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Samstag, 9. Mai 2020

Knives Out - Knives Out: Mord ist Familiensache (2019)

https://www.imdb.com/title/tt8946378/

Nachdem der Familienpatriarch und Krimiautor Harlan Thrombey (Christopher Plummer) am Morgen nach seinem 85. Geburtstag tot aufgefunden wird, entwickelt sich eine Familienfeier zu einem Kriminalfall. Die anwesenden Verwandten wollen natürlich nichts mitbekommen haben, werden aber dennoch von Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) und Lieutenant Elliott (Lakeith Stanfield) festgehalten, bis der Täter gefunden ist. Das passt den Gästen wie Ransom Drysdale (Chris Evans) und seinen Eltern Linda (Jamie Lee Curtis) und Richard Drysdale (Don Johnson) überhaupt nicht. Obwohl sich Thrombeys Partygesellschaft alles andere als kooperativ zeigt, kommt es im Laufe der Ermittlungen zu einigen überraschenden Wendungen und die Lage spitzt sich immer weiter zu. Blanc und seine Mitstreiter müssen sich durch ein verworrenes Netz aus Intrigen, Lügen und falschen Fährten kämpfen, um den mysteriösen Tod aufzuklären...

Nachdem Regisseur und Autor Rian Johnson mit "Die letzten Jedi" übertriebene Kontroversen in der "Star Wars"-Fangemeinde auslöste, kehrt er zurück zum kleineren Maßstab. Wie schon in "Brick" und "Looper" stellt er kreativ ein Genre auf den Kopf. "Knives Out" nimmt sich das 'Whodunit' vor, geprägt von Agatha-Christie-Adaptionen wie "16 Uhr 50 ab Paddington" oder "Mord im Orient-Express". Auch wenn Johnsons Mördersuche im Jetzt spielt, wirkt sie im besten Sinne altmodisch. Und sein offensichtlicher Trumpf dabei ist die Besetzung. Es ist schlicht beeindruckend, welche Stars und Sternchen aus drei Generationen sich in "Knives Out" die Klinke in die Hand geben. Von Christopher Plummer und Jamie Lee Curtis über Michael Shannon und Toni Collette bis hin zu Jaeden Martell. Das Ensemble macht selbstredend Spaß, allerdings bleiben die Figuren in ihrem Theaterstil eindimensional und große Namen wirken verschenkt. Die Prominenz ist hauptsächlich als Gimmick zu begreifen. Die wenigsten dürfen sich schauspielerisch etwas mehr entfalten, darunter Daniel Craig und Ana de Armas - aber beide allein tragen den Zuschauer federleicht durch die Handlung und lassen die über zweistündige Laufzeit wie im Fluge vergehen.


"Columbo" lässt grüßen, mag man sich denken, wenn man immer wieder durch die wissende Kamera in die wahren Gedanken der lügenden Protagonisten eintauchen kann. Doch in diesem Fall ist der Ermittler der Wahrheit viel schneller auf der Spur als der zerknautschte Kult-Inspektor. Außerdem versteht es Rian Johnson geschickt, die Wendungen in seinem Drehbuch durch die hintereinander geschnittenen und teilweise kommentierten Rückblenden so zu arrangieren, dass selbst der versierte Krimizuschauer hinters Licht geführt wird. Dabei wird das "Wer" des Whodunit schnell offensichtlich. Alle weiteren Aspekte bleiben aber bis zum finalen, Daniel Craig vorbehaltenen Aha-Effekt im Dunkeln. Die ganze Familie schafft es ohne Ausnahme, dem Zuschauer irgendwie unsympathisch zu sein. Jeder hat dabei unterstrichene und konsequent bis zum Ende durchgezogene Charakterzüge - und natürlich ein Mordmotiv.


