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Dienstag, 2. Dezember 2025

Babo - Die Haftbefehl-Story (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt38504137/

Für die einen ist er ein Chronist des Straßenlebens, für die anderen ein Gangster-Rapper. Obwohl in Schlagzeilen immer wieder Ausschnitte seiner Biografie auftauchen, bleibt das Bild bruchstückhaft: Wer steckt hinter Aykut Anhan, besser bekannt als Haftbefehl? Als er 2010 in die deutsche Rapszene eintrat, hinterließ er deutliche Spuren. Viele junge Menschen sahen in ihm eine Identifikationsfigur, während er mit dem Studioalbum Russisch Roulette im Jahr 2014 auch die Aufmerksamkeit des Feuilletons auf sich zog. Die Regisseure Juan Moreno und Sinan Sevinç führen durch die Welt von Aykut Anhan, dem Menschen hinter der Kunstfigur Haftbefehl. Sie beleuchten den Weg zum Erfolg, öffnen den Blick auf die glitzernde Oberfläche des Musikgeschäfts und entwerfen zugleich das Bild eines Mannes, der mit den Schatten seiner Vergangenheit und Gegenwart ringt.

Der Netflix-Film "Babo - Die Haftbefehl-Story" ist eine radikal ehrliche und tiefgründige Dokumentation über den deutschen Gangster-Rapper Aykut Anhan, bekannt als Haftbefehl. Regisseur Juan Moreno, der 2018 Claas Relotius als Fälscher enttarnte, und Co-Regisseur Sinan Sevinç tauchten mit der Kamera zwei Jahre lang in das Leben des Künstlers ein und zeigen nicht nur seinen musikalischen Erfolg, sondern auch den dramatischen Absturz durch Drogenabhängigkeit und psychische Erkrankungen. Der Film verzichtet auf Beschönigungen und bietet stattdessen schonungslose Einblicke in die Schattenseiten des Ruhms, mit besonders eindrücklichen Momenten wie Nachstellungen eines Suizidversuchs und der körperlichen und seelischen Zerstörung durch Kokainkonsum. Diese Szenen berühren einen bis ins Mark.

Die Stärke der Dokumentation liegt in ihrer Mischung aus intimen persönlichen Interviews, Aufnahmen von Konzerten und dem realen Alltag in Anphans Umfeld. Die Zuschauer erleben, wie Haftbefehl sich im Musikgeschäft an die Spitze gearbeitet hat, aber auch wie der Verlust seines Vaters und die belastende Kindheit im migrantischen Milieu ihn geprägt haben. Die dokumentarische Erzählung zeigt, wie seine Familie durch seine Sucht zerbricht, während sein Bruder Capo stellvertretend für die Liebe und das Festhalten an ihm steht. Dabei vermeidet der Film eine übermäßige Einordnung oder den Einsatz von Expertenmeinungen, die Suchterkrankungen erklären könnten, was einerseits dem authentischen Confessional-Stil dient, andererseits aber auch kritisiert wird, weil der soziokulturelle Kontext von Haftbefehls Herkunft kaum beleuchtet wird.

Technisch überzeugt "Babo - Die Haftbefehl-Story" durch eine kontrastreiche Bildsprache, die zwischen den energiegeladenen Konzertsequenzen und den stillen, fast lähmenden Momenten des Drogenabsturzes wechselt. Die Kamera bleibt nah an der Hauptfigur und zeigt die Zerbrechlichkeit hinter dem selbstbewussten Image des Rappers. Musikalisch und sprachlich spiegelt sich die Verschmelzung verschiedener kultureller Einflüsse wider, die Haftbefehl zu einem prägnanten Vertreter des deutschen Straßenraps machen. Die Filmgestaltung setzt bewusst auf dramatische Musik verlässt sich aber dann doch eher auf natürliche Geräusche und authentische Atmosphäre, was den dokumentarischen Charakter unterstreicht. Inhaltlich ist der Film eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit den Folgen von Ruhm, Abhängigkeit und dem Kampf mit inneren Dämonen. Er zeigt dabei nicht nur den Menschen Haftbefehl, sondern auch die Co-Abhängigkeit seiner Familie und Ehefrau, die mit der toxischen Dynamik ringen. Die Dokumentation funktioniert auch als Aufklärung über Suchterkrankungen und psychische Erkrankungen, sie hinterlässt beim Zuschauer ein erschütterndes Bild von der lebenslangen Belastung trotz Therapie und Unterstützung. Eine der krassesten Szenen ist die Übernahme der Kamera durch Aykut Anhan am Ende der Doku. Ungeschönt. Abstoßend. Und zutiefst erschütternd und traurig.

