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Mittwoch, 28. Oktober 2020

Nosferatu: Phantom der Nacht (1979)

https://www.imdb.com/title/tt0079641/
https://letterboxd.com/film/nosferatu-the-vampyre/

Im 19. Jahrhundert leben das Ehepaar Jonathan Harker (Bruno Ganz) und seine Frau Lucy (Isabelle Adjani) in der Hansestadt Wismar. Eines Tages wird Jonathan beauftragt nach Transsilvanien zu reisen, um mit dem dort residierenden Grafen Dracula (Klaus Kinski) über den Verkauf seines Hauses zu verhandeln. Bereits auf der Reise dorthin begegnet er mehreren Zigeunern, die sich seltsam verängstigt verhalten und ihn auf keinen Fall bei der Weiterfahrt unterstützen möchten. Als er dann letztendlich doch noch auf dem Anwesen Draculas eintrifft, ziert dieser sich auch gar nicht lange und unterschreibt den Vertrag als er einen Blick auf ein Foto von Lucy werfen konnte. Noch in derselben Nacht beißt der Vampir Jonathan und reist in einem Sarg per Schiff nach Wismar um die Frau zu treffen, von der er plötzlich so angetan ist. Der bereits infizierte Ehemann versucht alles, um Lucy noch zu retten...

Wer hätte gedacht, dass "Bram Stoker's Darcula", wohl einer der besten Adaptionen des Vampir-Stoffes über den Grafen Dracula, den Fürsten, den Vampir, gerade gegenüber der deutschen Produktion von Werner Herzog so derb den Kürzeren zieht? Der Film "Nosferatu: Phantom der Nacht" ist die zweite Zusammenarbeit Herzogs mit Schauspieler Klaus Kinski, die insgesamt fünf Filme miteinander realisierten. Regisseur Werner Herzog orientierte sich an Friedrich Wilhelm Murnaus Original ("Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens") von 1922. Und auch wenn er die Namen des Stoker-Romans verwendet, zitiert er die Charaktere Murnaus fast unverändert. Ausstattung und Kameraeinstellung sind in vielen Szenen mit der Murnaus identisch. Dennoch, das betonte Herzog immer wieder, ist sein Film kein Remake. Zwar sind einzelne Bilder und Szenen gleich, Handlungen und Gesten sehr wohl dem Original von 1922 geliehen, doch "Nosferatu: Phantom der Nacht" hat einen entscheidenden Vorteil - und der heißt Klaus Kinski. Er spielt hier den mächstigsten aller jemals auf der Leinwand zu sehenden Vampire; ein Biss von ihm allein reicht zur Infektion und damit zur Verbreitung der Seuche, der Pest, die Herzog mit einer Unzahl von Ratten noch eindrucksvoller darstellt, als dies Murnau möglich war. Kinski verleiht "seinem" Dracula zudem mit dämonischer Ruhe eine fast ebenso furchterregende Präsenz wie Max Schreck dem Grafen Orlok / Dracula bei Murnau. Böse Zungen könnten versucht sein, Kinskis Verkörperung des Vampirs als Kopie zu interpretieren, dabei ist es doch tatsächlich eine große Hommage an Graf Orlok. Kinskis Präsenz ist allgegenwärtig - und das selbst an dem Punkt, an dem er im Film noch nicht aufgetreten ist, was daran liegt, dass "Nosferatu: Phantom der Nacht" ein Werk der bösen Vorahnung, der finsteren Prophezeiung ist.

Überhaupt überzeugen Setting, Gestaltung, Kostüme und Kameraführung vollends. Schatten, Andeutungen, Gesten, gepaart mit grandiosem Schauspiel. Da kommt es weniger auf die Dialoge an, obwohl diese in gleichem Maß überzeugen. Bruno Ganz als Jonathan Harker ist neben Kinski absolut großartig, ebenso seine Angetraute Lucy Harker, gespielt von Isabell Adjani, einer bildschönen Frau, bei welcher sich zeigt, welche Ästhetik Angst besitzen kann. Szenerie, Bild, Komposition, alles perfekt und auf den Punkt, ohne große Übertreibungen. Dass man die Maske, gerade von Kinski, in vielen Szenen auch als solche erkennt, könnte man angesichts des Produktionsjahres als durchaus "charmant" durchgehen lasen. Erwähnenswert erscheint auch Walter Ladengast als Van Helsing in seinem letzten großen Spielfilmauftritt. In großartigen morbid-poetischen Bildern erzählt Herzog von Dracula und dem unendlichen Überdruss, den Unsterblichkeit bereiten kann. 

“There is a quality to the color photography in Werner Herzog's "Nosferatu the Vampyre" that seeps into your bones. It would be inadequate to call it "saturated." It is rich, heavy, deep. The earth looks cold and dirty. There isn't a lot of green, and it looks wet. Mountains look craggy, gray, sharp-edged. Interiors are filmed in bold reds and browns and whites -- whites, especially, for the faces, and above all for Count Dracula's. It is a film of remarkable beauty, but makes no effort to attract or visually coddle us.”

