Samstag, 21. März 2026

Alps - Alpen (2011)

https://www.imdb.com/title/tt1859446/

Eine Krankenschwester (Aggeliki Papoulia), ein Sanitäter (Aris Servetalis), eine Turnerin (Ariane Labed) und ihr Trainer (Johnny Vekris) haben ein ungewöhnliches Geschäftsmodell entwickelt. Personen, die vor kurzem einen geliebten Menschen verloren haben, können sich an die Gruppe wenden. Die nennen sich "die Alpen", da jeder von ihnen nach einem Berg der Alpen benannt ist. Die Gruppenmitglieder können von Kunden gebucht und so zum Ersatz für den Verstorbenen werden, um die Trauerarbeit zu erleichtern. So leben sie in fremden Häusern, tragen die Kleidung der Toten und stellen Erinnerungen für die Trauernden nach. Dabei gibt es ganz bestimmte Regeln, an die sich jeder Mitarbeiter halten muss. So ist ihnen der Aufbau einer emotionalen Verbindung oder körperliche Intimität zu ihren Kunden strikt verboten. Doch nicht alle Mitglieder befolgen die Vorschriften.

Yorgos Lanthimos' vierter abendfüllender Spielfilm ist, nach "Dogtooth", in dem er schon einmal eine Familie als perverses Rollenspiel sezierte, ein in Schauspielern und Schauplätzen begrenztes Werk, in dem er seine ganz eigene Theorie darüber entwickelt, was Identität, Trauer und Schauspiel im Alltag bedeuten. Lanthimos verschiebt hier den Fokus auf den Moment nach dem Verlust: auf das Loch, das der Tod hinterlässt, und auf die merkwürdigen Versuche, es mit Fiktion zu füllen. Lanthimos’ Idee ist zugleich absurd und erschreckend logisch: Wenn wir nach einem Verlust ohnehin in Erinnerungen leben, warum dann nicht jemanden engagieren, der diese Erinnerung verkörpert? Unter dem Namen "Alpen" gründet eine kleine Gruppe - eine Krankenschwester, eine Kunstturnerin, ihr Trainer und ein Rettungssanitäter - ein Unternehmen, das Trauernden anbietet, gegen Bezahlung in die Rolle ihrer kürzlich verstorbenen Angehörigen zu schlüpfen. Die Mitglieder tragen Codenamen wie "Monte Rosa" oder "Mont Blanc"; echte Namen gibt es nicht, als wollten sie sich selbst schon aus der Welt der Identitäten verabschieden. Die Krankenschwester besucht ein älteres Ehepaar und spielt deren bei einem Autounfall verstorbene, tennisbegeisterte Tochter nach - mit einstudierten Phrasen, ritualisierten Gesprächen, wie eine Privataufführung in einem Wohnzimmer, das sich in eine Bühne verwandelt. Die "Alpen“ behaupten, Schmerzen zu lindern, doch ihre Dienstleistung ist ein kalter, fast mechanischer Ersatz - ein Rollenspiel, das die Leere eher markiert, als sie zu füllen.

Es ist eine trostlose, karge Welt, die Lanthimos in "Alpen" zeichnet: Räume wirken leer, Beziehungen bleiben unterkühlt, Dialoge sind hölzern, abgehackt, oft von einer eigentümlichen Höflichkeit, hinter der nur Leere zu liegen scheint. Diese Stilisierung ist keine Schwäche, sondern Methode. Die Figuren werden nicht psychologisch erklärt, sie werden beobachtet; Kamera und Inszenierung verweigern uns die Erleichterung der Identifikation und zwingen uns, das Verhalten wie ein Experiment zu betrachten. Immer wieder bricht Lanthimos die Starre mit bizarr komischen Momenten: etwa wenn die Krankenschwester mit einem Klienten quer durch die Stadt Filmszenen nachstellt, die sie simuliert, ohne den emotionalen Kern dahinter zu verstehen. Es wirkt wie eine Parodie auf das Method Acting des Alltags - Menschen, die so sehr versuchen, eine Rolle zu spielen, dass sie das Leben selbst verlieren. Angeliki Papoulia als Krankenschwester "Monte Rosa" ist das nervöse Zentrum des Films. Ihre Figur beginnt, sich in den angenommenen Identitäten zu verlieren, überschreitet Grenzen, mischt berufliche und private Rollen und versucht, aus den gespielten Beziehungen echte Nähe zu pressen. In ihrer berühmten Zusammenbruchsszene, wenn ihre sorgfältig kontrollierte Fassade bricht, wird sichtbar, dass der Film nicht nur von einem bizarren Service handelt, sondern von Menschen, die im eigenen Leben keine Rolle mehr finden. Sie bleibt zugleich unverständlich und tief menschlich. Wir verstehen ihre Motive nicht vollständig, aber wir erkennen das Vakuum, in dem sie sich bewegt.  

In "Alpen" ist jede Begegnung doppelt: als Realität und als Inszenierung. Trauer wird zur Choreografie, Gespräche zu Textbuchdialogen, Nähe zu einer Dienstleistung mit Stundensatz. Der Film destabilisiert systematisch unser Gefühl dafür, was in menschlichen Beziehungen normal ist - und genau darin liegt seine eigentliche Kraft. Lanthimos und sein Co-Autor Efthymis Filippou entwickelten die Idee, indem sie von Menschen ausgingen, die etwas frei erfinden - Telefonstreiche, fingierte Todesfälle -, und daraus eine Welt bauten, in der Identität eine jederzeit buchbare Fiktion ist. Die "Alpen" sind keine Betrüger im klassischen Sinn; sie sind vielleicht die konsequenteste Form dessen, was wir ohnehin tun: Wir spielen Versionen von uns selbst, für andere, für uns. Nur dass hier jemand kommt und sagt: Diese Rolle kann man auch outsourcen. "Alpen" gewann 2011 bei den Filmfestspielen von Venedig den Preis für das beste Drehbuch und wurde für den Goldenen Löwen nominiert - das ist bemerkenswert für einen Film, der so radikal sperrig, so absichtlich unbefriedigend ist. Er wirkt wie ein Schwestervariable zu "Dogtooth": weniger schockierend, weniger unmittelbar zugänglich, aber vielleicht noch konsequenter darin, die Regeln des Zusammenlebens als willkürliche, brutale Konstruktion zu zeigen.

Aus heutiger Sicht kann man in "Alpen" den Keim all dessen sehen, was Lanthimos später in Filmen wie "The Lobster" oder "The Favourite" auf größere, glänzendere Leinwände getragen hat: die Mischung aus trockenem Humor, Grausamkeit und philosophischer Neugier. Es ist kein Film, den man unbedingt mögen muss, aber es ist definitiv ein Film, an den man sich erinnert, weil er die simple Frage stellt: Wenn das echte Leben so leer ist, warum sollte einen dann eine Kopie trösten? "Alpen" - ein verstörendes, streng komponiertes Rollenspiel, das uns zwingt zu fragen, wie viel von unserem eigenen Leben nur eine Rolle ist, die wir für andere spielen.

7,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Haos Film Produktion

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