Sonntag, 8. Februar 2026

어쩔수가없다 - No Other Choice (2026)

https://www.imdb.com/title/tt1527793/

Man-su (Lee Byung-hun), ein Manager mittleren Alters mit passablem Auskommen, wird aus seiner Papierfabrik entlassen, als die Sparschraube angesetzt wird und künstliche Intelligenz aus diesem Grund als vermeintlich bessere Alternative an die Tür klopft. Er und seine Familie stehen plötzlich mit einer enormen Einkommenssäule weniger da. Achtzehn lange Monate später und immer noch ohne neue Arbeit, gibt Man-su seiner Jobsuche eine neue Wendung – und lässt dafür die Moral hinter sich. Mit akribischer Sorgfalt findet er genau die sieben Männer in der Umgebung, die den Job, der seiner Meinung nach rechtmäßig ihm gehören sollte, übernehmen könnten, und tötet sie systematisch. Er wandelt sich vom sanftmütigen mittleren Manager zum skrupellosen Mörder und entdeckt dabei Fähigkeiten, von denen er nie wusste, dass er sie hat - und die ihm viel zu leicht fallen.

"No Other Choice" ist ein bitterböser, erstaunlich unterhaltsamer Albtraum über Arbeit, Männlichkeit und Moral - ein Film, in dem der renommierte Regisseur Park Chan‑wook einen verzweifelten Durchschnittsmann Schritt für Schritt in einen Mörder verwandelt und uns zwingt, zuzugeben, wie viel von seiner Logik uns unheimlich vertraut vorkommt. Der Film folgt Yoo Man‑su (Lee Byung‑hun), einem langjährigen Angestellten der Papierindustrie, der abrupt gefeuert wird und sich in einer Spirale aus demütigenden Bewerbungsgesprächen wiederfindet, in denen er systematisch zugunsten vermeintlich besserer Kandidaten aussortiert wird. Während seine pragmatische Frau Miri (Son Ye‑jin) die Familienfinanzen stabilisiert, wächst in ihm das Gefühl der Entwertung, bis ihm eine perverse Lösung einfällt: Wenn er keine Stelle bekommt, weil andere vor ihm in der Rangliste stehen, dann schafft er sich sein Jobangebot, indem er die Konkurrenten eliminiert - im wörtlichen Sinn.

Park konstruiert daraus zunächst fast eine Farce: Man‑su stolpert durch missglückte Mordversuche, trifft auf Opfer, die auch nur prekäre Existenzen sind, und redet sich mit dem Mantra "Ich habe keine Wahl" moralisch frei. Je weiter der Plot voranschreitet, desto deutlicher verschiebt der Film jedoch den Fokus von der makabren Kriminalposse hin zu einer Anatomie des Ernährer‑Mythos und einer Gesellschaft, die ein männliches Ego systematisch mit beruflichem Status verknüpft. Stilistisch wirkt "No Other Choice" wie eine Verdichtung mehrerer Park‑Phasen: Die visuelle Überpräzision aus "The Handmaiden", der moralische Fäulnisgeruch aus "Oldboy" und eine fast hochnäsige Krimi‑Leichtigkeit kollidieren in einer schwarzen Komödie, die ständig ihren Aggregatzustand wechselt. Die Kamera arrangiert Fabrikhallen, Bewerbungskorridore und Wohnsiedlungen als kalte, geometrische Räume, in denen Menschen wie austauschbare Objekte wirken, während plötzliche Ausreißer - etwa eine surreale Gewächshaus‑Traumsequenz - Man‑sus inneres Chaos in barocke Bildideen übersetzen. Der Ton ist heikel, aber bewusst instabil: Slapstickhafte Momente - eine Szene, in der Man‑su hektisch versucht, seiner Frau die Unterwäsche vom Leib zu reißen, um ihre vermeintliche Affäre zu beweisen, wäre in einer anderen Regie einfach nur peinlich - kippen hier immer wieder ins Grausame, ohne den moralischen Ernst völlig zu verlieren. Park riskiert dabei eine provokativ amoralische Oberfläche: Mord wird handwerklich präzise inszeniert, als sei es eine weitere berufliche Fertigkeit, die mit etwas Fleiß erlernbar ist. 