So schrieb es Roger Ebert 2011, als er Werner Herzogs "Nosferatu: Phantom der Nacht" in seine Great Movies-Reihe aufnahm; bereits 1979 gab er dem Film die volle Punktzahl, aber seine Schwerpunkte haben sich bei im direkten Vergleich beider Kritiken verändert, er achtete deutlich mehr auf die visuelle Kraft des Filmes als noch drei komplette Jahrzehnte zuvor. Statt auf gespenstische Bilder und eine Verkörperung des puren Unheil baut Herzog auf surreal träumerische Abläufe, theatralisch geschriebene aber in filmischer Hinsicht realistisch vorgetragene Dialoge und gemächliche Bewegungen. Was letztlich bleibt ist ein ruhiger, schwarzer und schwerer, aber ungemein einnehmender, intensiver und magischer Film eines meisterhaften Filmemachers, völlig befreit von konventionellen Vorstellungen des Vampirfilms. Schlicht genial.

9/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Twentieth Century Fox
Textauszüge: Wikipedia

Dienstag, 7. Januar 2025

Nosferatu - Nosferatu: Der Untote (2024)


Der junge Thomas Hutter (Nicholas Hoult) wird von seinem Arbeitgeber auf die lange Reise nach Transsylvanien geschickt. Hier soll er zum finsteren Schloss des geheimnisvollen Grafen Orlok (Bill Skarsgård) reisen, um mit ihm zusammen den Kauf einer Immobilie abzuschließen. Doch Graf Orlok verhält sich ziemlich merkwürdig und in seinem Schloss scheint obendrauf nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen. Irgendwann scheint für den skeptischen Thomas klar, dass der Graf kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern vielmehr ein bedrohliches Wesen der Nacht. Graf Orlok hat es zu allem Überfluss auch noch auf Thomas' Ehefrau Ellen (Lily-Rose Depp) abgesehen und macht sich deshalb schon bald mit Sack und Pack auf, um die junge Frau endgültig in seinen teuflischen Bann zu ziehen.

Eines gleich vorweg: Robert Eggers' Remake des ursprünglichen Vampirklassikers "Nosferatu" aus dem Jahr 1922 ist ein Meisterwerk aus atmosphärischer Furcht. Und das so gut, dass das gelegentlich holprige Drehbuch nicht einmal stört.

Eggers hat ein so seltenes Talent, eine Aura okkulter Bedrohung und unheimlicher Atmosphäre zu schaffen, dass es fast unnötig pingelig erscheint, die Ungleichmäßigkeit des Films zu bemerken, mit sensationellen Sequenzen, denen schwächere Sequenzen mit ungewisser Wirkung folgen. Dennoch stelle ich mit etwas Bedauern fest, dass "Nosferatu" weder mit Eggers' "The VVitch" noch mit dem grandiosen "The Lighthouse" in Bezug auf eine kühne Einheit der Vision mithalten kann. Und natürlich kann der Film nicht an F. W. Murnaus Meisterwerk "Nosferatu" aus dem Jahr 1922 heranreichen, das Eggers - laut eigener Aussage - seit seiner Kindheit zu seinen fantasievollen Höhenflügen inspiriert hat. Glücklicherweise versucht seine neue Version nicht, es Murnau gleichzutun, sondern bietet stattdessen einen anderen Ansatz für dasselbe Ausgangsmaterial, nämlich Murnaus unerlaubte Aneignung von Bram Stokers Roman "Dracula" aus dem Jahr 1897, der wiederum aus osteuropäischer Folklore stammt.  

Es gibt Sequenzen in "Nosferatu", die so einprägsam und so gut gemacht sind, dass man sich noch einige Zeit allein im Dunkeln etwas unwohl fühlen könnte. Die vielleicht gruseligste Szene des Films ist die Reise des jungen deutschen Immobilienmaklers Thomas Hutter (Nicholas Hoult) zu einem abgelegenen Schloss in den Karpaten in Transsilvanien, das einem geheimnisvollen, vermögenden Kunden, dem Grafen Orlok Bill Skarsgård), gehört. Obwohl die Roma, denen er begegnet, ihn von dem vermeintlichen Vampirschloss fernhalten und ihn entweder verachten oder für ihn beten, ist Hutter pleite und will sich unbedingt vor seinem neuen Arbeitgeber beweisen, Herrn Knock (Simon McBurney), einem seltsamen, inbrünstigen kleinen Mann, der darauf beharrte, dass er diese Reise antritt. Hutter macht sich Sorgen, wie er seine neue Braut Ellen (Lily-Rose Depp) ernähren soll, die zu Melancholieanfällen neigt und ihn anflehte, nicht von ihrer Seite zu weichen. Ja, Hutter's Aufenthalt im Schloss ist von Anfang an furchterregend. Er ist geschwächt von seiner desorientierenden Übernachtung bei den Roma, besonders als er am Morgen aufwacht und feststellt, dass sie alle weitergezogen sind und sein Pferd mitgenommen haben. Den Rest des Weges muss er durch das raue, verschneite Gelände laufen, ein anstrengender Marsch, und kommt erst des Nächtens an. Hier beginnt Eggers, die Sinne anzusprechen - sowohl die des Protagonisten Hutter und die des Zuschauers - auf eine Weise, die an die beste Gothic-Literatur erinnert. So viele Horrorromane des 19. Jahrhunderts arbeiten mit der Unsicherheit der Wahrnehmung, mit Dunkelheit, flackerndem Feuerschein, riesigen projizierten Schatten, Nebel und Regen, Stürmen und Gewittern, die alles verdecken, was man sehen und hören könnte. 

