicht einmal mehr eine Person mit Vergangenheit und Zukunft sein, sondern ein Ding, ein "Baby", das ausschließlich durch Dollys Bedürfnis definiert wird. Damit spielt der Film explizit mit Motiven toxischer Fürsorge und Besitzliebe. Dolly ist keine klassische Serienkillerin mit Kodex, sondern jemand, der Liebe mit Einverleibung verwechselt und Individualität als Bedrohung der eigenen Identität erlebt. In diesem Sinne ist Dolly weniger Monster als Spiegelbild jener Beziehungen, in denen eine Person die andere infantilisieren, kontrollieren, "retten" will, bis nichts von ihr übrig bleibt.

Formell positioniert sich Dolly klar als 70er‑Jahre‑Throwback: knapp 82 Minuten Laufzeit, niedrigeres Budget, körnige, griffige Ästhetik, weitgehend praktische Effekte und eine Faszination für körperlichen Schmerz und Schmutz. Leider nutzt der Film des begrenzten Budgets aber nicht, um Intimität und Intensität zu steigern, sondern kaschiert sie mit CGI. Die Gewalt ist nicht permanent, aber wenn sie kommt, dann hart, blutig und ohne ironischen Sicherheitsabstand - eine Mischung, die die "neue französische Härte" mit amerikanischen Slasher-Konventionen verbindet. Gleichzeitig durchzieht den Film ein sehr dunkler Humor, der eher nervöses Lachen provoziert als befreiende Gags; das groteske Puppen-Setting und die Überzeichnung von Dollys Ritualen machen klar, wie absurd diese "Familie" ist, ohne das Leid der Opfer zu relativieren. 

"Dolly" ist kein Meisterwerk, aber ein bemerkenswert konsequenter Film. Er nimmt sein pulpiges Konzept ernst, ohne es zu adeln, und fragt: Was passiert, wenn eine Figur, die nicht erwachsen sein kann oder will, sich eine Familie baut, in der niemand außer ihr handeln darf? Der Film lebt von der körperlichen Präsenz seiner Hauptdarstellerinnen - der verletzlichen, aber zähen Macy und der monströsen, zugleich bemitleidenswerten Dolly - und wie der Horror genau aus dieser Konstellation erwächst. "Dolly" ist kein subtiler Kommentarfilm, aber er ist ehrlich in seinem Schmutz: Er zeigt, wie Besitzansprüche, Fürsorgefantasien und das Bedürfnis nach absoluter Kontrolle in pure Gewalt kippen, wenn niemand da ist, der "Nein" sagt. 

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Gentile Entertainment Group/Mama Bear Studios/Set Point/Monarque Entertainment/Witchcraft Motion Picture Company

Montag, 19. Februar 2024

Honeydew - Honeydew: You Must Be Starving (2020)

https://www.imdb.com/title/tt10734864/

Rylie (Malin Barr) und Sam (Sawyer Spielberg) sind in den Südstaaten unterwegs, wo sie nach einem passenden Thema für ihre Doktorarbeit sucht. Nachdem sie mitten in der Nacht von ihrem Campingplatz auf dem Feld eines Bauern verscheucht werden, stellen sie fest, dass ihr Auto nicht anspringt und so landet das junge Paar schließlich bei einer merkwürdigen alten Frau namens Karen (Barbara Kingsley) und ihrem unheimlichen Sohn Gunni (Jamie Bradley). Während Rylie und Sam auf den Abschleppdienst warten, stellt sich schnell heraus, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Und nach einem üppigen, selbstgekochten Mahl mit Fleisch aus zweifelhafter Herkunft, leiden beide an Halluzinationen...

