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Samstag, 29. August 2026

The Woman (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt1714208/
https://letterboxd.com/film/the-woman/

Der angesehene Anwalt und Familienvater Chris Cleek (Sean Bridgers) fängt eines Tages eine wilde, in den Wäldern lebenden Frau (Pollyanna McIntosh). Angekettet in einem Verlies in seinem Garten will er das „Monster“ zivilisieren. Mit immer brutaleren Mitteln, versucht er dieses Ziel zu erreichen und spannt dabei seine Familie ein. Während sein Sohn immer stärker in seine Fußstapfen tritt, fällt der jahrelang unterdrückten Mutter (Angela Bettis) das Schweigen immer schwerer. Tochter Peggy (Lauren Ashley Carter) zieht sich immer weiter zurück, was auch ihrer besorgten Lehrerin (Carlee Baker) auffällt. Als diese ein Gespräch sucht, überschlagen sich die Ereignisse…

Lucky McKees "The Woman" ist kein Horrorfilm, der sein Publikum gemütlich erschrecken möchte. Er will provozieren, ekeln und vor allem unangenehme Fragen stellen. Die Geschichte um den Familienvater und Anwalt Chris Cleek (Sean Bridgers), der eine verwilderte Frau (Pollyanna McIntosh) gefangen nimmt und sie in seinem Keller "zivilisieren" will, entwickelt sich vom verstörenden Hinterwäldler-Schocker zur bitterbösen Abrechnung mit patriarchaler Gewalt und familiärer Fassade. Dass der Film dabei teilweise mit dem Holzhammer arbeitet, gehört ebenso zu seinen Stärken wie zu seinen Schwächen. McKees größter Coup ist, dass die vermeintliche Bestie gar nicht das eigentliche Monster ist. Während Chris seine Gefangene kontrollieren und misshandeln lässt, offenbart sich nach und nach, wie krank seine scheinbar perfekte Familie tatsächlich ist. Die clevere Umkehrung des üblichen Horrorfilms - draußen lauert das Monster, drinnen ist die Familie sicher - macht "The Woman" wesentlich interessanter als einen gewöhnlichen Torture-Horror. 

Pollyanna McIntosh Darstellung ist dabei fast vollständig nonverbal und trotzdem enorm präsent. Sean Bridgers verkörpert Chris dagegen bewusst widerlich: freundlich nach außen, selbstgerecht und kontrollierend im Privaten. Angela Bettis als Ehefrau Belle und Lauren Ashley Carter als Tochter Peggy sorgen dafür, dass die Gewalt nicht nur als Konflikt zwischen Täter und Opfer funktioniert, sondern als System, in das eine ganze Familie hineingezogen wird. Gerade die Figurenzeichnung der Cleeks gehört zu den überzeugenderen Aspekten des Films. Natürlich ist "The Woman" nicht subtil. Die feministische Botschaft wird so deutlich ausgesprochen und ausgespielt, dass man sie eigentlich nicht übersehen kann. Das Drehbuch von McKee und Jack Ketchum setzt weniger auf psychologische Feinzeichnung als auf Eskalation - und manchmal merkt man ihm seine Herkunft aus dem Exploitation-Kino deutlich an.

Dafür besitzt die Inszenierung eine unangenehme Konsequenz. McKee lässt die Gewalt nicht einfach als Schockeffekt verpuffen, sondern verbindet sie mit der Frage, wie Missbrauch innerhalb einer vermeintlich normalen Familie weitergegeben wird. Besonders im letzten Drittel zieht der Film die Schraube drastisch an und liefert eine blutige, bewusst exzessive Schlussphase. Handwerklich ist das Ganze eher dreckig als elegant. Einige Kameraperspektiven und die langsame erste Hälfte wirken gelegentlich unbeholfen, während der metallische Soundtrack und die explizite Gewalt den Film fest im Horror- und Exploitationbereich verankern. Gerade diese Mischung aus Sozialdrama, Home-Invasion-Umkehrung und Splatter macht "The Woman" aber unverwechselbar. Seine größte Schwäche bleibt, dass McKee seine Aussage mehrfach wiederholt, anstatt sie sich aus den Figuren entwickeln zu lassen. Dadurch wirkt manches konstruiert und provokativ um der Provokation willen. 