Der Krimi fühlt sich nicht an wie ein zwei Stunden Film, sondern durch seinen pointierten Schnitt sehr kurzweilig. Doch abgesehen von keck geschnittenen Verhör-Szenen verzichtet Johnson weitgehend auf technische Spielereien und konzentriert sich auf sein Drehbuch. Er bricht mit den Erwartungen an eine klassische Wer-ist-der-Mörder-Geschichte, um sie dann doch wieder zu erfüllen. Dabei gerät der Spannungsbogen zwischenzeitlich ins Straucheln, findet aber eine befriedigende Abrundung. Kleiner Wermutstropfen bleibt die äußerst sparsam eingesetzte Musik. Doch diese Krimi-Farce ist insgesamt erstaunlich witzig, ohne aber albern oder gar lächerlich zu wirken. Außerdem animiert die spannende und clevere Handlung mit allerlei Wendungen den Zuschauer immer wieder Opfer seiner eigenen Vorurteile zu werden. Für den einen oder anderen erfahrenen Krimi-Kenner mag die Auflösung nicht allzu überraschend daherkommen, was dem Film aber minder schadet.


"Knives Out" ist einfach ein raffiniert überraschender Retro-Krimi mit gesunder Selbstironie, belebt von einem bewusst stereotypen Star-Ensemble. Die außerordentlich hochkarätige Besetzung rund um einem furiosen Daniel Craig und Ana de Armas ist da dennoch nur das Sahnehäubchen eines durch und durch unterhaltsamen und intelligenten Ratevergnügen der Extraklasse und schlussendlich lässt sich sagen, dass den Machern hier ein exzellenter Streifen des Genres Whoduinit gelungen ist. Toll.

8,5/10

Von LEONINE erschien der Film in 4K Ultra HD auch im limitierten Steelbook:


Quellen
:

Inhaltsangabe: Leonine
Poster/Artwork: Netflix

Freitag, 23. Dezember 2022

Glass Onion: A Knives Out Mystery (2022)

https://www.imdb.com/title/tt11564570/

Privatdetektiv Benoic Blanc (Daniel Craig) ist wieder gefordert: In Griechenland muss er einen verzwickten Fall lösen, bei dem die Liste der Verdächtigen lang und das mögliche Mordmotiv jedes Einzelnen äußerst ungewöhnlich ist. Der Tech-Milliardär Miles Bron (Edward Norton) hat nämlich die Unternehmerin Andi Brand (Janelle Monáe), die Politikerin Claire Debella (Kathryn Hahn), den Wissenschaftler Lionel Toussaint (Leslie Odom Jr.), die Modedesignerin Birdie Jay (Kate Hudson) und deren Assistentin Peg (Jessica Henwick) sowie den YouTube-Star Duke Cody (Dave Bautista) sowie dessen Freundin Whiskey (Madelyn Cline) auf seine private griechische Insel eingeladen. Doch dann kommt es zu einem Todesfall... 

Die besten Stellen in "Glass Onion: A Knives Out Mystery" sind diejenigen, über die man im Vorfeld am besten nichts weiß. Aber es gibt sie in Hülle und Fülle, und sie sind großzügig über Rian Johnsons zum Brüllen komische, wenn auch etwas minderwertige Fortsetzung zu "Knives Out" verstreut. Wobei "minderwertig" es nicht ganz trifft, zw. dem Film etwas ungerecht wird. Er ist deutlich weniger interessant als "Knives Out", versprüht aber dennoch denselben Charme und hat ein paar herrliche Pointen zu bieten. Die cleveren Details, amüsanten Namensnennungen und präzisen Anspielungen auf die fade Promi-Kultur halten Autor und Regisseur Rian Johnsons Film flott, wenn er sich zu ziehen droht. Mit diesem Sequel hat Johnson seinen Handlungsspielraum in jeder Hinsicht erweitert. Alles ist größer, schriller und verworrener. Die Laufzeit ist länger, ebenso wie der Zeitrahmen, den die Erzählung abdeckt. Aber das macht "Glass Onion" nicht unbedingt besser. Ein äußerst unterhaltsamer Anfang weicht einem schlaffen Mittelteil, da Johnsons Geheimnis sich selbst verdoppelt, um mehr Details über die Charaktere zu enthüllen, die der Zuschauer bereits zu kennen glaubte. Das Ergebnis fühlt sich repetitiv an. Die brodelnde Spannung, die in der stilvollen Umgebung des ersten "Knives Out" herrschte, wird hier vor der weitläufigen, sonnenüberfluteten Pracht einer übertriebenen griechischen Privatinsel abgeschwächt.