"Honeydew" - geschrieben, inszeniert und geschnitten von Devereux Milburn (nach einer Geschichte, die er sich mit Dan Kennedy ausgedacht hat, der den Film gedreht hat) - ist ein arg seltsames Stück Horror, das in Teilen zwar an "The Texas Chainsaw Massacre" erinnert. Die ländliche Umgebung und die gruselige Einfältigkeit einiger Charaktere lassen an Elemente aus billigen Slashern denken. Es gibt eine ganze Reihe von Grindhouse-Schockern, die in die Handlung einfließen. Und ganz zu schweigen von der Bergmensch-Figur namens Gunni, ausgesprochen "Goonie". Ein junges Paar (Sawyer Spielberg und Malin Barr) sieht sich auf einem Campingausflug gezwungen, die Nacht in einem Bauernhaus unter der Herrschaft von Karen (Barbara Kingsley) zu verbringen, einer stets plappernden älteren Person mit großen Augen, die genau die Art Person ist, wenn man ihr in der Realität begegnen würde, sofort sagen würde: "Weißt du was, wir warten im Auto." 

Essen - die Zubereitung, der Verzehr und was auch immer die Zutaten sind - spielt in einer minimalistischen Handlung eine Rolle, die die Filmemacher auf vielfältige, aber letztendlich unscheinbare Weise aufblähen (insbesondere im Schnitt). Vor verschiedenen Enthüllungen, die den Magen umdrehen sollen, schwelgt der Film in schleimigen Atmosphären (Deckenisolierung, die aussieht, als würde sie atmen, ein tropfendes Rohr, statische Aufladung eines alten Röhrenfernsehers). Die Auffälligkeit endet sozusagen mit einer Menschenfeindlichkeit, die wahrscheinlich vo "The Texas Chainsaw Massacre" aus dem Jahr 1974 inspiriert wurde, aber um Längen langweiliger ist.

3,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: I-ON New Media
Poster/Artwork: Little Sky Film

Samstag, 16. April 2022

哭悲 - Kū bēi - The Sadness (2021)

https://www.imdb.com/title/tt13872248/

In Taiwan breitet sich eine aggressive Mutation des neuartigen Alvin-Virus aus, doch das Land ist gespalten, wie es mit der Pandemie umgehen soll. Während die Regierung den Ernst der Lage herunterspielt, müssen die Menschen auf den Straßen um ihr Leben kämpfen. Die Straßen werden mehr und mehr bevölkert von sadistischen, sexuell enthemmten Monstern, die die Stadt in ein regelrechtes Blutbad verwandeln. Mord, Folter, Vergewaltigung und andere Gewaltexzesse nehmen eine verstörende Eigendynamik an. Inmitten des grausamen Gemetzels setzt der junge Junzhe (Tzu-Chiang Wang) alles daran, seine Freundin Kai Ting (Regina Lei) zu finden, die er am Morgen noch am anderen Ende Taipehs zu ihrer Arbeit gebracht hat. Auf der Suche nacheinander müssen sie bis zum Äußersten gehen, um eine Chance auf das Überleben zu haben.

Laut Wikipedia nannte das "Rue Morgue Magazin" den taiwanesischen Film "The Sadness" "The most violent and depraved zombie movie ever made.", also den gewalttätigsten und verkommensten Zombiefilm aller Zeiten. Das könnte man durchaus so stehen lassen, aber diese Beschreibung wird dem Streifen nicht vollständig gerecht. Ja, "The Sadness" ist fast durchgehend blutig, und es sterben verdammt viele Menschen (und einige tun dies sogar auf höchst unappetitliche Weise), aber Köpfe rollen nicht und Gedärme werden nicht gewaltsam aus den Körpern gerissen. Auf jeden Fall aber zeigt er vielen ähnlich gelagerten Produktionen der letzten Jahre, was eine Harke ist. Regisseur und Autor Rob Jabbaz schreckt vor nichts zurück. Wo andere Werke irgendwie noch sowas wie einen Rest von Anstand und Feel Good-Attitüde besitzen, schlägt "The Sadness" unbarmherzig auf den Zuschauer ein. Immer wieder kommt ein neuer Schlag in den Magen. Die Zombies, so man sie derart bezeichnen möchte, können denken, reden - und sie können und vor allem wollen ihre eigenen Körpersäfte in Wallung bringen. Im gefühlten Sekundentakt werden Worte, Anspielungen und Drohungen herausgebrüllt, die so weit unter der Gürtellinie liegen, dass Niveau wirklich nur noch auf dem Papier zu exzitieren scheint. Das klingt, so geschrieben, fetzig - es ist aber vor allem nervenaufreibend und äußerst unangenehm, was - so weit darf man sich aus dem Fenster lehnen - die Intention von Jabbaz gewesen sein dürfte. Jabbaz ist dabei aber - so geschmacklos einige Szenen sind - klug genug, einiges zwar durchzuziehen und nicht nur anzudeuten, aber Off-Screen, was eben jene Sequenzen weniger selbstzweckhaft werden lässt, gleichzeitig aber ihre Wirkung verstärkt. Der aktuelle "The Texas Chainsaw Massacre" ist da wohl das Paradebeispiel.

