Sonntag, 1. Februar 2026

Shelby Oaks (2024)

https://www.imdb.com/de/title/tt14999684/

Im Zentrum steht Mia (Camille Sullivan), deren jüngere Schwester Riley einst als Teil einer YouTube‑Gruppe von Paranormal-Ermittlern namens "Paranormal Paranoids" in der verlassenen Geisterstadt Shelby Oaks verschwand. Jahre später ist Mia überzeugt, dass Riley noch lebt, und stürzt sich - mit Hilfe alter Aufnahmen und neu auftauchender Spuren - in eine erneute Suche, bei der sich Rileys Kindheitsdämon als erschreckend reale Bedrohung entpuppt. Was als Versuch beginnt, einen Cold Case aufzuklären, führt Mia in ein Geflecht aus okkulten Ritualen, Familiengeheimnissen und der Frage, ob der eigentliche Horror in einem übernatürlichen Wesen oder in der Unmöglichkeit liegt, Abschied zu akzeptieren...

"Shelby Oaks" ist ein ambitionierter, aber letztlich unausgewogener Horrorfilm, der weniger durch seine Dämonen als durch die Trauer seiner Hauptfigur im Gedächtnis bleibt. Regisseur Chris Stuckmanns Film funktioniert am stärksten, wenn er wie ein nüchternes Drama über Verlust und Obsession wirkt - und verliert an Kraft, sobald er den eigenen Mythos allzu explizit ausbuchstabiert. Dabei trägt Camille Sullivan den Film fast im Alleingang: Ihre Mia ist erschöpft, zornig, verletzlich - eine Frau, deren rationales Weltbild Stück für Stück erodiert, ohne dass sie zur hysterischen Horror-Karikatur verkommt. Die Nebenfiguren - von Rileys (Sarah Durn) Mitstreiterinnen über Mias Ehemann bis hin zu den Figuren, die das Okkulte repräsentieren - bleiben dagegen eher funktional und dienen vor allem dazu, Mias innere Spirale aus Schuld, Hoffnung und Paranoia zu spiegeln. Man spürt, dass der Film emotional viel über die Dynamik zweier Schwestern erzählen möchte, doch da Riley größtenteils als Erinnerung, Videofigur oder Projektion präsent ist, fehlt dieser Beziehung manchmal die unmittelbare Resonanz im Hier und Jetzt. Von derben Logiklöchern mal ganz abgesehen (Warum eigentlich fährt sie erst Jahre später nach Shelby Oaks, um dort ihre verschwundene Schwester zu suchen?).

Besonders interessant ist hingegen der formale Ansatz: Die Geschichte verknüpft klassische Inszenierung mit dokumentarischen und Found-Footage-Elementen - Interviews, alte Bänder der "Paranormal Paranoids" und fragmentierte Aufnahmen werden zu Versatzstücken eines Puzzles, das Mia wie auch das Publikum zusammensetzt. In den besten Momenten erinnert das an eine melancholische Variante von "The Blair Witch Project": weniger hektischer Schrecken, mehr schleichendes Unbehagen, gespeist aus der Ahnung, dass die Lücken zwischen den Bildern das wirklich Furchterregende sind. Gleichzeitig gerät das Finale ins Stolpern: Der Film, der zuvor auf Andeutungen, Atmosphären und die psychische Zerrüttung seiner Heldin gesetzt hat, steigert sich zu einem überladenen, erklärungsfreudigen Showdown, der zwar konsequent in der eigenen Mythologie, aber weniger konsequent in Ton und Rhythmus wirkt.

"Shelby Oaks" ist unterm Strich weniger ein perfekter Horrorfilm als ein interessantes Debüt - voller starker Ideen, sympathisch ernsthafter Ambition und spürbarer persönlicher Note. Die eigentliche Geschichte handelt nicht von einem Dämon, der Schwestern verfolgt, sondern von einer Frau, die lieber an Monster glaubt, als die Leere zu akzeptieren, die ein Verschwinden hinterlässt. Wenn der Film dem Mut vertraut hätte, dieses emotionale Zentrum bis zum Ende zu bewahren - anstatt im Finale den Lärm des Genres über die leisen Zwischentöne zu legen -, wäre er großartig; so bleibt er ein sehenswerter, aber ungleichmäßiger Film, das mehr verspricht, als es einlöst, aber gerade dadurch neugierig macht auf das, was der Regisseur als Nächstes versucht.

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFantasy Filmfest
Poster/Artwork: Paper Street Pictures/Intrepid Pictures

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