Freitag, 24. April 2026

Silencio - Silence (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt37538765/

In dieser dreiteilige Vampir-Miniserie werden die parallel zwei Zeitebenen verknüpft, um den Überlebenskampf queerer Vampirschwestern gegen Blutmangel und gesellschaftliche Ausgrenzung zu zeigen. In der ersten Zeitebene, während der Schwarzen Pest im mittelalterlichen Europa, ringen die Vampirschwestern Leticia (Leticia Dolera) und Ana (Ana Polvorosa) mit Menschenblut, das durch die Seuche ungenießbar geworden ist. Sie verbergen sich in tödlicher Stille, um nicht enttarnt zu werden, kämpfen mit wachsendem Hunger und erliegen der Versuchung verbotener menschlicher Liebe, während das gesellschaftliche Schweigen um die Pandemie als ebenso giftig dargestellt wird. In der zweiten Zeitebene im Spanien der 1980er AIDS-Krise setzt eine Nachfahrin dieser Schwestern ihren Kampf fort, unterstützt von María León und Omar Ayuso als Verbündete. Wieder droht Blutknappheit, dieses Mal durch den HIV-Virus, gepaart mit Vorurteilen und Stigmatisierung, die als zeitlose Metaphern dienen und die verkannte Rolle von Frauen in der AIDS-Geschichte beleuchten. Die Serie verschmilzt Camp-Horror mit hypergesättigten Pop-Art-Bildern, Musical-Elementen und politischer Satire, um Pandemien, queere Identität und das Trauma des Schweigens eindringlich zu kontrastieren. Gleichzeitig ruft die Beziehung zwischen "Kranken" und "Gesunden" sowie zwischen Menschen und Vampiren nach wie vor Furcht hervor.

"Silencio" ist eine dreiteilige Miniserie - oder besser: ein ausgedehnter, pastellfarbener Vampir-Albtraum in drei Akten -, die Regisseur Eduardo Casanova als Abrechnung mit Pandemien, Stigmatisierung und gesellschaftlichem Schweigen inszeniert. Mit einer Gesamtlaufzeit unter 60 Minuten fühlt sie sich weniger wie eine Serie an als wie ein fiebriger Kurzfilm-Trip: Vampirschwestern ringen durch die Jahrhunderte mit Blutknappheit - erst während der Pest, dann in Spaniens AIDS-Krise -, während Liebe, Vorurteile und Überleben in blutige Komödie umschlagen. Casanova macht aus historischen Schrecken eine poppige Satire, die die Stille nicht nur zitiert, sondern in Pink und Rot explodieren lässt.

https://www.imdb.com/de/title/tt37540048/
1. Las flores del infierno (Die Blumen der Hölle)
Einführung in die Vampirschwestern während der Pest, erste Blutkrise und Rituale. - 5,5/10

https://www.imdb.com/de/title/tt37540054/
2. Muera el amor (Stirb, Liebe)
Sprung in die 1980er AIDS-Krise, verbotene Romanze und gesellschaftliches Stigmata. - 4/10

https://www.imdb.com/de/title/tt37540052/
3. Silencio (Schweigen)
Delirisches Finale mit Konfrontation von Liebe, Tod und kollektivem Schweigen. - 5/10

Diese Titel spiegeln die Themen der Eskalation wider: von infernalischer Not zur romantischen Tragödie bis zum titelgebenden Schweigen als gesellschaftliches Gift. Die Schwestern - ein ansprechendes Ensemble aus Ana Polvorosa, Leticia Dolera und María León - debattieren zunächst im Mittelalter um den Umgang mit Menschen  (hier im speziellen Omar Ayuso) und pestverseuchtem Blut, ihre einzige Nahrungsquelle. Jahrhunderte später, in den 1980er-Jahren Spaniens AIDS-Epoche, wiederholt sich das Grauen: Ihre Nachfahrin (Polvorosa) ringt als alternden Vampirin mit kontaminiertem Blut, gesellschaftlicher Ausgrenzung und verbotener Liebe zu einem Menschen, die von Stigmata und Hass zerfetzt wird. Es ist keine lineare Saga, sondern ein collageartiges Pamphlet: 