"Babo - Die Haftbefehl-Story" ist ein überaus tiefes, beeindruckendes, aber auch schweres Filmwerk, das weit über eine reine Musikerbiografie hinausgeht. Man erwartet einfach nicht, dass man so einen Film serviert bekommt. Nicht in diesem Bereich, nicht mit einem Künstler. Es fordert vom Betrachter Offenheit für tiefe Einblicke in eine gebrochene Seele und ein schwieriges soziales Umfeld. Als eine der ehrlichsten Hip-Hop-Dokumentationen im deutschen Raum hinterlässt sie sowohl Mitgefühl als auch ein kritisches Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge und persönliche Verantwortung. Für Fans von authentischen, ungefilterten Porträts und für alle, die sich für die komplexen Hintergründe von Künstlerbiografien interessieren, ist dieser Film ein absolutes Muss. Ganz egal, ob man etwas für Deutsch-Rap übrig hat oder nicht.

9/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

Samstag, 3. Dezember 2022

Fahrenheit 9/11 (2004)

https://www.imdb.com/title/tt0361596/

Ein Agitprop-Film von Michael Moore: Der amerikanische Filmemacher beschäftigt sich mit den Auswirkungen des 11. September 2001 auf die politische Lage in den Vereinigten Staaten von Amerika. Moore befasst sich zunächst mit den vor den Terroranschlägen liegenden Ungereimtheiten bei der Präsidentenwahl von Georg W. Bush, der gegen Al Gore gewann. Danach montiert Moore Archivmaterial, selbst gefilmte Szenen, in denen er Politiker oder andere Menschen mit unbequemen Fragestellungen konfrontiert, sowie Interviewpassagen zu einem filmischen Propagandaessay zusammen. Dabei geht es ihm um die Verbreitung mehrere Thesen. So stellt er Verbindungen zwischen saudi-arabischen Ölscheichs und Teilen der amerikanischen politischen Klasse her, beschäftigt sich mit den falschen Informationen über Massenvernichtungswaffen im Irak und folgert aus seinem Material, dass die amerikanische Regierung die Kriege im Irak und Afghanistan aus wirtschaftlichen Gründen begonnen habe. 

Mit "Fahrenheit 9/11" inszeniert der berüchtigte Polemiker Michael Moore eine eindrucksvolle, manipulative und erschütternde Hetzkampagne gegen George W. Bush und sein Regime. Dass dieser Film ganz klar gegen eine Wiederwahl George Buhs arbeitet, daraus macht Michael Moore gewiss keinen Hehl. So wird auch nicht davor zurück geschreckt die Kamera auf eine trauernde Mutter zu halten, die ihren Sohn im Irakkrieg verloren hat. Die zuvor denunzierende Information- und Faktenflut findet dadurch raffiniert eine tiefe emotionale Bindung in den Zuschauern und besiegelt offensichtlich das zukünftige Schicksal von Bush und seinen Schergen. Die Geschichte hat uns da leider eines besseren belehrt.
Davon abgesehen macht Moore seine Sache wirklich gut, wenn nicht sogar exzellent. Denn am Ende ist man als Zuschauer fassungslos und schockiert, emotional ergriffen und kann es nicht fassen, was in den Staaten tatsächlich passiert sein soll. Das ist jedoch der Knackpunkt. Moore will glauben machen und damit ist ihm, mehr oder weniger, jedes Mittel recht. Inwiefern hier Tatsachen verdreht oder nur zur Hälfte wiedergegeben wurden, ist an anderer Stelle schon kritisiert worden. 

"Fahrenheit 9/11" erhält dadurch zwar einen etwas faden Beigeschmack, aber was Michael Moore am Ende dennoch gelingt, ist eine wunderbar montierte Demontage eines Mannes, die durch einen außergewöhnliche Kombination an emotionalen Momenten, ironischen und betroffenen Kommentaren seitens Moore und geradezu sarkastischen Musikbeiträgen, den Zuschauer am Ende zu fesseln weiß.