Zugegeben: es ist äusserst schwer, den ursprünglichen Film zu übertreffen, der so intelligent und einzigartig komisch, aber auch wirklich spannend war. Seine Charaktere fühlten sich beim ersten Mal reichhaltiger an, und seine Ensemble-Besetzung hatte durchweg mehr zu tun. "Glass Onion" bietet einige gehaltvolle und aussagekräftige Darbietungen, insbesondere von Janelle Monáe, Kate Hudson und Daniel Craig, der als unerschrockener Detektiv Benoit Blanc wieder einmal seine beste Performance abliefert. Und mehrere seiner hochkarätigen Cameos sind ein wahres Vergnügen. Doch Multitalente wie Leslie Odom Jr. und Kathryn Hahn, die zu kühnen, aufregenden Auftritten fähig sind, gehen frustrierenderweise in unterentwickelten Nebenrollen unter. 

Edward Norton spielt Miles Bron, einen milliardenschweren Tech-Bro, der nicht annähernd so brillant ist, wie er glaubt. Und doch ist es schön, ihn mal wieder zu sehen. Einmal im Jahr versammelt er seine enge Clique - eine ungleiche Gruppe von Leuten, die sich selbstgefällig als "Disruptoren" bezeichnen - für einen verschwenderischen Wochenendurlaub. Diesmal hat er ihnen allen mehrschichtige Puzzleschachteln geschickt (ein früher Hinweis auf die Art von aufwändigem Produktionsdesign, das Rick Heinrichs bereithält), als Vorgeschmack auf den geheimnisvollen Mord, den er in seinem abgelegenen Refugium geplant hat. Seine Villa ist knallig und gleichzeitig schick und minimalistisch, was darauf hindeutet, dass er keinen erkennbaren eigenen Stil hat. Zu seinen Gästen gehören Hudsons Model und Influencerin Birdie, die wegen rassistischer Tweets immer wieder in Schwierigkeiten gerät, Hahns verheiratete Mutter und die nüchterne Politikerin Claire; Dave Bautistas frecher YouTuber Duke Cody, der sich für Männerrechte einsetzt, und seine spärlich bekleidete Freundin Whiskey (Madelyn Cline); und Odoms geplagter Wissenschaftler Lionel, der zu jeder Tages- und Nachtzeit dringende Faxe von Miles ertragen muss. Eine unerwartete Einladung erhält auch der joviale und mondäne Benoit Blanc, der sich über diese Herausforderung freut, da er zwischen den Fällen nicht mehr weiter weiß. Wieder einmal ist es eine wahre Freude, Craig bei seinen Späßen zuzusehen. Ihr Wiedersehen ist von herzlichem Lächeln und Umarmungen geprägt, bis Monáes Andi Brand auftaucht. Sie war Miles' Partnerin beim Aufbau seines Geschäftsimperiums; jetzt ist sie mit allen zerstritten. Ihre Ankunft versetzt die Gruppe sofort in Aufruhr und lässt Blancs Fühler ausschlagen. Eine vielversprechende Ausgangslage.

Aber wie der Titel andeutet, gibt es Schichten über Schichten zu enthüllen, doch die Wahrheit in der Mitte ist ebenfalls kristallklar. Als Anklage gegen die Art und Weise, wie extremer Reichtum korrumpiert, ist diese ganze Übung ziemlich offensichtlich, und sie fügt sich sicher in eine Reihe neuerer, banalere Satiren ein, wenn auch mit reichlich Witz und Stil. Monáes spektakuläre Performance gibt dem Zuschauer etwas Substanzielles, an dem man sich in dieser transaktionalen Welt festhalten kann. Die Cameos der Prominenten sind ein ständiger Brüller, aber Monáe - vor allem in ihren Interaktionen mit Craig - sorgt für das nötige emotionale Gewicht und die tiefere Bedeutung. Auch Hudsons Darstellung ist komplexer, als man zunächst vermuten könnte. Sie kombiniert eine ansteckende Dummheit, die an ihre glorreiche Mutter Goldie Hawn erinnert, mit einer guten Art von Tiefe und Verletzlichkeit. Es ist eine angenehme Abwechslung, den sonst so sympathischen Bautista eine so unausstehliche Figur spielen zu sehen. Und Craig bietet je nach Situation leicht unterschiedliche Versionen von Blanc; seine technische Präzision ist wie immer beeindruckend.