Krankheit, Erschöpfung, Halluzinationen, verstörende Traumzustände und vielleicht eine sich ausbreitende geistige Verwirrung stellen in Frage, was der Protagonist erlebt. Man teilt Hutters verwirrten Zustand, als eine Geisterkutsche vor ihm anfährt und sich die Tür scheinbar von selbst öffnet. Er betritt das Gemäuer immer noch benommen und wird in die mittelalterliche Festung des Grafen Orlok versetzt. Dort durchquert er Eingänge, die irgendwie perfekt konstruiert sind, um einem Angst einzujagen - zwei spitze Torbögen führen zum Burghof, und hinter ihnen steht in der Dunkelheit eine schaurige Gestalt, still und wartend. Hutter bewegt sich langsam und automatisch auf das zu, was ein sicherer Untergang zu sein scheint, und das Publikum geht mit ihm in das steinerne Gebäude, das nur vom Feuer im riesigen Kamin erhellt wird. Der Graf ist groß und gewaltig, aber in einen Umhang und einen Hut gekleidet - jegliche besonderen Merkmale verlieren sich in den tiefen Schatten des Raumes und dem bräunlichen Dunst, der vom Rauch des Feuers erzeugt wird. Nur einmal leuchten Graf Orloks Augen auf und werden sichtbar, wie zwei Funken, die vielleicht das Licht des Feuers oder eben ein teuflischeres inneres Licht reflektieren. Seine seltsame, kehlige Stimme, die klingt, als wäre sie aus dem Grab heraufgezerrt und widerhallend, hämmert auf Hutter ein, um ihn dazu zu bringen, das aufwendige Dokument, das vor ihm liegt, mitzuunterzeichnen. Hutters Nächte im Schloss sind fiebrig, denn er träumt, der Graf besuch ihn bei einer Reihe grausiger, aber erotischer Angriffe, die grobe Spuren auf seiner Brust hinterlassen. Und seine Tage ergehen sich bald in Verzweiflung, während er versucht, einen Weg aus dem unheimlich leeren Schloss zu finden, in dem jede Tür wie in einem Gefängnis verschlossen ist. Seine Bitten, sofort nach Hause zurückzukehren, werden abgelehnt; Graf Orlok besteht darauf, dass er bleibt, bis er wieder gesund und ausgeruht ist. Das Ganze ist großartig gemacht, bis hin zu seiner haarsträubenden Flucht. 

Bill Skarsgård und Nicolas Hoult liefern die beiden genialen Darbietungen des Films, die die großartige Wirkung der frühen Szenen im Schloss noch verstärken. Skarsgård ist als Graf nicht wiederzuerkennen, der in einem Schockmoment plötzlich enthüllt wird, schroff und nackt aus seinem Sarg steigt, mit einer Schädelkuppel, brennenden Augen und einem riesigen Schnurrbart wie aus dem berühmten Porträt von "Vlad dem Pfähler", auch bekannt als Vlad Dracula, der historischen Figur, die am häufigsten als Inspiration für Stokers Originalroman genannt wird. Mit Eggers‘ berühmter Manie für historische Recherche und Genauigkeit macht er in Interviews seine ehrgeizigen Pläne deutlich, Graf Orlok als "toten transsilvanischen Adligen" darzustellen, bis hin zu den Schuhen, die er getragen hätte. Und Hoult hat eine noch schwierigere Aufgabe: den seltsamen, betäubten Zustand von Charakteren in Horrorfilmen zu vermitteln, die sich selbst in ihrer Angst gezwungen fühlen, jede verrückte Entwicklung durchzustehen, ob übernatürlich oder nicht. Er ist perfekt als unglücklicher Arbeiter in dieser klassenbewussten Fabel, den sein schleimender Chef dem reichen Aristokraten als kleinen Imbiss anbietet, der als blutsaugendes Monster dargestellt wird, das versucht, sich in der deutschen Stadt Wisborg ein modernes Leben aufzubauen. Schließlich gibt es in Städten mehr menschliche Beute. Dieser Erzählstrang wird durch die Schwerpunktverlagerung des Films auf Ellen verschleiert, die in London schmachtet und auf Thomas‘ Rückkehr wartet. Während er weg ist, leidet sie zunehmend unter Anfällen und Dämmerzuständen, die an Epilepsie oder vielleicht dämonische Besessenheit erinnern. "Zu viel Blut" ist die lapidare Diagnose ihres Arztes, die amüsanter Weise vom Ersatz für Dr. Van Helsing wiederholt wird, der in dieser Version Professor Von Franz heißt. Er ist der Okkultist, gespielt von Willem Dafoe, der in Kleidung im Stil der 1830er Jahre und mit üppigem Bartwuchs wunderbar aussieht und im Film eine zunehmend fesselnde Leistung abliefert.

"Zu viel Blut" ist dennoch ein kluger Ausspruch, der die stumpfsinnige paternalistische Sichtweise der Frauen des 19. Jahrhunderts gut wiedergibt, deren angebliche Tendenz zum Exzess - zu brodelnden Emotionen, sexuellem Verlangen, seelischer Qual - repressiv kontrolliert wurde. Das Drehbuch stützt sich stark auf die Unterdrückung von Ellen, von der Eröffnungsszene an, in der sie als einsames Mädchen gezeigt wird, das inbrünstig um Zuneigung und Verständnis in Form eines Schutzengels, eines tröstenden Geistes, einem was auch immer, betet. Dass ihr Gebet in Form eines "Dämonenliebhabers", der sich als Graf Orlok manifestiert, erhört wird, ist das Ergebnis ihrer eigenen "exzessiven" Macht in Form ihrer paranormalen Gaben. Sie kann bis zu einem gewissen Grad die Zukunft vorhersehen, und letzten Endes wird ihr, trotz aller fieberhaften Bemühungen von Thomas, seinem Freund Friedrich Harding (Aaron Taylor-Johnson) und Professor von Franz, die Aufgabe zufallen, die Zivilisation vor Graf Orlok und der ihn begleitenden Seuche zu retten. "Er kommt", stöhnt Ellen wiederholt in sexualisiertem Entsetzen, während sie sich einerseits nach der Rückkehr ihres Mannes sehnt, andererseits aber auch die unmittelbar bevorstehende Ankunft von Graf Orlok per Schiff übersinnlich ahnt.

