Sonntag, 11. Juni 2017

아가씨 - Agassi - The Handmaiden - Die Taschendiebin (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4016934/

Korea in den 1930er Jahren, während der Besatzung durch die japanischen Invasoren: Die junge Sookee (Kim Tae-Ri) ist eine gerissene Taschendiebin, die sich von der reichen japanischen Erbin Hideko (Kim Min-Hee) als Dienstmädchen einstellen lässt. Sookee zieht auf das abgelegene Anwesen, auf dem Hideko völlig zurückgezogen mit ihrem Onkel Kouzuki (Jin-Woong Cho) lebt. Was Hideko allerdings nicht weiß: Sookees Anstellung als Dienerin ist Teil eines perfiden Plans, den sie zusammen mit einem Heiratsschwindler (Jung-Woo Ha), der sich als Graf Fujiwara ausgibt, ausgeheckt hat. Der falsche Graf und das Dienstmädchen planen, die junge Erbin um ihr gesamtes Vermögen zu erleichtern. Und zunächst läuft alles wie am Schnürchen – bis ganz unerwartet Sookee und Hideko echte Gefühle füreinander entwickeln...

Park Chan-wooks neuer Film, eine Adaption des Kriminalromans "Solange du lügst" (Originaltitel: "Fingersmith") von Sarah Waters, erzählt vor allem eine große, sehnsüchtige, wunderschöne Liebesgeschichte. Aber ansonsten ist in den erlesen fotografierten Bildern nichts, wie es scheint. Jeder verstellt sich, alle betrügen alle, keiner sagt die Wahrheit. In seinen besten Momenten spielt "Die Taschendiebin" dabei mit den Wechselwirkungen aus Macht, Abhängigkeit und Leidenschaft, denn die Bedürfnisse aller Protagonisten sind miteinander verwoben und ihr Verhältnis zueinander befindet sich stets im Fluss, was dem Film sein Suspense verschafft.


Das abgelegene Haus ist eine im doppelten Sinne koloniale Trutzburg: halb englisches Herrenhaus, halb japanisches Anwesen, angefüllt mit allerlei luxuriösen Interieur, Möbeln und Stoffen der westlichen und der östlichen Überkultur. Wie ein übermächtiges Lebewesen wirkt das Gebäude, in dessen Keller Dinge vorgehen, von denen man eigentlich nichts wissen möchte. "Die Taschendiebin" ist damit auch ein Märchen im Gewand eines Thrillers. Es handelt von zwei einsamen schönen jungen Frauen, zwei Waisenkindern, die einander Halt geben. In den intimen Winkeln des Gebäudes kommen die vermeintliche Zofe und ihre Herrin einander näher. Geradezu fetischistisch fährt die Kamera zu Beginn mit den Augen der Taschendiebin über Hidekos Schuhe, Handschuhe, Kleider, Juwelen. Erotische und materielle Faszination sind eins. Bis zu einer Liebesszene, die in der beiderseitigen Verstellung beginnt und sich im Exzess befreit: Hideko bittet ihre Zofe, ihr zu zeigen, wie der um sie werbende Graf sie lieben wird. 

Parks Werk sinniert in drei Akten geschickt über den schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Fetisch, zwischen positiven Kräften, die die Figuren antreiben und negativen, die sie in den Untergang ziehen. Dabei gelingt es dem Regisseur fabelhaft, das Geschehen wahlweise durch ein wohlwollendes Augenzwinkern zu ironisieren, oder es aber leicht spöttisch zu hinterfragen und als grotesk zu entlarven. Die Exzesse aus Parks früheren Werken finden sich auch hier, allerdings deutlich vergeistigt – wo die Gewalt von "Oldboy" oder "Sympathy For Mr. Vengeance " die Körper der Figuren malträtierte, verkehrt Park den Ansatz in "Die Taschendiebin" ins Gegenteil und schildert gleich im doppelten Sinne die Befreiung aus geistiger Gefangenschaft durch die Freuden der Körperlichkeit.