Jede Pandemie spiegelt die andere, Stillschweigen wird zum Killer. Casanova bevölkert seine Welt mit Archetypen, die er liebevoll zerlegt: Die Vampirschwestern sind keine gothischen Diven, sondern schrille Überlebenskünstlerinnen - Polvorosa als leidenschaftliche Anführerin, Dolera als zynische Realistin, León als impulsive Romantikerin -, deren Hunger physisch und emotional ist. Ayuso als menschlicher Liebhaber bringt verletzliche Wärme, während Nebenfiguren (Lucía Díez, Carolina Rubio) das Ensemble mit bizarren Noten füllen. Keine der Figuren jedoch ist eindimensional: Die Schwestern verkörpern Frauen, die aus der AIDS-Geschichte gelöscht wurden - queer, marginalisiert, hungrig nach Liebe statt nur Blut. Ihre Fänge und grellen Kostüme machen sie ikonisch, doch ihr Schmerz (Ablehnung, Verlust) ist universell menschlich. Visuell zeigt "Silencio" ungewöhnlich aber seltsam passend grelle Pastelltöne (Pink, Rosa, Blutrot)  und macht aus einem düsteren Setting eine quietschbunte Parallelwelt, in der Pest und AIDS wie Pop-Art-Punchlines wirken. Horror mischt sich mit schwarzem Humor - aber das Problem ist hier, dass zu viel geredet und zu wenig getan wird. Auch Übergänge wirken etwas holprig und die Schwestern wirken teils selbstverliebt und philosophisch abgehoben. Doch als wütende Gesellschaftskritik dreht sich "Silencio" ja um Schweigen: AIDS wird nicht als Homosexuellen-Krise, sondern als universelle Pandemie gezeigt. Casanova kritisiert Vorurteile und prangert überdeutlich an, dass Schweigen Tod bedeutet. Liebe als Gefahr durchzieht alles; es ist politisch ohne Bevormundung, ohne Leere. Ein Vampir-Manifest, das Pandemien in grellbunten Biss verwandelt, wütend und irgendwo auch unvergesslich; aber zu kurz für wirklich Tiefe, zu skurril für ein Meisterwerk, zu lang genug für eine gute Punchline.


5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkGamera Studios/Apoyo Positivo

Jamás Me Echarás De Ti - You'll Never Throw Me Out (Short) (2016)


Im Zentrum steht eine Mutter, die ihren Sohn mit großer Fürsorge, aber auch mit Angst und Kontrolle behandelt. Sie versucht, ihn vor der Außenwelt zu schützen und ihn an sich zu binden, was eine zugleich zärtliche und beklemmende Atmosphäre erzeugt. Der Film erzählt damit vor allem von Abhängigkeit, Überbehütung und der Schwierigkeit, loszulassen.

"You'll Never Throw Me Out" ist ein 8-minütiger spanischer Kurzfilm, der in einer grellpinken Einzimmerwohnung das pure Drama einer Mutter-Sohn-Beziehung ein, das sich weigert, die Realität - und den bevorstehenden Verlust - zu akzeptieren. Der Schnitt dosiert hier messerscharf jede Eskalationsstufe und steigert sich in 8 Minuten bis zum erwartbarem Ende. Die Figuren sind archetypisch, aber nuanciert: Der Sohn ist entstellt und in der Beziehung zu seiner Mutter festgenagelt, die Mutter bestimmend, aber liebevoll. Der Sohn verkörpert Frustration und Hilflosigkeit, ohne selbst zur Karikatur zu werden. Der Film zeichnet ein Beziehungschaos ohne Moralpredigt - stattdessen eine Warnung vor Helikoptereltern, die in Komik und Absurdität mündet: Schönheit als Fassade, Obsession als Treiber, Alltag als Horror, letztlich aber auch zu übertrieben, um auch wirklich den Punkt zu treffen.