8/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: Weltkino

Fahrenheit 11/9 (2018)

https://www.imdb.com/title/tt0361596/

Im November 2016 verändert ein Tag nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt grundlegend, als der exzentrische Milliardär und Republikaner Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gegen die demokratische Favoritin Hillary Clinton gewinnt. Damals rechnete niemand mit seinem Sieg, der einem schmutzigen und krawalligen Wahlkampf folgte. Der oscarprämierte Regisseur Michael Moore („Bowling For Columbine“, „Fahrenheit 9/11“) ergründet in seinem neuen Dokumentarfilm daher wie es nur passieren konnte, dass der reiche Unternehmer an der Spitze der Macht landen konnte. Er offenbart die Umstände und Mechanismen, die zum Sieg geführt haben und beschäftigt sich provokant und unterhaltsam mit den politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Trumps Machtergreifung. Dabei rechnet er nicht nur mit dem umstrittenen Sieger ab, sondern übt auch besondere Kritik an den Demokraten, die durch ihr Versagen Trumps Präsidentschaft erst ermöglichten. 

"How the fuck did this happen?" fragt Michael Moore nach einigen Minuten seiner neuen Dokumentation "Fahrenheit 11/9". Schon das Intro des Films, in dem der Regisseur die frühen Morgenstunden des 09. Novembers 2016 noch einmal Revue passieren lässt, in denen Donald Trump offiziell zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erklärt wurde, kommt einer ernüchternden Ratlosigkeit gleich, der Moore in den nachfolgenden gut 2 Stunden auf den Grund gehen will. Bereits im Oktober 2016 veröffentlichte der Dokumentarfilmer überraschend ein kurzes Werk namens "Michael Moore in TrumpLand", das den Wahlkampf des damaligen Präsidentschaftskandidaten thematisierte. Schon hier war hingegen klar, dass das nur 73 Minuten lange Statement nicht alles gewesen sein konnte. Über zwei Jahre später folgt mit "Fahrenheit 11/9" nun der fast eine Stunde längere Nachschlag, in dem sich Moore mit einem Amerika, seinem Amerika auseinandersetzt, das in jüngster Vergangenheit längst zu einem TrumpLand geworden ist.
Ähnlich gespalten und chaotisch wie die Lage der US-Nation fällt die neueste Dokumentation des Regisseurs zunächst aus. 

Mit Trump hat sich Moore einen Gegner ausgesucht, dem er lange Zeit nicht gewachsen zu sein scheint. Alles, was es an absurden Fakten und haarsträubenden Details über den derzeitigen Präsidenten von Amerika an die Öffentlichkeit zu zerren gibt, befindet sich dort bereits, noch dazu oftmals von ihm selbst ans Tageslicht der öffentlichen Aufmerksamkeit befördert. Offensiv bündelt Moore nach einer kurzen Chronologie von Trumps Aufstieg als TV-Star zum Präsidenten noch einmal besonders verheerende Erkenntnisse wie beispielsweise die auffällig unangenehme Nähe von Trump zu dessen Tochter Ivanka, der Moore ohne großen Kommentar ein inzestuöses Begehren verleiht, während er parallel die Medien für dessen großen Erfolgszug anprangert.

Erst nach gut einer halben Stunde findet der Regisseur mit "Fahrenheit 11/9" dagegen zunehmend mehr in eine erzählerische Spur. Sobald sich Moore nicht mehr nur auf Trump selbst, sondern auf den Weg dahin fokussiert, gewinnt die Dokumentation an gewohnter Schärfe und Profil. Ohne eine einseitige Verurteilung der Republikaner wirft der Regisseur ebenso einen überaus kritischen Blick auf die Manipulation der Vorwahlen durch die Demokraten und das damit verbundene Ausscheiden des eigentlichen Favoriten Bernie Sanders, der sich gegen Hillary Clinton geschlagen geben musste. Besonders eindringlich wird der Film, sobald sich Moore zudem seiner Heimatstadt Flint in Michigan und der dort verursachten Wasserkrise zuwendet, bei der über 100.000 Einwohner mit vergiftetem Trinkwasser extrem schwer belastet wurden. Spätestens hier, wenn Moore das alleinige Verschulden des republikanischen Gouverneurs Rick Snyder als einen Akt bloßstellt, der jegliche Form von terroristischem Plan übertrumpft, ist "Fahrenheit 11/9" kein bloßer Film über Trump mehr, sondern eine ernüchternde Anklage eines verrotteten politischen Systems, das ganz Amerika ins Verderben gestürzt hat.