"The Woman" ist unangenehm, brutal und alles andere als subtil - aber gerade deshalb bleibt er hängen. Hinter der schmutzigen Exploitation-Oberfläche steckt eine erstaunlich klare Analyse von Macht, Missbrauch und patriarchaler Kontrolle. Pollyanna McIntosh liefert eine herausragende körperliche Performance, Sean Bridgers einen herrlich abstoßenden Gegenpol, und McKee findet im letzten Akt Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Kein perfekter Horrorfilm und sicherlich nichts für empfindliche Gemüter. Aber als wütende, blutige und bewusst überzeichnete Abrechnung mit häuslicher Gewalt funktioniert "The Woman" deutlich besser, als sein reißerisches Äußeres vermuten lässt.

6,5/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien die "The Woman"-Trilogie hierzulande in 4K Ultra-HD einem tollen Mediabook, welches alles drei Teile ("Beutegier", "The Woman" und "Darlin'") in ihrer ungeschnittenen Originalversion beinhaltet:


Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Modernciné

Sonntag, 8. Januar 2023

Offspring - Beutegier (2009)

https://www.imdb.com/title/tt1262413/
https://letterboxd.com/film/offspring/

Elf Jahre ist es her, als Sheriff George Peters (Art Hindle) Zeuge wurde, wie eine Gruppe verwilderter Kannibalen über Touristen herfiel. Inzwischen ist Peters im Ruhestand, doch als an der Küste von Maine erneut Leichen von Urlaubern entdeckt werden, wird er zu den Ermittlungen hinzugezogen. Die Wilden sind zurück und die Jagd beginnt von Neuem. Doch die Kannibalen sind alles andere als einfach davon abzuhalten, für ihren Hunger ein Opfer nach dem anderen auf die Speisekarte zu setzen... 

Jack Ketchums erster Teil der "Woman"-Tilogie ist ein an eine B-Movie erinnernder Kannibalen-Horrorfilm, der teilweise extreme Szenen beinhaltet. Diese sorgen wohl auch dafür, dass dieser erste Teil keine Freigabe in Deutschland in seiner ungeschnittenen Originalversion erhielt. Von Verstümmelungen, Vergewaltigung, bis hin zu Schlachtorgien ist hier alles drin und diese Szenen übertünchen auch die ansonsten sehr laue Story, die wohl sonst auf eine halbe A4-Seite gepasst hätte. Mord, Polizei, Polizei sucht, Polizei findet nicht, Entführung, Entkommen, Zurückschlagen, Ende. Hm. Obgleich brutal und teilweise echt fies ist "Beutegier" aber dann doch ein zweckmäßig unterhaltsamer Vertreter im Bereich Kannibalen-Horror, der aber allein mit guten Effekten aufwartet. Die Schauspieler sind durch die Bank weg austauschbar, die Dialoge teilweise echt seltsam, (die Handlung einiger Charaktere sowieso), die Story nicht der Rede wert, das limitierte Setting gerade noch zweckdienlich und von Logik will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen. Am Ende ist "Beutegier" gerade noch okay, aber mit etwas mehr Fingerspitzengefühl für Charaktere, die dem Zuschauer nicht völlig egal sind, einer guten, spannenderen Story und geschickter eingesetzten Schockmomenten, vielleicht sogar einem Twist, hätte Regisseur Jack Ketchum hier durchaus eine Schippe drauflegen können.

5/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien die "The Woman"-Trilogie hierzulande in 4K Ultra-HD einem tollen Mediabook, welches alles drei Teile ("Beutegier", "The Woman" und "Darlin'") in ihrer ungeschnittenen Originalversion beinhaltet:


Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Modernciné

Mittwoch, 15. April 2020

Darlin' (2019)

https://www.imdb.com/title/tt8396294/
https://letterboxd.com/film/darlin/

Eine Kannibalin (Pollyanna McIntosh) hat die junge Darlin' (Lauryn Canny) unter ihre Fittiche genommen. Als das verdreckte und verwilderte Mädchen eines Tages Hilfe in einem Krankenhaus sucht, wird sie von ihrer Beschützerin getrennt. Um sie zu resozialisieren, bieten ein Bischof (Bryan Batt) und die Nonne Jennifer (Nora-Jane Noone) ihre Unterstützung an. Sie hoffen, mit der "Zähmung" des Mädchens ihre klamme Gemeinde vor der Pleite zu bewahren. Darlin' landet so in einer abgelegenen Klosterschule. Doch ihre wutschnaubende "Mutter" ist schon auf der Suche nach ihr – und schreckt bei dem verzweifelten Versuch, ihr Kind zu finden, auch nicht vor brutaler Gewalt zurück...

