Donnerstag, 21. Mai 2026

Remarkably Bright Creatures - Das Glück hat acht Arme (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt33100314/

Tova Sullivan (Sally Field) arbeitet als Reinigungsfrau in einem Aquarium und ist seit zwei Jahren verwitwet. Der Verlust ihres Mannes hat sie sehr getroffen und schon früher ereilte sie ein schwerer Schicksalsschlag, als ihr Sohn in Alter von 18 Jahren spurlos verschwand. An ihrem Arbeitsort findet sie immerhin einen ungewöhnlichen Freund: den pazifischen Oktopus Marcellus, der das, was um ihn herum geschieht, sehr genau beobachtet, versteht und - für Menschen natürlich unhörbar - kommentiert. Als ein junger Mann namens Cameron (Lewis Pullman) eingestellt wird, fürchtet Tova zunächst um ihren Job. Doch bald stellt sich heraus, dass auch Cameron sein Päckchen zu tragen hat und ähnlich leidet wie Tova. Krake Marcellus erkennt im Gegensatz zu den beiden die Zusammenhänge und dank seiner hohen Intelligenz gelingt es ihm, ihnen dabei zu helfen, ihre seelischen Wunden zu heilen.

Die Netflix-Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Shelby Van Pelt.ist ein Film, der sich anfühlt, als hätte man sich in eine warme Decke eingekuschelt - angenehm, flauschig, und doch mit einem Hauch Kälte, wenn man sie morgens wieder wegzieht. Regisseurin Olivia Newman bringt die Romanvorlage auf die Leinwand ohne viel zu verwandeln: eine Witwe, eine Meerjungfrauentür, eine Waschmaschine für Träume - und ein großer, kluger Tintenfisch, der alles beobachtet, was die Menschen in ihrer Traurigkeit falsch machen. Im Zentrum steht Tova, gespielt von Sally Field, die nach dem Tod ihres Mannes vor 2 Jahren und dem Verschwinden ihres Sohns vor 30 Jahren Jahre immer noch in der Routine eines nächtlichen Reinigungsdienstes im örtlichen Aquarium lebt. Sie ist eine Frau, die sich bewusst an den Rändern der Gemeinschaft positioniert, die alles sauber hält, nur sich selbst nicht mehr. Ihre Einzigen, die sie wirklich sehen, sind die Meeresbewohner - vor allem Marcellus, ein großer, grüblerischer Octopus, dessen Bewusstsein durch Alfred Molinas Stimme (im Deutschen Lutz Riedel) in die Erzählung hineinwächst. 

Und das ist genau der Peak des Films: Er ist eine Liebeserklärung an ältere weibliche Figuren, die man in vielen Filmen nur als Randkommentar zu sehen bekommt. Tova wird nicht als bloße sentimentale Figur behandelt, sondern als eine intelligente, verletzte, beharrliche Frau, die sich hartnäckig weigert, sich selbst zu vergeben. Field spielt sie mit einer Mischung aus Widerstand, Ironie und fragiler Verletzlichkeit, die dem Film immer dann Halt gibt, wenn er droht, in die Flachheit eines harmlosen Netflix‑Afternoon‑Dramas abzurutschen. Dazu kommt Cameron, gespielt von Lewis Pullman, ein junger Musiker, der auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit nach Tova in die Küstenstadt kommt. Die Beziehung zwischen ihm und Tova ist keineswegs selbstverständlich, und genau das macht sie interessant: Sie prallen aufeinander, verletzen sich, sehen sich an, und entdecken langsam eine unerwartete Verbindung, die über die Jahre und die Lebensstationen hinweg funktioniert. Der Film überschätzt sie nie, sondern lässt sie wachsen, wie sie wachsen muss - steif, vorsichtig, mit Rückschlägen. Marcellus, der Tintenfisch, ist dabei sowohl Metapher als auch der Hauptprotagonist. Er ist nicht nur ein niedlicher, charismatischer Filter, der dem Film Auftrieb verleiht; er ist eine Figur, die die Einsamkeit in einer anderen Sprache erzählt. Seine innere Kommentierung, die von der Außenwelt um die Menschen in der Station, die er observiert, setzt eine gewisse Naivität voraus, die der Film teilweise aufrechterhält, teilweise aber auch aufgibt, wenn er sich in harmlosen Sitcom‑Momenten verliert. Aber genau das ist einer der Punkte, der dem Film seine einlullende Wirkung mitgibt.

Insgesamt ist "Das Glück hat acht Arme" ein Film, der sich bewusst auf leichte, behutsame, fast behagliche Weise inszeniert. Er ist nicht gewalttätig, nicht überraschend, nicht radikal - aber er ist ehrlich in der Annahme, dass manche Menschen erst dann wieder atmen können, wenn sie sich an jemanden binden, der genauso verletzt ist wie sie selbst. Es ist schlicht gesagt, ein schöner Film, der keinem weh tut. Er verspricht nicht so viel, wie er versucht zu halten, und behält doch etwas von der Wärme bei, die er ursprünglich übergeben wollte. Er ist kein absolutes Meisterwerk, aber ein freundlicher, gefühlvoller und gerade in der aktuellen zeit absolut willkommener Film - besonders für diejenigen, die sich selbst schon lange in der Badewanne der Vergangenheit gelegt haben und sich wünschen, jemand würde sie von dort abholen. 

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Netflix/Anonymous Content/Night Owl

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