Selbst den vorangegangenen Präsidenten Barack Obama, der für den hohen afroamerikanischen Bevölkerungsteil von Flint einst als Hoffnungsträger galt, enttarnt der Regisseur als enttäuschenden Rückschlag, wenn dieser bei Aufnahmen öffentlicher Auftritte vor der Bevölkerung Flints vor der nötigen Verantwortung zurückweicht. Wie alle Filme von Moore ist auch "Fahrenheit 11/9" bei näherer Betrachtung mit Vorsicht zu genießen. Der angriffslustige Polemiker wirkt in seinem aktuellen Werk zwar weitaus weniger angriffslustig und dafür wesentlich resignierter als zuletzt. Dafür bedient sich der extrem linke Filmemacher auch hier wieder einiger reißerischer, undifferenzierter Methoden, bei denen er beispielsweise Trump kurz vor dem Finale wenig überraschend mit Adolf Hitler höchstpersönlich gleichsetzt und Interviews mit Leuten führt, die sich exakt in seine persönliche politische Überzeugung einfügen.

Nichtsdestotrotz ist "Fahrenheit 11/9" am Ende vor allem auch ein flammender Aufruf für verstärkten politischen Aktivismus, der klar Stellung beziehen und nach Veränderung streben soll. Das bewegendste und gleichzeitig menschlichste Argument hierfür entdeckt Moore bei seiner Auseinandersetzung mit dem Parkland-Schulmassaker. Ausgerechnet die jüngeren Einwohner der amerikanischen Bevölkerung verhelfen dem Regisseur schließlich doch noch zu einem leisen Optimismus hinsichtlich eines Landes, das womöglich längst untergangen ist. 

8/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: Weltkino

Sonntag, 17. Juli 2022

For Sama - Für Sama (2019)

https://www.imdb.com/title/tt9617456/

Waad Al-Kateab lebt zusammen mit Samas Vater Hamza, einem Arzt, der im letzten funktionierenden Krankenhaus im von Rebellen besetzten Aleppo arbeitet. Die Stadt ist umzingelt und wird täglich vom syrischen Regime und der russischen Luftwaffe bombardiert, sodass die junge Mutter befürchten muss, jeden Moment getötet zu werden. Sie filmt eine Nachricht an ihre einjährige Tochter, um zu erklären, wer ihre Eltern waren, wofür sie kämpften und warum Sama auf die Welt kam – eine Aufnahme, falls Waad nicht überleben wird. Das erste Lebensjahr von Sama wird das letzte Jahr im Kampf um die Stadt sein, eine Zeit der von unvorstellbarer Dunkelheit. Das Regime und seine Verbündeten greifen auf jede erdenkliche Gräueltat zurück, um die Rebellen zu vernichten. Hamzas Krankenhaus wird bombardiert. Sie werden belagert und sind Zeugen von Angriffen durch Chlorgas, Streu- und Fassbomben, Massaker an Frauen und Kindern. Trotzdem haben Waad und Hamza Freude an der Elternschaft und erleben die ersten Wochen im Leben ihrer kleinen Tochter voller Spaß und Lachen. Sie gibt ihnen die Kraft, die letzte Rebellenbande zu ertragen. Schließlich werden sie überwältigt und ins Exil gezwungen... 

Man muss sich sehr gut überlegen, ob man sich "Für Sama" überhaupt ansehen mag. Bereits nach 2 Minuten hat einen der Film so fest gepackt und mit einer Situation konfontiert, wie sie in Ländern, die sich nicht im Kriegszustand befinden, schwer bis gar nicht vorstellbar ist. Ein Kleinkind, Sama, und ihre Mutter, die ihr ein Lied singt, während von außen Detonationen zu hören sind. Dann wird es schnell unübersichtlich, Ärzte, Schwestern und Patienten suchen Schutz, ein Einschlag, weißer Rauch. "Wir müssen nach unten". Und dann die Mutter, Waad Al-Kateab, die im Keller des Krankenhauses ihre kleine Tochter filmt und mir ihr spricht: "Sama. Du bist das Schönste in unserem Leben. Aber was für ein Leben mute ich dir zu? Du hast dir das nicht ausgesucht. Wirst du mir das je verzeihen?" Aleppo, Juli 2016.

