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Sonntag, 9. März 2025

Mickey 17 (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt12299608/

Bei der Kolonisation des Eisplaneten Nilfheim hat Mickey 17 (Robert Pattinson) die Aufgabe der Expeditionscrew zu helfen – vor allem bei den Jobs, die gefährlich sind. Denn Mickey hat einen Vorteil: Er ist ersetzbar. Wenn er stirbt, wird einfach der nächste Klon produziert, der nicht nur seine bisherigen Erinnerungen hat, sondern auch die Arbeit nahtlos fortsetzen kann. Doch als Mickey eines Tages für kurze Zeit vermisst wird, entdeckt er, dass Mickey 18 schon an den Start gebracht wurde. Doch Mickey 17 will nicht sterben. Er muss also seinen Klon geheim halten. Doch zudem wird auch das Leben auf Nilfheim immer gefährlicher, weil die Mission zu scheitern droht, sich die Nahrung dem Ende neigt und die einheimische Bevölkerung nicht gut auf die neuen menschlichen Nachbarn zu sprechen sind. Mickey 17 muss also in diesem Umfeld überleben - und das als Wegwerfklon...

"Parasite" des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho war ein grandioser Hit und brachte dem Regisseur unter anderem einen Oscar für den besten Film 2020 ein. Was also nun also die Gründe für die Entscheidung der Produktionsfirma Warner Bros. waren, die Veröffentlichung seines neuen Films, "Mickey 17", um ein ganzes Jahr zu verschieben (ursprünglich war der Kinostart für März 2024 geplant), kann man nur mutmaßen. Die Terminverschiebung löste aber immerhin Besorgnis und Spekulationen aus, dass die durchweg hohen Standards des Regisseurs möglicherweise nachgelassen haben. Doch "Mickey 17" ist eine nicht minder geniale Science-Fiction-Satire mit Robert Pattinson in einer Doppelrolle. Und eines sollte klar sein: Dieser Film sollte bei jedem Filmfan ganz oben auf der Liste derjenigen Filme stehen, die man unbedingt sehen muss.

Obwohl "Mickey 17" nicht in derselben Liga wie "Parasite" spielt, macht er dennoch enorm viel Spaß - und das, obwohl die Prämisse des Films, so frisch sie sich auch anfühlt, nicht neu ist. Eine Variante der Idee sah man erst kürzlich in dem düstereren Horrorthriller "Infinity Pool". Doch davon ab hat die Verzögerung dazu geführt, dass der Film mit seinen Themen genetische "Reinheit" und einer penetranten Donald-Trump-Parodie mit Mark Ruffalos Darstellung des zum Weltraumkolonisator gewordenen Politikers Kenneth Marshall, dessen Ehefrau Ylfa (Toni Collette) ihm immer wieder Anweisungen ins Ohr flüstert, etwas unangenehm aktueller wirkt. Ob dies die Absicht war, ist ungewiss: Angesichts der derzeitigen Zurückhaltung Hollywoods, den Zorn des Weißen Hauses auf sich zu ziehen, scheint dies unwahrscheinlich.


Der Film, der auf Edward Ashtons Roman "Mickey 7: Der letzte Klon" aus dem Jahr 2022 basiert, zeigt Bong im brachialen Abenteuer-Modus statt in der eleganten, kultivierten Wildheit von "Parasite". Das ist definitiv keine subtile Filmkunst, aber wir leben auch nicht gerade in besonders subtilen Zeiten. Die Geschichte eines eitlen, populistischen Führers, der davon besessen ist, sich selbst ganz besonders großartig in Szene zu setzen; seine Anhänger mit ihren mit Slogans bemalten roten Mützen und der fanatische Eifer voll eingeschriebener Mitglieder eines Personenkults - das alles fühlt sich ein bisschen wie eine stumpfe Waffe an. Aber auch eine stumpfe Waffe kann immer noch viel Schaden anrichten: Eine zentrale Szene, in der Nasha (Naomi Ackie) der Macht einen mit Schimpfwörtern gespickten Wahrheitsangriff versetzt, ist in etwa so mitreißend wie alles, was man in diesem Jahr bereits im Kino zu Gesicht bekam.


