Donnerstag, 21. Mai 2026

The Sum of All Fears - Der Anschlag (2002)

https://www.imdb.com/title/tt0164184/

Im Mittelpunkt des Politthrillers in der Adaption eines Tom-Clancy-Bestsellers steht der junge CIA-Computer-Spezialist Jack Ryan (Ben Affleck), der zusammen mit dem CIA-Direktor Cabot (Morgan Freeman) auf einer Russlandreise den neuen russischen Präsidenten Nemerov (Ciarán Hinds) unter die Lupe nehmen soll. Nach dem Anschlag einer Gruppe von Neonazis auf ein vollbesetztes Footballstadion lenken diese den Verdacht auf Russland. Jack Ryan muss nun schnellstens Nemerovs Unschuld beweisen, um den amerikanischen Präsidenten von einem nuklearen Schlag abzuhalten, der den dritten Weltkrieg auslösen würde...

Die Jack Ryan-Reihe war stets dafür bekannt, sich bewusst in die nervöse, politisch aufgeladene Atmosphäre seiner Zeit zu stellen und politische Themen aufzugreifen - und dabei genau das zu tun, was solche Thriller meistens tun: ein straff gebautes, spannendes Kammerspiel über Weltpolitik zu präsentieren, das trotzdem nicht ganz verhindern kann, dass es sich wie ein Stück Hochglanz‑Actionkino anfühlt, jedes Mal, wenn es an den Rand einer echten Katastrophe gerät. Beim vierten Ausflug des Agenten führte Phil Alden Robinson Regie, der hier Amerikas Angst vor dem Bombenknopf ins Zentrum eines kalten, aber glänzend montierten Politthrillers rückt, der Jack Ryan als jüngeren, eher unbeholfenen CIA‑Analysten neu aufstellt. Ben Affleck spielt die Hauptrolle mit einer Mischung aus akademischem Charme und leicht gehemmter Nervosität, die den Film glaubwürdiger macht, als er es sein dürfte. Sein Jack Ryan ist kein perfekter, unverwundbarer Action‑Held, sondern ein Mann, der sich in der Welt der Geheimdienste und Atommächte erst orientieren muss - und genau das lenkt die Spannung auf das Zentrum des Stoffes: Die Angst, die Entscheidung, die Angst vor der Entscheidung. Dazu kommt Morgan Freeman als CIA‑Direktor William Cabot, der mit seiner ruhigen, fast väterlichen Präsenz eine seltene Stabilität in ein Szenario bringt, in dem sich die Welt auf einer Messers Schneide dreht.

Robinson bedient sich an Tom Clancys bekannter Formel: ein Terror‑Plot, ein Kernreaktor, eine falsche Fährte, ein Krieg, der fast unaufhaltsam wird, und ein einzelner, scharfer Verstand, der alles zusammenhält. In der Geschichte wird ein verlorenes israelisches Atomwaffen‑Projekt in die Hände eines faschistischen Milliardärs namens Richard Dressler gegeben, der es nutzen will, um USA und Russland in einen nuklearen Krieg zu treiben und Europa als Siegergesellschaft aufzubauen. Die Spannung baut sich aus, wie in einem Uhrwerk: Erst kommt Baltimore, ein Stadion, eine Explosion, ein Verdacht, ein politischer Schachzug, ein nächstes Manöver, bis die Welt kurz davor steht, ihre eigene Vernichtung per Telefongespräch anzukündigen. Kurz: das ist ein Film, der weiß, wie man einen Thriller "richtig" macht - und damit aber auch genau das Problem bekommt, das solche Filme fast immer haben. Es ist zwar lobenswert, wie Robinson, Paul Attanasio und Daniel Pyne Spannung aufbauen und eine überzeugende Realität schaffen, doch schon bald greifen sie wieder auf die obligatorischen Hollywood‑Weichmacher zurück, weil ein Film ohne dies das Publikum offenbar in Verzweiflung flüchten lassen könnte. Genau das ist es: Die Geschichte will den Zuschauer die Angst vor einem Atomschlag spüren lassen, macht sie aber zugleich beherrschbar, erzählbar, fast zu schön - und damit weniger wirklich bedrohlich, als sie in der Realität sein könnte.

Aber trotzdem bleibt "Der Anschlag" ein spannender, gut gespielter, gut geführter Film, der sich vom ersten Moment an nie wirklich verliert. Er ist ein Beispiel dafür, wie sicher Hollywood ein bestimmtes Szenario produziert: ein Gefühl von Bedrohung, das nie so tief geht, dass es unerträglich wird, aber immerhin so weit, dass man sich während der zweistündigen Laufzeit leicht unbehaglich fühlt. Die Explosion von Baltimore, die Gespräche zwischen den Präsidenten, die knappen Sekunden, in denen eine Entscheidung fällt, die über Millionen Leben bestimmt - das alles wirkt wie ein Lehrstück, wie ein politischer Krimi, der sich müht, ernst zu sein, ohne jemals vollständig aufzuhören, gut unterhaltsam zu sein. Das ist nicht neu, fühlt sich aber immer wieder gut an. Am Ende bleibt ein Film, der seine eigene Beschränkung akzeptiert: Er ist ein Genrefilm, kein Manifest, kein Weltbild, kein Anti‑Kriegs‑Statement. Er ist ein spannender, cleverer, gut besetzter Kino‑Thriller, der sich in der Angst vor der Nuklear‑Apokalypse sonnt - und dann sorgfältig dafür sorgt, dass sie sich wieder zurückzieht, bevor man sich wirklich zu ängstigen beginnt - und genau darin liegt sein Reiz, allerdings auch seine Grenze.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Paramount Pictures/MNP/MFP

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