Lee Byung‑hun spielt Man‑su mit einer Mischung aus kontrollierter Lächerlichkeit und langsam hervortretender Bedrohlichkeit. Sein Gesicht kann im selben Moment gekränkt, kleinlich, verletzlich und gefährlich wirken; er ist nicht der charismatische Antiheld, sondern ein Mann, der sich im Spiegel kaum erträgt und dessen Verbrechen wie die logische Verlängerung kleiner, alltäglicher Selbstlügen wirken. Son Ye‑jin verankert den Film emotional als Miri, die in ihrer pragmatischen Reaktionsfähigkeit die stille Gegenfigur zum stolpernden Patriarchen abgibt. Sie organisiert Jobs, verhandelt mit der Bank, hält die Familie zusammen - und doch lässt Park in Andeutungen erkennen, wie sehr sie im Korsett traditioneller Rollenerwartungen gefangen bleibt, während Man‑su ihre Handlungen als Angriff auf seine Männlichkeit liest. In den Nebenrollen verdichten sich die Themen: der hyperqualifizierte Schuhverkäufer mit kleiner Tochter, dessen Tod Man‑su fast mehr kränkt als belastet; der vermeintliche Liebhaber‑Chef; der Sohn, der in einen Handy‑Diebstahlskandal verwickelt wird und den Vater beim seltsamen Verhalten im Gewächshaus beobachtet. 

Als Satire auf neoliberale Arbeitswelten ist der Film von fast beleidigender Direktheit: Firmen wie Moon Paper behandeln Menschen als Wegwerfware, Bewerber werden in Rankings sortiert, und Optimierung bedeutet ausschließlich Verschärfung der Konkurrenz. Man‑sus Gewalt erscheint als monströse, aber logische Konsequenz einer Ideologie, die suggeriert, jeder sei für seinen Erfolg absolut selbst verantwortlich - und wer versagt, habe eben nicht genug getan. Die entscheidende Qualität des Films liegt jedoch darin, dass er die Schuld nicht nebulös im System auflöst. Immer wieder eröffnet Park seinem Protagonisten Auswege: die Möglichkeit, einen schlechter bezahlten Job anzunehmen, sich dem beruflichen Abstieg zu stellen, mit Miri gemeinsam neue Lebensentwürfe zu verhandeln - und Man‑su sagt jedes Mal Nein, weil er sein beschädigtes Selbstbild nicht aufgeben will. Die wiederholte Formel ("Ich habe keine Wahl") wird so zu einem bitteren Refrain, der entlarvt, wie gern wir strukturelle Zwänge benutzen, um persönliche Verantwortung zu relativieren.

"No Other Choice" ist ein kraftvoller, oft brillant inszenierter Film, aber er ist nicht ohne Brüche, die man nicht nur als kalkulierte Irritation lesen muss. Das tonal riskante Pendeln zwischen Farce und Tragödie gelingt Park in vielen Szenen, doch an manchen Stellen - insbesondere, wenn der Film häusliche Eifersuchtsfantasien und sexuelle Eifersucht mit den Morden verschränkt - wirkt der Spott über Man‑sus gekränktes Ego so genüsslich, dass die Opfer seiner Gewalt zu bloßen dramaturgischen Werkzeugen schrumpfen. Auch die fast spielerische Amoralität der Schlussphase, in der der Film suggeriert, dass Man‑su durch seine Mordserie paradoxerweise beruflich und in der Ehe funktionaler wird, ist ein riskanter Kunstgriff. Man kann ihn als bitteren Kommentar lesen - ein System, das nur Resultate zählt, belohnt selbst kriminelle Effizienz -, doch die Inszenierung verlässt sich stark auf die moralische Urteilskraft des Publikums und verzichtet bewusst auf klare Distanz. Der Film verurteilt seinen Helden nicht, aber er macht es dem Zuschauer unbequem schwer, sich nicht zu fragen, wie viel man mit ihm gemeinsam hat.  Am Ende bleibt "No Other Choice" ein Werk, das mehr Fragen stellt, als es beantwortet - und dessen düsterste Erkenntnis vielleicht darin liegt, wie nachvollziehbar der erste kleine Schritt ist, bevor aus einer gekränkten Kränkung ein Mordplan wird.

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: CJ ENM Co./CJ Entertainment/Moho Film

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