Im Mittelpunkt der Handlung steht das, was als "Kolonieprojekt" beschrieben wird. Wir schreiben das Jahr 2054 und riesige Raumschiffe voller eifriger Freiwilliger, die meisten glücklose Loser, verlassen eine dem Untergang geweihte Erde und wagen sich in die äußeren Bereiche der Galaxie, um eine neue menschliche Kolonie zu gründen. "Ein reiner, weißer Planet voller überlegener Menschen", so lautet Marshalls eindeutig faschistische Ambition für seine Mission, die von einer äußerst zwielichtigen religiösen Organisation finanziert und unterstützt wird. Allein dieser Satz weitet dem Zuschauer vor Fremdscham und Entsetzen die Augen. Doch Marshalls Vision schließt Mickey (Robert Pattinson) kategorisch nicht ein, der als "Expendable" zu einer Unterschicht entbehrlicher Menschen gehört. Ihm blieb keine Wahl: um seinem Gläubiger, der gern mal Menschen mit einer Kettensäge bearbeitet wenn diese nicht zahlen, zu entkommen und seinem Geschäftspartner, der clever genug war, um sich schnell als Pilot rekrutieren zu lassen, zu folgen, ist nur diese eine Stelle an Bord, seinem letzten Ausweg, frei. Seine biometrischen Daten und Erinnerungen werden gespeichert und jedes Mal, wenn er stirbt, wird Mickey in einer absurd-komischen Art und Weise, die man von sehr alten Tintenstrahldruckern kennt, neu gedruckt und für die Art von Aufgaben eingesetzt, für die man andere (bedeutendere) Crewmitglieder nicht riskieren würde. Er wird schnell zu einem menschlichen Versuchsobjekt, um beispielsweise die Auswirkungen kosmischer Strahlung zu testen (In einer urkomischen Szene klärt ein Wissenschaftler Mickey, der sich an der Außenhaut des Raumschiffes festklammert, um seine angebliche Mission, eine elektrische Leitung zu reparieren ausführen will und verwundert ist, dass an der beschriebenen Stelle gar nichts defekt ist, darüber auf, dass der eigentliche Grund seiner Außenmission der Test der kosmischen Strahlung und deren Auswirkungen auf den menschlichen Körper ist. "Bitte sagen Sie uns wann Sie zu erblinden beginnen? Und wie lange dauert es, bis Ihre Haut zu brennen beginnt?) Doch nicht alles ist schlecht, denn Mickey findet schnell eine Freundin: Nasha, mit der er sich schnell über die Anweisungen des Präsidenten, keinen Sex zu haben, hinwegsetzt, obwohl dies jedes Mal 100 Kalorien verbraucht. Mindestens. Bei der Ankunft kristallisiert sich heraus, dass ein neuer Mickey als empfindungsfähige Petrischale requiriert wird, um einen Impfstoff zu entwickeln, der das luftgetragene Virus in der Atmosphäre des neuen Wirtsplaneten Niflheim bekämpfen kann. Mickeys gemurmelte, kaum artikulierte Erzählung (Pattinsons Textlesungen sind erfreulich unzusammenhängend) und die Tatsache, dass er sich nicht die Mühe gemacht hat, das Kleingedruckte seiner Stellenbeschreibung zu lesen, machen ihn zu einem sympathischen Trottel, der, anders als viele der hochqualifizierten Besatzungsmitglieder der Mission, eindeutig kein Raketenwissenschaftler ist.

Aber selbst ein Trottel wie Mickey erkennt den Ernst der Lage, als seine 17. Version, Mickey 17, bei einem Sturz in eine Eisschlucht auf Niflheim eben nicht gestorben ist und eine neue Version, Mickey 18, gedruckt wird. Das Problem ist, dass Mickey 17 dank des Eingreifens der auf dem Planeten heimischen Spezies - einer Art riesiger Kellerassel/Meerschweinchen mit Tentakeln im Gesicht, die der Präsident "Creeper" nennt (weil er sie erschreckend findet) - überlebt hat. Jetzt gibt es da draußen zwei Mickeys, und Mickey 18 scheint darauf aus zu sein, seinen Vorgänger zu ermorden. Sie sehen identisch aus, aber Pattinsons ausdrucksstarke Körperlichkeit wird geschickt eingesetzt: 17 ist linkisch, mit der Verletzlichkeit eines eingeschüchterten, getretenen Welpen; 18 ist voller harter Kanten und blitzendem Groll. Um die Sache noch komplizierter zu machen, konkurrieren die beiden Mickeys um Nasha. Da hilft es wenig, dass sich die die Wissenschaftlerin Kai Katz (Anamaria Vartolomei), auch für Mickey zu interessieren beginnt. Das ganze Setting erinnert oberflächlich an die Prämisse von Duncan Jones‘ "Moon", aber Melancholie und Angst werden durch Gewalt, hochwirksame synthetische Medikamente, Sex und beißende Komik ersetzt. Größtenteils funktioniert das gut. Man darf durchaus nicht überzeugt davon sein, dass ein Running Gag über die Suche von Marshalls Frau Ylfa nach der perfekten Soße stark genug ist, um die Bedeutung zu rechtfertigen, die ihm in der Geschichte beigemessen wird. Die sprachlichen Bilder sind groß, doch auch darüber hinaus gibt es jedoch viel zu bewundern. Das Produktionsdesign ist hervorragend. Eine Szene im Rekrutierungsgebäude des Kolonieprojekts auf der Erde sieht aus wie etwas aus Fritz Langs Metropolis; das kristallklare Saphirblau der Niflheim-Eishöhlen singt praktisch vom Bildschirm. Und Bongs unvergleichliche Erzählinstinkte werden zur Schau gestellt, indem er geschickt durch eine verworrene, nichtlineare Struktur navigiert und die üppige Laufzeit des Films von zweieinhalb Stunden mühelos bewältigt. Letzteres hätte durchaus und gerade im Mittelteil ein paar Straffungen vertragen können. Dennoch verlässt man die bissige Satire mit erschreckend aktuellen Parallelen zur aktuellen Weltlage mit einem Lächeln - auch wenn sich der voyeuristische  gewünscht hätte, dass es noch mehr Varianten von Mickey gegeben hätte. Empfehlenswert.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe
: Warner Bros.
Poster/ArtworkWarner Bros.

