Samstag, 11. März 2023

Scream VI - Scream 6 (2023)

https://www.imdb.com/title/tt17663992/

Sam (Melissa Barrera), Tara (Jenna Ortega), Mindy (Jasmin Savoy Brown) und Chad (Mason Gooding) reicht’s. Nachdem sie das letzte Massaker von Ghostface in Woodsboro überlebt haben, ziehen die vier kurzerhand nach New York. Dort wollen die beiden Geschwisterpaare sozusagen ein neues Leben beginnen und die Kleinstadt zusammen mit den traumatischen Erlebnissen hinter sich lassen. Doch der blutige Killer mit Geistermaske und scharfer Klinge lässt sich offenbar nicht so einfach abschütteln, denn plötzlich taucht er auch im Big Apple auf. Und zwar auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt – scheinbar überall nutzt er den Trubel der Großstadt aus, um genauso schnell wieder in den Menschenmengen zu verschwinden, wie er vorher auftauchte. Und obwohl Sam, Tara, Mindy und Chad schon Bekanntschaft mit dem Killer gemacht haben, können sie sich dieses mal nicht auf ihre Erfahrung verlassen. Denn wer auch immer hinter der Maske steckt, hat neue Tricks auf Lager. 

"Think Big!" - Das ist wohl das Motto der Macher gewesen, als sie den Killer "Ghostface" in den Big Apple, New York, schicken. Nicht ganz zufällig wie es scheint, denn schon einmal brach ein maskierter Killer aus seinen gewohnten Umgebung aus und machte die Großstadt unsicher. In "Freitag, der 13. Teil 8: Todesfalle Manhattan" war es Jason, der dort seine Opfer suchte und weil die mittlerweile in die sechste Runde gehende "Scream"-Reihe von jeher eine Hommage an das Horrorkino der 80 Jahre und die bekanntesten Vertreter seiner Art war, darf man dies wohl auch als eine Huldigung verstehen. Und "Scream VI" ist wohl die beste Fortsetzung der "Scream"-Reihe. Der Film ist blutiger als seine (direkten) Vorgänger, ist spannend und macht Spaß, wenn man erneut versucht zu erraten, wer hinetr den Morden steckt. Das allein wäre ja shcon genug für eine zufriedenstellende Fortsetzung, aber einige unerwartet tiefgründige Themen machen diesen Film zum besten der Reihe seit dem Original von 1996.

Mehr als frühere Filme der Reihe will "Scream VI" auch wirklich in das Innere des Killers vordringen: nicht in das derjenigen, die sich die Ghostface-Maske aufsetzen, sondern in das derjenigen, die wirklich die Mordlust verspüren. Für ein Franchise, das sogar zu realen Morden inspiriert hat, geht dieser Film in einige düstere Richtungen und fragt sowohl seine Figuren als auch das Publikum ganz offen, ob sie von all dem Blutvergießen nun endlich genug haben.

Eine "Scream"-übliche Telefonanrufsequenz mit Samara Weaving und Tony Revolori stellt das zentrale Motiv des Films dar, bevor der Vorhang mit der Enttarnung des Ghostface-Killers vollständig gelüftet wird. Aber "Scream VI" hat noch mehr Überraschungen auf Lager, bevor er zur eigentlichen Geschichte kommt. Im Mittelpunkt steht die Protagonistin des letzten Films, Sam Carpenter (Melissa Barrera), die zusammen mit ihrer Schwester Tara (Jenna Ortega) und den Zwillingen Chad (Mason Gooding) und Mindy Meeks-Martin (Jasmin Savoy Brown), den anderen Überlebenden des letztjährigen Blutbads, von Woodsboro nach Manhattan gezogen ist. Zu Beginn des Films gesteht Sam ihrem Therapeuten (Henry Czerny), dass sie nicht so sehr von dem Massaker in Woodsboro verfolgt wird, sondern vielmehr von der Dunkelheit, die in ihr selbst lauert, denn nachdem sie den Mörder des letzten Films gewaltsam beseitigt hat, hat sie es im Nachhinein vielleicht ein wenig zu sehr genossen.

