Freitag, 15. Mai 2026

Rental Family (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt14142060/

 Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser) ist ein US-Amerikaner, den es in die japanische Weltstadt Tokio gezogen hat. Doch ein erfülltes Leben kann der Schauspieler dort nicht wirklich leben. Wirklich glücklich ist er nicht. Und sein täglich Brot muss er sich als sogenanntes Leihfamilienmitglied verdienen. Das heißt: Phillip füllt als Schauspieler auf Anfrage Lücken in anderen Familie aus. So ist er mal entfernter Cousin, mal Bruder, Vater, Sohn oder gar Ehemann. Seinen Kund:innen geht es oftmals wie ihm selbst: Sie sind einsam und sie suchen nach Erfüllung, Frieden, Ruhe, Gelassenheit und Sicherheit. Mal zockt Phillip mit einem schüchternen jungen Mann Videospiele, mal muss er für ein Mädchen den Vater mimen, weil die Mutter alleine nie den begehrten Schulplatz für die Tochter bekommen würde. Doch ein Auftrag entwickelt sich schnell zu mehr: Der ehrwürdige Schauspieler Kikuo Hasegawa (Akira Emoto) mietet Phillip als Interviewer, der Hasegawas Lebensgeschichte als Hinterlassenschaft für dessen Tochter entlocken soll. Je mehr die beiden miteinander sprechen, desto durchlässiger wird schließlich die Grenze zwischen Beruf und Privatleben...

"Rental Family" ist ein Film, der mit einem so bizarren, fast futuristisch anmutenden Konzept beginnt, dass er im ersten Moment wie Satire wirkt - und sich dann in eine leise, melancholische, manchmal beinahe rührende Untersuchung dessen verwandelt, was Familie überhaupt bedeutet. Dreh‑ und Angelpunkt dieser wunderschönen Story ist Brendan Fraser als Phillip Vandarpleog, einen amerikanischen Schauspieler in Tokio, der nach einem flüchtigen Werbe‑Ruhm nichts mehr als ein kleines Apartment, ein paar vergilbte Bewerbungsfotos und ein Loch in der Brust hat. Er ist nicht nur beruflich verloren, sondern emotional: ein einsamer Ausländer in einer Stadt, die ihn immer wieder an das glückliche Lachen von anderen Familien erinnert, ohne ihn selbst hineinzulassen. Diese Figur wird dann - fast wie in einem modernen Märchen - in die Welt der "Rental Families" hineingeschoben, einer fiktiven, aber an realen japanischen Dienstleistungen angelehnten Praxis, in der Menschen für konkrete emotionale Rollen gemietet werden: als verstorbener Vater, als verlorener Sohn, als Ehemann, als beste Freundin. Der Film kümmert sich nicht darum, dieses Konzept zu überprüfen, wie sozialkritisch oder moralisch fragwürdig es ist (man erinnere sich an "Alpen" von Yorgos Lanthimos, der diese ähnlich Idee in eine ganz andere Richtung steuerte); er nimmt es als Ausgangspunkt, um eine einfache Frage zu stellen: Wenn Menschen sich gezielt jemanden kaufen, der so tut, als würde er zu ihnen gehören - fühlt sich das dann weniger echt als viele Beziehungen, die wir "echt" nennen?

"Rental Family" ist dabei weniger ein Film über Plotstränge und sensationelle Wendungen, sondern ein Film über Gefühlszustände: Einsamkeit, Sehnsucht, das Gefühl, Teil einer Geschichte zu sein, auch wenn man sie nicht selbst geschrieben hat. Fraser spielt Phillip nicht als naiven, gutmütigen Dummkopf, sondern als müden, verletzten Menschen, der sich an die Rolle klammert, weil sie ihm zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl gibt, gebraucht zu werden.  Besonders spannend ist die Entwicklung seiner Beziehung zu Mia, einem kleinen Mädchen, das an ihn als Vater glaubt, und zu Kikuo, einem alternden Schauspieler, dessen Erinnerung zerbröckelt und den Phillip als Interviewer wieder an seine Zeit in jungen Jahren zurückerinnern soll. Der Film balanciert dabei permanent zwischen Wärme und Unbehagen. Er ist nie ganz unverdächtig, ein wenig zu lieblich, zu gefällig zu enden, und die komplizierteren ethischen Fragen - Lüge, Homophobie, alleinerziehende Eltern, gesellschaftlicher Druck - spart er bewusst oft aus, um nicht zu sehr aus dem emotionalen, fast heilenden Rahmen zu fallen. Gleichzeitig wirkt gerade dies auf eine gewisse Weise wahrheitsnah: Nicht jede Geschichte über Einsamkeit muss moralisch belehren; manche zeigen einfach, wie sehr Menschen sich daran klammern, wenigstens für eine kurze Zeit zu spielen, sie wären Teil eines Zusammenhangs, der sie sonst abstoßen würde. Oder wie Fraser in seiner Rolle sehr passend am Ende auf die frage von Mia "Warum lügen Erwachsene immer?" antwortet: "Weil es einfacher ist als die Wahrheit zu sagen." - und da muss man schon zugeben, ja, oft ist das so.

Insgesamt ist "Rental Family" ein Film, der sich bewusst auf den Unscheinbaren, den Übersehenen, den Durchschnittlichen fokussiert und daraus eine sanfte, aber beharrliche Parabel über die Rolle macht, die wir einander spielen, um uns zu fühlen. Er ist nicht ganz perfekt, nicht radikal, nicht immer tiefgründig - aber er ist ehrlich in seiner Suche nach Nähe, in seinem Blick auf die kleinen Gesten, mit denen Menschen sich gegenseitig durch die Welt helfen, er ist warmherzig und lieb. In einem Zeitalter, in dem viele über Vereinsamung sprechen, ist dies ein Film, der uns nicht nur an unsere Familie erinnert, sondern daran, dass Familie manchmal auch bedeutet, sich zu entscheiden, füreinander da zu sein - auch wenn niemand uns dafür gemietet hat. Sehr ergreifend, sehr einnehmend, einfach schön.

7,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Fox Searchlight/Disney

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