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Sonntag, 19. Januar 2020

악마를 보았다 - Akmareul Boatda - I Saw The Devil (Korean Cut) (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1588170/

Kyung-chul (Choi Min-sik) ist ein gefährlicher Serienmörder, dem die Polizei schon lange auf den Fersen ist. Skrupellos und äußerst brutal vorgehend, vergreift er sich an jungen Frauen. An einem verschneiten Abend ermordet er Ju-yeon (Oh San-ha), die Tochter des Polizeichefs Jang (Jeon Gook-hwan), auf bestialische Weise. Ihr Verlobter – Geheimagent Soo-hyun (Lee Byung-hun) – schwört gnadenlose Rache. Er will Kyung-chul all die Schmerzen zufügen, die dieser seinen Opfern antut. Auch wenn er dazu selbst zum Monster werden muss. Er lässt sich für zwei Wochen beurlauben. Nicht, um das schreckliche Trauma zu verarbeiten, sondern um den psychopathischen Killer auf eigene Faust zu jagen. Ein erbarmungsloser Schlagabtausch beginnt, bei dem Soo-hyun seinen intelligenten Kontrahenten zu unterschätzen scheint ...

Nach "The Good, The Bad, The Weird" und "A Bittersweet Life" stellt der koreanische Revengethriller "I Saw The Devil" bereits die dritte Zusammenarbeit vom versierten Regisseur Jee-won Kim und seinem Hauptdarsteller Byung-hun Lee dar. Als kongenial gespielter Antagonist stand Min-sik Choi mit vor der Kamera, hierzulande hauptsächlich aus den der "Vengeance"-Trilogie entstammenden, von Chan-wook Park inszenierten "Lady Vengeance" und vor allem "Oldboy" bekannt. In den letzten Jahren hat Korea wie kaum ein anderes Land derart konsequent das Filmmovtiv Rache mit storytechnisch mal mehr, mal auch weniger durchdachten, aber stets hochwertig produzierten & edel inszenierten Streifen exportiert. Prägnante Merkmale sind zumeist der gelegentliche Hang zur Theatralik bzw. leicht langatmig anmutenden Erzählweise, recht unterkühlt & distanziert wirkenden Charakterdarstellungen, gut ausgearbeitete, stimmige Musicscores sowie das Einstreuen von kleinen Dosen schwarzen Humors respektive Zynismus. Darüber hinaus werden die Inhalte oft & gerne unter Zuhilfenahme der Darstellung von roher, urbaner Gewalt in verhältnissmässig ungeschönten Bildern transportiert, dem heutigen Trend der Stylized Violence eher ausweichend, wenn nicht sogar entgegenwirkend.

In den meisten der angesprochenen Punkte bildet auch "I Saw The Devil" keine grosse Ausnahme - hier allerdings haben eben diese Einzelelemente ihr für das funktionierende Gesamtergebnis jeweils notwendige System. In der Geschichte um einen rachedurstigen Geheimdienstagenten, der wieder und wieder den kranken Serienmörder stellt, welcher auch dessen schwangere Verlobte auf dem Gewissen hat, um ihn jedesmal etwas mehr körperlich geschädigt wieder laufen zu lassen und erneut die Jagd aufzunehmen, wartet ganz bewusst mit keinem eindeutigen Sympathieträger auf, dem das Publikum gerne folgt. Stattdessen kann man den Schmerz des Protagonisten Soo-hyeon als geneigter Zuschauer zwar durchaus nachvollziehen, wird auf der anderen Seite allerdings durch die zum einen ohnehin schon (wie zuvor erwähnt) distanzierte, unterkühlte Darstellungsweise sowie den immer ruchloser erscheinenden Handlungsmustern, bei denen weitere Morde an teils unschuldigen Menschen billigend in Kauf genommen werden, zunehmend irritiert. Währenddessen ist der psychopathische Serienkiller Kyung-Chul selbstredend ebenfalls nicht gerade als Identifikationsfigur angelegt, bekommt aber durch die andauernde Konfrontation mit - vermeintlich - noch kränkeren Subjekten in einer mit solchen Individuen scheinbar überfüllten Welt sowie der einen oder anderen (ebenfalls zuvor schon genannten) schwarzhumorig angehauchten Szene unterbewusst die leisen Sympathiewerte eines klassischen Antihelden zugespielt - freilich der nicht zu verkennende Erzbösewicht, und dennoch der eigentliche Star des Abends.