Selbst der erste Teil des Films, dessen stockender Handlungsverlauf erst androht ins Leere zu laufen, verschlingt den Zuschauer. Die Opulenz der Inszenierung und die langen bewusst gesetzten Einstellungen um zum Beispiel die unwirkliche Ästhetik der mit prachtvollen Bäumen gesäumten Allee einzufangen sind in Perfektion vollendet. Mit dem zweiten Teil mindert sich zwar nicht die visuelle und akustische Virtuosität, aber die Handlung fängt an sich zu entwickeln und den Zuschauer zu greifen. Durch das Durcheinanderwirbeln der Charakterkonstellationen, gewinnen die Figuren an Leben und damit die Handlung an Spannung. Das baldige Erahnen des weiteren Verlaufs löst die Spannung nicht auf, denn die Umsetzung weiß immer wieder zu überraschen. Im Rollenspiel entgleiten die Rollen, entsteht zwischen Küssen, Stöhnen, ineinander verschlungenen Körpern, sexueller Ekstase der erste Moment der Aufrichtigkeit zwischen den beiden Frauen. Von nun an scheint es, als müssten Hideko und Sookee sich und ihre Gefühle vor der Allgewalt des Gebäudes verstecken. Die Kamera erspäht ihre Gesichter zwischen Wänden und Lampenschirmen, erblickt sie durch hölzerne Treppengeländer, hinter Fensterrahmen und Säulen.


So erzählt Park Chan-Wook abermals auf untergründige Weise auch von der Gewaltgeschichte seines Landes. In seinem Film "Oldboy", der ihn 2003 schlagartig zu einem Star des internationalen Autorenkinos machte, hallten die ungesühnten Verbrechen der koreanischen Militärdiktaturen mit. Der Film war der Beginn einer extrem stilisierten, extrem gewalttätigen Rache-Trilogie. In "Die Taschendiebin" wird die japanische Kolonisierung zur Grundlage aller weiteren, auch privaten Machtverhältnisse. In einer Szene, als Sookee auf dem Anwesen ankommt, muss die junge Zofe ihren koreanischen Namen für einen japanischen abgeben. Auf die Frage, weshalb er die Kolonisatoren bewundere, sagt Hidekos koreanischer Onkel: "Japan ist schön, Korea ist hässlich." In der gigantischen Bibliothek des Anwesens hat der alte Lüstling eine riesige Sammlung erotischer und pornografischer Werke zusammengetragen, die er sich und seinen männlichen Gästen von seiner Nichte auf Japanisch vorlesen lässt. Es ist ein Missbrauch im Zeichen der kulturellen Raffinesse.
So klug, komplex und vielschichtig "Die Taschendiebin" ist, bleibt der Film im Kern doch schlagend einfach: Männer sind Schurken, und Frauen versuchen, sich von den Schurken zu befreien. Unterhaltsamer und ästhetischer kann man den Geschlechterkampf nicht inszenieren. Aber am Ende bleibt ein Film über einen kleinen Sieg sinnlicher, authentischer, weiblicher Sexualität gegen die Sexualität einer patriachaischen Welt, in der sie nur noch als brutale Perversion existieren darf.

8,5/10

Von KOCH Films erschien der Film in der "Limited Collector's Edition" im Hardcoverschuber mit umfassenden Buch zum Film, Setcards und natürlich der Kino- und Langfassung auf DVD und Blu-ray.

Quellen: 
Inhaltsangabe: Koch Films

Samstag, 10. Juni 2017

Headshot (2016)

http://www.imdb.com/title/tt5147214/

Ein unbekannter Mann (Iko Uwais) wird eines Tages bewusstlos an einem Strand aufgefunden. Seine Retter taufen ihn kurzerhand Ishmael, der wie durch ein Wunder noch am Leben ist, obwohl sich eine Pistolenkugel in seinem Kopf befindet. Im Krankenhaus wird er dann von der Ärztin Ailin (Chelsea Islan) wieder gesund gepflegt. Nur sein Gedächtnis scheint Ishmael für immer verloren zu haben. Denn sonst würde er sich noch dran erinnern, dass er vom unheimlichen Gangsterboss Lee (Sunny Pang) zur eiskalten Killermaschine ausgebildet wurde und dieser Ishmael töten lassen wollte, weil er sich von ihm lossagen wollte. Dummerweise kommt es nicht alle Tage vor, dass ein Mann eine Kopfschusswunde überlebt. Und als die Nachricht davon die Runde macht, kriegen auch Lee und seine Handlanger Wind davon. Auf der Jagd nach ihnen fällt ihnen dann ausgerechnet Ailin in die Hände...