Donnerstag, 1. Juli 2021

괴물 - Gwoemul - The Host (2006)

https://www.imdb.com/title/tt0468492/

Hyun-seo (Ah-sung Ko), die Tochter von Kang-du (Kang-ho Song), wird von einem ekligen Flussmonster entführt. Vater, Großvater, Tante und Onkel sind außer sich vor Trauer. Bald müssen sie in Quarantäne, weil die Behörden davon ausgehen, dass die unbekannte Kreatur ein tödliches Virus übertragt. Als Kang-du einen Anruf von seiner tot geglaubten Tochter erhält, will ihm mit Ausnahme seiner Familie niemand glauben schenken, dass das Mädchen noch lebt. Kurzerhand brechen die Vier aus der Quarantänestation aus und gelten von nun an als hochgefährliche, potenzielle Virenüberträger, die steckbrieflich gesucht werden. Die Familienmitglieder sind auf der Flucht und im Kampf gegen das vielarmige Monster ganz auf sich allein gestellt...

 "The Host" von Bong Joon-Ho ist ein wildes Mashup der Genres und Stile – auf den ersten Blick ein Monsterfilm, auf den zweiten Blick ein Familiendrama und auf den dritten Blick ganz plötzlich noch weitaus mehr, als nur ein gelungenes Genre-Filmchen. "The Host" agiert in der Schichtung, Mischung und Verknotung seiner Inhalts-Ebenen ziemlich klug. Er zeigt weder abgrundtief bizarre Dinge (das Monster ist eigentlich nur ein riesiger Fisch), noch besonders irre Charaktere (alle in der Familie sind schräg, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad), so dass weder die Familiengeschichte, noch das glitschige Flussmonster zu sehr im Vordergrund stehen. Das lässt genügend Raum dafür, relativ offensichtlich verpackt eine ziemlich bissige Botschaft an den Mann zu bringen. Scheinbar dominieren die Monster-Aspekte (oder die Erwartung an diese) bei der Filmrezeption jedoch immer noch so stark, dass die immerfort ausgeteilte subversive Kritik des Films bis auf ein leicht übersehbares Level herabgedämpft wird. Hier reicht es schon, sich in Bezug auf die Handlung ein paar grundlegende Fragen zu stellen: Was ist in "The Host" die Wurzel allen Übels? Was ist der hindernde Faktor, wenn es darum geht jegliche Misstände wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Und was fällt letztendlich mit der Tür ins Haus, um die selbstgemachte Misere mit noch mehr Unheil zu beenden?

Was Bong Joon-Ho und seine zwei Co-Autoren hier für wütende Kritik an der amerikanischen (oftmals ja leicht imperialistischen) Außen-, Geo- und Konflikt-Politik üben, geht runter wie Öl. Amerikanische Wissenschaftler geben die Anweisung den Fluss mit Chemikalien zu verseuchen und führen sich im Verlauf der Monster-Krise als der große, alles im Griff habende Bruder auf, dem keine Situation zu heikel ist, der sofort mit einem ausgefeilten Krisenplan anrückt und für alles eine Lösung hat. Doch die Realität sieht anders aus: trotz brachialer, absolut Menschenrechts-fremder Methoden hinter den Kulissen, haben die Sergeants der Army nicht den blassesten Schimmer was eigentlich los ist. Aber es wäre nicht die Weltpolizei, wenn sie mit dieser Erkenntnis hausieren ginge - lieber wird im großen Stile vertuscht, als verzweifelter, letzter Schachzug den unschuldigen “Verseuchten” der Schädel aufgebohrt und letztendlich die eigene Unfähigkeit durch ein hirnloses und fatalistisches Ausräuchern einer halben Stadt überspielt (herrlich hier: "Agent Yellow" als heilbringendes Gift). Nebenbei bekommt auch noch die koreanische Regierung zu gleichen Teilen Hiebe in die Rippen. Diese folgt blind den U.S.A., erklärt wahllos Menschen für durchgedreht und tut, geschuldet ihrer, der Besatzungsmacht äquivalenten, Unfähigkeit, ihr Bestes die Rettung des kleinen Mädchens zu verhindern. Fiese Satire, in der so viel wahres steckt, dass sie nicht einmal besonders starker Überzeichnung bedarf.

Abseits dieser immer wieder zum Schmunzeln anregenden Provokationen, überzeugt "The Host" zudem vollkommen. Für das geringe Budget, haben die Animatoren eine wirklich tolle Kreatur geschaffen, die zwar in manchen Szenen ihr Low-Budget Dasein nicht verleugnen kann, jedoch besonders in den actionreichen Shots vollkommen mitreißt. Ohne Frage ist das hauptsächlich der tollen Choreografie und Kameraarbeit dieser Momente geschuldet – Kameramann Kim Hyung-Ku beherrscht sein Handwerk vortrefflich, die langen Takes und häufigen Slow-Motion-Shots treffen (besonders in Verbindung mit dem bedrückenden Soundtrack) so sehr ins Schwarze, wie Park Nam-ju’s Pfeile. Aufgrund der sympathischen Figuren und der irgendwie ruppigen, aber sympathischen Art innerhalb der Familie Park, geht auch Gang-du’s Suche nach seiner “entführten” Tochter richtig nah. Dem sympathischen Tollpatsch wünscht man so sehr, dass er nach all den Strapazen ans Ziel gerät. Familie ist hier ein zentraler Teil und sowohl die Akzeptanz von Menschen, die auf Anhieb etwas langsamer wirken, als auch den Zusammenhalt unter Geschwistern thematisiert "The Host" erfolgreich. Damit avanciert "The Host" zu einem humorvollen, spannenden, actionreichen Film, der jedem auch nur entfernten Monster-Fan empfohlen sei. 

