Freitag, 10. April 2020

Rocketman (2019)

https://www.imdb.com/title/tt2066051/

Mitte der 60er Jahre in einem Vorort von London: Reginald Dwight (Taron Egerton) ist ein ganz normaler Junge – ein bisschen kräftiger gebaut und ziemlich schüchtern. Nur wenn er am Klavier sitzt, kommt er so richtig aus sich heraus. Seine wahre Leidenschaft allerdings gilt dem Rock’n’Roll, den er aber erst nach seinem Umzug in die englische Hauptstadt ausleben kann. Gemeinsam mit Texter Bernie Taupin (Jamie Bell) mischt er die Londoner Szene schon bald auf, nur der richtige Name fehlt ihm noch. Mit seiner Umbenennung in Elton John beginnt für ihn schließlich der Aufstieg zu einer der schillerndsten Figuren, die die britische Unterhaltungsbranche jemals hervorbrachte. Er fällt mit seinen aufwändigen Kostümen auf, in denen er einen Nummer-1-Hit nach dem anderen abliefert – bis er eines Tages feststellt, dass nach einem raketenhaften Aufstieg ein tiefer Fall droht. Er kann nicht auf ewig Rocketman bleiben...

Nachdem die Geschichte Freddy Mercurys mit "Bohemian Rhapsody" Millionen Zuschauer in die Kinos lockte und vier Oscars abstauben konnte, kommt gefühlt nur kurze Zeit später das Biopic "Rocketman" in die Kinos. Es lässt sich dabei nicht vermeiden, diese beiden Filme zu vergleichen, erzählen sie doch beide die Geschichte eines berühmten, ehemals drogensüchtigen Sängers und das auch noch aus der Hand des gleichen Regisseurs, Dexter Fletcher. Doch eigentlich ist ein Vergleich unnötig, denn "Rocketman" wählt eine andere Form für seine Geschichte über Elton John: das Musical. Auch "Rocketman" steigt früh in die Geschichte ein. Reginald Dwight (Taron Egerton) entdeckte schon als Kind sein Talent. Er wächst bei seinen lieblosen Eltern (Bryce Dallas Howard und Steven Mackintosh) auf, die aber sein Talent fördern. Klavierstunden, die erste Band und schlussendlich das Treffen mit dem Songwriter Bernie Taupin (Jamie Bell) machen aus ihm einen Solosänger, der sich bald Elton John nennt. Seine Karriere wird schnell angekurbelt und zusammen mit Bernie schafft er viele Hits. Doch als Erwachsener klappt es nicht so richtig mit der Liebe, obwohl er sein Herz seinem Manager John Reid (Richard Madden) geschenkt hat und so flüchtet er sich in Luxus und Drogen.

Meistens entstehen Biopics bekannter Musiker erst nach deren Ableben. So verwundert es schon, dass es nun einen Spielfilm über Elton John gibt, der natürlich seinen Segen dafür gegeben hat. Verkörpert wird er von Taron Egerton – die beiden haben sich am Set von "Kingsman: The Golden Circle" kennengelernt, in welchem Elton John ein Cameo hatte. Vielleicht hat dort alles begonnen. Der Drehbuchautor Lee Hall schrieb für Elton John eine äußerst klassische Geschichte, die natürlich auf wahren Eckpunkten aus dem Leben des Musikers beruht. Der Film behandelt die Kindheit, geprägt von den lieblosen Eltern, das Erwachsenwerden, die Suche nach der Liebe und der Umgang mit Erfolg, der auch hier ohne Drogen und falsches Verhalten nicht zu bewältigen ist. Natürlich endet dieser Film nicht mit dem Tod, sondern mit einer positiven Botschaft, was gut zu dem Leben passt, was Elton John nun führt. Man könnte den Film als zu konventionell und ja auch vielleicht zu gefällig einordnen, aber die wahren Hintergründe und vor allem die Inszenierung als Musical, welche der Regisseur Dexter Fletcher wählte, geben dem Film den richtigen Drift, bei dem auch Stereotypen und Klischees keine kritikfähige Rolle spielen.

Denn als Musicaladaption glänzt "Rocketman" wie kein Zweiter. Gekonnt werden hier die biographischen Eckpunkte von einer rückblickenden Rahmenhandlung ausgehend, chronologisch erzählt und mit Musical-Elementen verbunden. Aus der Situation heraus, werden passende Songs in die Lebensschilderungen eingebunden und auch als Auftritte wiedergegeben. Dabei handelt es sich bei den Songs aber nicht um reine Wiedergaben bekannter Elton John-Songs, sondern die Arrangements gehen teilweise einen eigenen Weg und bekommen eine besondere Note durch die Darbietung der Darsteller. Natürlich überzeugt nicht jeder Schauspieler als großer Sänger, doch die Mischung stimmt und nimmt einen mit auf die Reise. Das liegt aber auch vor allem an Taron Egerton, der bereits beim Animationsfilm "Sing" sein Gesangstalent unter Beweis stellte, als er dem Affen Johnny seine Stimme gab und hier als Elton John glänzt. Er gibt seiner Figur etwas Eigenes, das eine gute Balance zwischen Fiktion und Realität findet. Zudem spielt er souverän die verschiedenen Stadien von Johns Leben, ohne dabei in irgendwelche Klischee-Fallen zu geraten und überzeugt mit seiner Bandbreite an Gefühlen. An seiner Seite spielt Jamie Bell. Er ist als Bernie Taupin die stimmige Inkarnation des Songschreibers, der die Stimme der Vernunft bleibt, und der perfekte Gegenpart zu Egerton. Dieses Ensemble, das mit viel Verve die Songs vertont und das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen schildert, ist neben der Musik die große Stärke des Films. Hinzu kommt eine mehr als souveräne Umsetzung, welche die Zuschauer wunderbar in die Zeit zurückversetzt und eine große Sorgfalt darauf legte, John selbst, seine Kleidung und seine verrückte Kostüme über die Jahre detailgetreu wiederzugeben. Am Ende des Films fühlt man sich glücklich, berührt, auch etwas schlauer und hat mit Sicherheit den einen oder anderen neuen Song für sich entdeckt.

"Rocketman" ist unterm Strich ein klassisches Biopic über Elton John, getaucht in ein wunderbares Musical-Kostüm. Hervorragend besetzt, allen voran mit Taron Egerton und Jamie Bell, verbindet der Film wunderbar die Lebensstationen mit der schmissigen Neu-Intonationen der bekannten Songs. Die Mischung funktioniert ebenso, wie auch die Liebe zum Detail, so dass man nach dem Abspann beschwingt noch tagelang die Songs weiter summt.

9/10

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