Ein Problem von "Headshot" ist sicherlich, dass er sich - nicht zuletzt wegen Hauptdarsteller Iko Uwais - automatisch an den "The Raid"-Werken messen lassen muss, die nun mal zum Besten gehören, was aus diesem Bereich seit vielen Jahren zu sehen war. Das ist natürlich ein wenig unfair, denn, auch wenn die Mo-Brothers bei den Kampfszenen nicht die inszenatorische Raffinesse von Gareth Evans besitzen, bietet "Headshot" doch einige ordentlich inszenierte und vor allem extrem brutale Actionszenen.

Ein zweites Problem von "Headshot" ist jedoch die Story, die leider gar nicht zünden will. Natürlich braucht ein Actionfilm keine komplexe Story, aber eine, die funktioniert, damit man mitfiebern kann. Eine Story ist hier zwar in der Theorie auch vorhanden, aber irgendwie so ungeschickt und unmotiviert erzählt, dass man das Gefühl hat, der Film hangelt sich nur mit Mühe von einer Actionszene zur nächsten. Lee löscht konkurrierende Kriminelle aus, die ihn aus dem Geschäft drängen wollen? Völlig egal, der Zuschauer sieht nie wieder etwas von Lees Business, im Gegenteil, der scheint danach eigentlich nur in seinem "uneinnehmbaren" Bunker auf den Showdown zu warten. Aus dem initialen Aufhänger mit dem Gedächtnisverlust wird keine Spannung gezogen und von Tragik ist nichts zu spüren, wenn Ishmael gegen ehemalige Freunde kämpft.

Damit ist der Film im Grunde nach einer guten Stunde auserzählt, reiht dann nur noch einige Kämpfe aneinander, die sich allerdings nicht steigern, sondern zunehmend unspektakulärer werden, bevor der Film dann mit einem langen Nachklapp ausplätschert. Da stimmt das Timing einfach nicht, da fehlt trotz punktuell guter Action einfach die Power. Dennoch ist "Headshot" einer der besseren Vertreter des Genres und vor allem einer der brutalsten und schmerzhaftesten Actioner des letzten Jahrzehnts.

7/10

Von KOCH Films erschien der Film im limitierten Steelbook. Dieses beinhaltet den ungeschnittenen Film mit SPIO/JK-Siegel auf Blu-ray.

Quellen: 
Inhaltsangabe: Koch Films

Freitag, 9. Juni 2017

Missing In Action 2: The Beginning - Missing In Action 2: Die Rückkehr (1985)

http://www.imdb.com/title/tt0089604/

Der Vietnamkrieg nährt sich seinem grausamen Höhepunkt als der Hubschrauber von Colonel Braddock (Chuck Norris) und seinen Männern über feindlichen Gebiet abgeschossen wird. Die Überlebenden werden zehn Jahre lang unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten und gefoltert. Mitten im Dschungel gefangen, gibt es keine Aussicht auf Rettung. Der sadistische Kommandant Yin will die Männer dazu zwingen, Kriegsverbrechen zu gestehen. Als sein Kollege an Malaria erkrankt, sieht sich Braddock gezwungen das Geständnis zu unterschreiben, damit die Krankheit behandelt werden kann. Doch Yin hält sich nicht an seine Abmachung. Nachdem einer seiner Kameraden bei lebendigen Leib verbrannt wird, hat Braddock die Faxen endgültig dick: Er flieht in den Busch und startet einen Rachefeldzug. Braddock will sich an Yin rächen. Wird er der Dschungel-Hölle jemals entkommen?

Cannon-Filme - entweder man liebt sie oder man hasst sie. Dazwischen gibt es nichts. Aber wenn man sie mag und zu Beginn das Logo sieht, sitzt man in einer Zeitmaschine und wird zurückkatapultiert in eine Welt voller Gewalt, coolen Sprüchen, muskelbepackten Kämpfern, die sich  mit einer Unmenge an Testosteron durch die Szenerie kämpfen. "Missing in Action 2: The Beginning", der sowohl vor "Missing In Action" spielt und auch vor dem Erstling gedreht wurde, kam nach "Missing In Action" als Prequel in die Lichtspielhäuser. Chuck Norris gibt sich hier als Colonel James Braddock die Ehre, in einem politisch mehr als fragwürdigen Actionfilm, die One-Man-Army zu mimen. Ein Trash-Actioner der an Sadismus kaum zu überbieten ist.