8/10

Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: MFA+ Filmdistribution

Dienstag, 17. März 2020

기생충 - Gisaengchung - Parasite (2019)

https://www.imdb.com/title/tt6751668/

Die vierköpfige Familie Kim ist schon sehr lange arbeitslos, weshalb der Vater Ki-taek (Kang-ho Song) zusammen mit seiner Frau Chung-sook (Hyae Jin Chang) und seinen Kindern Ki-woo (Woo-sik Choi) und Ki-jung (So-dam Park) in einem runtergekommenen Keller unter ärmlichen Bedingungen haust. Wenn sie sich nicht gerade mit Aushilfsjobs, wie dem Zusammenfalten von Pizzakartons über Wasser halten, versuchen sie in die hintersten Winkel ihrer Behausung zu kommen, um etwas vom WLAN der anderen Mitbewohner abzugreifen. Als der jüngste Sprössling es schafft, bei der gut situierten Familie Park einen Job als Nachhilfelehrer an Land zu ziehen, bietet das der Familie einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Kaum in der noblen Villa des reichen Geschäftsmanns Mr. Park (Sun-kyun Lee) und seiner Frau Yeon-kyo (Yeo-Jeong Cho) angekommen, sorgt Ki-woo dafür, dass alle anderen Bediensteten der Parks durch seine Familienmitglieder ersetzt werden. Doch was dann folgt, stellt alles vorangegangene in den Schatten...

Bong Joon-ho wendete sich mit einem Brief an die Presse. Er bat ("inständig") um spoilerfreie Rezensionen ab dem Zeitpunkt der Handlung, "nachdem der Bruder und die Schwester beginnen, als Nachhilfelehrer zu arbeiten". Den automatisch aufkeimenden Verdacht, dass sein Film "Parasite" von einer großen Wendung am Ende abhängen könnte, entkräftete der Filmemacher allerdings entschieden. Ohne jene Ereignisse gesondert zu analysieren und schließlich – im Verbund – zu kontextualisieren, die im weiteren Verlauf stattfinden, lässt sich aber nun einmal kein geeignetes Urteil treffen, um dieses „wunderbare Geschenk an das Publikum“ weiterzuempfehlen. Und "Parasite" ist ein wunderbares Geschenk, mehr noch: ist zwei wunderbare Geschenke in einem, ist sowohl ungeschöntes Abstiegsgedicht als auch fintenreicher Überlebensthriller: Es kämpfen Arm gegen Reich, Reich gegen Arm, Arm gegen Arm, Reich gegen Reich in unterschiedlich geschichteten Konstellationen. Es ist eines der hässlichsten Symptome der freien Marktwirtschaft: auf jene, die viel haben, folgen noch mehr mit wenig bis nichts in den Händen. Auch Familie Kim zählt zur letzteren Kategorie dieser Ausschuss-Existenzen. Bis sich ihnen unvermittelt die eine Chance unter einer Million eröffnet, einen Fuß in den Haushalt des Unternehmers Park zu bekommen. Was aufs Vorstellungsgespräch von Sohnemann Kevin als neuer Nachhilfelehrer folgt, sorgte bei einer ganzen Reihe internationaler Festival- und letztlich bei der Oscar-Jury für offene Münder. Mal vom diesjährigen Academy-Awards-Siegeszug abgesehen, bleibt "Parasite" aber auch als Film eine Sensation.


Das Timing hebt und trägt "Parasite". Die Montage ermuntert zu spannungsgeladenem Nägelkauen, wenn sich die Armen verkleiden, um sich bei den Reichen einzunisten. Arm sind vier Protagonisten, die in einem modrigen, Kakerlaken anlockenden Kellerverschlag hausen. Sie suchen Handy-WLAN – und sind verzweifelt, sobald sie sich per Passwort einwählen müssen. Sie erleben, wie vor ihrem Fenster öffentlich jemand (wiederholt) an die Wände pinkelt. Sie reißen sich um Jobs, die sich nicht bewähren: Sie falten Pizzakartons so, dass die Verpackungen andernorts Knickfalten aufweisen. Als sich für den Sohn der Armen (Choi Woo-shik) unversehens die Gelegenheit bietet, Nachhilfeunterricht für die Tochter der Reichen (Jung Ji-so) zu geben, ziehen Schwester (als Kunststudentin: Park So-dam), Vater (als Chauffeur: Song Kang-ho) und Mutter (als Haushälterin: Jang Hye-jin) nach. Beschwingt erzählt Bong Joon-ho eine Infiltrationsgeschichte, die aus dem Ruder läuft. Wer sind eigentlich die Parasiten?