Bei den auf beiden Seiten gleichbleibenden, nach längeren Ruhephasen um so brachialer wirkenden Gewaltausbrüchen werden dann konsequenterweise nur wenige dieser Darstellungen dem Effekt überlassen, sondern vielmehr bewusst unspektakulär in Szene gesetzt, so dass man beinahe schon von dokumentarischen Zügen sprechen kann. Ähnlich wie auch der Rest des Films weder groß erklärt noch wirklich in eine eindeutige Richtung einnimmt, sondern weitestgehend nur beobachtet. Und so bleibt es ein paar dramatische Wendungen später dem Zuschauer am Ende selbst überlassen zu interpretieren, wer im Sinne des koreanischen Originaltitels "Akmareul Boatda" (bei welchem es die einleitende "Ich-Form" eben nicht gibt) nun in welchem Gegenüber - oder gar in sich selbst? - "den Teufel gesehen" hat.

Regisseur Jee-won Kim musste bereits für die koreanische Kinofassung Schnittauflagen hinnehmen, um für den Streifen eine vergleichbare Freigabe ab 18 Jahren zu bekommen, erst mit der dritten eingereichten Schnittfassung war das Korea Media Rating Board schließlich einverstanden. Hauptsächlich musste dort die offensichtliche Darstellung von Kannibalismus sowie ein paar Gewaltspitzen abgeschwächt werden. International wurde indes größtenteils die ungeschnittene Originalfassung von "I Saw The Devil" ausgewertet. Doch selbst hier bildete "I Saw The Devil" nochmal eine Ausnahme, denn selbst die SPIO/JK verweigerte der ungekürzten Fassung ihre Freigabe. Man nahm daraufhin die Dienste einer unabhängigen Juristenkommission in Anspruch, die dem Film letztendlich ungeschnitten die strafrechtliche Unbedenklichkeit bescheinigte. Für die hier besprochene koreanische Fassung nutzte Jee-won Kim die Gelegenheit der Auswertung seiner uneditierten Wunschfassung, um auch generell nochmal Hand an den Schnitt der gekürzten Kinofassung zu legen und entfernte im Nachhinein einige Szenen, die seiner Meinung nach den Filmfluss unnötig störten oder schlichtweg unwichtig für den Handlungsverlauf waren. Dabei kann man bei dem einen oder anderen Eingriff dieser Art durchaus geteilter Meinung sein. Für leichte Irritationen kann z.B. das vermeintlich kinderleichte Aufspüren der einzelnen Hauptverdächtigen durch Soo-hyeon in der Internationalen Version sorgen, während die Koreanische Kinofassung zumindest deutlich herausstellt, dass die Polizei diese Männer bereits im Visier hat und der Geheimagent sich der Ermittlungsarbeit der Gesetzeshüter bedient, um an diese heranzukommen. Schmerzlicher noch vermissen einige Fans des Streifens die harsche Sexszene zwischen Killer Kyung-Chul und der Freundin seines Kannibalenfreundes, welche den kranken Charakter dieser Individuen nochmal ordentlich unterstreicht. So stellt die Internationale Version letztlich zwar die Wunschfassung des Regisseurs dar, durchaus ihren eigenen Reiz haben aber beide Schnittfassungen.

8/10

Von NAMELESS Media kommt der Film in HD in der internationalen Kinofassung und dem "Korean Cut" auf einer zweiten Disc im auf 444 Stück limitierten Mediabook: 

Samstag, 19. März 2011

악마를 보았다 - Akmareul Boatda - I Saw The Devil (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1588170/

Kyung-chul (Min-sik Choi) ist ein psychopathischer Serienkiller, der von der Polizei bereits seit einiger Zeit gejagt wird. In einer Winternacht bringt er schließlich die Polizistentochter Joo-yun auf bestialische Weise um. Ihr Verlobter Soo-hyun (Byung-hun Lee), ein Agent des südkoreanischen Geheimdienstes, schwört Rache - auch wenn er dafür selbst zu einem brutalen Monster werden muss...

