In einer amerikanischen Kleinstadt lebt Charles "Chuck" Krantz (Tom Hiddleston), ein gewöhnlicher Buchhalter, dessen Gesicht aus Werbung und Fernsehen bekannt ist. Während die Welt außerhalb von Naturkatastrophen und technologischen Zusammenbrüchen erschüttert wird, bleibt in der Stadt vor allem eines bestehen: eine tiefe Dankbarkeit gegenüber Chuck. Doch wer ist dieser Mann, den niemand wirklich zu kennen scheint? Die Spur führt in seine Kindheit, zu seiner Großmutter (Mia Sara), die ihm ihre Leidenschaft für das Tanzen vermittelte, und zu seinem Großvater (Mark Hamill), der ihm nicht nur das Handwerk der Buchhaltung beibrachte, sondern auch ein Geheimnis rund um eine verschlossene Dachkammer hütete. Die Geschichte wirft eine zentrale Frage auf: Kann das Leben eines Einzelnen den Verlauf der ganzen Welt beeinflussen?
"The Life Of Chuck" ist einer dieser seltenen Stephen‑King‑Filme, die nicht in den Abgrund, sondern ins Licht blicken - und Regisseur Mike Flanagan, der ein angeborenes Talent für King-Verfilmungen zu haben scheint, inszeniert ihn mit einer Zärtlichkeit, die anmutet, als hätte ein Horrorregisseur beschlossen, seinen eigenen Abschiedsbrief an das Leben zu drehen. Flanagan erzählt Chucks Leben rückwärts: von einem sterbenden Mann im Krankenhaus zurück zu einem Jungen, der in einem alten Haus aufwächst und im Dachboden buchstäblich seine eigene Sterblichkeit erblickt. Die erste Episode - eine Welt, die sich merklich auflöst, während überall rätselhafte "Danke, Chuck!"-Botschaften auftauchen - beginnt wie eine leise Apokalypse und endet als Offenbarung, dass das Ende des Universums nichts anderes ist als das Erlöschen eines individuellen Bewusstseins. Der Mittelteil, "Lang lebe die Straßenmusik", ist ein Stück reines Lebensglück: ein Banker, der auf offener Straße zu den Beats einer Straßenmusikerin zu tanzen beginnt, als hätte er plötzlich verstanden, dass jeder Tag eine letzte Chance sein könnte. Und im letzten Akt, "Ich enthalte Vielheiten", verdichtet sich alles: das Kind, das seine Eltern verliert, der Großvater, der trinkt, die Großmutter, die ihm das Tanzen und die Vorstellung vermittelt, dass ein Mensch viele Widersprüche in sich tragen darf. Und am Ende, dem eigentlich Beginn der Geschichte, begreifen wir, was Flanagan in Interviews über King sagt: Horror ist bei King nur die Verpackung - im Kern schreibt er über Liebe und Menschlichkeit, und genau das destilliert dieser Film in seine reinste Form.