Die Reichen? "Parasite" wappnet sich mit dem Schild moralischer Mehrdeutigkeit in einem bizarren Doppelspiel zweier sozialer Milieus gegen Denunzierung und Dämonisierung. Und wenn Bong Joon-ho die Reichen veralbert, dann keck – die Leichtgläubigkeit von Yeon-kyo (Jo Yeo-jeong), der Mutter, ist beeindruckend schief, aber nie zu schief, als dass sie nicht fürsorglich wäre. Als die Bilder ihres Sohnes (Jung Hyun-joon) psychoanalytisch interpretiert werden (Verdacht auf Schizophrenie!), nickt sie jeden zweiten Satz ab, als ob sie jeden Satz abnicken würde – bereit, das Beste zu tun, was eine Mutter zu tun bereit ist. Die blinde, denkfaule Autoritätshörigkeit von Menschen, die in ihrer freiwillig mustergültigen Rolle als Autorität selbst austauschbar bleiben, überspitzt "Parasite" bis ins Unkenntliche, während fadenscheinigste Ausflüchte gesucht werden, langjähriges Personal zu entlassen. Die Reichen hören auf andere, auf Fremde mit Zertifikaten, obwohl uns Bong Joon-ho mitzuteilen versucht: Hört nicht auf den Status.

Die Komik der Armen hingegen intensiviert sich in dem Risiko, wie weit im Voraus die Gefahr abschätzbar ist, im falschen Kostüm erwischt zu werden. Denn das Haus der Reichen verfügt über allerhand labyrinthische Geheimecken, in denen die "Parasiten" sich entmaterialisieren. Sie werden weggesperrt. Das Haus (geschmackvoller Designarchitektur), in dem "Parasite" zu großen Teilen spielt, hat ebenfalls einen "Keller" für den Fall, dass der Gerichtsvollzieher erscheint, und in dem in der Tat jemand heimlich und ungestört lebt. Es ist daher nicht weit hergeholt, dass die Metapher des Kellers eine Metapher über die solidarische Schizophrenie zwischen denen, die viel haben, und denen, die nichts haben, darstellt. Nicht umsonst ist der Keller schwer erreichbar – zuvor muss ein nicht minder schweres Regal verschoben werden. Der Aussätzige, der stinkt und bettelt, gehört verdrängt und aus dem Bewusstsein verstoßen. Jeder dunkle Gedanke an ihn zwingt zur Sublimierung akzeptierterer Lebensführung.


Mit beneidenswerter Leichtigkeit gelingt es Regisseur und Strippenzieher Bong Joon-ho, alles unter einen Hut zu bringen. Vom schwarzen Humor, den teils schrägen Charakter-zügen bis zu den sozial-kritischen Spitzen. Dabei ist es umso bemerkenswerter, wie sich uns die Hochstapler-Familie nicht als Antihelden präsentiert, deren Taten und Intrigen sich allein als "dreist" oder "rücksichtslos" definieren lassen. Die Kims haben Chuzpe, profitieren von einem scheinbar natürlichen Talent fürs Fälschen und Rollenspiel und sie bereiten ihre Schachzüge nicht weniger minutiös und intensiv vor als andere Big-Player der Leistungs-Gesellschaft. Weshalb der Coup der Souterrain-Sippe auch echten Respekt abnötigt. Wie sie besonders die Leichtgläubigkeit der Dame des Hauses ausnutzen und nach und nach jedes Familienmitglied ins Haus holen, ist im Grunde ja nur eine Auslegung des Mottos "Frechheit siegt". Aber noch bevor es ihm zu einseitig wird, krempelt Bong Joon-ho "Parasite" dann nochmals um und bereitet den Boden für ein Ende, das blutige Klingen und einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Im sozialkritischen Genrekino von Bong Joon-ho fungiert der Klassenkampf nach wie vor als tagesaktueller Knotenpunkt politischer Partizipation, der - auch in "Parasite" - blutig sein Unwesen treibt. Der Film erscheint bestenfalls freudianisch und schlimmstenfalls tragikomisch: Die neoliberalen Verheißungen eines ökonomischen Aufstiegs, der mit harter Arbeit, strengem Verzicht und eisernem Willen durchgesetzt werden kann, erweist sich als Illusion derjenigen, die bereits in ein determiniertes Selbstverständnis hineingeboren worden, jemand gegenüber anderen zu sein. Wie kompliziert die Vorstellungswelten von Privilegierten und Nichtprivilegierten sein können, zeigt eine Szene, in der Wasser das Armenviertel flutet. Auf der einen Seite, so wird behauptet, ein starker Regen, auf der anderen Seite, so wird gezeigt, ein existenzgefährdender, reißender Strom: Die Überlebenden treiben als Stück Fleisch ohne Hab und Gut auf dem Wasser und übernachten in einer Sporthalle. Sie werden ihrem Schicksal überantwortet.