Bei "I Saw The Devil" handelt es sich um einen Racheepos mit heftigem Gorefaktor und üblen Schockmomenten, wer also etwas zarter besaitet ist, sollte sich diesen Streifen eher nicht anschauen, ist wirklich grenzwertig, aber für den Film zweckdienlich.

Rache à la "Oldboy", bloß frei nach Schnauze. Zu Beginn des Films und damit direkt im Geschehen, sehen wir eine Frau mit Autopanne, die von einem vermeintlichen Helfer motivlos übel massakriert und umgebracht wird. Schon hier wird mit dem Zuschauer nicht zimperlich umgegangen. Ihr Verlobter (Byung-hun Lee), seines Zeichens Agent, versucht den Mörder noch vor der Polizei ausfindig machen, um diesen für ihn tragischen Verlust zu rächen und sein inniges Versprechen nach Rache wahrzumachen. Was wir hier zu Gesicht bekommen, ist ein völlig durchgeknallter Frauenschänder, gespielt von "Oldboy"-Hauptdarsteller Min-sik Choi, der in den tiefen Hass von Agent Soo-hyun laufen soll. Dazu bedarf es natürlich nicht nur einer einfachen Tötung, nein, es muss ähnlich hart sein, wie des Schänders Lüste, nur in Richtung Vergeltung. Da wo "Oldboy" gezwungenermaßen "aufhört" Rache unverkettet weiterzudenken, fängt "I Saw The Devil" an, die Hammer zu schwingen und zwar so, dass man wohl das ein oder andere mal vor dem Bildschirm zusammenzucken dürfte. Mir gefällt die nachvollziehbar tiefgründige Note der Koreaner, die anders als in amerikanischen Rachefilmen wie "Gesetz der Rache", etwas mehr den emotionalen Kern der Sache trifft, als sich in blanker, durchdachter und unrealistischer Wut zu verzetteln.

An die Betrachtungsweise eines "Oldboy" vermag das nicht heranzukommen, das möchte und kann er aufgrund der Story aber auch gar nicht. Eventuell verdeutlicht wurde die Anlehnung an dieses Meisterwerk auch dadurch, dass Min-sik Choi kurzzeitig mal wieder mit dem Hammer unterwegs war, was auch unschwer am Cover zu erkennen ist. Nebenbei spielt er mal wieder grandios, aber diesmal grandios abscheulich. Eiskalter Killer bekommt hier definitiv eine neue Definitionsebene.

Unvermeidbar, dass die Story über die Lauflänge von knapp 135min an mancher Stelle etwas konstruiert wirkt, spannender könnte sie allerdings wohl kaum sein, gerade weil einem die Figur des Täters ziemlich echt vorkommt und man kameratechnisch oft nah an ihm und seinen Greueltaten dran ist, erschreckend nah. Erschreckend nah auch an seiner Verfolgung. Alles in allem eine gut inszenierte schauderhafte Darstellung verstörender Perversität, mit den tiefen, rachegetränkten Hassgefühlen eines blitzgescheiten Agenten mit Plan auf der anderen Seite. Wer auf Rachethriller mit kaltblütigem Gorehorror steht, sollte hier zugreifen, zu mal man sich solche ungeschönten Filmenden in Hollywood wohl kaum trauen wird. Grandios!

8/10

Von NAMELESS Media kommt der Film in HD in der internationalen Kinofassung und dem "Korean Cut" auf einer zweiten Disc im auf 444 Stück limitierten Mediabook:


Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Showbox/Peppermint&Company

Sonntag, 10. Februar 2013

復仇者之死 - Fuk Sau Che Chi Sei - Revenge: Sympathy For The Devil (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1778258/
 
In Hongkong treibt ein Serienkiller sein Unwesen. Sein Ziel: Polizisten und ihre schwangeren Frauen. Die Polizei versucht alles, um dem brutalen Mörder das Handwerk zu legen. In dem 23-jährigen Kit finden die ermittelnden Polizisten schnell einen potenziellen Tatverdächtigen, dem man unter Folter ein Geständnis zu entlocken versucht. Doch sie bekommen mehr als sie sich erhofft haben. Es offenbart sich die grausame Wahrheit, dass hinter den Morden ein durchdachter Racheplan steckt. Die Rache für die Vergewaltigung einer jungen und geistig behinderten Frau. Die Täter: Polizisten…