Norris hat auch bei diesem Teil alles im Griff und schickt die Vietnamesen zum Teufel. Ob mit Flammenwerfer, Roundhouse-Kick oder spitzen Gegenständen, Norris macht sie alle platt. Wie man es von einer Cannon-Produktion gewohnt ist, wird also blutig geballert, geschlitzt, sich menschverachtend verhalten und sich ordentlich auf die Fresse gehauen. Das sorgt für Unterhaltung, auch wenn die wirkliche Action in diesem Teil der Reihe ein bisschen auf sich warten lässt. Also alles schön dreckig-grimmig und Gegenspieler Soon-Tek Oh ist einer dieser unbezahlbaren 80er-Jahre-Bösewichte, die man spätestens nach 3 Sekunden bis aufs Blut hasst. Cannon-Filme kann man aber ohnehin nicht ernst nehmen. Die Devise lautet: Hirn raus, Action rein - und so kann sich jeder, der das beherzigt, an dieser herrlichen 80-Jahre-Rakete erfeuen.

6,5/10

Uncut und in HD kommt der Film von NSM im auf 444 Stück limitierten Mediabook.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Fanboys (2009)

http://www.imdb.com/title/tt0489049/

1998: Der Kinostart von "Star Wars: Episode I: Die dunkle Bedrohung", liegt noch sechs Monate entfernt. Für Fans ist das, worauf sie sehnsüchtig warten, viel mehr als bloß ein Film. Es ist ein Wendepunkt des Lebens, an dem sie endlich wieder in die von Jedi-Rittern und exotischen Aliens bevölkerte, weit, weit entfernte Galaxis eintauchen dürfen. Linus (Chris Marquette), Windows (Jay Baruchel) und Hutch (Dan Fogler) sind die größten Krieg der Sterne-Fans unter der Sonne. Eric (Sam Huntington) gehörte einst zu ihnen, verkauft aber mittlerweile lieber Autos in der Firma seines Vaters. Als er jedoch erfährt, dass Linus bald sterben und deshalb die Premiere des neuen "Star Wars"-Films nicht mehr miterleben wird, zaubert er einen wagemutigen Plan aus der Schublade: Es gilt, 2.000 Meilen nach Texas fahren, um dort in die Ranch von "Star Wars"-Schöpfer George Lucas einzubrechen und eine Kopie des Films zu stehlen. Doch das ist einfacher gesagt als getan: "Star Trek"-Fans, schwule Biker und die Internet-Ikone Harry Knowles (Ethan Suplee) drohen, der Mission ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Mit der handfesten Unterstützung von Fangirl Zoe (Kristen Bell) gelingt es dem Quartett schließlich, bis vor die Tore der legendären Skywalker-Ranch zu gelangen...

"Fanboys" bietet waschechten "Star Wars"- Fans eine herrliche Story, die durchaus auch im dramatischen Aspekt eine nicht zu verleugnende Qualität besitzt und neben vielen grandiosen Gastauftritten auch ein Gespür für die passenden humoristische Untermalung hat. Besonders schön und witzig ist die uralte Rivalität zwischen "Star Wars" und "Star Trek" die hier in einigen saukomischen Momenten thematisiert wird. Wenn man die Fanbrille einmal abnimmt fällt es durchaus negativ ins Gewicht dass nicht alle Gags besonders hochwertig oder originell sind und so einige Hampeleien des Darstellers Dan Fogler wirken sehr antiquiert. Auch die ganz großen Seitenhiebe gegen die neue "Star Wars"-Trilogie bleiben aus (bis auf ein bissiges „What if the movie sucks?“ am Ende). Der Konflikt mit den Trekkies wirkt nur trotz der Gags gezwungen lustig, die Charaktere bleiben klischeehafte Stereotypen, und als Road Movie taugt "Fanboys" auch nicht so richtig.

