https://www.imdb.com/de/title/tt26923383/
Arnold, eine Maus mittleren Alters, lebt in der Stadt "Anywhere" und steckt in einer massiven Midlife-Krise. Immer wieder beschleicht ihn der Verdacht, dass seine Realität künstlich ist - als wäre alles um ihn herum nur ein Theater- oder Filmset, sorgfältig gebaut, um ihn zu beruhigen und gleichzeitig zu kontrollieren. Während seine Frau María an der Normalität festhält, spürt Arnold Risse in der Oberfläche: Wiederholungen im Alltag, Figuren, die wie Stichwortgeber wirken, und Situationen, in denen die Welt den Anschein einer Inszenierung nicht mehr verbergen kann. Arnolds Misstrauen treibt ihn in eine spiralförmige Suche nach "echter" Wirklichkeit, während seine persönlichen Beziehungen zerbrechen und eine bedrohliche, übergeordnete Macht immer deutlicher in den Vordergrund tritt...
"Decorado" ist ein ebenso witziges wie schmerzlich präzises Stück Animationskino für Erwachsene: ein Film, der aussieht wie ein schräger Cartoon, sich aber anfühlt wie eine existenzielle Krise im Zeitalter der Simulation. Hier ist weniger die Frage, ob die Welt echt ist, die bewegt, sondern die Erkenntnis, was es mit einer Figur macht, wenn sie merkt, dass ihr Leben vielleicht nur in einer Kulisse stattfindet. Regisseur Alberto Vázquez, der seine eigene Kurzfilmvorlage zu einem Langfilm ausgebaut hat, inszeniert "Decorado" als schwarze Komödie, Fantasy-Drama und Horror-Gleichnis zugleich. Die handgezeichnete 2D-Animation wirkt zunächst verspielt, im Design irgendwo zwischen klassischen Mickey-Mouse-Karikaturen und surrealen Bilderwelten, was die Künstlichkeit der Welt von "Anywhere" gezielt betont. Vázquez verwebt Einflüsse wie "The Truman Show", klassische Cartoons und Beziehungsdramen à la Bergman zu einer existenzialistischen Fabel über den Sinn des Lebens und unsere Krisen, wodurch das Bildhafte ständig gegen die philosophische Schwere arbeitet.
Die Maus Arnold ist als Protagonist bewusst unspektakulär angelegt: ein Durchschnittswesen in einer Durchschnittswelt, dessen Krise gerade deshalb wirkt, weil sie vertraut ist - Erschöpfung, Entfremdung, das Gefühl, keine oder eben nur die eine Rolle zu spielen. Die spanischen Sprecher, allen voran Asier Hormaza als Arnold und Aintzane Gamiz als María, treffen einen Ton zwischen lakonischem Humor und echter Verzweiflung, sodass die existenziellen Fragen nie zum trockenen Theorieaufsatz verkommen. Nebenfiguren wie der riesige Eulencharakter oder andere groteske Tiergestalten fungieren als Kommentatoren und Verwalter der Inszenierung - sie sind zugleich komisch, bedrohlich und erschreckend bürokratisch, wie Angestellte eines metaphysischen Studios. Und über allem schwebt ALMA (Almighty Limitless Megacorporative Agency) - das Unternehmen, dass diese ganze Welt zu kontrollieren scheint. Und wer nicht funktioniert, verschwindet.
Auf thematischer Ebene spiegelt "Decorado" eine ultrakapitalistische und mediengesättigte Welt, in der alles zur Ware und zur Show wird - inklusive der eigenen Identität. Arnold beginnt, seine Umwelt wie eine Produktion zu lesen: Kulissen, Rollen, Wiederholungen und vorgefertigte Dramaturgien ersetzen spontane Erfahrung, sodass seine Rebellion eher eine Suche nach Authentizität ist als ein klassischer Aufstand gegen ein Regime. Die Mischung aus Humor und Horror funktioniert, weil der Film nie vergisst, dass die Idee, im falschen Leben zu stehen, zugleich lächerlich und tief beunruhigend ist; die lachhaften Überzeichnungen der Figuren machen den schmerzhaften Kern umso sichtbarer.
"Decorado" ist kein Film über eine Maus, die merkt, dass sie in einem Set lebt; es ist ein Film über jeden Menschen, der eines Tages aufwacht und sich fragt, wessen Geschichte er da eigentlich spielt. Vázquez’ Werk ist vielleicht nicht in jedem Moment erzählerisch vollkommen ausgewogen - die Allegorie ist stellenweise überdeutlich -, aber die konsequente visuelle Handschrift, der melancholische Witz (wie zum Beispiel, dass die Fee, die Maria erscheint und bei ihr einzieht "Depression" heißt) und die ehrliche Beschäftigung mit Sinnkrisen machen den Film bemerkenswert lebendig. Wer Animationsfilme noch immer als Kinderprogramm betrachtet, dürfte hier überrascht werden: "Decorado" nutzt die Zeichnung, um etwas sehr Erwachsenes zu verhandeln - die Angst, dass unter der schönen Fassade unseres Lebens nichts weiter ist als bemalte Pappe, und die Hoffnung, dass es trotzdem möglich ist, darin echte Gefühle zu finden.

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