Der Versuch, den wahnsinnig komplizierten Plot zu überlisten, macht zwar auch Spaß, wird aber mit der Zeit zu einem schwerfälligen Prozess. Dennoch ist "Glass Onion" immer wieder faszinierend anzusehen, von den schimmernden Bildern von Johnsons üblichem Kameramann Steve Yedlin bis hin zu dem wahrhaft inspirierten Kostümdesign von Jenny Eagan. Ein bestimmtes Outfit, das Norton in einer entscheidenden Rückblendungsszene trägt, sorgt für einen der größten Lacher des Films. Letztendlich aber wird die riesige gläserne Zwiebel, die auf Miles' Villa ruht, zu einer allzu treffenden Metapher für den Film als Ganzes: Funkelnd, aber auch leer.

7,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Netflix

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt14364480/

Der Priester Jud Duplenticy (Josh O'Connor) bekommt einen neuen Auftrag von der Kirche. Er soll Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin) und dessen Gemeinde unter die Arme greifen. Dort trifft er auch auf die äußerst fromme Martha Delacroix (Glenn Close), den geschäftigen Hausmeister Samson Holt (Thomas Haden Church), die permanent unter Strom stehende Anwältin Vera Draven (Kerry Washington), den ambitionierten Politiker Cy Draven (Daryl McCormack), den städtischen Arzt Nat Sharp (Jeremy Renner), den äußerst erfolgreichen Autoren Lee Ross (Andrew Scott) und die Cellistin Simone Vivane (Cailee Spaeny). Es ist dieses Gemeinschaft, die besonders erschüttert ist von einem Mord, der in der Stadt geschieht. Dessen Umstände sind jedoch derart rätselhaft, dass sich die Polizeichefin Geraldine Scott (Mila Kunis) auch nicht mehr zu helfen weiß. Also deckt sie das große Besteck auf und ruft den legendären Detektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) um Hilfe.

"Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery" ist ein Krimi, der seinen eigenen Atem zählt - langsamer, schwerer, spiritueller - ohne den federnden Witz des ersten "Knives Out" ganz zu verlieren. Der Film fühlt sich an wie ein Gebet, das als schwarzhumoriger Krimi verkleidet ist. Regisseur Rian Johnson verlegt den dritten Benoit‑Blanc‑Fall in ein religiös aufgeladenes Umfeld rund um eine katholische Gemeinde und einen charismatisch-gefährlichen Monsignore, dessen Tod den Plot in Gang setzt. Der Ton ist deutlich düsterer und ernster als in den Vorgängern, mit starkem Fokus auf Themen wie Glaube, Machtmissbrauch, Schuld und Erlösung. Humor ist weiterhin präsent, aber er wirkt wie Zwischentöne in einem ansonsten von Zweifel und moralischer Schwere bestimmten Stück.

Johnson scheint seine eigene Erfolgsformel bewusst zu unterlaufen: weniger Gag-Feuerwerk, mehr atmosphärischer Druck und strukturelle Experimente (etwa die an Kreuzweg‑Stationen erinnernde Kapitelstruktur). Die klassischen Puzzelteile des Whodunit werden sorgfältig gelegt, aber statt eines reinen Rätselspaßes entsteht ein Film, der das Publikum auffordert, über Spiritualität, Institution und persönliches Gewissen nachzudenken. Johnson verschränkt gekonnt Form und Inhalt: Der Krimi ist nicht nur über Glauben - er ist in seinem geduldigen, kreisenden Erzählen selbst ein Akt des Zweifelns.

Daniel Craig spielt Benoit Blanc hier härter und introvertierter; seine Südstaaten‑Sprechweise klingt weniger verspielt, mehr wie das Werkzeug eines Mannes, der gelernt hat, in Systemen zu lesen, nicht nur in Menschen. Die Chemie mit Josh O’Connor als innerlich zerrissenem jungen Priester Jud Duplenticy ist das emotionale Herz des Films - ihre Dialoge verhandeln nicht nur Verdachtsmomente, sondern die Frage, ob Moral ohne Glauben oder Glaube ohne Moral überhaupt Bestand haben kann. Glenn Close bringt als rechte Hand des Monsignore eine scharfe, beinahe fanatische Energie ein, die jede Szene kippen lassen kann; sie ist die Figur, bei der man die Formulierung "Es gibt keine kleinen Rollen, nur kleine Schauspieler" direkt bestätigt sieht.