Lily-Rose Depp stürzt sich in die Rolle, wobei sie die heftigen, körperverrenkenden Anfälle ihrer Figur Berichten zufolge selbst und ohne Stuntman darstellt. Mit ihren riesigen dunklen Augen und ihren starken, ernsten Gesichtszügen, die zu dem strengen, glattgeklebten Haar und der einengenden Kleidung der damaligen Zeit passen, sieht sie auch wie geschaffen für die Rolle aus. Kurzum: eine tolle Leistung. Dramatisch gesehen schwächelt sie zwar in einigen Schlüsselszenen, insbesondere in ihrer Konfrontation mit Graf Orlok, in der sie sich ihm widersetzt und sich weigert, freiwillig an einem Blutvergießen teilzunehmen, das für ihre unheilige Verbindung offenbar notwendig ist. Plötzlich behandelt sie ihn wie einen alten Freund nach einer schlimmen Trennung. Der Text wird auch ein wenig albern, als sie über diese "Regeln" streiten, wie zum Beispiel die drei Nächte, die er ihr gewährt, um ihn zu sich zu rufen, während er das Leben aller um sie herum ins Chaos stürzt. Und wer will schon noch mehr Regeln oder Erklärungen im Vampirgenre, das ohnehin schon voller Regeln und Erklärungen ist? Eggers hat viele der bekanntesten Regeln über Bord geworfen, die sich in Geschichten und Filmen um die Vampirlegende gebildet haben, und so wird in "Nosferatu" weder mit Kreuzen hantiert noch Knoblauch verwendet. Es scheint, als wollte Eggers die Vampirkunde älterer, härterer Folklore ans Licht bringen, denn die Vampire der Folklore haben nicht immer Blut getrunken. Manchmal haben sie ihre Opfer erwürgt. Manchmal haben sie Nacht für Nacht mit ihren Opfern Unzucht getrieben, bis sie starben. Und obwohl es anatomisch vollkommen Sinn ergibt, tranken anglo-literarische Vampire aus der Kehle. Aber aufgrund von Albträumen im Wachzustand und dem alten Hexensyndrom und dem Druck dieses Gefühls auf der Brust tranken viele Arten von Folk-Vampiren aus der Brust, was man im Film wieder findet.Im Allgemeinen kommt Eggers diese Rückkehr zum Folkloristischen zugute. Und obwohl es schwächere Aspekte von "Nosferatu" gibt, die sich hauptsächlich auf die zweite Hälfte des Films, wenn Graf Orlok in Wisborg ist, konzentrieren, sind es die stärkeren Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben. Es gibt beispielsweise ein großartiges Zwischenspiel an Bord, als ein vor Angst schlotternder Seemann, einer der letzten Überlebenden, verzweifelt genug ist, um in den Laderaum des Schoners zu gehen und sich dem zu stellen, was sich in der mysteriösen sarggroßen Kiste befindet. Es ist dunkel im Laderaum und das wechselnde Licht der Laterne lässt den Hintergrund aufblitzen, in der es in der fiebrigen Vorstellungskraft des Zuschauers von gottlosem Leben nur so zu wimmeln scheint. Gänsehaut. 

Der Soundtrack tut sein Übriges: mit vagem Gemurmel, Kichern und Rascheln werden Szenen aufgepeppt, und dies auf eine brillante Art, die Welt jenseits der Menschheit bekannten darzustellen. Eggers ist wirklich so begabt im Gothic-Horror, dass man dankbar wäre, wenn er den Rest seiner Karriere damit verbringen würde, seine Fähigkeiten in atmosphärischer Unruhe zu verfeinern - ein Gefühl der Welt als grundsätzlich seltsam und unregierbar. Manch einer würde wohl vorsichtiger mit der Welt umgehen, wenn er diese Einstellung hätte.

8,5/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: Universal Pictures
Poster/Artwork: 
Universal Pictures

Samstag, 26. Juni 2021

Jakob's Wife (2021)

https://www.imdb.com/title/tt11908982/

Anne (Barbara Crampton) ist mit dem Kleinstadtpfarrer Jakob (Larry Fessenden) verheiratet und hat das Gefühl, dass ihr Leben und ihre Ehe in den letzten 30 Jahren immer kleiner geworden sind. Nach einer zufälligen Begegnung mit „dem Meister“ entdeckt sie Bisswunden an ihrem Hals, ein neues Gefühl von Macht und ein Verlangen, größer und kühner zu leben als je zuvor. Während Anne zunehmend zwischen ihrer verlockenden neuen Existenz und ihrem früheren Leben hin- und hergerissen ist, wächst die Zahl der Leichen und Jakob wird klar, dass er um die Frau kämpfen muss, die er für selbstverständlich hielt. 