Steigerungsevangelien und Ausbruchsverhältnisse ohne systemische Bedingt- und Unvermeidlichkeiten zu denken, evozieren ideologische Fehlschlüsse. So heiter, verschlafen und weltentrückt Kim Gi-taek (Song Kang-ho) seine alte und neue Umwelt durchlebt, so kurzlebig ist der Kleber des Etiketts, das er sich anheftet. Die Zuschreibungen, die ihn von außen erreichen, sind parasitär, und ein anderes Shampoo gegen den Körpergeruch hilft selten gegen das, was Kopfsache ist: Vorverhandlungen, Urteile im Voraus, Beweise im Nachgang. Trotz vieler schwarzwitziger Avancen zwischen Pfirsichen, Morsezeichen und Tuberkulose-Taschentüchern hegt "Parasite" fatalistisch Zweifel am Nebeneinander der Menschen aus unterschiedlichem Hause. Ein Rest an Entfremdung schlüpft in jede Maske – und jedes Saufgelage in einer Umgebung, die das Saufen in eine kultivierte Kulturpraxis überführte, erweckt den Anschein von uneingeladener, vorübergehender Fehllei(s)tung: Kim Gi-taek muss in seine Rolle zurückkehren. Es gehört natürlich auch erwähnt, dass der "Parasite", bei allem sozialen Sprengstoff, natürlich auch nur als launige und hintersinnige Satire verstanden werden kann, deren makellose Handhabung einen einfach nur der Hut ziehen lässt.

10/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien der Film hierzulande in HD in einem tollen Mediabook:

Donnerstag, 14. Dezember 2017

살인의 추억 - Salinui Chueok - Memories Of Murder (2003)

http://www.imdb.com/title/tt0353969/

1986 in Südkorea. Das Land ist von der vorherrschenden Militärdiktatur geprägt und die Gesellschaft befindet sich in einem gelähmten Zustand. Als eines Tages in einem kleinen Dorf nahe Seoul eine tote Frau gefunden wird, gerät die abgesteckte Welt noch mehr aus ihren Fugen. Park Doo-Man (Kang-ho Song) und Seo Tae-yoon (Sang-kyung Kim), ihres Zeichens beide Kommissare der örtlichen Provinz, gehen dem Fall auf die Spur und stoßen schnell auf die grauenvollen Taten eines perfiden Serienmörders, der es strukturiert auf weibliche Opfer abgesehen hat. Obwohl anfangs sämtliche Hinweise im verregneten Schlamm der Felder zu versickern scheint, gelangen Park und Seo immer tiefer in ein Labyrinth aus düsteren Verbrechen und Geheimnissen. Am Ende wartet nur noch der moralische Abgrund des Menschseins auf sie.

Die Handlung des Films beruht auf wahren Begebenheiten, die sich zwischen 1986 und 1991 ereigneten. Der erste Serienkiller in der Geschichte Südkoreas ermordete zehn Frauen in einem Umkreis von zwei Kilometern auf besonders bestialische Art und Weise und hinterließ dabei niemals Spuren am Tatort. Das älteste Opfer war 71 Jahre alt, das jüngste 13. Mehr als 3000 Verdächtige wurden befragt und am Ende der Ermittlungen 300.000 Polizisten mobilisiert, aber dennoch konnte der Täter niemals gefasst werden. Gedreht wurde der Film am Originalschauplatz der Ereignisse und erforderte mehr als ein Jahr an Nachforschungen.

Alles beginnt in den 80ern mit dem Leichenfund einer jungen Frau in der tiefsten koreanischen Pampa, zwischen endlosen Feldern, Trampelpfaden und herumstreunenden Bauernlümmeln. Um dieses offensichtliche Gewaltverbrechen aufzuklären, machen sich zwei Provinzcops an die Arbeit, die mir Ihrer schlampigen Vorgehensweise scheinbar schon genug Probleme haben, den Tatort und Beweise zu sichern. Hilfe naht aus Seoul, in Form von einem studierten, augenscheinlich cleverem Kommissar, der der Provinz eine Serienkillerproblematik offenbart, der, wie üblich, nach bestimmten Schematas vorgeht. Die inszenatorische Klasse von Regisseur Bong Joon-ho zeigt sich dabei gleich von Beginn an; die Optik ist schier eine Wucht. Die Suche nach dem Mörder ist in vielen Filmen das Kernstück des Werkes. Aber wer glaubt, dass dieser Film diesen Regeln und diesem Ablauf folgen wird, der hat die Rechnung ohne Bong Joon-ho gemacht. Die Suche nach dem Täter wird nämlich zu einer blinden Hetzjagd. Je länger die Jagd wird, desto mehr Druck lastet auf den Polizisten. Desto dringender verlangt die Bevölkerung nach Aufklärung der Fälle. Desto radikaler werden die Methoden der Polizisten und desto stärker werden sie in den Strudel des Wahns und der Verzweiflung gesogen. Sie wollen die Geständnisse schließlich erzwingen. Da ist ihnen schon egal, wer es generell ist, den sie da vor sich haben. Egal, wer der Täter ist, solange es überhaupt jemand war und der Albtraum sein ersehntes Ende nimmt.