Tara und ihre Freunde hingegen wollen einfach nur das College-Leben genießen, zusammen mit einer neuen Gruppe von Charakteren, zu denen Chads Mitbewohner Ethan (Jack Champion), Mindys Freundin Anika (Devyn Nekoda), Sams und Taras Mitbewohnerin Quinn (Liana Liberato) und Danny (Josh Segarra), der heiße Typ von nebenan, mit dem sich Sam heimlich getroffen hat, gehören. Und dann sind da noch "Scream"-Urgestein Gale Weathers (Courteney Cox), die ein weiteres Buch über das jüngste Massaker geschrieben hat, Quinns Vater und NYPD-Detective Bailey (Dermot Mulroney) und Kirby Reed (Hayden Panettiere), die Protagonistin von "Scream 4", die inzwischen FBI-Agentin geworden ist. Man würde es nie (hier Augenrollen einfügen) vermuten, aber Ghostface ist ebenfalls nach New York gezogen. Und eine (oder mehrere) dieser Figuren ist der Killer. Der Plot der "Scream"-Filme war schon immer eine Mischung aus Slasher und einem Whodunnit (einem sehr weit entfernten Agatha Christie-Roman, wenn man so gnädig sein möchte), und "Scream VI" folgt ebenfalls diesem Muster. Das Finale bietet die eine oder andere echte Überraschung, aber das Geheimnis ist nichts, was das Publikum ohne die Hilfe des Killers, der sich selbst demaskiert und in einem fünfminütigen Monolog seinen Plan erklärt, hätte herausfinden können.

Aber das ist es nicht, was "Scream VI" so besonders macht: Dieser Film funktioniert besser als andere, da er sich dem inneren Schrecken zuwendet. Während Sam ihre Gefühle der Blutlust untersucht, fordert der Film den Zuschauer auf, seine eigenen zu untersuchen: Sollten wir diesen kranken Killern die Daumen drücken, damit sie einen grausamen Tod sterben? Oder wird dadurch nur ein Kreislauf der Gewalt aufrechterhalten, der nur zu einem weiteren Teil ("Scream 7") führen wird? Die Regisseure Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett lieferten mit dem letztjährigen "Requel" eine unerwartet befriedigende Rückkehr zur "Scream"-Reihe, und diese vollwertige Fortsetzung verbessert ihren vorherigen Film in fast jeder Hinsicht, während sie sich immer noch an die strenge Formel hält, die von den vorherigen Filmen der Reihe etabliert wurde.

Der Umzug nach New York verleiht dem Film eine gewisse Frische, aber der Big Apple selbst wird viel zu wenig genutzt; dieser "Scream" hätte in jeder beliebigen Großstadt spielen können. Natürlich zieht ein Name wie "New York"/"Big Apple" einfach mehr - das ist klar. Aber anders als in der letzten halben Stunde von "Freitag, der 13. Teil 8: Todesfalle Manhattan" fehlt hier die Atmosphäre der bösen Straßen von New York; und ja klar, dies ist schließlich nicht Martin Scorceses "Gangs Of New York".

Ein paar herausragende Sequenzen sorgen jedoch für ein gewisses Flair: eine Schießerei in einer New Yorker Bodega, an deren Ende Ghostface eine Schrotflinte in der Hand hält (die im Trailer des Films komplett verdorben wird), und eine unerträglich angespannte Fahrt in der New Yorker U-Bahn in der Halloween-Nacht, bei der die Hälfte der Fahrgäste die Masken des Ghostface-Killers trägt. "Scream VI" erfindet damit und unterm Strich die Reihe zwar nicht neu, aber es ist eine besonders gut gemachte Fortsetzung, die Fans der Reihe begeistern und vielleicht sogar einige neue "bekehren" könnte. Dieser Film behandelt zwar ein ähnliches Thema wie der letztjährige, Franchise-zerstörende "Halloween Ends"-Film, aber dies auf eine viel publikumsfreundlichere Art und Weise. Hier passt es einfach und macht den sechsten Teil am Ende zu einer guten Fortsetzungen der Reihe.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe
: Paramount Pictures
Poster/Artwork: Paramount Pictures/Dimension Films