4/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkGamera Studios/Apoyo Positivo

Lo Siento, Mi Amor - I'm Sorry, My Love (Short) (2018)


Im Höhepunkt des Kalten Krieges kämpft das perfekte Ehepaar Jackie (Sara Rivero) und John F. Kennedy um Konsistenz inmitten einer privaten Krise. Jackie ist es leid, die Fassade aufrechtzuerhalten, doch die Verantwortung lastet schwer. Dann taucht eine unerwartete dritte Partei auf - ein Wesen, das alles verändert und die Geschichte, wie wir sie kennen, auf den Kopf stellt. Casanova lässt die Spannung in Echtzeit eskalieren, während die Ikonen ihrer Rollen beraubt werden.

Regisseur Eduardo Casanova, der Verfechter des grellbunten Wahnsinns, nimmt sich Jackie und John F. Kennedy im Moment des Attentats in den 60ern und verwandelt ihre Geschichte in einem absurden Albtraum - eine surreale Dark Comedy über Fassade,  und Verschwörungstheorien. Seine 60er-Ästhetik explodiert in pinken Neon und goldenem Glamour - ein psychedelisches Schlafzimmer wird zur Bühne für Hysterie. José Antonio Muñozs  Kamera fängt Schweiß, Körper und verzerrte Gesichter ein - in 7 Minuten baut Casanova eine Welt auf, die absurd und makaber ist und gleichzeitig visuell anspricht. Immerhin. 

Sara Rivero als Jackie Kennedy ist ein Volltreffer: Ihre perfekte First-Lady-Fassade bröckelt in Ekstase und Verzweiflung - eine Performance, die von Glamour zu Wahnsinn taumelt. Javier Botet bringt als Alien unheimliche Körperlichkeit - seine Präsenz ist pure Bedrohung ohne Worte. Gemeinsam zerlegen sie das Kennedy-Mythos: Keine Helden, sondern Menschen in der Falle ihrer Rolle, wo Verstellung zur Obsession wird - eine Allegorie auf Kalten Krieg, Geschlechterrollen und die Lüge des Perfektionismus. Dark Comedy trifft History-Farce: ein Balanceakt in Lächerlichkeit und Grauen, bei dem man sich am Ende fragt, was zur Hölle man hier gerade gesehen hat. Aber irgendwo auch ganz okay.

5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkGamera Studios/Apoyo Positivo

Eat My Shit (Short) (2015)

https://www.imdb.com/title/tt4437262/

Samantha macht ein Selfie und postet es auf Instagram, doch die Plattform löscht es wegen angeblichem "sexuellen Inhalt". Sie ist es leid, wegen ihrer körperlichen Besonderheit - ein Anus statt Mund - ständig ausgelacht und ausgegrenzt zu werden. In einem Café eskaliert die Situation mit einer Kellnerin, die sich über sie lustig macht, zu einem Konflikt, der Samanthas Frustration explodieren lässt.

Der 3-minütige spanische Kurzfilm macht aus einer grotesken körperlichen Anomalie eine plakative Satire über Diskriminierung, Social-Media-Zensur und die Lächerlichkeit gesellschaftlicher Normen. In übersteigerten Stil verwandelt sich ein Café zur Arena für Hysterie. Ana Polvorosa als Samantha balanciert Abscheulichkeit und Verletzlichkeit - vom stummen Leid unter Spott bis zur ekelerregenden Rache. Die Kamera fiebrig um Samanthas Gesicht, fängt Ekel, Tränen und Trotz in Nahaufnahmen ein. Itziar Castro als Kellnerin verkörpert die banale Grausamkeit des Alltags. Ihre Chemie erzeugt eine toxische Intimität: Man lacht hinter vorgehaltener Hand und ekelt sich gleichwohl, aber letztlich ist das alles einfach nur ein widerliches Stück Kurzfilm, welches durch viel zu viel Provokation den Faden und damit auch den Zuschauer verliert.