In "Jakob's Wife" wird das klassische Vampirthema in einen mitunter sehr amüsanten Kommentar zur Ehe und deren Restriktionen verpackt. Mit dem Drehbuch von Kathy Charles, Mark Steensland und Travis Stevens (der auch Regie führte) bewegt sich "Jakob's Wife" auf dem schmalen Grat zwischen Horror und (sanfter) Komödie, der für viele Regisseure schwer zu beschreiten ist. Aber Stevens ist sich seiner komödiantischen und dramatischen Möglichkeiten sehr wohl bewusst. Der Film hält gekonnt die Wage und opfert keine davon. Sowohl Larry Fessenden als Pfarrer, sowie Barbara Crampton als Anne spielen ihre Rollen mit schöner, dramatischer Intensität und schaffen es, gleichzeitig witzig und ergreifend zu sein, was beide für den Zuschauer überaus sympathisch macht. Beide gehen mit vollem Einsatz an ihre Rollen heran und vermitteln das Gefühl einer echten und komplizierten Beziehung zwischen dem Pastor und seiner Frau. Schön zu sehen sind die handgemachten Effekte und die Gestaltung der Vampire, die wieder eher an den klassischen "Nosferatu" erinnern.

Auch "Jakob's Wife" kommt natürlich nicht ohne den Twist aus. Als Jakob herausfindet, was aus seiner Frau geworden ist, übernimmt er - recht unbeholfen - die Rolle des heldenhaften Vampirjägers, und die beiden machen sich auf die Suche nach dem "Meister", dem Vampir, der sie verwandelt hat. Weil aber Crampton und Fessenden den Rhythmus dieses sonst in ihrem Weltbild eingepferchten Paares so gekonnt spielen - zwei Menschen, die kaum wissen, wie sie außerhalb der biblisch vorgeschriebenen Rollen miteinander umgehen sollen - erübrigt sich der Monolog im letzten Akt über die Grenzen, die dem weiblichen Selbstausdruck gesetzt sind. Crampton hat dem Zuschauer bis dahin bereits die Herrlichkeit ihrer Befreiung in einem bewusst glamourösen Spaziergang durch einen Supermarkt gezeigt und Fessenden offenbarte bereits die berauschende Mischung aus Angst und Aufregung, die Jakob empfindet, wenn er mit diesem neuen, unberechenbaren Wesen konfrontiert wird, das er da geheiratet hat. Er ist wohl nicht ganz unzufrieden mit dem, was sie geworden ist, obwohl er sich auch sehr vor ihr fürchtet. Sein Finale findet der Film in ein paar sehr gut durchdachten und gut ausgeführten Szenen, in denen Jakob und Anne versuchen, ihr Problem auf eigene Faust zu lösen. Stevens treibt die Absurdität auf fast schon slapstickartige Weise auf die Spitze, und das ist herrlich amüsant und unterhaltsam, wenn auch nicht der ganz große Wurf.

6,5/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: 
Filmstarts
Poster/Artwork: Lighthouse

Freitag, 9. Mai 2025

Locked (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt26671996/

Als Eddie (Bill Skarsgård) in einen luxuriösen Geländewagen einbricht, ahnt er nicht, dass er in eine Falle gerät. Der Besitzer, William, hat das Fahrzeug manipuliert, um auf seine eigene grausame Weise Gerechtigkeit zu üben. Gefangen in dem Auto, kämpft Eddie ums Überleben, während William ihn mit Elektroschocks durch den Sitz quält, ihn durch die Klimaanlage auskühlt und ihn zwingen lässt, mitanzusehen, wie das ferngesteuerte Fahrzeug Unschuldige in Gefahr bringt – und das ist erst der Anfang.

David Yarokveskys "Locked" ist ein überzeugendes Beispiel für die unterschätzte Bandbreite Bill Skarsgårds, der mühelos von einer mysteriösen  Kreatur wie seiner Figur in "Nosferatu", über einen wahnsinnigen Clown in "Es" und einen stummen Fighter in "Boy Kills World" zu einer panischen Ein-Mann-Show wie dieser wechseln kann. Doch so gut Skarsgård hier auch ist, er bleibt in einem Film stecken, der weder mit ihm noch mit seinem Konzept mehr als das Übliche anzufangen weiß. Er wiederholt dieselben oberflächlichen Themen und Folterszenen, bevor er zu seinem etwas erwartbarem Ende taumelt. "Locked" beginnt vielversprechend, will dann aber kaum noch etwas erreichen, gefangen in seinem eigenen Konzept und dem Unwillen, thematisch mehr zu leisten als "reiche Leute mit Langeweile". Auch wenn das "mehr" vielmals im FIlm angedeutet wird. 