Freitag, 10. März 2023

65 (2023)

https://www.imdb.com/title/tt12261776/

Gemeinsam mit dem kleinen Mädchen Koa (Ariana Greenblatt) ist der Pilot Mills (Adam Driver) in den Weiten des Alls unterwegs, als technische Probleme ihn dazu zwingen, sein Raumschiff auf einem fremden Planeten notzulanden. Als sie feststellen, dass sie nicht alleine sind, entpuppt sich das Überleben in dieser feindseligen Umgebung als echte Herausforderung. Nachdem der Bruchpilot herausfindet, dass auch der Planet gar nicht so fremd ist, sondern es sich um eine prähistorische Version der Erde handelt und er knapp 65 Millionen Jahre in die Vergangenheit gereist ist, steht ihm der Schweiß ins Gesicht geschrieben. Diese Erkenntnis wird umso deutlicher, als er auf die angriffslustigen Bewohner dieser "neuen" Welt trifft, denn bei diesen handelt es sich um Dinosaurier. Mit Laser-Schießeisen und einem futuristischen Waffenarsenal muss der auf der Vergangenheits-Erde gestrandete Raumschiffspilot sich und das Mädchen gegen wildgewordene Riesen-Echsen verteidigen, die dem Duo an den Kragen wollen. 

Die Prämisse von "65" ist so haarsträbend, dass sie schon wieder gut sein könnte, denn wer bitteschön möchte nicht einem Adam Driver dabei zusehen, wie er mit einer futuritischen Kanone über eine prähistorische Erde rennt und Dinosaurier abknallt? "65" erzählt die Geschichte von Mills (Adam Driver), einem Astronauten aus einer fortgeschrittenen außerirdischen Zivilisation, der vor etwa 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier den Planeten beherrschten, auf der Erde abstürzt. Wenn man nun Bedenken hat, dass dieser Film sich zu einer Art "Planet der Affen" mit vorhersehbarer, ähnlicher Wendung entwickelt darf man hier durchaus beruhigt sein - dem ist nicht so. Im Gegenteil: der Film macht von Anfang an klar, dass der seltsame und unbekannte Planet, auf den Mills' Schiff stürzt, die Erde ist. Während es wahrscheinlich gut ist, dass "65" seinen Standort nicht lange geheim gehalten hat, ist die Tatsache, dass er mit einer müsahmen 10-minütigen Exposition aufwartet, etwas quälend. Der Zuschauer ist ja nicht hier, um eine Meisterklasse im Drehbuchschreiben mit dramatischen Wendungen zu erleben, oder? Her mit Driver und den Dinosauriern!

Leider flacht der Film aufgrund seines ernsten Tons, der plumpen Darbietung abgenutzter Science-Fiction-Versatzstücke und der Unfähigkeit, sich auf seine absurde Handlung einzulassen, schnell ab. Was ein großartiger Popcorn-Streifen hätte werden können (was der Trailer auch verspricht), endet als 90 Minuten Action-Drama mit einer Besetzung, die zu stark ist, als dass sie für den Film gut wäre. Auch das junge Mädchen Koa, dargestellt von Ariana Greenblatt, ist die typische rehäugige, schweigsame Begleiterin, von der es in der Science-Fiction nur so wimmelt. Sie spricht eine Sprache, die Mills nicht versteht, und plappert am Ende nur hier und da ein paar Worte nach. In Wirklichkeit scheint sie nur als Decke für Drivers Charakter zu existieren, indem sie ihm einen Grund gibt, ein Rettungsshuttle zu finden und ihm hilft, mit dem Verlust seiner Tochter fertig zu werden. Zwar kann man einem Science-Fiction-Film mit Dinosauriern nicht wirklich vorwerfen, dass es ihm an emotionaler und schriftstellerischer Tiefe mangelt, aber es fühlt sich wirklich so an, als hätten die Kameras bereits zu laufen begonnen, als der erste Entwurf noch kaum geschrieben war. Aber wen interessiert das schon, solange die Dinosaurier und die Actionszenen stimmen?