2/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkGamera Studios/Apoyo Positivo

Appofeniacs (2026)

https://www.imdb.com/title/tt29870331/

Das vielschichtige Ensemble-Drama beleuchtet mit miteinander verknüpften Geschichten in Los Angeles die apokalyptischen Auswirkungen bösartiger Deepfake-Videos. Die Kette des Grauens beginnt mit Duke (Aaron Holliday), der eine manipulative App nutzt, um wahllos täuschend echte Deepfakes von Unschuldigen zu erzeugen - von kompromittierenden Sexvideos bis hin zu gefälschten Verbrechen -, die Karrieren zerstören, Beziehungen sprengen und Paranoia in Freundeskreisen, Familien und der gesamten Gesellschaft entfachen. Das Ensemble rund um Sean Gunn, Jermaine Fowler, Aaron Holliday, Michael Abbott Jr., Simran Jehani, Will Brandt, Paige Searcy und Harley Bronwyn verkörpert die Opfer: Ein Influencer verliert alles durch ein Video, das ihn als Monster zeigt, eine Frau wird von ihrem Partner verdächtigt, und harmlose Alltagsszenen münden in Lynchmobs, Suiziden und brutalen Racheakte. Mit Tarantino-beeinflussten vernetzten Geschichten mischt der Film Pulp-Gore, schwarzen Humor und Psychothriller-Spannung, um Desinformation, menschliche Dummheit und den Zusammenbruch der Wahrheit in einer von AI dominierten digitalen Hölle satirisch zu enthüllen.

"Appofeniacs" ist ein rasantes, überraschend bluttriefendes Horrordrama, das unsere digitale Gegenwart als lebendige Apokalypse entlarvt: Eine einfache App ermöglicht perfekte Deepfake-Videos, und ein einzelner User entfesselt damit eine Kette aus Hass, Mord und gesellschaftlichem Kollaps - ein "Pulp Fiction"-artiges Vignetten-Mosaik aus agiler, nicht-linearer Erzählweise, das Paranoia, Rassismus und toxische Männlichkeit mit satirischem Biss seziert, bei der sich die Schicksale verschiedenster Figuren überschneiden. Regisseur Chris Marrs Piliero, der hier sein Langfilmdebüt abliefert, macht aus diesem Tech-Horror-Thriller aber keinen trockenen Moralapostel, sondern einen ordentlichen Genrebeitrag mit Spannung und Witz: unterhaltsam, verstörend und prophetisch aktuell. Was sofort positiv auffällt: hier ist  niemand durchweg gut oder böse; Piliero zeichnet ein ganzes Spektrum der menschlichen Schwächen und sprüht dabei vor Energie und absurdem Witz. Duke ist kein Snuff-Filmer, sondern ein offensichtlicher Loser, dessen Frust jeder nachvollziehen kann - Aaron Holliday spielt ihn mit unterdrückter Wut, die im Erstellen der Deepfake-Videos explodiert. Paige Searcy als Lazzy sticht als bodenständige Everywomem heraus, deren Alltagsrassismus-Szenen von Komik zu Grauen kippen; Jermaine Fowler bringt seinem Cedrick nuancierte Moral, Sean Gunn als exzentrischer Cosplay-Erschaffer liefert eigne herrliche Comicreferenzen mit dunklem Unterton. Das weitere Ensemble mit Michael Abbott Jr. und Scarlet DeMeo füllt die Versatzstücke mit Fleisch: Jeder ist potenzielles Opfer und Komplize, was die Paranoia persönlich macht.