Eddie (Skarsgård) ist ein Kleinkrimineller, der (wie üblich) nur noch den einen, letzten, guten Job braucht, um sich von seiner Vergangenheit zu lösen und seine Zukunft mit seiner Tochter zu leben. Es gibt eine weitaus gewagtere Version von "Locked", in der ein echter Bösewicht Eddie dargestellt wird und der Zuschauer sich fragen muss, ob das, was ihm widerfährt, eine Form von Karma ist. Doch dieser Film ist leider nicht so gewagt. Er ist nicht einmal riskant genug, um Eddies auslösenden Vorfall zu einem tatsächlichen Einbruch werden zu lassen. Als Eddie auf einem abgelegenen Parkplatz einen Luxus-SUV entdeckt, beschließt er nachzusehen, ob die Tür unverschlossen ist - und sie ist es. Nachdem er sich im Auto umgesehen hat, versucht er zu fliehen, nur um festzustellen, dass er nun Gefangener dieses beeindruckenden Gefährts ist. Die Scheiben sind schallsicher und noch dazu getönt, sodass er nicht um Hilfe rufen oder sich irgendwie bemerkbar machen kann, und irgendetwas hindert sein Handy daran, ein Signal zu bekommen. Und dann wird es noch seltsamer. Als Eddie versucht zu fliehen, hört er die Stimme eines Mannes namens William (Anthony Hopkins, der hier größtenteils nur telefoniert). Sein Entführer bleibt deprimierend vage, was er von Eddie will - er ist eher ein weinerlicher Knabe als ein Jigsaw-artiges Genie -, während er unseren Protagonisten den Großteil des Films lang foltert. Der Film hält vermutlich den Rekord für Taserschüsse, denn jedes Mal, wenn Eddie flucht ("Language!"), wird er vom Auto durch einen Stromschlag gefoltert - und William kann auch mit der Temperatur im Auto spielen, indem er den armen Eddie erst frieren und dann schwitzen lässt. Doch spätestens wenn Eddie überlegt, seinen eigenen Urin zu trinken, um nicht zu dehydrieren, wird es zu viel.

Warum tut William einem hilflosen Fremden, der zufällig in sein Auto eingebrochen ist, das an? Er enthüllt, dass er im Endstadium einer Krebsdiagnose steckt und dass seine Tochter kürzlich von Straßenkriminellen getötet wurde. Er hat beschlossen, in seinen letzten Tagen Selbstjustiz zu betreiben, als ob das einen Abschluss bringen könnte. Das Interessanteste an William ist, wie sehr Hopkins und Autor Michael Arlen Ross bereit sind, ihm jegliche Empathie zu entziehen. Manche Filme hätten William sanfter dargestellt, um zu verstehen, wie ein Trauma Menschen zu jemandem werden lassen kann, den ihr altes Ich nicht wiedererkennen würde, aber William ist einfach ein Monster. Er hat kein Mitleid mit Eddie und scheint es zu genießen, ihn zu quälen. Und interessanterweise ist "Locked" nicht nur für William unterhaltsam - auch für die Zuschauer ist er spannend. Der Film wirkt zwar bemerkenswert ideenarm, hat aber doch diesen einen Funken, der glimmt und glimmt und nicht ausgehen will. Doch immer wenn er mit Kommentaren flirtet, wie die Besitzenden die Besitzlosen quälen oder wie Empathie im Umgang mit Kriminellen in unserer Gesellschaft Mangelware ist, gleitet er in eine weitere Folterszene ab. Selbst diese wirkt träge, da Eddie in dieser Situation nicht genug Kontrolle hat, um daraus einen echten Willenskampf zu machen. Man weiß auch von Anfang an, dass Eddie entkommen wird, denn der Film ist nie düster genug, um etwas anderes zu suggerieren, und das raubt "Locked" dann die eigentliche Spannung. Diese Art von Film lebt und stirbt von der Reise und nicht vom Ziel, und dieser hier gibt dem Zuschauer nicht m Ansatz das Gefühl, wirklich was anderes zu sein.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: ZQ Entertainment/Longevity Pictures/Raimi Productions

Sonntag, 10. April 2016

The VVitch: A New-England Folktale - The Witch (2015)

http://www.imdb.com/title/tt4263482/

Neu-England im 17. Jahrhundert: Das Ehepaar William (Ralph Ineson) und Katherine (Kate Dickie) führt mit seinen fünf Kindern ein tiefreligiöses, christliches Leben am Rande eines unzugänglichen Waldes, der angeblich von einer Hexe heimgesucht wird. Schon bald häufen sich hier die merkwürdigen Vorkommnisse, denn die Tiere drehen durch, die Ernte geht ein und dann verschwindet auch noch der kleine Samuel unter den Augen seiner Schwester Thomasin (Anya Taylor-Joy). Die Eltern können sich auf dieses Geschehniss keinen Reim machen und wissen auch nicht mit den Vorwürfen der Zwillinge Jonas (Lucas Dawson) und Mercy (Ellie Grainger) umzugehen, die Thomasin der Hexerei bezichtigen. Liegt auf der Familie ein Fluch oder treibt draußen im Wald eine andere, finstere Macht ihr Unwesen?

Schon der Trailer versprach sehr viel und machte neugierig auf Robert Eggers Debütfilm "The VVitch" ("The Witch"). Und er sollte recht behalten, denn "The VVitch" ist die Art von Horror, dessen angsteinflößende Macht über - zugegeben - billige Skandale und Aberglaube langsam in das Hirn des Zuschauers kriecht. Eggers nächster Film soll "Nosferatu" werden, diesen gilt es im Auge zu behalten.