Man sieht Kinder, die blutüberströmt auf dem Boden sitzen, weinen und noch den Dreck von Trümmerteilen im Gesicht haben. Sie stehen völlig unter Schock, begreifen gar nicht, dass sie gerade eine Bombardierung aus der Luft überlebt haben. Und dann, schaut man in ihre Augen. Man sieht ihnen an, das erleben sie jeden Tag. Seit Jahren. Es ist ihr Alltag. Ihr Leben. Sie kennen nichts anderes als den Tod. Es gibt niemanden an den sie sich richten könnten, um sich zu retten. Denn alle um sie herum, sind denselben Wahnsinn ausgesetzt. Jedes Haus kann sofort einstürzen. Jeder Schritt kann der letzte sein. Die Flucht ist genauso gefährlich wie der Verbleib. Es bleibt nicht einmal mehr Zeit, um für all die Toten zu beten und zu trauern.Wer spätestens hier noch keine Tränen in den Augen und mit dem Kloß im Hals zu kämpfen hat, sollte in sich gehen und mal überlegen, an welcher Stelle seine Menschlichkeit verloren ging.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was man als Zuschauer in der insgesamt 95-minütigen Dokufilm "Für Sama" zu sehen bekommt. Aufgenommen aus Sicht einer Journalistin und Mutter mitten in Aleppo während des Bürgerkriegs in Syrien über mehrere Jahre. Vor allem wird dem Zuschauer, während dieser vom gemütlichen Sofa aus hockend die Doku sieht, bitter vor Augen geführt, wie gut es ihm in der westlichen Welt eigentlich geht. Noch bitterer ist, das dies nur einen kleinen Teil dessen wiederspiegelt was in der Welt so alles schief läuft. Bilder, die man so nur selten zu Gesicht bekommt. Bilder, die fassungslos, traurig und wütend machen. Schlimmer als jeder Horrorfilm. Ungeschönt und weitgehend unzensiert die Aufnahmen, das man sich teilweise durchquälen muss, weil es kaum zu ertragen ist. Bilder von Leichen, zerfetzte Körper, und dazwischen immer wieder: Kinder. Auch wenn es immer wieder kleine Schimmer von Hoffnung gibt, zum Beispiel die Rettung eines durch Notkaiserschnitt geborenen Jungen, der keinen Puls hat, und seiner Mutter - Leid, Elend, Trauer, Angst, Verzweiflung, Tod sind durchgehend bestimmend. 

In "Für Sama" bleiben leider manche Fragen offen, zum Beispiel die Frage, wie die Journalistin und ihre engen Mitmenschen mit anderen Gruppierungen in Kontakt standen. Doch dieser politische Part wird schnell Nebensache, der Fokus liegt klar und deutlich auf die Menschen dort, die für Freiheit und ums Überleben kämpfen, sowie um ihre Kinder. Letztere sind hier die wahren Verlierer, da sie keine Möglichkeit haben eine friedliche Kindheit zu erleben - und einfach Kind zu sein. Das ist so grausam, soundenkbar und leider so real, dass es in nahezu jeder Sekunde dieser verstörenden Dokumentation weh tut. Und das soll es auch."Für Sama" ist fernab jeder Unterhaltung wie man sie kennt. Es ist aber immens wichtig hinzusehen, auch wenn es so derbe unangenehm ist. Man kann nur hoffen, dass dieses Leid bald ein Ende findet und niemals in Vergessenheit gerät. Ein Film wie eine Naturgewalt. Wachrüttelnd und intensiv. Geht ans Herz und an die Nieren bis über die Schmerzensgrenze hinaus. Mit Sätzen wie: "Es ist schrecklich, aber ich beneide die (tote) Mutter. Sie musste wenigstens ihr Kind nicht begraben." Einfach furchtbar.