Ein sehr blutiger Thriller im Stil von "I Saw The Devil" oder "Dream Home". In Hongkong treibt ein Serienkiller sein Unwesen und sein Ziel sind Polizisten und ihre (teils hoch-)schwangeren Frauen. Die Polizei findet in dem 23-jährigen Kit schnell einen potenziellen Tatverdächtigen, dem man unter Folter ein Geständnis entlocken kann, doch sie bekommen mehr als sie sich erhofft haben, denn hinter den Morden steckt ein raffiniert ausgearbeiteter Racheplan. Zum Glück setzt der Film mehr auf Story als auf Gewaltspitzen und Schauwerte, die - wenn sie dann in Szene kommen - nicht gerade zimperlich präsentiert werden. Interessant und erwähnenswert ist, dass der Film in Kapitel unterteilt ist, die durch Texteinblendungen wie bei einem Buch hervorgehoben werden. Das gibt dem Gesamtpaket genau die richtige Würze, um auch spannend und bis zu einer gewissen Stelle unvorhersehbar zu bleiben. Der Film ist in Deutschland übrigens um 11 Minuten geschnitten, jedem interessierten Betrachter sei die ungeschnittene östereichische Fassung demnach ans Herz gelegt. Alles in allem ein sehr guter aber stellenweise auch schmerzhafter Thriller.

7,5/0


Von der österreichischen Firma DRAGON kommt die ungeschnittene Fassung in einem schicken und zugleich limitierten Mediabook:


Montag, 14. August 2017

곡성 - 哭聲 - Goksung - The Wailing - The Wailing: Die Besessenen (2016)

http://www.imdb.com/title/tt5215952/

In Goksung, einem kleinen Ort abseits der großen Stadt Seoul, stimmt etwas ganz und gar nicht: Familienangehörige gehen aufeinander los, bis es Tote gibt. Manche Dorfbewohner begehen Selbstmord – und die, die besser dran sind, bekommen merkwürdige Ausschläge auf der Haut. Ist der mysteriöse japanische Fremde (Jun Kunimura) schuld, der in seiner abgelegenen Waldhütte verdächtige Rituale durchführt? Polizist Jong-gu (Kwak Do-Won) bleibt nicht viel Zeit, die Vorfälle zu klären, den er ist persönlich betroffen: Seine kleine Tochter hat sich verändert, benimmt sich von Tag zu Tag rätselhafter. Während Jong-gu zunächst im Dunkeln tappt, ist die Sache für den koreanischen Schamanen Il-gwang (Hwang Jeong-min) klar: Ein Dämon muss im Dorf sein! Also beginnt Il-gwang mit der aufwändigen Austreibung...

Das südkoreanische Kino offenbart einen weiteren Meister seines Fachs, der mal eben so in die Fußstapfen von Park Chan-Wook und Bong Joon-ho tritt. Regisseur Na Hong-jin's "Chaser" (2008) und "The Yellow Sea" (2010) stellten bereits das Talent dieses großartigen Regisseurs unter Beweis und stellten klar, dass er einen ganz natürlichen Instinkt für elektrisierende, spannende Erzählungen hat, die nicht ganz gewöhnlich und eben nicht von der Stange kommen, sondern verschiedene Genreelemente in einem großen Ganzen vereinen. Und Na Hong-jin lässt ebenjene Intensität über den Rand des Abgrunds von Angst und Aberglauben über den Zuschauer in seinem neuen Film, "The Wailing", hereinbrechen.

Rein inszenatorisch erinnert "The Wailing" an "Memories Of Murder" und zieht den Zuschauer durch eine Reihe von Ereignissen zu Beginn sofort in seinen Bann. Dabei schafft es Hong-Jin, dass sich der Film ganz anders anfühlt, als die Beschreibung vermuten ließe - irgendwie komödiantisch und typisch asiatisch übertreibt hier der Protagonist seine Arbeitsweise, ohne dabei ins allzu lächerliche abzudriften, aber dabei sogar noch etwas Slapstick zu offenbaren. 