Die Grundpfeiler in "The VVitch" sind schnell etabliert - der gläubige Exil-Farmer William (Ralph Ineson) und seine Familie (Frau, fünf Kinder, darunter ein neugeborenes Baby) werden aus ihrem Dorf aufgrund ihrer religiösen Inbrunst verbannt. Sie finden in der Wildnis Nord-Englands ein neues Stück Land und schlagen ihre Zelte auf, in der Nähe ein Wald, darunter ein murmelnder Fluss, Hühner, ein sehr karges Maisfeld, welches noch dazu von Fäulnis befallen wird, Ziegen, Raben und der schwarze Bock, genannt der "schwarze Phillip". Das Leben ist so schon hart, aber als das Baby von jetzt auf gleich unter mysteriösen Umständen verschwindet, macht sich schnell Zwietracht in der Familie breit und alle Anzeichen deuten auf Thomasin (grandios: Anya Taylor-Joy), die älteste Tochter. Es ist erstaunlich, wie Eggers es schafft, dass selbst der Zuschauer immer im Glauben an die eine böse Hexe gehalten wird, während der wahrer Horror aus dem Inneren der Familie Bahn bricht. Er lässt die bitteren Vorwürfe und Anschuldigungen über teils hysterische Umwege sich in blindem Glauben ergießen.

Es geht spannend zu in "The VVitch" und die Besetzung reagiert bewunderswert. Immer am Ball, authentisch, dystopisch, hysterisch. Vor allem Ralph Ineson und Kate Dickie passen wunderbar als Eheleute zusammen und harmonieren als Einheit. Vielleicht auch deswegen, weil beide schon in "Game Of Thrones" zusammen vor der Kamera standen. Allerdings sind es die Neulinge, die am Meisten beeindrucken. Harvey Scrimshaw als der älteste Sohn, dessen erwachende Sexualität als ein Leuchtfeuer für die Hexe zu interpretieren ist, gibt einer der besten und intensivsten Kinderaufführungen seit Jahren. Vor allem ist es aber Anya Taylor-Joy als Teenager-Tochter Thomasin, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Mit ihren weit aufgerissenen Augen der Unschuld und Beteuerung und argloser Entwaffnung weiß man nie genau wo sie steht und wer sie ist. Als dieses Pulverfass einer Familieneinheit explodiert, zeigt Eggers bewundernswerte Kontrolle. Eine letzte Sequenz, in der Eggers und Kameramann Jarin Blaschke ein Bild halten, welches wie eine Ewigkeit für sich selbst steht, hält eine schier unerträgliche Spannung inne. "The VVitch" ist sicher kein Film für jedermann, schon gar keiner für Gorehounds. Aber alle anderen bekommen einen beeindruckend bedrückenden Film im Stile des viktorianischen Englands vorgesetzt. Großartig.

8,5/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: RT Features/Parts&Labor7rooks Nest Entertainment

Dienstag, 3. April 2018

Waxwork II: Lost In Time - Spaceshift: Waxwork II (1992)

http://www.imdb.com/title/tt0105792/

Als am Ende von "Waxwork" die Mächte der Finsternis besiegt und alle Monster vernichtet scheinen, geht das Kabinett des in Wachs gegossenen Bösen in Flammen auf. Mark und Sarah, die einzigen Überlebenden, können sich ins Freie retten. Nach dem nächtlichen Tod an ihrem Stiefvater, wird Sarah vor Gericht gestellt und muss dringend Beweise für ihre Unschuld finden. Und so suchen Sie in den Hinterlassenschaften von Sir Wilfred nach Hinweisen für die Existenz der Monster. Sie stoßen auf einen magischen Zeitschlüssel, mit dem man zwischen den Dimensionen reisen kann. Nachdem die rätselhafte Aufforderung, Alice hinter die Spiegel zu folgen, entschlüsselt ist, springen die beiden munter durch die Zeit und stellen sich tapfer Monstren und anderen Unruhestiftern. So hoffen sie, Beweise für die Unschuld Sarahs zu finden. Doch ist es dafür nicht schon zu spät?

"Waxwork II" oder "Spaceshift" ist eine richtige Trash-Sause und knüpft nahtlos an den ersten Teil, "Waxwork", an. Der Gruselfaktor rückt mehr in den Hintergrund und der Komödienanteil wächst. Im Gegensatz zum Vorgänger, in dem sich kleinere Episoden daraus ergeben, dass Wachsfiguren(-bilder) zum Leben erweckt werden, reisen Sarah und Mark nun mit Hilfe einer Zeitmaschine in verschiedene Epochen. Das Konzept hierbei bleibt das gleiche, in jeder Zeitetappe finden die beiden sich in einem kleinen Episodenfilm wieder. Hierbei werden verschiedene Filmklassiker gnadenlos aufs Korn genommen. So findet man Anspielungen auf diverse Filme des Horrorgenres ("Alien", "Freitag, der 13.", "Nosferatu", "Godzilla", "Frankenstein", "Jack The Ripper", etc.). Im Zuge der Zeitreisen treffen sie hierbei auf ein paar bekannte Gesichter. Mit dabei sind unter anderem Marina Sirtis ("Star Trek: The Next Generation"), Bruce "Ash" Campbell oder Drew Barrymore.

Unterm Strich ist "Waxwork II" eine gelungene Fortsetzung, die nur ein klein wenig hinter seinem Vorgänger zurück bleibt. Das liegt daran, das hier eben mehr auf Ulk und Klamauk gesetzt wird und weniger auf Horror. Genauso ist es allerdings von den Verantwortlichen gewollt und deshalb auch vollkommen in Ordnung.

