Freitag, 6. Februar 2026

Hundreds Of Beavers (2022)

https://www.imdb.com/de/title/tt12818328/

Vom Handel mit seinem Apfelschnaps kann Jean Kayak (Ryland Brickson Cole Tews) im Mittleren Westen der USA im 19. Jahrhundert ziemlich gut leben. Doch der Traum scheint ausgeträumt, als ihm eines Tages seine Farm wortwörtlich um die Ohren fliegt. Also muss schnell eine alternative Geldquelle her. Jeans Wahl fällt auf Pelze und so beginnt seine Jagd auf biestige Waschbären und außergewöhnlich schlaue wie große Biber. Die neue Profession bringt Jean außerdem mit neuen Menschen in Kontakt. Und so verliebt er sich in die Tochter (Olivia Graves) eines anderen Pelzhändlers (Doug Mancheski). Der will seinen Spross jedoch nur für den Preis von Hunderten Biberpelzen ziehen lassen. Also heißt es aufmunitionieren...

"Hundreds Of Beavers" ist einer dieser Filme, bei denen man nach fünf Minuten denkt: Das hier ist ein Gag, oder? Und dann stellt man fest: Ja, es ist ein Gag – ein 108‑minütiger, in Schwarzweiß eingefrorener Schneesturm aus Slapstick, Videospiel-Logik und pelzigem Wahnsinn, der konsequent über sich hinauswächst. Regisseur Mike Cheslik dreht seine Low-Budget-Fantasie wie ein verlorenes Buster‑Keaton-Projekt, das versehentlich in einer After-Effects-Timeline der 2020er Jahre gelandet ist.  Die Bilder sind grobkörnig, bewusst dubios, mit Green-Screen-Hintergründen, Maskottchen-Kostümen und Animations-Einschüben, die so billig aussehen sollten - und genau dadurch eine eigene, liebevoll anarchische Ästhetik entwickeln. Dass der Film fast ohne Dialoge auskommt, ist keine nostalgische Marotte, sondern Programm: Wie bei Chaplin oder Keaton wird alles, was zählt, mit Körpern, Timing und Komposition erzählt; Tews stolpert, friert, fliegt, scheitert und levelt sich sichtbar durch diese Welt.  Die schwarzweiße Kälte der nordamerikanischen Wildnis ist dabei nicht nur Kulisse, sondern Gegner – nach wenigen Einstellungen versteht man, dass hier die Natur, die Beavers und das eigene Unvermögen eine Allianz gegen den Helden bilden.

"Hundreds Of Beavers" ist strukturiert wie ein 8‑Bit-Spiel, das jemand in einen Stummfilm verwandelt hat: scheitern, aufrüsten, wieder scheitern, größerer Gegner, größerer Lohn. Jeder neue Versuch des einstigen Applejack-Verkäufers, sich als Fallensteller zu behaupten, bringt eine neue Variation des gleichen komischen Prinzips - und die Freude des Films liegt darin, wie kreativ er seine eigene Mechanik immer wieder neu ausreizt.  Die Gags kommen schnell und wie ein Holzhammer: von simplen Stürzen im Schnee über absurd komplizierte Fallen bis zu einem Bibermassaker, das vollständig im Cartoonmodus abläuft. Die Tiere sind Männer in wuchtigen Kostümen, ergänzt um Detektiv-Beaver à la Sherlock Holmes und Watson, die im Hintergrund ihre eigenen Mini-Geschichten spielen - ein visuelles Nebengleis, das den Film heimlich noch komischer macht. Natürlich funktioniert nicht jeder Witz; bei einem so hohen Gag-Durchsatz ist das unmöglich. Aber wie bei den besten Slapstickfilmen zählt weniger die Trefferquote als die Hartnäckigkeit: Cheslik und Tews geben keinen Gag auf, bevor sie ihn nicht auf drei, vier Arten gegen Wand, Baum oder Eisfläche gesetzt haben. 

Jean Kayak, der verunglückte Applejack-Händler, ist ein liebenswerter Trottel, der an der Welt scheitert und dem Zuschauer damit zeigt, wie absurd diese Welt gebaut ist. Ryland Brickson Cole Tews spielt ihn mit einer Mischung aus naivem Enthusiasmus und hartgesottenem Cartoon-Überleben, die an alte Slapstick-Ikonen erinnert, aber nie zur bloßen Parodie verkommt. Zwischen allen Beutefellen, Fallen und albernen Trial-and-Error-Momenten schleicht sich ein echter emotionaler Kern ein: Kayaks Versuche, die Tochter eines Händlers zu beeindrucken, und seine beinahe kindliche Verbissenheit, der größte Fallensteller Nordamerikas zu werden. Der Film karikiert die Grausamkeit der Pelzindustrie mit überdrehtem Humor, lässt aber im letzten Akt eine moralische Note anklingen, wenn die Beavers Gericht halten und der „Held“ sich seinen Taten stellen muss. Wer tausende Filme gesehen hat, kennt das Gefühl: Man glaubt, buchstäblich alles mindestens einmal gehabt zu haben - jede Struktur, jede Wendung, jede ironische Brechung. "Hundreds Of Beavers" ist einer dieser seltenen Glücksfälle, die dieses Zynismus-Gebäude mit einer Lawine aus Schnee, Pelzkostümen und Slapstick wieder einreißen. Es ist eine herrlich anarchische Hommage an eine vergangene Ära der Stummfilme und zugleich ein sehr aktueller Film, der Gaming-Logik, Meme-Humor und DIY-Indie-Spirit in eine einzige, herrlich dumme - und verblüffend intelligente - Komödie packt. Wenn dieser Film den Humor des Zuschauers trifft, wirst dieser nicht nur lachen - er wird sich ertappt fühlen, wie er im dunklen Saal sitzt und denkt: Genau deswegen gehe ich noch ins Kino.

9/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: SRH

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen