Fred Madison (Bill Pullman) findet vor seiner Haustür ein Video. Darauf ist eine Aufnahme des eigenen Hauses zu sehen. Als er am nächsten Tag eine weitere Aufnahme findet, die ihn und seine Frau Renée (Patricia Arquette) schlafend zeigt, schaltet Fred die Polizei ein. Auf einer Party trifft Fred auf einen mysteriösen Mann (Robert Blake), der ihm sagt, er sei gerade in dem Moment, in dem er mit ihm spricht, in seinem Haus. Doch der Wahnsinn beginnt gerade erst...
"Lost Highway" ist David Lynchs vielleicht konsequentestes Stück über Schuld, Identität und das Scheitern männlicher Kontrollfantasien - ein Film, der sich wie eine endlose Schleife anfühlt, in der jede vermeintliche Erklärung sofort wieder ins Rutschen gerät. Dabei ist der Film ein noirfarbenes Fieberdelirium: Die Kamera gleitet durch dunkle Innenräume, Gesichter verschwinden in Schatten, Neonlicht frisst Konturen, und der Soundtrack pulsiert wie ein bösartiger Herzschlag. Die Eröffnungsfahrt über den nächtlichen Highway, begleitet von David Bowies "I'm Deranged", etabliert diesen Film als Zustand, nicht als Geschichte: Geschwindigkeit, Dunkelheit, das obsessive Gefühl, auf etwas Unsichtbares zuzurasen, das schon längst passiert ist. Lynch selbst beschrieb "Lost Highway" einmal als "dissoziative Fugue" - ein Zustand, bei dem Menschen plötzlich ihre Erinnerung an die eigene Identität verlieren und unerwartet fliehen, oft begleitet von der Annahme einer neuen Identität, meist ausgelöst durch schweren Stress oder Trauma als Abwehrmechanismus. Die berühmte "Verwandlung" Fred Madisons in den Mechaniker Pete Dayton ist weniger eine Metamorphose als ein verzweifelter Schnitt im eigenen Bewusstsein: Die Realität wird zerlegt und neu montiert, aber die Bilder der Schuld drängen als VHS-Tapes, Traumfragmente und Doppelgänger immer wieder ins Bild zurück.
Bill Pullman spielt Fred Madison mit einer kontrollierten Nervosität, als würde jeder Satz, jedes seiner Saxophon-Solo nur mühsam ein inneres Beben kaschieren. Patricia Arquette dagegen trägt die Doppelrolle Renée/Alice wie ein halluzinatorisches Echo: In Renée ist sie kühle Undurchschaubarkeit, in Alice eine aggressive, hypersexualisierte Projektion - beides sind weniger Frauenfiguren als Spiegel, in denen sich Freds paranoide Fantasien brechen. Robert Blake als Mystery Man liefert die unvergesslichste Präsenz des Films: eine weiß geschminkte, scheinbar lid- und körperlose Erscheinung, die sich wie die personifizierte Erkenntnis an Fred heftet - nicht das Böse von außen, sondern das unabweisbare Wissen um das, was er getan hat.
Wo "Blue Velvet" noch eine klassischere Detektivstruktur nutzt, um in den Abgrund der amerikanischen Vorstadt zu blicken, verzichtet "Lost Highway" fast völlig auf narrative Leitplanken und organisiert sich als Möbiusschleife: Anfang und Ende berühren sich, ohne je wirklich zusammenzupassen. Im Vergleich zu "Mulholland Drive" wirkt "Lost Highway" kälter, abstrakter, weniger emotional an die Figuren gebunden; beide Filme setzen Identitäts-Spaltungen und Doppelrollen ein, aber "Mulholland Drive" erlaubt der Zuschauerin noch den Schmerz des Verlusts, während "Lost Highway" eher den Zustand eines bereits vernarbten Traumas zeigt. In der Tonlage erinnert "Lost Highway" daran, dass wahrer Horror nicht erklärt, sondern erfahren werden muss: Dieser Film will nicht verstanden, sondern durchlitten werden - ein düsterer Trip ins Innere eines Mannes, der sich eine perfekte Ersatzwirklichkeit baut und doch immer wieder an derselben, unausweichlichen Wand seiner eigenen Tat zerschellt. Grandios.

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