Der Film beginnt. Morde geschehen. Für Detective Jong-goo (großartig und vor allem überzeugend und glaubwürdig gespielt von Kwak Do-won) ein großer Fall in diesem verschlafenen Vorort Goksung, aber anscheinend nicht groß genug für ihn, um das Haus zu verlassen, ohne zu frühstücken. Dieser Humor verwirrt. Ist dies nicht ein Horror-Thriller? Doch Hong-Jin ist ein Genie. Er verlässt die humoristische Ebene nach einer ganzen Weile eher schleichend, ohne dass der Zuschauer es merkt und nimmt ihn mit auf die Spuren eine rituellen Exorzismus bis hin zum okkulten Thriller, bei dem am Ende gar nichts mehr so ist wie es anfänglich schien. Beim Exorzismus wackelt das filmische Konstrukt etwas und die Fassade beginnt zu bröckeln, doch gerade rechtzeitig reißt Hong-Jin das Ruder herum und macht aus dem anfänglich sehr humorigen Film einen bösen Horror-Thriller, von dem man längst vereinnahmt wurde. Das dreckig-diesige Setting tut dazu sein Übriges. Ständig schwelt ein bedrohliches Etwas im Hintergrund, welches sich wie ein unangenehmes Gefühl über die Szenerie legt, ohne das man genau weiß, worauf sich dieses Gefühl gründet.


"The Wailing" ist dabei kein grotesk-blutiger Streifen (wie man sie von Filmen wie "I Saw The Devil" oder sogar "A Tale Of Two Sisters" kennt), obwohl es einige blutige Stellen gibt. Der Horror spielt sich - wie so oft im asiatischen Kino - in den Köpfen der Zuschauer ab. Mit der passenden musikalischen Untermalung von Dalpalan bildet der Film ein in sich stimmiges Werk. Typisch ist auch die Sprachgewalt und der asiatische Stil, einer Sache auf die Spur zu kommen. Es geht stellenweise sehr hart zu, aber mit viel Geschick wird der finale Twist dieser bizarren, zweideutigen Handlung umschifft, der dem Zuschauer dann endgültig einen Schauer über den Rücken jagt. Oft als comichafte Farce verpackt versteht es der Film obgleich seiner Laufzeit von 153 Minuten den Zuschauer von Anfag bis Ende zu fesseln - mit lediglich einem kleinen Durchhänger im Mittelteil.

"The Wailing" ist eine Erzählung von einer seltsamen, mörderischen, Wut-induzierenden Krankheit, die in einem abgelegenen Dorf, das von schroffen Bergen flankiert ist, auftaucht: der Ort heißt Goksung, ein Name, der den Titel des Films trägt und der in den chinesischen Schriftzeichen, die seinen Namen bilden, verschachtelt ist. Hong-Jin hätte diese Story sicher auch in 90 Minuten abdrehen können, doch er füllt die zweieinhalbstündige Laufzeit mit einer ganzen Fülle an Intrigen, Rätseln und Mysterien. Dabei strukturiert er die Geschichte wie eine polizeiliche Prozedur, bei der man von Beginn an an den Ermittlungen beteiligt ist. Intensiv, überraschend und innovativ erzählt "The Wailing" von einer Seuche, die sich als Dämonenwerk entpuppt. Was ganz anderes und einfach richtig gut. Ein Genrefilm, der sich selbst beinahe schon zur Kunstform erhebt.

7,5/10

Danke an das Label Pierrot Le Fou, welche mir den Film zum Review zur Verfügung gestellt haben. "The Wailing: Die Besessenen" ist ab dem 12. Oktober 2017 im Kino zu sehen und wird im Frühjahr 2018 auf DVD, BD und im limitierten Mediabook im Handel erhältlich sein.