Das ist dann der nächste Punkt. Die Dinos erreichen kaum das Spielberg'sches Gefühl der Ehrfurcht oder des Schreckens, wenn man zum ersten Mal auf die monumentalen Kreaturen stoßen. Auch die Spezialeffekte sind leider nichts Besonderes. Einige der Dinosaurier-Begegnungen sind ganz witzig, aber jeder damit aufgebaute Cliffhanger endet fast sofort mit der Auflösung. Auch hier hätten ein paar weitere Entwürfe des Drehbuchs und ein phantasievolleres Ende den Film möglicherweise gerettet, aber zu dem Zeitpunkt, an dem Mills und Koa es schaffen, vom Planeten zu fliehen, Minuten bevor der sagenumwobene Asteroid herunterkommt und die Dinosaurier mit überraschender, glanzloser Pracht auslöscht, ist der Zuschauer auch vielleicht schon längst selbst aus dem Kino geflüchtet. Echt schade.

6/10

Quellen
Inhaltsangabe: Columbia Pictures / Sony

Звездный разум - Zvyozdniy razum - Project Gemini (2022)

https://www.imdb.com/title/tt5656994/

Da der Kollaps der Erde droht, sucht ein internationales Team von Astronauten im All nach einer neuen Heimat für die Menschheit. Im Schlepptau haben sie ein einzigartiges Terraforming-Gerät, um einen ausgewählten Exoplaneten für die Kolonisierung vorzubereiten. Doch die Funkverbindung zur Erde reißt ab und kurze Zeit später empfängt die Crew ein mysteriöses Signal aus den Tiefen des Universums, welches sich auch auf das Ökosystem der Erde auswirkt. Sie begeben sich auf die Suche nach dem Ursprung des Signals, das von einem bisher unbekannten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems stammt... 

Optisch und visuell steht der russische Science-Fiction/Horror-Beitrag "Project Gemini" einer US-Produktion in kaum etwas nach. Es sind hier (wie so oft) die Kleinigkeiten, die den Film eher unterdurchschnittlich werden lassen: als Abklatsch/ungleichen Mischung aus "Interstellar", "Prometheus" und/oder "Event Horizon" bekommt man hier statt knisternder Action jede Menge langweilige Beziehungskisten und Rückblenden, pseudo-wissenschaftliche Ansätze, die Güte und Wissen suggerieren sollen und spürbar künstlich, krampfhaft professionell agieren wollende Darsteller zu sehen. Typisch für russische Produktionen auch die seltsamsten Dialoge, die obendrein völlig belanglos sind. Die Krone setzt dem ganzen das "Alien" auf, welches man aber kaum zu sehen bekommt. Das langweilt durch den halben Film, denn obwohl an und für sich genug passiert und viel auf dem Spiel steht, will und will sich das nicht auf den zeitweise ziellosen Thriller übertragen. "Prject Gemini" sieht ohne Frage gut aus, kann aber nichts.

3/10

Quellen
Inhaltsangabe: Splendid

The Wonder - Das Wunder (2022)

https://www.imdb.com/title/tt9288822/

In den irischen Midlands lebt 1862 ein junges Mädchen, das plötzlich aufhört zu essen, aber auf wundersame Weise dennoch am Leben bleibt. Vor 13 Jahren entkam die Gemeinde knapp einer Hungersnot. Sie beschließen die englische Krankenschwester Lib Wright (Florence Pugh) in das Dorf zu bringen, in dem das Mädchen lebt, um die elfjährige Anna O'Donnell (Kíla Lord Cassidy) untersuchen und beobachten zu lassen. Es dauert nicht lange und mit der Zeit strömen immer mehr Touristen und Pilger in den Ort, um das Mädchen, das monatelang ohne Nahrung überlebt hat, mit eigenen Augen zu sehen. Doch Anna, die behauptet, sich von "himmlischem Mana" zu ernähren, geht es immer schlechter und Lib muss schnell handeln und Antworten auf etwas finden, das unerklärbar scheint. Beherbergt das Dorf tatsächlich eine Heilige oder sind hier Betrüger am Werk?