Es war Stephen King, der sich einst zu der Äußerung hinreißen ließ und verkündete, dass Jack Ketchum der wohl furchteinflößendste Horrorschriftsteller der Vereinigten Staaten ist. Im literarischen Bereich stellt der 2018 verstorbene Autor zweifelsohne eine Kapazität dar, die Adaptionen seiner Romane allerdings sind – im besten Fall – gedämpfte Genre-Empfehlungen. Mit einer Ausnahme, denn der 2011 erschienene "The Woman" ist eine unbedingt sehenswerte Abrechnung mit dem Patriarchat. Mag Jack Ketchum die Vorlage, die in Deutschland unter dem Titel "Beuterausch" veröffentlicht wurde, auch zusammen mit Lucky McKee – dem Regisseur des Films – verfasst haben, so ist sein Einfluss doch exorbitant. Nicht zuletzt, weil hier nach "Beutezeit" und "Beutegier" seine bisweilen kontrovers diskutierte und teilweise radikal zensierte Kannibalen-Trilogie abgeschlossen wurde.

"Darlin'" von Pollyanna McIntosh, die hier nicht nur die Regie übernommen hat, sondern sich auch für das Drehbuch mitverantwortlich zeigt und ihre Rolle der wilden Frau erneut aufgenommen hat, versteht sich nun als direkte Fortsetzung zu "The Woman". Es gibt keine Romanvorlage, stattdessen wird das Kannibalen-Universum aus Ketchums Feder nun gezielt filmisch weitergesponnen. Nach den Vorkommnissen des Vorgängers treffen wir also erneut auf die inzwischen pubertierende Darlin' (Lauryn Canny), die von ihrer archaischen Ziehmutter zu einem katholischen Krankenhaus gebracht wird und über Umwege schließlich in einer christlichen Mädchenschule landet, wo sie resozialisiert und domestiziert werden soll. Natürlich steckt hinter diesem Vorhaben des Bischofs (Bryan Batt) kein ehrenhaftes Anliegen, sondern eher schmutziges Kalkül.

Der Grund, warum die Frau "Darlin'" vor die Türen des Hospitals geführt hat, wird im Verlauf der Handlung nach und nach deutlich gemacht. Dass diese allerdings überhaupt nicht erfreut darüber ist, dass man ihr ihre (Schein-)Tochter kurzerhand entrissen hat, generiert dann auch für den Gewaltfaktor, der zwar letztlich in einem überschaubaren Rahmen bleibt, die gnadenlosen Pfade purer Mütterlichkeit aber sehr eindeutig zum Ausdruck bringen. Dass Pollyanna McIntoshs (Solo-)Regiedebüt aber weitestgehend unterwältigt, liegt daran, dass man sich hier ausschließlich damit beschäftigt, altbekannte Allgemeinplätze maskuliner Unterdrückungsstrukturen, pervertierter Zustände innerhalb katholischen Kirchenmauern und einer dem Coming-of-Age-Kino entlehnten Identitätssuche abzuklopfen. "Darlin'" ist so halbgar wie klischiert und lässt den widerborstigen Charakter des Vorläufers nahezu vollständig vermissen. Immerhin darf Hauptdarstellerin Lauryn Canny wahrlich glänzen.

Während also "The Woman" noch die Übermacht der Frau dem männlichen Geschlecht gegenüber offenbarte und so garstig wie schwarzhumorig tradierte Geschlechterrollen zu hinterfragen verstand, setzt "Darlin'" diese erzählerische Marschroute nun insofern fort, dass weiterhin maskuline Machtstellungen auf dem garstigen Prüfstand stehen. Pollyanna McIntosh tritt hier indes nicht mehr nur als kannibalistische Wilde in Erscheinung, sondern verdingt sich hier auch als Autorin und zum ersten Mal als Solo-Regisseurin. Das Ergebnis ist durchwachsen und klischiert: Den inhaltlichen Allgemeinplätzen über die vererbten Unterdrückungsstrukturen innerhalb der katholischen Kirche fehlt die groteske Durchschlagskraft und der polarisierende Mut, den Zuschauer kalt zu erwischen. Gut gespielt ist "Darlin'" vor allem in der Hauptrolle durchaus, dem unangenehm-widerborstige Wesen des perversen Menschendramas in "The Woman" aber hinkt der Film unentwegt hinterher.

4/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien die "The Woman"-Trilogie hierzulande in 4K Ultra-HD einem tollen Mediabook, welches alles drei Teile ("Beutegier", "The Woman" und "Darlin'") in ihrer ungeschnittenen Originalversion beinhaltet:


Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Hood River Entertainment