Während man sich die erste Stunde über noch fragt, ob es sich um eine sarkastische Polizeifarce handelt, bei dem die Provinzbullen lediglich durch hanebüchene Theorien, brutale Verhörmethoden und, zugegebenermaßen, recht eindrucksvolle Dropkicks, auffallen, wird aus dem zweiten Teil eine intensive, atmosphärische Jagd nach Indizien, Beweisen und Verdächtigen. Dabei erweisen sich nicht nur Trittbrettfahrer, falsche Fährten und schlampige Polizeiarbeit als problematisch, sondern auch die Spannungen und Spaltung zwischen der zunehmend ängstlichen Bevölkerung und den Beamten. Diese innere Zerrissenheit wird zunehmend an den handelnden Protagonisten deutlich, die sich immer weiter in Belanglosigkeiten verrennen während der Mörder weiter seinem Trieb nachgeht, was soweit geht, dass selbst der Ruhepol, der Cop aus Seoul sein Gesicht verliert. Diese Mischung aus Dilettantismus, Brutalität, Verzweifelung und zu großen Egos führt letztlich zu... nichts... was uns Regisseur Bong in der letzten Sequenz, einige Jahre später, mit dem ungewöhnlich vielsagendem offenem Ende, nochmal eindrucksvoll offenbart.

Mit "Memories Of Murder" gelingt dem südkoreanischen Regisseur Bong Joon-ho formidables Thrillerkino der saftigen Sorte. Er zeichnet eine erbarmungs- und manchmal auch hilflose Welt, von der die Protagonisten sich abkapseln, in einem letzten schwachen Versuch des Selbstschutzes. Der Spruch, der Täter käme immer zum Tatort zurück, wird dann zum Ende hin auch wahr, jedoch mit diesem erwähnt sanften Zynismus bestückt. Letztendlich ist es nämlich der Polizist Park, der zum Tatort zurückkehrt, an dem die erste Leiche gefunden wurde. Aus dem Holzschacht ist ein unendlich langer Tunnel geworden. Aus dem Fall ein böser Traum ohne Erinnerung. Nur noch ein taubes Gefühl, dass an die zerfressende Schuld erinnert, die sich am eigenen Körper zu schaffen macht.

8,5/10

Samstag, 7. Februar 2015

마더 - Madeo - Mother (2009)

http://www.imdb.com/title/tt1216496/

Die alleinerziehende Mother (Hye-ja Kim) lebt mit ihrem geistig leicht zurückgebliebenen Sohn Do-joon (Bin Won) in einer Kleinstadt, wo sie sich mit Akupunktur und dem Verkauf von Getreide das nötige Geld zum Leben verdienen. Als Do-joon eines Tages des Mordes an einem Mädchen bezichtigt wird und von der Polizei gedrängt wird, ein Geständnis zu unterschreiben, ruft das seine Mutter auf den Plan. Diese glaubt an die Unschuld ihres Sohnes und macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem wahren Mörder.

Das Unbehagen des Regisseurs an den schmalen Grat dieses Genres ist überaus ertragreich, denn bei jeder Gelegenheit wendet er den Thriller in eine Slapstick-Komödie voller - beinahe schon bösartiger - Gags. Aber er tut dies immer voller Respekt. Regisseur Bong Joon-Ho scheint sich zum nächsten großen Filmemacher aus Südkorea zu mausern. "Mother" ist gut gefilmt, voll mit interessanten Figuren und trägt eindeutig die Handschrift eines Regisseurs, der weiß wie es geht. Der Film beginnt als eine Geschichte über Hingabe und Mutterliebe und endet als komplexe Diskussion über Schuld und Vergebung. Ein Film auch darüber, dass das Erinnern falsch und das Vergessen richtig sein kann und dass die richtige am Ende vielleicht doch wieder die falsche Stelle gewesen sein wird. Ein Kriminalfall findet eine Lösung, entscheidender aber ist, wer was wann wohin schiebt und dass möglicherweise alles eben gerade nichts hilft.

Wieder einmal wird ein Film besonders von der titelgebenden Figur angetrieben. Hye-ja Kim macht ihre Sache als überfürsorgliche Mutter wirklich famos, die Liebe zu ihrem Sohn gleicht schon fast einer echter Obsession, tragisch und gleichzeitig doch mehr als berührend. Sehr beeindruckend. Aber auch der Rest der Besetzung weiß zu überzeugen. Dazu noch eine exzellente Regie, sehr einfühlsam und sehr ruhig erzählt, überraschend sensibel, tragisch und eben auch detailliert. Gemeinsam mit mehreren unerwarteten Twists, düster-ausdrucksstarken Kameraeinstellungen und dem bestechenden Spiel vor allem der Hauptdarstellerin Kim, aber auch ihrem Film-Sohn Won ergibt das einen dunklen, spannenden und innovativen Thriller-Drama-Mix, der gefällt. Zu bemängeln gibt es wenig - allenfalls die stilistisch bedingte Lauflänge, denn gerade am Anfang der über zweistündigen Geschichte braucht es etwas Zeit, bis der Streifen endlich ins richtige Fahrwasser kommt. Die wird jedoch belohnt mit großartig fotografiertem Bildern und einer Dramaturgie jenseits des Mainstreamkinos.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: CJ Entertainment/Barunson E&A