Von dem Moment an, in dem Florence Pugh in dem Historiendrama "The Wonder" auftaucht - an einem Tisch auf einem schwach beleuchteten Schiff sitzend und methodisch von einem Teller essend, während sie in irgendeinen privaten Horizont starrt - ist man bei ihr. Ihre Figur, Lib Wright, wirkt so in sich gekehrt und so offensichtlich uninteressiert an den anderen Passagieren, dass man nicht anders kann, als von ihr fasziniert zu sein. Sie lässt einen nicht mehr los, wenn man ihr durch diese perverse, provokante Geschichte über Frauen, ihren Appetit und eine Welt folgt, die auf barbarische Weise versucht, beides zu kontrollieren. "Das Wunder" ist eine Geschichte über Glaube und Aufopferung, ein Mysterium, das in ein Gewirr von Komplikationen verpackt ist. Die Geschichte spielt 1862 in Irland - etwa ein Jahrzehnt nach dem Ende der großen Hungersnot, die das Land verwüstete und schätzungsweise eine Million Tote hinterließ - und nimmt ihren Lauf, als Lib, eine Krankenschwester aus London, zu ihrer neuen und ungewöhnlichen Aufgabe in einem abgelegenen Dorf ankommt. 

Der chilenische Regisseur Sebastián Lelio führt die Teile dieser seltsamen Geschichte mit Sparsamkeit, Schönheit, seiner charakteristischen Intimität und der üblichen Auswahl an denkwürdigen Gesichtern anmutig ein. Sein einziger wirklicher Fehltritt ist eine Rahmenhandlung: zwei quasi-brecherische Szenen auf einer Tonbühne, die die Geschichte einleiten und ihren Kunstgriff ankündigen. "Die Menschen, die man gleich treffen wird, die Figuren, glauben mit voller Hingabe an ihre Geschichten", sagt eine Frau aus dem Off, während die Kamera an Filmgeräten und Farbspritzern vorbeigleitet, bevor sie auf Lib stoppt. Die Stimme gehört zu Kitty (Niamh Algar), die der Familie O'Donnell nahe steht und irgendwann später, wenn sie in ihrer Rolle ist, in die Kamera schaut und sagt: "Hallo noch mal. Ich sagte doch, ohne Geschichten sind wir nichts." Es ist unklar, warum Lelio sich die Mühe mit diesen erzwungenen Verfremdungseffekten gemacht hat, die dazu dienen sollen, dass man über das, was man sieht, nachdenkt, anstatt sich psychologisch mit den Figuren zu identifizieren. Das ist ein zweifelhafter Schachzug - und die durchsetzungsfähige moderne Filmmusik leistet bereits einen Teil dieser Arbeit - und ist im Allgemeinen so fade wie eines der falschen Happy Ends aus dem alten Hollywood.

Sicherlich gibt es schon viel zu bedenken, denn "Das Wunder" kreist um Fragen der Kontrolle - durch Kirche, Staat und Männer - und verletzliche Körper in Gefahr. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Emma Donoghue, die gemeinsam mit Lelio und Alice Birch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Bei "Das Wunder" handelt es sich um eine andere Art von Gefangenschaftserzählung, alles dreht sich um Trauma und Pflege - die Betreuung und Ernährung von Kindern - und stellt Mutterschaft sowohl als Akt der Unabhängigkeit als auch der Erlösung dar. Lib übernimmt den Mantel der Mutterschaft allmählich und mit genug Komplexität, dass die Geschichte nie in Vorhersehbarkeit verfällt. Sie verwechselt auch nicht Empathie mit Essentialismus. Obwohl sie sich für Anna erwärmt (wie könnte sie auch nicht?) und sich auch mit einem Journalisten (Tom Burke) einlässt, wodurch eine allegorische Familieneinheit entsteht, bleibt die Figur durchgehend überzeugend souverän. Getragen von Lelios intelligentem Filmemachen - und von Pughs wunderbar kalibrierter Mischung aus körperlicher Kraft und temperamentvoller Herbheit - verkörpert Lib die Argumente, Themen und die Kraft der Geschichte mit lebendiger Klarheit. Man kann weder sie noch ihren Heißhunger auf das Leben leugnen.