Tom Hiddleston spielt Chuck als gewöhnlichen Mann, der sich anfühlt wie jemand, den man kennt, vielleicht wie der stille Kollege im Großraumbüro, dem man nie eine ganze Filmhandlung zugetraut hätte. Er verzichtet auf große Gesten, seine Präsenz besteht aus Blicken, kleinen Zögern, einem Lächeln, das immer ein bisschen so aussieht, als würde er sich gerade von etwas verabschieden. In den jüngeren Versionen von Chuck - verkörpert von Jacob Tremblay und Benjamin Pajak - erkennt man dieselbe Mischung aus Schüchternheit und innerer Glut; es ist, als würden drei Schauspieler gemeinsam eine einzige, brüchige Seele spielen. Chiwetel Ejiofor als Marty, der Lehrer im kollabierenden Universum, trägt den Eröffnungsteil mit einer ruhigen Verzweiflung, die nie in Hysterie kippt; er ist unsere Identifikationsfigur, die sich fragt, wer dieser Chuck eigentlich ist, während überall sein Gesicht auftaucht. Mark Hamill als Großvater Albie ist ein kleines Wunder: ein Mann, der seinen Schmerz in Zynismus und Alkohol ertränkt, und doch in jeder Szene verrät, dass er seinen Enkel mehr liebt, als er sich selbst erlaubt. Die Nebenfiguren - von Karen Gillan bis zu den wiederkehrenden Flanagan‑Stammschauspielern - haben oft nur wenige Szenen, aber genau jene Schärfe, die King‑Figuren auszeichnet: mit wenigen Strichen so lebendig, dass man das Gefühl hat, sie schon lange zu kennen. "The Life Of Chuck" ist strukturell wagemutig: Drei Akte, rückwärts montiert, die vom kosmischen Maßstab der Vernichtung zum intimen Blick auf ein Kinderzimmer schrumpfen. Was auf dem Papier nach intellektueller Spielerei klingt, erweist sich filmisch als emotionaler Sog - der Film beginnt als Endzeitdrama und verwandelt sich langsam in etwas, das beschwingt und oft wunderbar wirkt, sowie lebensbejahend; ein Werk, das sich seinen Pessimismus erlaubt, ohne seine letztendliche Zuversicht zu verraten. Flanagan arbeitet hier mit derselben Sorgfalt wie in seinen Horrorgeschichten, nur verschiebt er das Gewicht: Statt Schreckmomenten gibt es eine fast Spielberg'sche Verwunderung über das Alltägliche - eine Mall‑Tanzszene, ein stilles Familiengespräch, ein Blick in den Sternenhimmel. Der deutsche Synchronsprecher Tom Vogt (im Original Nick Offerman) legt seine Stimme so einnehmend und warm wie eine Decke über den Film und erinnert an die lyrische Prosa der Vorlage, ohne je sentimental zu werden. Wenn am Ende klar wird, dass all diese Episoden nur Funken in einem einzigen Menschenleben sind, trifft der Film weniger wie ein Schlag, sondern wie ein stilles Begreifen: Es reicht, wenn wir unsere 39 Jahre gut nutzen.Auf dem Papier wirkt "The Life Of Chuck" wie ein Ausreißer in Kings Bibliographie, doch Flanagan betont, dass der Autor schon immer über Mitgefühl geschrieben habe - der Horror sei nur der Rahmen. Der Film bleibt der Struktur der Novelle treu, indem er diese drei Stationen eines Lebens nicht als klassische Biografie erzählt, sondern als Mosaik, das sich erst aus der Distanz erschließt. Die Nostalgie, die amerikanischen Alltagsdetails, der leise Absurditäts‑Faktor - all das markiert den Stoff unübersehbar als King, nur eben ohne Clown, Dämon oder Overlook‑Hotel. Es ist, als hätten King und Flanagan gemeinsam beschlossen, einmal ganz ohne Schrecken zu zeigen, was ihre Geschichten im Innersten immer verhandeln: wie zerbrechlich der Mensch ist sind - und wie wunderbar. "The Life Of Chuck" ist kein Film, der laut um Aufmerksamkeit schreit; er ist einer, der bleibt. Man schließt den Film nicht mit dem Drang, sich umzusehen, ob etwas im Schatten lauert, sondern mit dem Wunsch, jemanden anzurufen, mit dem man lange nicht mehr gesprochen hat. In der Karriere von Mike Flanagan wirkt dieser Film wie ein Wendepunkt: weniger als Horrorregisseur, mehr als Chronist der menschlichen Fähigkeit, Sinn zu finden - selbst im Angesicht des Nichts. Es gibt ja auch viele Filme, die den Zuschauer berühren und "The Life Of Chuck" ist genau das: eine zweistündige Erinnerung daran, dass jedes Leben - auch ein unscheinbares - ein eigenes Universum ist, dessen Ende ein kleines Big Bang in umgekehrter Richtung bedeutet.



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