Aber was soll's: Sobald Carrie Fisher und Billy Dee Williams ihre Cameos haben, ist das alles egal. Einige Anspielungen erfreuen dann doch noch die Fanboy-Seele, und spätestens, wenn einer der Charaktere gefragt wird, wer denn in "Episode V" Regie geführt hat und der Zuschauer synchron mit den Fanboys "Irvin Kershner" antworten, weiß man: das ist ein Film für Fans. Denn selbst mit den oben beschriebenen Makeln ist "Fanboys" für "Star Wars"-Neulinge ein großer Spaß, nur wer überhaupt keine Ahnung vom Sternenkrieg hat oder sich komplett der Crew der Enterprise verschworen hat, sollte mit diesem Film für Fans von Fans nicht viel anfangen können. Als Fan von Han Solo, Luke Skywalker und Darth Vader bleibt letztlich nur noch eines zu sagen: vielen Dank für einen wirklich herzigen, erfrischenden und witzigen Film. 

7,5/10

Von CAPELIGHT PICTURES kommt der Film in deutscher Erstveröffentlichung in HD im Mediabook mit 24-seitigem Booklet: 


Quellen: 
Inhaltsangabe: Capelight

Children Of The Corn III: Urban Harvest - Kinder des Zorns 3 - Das Chicago-Massaker (1995)

http://www.imdb.com/title/tt0109415/

Ein junges Paar nirgendwo in den in den Weiten Nebraskas mit seinem Auto unterwegs, als sie plötzlich einen Jungen überfahren. Bei dem Unfall war dieser jedoch schon tot, irgendwer muss ihn auf die Straße geworfen haben. Sie packen die Leiche in den Kofferraum und wollen ihn den Behörden in der nächstgelegenen Stadt übergeben. Sie kommen nach Gatlin und stellen fest, dass die Stadt völlig ausgestorben ist. Alle erwachsenen Bewohner wurden von ihren Kindern getötet, die einem grausamen Kult nachgehen...

Von den "Kindern des Zorns" sind nur noch zwei Brüder übrig: Eli und Joshua. Der eine ein überzeugter Anhänger des Kultes und nach wie vor besessen von der Idee, dass Kinder die Macht übernehmen und der andere aus Pflichtgefühl mehr oder weniger dabei, hinterfragt aber, angesichts einer nie gekannten Moderne der Großstadt und dessen Annehmlichkeiten des Jugendalltages die Motive und die Idee. Schließlich wendet er sich gegen seinen Bruder und nimmt den Kampf mit ihm auf. Das hätte eigentlich ganz interessant sein können. Immerhin stimmt die Atmosphäre und die Handlung eigentlich durchgehend spannend und unterhaltsam. In den 92 Minuten gibt es fast keine Längen und die Story wird kontinuierlich und rhythmisch gut vorangetrieben. Auch die Charaktere wurden unaufgeregt entwickelt und auch wenn man sich einiger Klischeeabziehbilder bedient (etwa die schwarzen Schulkinder: Rap, Basketball, Aggression), so wirkt das Konstrukt stimmig und passend. Auch das Drehbuch soweit in Ordnung, unnötige oder dumme Dialoge gibt es jedenfalls selten.

Die schauspielerischen Leistungen sind für einen solchen Film ebenso gut, besonders Daniel Cerny verkörperte den frühreifen Prediger sehr glaubwürdig. Michael Ensign überzeugte als die Kontrolle verlierender Schulpfarrer ebenfalls, auch Nancy Grahn sticht als nervöse und unsichere Adoptivmutter, die als erste vermutet, dass mit den Kindern etwas nicht stimmt, positiv heraus. Was jedoch (nicht wenige) Punkte kostet, ist das zu zeigefreudige Finale, welches jeglichen Mythos zerstört. Es ist zudem völlig übertrieben und wenngleich es die Macher wohl für gekonnt hielten, verfehlt es die vermutlich angestrebte Wirkung gänzlich. "Kinder des Zorns 3" ist damit insgesamt (und das war von vornherein klar) kein Meisterwerk, für den dritten Teil eines zweitklassigen Horrorfilms aber durchaus passabel und gelungen. Er muss sich hinter den beiden anderen Teilen jedenfalls nicht verstecken, die Verlegung des Ortes des Geschehens in die Großstadt ist geglückt. Wäre das Finale besser umgesetzt gewesen, es hätte für mehr gereicht.