Darüber hinaus ist "The Sadness" aber nicht nur ein deviantes, die Grenzen sprengendes Ekelwerk, es ist oder versucht zumindest auch anderes zu sein: Beziehungsdrama, rabenschwarze Komödie, Kommentar über die taiwanische (und wohl auch jede andere) Gesellschaft im Hinblick auf omnipräsente Sexualität und Gewalt und offensichtliche Referenzen auf die aktuelle Covid-19-Pandemie. Von Politikversagen über Verschwörungstheorien hin zu ignoranter Öffentlichkeit und alltäglicher sexueller Belästigung bis schlussendlich dem Verlust der Menschenwürde und dem undifferenzierten Einsatz staatlicher (vor allem militärischer) Gewalt. Das ist verdammt viel für so einen kleinen Film aus Taiwan  und längst nicht alles wird stimmungsvoll ineinander verwoben. Das Pacing ist "all over the place", und der plötzliche, harte Wechsel von anwidernder Grausamkeit zu Gelächter (zu Drama, zu Satire etc.) gelingt nicht immer. Auf der Habenseite aber stehen gut gezeichnete Hauptcharaktere, die dem Zuschauer eben nicht am Arsch vorbeigehen, großartige praktische Effekte und ein, zugegebenermaßen manchmal überbordender, aber äußerst treibender, elektronischer Score, der den Staffelstab am Ende sogar noch an den Death Metal übergibt. Passt.

7/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien der Film hierzulande in einem tollen Mediabook:

Quellen:
Inhaltsangabe:
Capelight

Samstag, 12. Dezember 2015

The Amityville Horror - Amityville Horror: Eine wahre Geschichte (2005)

http://www.imdb.com/title/tt0384806/
 
Am 13. November 1974 erhielt die Polizei einen panischen Anruf, der sie zum Tatort eines grausigen Verbrechens im Haus der Defeos in Amityville, Long Island, führte: eine ganze Familie war in ihren Betten abgeschlachtet worden. In den folgenden Tagen gestand Ronald Defeo (Brendan Donaldson), seine Eltern und die vier Geschwister der Reihe nach im Schlaf erschossen zu haben. Ein Jahr später zieht das junge Ehepaar George (Ryan Reynolds) und Kathy Lutz (Melissa George) mit Kathys drei Kindern Michael (Jimmy Bennett), Billy (Jesse James) und Chelsea (Chloe Moretz) in das Haus, in dem einst das furchtbare Verbrechen geschah. Sie ahnen aber noch nicht, dass ihnen ein wahrer Albtraum bevor steht. Innerhalb der Familie gibt es kleinere Spannungen, weil Sohn Michael Kathys neuen Mann George noch nicht als Vaterfigur akzeptiert, aber ansonsten verläuft das Familienleben sehr harmonisch. Doch das 1692 erbaute Haus bringt den Lutz’ kein Glück. George verändert sich zusehends. Genauso wie Chelsea beginnt er, Erscheinungen und Visionen zu bekommen, die ihn nach und nach seinen Verstand kosten...