Die Bildgestaltung nutzt Kirchenräume, Sakristeien und sakrale Architektur, um eine klaustrophobische Spiritualität zu erzeugen: Licht fällt wie ein Verhör aus den Fenstern, Schatten wirken wie unausgesprochene Sünden. Die Kamera verweilt länger auf Gesichtern und Ritualen, weniger auf kinetischer Bewegung; das ergibt einen langsamen, beinahe kontemplativen Rhythmus, der den Film näher an ein religiöses Kammerspiel als an eine klassische Gesellschaftssatire rückt. Die ländlich‑parochiale Umgebung ersetzt das dekadente Herrenhaus des ersten Films und die gläserne Insel des zweiten durch eine Gemeinschaft, deren Machtstrukturen unsichtbarer, aber nicht weniger toxisch sind.

Man könnte somit den neuen Film nicht als Revolution, sondern als Re‑Kalibrierung der Reihe betrachten: weniger Crowd‑Pleaser als die ersten beiden, aber mutiger in Ton und Themenwahl. Er ist zweifelslos der atmosphärisch stärkste Teil der Reihe, aber ein schwächerer Krimi der Trilogie - doch Casting und inszenatorische Sicherheit lassen über dieses Manko hinwegsehen. Damit bleibt zu hoffen, dass Johnsons und Craigs Zusammenarbeit noch lange Zeit Früchte tragen wird. Solange dieses Duo bereit ist, mit Setting, Ton und Thema zu experimentieren, wirkt Benoit Blanc wie eine Figur, die - ganz im Sinne klassischer Detektive - immer wieder in neue Milieus versetzbar ist, vom Kirchenchor bis zum Silicon‑Valley‑Boardroom.

7,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Netflix

Dienstag, 12. Oktober 2021

No Time To Die - James Bond 007: Keine Zeit zu sterben (2021)

https://www.imdb.com/title/tt2382320/

Eigentlich wollte James Bond (Daniel Craig) mit seiner großen Liebe Madeleine Swann (Léa Seydoux) seinen Ruhestand genießen und ein normales Leben führen. Doch Bonds alter Kumpel, CIA-Agent Felix Leiter (Jeffrey Wright), holt ihn zurück in sein altes Leben. Leiter braucht Bonds Hilfe, um einen entführten Wissenschaftler, Valdo Obruchev (David Dencik), zu retten. Die Mission erweist sich als heimtückisch und Bond muss bald erfahren, dass der so gefährliche wie mysteriöse Safin (Rami Malek) im Hintergrund die Strippen zieht. Safin verfügt über gefährliche neue Technologie. Ein letztes Mal muss Bond sich auch seinen Widersachern von Spectre stellen und dabei erkennen, dass Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) selbst aus dem Gefängnis heraus noch über Einfluss verfügt. Den neuen Gegner kann Bond nicht alleine besiegen und so braucht er unter anderem die Hilfe der neuen Doppel-Null-Agentin Nomi (Lashana Lynch) und der CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas)...

Auch der 25. Teil der Erfolgsreihe um den Doppel-Null-Agenten James Bond fiel der COVID-19-Pandemie zum Opfer. Aber dies war nicht der einzige Grund für den verspäteten Start. Rückblickend wünschte sich das Studio wohl, man hätte es beim ursprünglichen Termin belassen können. Bereits im Juli 2017 wurde als US-Starttermin des Films der 8. November 2019 bekanntgegeben. Dann, mit Bekanntgabe der Verpflichtung von Fukunaga wurde ebenfalls bekannt, dass der Film weltweit erst am 14. Februar 2020 starten wird. Im Februar 2019 wurde der Starttermin abermals verschoben, der Film sollte am 8. April 2020 veröffentlicht werden. In Deutschland sowie dem Vereinigten Königreich sollte der Film bereits am 2. April 2020 in den Kinos anlaufen. Jedoch wurde im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie zunächst eine für April 2020 geplante China-Premiere in Peking sowie eine anschließende landesweite Kino-Tour abgesagt. Am 3. März 2020 wurde verkündet, dass der globale Kinostart erneut nach hinten verschoben wird und der Film erst am 12. November in den britischen sowie deutschen und am 20. November 2020 in den US-amerikanischen Kinos anlaufen solle. Bis dahin wurden die Kosten der Verlegung des Starts mit bis zu 50 Millionen US-Dollar beziffert. Anfang Oktober 2020 wurde der US-Kinostart aufgrund der Einschränkungen in den Kinos durch die Corona-Pandemie erneut verschoben, diesmal auf den 2. April 2021. Eine weitere Verschiebung erfolgte im Januar 2021, wobei der US-amerikanische Starttermin nun auf den 8. Oktober 2021 datiert wurde. International sollte der Film bereits ab dem 30. September 2021 veröffentlicht werden. Die Weltpremiere fand am 28. September 2021 in der Royal Albert Hall in London statt. Mit Auslaufen von Sonys Vertriebsrechten für Bond nach über einem Jahrzehnt ist ein Wettstreit um die zukünftige Vermarktung des Franchises entstanden. Zu den anfänglichen Interessenten Sony, Warner Bros., Universal, Fox und Annapurna stiegen Anfang September 2017 auch Apple und Amazon mit ein. Letztendlich sicherte sich Universal die globalen Vertriebsrechte sowie die Rechte fürs Heimkino, in den USA wird der Film von Annapurna und Metro-Goldwyn-Mayer auf die Leinwand gebracht. Im Oktober 2020 verhandelten Netflix und Apple über eine Streaming-Premiere des Films. Kolportiert wurde ein Angebot über 600 Millionen Dollar. Dieses wurde von MGM abgelehnt. 