7/10

Quellen
Inhaltsangabe: Netflix

Donnerstag, 9. März 2023

We Have A Ghost (2023)

https://www.imdb.com/title/tt7798604/

Frank (Anthony Mackie) und seine Familie entdecken in dem Haus, in das sie frisch eingezogen sind, einen Geist (David Harbour). Nachdem der erste Schock verdaut ist, wird schnell klar, dass das Gespenst absolut harmlos ist. Man verpasst ihm den Namen Ernest, in Anlehnung an den verstorbenen Schauspieler Ernest Borgnine, dem es ähnelt. Frank beginnt damit, mit Ernest Grusel-Dinnershows im Wohnzimmer zu veranstalten, wobei ihm sein Sohn Kevin (Jahi Di'Allo) behilflich ist, was aus allen Beteiligten mit der Zeit waschechte Social-Media-Stars macht. Doch als die Familie versucht, mehr über Ernests Vergangenheit herauszufinden, gerät sie ins Visier der CIA...

Mit Filmen wie "Happy Death Day" und "Scouts vs. Zombies" hat Christopher Landon in den letzten Jahren konsequent seine eigene kleine Horrorwelt geschaffen. Und er hat es sich wohl zum Ziel gesetzt, altbekannte Restriktionen über den Haufen zu werfen. Landon hat die Rolle übernommen, die in den 80er Jahren Joe Dante oder Ivan Reitman innehatten, und diesem eigentlich gut versorgtem Subgenre seine eigene Sensibilität und seinen eigenen Stil zu verleihen. "We Have A Ghost" setzt diese Erfolgssträhne fort, und obwohl dieser Film etwas jugendfreier ist als seine früheren, blutigeren Werke - die Gutherzigkeit ersetzt hier den Blutrausch seines letzten Films, des großartigen Slasher-Körpertauschs "Freaky" - bleibt er ein gruseliger, publikumswirksamer Leckerbissen: weniger Geisterjäger, mehr Geister-Freunde.

Newcomer Jahi Di'Allo Winston liefert eine überzeugende Leistung als junger Held, ein Gen-Z-er, der die üblichen Horrortropen dieser Art von Geistergeschichte geschickt unterläuft: Anstatt zu schreien, ist seine erste Reaktion auf den Anblick des Geistes ein ungläubiges Lachen, nur um im Anschluss sein Handy herauszuholen und es zu filmen, und damit natürlich sofort viral zu gehen, was Hashtags, Verschwörungstheorien und TikTok-Challenges inspiriert. Geschickt transportiert. Was den Geist betrifft, so ist David Harbours mürrische Frustration darüber, dass sein standardmäßiges "Buhuuuu"-Gebrüll wirkungslos bleibt, sehr lustig. Als Geist Ernest liefert Harbour eine grandiose, wortlose Darbietung, die eines Stummfilms würdig ist und ausschließlich über Körpersprache und Mimik funktioniert. Er schafft es, sowohl witzig wie Chaplin zu sein, als auch gewinnend warm, indem er die sanfte Mimik, die Chief Hopper zu einer Vaterfigur für Millionen machte, voll ausnutzt. Wie alle Landon-Filme ist auch dieser vollgepackt mit großartigen Darstellern - Anthony Mackie ist ein großartiger Vater, der verzweifelt auf sein Glück wartet, während Jennifer Coolidge als Judy Romano, "The West Bay Medium", einen typisch verrückten Cameo-Auftritt hat. Und in der Tradition von Landon gibt es auch wissende Zeilen für Horrorfans ("Wir werden nicht wie jede dumme weiße Familie in jedem Horrorfilm sein", beharrt Erica Ashs eigensinnige Mutter).