Es gab mal eine kleine Epoche, da hatte sich Michael Bay so ziemlich alle Horror-Klassiker vorgenommen und produzierte am laufenden Band Remakes von ihnen. "The Amityville Horror", ein kleiner, feiner Streifen aus dem Jahr 1979 war auch darunter und vor "Friday, The 13th" und nach "The Texas Chainsaw Massacre" ein weiterer Versuch, altbekannten Grusel/Horror in die Neuzeit zu transportieren. Was hier auch recht annehmbar gelungen ist. "The Amityville Horror" überrascht nämlich positiv und erweist sich als äußerst gefälliger Schocker. Erstaunlich subtil geht es hier zu, auf Splatter, Gewalt und Jumpscares wird beinahe vollständig verzichtet. Stattdessen wird hier langsam Atmosphäre aufgebaut, die in den effektiven, aber nicht übertriebenen Schockmomenten mündet. Es geht hier besonders um den mentalen Verfall der von Ryan Reynolds exzellent verkörperten Vaterfigur. Dieser wird geschickt dargestellt, tatsächlich kann der Zuschauer nur schwer zwischen Realität und Wahnvorstellung unterscheiden. Die düstere Atmosphäre des Films wird besonders durch den Score, die Kamera und die genialen Bildkompositionen erzeugt. An modernen Horrorfilmen stört natürlich der "Haunted House"-Faktor. Ein Haus ist die wohl langweiligste Location für einen Horrorfilm. Allerdings ist das Haus in "The Amityville Horror" so bedrohlich designed, dass man es nur schwer als langweilig bezeichnen man. Die beiden Fenster zur Einfahrt thronen wie ein paar Augen in der Mauer und besonders gegen Ende hin sind einige Schockmomente ziemlich wirkungsvoll. Es wäre lediglich wünschenswert gewesen, dass man sich für die Auflösung ein wenig mehr Zeit genommen hätte. Auch die Endszene war einfach nur überflüssig. Dennoch ist "The Amityville Horror" ein klassischer, packender Horror-Thriller, mit wenig geschichtlichem Inhalt, aber viel Atmosphäre.

6,5/10

Von NSM erschien der Film endlich ungeschnitten auf Blu-ray. Obwohl ab 16 freigegeben war bis zu diesem Zeitpunkt keine HD-Auswertung dieses Films vorhanden.

Donnerstag, 28. September 2023

The Black Phone (2021)

https://www.imdb.com/title/tt7144666/

Im Jahr 1978 versetzt der sogenannte "Greifer" eine Kleinstadt in Colorado in Angst und Schrecken. Immer wieder verschwinden Kinder spurlos. Die Grundschülerin Gwen (Madeleine McGraw) sieht zwar in ihren Träumen einen Mann mit schwarzen Luftballons, der Kinder verschleppt - traut sich aber nicht, etwas zu sagen, weil ihr alkoholkranker Vater Terrence (Jeremy Davies) sie dann verprügelt. Aber dann wird auch Gwens 13-jähriger Bruder Finney (Mason Thames) entführt - und findet sich plötzlich in einem schalldichten Keller wieder, wo ihn der maskierte Greifer (Ethan Hawke) begrüßt. Schreien hilft hier gar nichts - aber an der Wand hängt ein Telefon, das trotz durchgeschnittenem Kabel immer wieder klingelt. Offenbar sind es die Geister der früheren Opfer des sadistischen Serienmörders, die sich an ihrem Mörder rächen und zugleich Finney vor einem ähnlichen Schicksal beschützen wollen...

Mehr berührend als erschreckend ist Scott Derricksons "Black Phone" weniger ein Horrorfilm als eine Coming-of-Age-Geistergeschichte. Anstelle von Blutfontänen und wogendem Schrecken hat diese unterhaltsame Adaption von Joe Hills Kurzgeschichte aus dem Jahr 2005 einen fast kontemplativen Ton, der den bekannten Horrortropen - ein maskierter Psychopath, Kommunikation aus dem Jenseits - viel von ihrem Reiz nimmt. Der geringe Gänsehautfaktor des Films ist jedoch alles andere als ruinös. Im Mittelpunkt der Geschichte, die in der Kleinstadt Colorado in den 1970er Jahren spielt, steht der 13-jährige Finney (Mason Thames), ein hervorragender Baseball-Pitcher, der unter der Last seiner toten Mutter, der Tyrannen in der Schule und seines missbrauchenden, alkoholkranken Vaters (Jeremy Davies) leidet. Eine frühe Lektion eines neuen Freundes (ein charismatischer Miguel Cazarez Mora) darüber, wie man sich wehrt, erweist sich als vorhersehbar, als Finney das jüngste Opfer von The Grabber (Ethan Hawke) wird, einem clownesken Zauberer und Entführer mehrerer Jungen aus der Nachbarschaft. 