Nun also, nach fast 2 Jahren Wartezeit und aufgrund des bereits veralteten Produktplacements zahlreichen angeordneten Nachdrehs, läuft der neue Bond im Kino, der letzte mit Daniel Craig in der Hauptrolle des charmanten und knallharten Geheimagenten mit dem Codenamen 007. Jahre nach der Festnahme von Ernst Stavros Blofeld (Christoph Waltz) hat sich James Bond (Daniel Craig) zur Ruhe gesetzt und lebt zurückgezogen auf Jamaika. Als der CIA-Agent Felix Leiter (Jeffrey Wright) ihn um einen letzten Auftrag bittet, nimmt Bond es mit dem finsteren Safin (Raimi Malek) auf - und muss die Geheimnisse der Frau aufdecken, die er geliebt hat, Madeleine Swan (Léa Seydoux).

Nun ist es mittlerweile echt schwer geworden, einen Bond-Film zu machen. Doch der 25. Film der Reihe fühlt sich an wie der bisher härteste Weg, den ein Bond-Film jemals durchleiden musste: irgendwie überlebte er einen scheidenden Regisseur (Danny Boyle, der aufgrund der gefürchteten "kreativen Differenzen" durch Cary Fukunaga ersetzt wurde), eine zweijährige Verzögerung aufgrund der Pandemie und mit Daniel Craig einen scheidenden 007, der zuvor behauptete (in einem Zitat, das er nach "Spectre" aussprach und welches ihn noch heute verfolgt), dass er sich lieber "die Pulsadern aufschneiden" würde, als noch einmal Bond zu spielen. Es gab also mehr als genug Gründe, woran "No Time To Die" hätte scheitern können.

Aber wie Craigs Bond in diesem Film in einer schönen Anspielung auf "On Her Majesty's Secret Service" sagt: "Wir haben alle Zeit der Welt". Es ist nicht die erste Anspielung in diesem Film auf George Lazenbys inzwischen rehabilitierten ersten und einzigen Film aus dem Jahr 1969, und sie ist durchaus angebracht. Denn "Keine Zeit zu sterben" traut sich Dinge, die noch kein Bond-Film zuvor getraut hat, und obwohl er sich in hohem Maße auf etablierte Versatzstücke von Agentenfilmen (und speziell dem Charme, der den Bond-Filmen inne wohnt) stützt, die sich nicht nur vertraut, sondern auch beruhigend anfühlen, sind es gerade die ungewohnten Handlungen, die ihn zu einem so spannenden Beitrag machen.