Aber dieser extrem online- und ironiegetränkte Witz wird hier gemildert: Dies ist vor allem ein ernsthaftes, nachdenkliches Genrestück, das weniger am Gruseln als an der Fürsorge interessiert ist. Es ist ein Film, in dem es letztlich um Familien geht, und er scheint darauf ausgelegt zu sein, auch von ihnen gesehen zu werden (zumindest von Familien mit Kindern im Teenageralter) - eine Geistergeschichte, die fast jeder genießen kann. "We Have A Ghost" ist vor allem ein ernsthafter, nachdenklicher Genre-Beitrag, der weniger an Grusel interessiert ist. Christopher Landon reduziert das Blut und erhöht die Gefühle für eine lustige, herzliche Horrorkomödie, die durch David Harbours gekonnte Geisterdarstellung belebt wird. 

8/10

Quellen
Inhaltsangabe: Netflix

The Wild Bunch - The Wild Bunch: Sie kannten kein Gesetz (Director's Cut) (1969)

https://www.imdb.com/title/tt0065214/

1914 während der mexikanischen Revolution: Der alternde Outlaw Pike Bishop (William Holden) und seine Bande halten sich mit räuberischen Diebstählen eher schlecht als recht über Wasser. Bei einem Überfall auf die Kasse einer Eisenbahngesellschaft geraten sie in einen Hinterhalt von skrupellosen Kopfgeldjägern, die von der Bahngesellschaft engagiert wurden, um Bishop zur Strecke zu bringen. Angeführt werden die Kopfgeldjäger von Bishops ehemaligem Kompagnon Deke Thornton (Robert Ryan), der vor die Wahl gestellt wurde, entweder gegen Bishop zu kämpfen oder zurück ins Gefängnis zu wandern. Nach einem wilden Feuergefecht, bei der jedoch auch unbeteiligte Passanten, Frauen und Kinder getötet werden, entkommen die Verbrecher nach Mexico und stoßen dort auf den brutalen und meist alkoholisierten General Mapache (Emilio Fernández). Dieser lockt sie mit einem Angebot: Für 10.000 Dollar sollen sie einen US-Munitionszug ausrauben. Der Coup gelingt, doch Mapache weigert sich zu zahlen. Als er einen von Bishops Leuten killt, schlagen die Helden zurück...

Der blutige Spätwestern "The Wild Bunch" unter der Regie Sam Peckinpah versteht sich als schonungslose Auseinandersetzung mit Themen wie Rechtlosigkeit und Gewalt, begeistert mit einigen spektakulären Actionszenen und scheut sich dabei nicht vor drastischen Bildern. Schon eine Szene während des Vorspanns gibt die Richtung für den weiteren Verlauf von Peckinpahs bleihaltiger Westernballade vor. Darin sind spielende Kinder zu sehen, die Skorpione und Ameisen eingefangen haben und diese gegeneinander kämpfen lassen. Anschließend decken die Kinder Gras über die Tiere und zünden sie an. Auf diese Weise verdeutlicht Peckinpahs Film anschaulich die menschliche Freude am Töten und die Sinnlosigkeit von gewalttätigen Auseinandersetzungen jeder Art. Obwohl auch im späteren Verlauf die explizite Darstellung der Gewalt eine große Rolle spielt und einzelne Momente gar aus einem Splatterfilm stammen könnten, verherrlicht "The Wild Bunch" das Vorgehen der Protagonisten jedoch zu keiner Zeit. Vielmehr erscheinen die Taten von Pike Bishop und seiner Bande ähnlich verabscheuenswürdig wie jene des mexikanischen Generals oder die der Kopfgeldjäger.

Jeder ist auf seine Weise verdorben, hinterhältig und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Saubere Helden mit weißen Westen gibt es hier nicht, nur kantige Männer mit Blut an den Händen, denen man in den zerfurchten Gesichtern ansieht, dass sie mittlerweile wie die Dinosaurier an einem Punkt sind, wo sie wie der Wilden Western selber, am Aussterben sind. Platz für einen glorreichen Abgang und Heldentum ist sowieso nicht gegeben. Was bleibt ist die Flucht vor dem unausweichlichen Schicksal und die Reste an Loyalität untereinander sowie die nicht endenwollende Spirale von sinnloser Brutalität.