9/10

Quellen:
Inhaltsangabe: ARTE

Sonntag, 1. Mai 2022

Conversations With A Killer: The John Wayne Gacy Tapes - John Wayne Gacy: Selbstporträt eines Serienmörders

https://www.imdb.com/title/tt18970124/

Nie zuvor gehörte Tonaufnahmen aus dem Verhör des berüchtigten Serienmörders John Wayne Gacy ziehen sich wie ein roter Faden durch diesen erschütternden Blick auf seine brutale Mordserie in den 1970er Jahren, während neue Interviews mit Ermittlern und Überlebenden das Grauen seiner Verbrechen in den Vordergrund rücken.

https://www.imdb.com/title/tt19767580/
1. Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft (The Life Of The Party)
John Wayne Gacy wird zum Hauptverdächtigen im Fall des vermissten Robert Piest. Bisher unveröffentlichte Tonaufnahmen enthüllen seine Gedanken und seine Vergangenheit. - 7,5/10

https://www.imdb.com/title/tt19767582/
2. Ein wohl gehütetes Geheimnis (A Nicely Kept Secret)
Nach seinem umfassenden Geständnis verhält sich Gacy unberechenbar und die Polizei muss mit seinem Verhalten als auch mit einer veränderten Ermittlung zurechtkommen. - 7,5/10

https://www.imdb.com/title/tt19767588/
3. Zurechnungsfähig genug (Sane Enough)
Während Gacys Anwälte versuchen, seine Schuldunfähigkeit zu beweisen, geht die Polizei der emotionalen Aufgabe nach, jedes seiner Opfer zu identifizieren. - 7,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Netflix

Samstag, 26. Februar 2022

The Tinder Swindler - Der Tinder-Schwindler (2022)

https://www.imdb.com/title/tt14992922/

Viele Tinder-Nutzerinnen und -Nutzer versprechen sich, auf der Dating-Plattform ihre große Liebe zu finden. Doch manchmal erwartet sie dort der ganz große Schwindel, wie im Fall von Cecilie, die es kaum glauben kann, als sie auf Tinder mit einem gutaussehenden Milliardär matcht. Erst viel zu spät erkennt sie, dass der angebliche internationale Geschäftsmann sie ganz charmant um den Finger gewickelt - und völlig ausgenommen hat. Doch Cecilie ist nicht das einzige Opfer dieses Schwindlers. Die Dokumentation "Der Tinder-Schwindler" vom Produzenten-Team von "Der Blender - The Imposter“ und "Don’t F**k With Cats" zeichnet nach, wie sich Cecilie mit anderen Frauen zusammengetan und die Identität des Betrügers aufgedeckt hat...

Als Cecilie Fjellhøy auf Tinder nach rechts wischte, um Simon Leviev zu treffen, hatte sie keine Ahnung, dass dies ihr gemeinsames Leben verändern würde. Eine schnelle Recherche bei Google ergab, dass Simon der Sohn eines Diamantenmoguls ist, und nachdem ihr erstes Date eine romantische Hotelreise nach Bulgarien beinhaltete, dachte Cecilie, sie hätte den Richtigen gefunden. In den folgenden Monaten wurde Cecilie von Simon betrogen und verschuldete sich mit Hunderttausenden von Dollar. Pernilla Sjöholm und Ayleen Charlotte gehörten ebenfalls zu Simons Opfern, und alle drei erzählen hier, wie sie den Tinder-Schwindler kennenlernten und wie er seine eigene Medizin zu schmecken bekam. 

"Der Tinder Schwindler" von Regisseurin Felicity Morris zieht den Zuschauer wirklich effektiv in diese scheinbare Geschichte von verblendeter Romantik und Luxus hinein. Cecilie erzählt von der Suche nach der Liebe und dem Glauben, dass es mit Simon endlich geklappt hat, während Clips aus Filmen wie "Die Schöne und das Biest" ihren Dialog untermalen. In Pernillas Geschichte geht es noch glamouröser zu, denn Privatjets, coole Autos und extravagante Partys kommen häufig vor, auch wenn ihre Beziehung eher platonisch ist. Der Dokumentarfilm schildert wirkungsvoll, wie sich ein wahr gewordener Traum in einen Albtraum verwandelte und wie leicht der falsche Eindruck täuschen kann. Ich möchte nicht zu viel verraten, denn ein großer Teil des Schocks und der Faszination von "Der Tinder Schwindler" besteht darin, diese unfassbare Geschichte zu verfolgen. Es genügt zu sagen, dass die Angelegenheit bei der Produzentin und Regisseurin von "Don't F**k with Cats", Felicity Morris, und dem irischen Produzenten Bernie Higgins nicht besser hätte aufgehoben sein können. Der Film ist hervorragend inszeniert und löst bei den Zuschauern eine intuitive, emotionale Reaktion aus. Es ist erschütternd, aber auch ermutigend, wenn man miterlebt, wie diese Frauen Maßnahmen ergreifen, während in vielen Fällen nur wenig für solche Verbrechen getan werden kann. Kompetent geschnitten und packend, werden die Wendungen, die die Geschichte nimmt, immer verrückter und empörender. Die Erzählung hat etwas Intimes und ist dennoch in der Lage, eine sehr weltumspannende Thematik zu erzählen. Neben den Opfern kommen auch Ermittler, Journalisten und Behörden zu Wort. Man spürt förmlich den Schmerz, der diesen Frauen zugefügt wurde, und obwohl es eine gewisse Erlösung gibt, bleibt beim Zuschauer zweifelsohne der Wunsch nach weiteren Maßnahmen zurück. Ein Dokumentarfilm, den man unbedingt gesehen haben muss und aus dem man mehr mitnehmen kann, als man denkt. Durchaus sehenswert.

