Eigentlich kann sich der 14-jährige Maik Klingenberg (Tristan Göbel) nicht beschweren, denn dank seiner wohlhabenden Eltern verbringt er seine Tage in eine schicken Haus mit Swimmingpool. Nur leider droht ihm für die großen Ferien auch die große Langeweile, denn seine Mutter steckt in einer Entzugsklinik und sein Vater muss auf „Geschäftsreise“ mit seiner Assistentin. Doch dann kreuzt Tschick (Anand Batbileg) auf - und der Sommer scheint gerettet. Denn Tschick, der aus dem tiefsten Russland stammt und in einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn lebt, hat einen Kleinwagen geklaut. Prompt brechen die zwei Freunde ohne Karte, Kompass und Ziel auf und machen gemeinsam die ostdeutsche Provinz unsicher...
Man hätte kaum einen passenderen Regisseur als Fatih Akin für die Verfilmung des gleichnamigen Romans "Tschick" von Wolfgang Herrndorf aus dem Jahr 2010 wählen können. Der gebürtige Hamburger ist ein Meister in kantigem deutschem Kino und schafft meistens die Gratwanderung zwischen gespielter Coolness und kindischem Klamauk. "Soul Kitchen" war 2009 ein leuchtendes Beispiel dafür, dass auch Deutschland schwarzen Humor beherrscht und dabei sogar gelegentlich in die Weiten des Slacker-Films abdriftet. Genau dieser liebevolle Hang zur Anarchie wohnt auch "Tschick" inne. Akin zeigt seine Charaktere mit Fehlern aber ohne diese dafür bloßzustellen. Viele eher ist Maiks Dasein als Außenseiter ein notwendiger Schritt in sein erwachsenes Leben. In seinen besten Momenten zeigt "Tschick" eine ungemeine Liebe zu jugendlicher Naivität und unreflektiertem Tatendrang und macht aus ihm einen durch und durch sympathischen Film, den man aufgrund seiner knuffigen (und doch unheimlich ehrlichen) Art einfach nur ins Herz schließen kann.

Man könnte "Tschick" vorwerfen ähnlich wie Oskar Roehlers Filme zu sein. Komplett auf hip gebürstet, ohne über eine inhaltliche Rechtfertigung nachzudenken. In diese Richtung macht auch "Tschick" ganz klar Fehler, jedoch ohne komplett darin zu versinken. Man merkt Akins Film an, dass er gerne Seite an Seite mit "Trainspotting" und ähnlichen Generationenportraits stehen möchte. Maiks Off-Kommentar ist in seiner zynischen Abgebrühtheit damit auch eher ein Störfaktor als wirklich ein großes Plus für den Film. Immer wieder Gerät der Film damit in eine unangenehme Grauzone, in der auch mal Fremdschämen angesagt ist. Letzteres ist tatsächlich ein Faktor, der einem Film locker mal das Genick brechen kann. Oftmals, gerade gegen Anfang, drohten gerade längere Szenen mit Maik auch in diese Ecke abzurutschen, bis dann Tschick auftritt. Jungschauspieler Anand Batbileg ist derart gut gecastet, dass man - auch ohne den Roman zu kennen - ihm die Rolle zu Einhundert Prozent abkauft. Er wirkt, als hätte man den Charakter direkt von den Seiten in die Realität übertragen. Batbileg bringt den hochsympathischen Grundtenor von Tschick haargenau auf die Leinwand. Letztendlich entspringen den vielen Momenten mit Tschick auch Akins größte Stärken.
Wenn Isa, Maik und Tschick im See baden gehen, Maik langsam seine Sexualität entdeckt und Isa mit einer schmutzigen Kiste nach Prag fährt, entwickelt "Tschick" eine Energie und Schamlosigkeit, die man lange nicht mehr in deutschen Jugendfilmen bewundern durfte. Klar, immer wieder ist das Schauspiel etwas ungelenk und immer wieder wirkt der Film in seiner Dramaturgie zu abgekürzt, dennoch hat "Tschick" das Herz am rechten Fleck und trifft genau da, wo man es erwarten würde: mitten ins Herz. "Tschick" ist ein kleiner, rotzfrecher Film, der sich gerne auch mal "Jugendfilm" nennen darf. Klasse!
8/10