Samstag, 9. Mai 2026

12 Angry Men - Die 12 Geschworenen (1997)

https://www.imdb.com/title/tt0118528/

Ein junger Mann ist des Mordes an seinem Vater angeklagt. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Für fast alle der zwölf Geschworenen, die über sein Schicksal zu entscheiden haben, steht das Urteil bereits fest: schuldig. Damit droht dem Angeklagten die Todesstrafe. Doch einer der Geschworenen hegt Zweifel an der Eindeutigkeit der Beweise. In einer dramatischen Diskussion versucht er, auch die übrigen Juroren von der Unschuld des Todeskandidaten zu überzeugen...

William Friedkins Remake ist ein Film, der in vielen Aspekten den Mut eines Remakes besitzt, ohne dessen eigene, unverrückbare Präsenz zu erreichen. Er nimmt Sidney Lumets originalen 1957er Klassiker - dieses spartanische, aber unvergleichlich durchkomponierte Drama über zwölf Geschworene in einem schäbigen Besprechungsaal - und stellt sich dieselbe Aufgabe: denselben Text, dieselben Charaktere, dieselbe Spannung erneut zu bauen. Was er unterschlägt, ist, dass Lumet nicht nur einen Film, sondern ein Vorbild einer ganzen Gattung echter Kammerspielfilm‑Demokratie geschaffen hatte, dem kein Remake vollständig gleichen kann, ohne in einer dunklen Schattenbox zu enden. Friedkin, der sich hier als sehr nüchterner, aber respektvoller Vermittler zeigt, hat die Struktur von Reginald Roses Story fast unverändert übernommen. Die Geschworenen, die sich in einem staubigen Saal versammeln, um ein Urteil über einen jungen Hispanoamerikaner zu fällen, der unter Mordanklage steht, sind erneut eine Mischung aus Vorurteil, Aggression, Rationalität, Empathie und einfacher Müdigkeit. Die zentrale Dynamik - ein einzelner Juror, diesmal Juror Nr. 8, der allein für "nicht schuldig" stimmt und seine elf Kollegen lange, hart und durchaus physisch einnehmend von seiner Zweifel überzeugen muss - bleibt die Hintergrundmusik des Films.

Der wichtigste Unterschied liegt weniger im Skript als in der Art, wie die Figuren gezeichnet sind. Jack Lemmon, der Henry Fonda nachfolgt, spielt Juror Nr. 8 mit deutlich mehr innerer, fast väterlicher Sorge; sein Fokus liegt stärker auf der Moral, weniger auf der dezenten, aber stechenden Rationalität, die Fonda Lumet ausstrahlen ließ. George C. Scott übernimmt die Rolle von Juror Nr. 3, ein Mann, der sich in seiner Wut verbiestert, doch Friedkins Inszenierung lässt Scott emotionaler und sichtbarer explodieren, während Lee Cobb in Lumets Version die Aggression eher zurückhielt, bis sie sich umso kränkender anfühlte, sobald sie durchbrach. Friedkin inszeniert auch theaterhafter, Lumet kinematografischer: In der Neuauflage geben sich die Akteure mehr, nehmen Platz, sprechen lauter - und verlieren dabei etwas von der räumlichen und emotionalen Beklemmung, die dem 57er Meisterwerk so eigen ist. Ästhetisch unterscheidet sich der Film vor allem durch die Mittelzeit seiner Herstellung. Das raue, nahezu behelfsmäßige Set von 1957 - der primitive Ventilator, die klebrigen, schwitzenden Haare, das schummerige Licht, das die Hitze eines heißen Nachmittags nahezu körperlich macht - wird in der 97er Version durch eine etwas kühle, modernere, teils sterile Ausstattung ersetzt, in der sich die Sprache über die Temperatur verliert, die Metapher im Hintergrund verschwindet. In Lumet ist die Hitze nicht nur Raum, sondern Symbol für die Spannung selbst; bei Friedkin wird sie zu einem bloßen Motiv, das man sieht, aber nicht spürt. Die Kamerafahrt wird variabler, die Kameraführung professioneller, aber weniger lakonisch; die neuere Version zeigt mehr, während die alte nur das Nötigste zeigt - und dadurch tiefer greift.

Inhaltlich bleibt der Film tatsächlich nahezu identisch. Themen wie Vorurteil, elitäres Misstrauen gegenüber benachteiligten Gruppen, die Verantwortung der Demokratie, die Rolle der Emotion im rechtlichen Verfahren - all das ist in beiden Versionen präsent. In Friedkins Umsetzung werden einige Aspekte leicht aktualisiert (die Unterernährung der Figur Jane, die Rolle der Steelworkers, die politische Diskussion), doch der Kern, dass die Geschworenen individuell und kollektiv ihre eigenen Moralvorstellungen hinterfragen müssen, bleibt bestehen. Was Friedkins Film am stärksten fehlt, ist die Wucht des Neuen. Lumets Film trat in eine Zeit, in der ein solcher, fast minimalistischer, politischer Dialogfilm eine Sensation war; er hatte die Welt der Teleplays, Theater und Fernsehen in die Kinos gebracht und für eine Generation den Begriff "Kammerspielfilm" mit einem bestimmten emotionalen Gewicht versehen. Friedkin touren dagegen auf relativ solidem Boden: Die Geschichte ist bekannt, das Ende vorhersehbar, der Text seit Jahrzehnten geschützt. Dadurch wirkt diese Neuauflage eher wie eine saubere, solide Homework-Aufgabe als wie ein eigenes Meisterwerk. "12 Angry Men" von 1997 ist damit ein Film, der treu sein Material zeichnet, aber nicht ganz mit seinem Schatten mithält. Er ist ein respektvoller, oft intelligent gespielter, technisch ansprechender Unterrichtsfilm über die Schwierigkeit, gerecht zu denken, und ein verdienstvoller Beitrag, der heute einigen Zuschauern deutlich greifbarer erscheinen mag als der etwas schlichter gezeichnete, aber inhaltlich modernere Lumet. Doch wer den klassischen Film kennt, wird immer wieder merken, dass dieses Remake eine gelungene, aber nie originale Interpretation ist - ein interessantes Echo, das aber nie das Herz so ganz überwältigt wie Lumets 1957er Version.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe
: Filmstarts
Poster/Artwork: MGM

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