Auch wenn der Film wenig gruselig und wenig spezifisch ist (der Grabber ist ein generischer, etwas komischer Bösewicht mit einer unerforschten Psychose), ist "The Black Phone" als eine Feier der jugendlichen Unverwüstlichkeit erfolgreicher. Während Finney in einem schalldichten Zementkerker schmachtet, nutzt seine kleine Schwester Gwen (Madeleine McGraw, eine herausragende Leistung) die übersinnlichen Fähigkeiten, die sie von ihrer Mutter geerbt hat, um ihn zu finden. Finney erhält auch Hilfe von den früheren Opfern des Mörders, die ihn über das alte Telefon an der Wand über seinem Bett anrufen, ohne sich von der Tatsache abschrecken zu lassen, dass es längst abgeschaltet ist. Derrickson (der das Drehbuch zusammen mit C. Robert Cargill schrieb) greift auf Elemente seiner eigenen Kindheit und Jugend zurück und beschwört eine Zeit herauf, in der Ted Bundy in den Nachrichten war und "The Texas Chainsaw Massacre" im Autokino lief. Die Bilder des Films haben einen sanften, antiken Schimmer, der die nostalgische Stimmung verstärkt und gleichzeitig das Grauen abmildert. (Man vergleiche zum Beispiel Finneys Entführung mit Georgies Entführung in dem 2017 erschienenen Gruselfilm "Es": Beide zeigen Luftballons und ein maskiertes Monster, aber nur eines ist furchterregend.) Da hilft es auch nicht, dass Hawke in einer Figur gestrandet ist, deren Folterrepertoire hauptsächlich aus kunstvollen Handgesten besteht.

The Black Phone" lehnt sich stark an die vertrauten erzählerischen Obsessionen von Hills Vater Stephen King an - mutige Kinder, rücksichtslose Eltern, gruselige Clowns und ihr Spielzeug - und fühlt sich unvermeidlich abgeleitet an. Aber die jungen Schauspieler sind sympathisch, der Schauplatz ist liebevoll erdacht und die Ängste des Heranwachsens stehen im Mittelpunkt. Für die meisten der Zuschauer waren diese Ängste aber auch mehr als genug, um Gänsehaut zu erzeugen. 

7/10

Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Universal/Turbine

Freitag, 13. Mai 2016

Halloween 5: The Revenge Of Michael Myers - Halloween V: Die Rache des Michael Myers (1989)

http://www.imdb.com/title/tt0097474/

Michael Myers hat den Sturz in einen tiefen Schacht und die darauf folgende Explosion schwer verletzt überlebt. Mit letzter Kraft schleppt er sich zum nahegelegenen Fluss und lässt sich stromabwärts treiben. Ein Obdachloser findet den zusammengebrochenen Serienmörder und pflegt ihn wieder gesund, doch Michael Myers (Don Shanks) kennt keine Gnade. Knapp ein Jahr später erwacht der zu neuen Kräften gekommene Psychopath aus seinem Koma und kennt nur einen Gedanken: Rache. Jamie (Danielle Harris), die Nichte und letzte lebende Verwandte des Killers, ist seit den letzten, schrecklichen Ereignissen in einem Kinderkrankenhaus untergebracht und wird dort auch von Dr. Loomis (Donald Pleasence) betreut, der nicht an den Tod von Michael glaubt. Und wie er zu Halloween miterleben muss, wird er recht behalten, denn schon bald gibt es in Haddonfield wieder die ersten Leichen...

Der Film schließt direkt an seinen Vorgänger an. Nachdem der gute vierte Teil der "Halloween"-Reihe Hoffnungen auf bessere Fortsetzungen weckte, stagniert Teil 5 wieder etwas. Das ist sowieso generell ein Dilemma der vier großen 80er Horrorreihen ("Halloween", "A Nightmare On Elm Street", "Freitag, der 13." und "The Texas Chainsaw Massacre"): immer billiger produziert um das Maximum an Gewinn rauszuholen, leidete die Horror-Qualität darunter, teilweise sehr massiv.

