Sonntag, 1. Februar 2026

Cam Sehpa - The Turkish Coffee Table (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt35692176/

Zehra (Algi Eke) und İbrahim (Alper Kul) sind frischgebackene Eltern, emotional erschöpft, materiell angespannt und gefangen in den bekannten Mikrokriegen einer jungen Ehe. Ein scheinbar banaler Streit über einen überteuerten, geschmacklosen Couchtisch mit angeblich unzerbrechlicher Glasplatte wird zum Schauplatz eines Machtkampfs: Er will wenigstens in einem Detail recht behalten, sie weigert sich, seinen Status zu bestätigen. Der Tisch zieht dennoch in die Wohnung ein - und mit ihm der Unfall, der zum unsagbaren Zentrum des Films wird. Ein fehlender Schraubbolzen, ein Teppich auf glattem Boden, eine Sekunde Unachtsamkeit: Aus dem Alltag wird ein privates Inferno, das die Figuren in ein Netz aus Lügen, Cover-ups und Panik zwingt, während Besuch ins Haus kommt und alle so tun, als wäre nichts geschehen...

"The Turkish Coffee Table" ist das türkische Remake des gleichnamigen spanischen Films und ein bitterböses, nervenzerfetzendes Kammerspiel darüber, wie ein einziger Moment der Unachtsamkeit ein ganzes Leben aus den Angeln hebt - und wie das Bedürfnis nach Stolz und Kontrolle jede Chance auf Erlösung zerstört. Der Film ist zugleich sehr konkrete, körperliche Horrorerfahrung und eine präzise, beinahe sadistische Studie kleinbürgerlicher Eitelkeiten. Regisseur Can Evrenol verfilmt diesen Stoff nicht mit Zurückhaltung, sondern mit der Konsequenz eines Filmemachers, der genau weiß, wie weit er das Publikum treiben will. Während das spanische Original "The Coffee Table" oft als grausam, aber in der Darstellung erstaunlich zurückhaltend beschrieben wird, wählt Evrenol die direktere, grafischere Konfrontation, die den "Das ist doch nur ein Film"-Reflex ebenso triggert wie den Wunsch wegzuschauen. Der Horror entsteht weniger aus Musik oder Schockeffekten, sondern aus der andauernden, fast unerträglichen Spannung, dass etwas Unwiederbringliches passiert ist und trotzdem weiter Smalltalk geführt, Essen serviert und über Nichtigkeiten gestritten wird. Die Kamera hält sich eng an den Figuren, betont klaustrophobische Räume, enge Flure, vollgestellte Zimmer - die Wohnung wird zur seelischen Landkarte dieser Familie, in der es buchstäblich keinen Ausweg mehr gibt.

Im Zentrum steht İbrahim, gespielt von Alper Kul mit einer Mischung aus gekränkter Männlichkeit, Selbstmitleid und echter Verzweiflung. Er ist kein klassischer Bösewicht, aber auch kein unschuldiges Opfer: jemand, der lieber Realität verleugnet, als seinen Stolz zu opfern - und damit jede verbleibende Menschlichkeit unter sich begräbt. Algi Ekes Zehra dagegen darf zunächst die Rolle der spöttischen, überlegenen Partnerin spielen, deren triumphierendes Lachen über die zerbrochene "unzerbrechliche" Glasplatte zu den schmerzhaftesten Momenten des Films gehört, weil das Publikum zu diesem Zeitpunkt bereits mehr weiß als sie. Das Ensemble um die beiden - Familie, Freundin, die aufdringliche Nachbarstochter - wird weniger als eigenständige Figuren erzählt denn als Verstärker: Jede neue Person in der Wohnung ist eine weitere Bedrohung, dass die sorgfältig aufgebauten Lügen zusammenbrechen.

Der eigentliche Skandal, den der Film inszeniert, ist nicht der Unfall selbst, sondern die Reaktion darauf. Evrenol seziert das fragile männliche Ego: İbrahim will "einmal im Leben" recht haben, einmal etwas entscheiden, das ihm niemand nimmt - und genau dieses Bedürfnis materialisiert sich in einem abscheulichen Möbelstück, das wie ein hässliches Monument seiner Sturheit mitten im Wohnzimmer steht. Gleichzeitig erzählt der Film von der Gewalt des Alltags: von unbedachten Bemerkungen, latent herablassenden Gesten, Machtkämpfen in Beziehungen, die oft unter der Oberfläche bleiben, hier aber auf grausame Weise physisch werden. Die Katastrophe wirkt wie ein moralischer Stresstest: Wer sind diese Menschen wirklich, wenn die Fassade nicht mehr zu halten ist? Spannend ist, dass der Film so zu einer Art universellem Albtraum über Konsum, Stolz und Schuld wird, den man sich ebenso gut in anderen Ländern vorstellen könnte.

"The Turkish Coffee Table" ist letztlich aber einer jener Filme, die man nicht "empfiehlt", sondern vor denen man warnt - und genau darin liegt seine Stärke. Der Film funktioniert nicht, weil er Spaß macht, sondern weil er auf schmerzhafte Weise ehrlich ist über die Hässlichkeit, zu der ganz normale Menschen fähig sind, wenn sie in die Ecke gedrängt werden. Man kommt nicht umhin, die Klarheit der moralischen Konstruktion zu würdigen: Eine simple, nachvollziehbare Entscheidung, ein greifbarer Raum, wenige Figuren - und daraus ein maximaler Druck, der das Publikum dazu zwingt, sich zu fragen, wie weit es selbst gehen würde, um das eigene Versagen zu verstecken. "The Turkish Coffee Table" ist in diesem Sinne kein "Vergnügen", sondern eine Prüfung: Wer ihn aushält, wird ihn definitiv so schnell nicht vergessen.

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: AKC Sinema/Globalgate Entertainment/Grupo Morbido

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