Abgesehen davon hat "The Wild Bunch" wie es sich für einen Western gehört, fantastische staubige Landschaftsbilder zu bieten, auch sonst verbringt der Film viel Zeit mit seine Figuren. Da zudem auch der Cast, dem u.a. noch Ernest Borgnine, Warren Oates und Ben Johnson angehören, zu überzeugen weiß, verzeiht man Peckinpahs Western auch ein paar kleinere Längen, welche u.a. durch einige Rückblenden entstehen, die wohl den Charakteren zusätzlich Tiefe verleihen sollen, jedoch letztlich wie bloßes Füllmaterial wirken. Doch das Sahnehäubchen obendrauf ist natürlich der 6-Minütige, finale Showdown, der nicht nur in Schnitt und Bild perfekt abgestimmt ist, sondern auch locker zu den besten der Filmgeschichte gehört. Selten war ein Western niihilistischer und kompromissloser als "The Wild Bunch" und zugleich ist es auch einer der besten dieses Genres. Ein unvergesslicher Klassiker, der auch bis heute nichts an seiner Qualität und Wirkung verloren hat

8/10

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Clean - Clean: Rache ist ein schmutziges Geschäft (2021)

https://www.imdb.com/title/tt10023022/

Clean (Adrien Brody) ist ein Müllmann in einer Gegend der Stadt, die langsam, aber sicher vor die Hunde zu gehen scheint. Während der Nachtschicht arbeitet der Mann am liebsten ohne Partner, um mit seinen Gedanken allein sein zu können. Diese drehen sich meist um Erinnerungen an seine verstorbene Tochter und sein früheres Leben als drogenabhängiger Krimineller. Eines Tages trifft Clean die für ihn offensichtlich in Schwierigkeiten befindliche Diandra (Chandler DuPont). Er versucht der Teenagerin so gut es geht zu helfen, bevor sie endgültig auf die schiefe Bahn gerät. Dieser Absicht steht allerdings Michael (Glenn Fleshler) im Weg, der lokale Gangsterboss. Der dealt von seinem Fischgeschäft aus und begegnet allen, die ihm und seinem Profit in die Quere kommen, mit brutalster Gewalt...

Action-/Rache-Thriller müssen eben doch nicht immer mit Vollgas losbrettern. "Clean" ist ein äußerst minimalistischer Thriller über einen kaputten Mann in einer kaputten Umgebung. Inmitten der winterlichen Tristesse eines heruntergekommenen Viertels einer namenlosen Großstadt versucht der vom Schatten seiner düsteren Vergangenheit geplagte Müllmann "Clean" wenigstens ein bisschen Abbitte zu leisten und das Leben dort etwas besser zu machen. Adrian Brody spielt den geheimnisvollen, wortkargen Ex-Killer/Soldat/Agent sehr eingängig, dabei hilft ihm sein angeborener Blick. Kreativ oder neu ist an der ganzen Nummer wenig, auch der kaltblütige Untergrundboss und der liebenswerte Schützling fehlen in der Geschichte nicht. Leider bedient sich der Film eher selten aus dem Regal für Actionszenen. Sogar der solide Showdown ist derart dunkel geraten, dass man viel Dinge nur erahnen kann. Es hätte sicher nicht geschadet Brodys Figur etwas mehr von der Kette zu lassen, andererseits verkommt die Gewalt so auch nicht zum Selbstzweck. Damit ist auch "Clean" kein neues "Taken" und erst recht kein neuer "John Wick", aber anders als viele andere Werke, will er das auch gar nicht sein. Das Potenzial wäre durchaus vorhanden gewesen, aber Regisseur Paul Solet hat sich für einen etwas anderen, schwergängigeren Weg entschieden.

6/10

Quellen
Inhaltsangabe: Tiberius Film