"The Return Of Michael Myers" war auf einem guten Weg die "Halloween"-Serie, nach dem etwas losgelösten dritten Teil, zu reaktivieren, im positiven Sinne. "The Revenge Of Michael Myers" wurde im Schnellschuss produziert und unter Geld- sowie Zeitmangel. Und das Ergebnis ist spürbar, sowie ernüchternd, um es gelinde auszudrücken. Die spannend-knisternde Atmosphäre wurde heruntergeschraubt, das hanebüchene Drehbuch mit Logiklöchern zugestopft, der Soundtrack verschlimmert und Dr. Loomis (Donald Pleasence) ist nicht mehr als ein besessener Freak, der seinen Zenit eindeutig überschritten hat.

Positiv spielt Danielle Harris, die die Teenager blass aussehen lässt und Sympathie beim Zuschauer entwickelt, wobei die Logik auch hier unter den Tisch fällt, falls man das dunkle und mörderisch-überraschende Ende von Teil 4 kennt. Spannungsarm und fast schon quälend ersehnt man sich das Finale herbei, und das funktioniert teilweise sogar ganz gut und lässt Stärken erkennen, aber bis es soweit ist, ist es ein steiniger, lahmer und unspekakulärer Weg. Damit ist der fünfte Teil nicht mehr ganz so spannend wie der vierte, dafür aber mit umso mehr Horror und somit auf gleicher Stufe und unterhaltsam.

6/10

Im Zuge der "Halloween"-Reihe gibt es natürlich auch den fünften Teil von NSM in einem zur Reihe passenden Mediabook. Ungeprüft und damit auch ungeschnitten, versteht sich.


Quellen
Inhaltsangabe: Universal Pictures
Poster/Artwork: Universal Pictures

Dienstag, 11. September 2018

Los Olvidados - What The Waters Left Behind (2017)

https://www.imdb.com/title/tt6332764/
Die argentinische Gemeinde Epecuén ist eine Geisterstadt. Einstmals zählte der Ort zu den beliebtesten Ferienzielen des Landes. Tausende Touristen kamen Jahr für Jahr, um in den heißen Thermalquellen zu baden. Doch im November 1985 wurde Epecuén von einer zehn Meter hohen Springflut überschwemmt. Als das Salzwasser nach über dreißig Jahren zurückging, hinterließ es eine verwüstete Ruinenlandschaft. Jetzt ist eine Gruppe junger Dokumentarfilmer nach Epecuén gekommen, um einen Film über die zerstörte Stadt zu drehen. Die Gerüchte, dass dort immer wieder Besucher verschwunden sind, werden ignoriert. Als jedoch das Auto der Filmcrew eine Panne hat, wird die Exkursion zum grausamen Horrortrip. Denn Epecuén ist keinesfalls so menschenleer wie man angenommen hatte. Und die Bewohner betrachten die Neuankömmlinge als Beute …

