Visuell wirkt das Remake glatter: größeres Budget, klarere Ausleuchtung, sorgfältig komponierte Bilder, in denen das Landhaus eher wie eine trügerische Idylle denn wie ein moralischer Abgrund erscheint. Der dänische Film hingegen benutzt seine eher nüchterne, manchmal unangenehm dunkle Bildgestaltung wie einen Schlag in den Magen - nichts wirkt stilisiert, alles fühlt sich wie eine feuchte, zu enge Ferienwohnung an, aus der es keinen höflichen Ausweg gibt. In diesem Sinne ist das Remake die deutlich Zuschauerfreundlicher Version der Geschichte. Sie erklärt ihre Figuren, sie erlaubt Wut und Widerstand, und sie schenkt dem Publikum ein Gefühl von Handlungsspielraum, das das Original bewusst verweigert. Dafür verliert sie etwas von jener gnadenlosen moralischen Klarheit, die Tafdrups Film so schwer verdaulich macht; der finale Satz ist dort ein Urteil über eine ganze Kultur, im Remake eher eine Genre-Zutat in einem ansonsten routiniert aufgebauten Finale. Als eigenständiger Film ist "Speak No Evil" ein stark gespielter, angespannt erzählter Thriller, getragen von McAvoys unheimlicher Präsenz und den stillen Verzweiflungstönen von Davis und McNairy. Im direkten Vergleich bleibt das dänische Original jedoch das unbequemerere, mutigere Werk - weniger unterhaltsam, viel unangenehmer, aber näher an jener Art von Kino, das nicht loslässt, weil es den Zuschauer nicht nur erschreckt, sondern auch anklagt.
Dienstag, 10. Februar 2026
Speak No Evil (2024)
Natürlich kann die amerikanische Familie bei diesem Angebot einfach nicht widerstehen: Eine Familie aus Großbritannien, die sie erst kurz vorher im Urlaub kennengelernt und sich ziemlich gut mit ihnen angefreundet haben, lädt sie ein, gemeinsam übers Wochenende im Haus auf dem malerischen britischen Land zu entspannen. Doch von Entspannung kann schnell keine Rede mehr sein, als die Stimmung nach einem Vorfall kippt, sich menschliche Abgründe auftun und aus dem ländlichen Paradies ein albtraumhafter Ort wird…
Das Remake "Speak No Evil" zum gleichnamigen dänischen Film von 2022 ist ein hochprofessionell inszenierter, aber deutlich domestizierter Albtraum: ein Studio-Remake, das das Gift des dänischen Originals verdünnt, ohne seinen Nachgeschmack ganz zu verlieren. Diese Version folgt der amerikanischen Familie Dalton - Ben (Scoot McNairy), Louise (Mackenzie Davis) und Tochter Agnes -, die im Toskana-Urlaub ein scheinbar sympathisches britisches Paar kennenlernt: Paddy (James McAvoy) und Ciara (Aisling Franciosi) mit ihrem stummen Sohn Ant. Aus der Urlaubsbekanntschaft wird eine Einladung auf den abgelegenen Landsitz; dort beginnt eine langsame Verschiebung von kleinen Unhöflichkeiten zu offener Bedrohung, bis sich der Film im letzten Akt in einen klassischen Home-Invasion-Thriller verwandelt. Das Drehbuch fügt dem Gerüst des Originals ein paar Motive hinzu: Paddy und Ciara bekommen eine klar formulierte finanzielle Motivation, wodurch sie weniger wie abstrakte Inkarnationen des Bösen und mehr wie reale Täter mit greifbaren Zielen erscheinen. Zugleich rahmt der Film die Reise der Daltons stärker ein - etwa durch Bens berufliche Krise und die angespannte Ehe -, sodass ihre Entscheidung, die Einladung anzunehmen und zu bleiben, psychologisch plausibler wirkt.
Das Herzstück des Remakes ist James McAvoy als Paddy, ein Chamäleon aus jovialer Gastfreundschaft und latentem Sadismus, dessen Charme wie eine Hand wirkt, die sich langsam um den Hals des Gastes schließt. McAvoy spielt keinen Comic-Psychopathen, sondern einen Mann, der seine Gewalt in herablassender Männlichkeit badet; gerade die Szenen, in denen er Bens Unsicherheit ausnutzt, haben etwas unerbittlich Peinliches. Mackenzie Davis zeichnet Louise als moralischen Seismographen des Films: Sie spürt früh, dass etwas nicht stimmt, und verkörpert eine Mischung aus Fürsorge, Wut und Selbstanklage, wenn ihre Warnungen ignoriert werden. Scoot McNairy gibt Ben als passiven Mitläufer, der sich von Paddys Freiheit angezogen fühlt und dessen Unentschlossenheit zur stärksten Anklage des Films wird - weniger gegen das Böse, mehr gegen den Wunsch, Konflikte um jeden Preis zu vermeiden. Die Kinder, Agnes (Alix West Lefler) und der stumme Ant (Dan Hough), bekommen deutlich mehr Raum; ihr Misstrauen und ihre stille Allianz verleihen der Geschichte eine zusätzliche, melancholische Spannung.
Der dänische Film von Christian Tafdrup ist dennoch der bessere Film. Er ist ein wesentlich kälteres, grausameres Werk über Höflichkeit als Todesurteil: Das Paar Bjørn und Louise folgt einer niederländischen Familie in deren Landhaus, wo passive Aggression und entgrenzte Gastfreundschaft in eine der unerbittlichsten Schlusssequenzen des modernen Horrorkinos münden. Die Täter im Original - Patrick und Karin - bleiben fast metaphysische Figuren, eher Verkörperungen einer enthemmten, nihilistischen Bosheit als psychologisch erklärbare Menschen; ihr berüchtigter Satz "Weil du es zugelassen hast." schließt den Film wie ein eisiges moralisches Statement. Das Remake macht aus dieser fatalistischen Thesis eine eher konventionelle Genre-Argumentation: Die Bösewichte haben Motive, die Kinder werden zu aktiven Akteuren der Handlung, und das Ende schlägt einen deutlich weniger nihilistischen, beinahe optimistischen Ton an. Wo das Original seine Zuschauer mit der Frage entlässt, wie weit Höflichkeit und Konfliktvermeidung wirklich gehen würden, bietet die US-Version einen kathartischeren, actionbetonten Showdown, in dem das Böse nicht unantastbar bleibt.
6,5/10
Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork:
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