5/10

Exklusiv im Vertrieb von NSM Records veröffentlichte CAPELIGHT PICTURES dieses Mediabook, welches die ersten drei Teile der Reihe beinhaltet. Da diese auch die Besten sind, macht das Fehlen der übrigen Teile gar nicht traurig. Das Mediabook ist limitiert und bietet im Buchteil interessante Infos zu den Filmen, die erstmals komplett deutsch synchronisiert und ungeschnitten in HD vorliegen.


Quellen: 
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Capelight

Montag, 5. Juni 2017

The Book Of Eli (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1037705/

Im Jahr 2044 ist die Erde nicht mehr das, was sie heute noch ausmacht. Kriegerische Auseinandersetzungen haben einen Hort der Zerstörung hinterlassen. Der einsame Kämpfer Eli (Denzel Washington) wandert durch die Vereinigten Staaten, wobei er eine wertvolle Fracht mit sich trägt. Er ist im Besitz eines begehrten Buches, dem große Macht zugeschrieben wird. Deswegen muss sich Eli vor dem brutalen Carneggie (Gary Oldman) in Acht nehmen, der schon lange hinter einem Exemplar des Buches her ist. Mit seinen Schergen hat Carneggie in einer heruntergekommenen Wüstenstadt ein kleines Reich aufgebaut, über das er mit erbarmungsloser Härte herrscht. Eli gerät aufgrund eines Streits mit Carneggies Männern aneinander, als er sich in dessen Stadt aufhält. Das bringt ihm einen Aufenthalt in einer von Carneggies Zellen ein. Nachdem sich Eli dem Bestreben Carneggies widersetzt hat, auf die Seite des gewalttätigen Anführers zu wechseln, entwickelt sich zwischen Eli und seinem Gegner ein Kampf bis aufs Blut.

"The Book Of Eli" beginnt als ein wunderbar dystopischer Actionfilm mit Denzel Washington und Gary Oldman in den Hauptrollen. Der Stil und die Ausstattung des Films sind wirklich gut gemacht; visuell wird man sofort in die verdorrte Wüste einer Welt nach der Apokalypse versetzt. Eli (Washington), der einsame Wanderer, der mit einem geheimnisvollen Buch im Gepäck durch die Landschaft zieht und Carnegie (Oldman), der Boss einer Straßenbande, auf der Suche nach noch mehr Macht und Kontrolle.

Optisch weiß der Film also ganz ausgezeichnet gefallen, die Handlung offenbart sich aber mit fortschreitender Weite als etwas schwach. Denn das titelgebende Buch verkommt in dieser kargen Landschaft recht bald zu einem religiösem Schatz. Kein Mysterium, kein großes Geheimnis, keine "Waffe", wie sie sich doch immer von Carnegie herbeigesehnt wird - und das ist der einzige große Pferdefuß des Films. Die zunächst mysteriöse und unnahbare Figur des Eli fällt in dem Moment in sich zusammen, indem er seine Motivationen offenbart. Anfangs vermittelt der Film wunderbar seine düstere Atmosphäre, gleitet dann aber immer mehr Richtung Religionsdrama ab. Das Buch bzw. eine Stimme, die durch ihn spricht, bewahrt Eli vor dem Tod und lenkt ihn zur Küste, wo er auf einen Stützpunkt trifft, in dem wertvolle Artefakte der "alten (unserer) Welt" gesammelt werden.

Oberflächlich betrachtet ist der Film also sogar großartig. Setting, Stimmung, Action, Gut und Böse, das passt. Jedoch ist der religiöse Hintergrund, auf den viel zu sehr abgezielt wird zu abgedroschen und platt und zieht den Film auf B-Movie-Niveau herab. Die Schauspieler wiederum überzeugen durch ihr authentisches Spiel, was dem Film trotz allem noch eine gewisse Tiefe verleiht. Immerhin.

6,5/10

Donnerstag, 1. Juni 2017

Dog Eat Dog (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4054654/

Der arrogante und geniale Troy (Nicolas Cage), der unberechenbare Mad Dog (Willem Dafoe) und Mafia-Symphatisant Diesel (Christopher Matthew Cook) sind entlassene Sträflinge, die versuchen, ihre neu gewonnene Freiheit zu genießen. Dabei dürfen sie sich keinen Fehler erlauben, denn ein Verstoß gegen die strengen Bewährungsauflagen würde sie umgehend wieder in eine dunkle Zelle bringen. Aber das Trio will sich niemandem beugen und nur nach seinen eigenen Regeln spielen. So holt die Vergangenheit den von einem beschaulichen Leben träumenden Troy alsbald ein, während sich Diesel von seiner Familie abwendet und sich sein Geld bei der Mafia verdient. Mad Dog zieht Katastrophen derweil beinahe magisch an. Die Drei wollen das perfekte Verbrechen verüben. Sie sollen für einen mexikanischen Mafia-Boss das Kind seines Kontrahenten entführen. Doch der Auftrag geht schief und ein Mann kommt ums Leben. Für die Ex-Knackis ist jedoch klar, dass sie nie wieder ins Gefängnis wollen, und so müssen sie sich etwas einfallen lassen...

"Dog Eat Dog" ist einer dieser Filme, bei denen man sich zunächst denkt: "War eigentlich ganz okay." Aber je mehr man über ihn nachdenkt, desto auffälliger werden seine zahlreichen Schwächen: blasse Charaktere, laienhafte Nebendarsteller, mehr Logiklöcher als vorhandene Handlung und diese ist spätestens ab der Hälfte des Films so egal, das nahezu nichts im Film eine Konsequenz hat. Lediglich Nicolas Cage und Willem Dafoe stechen aus diesem Konstrukt heraus und Dafoe steckt mit seinem Overacting Cage sogar noch locker in die Tasche. Schon der in grellem Pink gehaltene Prolog macht keine Kompromisse und lässt einen entfesselt aufspielenden Willem Dafoe von der Leine, der in der Rolle eines kürzlich entlassenen Häftlings zu Surfrock-Klängen erst die Ex-Freundin brutal absticht, um anschließend noch deren jugendliche Tochter zu erschießen, da sie ihm keinen Unterschlupf bieten wollten. Hier holt einen der Film gleich ordentlich ab, lässt im weiteren Verlauf die Kupplung aber immer weiter kommen, sodass am Ende fast Leerlauf herrscht.

Früher war Regisseur Paul Schrader einer der ganz großen Drehbuchautoren des Hollywood-Kinos. Heute ist er das schwarze Schaf an der reich besetzten Branchentafel. Paul Schrader weiß natürlich um seinen Ruf in der Traumfabrik, aber juckt ihn das? Offensichtlich nicht. Stattdessen läuft er, nachdem er in "Dying Of The Light" künstlerisch gnadenlos in die Schranken gewiesen wurde, mit "Dog Eat Dog" mal ordentlich Amok. Den Streifen könnte man, wenn man ihn denn unbedingt einem Genre zuordnen möchte, als neongrelle Gangster-Farce deklarieren, in der drei Ex-Knackis nicht gegen ihre Bewährungsauflagen verstoßen wollen, aber auch keinen Bock darauf haben, den ehrenwerten Weg zu gehen. Den gibt es nämlich nicht mehr. Paul Schrader berichtet von einem verwahrlosten, vom Medienkonsum vollkommen gelähmten Amerika, in dem sich alle Menschen vor Irren mit einer Pumpgun unter dem Kopfkissen beschützen sollten - und er berichtet somit natürlich auch von einem Amerika, in dem sich Irre ohne Probleme eine Pumpgun beschaffen können. Das ist zuweilen tiefschwarz, manchmal giftig, oftmals vollkommen daneben und konsequent verstreut. Leider ist dies nicht wirklich gut, aber grell.

"Dog Eat Dog"ist insgesamt ein schwarzhumoriger Gangsterstreifen, der vom glorifizierenden Pulp über Charakterdramamomente bis zum fast schon fiebrig-surrealistischen Finale allerlei Genreversatzstücke bunt mischt, was zugegebenermaßen nicht immer ganz glückt, dank der Hauptdarsteller Cage und Dafoe aber dennoch halbwegs gut funktioniert. Immerhin.

5,5/10