Wenn man sich die Geschichte der Stadt Epecuén in Argentinien ansieht, klingt das nach typischem Futter für Filmemacher. 1921 gegründet, war die Basis der wirtschaftlichen Entwicklung der kleinen Stadt der nahegelegene Lago Epecuén, ein See, dessen Wasser nach dem Toten Meer den zweithöchsten Salzgehalt aufwies. Zunächst sollte das Salz gewonnen und als Produkt nutzbar gemacht werden. Parallel jedoch sprach sich die therapeutische Wirkung des Wassers herum und bald blühte Villa Epecuén touristisch auf. Mit dem Gesundheitstourismus kamen Hotels, Restaurants und Freizeiteinrichtungen. Der Boom wurde durch den Zweiten Weltkrieg noch verstärkt, da nun die Kurorte in Europa von Südamerika aus nicht mehr oder nur unter großen Gefahren erreichbar waren. Zeitweise kamen auf ca. zweitausend Einwohner fünftausend Gäste und die Stadt erhielt eine direkte Eisenbahnanbindung nach Buenos Aires. Da die 1930er und 1940er Jahre sehr niederschlagsarm waren, schrumpfte der Lago Epecuén ständig. Um den Badebetrieb in Villa Epecuén aufrechterhalten zu können, beschloss die Regierung der Provinz Buenos Aires den Bau des 25 Kilometer langen Ameghino-Kanals. Dieser sammelte Wasser aus weiter entfernten Seen und Flüssen und leitete es in ein System von sechs großen Seen, deren letzter der Lago Epecuén war. Dadurch sank zwar der Salzgehalt im See, der Hauptgrund für den Besucherstrom, aber das erschien gegenüber der weiteren Verlandung des Sees als das kleinere Übel. 1985 führten ungewöhnlich starke Regenfälle über Wochen zu einem stetigen Ansteigen des Wasserspiegels im See, der nur über einen kleinen, schlecht gewarteten Abfluss verfügte. Am 10. November 1985 brachen schließlich die Lehmdämme bei Villa Epecuén an mehreren Stellen und das Wasser ergoss sich in die Stadt. Binnen Stunden versank die Stadt in den Fluten und musste aufgegeben werden. Ein Wiederaufbau schien unmöglich und so versank Villa Epecuén für 25 Jahre im See. Seit 2009 zieht sich das Wasser durch regionale Regenarmut wieder zurück und gibt die Reste der Stadt frei. Sie zeigt sich verwüstet, aber gleichzeitig auch als Momentaufnahme des Tages ihres Untergangs. Straßen, Fahrzeugwracks, Möbel, Spielzeug und Werbetafeln blieben salzverkrustet erhalten und bieten einen unwirklichen Anblick. Reste von Bäumen scheinen auf ihren freigelegten Wurzeln zu stehen und am Stadtrand bietet die Ruine der ehemaligen Schlachterei ein beliebtes Fotomotiv und gleichwohl Thema des Filmposters.


In "Los Olvidados" steuert nun eine kleine Dokumentarfilm-Crew die Stadt Epecuén an. Eine der Überlebenden der Stadt, Carla (Victoria Maurette), führt die Crew in die Geschichte der Stadt ein. Nach einem kaum angenehmen Austausch mit den Einheimischen an einer Tankstelle vor der Stadt geht die Crew in die Ruinen und beginnt zu filmen. Aber ihr Fahrzeug bricht zusammen und sie bleiben gerade lange genug hier, um am eigenen Leibe zu erfahren, dass eine Familie von Psychokillern sich in der verlassenen Stadt niedergelassen hat. In der Stadt verstreut, kämpft die Crew fortan darum, am Leben zu bleiben. Mit ein paar Wendungen, die ihre Liebe für das Giallo-Genre zum Ausdruck bringen, zeigen die Onetti-Brüder, Nicolás und Luciano, ihren Hang zu modernen Psycho-/Horror-/Killerfilmen wie "The Texas Chainsaw Massacre" oder "The Hills Have Eyes". Gerade diese beiden Streifen schießen dem aufmerksamen Betrachter immer und immer wieder in den Kopf, denn - das muss man ehrlich sagen - vieles in "Los Olvidados" erinnert schon sehr an diese beiden Filme. Die Geschichte, die uns die Onetti-Brüder präsentieren ist also keinesfalls neu oder gar innovativ.Sie bewegt sich innerhalb der klassischen Prämissen des Genres, obwohl es einen letzten Effekt hat, den wohl so niemand erwarten würde. Trotzdem ist "What The Waters Left Behind" nur ein simpler Abklatsch. Von Drehbuch, Regie, Produzieren, Editieren und Scoring bis hin zum fertigen Film haben die Onetti-Brüder eine visuelle Tapeserie miteinander verwoben, mit zwar teilweise atemberaubender Fotografie (was die Kulisse eben so hergibt) aber ohne dabei viel Neues beizusteuern. Woran es auch mangelt, ist ein gewisser Szenenaufbau, die wenigen Sekunden vor einer Sequenz, die im Zuschauer Vorfreude oder Spannung aufbauen. Vieles ist offensichtlich, vieles vorhersehbar. Der Film kann auch nicht mit eindrucksvollen Monstern aufwarten, aber er beleidigt das Genre auch nicht gänzlich mit abscheulichen Charakteren und Schurken. 

2,5/10