Bond befindet sich im Ruhestand. Zu Beginn des Films hat er dem MI-6 den Rücken gekehrt, und es deutet vieles darauf hin, dass er seine besten Jahre hinter sich hat. Er ist ein "altes Wrack", wie er sich selbst auch nennt - und ein Stück weit kann man ihm seine Müdigkeit ansehen. Doch Craig kann immer noch verdammt gut einen Smoking tragen. Die paar Jahre mehr auf dem Buckel als noch in "Casino Royale" von 2006, spielt er souverän aus. Seine Darstellung des Doppel-Null-Agenten, die schon immer reich an Widersprüchen war - das Playboy-Lächeln im Kontrast zu einer stoischen inneren Zerrissenheit - ist in diesem Film die interessanteste, die er je zum besten gab. Dieser Bond ist leidenschaftlicher, impulsiver, sensibler und - man traut es sich kaum zu sagen - auch romantischer als gewohnt und er verleiht einer jahrzehntealten Figur bemerkenswerte neue Dimensionen. Cary Fukunaga findet irgendwie die Verwundbarkeit dieses unverwundbarsten aller Helden.

Bond ist jedoch nicht weniger skrupellos, und während Craigs frühere Filme Einflüsse der "Bourne"-Filme zeigten, scheint Fukunagas Action teilweise "John Wick", noch immer das aktuelle Maß aller schneidigen und stylischen Actionfilme, nachzuahmen, doch hier mit einem Schwerpunkt auf brisante Schießereien und intensive Verfolgungsjagden. Selbst die Nebendarsteller bieten diesem Bond eine großartige Unterstützung - Ana De Armas spielt ihren Charakter in einer kleinen, aber gewinnbringenden Wiederholung der Chemie aus "Knives Out", die sie mit Craig teilte; Lashanna Lynch als rivalisierende 00-Agentin überzeugt mit ihrer eigenen Art von Prahlerei und zeigt gleichzeitig eine geerdete und kraftvolle Seite, mit Anflügen aus einem paranoiden Verschwörungsthrillers. Auch Waltz gibt einen guten Blofeld ab, doch der Schurke Safin, der von Rami Malek gespielt wird, ist wohl einer der bösesten im gesamten "Bond"-Universum. Malek spricht mit einem vagen osteuropäischen Akzent, und seine Hauptmotivation für die Zerstörung der Welt scheint nur persönliche Rache zu sein. Man darf lediglich darüber spekulieren, was Phoebe Waller-Bridge zum "Feinschliff" des Drehbuchs beigetragen hat - aber das Drehbuch bietet zumindest einen One-Liner für die Ewigkeit.

Was gleichzeitig nicht heißen soll, dass dieser Film stur und bitterernst ist. Viele Bond'sche Albernheiten, wie die lustigen (aber wertvollen) Gadgets kommen durch den Ausstatter Q zum Zuge. Bionische Augen, Nanobots und mit Kanonen bestückte Fahrzeuge - das erwartet man einfach als Fan und wird auch hier voll bedient. Zum Glück erliegt Fukunaga nicht der Versuchung, aus Bond mittels allerlei technischem Spielkram einen unverwüstlichen Superhelden zu machen - Bond bleibt genauso verletzlich, wie es sein muss. Und so bleibt die Spannung jederzeit hoch, gerade weil man dieses Mal nicht weiß, ob dieser Doppel-Null-Agent nicht doch totzukriegen ist. Doch bei "Bond"-Filmen ist ja im wesentlichen der Weg das eigentliche Ziel und das Finale darf in diesem speziellen Fall überraschen.

Fukunaga, so scheint es, war letztendlich die ideale Wahl des Regisseurs, der die Widersprüche der Figur und des Franchise gekonnt ausbalanciert, und obwohl er den üblichen Fallstricken nicht ganz entkommt - ein mittleres Drittel, das sich in Plot und Exposition verliert rechtfertigt nicht die enorme Laufzeit von beinahe 3 Stunden - war er schon immer ein intuitiver Filmemacher, der sich sehr für die Menschlichkeit seiner Figuren interessiert. Er zeigt einen grandiosen Agententhriller mit einem verblüffenden, überraschenden Finale, das Craig den Abschied gibt, den er verdient. Wenn eine Formel so steif wie im "Bond"-Fanchise ist, fühlen sich selbst die kleinsten Änderungen aufregend an. Das Warten hat sich defintiv gelohnt. Darauf einen Martini, völlig gleich ob geschüttelt oder gerührt. Danke, Daniel Craig.

8/10 

Von UNIVERSAL PICTURES kam der Film im limitierten Ultra-HD Blu-ray/Blu-ray Steelbook: 

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: MGM
Textauszüge: Wikipedia