"Pierrot Le Fou UNCUT #11", so lautet der Editionsname des limitierten Mediabooks, welches den Film in der ungeschnittenen Fassung enthält:  


Quellen:
Inhaltsangabe: Pierrot Le Fou
Poster/Artwork: Pierrot Le Fou

Freitag, 30. Dezember 2016

아저씨 - Ajeossi - The Man From Nowhere (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1527788/

Pfandleiher Tae-Sik Cha (Won Bin) will nur seine Ruhe haben. Zurückgezogen und unauffällig geht er seinem Beruf nach und freundet sich nur ein wenig mit einem kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft an. Als deren Mutter Drogen von einem mächtigen Kartell stiehlt und die Ware im Pfandhaus versteckt, ist es mit der Ruhe vorbei. Die Gangster entführen Mutter und Tochter und zwingen Bin Won einen Job für sie zu erledigen. Doch sie ahnen nicht, mit wem sie sich da angelegt haben. Denn Tae-Sik war nicht immer ein Pfandleiher, er hat eine Vergangenheit... und er hat vor allem nichts zu verlieren...

Alles endet mit einem gequälten Blick irgendwo zwischen Hoffnung und Ausweglosigkeit. Zwei Gefühlsregungen, die sich im Großstadtgewusel Seouls immer diametral gegenüberstanden. Wo die Hoffnung herziehen, wenn Ausweglosigkeit jede Sekunde des Lebens dominiert und der Gedanke an die eigene Zukunft eine zeppelingroße, leere Blase ist? Der mürrische und vergangenheitsgeschundene Antiheld Cha Tae-sik (wunderbar impulsiv und mitunter apathisch gespielt von Won Bin) füllt diese Leere mit einer platonischen, fast schon melancholischen Beziehung zum vernachlässigten und frühreifen (auch in schauspielerischer Hinsicht) Mädchen So-mi (Kim Sae-ron), wie man es von Jean Reno und Natalie Portman in "Leon - der Profi" kennt. Eine so glaubhaft verbildlichte Bindung zweier Ausgestoßener als Vehikel für eine recht simple Rachestory nach altbekannten Mustern, Rollenverteilungen (unschuldig dreinblickendes Mädchen, einzelgängerischer Protagonist, ausgeflippter Bösewicht) und den legendären Gewaltauswüchsen des Asia-Kinos.

"The Man From Nowhere" mag inszenatorisch nur halb so künstlerisch gewieft wie seine koreanischen Genrebrüder ("The Chaser", "Oldboy", "I Saw The Devil") sein. Die Seoul-typische Verkommenheitsästhetik – allseits prononciert in gräulicher Tristesse und unentrinnbarer Abgründigkeit – hat Regisseur Lee Jeong-beom allerdings in all seiner Grässlichkeit perfektioniert. Drogensyndikate, Menschen- und Organhandel, versiffte Wohnbaracken, Gewalt als legitimes Kommunikationsmedium. Wenn Jeong-beom das Milieu der sozialen Großstadtverlierer durchleuchtet und skizziert, zeigt sich die Extravaganz des so poppig-schillernden Südkoreas höchstens als Spielwiese der dekadenten Verbrecherbanden, als Hort des personifizierten Übels.

In fein choreographierten, manchmal etwas zu hektisch geschnittenen Actionsequenzen geschieht die letztlich letale Gewalt zunächst meist im Off, weil die Kamera im finalen Moment wegdreht. Doch die Wut staut sich an. Hat Jeong-beom den Bluthahn erst noch resistent geschlossen gelassen und dann stetig gelockert, muss er am Ende gezwungenermaßen aufdrehen und geradezu entfesselt das gesamte Elend seiner Geschichte in einer explosiven Gewaltorgie kanalisieren und abfließen lassen. Hätte man das hemmungslose Schnetzeln am Ende anderen Produktionen vermutlich als reinsten Brutalo-Fetisch und Befriedigung des Voyeurismus angelastet, bleibt "The Man From Nowhere" in all seinen Aktionen glaubwürdig. Weil die Bindung zwischen So-mi und Cha Tae-sik so real und emotional erscheint. Weil die Gräuel im Moloch der Metropole so authentisch wirken. Weil die Perspektivlosigkeit so spürbar ist. Weil man sich für die beiden eben irgendwie Hoffnung anstatt Ausweglosigkeit wünscht. Und wenn sich koreakitschige Theatralik, Gefühligkeit und Sanftmut mit bis zur letzten Konsequenz exerzierten Gewaltphantasien symbiotisieren, kann letztendlich schon fast nichts mehr schief gehen.

8,5/10 

Quellen
Inhaltsangabe: Splendid
Poster/Artwork: Splendid