Montag, 27. April 2020

Borg/McEnroe - Borg/McEnroe: Duell zweier Gladiatoren (2017)

https://www.imdb.com/title/tt5727282

1980 ist der 24-jährige Schwede Björn Borg (Sverrir Gudnason) die Nummer eins auf der Weltrangliste im Herren-Tennis, aber auch von den Spuren seiner langen Karriere gezeichnet: Er fühlt sich ausgebrannt und müde. Das mit Spannung erwartete Finale des renommierten Tennisturniers in Wimbledon steht bevor, bei dem der besonnene Borg gegen den 20-jährigen John McEnroe (Shia LaBeouf) antreten muss, einen ebenso hitzköpfigen wie exzentrischen Newcomer aus New York. Während sich Borg mit Hilfe seines Trainers Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård) auf das Duell vorbereitet, sorgt McEnroe immer wieder für neue Schlagzeilen und fühlt sich bald von den Medien in einen Käfig gezwängt. Und so erkennen die beiden Männer trotz ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten, dass sie mehr verbindet, als man auf den ersten Blick ahnt...

Sportfilme sind ein abgekartetes Spiel. Wenn man sich als Zuschauer in den Kinosaal begibt, um sich mit der Vita eines Sportlers auseinanderzusetzen, so erwarten einen doch die immer gleichen Maxime und Motive. Selten jedenfalls vermag es ein Sportfilm zu vollbringen, nicht übermäßig pathetisch von der ungeahnten Willenskraft des Einzelnen oder der alles überbietenden Verbundenheit der Gemeinschaft zu sprechen. Ausnahmen aber bestätigen bekanntlich die Regeln und auch die Realität beweist in angenehmer Regelmäßigkeit, dass es im Sport durchaus möglich ist, Zeuge von Wundern zu werden. Das Spielfilmdebüt "Borg/McEnroe" des Dänen Janus Metz stellt eben eine der Ausnahmen dieses Genres dar und berichtet Berauschendes auf niemals reißerische Art, sondern nimmt sich Zeit für die titelgebenden Charaktere. Das Wimbledon-Drama von 1980 ist ein Stück packende Sport-Geschichte, das nebenher zu einem Björn Borg-Biopic verwoben wird. Neben Sverrir Gudnason als Borg konnte man Shia LaBeouf als John McEnroe gewinnen - beide treten stark auf und sehen den Tennisstars ähnlich genug, um so authentisch zu wirken, wie man es erwarten kann.


Des Weiteren ist es erfreulich zu sehen, dass sich Janus Metz keine Überlänge aufbrummt, um die Geschichte der beiden Tennis-Koryphäen Björn Borg und John McEnroe adäquat einzufangen. Stattdessen endet der Film nach knapp 100 Minuten und als Zuschauer fühlt man sich zeitlich nicht um wichtige Ereignisse betrogen. Stattdessen weiß "Borg/McEnroe" um die Breitenwirkung seines Thema, darf sich einer gewissen Vorbildung vollkommen bewusst sein und macht es erst einmal zu Aufgabe, verstehen zu wollen, mit was für Menschen wir bei Borg und McEnroe eigentlich zu tun bekommen. Während Borg schon früh lernen musste, dass Tennis kein Sport für alle gesellschaftlichen Schichten ist und den Schläger auch als Affront gegen diese soziale Segregation erhob, litt McEnroe unter einem ihn ständig in Frage stellenden Elternhaus. Sverrir Gudnason, der dem echten Björn Borg beinahe wie aus dem Gesicht geschnitten ist, agiert als jener Eisberg, zu dem Borg immer wieder ernannt wurde. Mit starrer Mine, gibt Gudnason einen Sportler, für den das Siegen keine Option mehr ist. Es ist ein Anspruch, der beinahe zur Ideologie geronnen ist. Dass der Sportsgeist dadurch natürlich in manische Dimensionen getrieben wird, versteht sich von allein. Auch McEnroe, den Shia LaBeouf in einer erneuten Großleistung verkörpert, ist ein Mensch, der sich selbst zum Siegen zwingt, um es der Welt zu bewiesen. Um genau dem Einhalt zu gebieten, was ihm in seinem Elternhaus tagtäglich widerfahren ist: Unterschätzung. Mag Borg auch der narrative Ankerpunkt sein, so funktioniert "Borg/McEnroe" doch erst durch das vielschichtige, lebendige Spiel eines Shia LaBeouf.

Der Rahmen stimmt also, wie auch die Handlung um den Werdegang des Supertalents Borg, der als Teen-Spieler ein ähnlicher Court-Rüpel war, wie später McEnroe - das kommt gut heraus. Der Unterschied: Borg schaffte es, sich mental derart unter Kontrolle zu bringen, dass man ihn als "Tennis-Maschine" bezeichnete. Der Film bringt dem Betrachter diese Charaktere wie zwei Boxer näher, die um den Schwergewichtstitel antreten, was für Spannung sorgt. Weniger gelungen ist die Umsetzung auf dem Platz - da weder LaBeouf noch Gudnason in Wimbledon stehen könnten, musste man mit (zu) vielen Schnitten nachhelfen, um es halbwegs echt aussehen zu lassen. Darunter leidet der Fluss. Zudem sind einige Schnitte so gesetzt, dass ein Ball selbst für den echten Borg unerreichbar wäre, er ihn aber nach dem Schnitt wie durch ein Wunder erlaufen hat und zurückspielt.

Aber natürlich geht es hier nicht nur um den Tennissport, den Björn Borg und John McEnroe dermaßen geprägt haben, dass sie auch heute noch als Götter dieses Rückschlagspieles gehandelt werden. Janus Metz hingegen nutzt das nervenaufreibende Aufeinandertreffen auf dem Centre Court, um die Spielfläche zum Seelenspiegel zu transformieren. Die umsichtigen Psychografien der beiden Besessenen wird während des Jahrhundertduells komplettiert. Hier geht es dann nicht einfach nur darum, genügend Sätze zu gewinnen, um den Gegenüber zu besiegen. Hier geht es darum, den Terror im Kopf endgültig verstummen zu lassen und den Preis zu zahlen, den der Legendenstatus nun mal einfordert. Und Metz inszeniert dieses sagenhafte 5-Satz-Finale, welches in jeder Top 10 der besten Tennismatches auf den vorderen Plätzen rangiert, als mitreißenden Psychokrieg. Als Kampf gegen die eigenen Dämonen. Die emotionale Schlussphase (nach dem Tennis-Finale) bietet dann noch einen schönen Ausklang zu einem sehenswerten Film. Borg hörte mit 26 Jahren auf - vermutlich eine weise Entscheidung.

7/10

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