7/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: Netflix

Sonntag, 8. August 2021

Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord (2021)

https://www.imdb.com/title/tt15036416/

Die Netflix-Doku "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" erzählt die wahre Geschichte von Maximilian Schmidt, der als 19-Jähriger über einen Online-Shop Drogen im Wert von über 4 Millionen Euro aus seinem Kinderzimmer heraus verkaufte. Der Kriminalfall inspirierte die Netflix-Serie "How To Sell Drugs Online (Fast)". 

"Hunderte Kilogramm Drogen, gestapelt im Kinderzimmer der elterlichen Wohnung: In Leipzig hat die Polizei einen der deutschlandweit größten Drogenfunde gemacht. Bei einem 20-jährigen Verdächtigen seien insgesamt 320 Kilogramm verschiedener Drogen sichergestellt worden, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft gestern mit. Zudem seien 40 Kilogramm in Paketen gefunden worden, die er verschickt habe. Insgesamt hatten die Drogen nach Ermittlerangaben einen Marktwert von mehr als vier Millionen Euro." - so schrieb die MZ zu dem wohl spektakulärsten Drogenfund in jüngster Vergangenheit. Spektakulär war hier allerdings nicht der Fund oder die Ermittlungen, sondern die Art und Weise, wie die Drogen verkauft worden. Über das Internet. Ganz normal. Als Shop, jedem Menschen frei zugänglich. Die Netflix-Dokumentation "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" erzäht in unaufgeregter Art und Weise den Aufstieg und Fall des Maximilian Schmidt, der sich mit etwas Wissen, Engagement und im Endeffekt auch harter Arbeit ein kleines Drogenimperium aufbaute. Die Doku sympathisiert etwas mit dem jungen Mann, der im Großen und Ganzen die Justiz vorführte und deren Grenzen gekonnt ausnutzte. 

Anfang 2014 soll der Verdächtige, der ein Gewerbe für Webdesign angemeldet hatte, vom eingeschränkt zugänglichen sogenannten "Darknet" ins offene Internet gewechselt sein - seine Webseite "Shiny Flakes" war von da an für jedermann zugänglich. Zur Verschleierung von Daten wurden Anonymisierungsdienste genutzt, bezahlt wurde in der Internet-Währung Bitcoin. Die Waren wurden per Post versandt, als Einschreiben oder als Pakete über Packstationen. 

Die Dokumentation ist großartig, gut gefilmt, spannend inszeniert und wartet mit vielen hintergrundinformationen auf, die man so sicher nie erhalten hätte. Doch nur bis zu einem gewissen Punkt. Entscheidende Details lässt Maximilian mit einem breiten Grinsen aus. Es ist an vielen Stellen sogar witzig, das Versagen der Justitz durch mangelndes Inseider-Wissen oder zu schnell fortschreitende Technolgien zu erkennen, vor allem, wenn das LKA die Arbeit der IT-Forensiker lobt, die nichts anderes zu tun hatten als die Nachlässigkeit von Schmidt auszunutzen, als dieser sein schier unknackbares Passwort zu seinem Rechner im Mülleimer entsorgt hatte. Da sitzt man als Unbeteiligter da und kann nicht anders als zu schmunzeln.

8/10

Quellen: 
Inhaltsangabe: Netflix
Textauszüge: Mitteldeutsche Zeitung (MZ)