6/10

Von NAMELESS Media kommt der Film ungeschnitten/unrated in HD im auf 555 Stück limitierten Mediabook:  


Freitag, 8. November 2013

Bram Stoker's Dracula (1992)

http://www.imdb.com/title/tt0103874/

Der Anwaltsgehilfe Jonathan Harker (Keanu Reeves) wird von Graf Dracula (Gary Oldman) nach Transsylvanien gebeten, um den Kauf einiger Immobilien in London abzuschließen. Durch einen Zufall entdeckt Dracula, dass Mina (Winona Ryder), die Verlobte von Harker, seiner verstorbenen Frau Elizabeta bis aufs Haar gleicht. Auch Jonathan Harker hat etwas entdeckt: Sein Gastgeber ist nämlich kein Geringerer als der Fürst der Vampire. Doch während Harker noch überlegt, wie er das Schloss unbemerkt verlassen kann, hat sich Dracula in Gestalt des Prinzen Vlad bereits auf die Reise nach London gemacht, um dort die ahnungslose Mina zu umgarnen. Um sich zu ernähren, nimmt Dracula zunächst Besitz von Minas bester Freundin Luzy (Sadie Frost), deren plötzlicher unerklärlicher Blutmangel den Spezialisten Abraham van Helsing (Anthony Hopkins) auf den Plan ruft. Mittlerweile ist Mina ihrem dunklen Prinzen völlig verfallen und bereit, alles für ihn zu tun – sogar nach Transsylvanien würde sie mit ihm gehen. Doch Jonathan Harker und van Helsing sind ihnen schon auf den Fersen. Eine tödliche Jagd auf Dracula beginnt.

Zahlreiche Dracula-Verfilmungen hatte es bis dato gegeben, am einflussreichsten "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" aus Deutschland und die Variante der Universal Studios mit Bela Lugosi, bis hin zu Experimenten wie "Blacula". Aber eben keine, die sich tatsächlich eng an die 1897 erschienene Vorlage von Bram Stoker hielt. Regisseur Francis Ford Coppola erweist dem Romanautor die Ehre und schafft nicht unbedingt die beste, aber die schönste Adaption. Ein paar Freiheiten nehmen sich auch Coppola und seine Autoren, um die titelgebende Hauptfigur tragischer und plausibler zu gestalten. Doch Ablauf sowie Erzählweise entsprechen dem Roman, der sich gänzlich aus Tagebucheinträgen, Briefen und ähnlichen Schriften zusammensetzt. Visuell begeistert "Bram Stoker’s Dracula" durch prächtige Kostüme, düster-hochstilisierte Kulissen und wunderbar altmodische Spezialeffekte, ohne falsche Bescheidenheit untermalt von Wojciech Kilars dramatischer Musik. Eine fast perfekte Besetzung rundet das schaurige Spektakel ab.

In zurückgenommenen Studio-Sets und mit dafür umso pompöseren Kostümen und Masken, sowie, was ausgesprochen gut zu gefallen weiß, ausschließlich "echten" Tricks erzählt Regisseur Francis Ford Coppola die altbekannte Vampirgeschichte um den Grafen Drucula theatralisch, aufregend, spannend, emotional und einfach überwältigend. Er schafft es, seine Zuschauer zu fesseln und einzunehmen, so wie der Graf seine Opfer. Alles was die Story auszeichnet, sowohl der dunkle Horror, als auch der erotische Aspekt wird eindrucksvoll eingefangen und in düsterer Gothic-Atmosphäre stilvoll rübergebracht. Gary Oldman lässt sich von unterschiedlichsten Einschränkungen durch Kleidung und Makeup nicht beirren und brilliert mit den zahlreichen Gesichtern des Gestaltwandlers Dracula. Vom Greisen über das Monster bis hin zum jungen Verführer meistert er ein beachtlich breites Charakterspektrum. Zart, verletzlich und doch stark spielt die schöne Winona Ryder die mehrfache Geliebte in einer Doppelrolle. Für das Publikum kein Problem, nachzuvollziehen, wie um ihre Charaktere ein so großer Aufruhr entsteht. Dass Anthony Hopkins einen stilvollen Van Helsing abgibt, steht außer Frage.

Auch in den Nebenrollen findet sich reichlich Talent, etwa der faszinierende Tom Waits oder Monica Belucci, hier in ihrem allerersten Filmauftritt, wortlos, aber einprägsam. Es ist eine Traumbesetzung - wäre da nur nicht der für die junge Zielgruppe hinzugezogene Keanu Reeves als Harker. Er spielt hölzern, fast schon tapsig, scheitert bereits am Akzent seiner Rolle und wirkt oft deplatziert. Man stelle sich vor, der fast gleichaltrige Johnny Depp hätte den Part übernommen - es wäre ein schier unschlagbares Ensemble. Der relativ romangetreue, atmosphärisch dichte Streifen ist ein filmischer Genuss (schön: sogar eine kleine Hommage an die Entstehung des Kinos findet Platz, zumal der Roman um jene Zeit herum erschien). Nur gerät die vollgepackte Geschichte ab dem letzten Drittel etwas sperrig. Coppolas opernhafter, detailverliebter Stil entwickelt bei einer zweistündigen Laufzeit irgendwann doch arg viel Gewicht, und plötzlich haben die abgespeckten Dracula-Verfilmungen der Vergangenheit wieder all ihre Daseinsberechtigung. Nichtsdestotrotz bleibt „Bram Stoker’s Dracula“ ein einzigartiges, beeindruckendes Horror-Liebesdrama, eine großartige Dracula-Interpretation, ganz sicher eine der besten Umsetzungen des Themas und außerdem einer von Coppolas besten Filmen.

8/10