Sonntag, 30. März 2014

설국열차 - Seolgungnyeolcha - Snowpiercer (2013)

http://www.imdb.com/title/tt1706620/

Die Welt im Jahr 2031: Ein Versuch, die globale Erwärmung zu stoppen, ist katastrophal fehlgeschlagen und hat stattdessen die Erde in eine neue Eiszeit gestürzt. Nahezu alles Leben ist ausgelöscht und unter Eismassen begraben. Die wenigen verbliebenen Menschen fristen ein Dasein in ständiger Bewegung: Sie sitzen auf dem Snowpiercer fest, einem gewaltigen Zug, der durch eine ‘heilige’ Maschine gleich einem Perpetuum mobile ununterbrochen angetrieben wird. Über die Zeit hat sich unter den Überlebenden eine Mikrogesellschaft mit einem strikten Kastensystem herausgebildet: Die Insassen der Waggons, die von der Lok am weitesten entfernt sind, gehören der niedrigsten Kaste an und werden dementsprechend von den oberen Kasten unterdrückt und schikaniert. Es kommt zu immer weiteren Spannungen, bis es dem ‘Bodensatz’ der Gesellschaft reicht und sie den Aufstand planen. Bringt eine Meuterei neue Machtverhältnisse oder bedeutet sie den Untergang des letzten Restes Menschheit?

Ich glaube, "Snowpiercer" war der Film des Tages für mich und ich denke auch, dass meine Erwartungshaltungen deswegen einfach zu hoch waren, nachdem ich so viel über den Streifen im Vorfeld gelesen hatte. Es waren allesamt spoilerfreie Kritiken, aber natürlich reimt man sich etwas zusammen. First of all: die Optik ist wirklich großartig und das dreckig-düstere Setting gefiel mir außerordentlich gut. Regisseur Joon-ho Bong macht hier einen echt guten Job und stellt schon so frühzeitig die Weichen für den unausweichlichen Konflikt zwischen Arm und Reich. Die Idee hinter "Snowpiercer" ist eigentlich schön abstrus. Aber vielleicht ein wenig zu abwegig - und auch irgendwie nicht einzigartig. Denn wenn ich das Setting hier statt in einen fahrenden Zug in ein Schiff oder gar eine Raumstation verlagere so hatte ich das Gefühl nur eine Wiederholung altbekannten Stoffes zu sehen. Gleichwohl gibt es in diesem Streifen aber auch so eine unglaubliche Menge an Ungereimtheiten, dass es für mich nicht mehr tragbar war. Selbst wenn es sich um einen Science-Fiction-Film handelt, einem Genre bei dem man sich gerne mal etwas gefallen lässt, so war es für mich ein ganzes Zugabteil zuviel.

Fernab jeglischer Logik oder physikalischen Gesetzmäßigkeit rattert der Zug mit offensichtlich unglaublischer Geschwindigkeit durch die eisigen Landschaften und die zerklüfteten, verlassenen Städte ehemaliger Zivilisationen, durchbricht dabei Eisberge und eisverkrustete Schienen. Ein ganzes Jahr braucht er für eine Umrundung der Welt auf serpentinenartigen Strecken durch alle Kontinente - schon die erste Ungereimtheit. Gehe ich großzügig von dem doppelten Erdumfang aus (in etwa 84.000 km) käme ich auf eine Geschwindigkeit von etwa 9,5km/h. Aber gut, in einem Film wie diesem muss ja nicht alles beinhart logisch und realistisch sein. Was mich eher gestört hat, war die offensichtliche Abkupferung der "Matrix"-Story. Vielleicht ging es tatsächlich nur mir so - aber ich sah die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Filmen im Aufbau, in der Story, im Ende. Auch offensichtliche Filmfehler sind mir hier so stark aufgefallen, dass es beinahe den Anschein hatte, als würde mein Hirn gezielt danach suchen- habe ich mich gar gelangweilt?




Habe ich nicht. Ich wurde unterhalten - und das auch gut. Fernab von allem Herumgemecker hat mir jedoch eines sehr gut gefallen: die Charaktere und die Hauptdarsteller, allen voran Tilda Swinton und Kang-ho Song, der auch wegen seiner Performance vielleicht noch aus "The Good, The Bad And The Weird" im Gedächtnis blieb. Chris Evens ("Captain America") macht seine Sache als Neo... ähhh Anführer der unteren Bevölkerungsschicht glaubwürdig und gut. Auch der Score von Marco Beltrami blieb mir positiv im Gedächtnis. Und selbst der Monolog/Dialog von und mit Ed Harris am Ende des Streifens hatte für mich so eine gewisse Art, die ich einfach mag und auch sehr gern sehe, bzw. höre. Trotzdem täuschen diese postiven Dinge nicht über die Negativen hinweg, noch heben sie sie ganz auf. Der Film hat komischerweise dennoch ein Wiedersehenspotential, welches zwar nicht so hoch ist wie bei anderen vergleichbaren Filmen, aber immerhin. Denn obgleich ich die Story nicht sonderlich originell finde, so ist der Film (trotz einiger winzig kleiner Längen) spannend, ansatzweise philosophisch und sogar lustig - letzteres ist wieder einmal nur Tilda Swinton zu verdanken. Schade, ich hatte mit so viel mehr erhofft. Ich denke, meine Erwartungen waren einfach zu hoch und - I'm sorry - ich kann mich zu keinem besseren Ergebnis durchringen.

6,5/10

Von ASCOT Elite gibt es den Film exklusiv auf BD und DVD im Steelbook.


Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: SnowPiercer LLC/Moho Film/Opus Pictures/Stillking Films/CJ E&M