Plieros Regie pulsiert wie ein Musikvideoclip: Slow-Zooms bauen Beklemmung in banalen Settings (Parkplätze, Cafés, Chats), hektische Schnitte spiegeln Social-Media-Chaos, dunkler Humor entlastet den Schrecken ohne Klischees zu wiederholen. Deepfakes werden als Screen-Inserts gezeigt, real und unheimlich; Adam Leenes Kamera fängt digitale Distanz und physische Brutalität ein. Die Gore-Szenen sind schmerzhaft explizit, aber konsequenzgetrieben. Leider lösen sich manche Handlungsstränge zu abrupt, Themen wie Desinformation und die systematische Abweichung, einen Denkfehler, der zu einer einseitigen Wahrnehmung oder Entscheidung führt, zu hinterfragen, bleiben auf der Strecke. Damit liefert "Appofeniacs" Schlagkraft statt wirklicher Tiefe, doch das Tempo verhindert gekonnt Langeweile, auch wenn es anfangs etwas verworren wirkt. Damit ist der Film aber auch auf der Höhe der Zeit: wie Algorithmen Bestätigungsfehler füttern, Deepfakes Rassismus und Eifersucht entfachen oder toxische Männlichkeit viral geht. Es ist kein Tech-Fatalismus, sondern Satire auf menschliche Dummheit, die meint, dass KI von sich aus viel schlauer wäre, auch wenn man sie mit Fehlinformationen füttert. 

"Appofeniacs" liefert damit einen tiefsitzenden Horror der digitalen Identität, ein scharfes, blutiges Deepfake-Desaster, das digitale Ängste in Pulp-Entertainment verwandelt und mahnt: In Fake-Zeiten zählt Vertrauen mehr als Wahrheit. Man darf gespannt sein, was Piliero als nächstes macht. 

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: WTFilms/Magenta Edge Films

Itt Érzem Magam Otthon - Feels Like Home (2026)

https://www.imdb.com/title/tt35303515/

Nach dem Verlust ihres Jobs wird Rita (Rozi Lovas) von der zwielichtigen Árpád-Familie entführt. Die Familie besteht stur darauf, dass Rita in Wahrheit Szilvi Árpád sei, ihre seit Langem vermisste Tochter. Obwohl Rita ihre eigene Identität kennt und verzweifelt an ihrer Freiheit festhält, muss sie das gefährliche Rollenspiel mitspielen, um am Leben zu bleiben, während sie heimlich nach einem Ausweg sucht. In dem fremden Haus erkennt sie rasch, dass auch die übrigen "Familienmitglieder" - darunter ein Kind - gegen ihren Willen dort sind. Es handelt sich um isolierte Menschen, die sowohl körperlich als auch emotional dazu gezwungen werden, festgelegte Rollen zu übernehmen. Hinter dem Konstrukt steht Papa (Tibor Szervét), der die Abläufe kontrolliert und seine Anweisungen durchsetzt. Die praktische Umsetzung übernimmt Marci (Áron Molnár), der Rita als neuer Bruder zugeteilt wird und Papas Vorgaben ausführt. Im Verlauf der bedrückenden Gefangenschaft deckt Rita schrittweise die verstörenden Geheimnisse und die toxische Dynamik der Familie auf, die ihre groteske Wahnvorstellung nähren und die Grenzen zwischen Realität, Manipulation und Überleben immer mehr verwischen lassen...

Ein klaustrophobischer Psychothriller, der die Idee einer perfekten Familie in ein mentales Gefängnis verwandelt: Eine entführte Frau muss in der ihr aufgezwungenen Rolle der vermissten/verschwundenen Tochter Szilvi Árpád überleben, während sie die wahre Natur ihrer Peiniger entschlüsselt - ein Konzept, das in dem ungarischen Beitrag "Feels Like Home" entfernt an "Misery" erinnert und mit spannender Präzision und allegorischer Schärfe präsentiert wird. Rozi Lovas dominiert als Rita/Szilvi: Ihre Transformation von panischer Außenseiterin zu manipulativer Insiderin ist das Herzstück des Films, anfänglich voller nuancierter Angst und später kalter Berechnung. Tibor Szervét als Papa verkörpert väterliche Tyrannei mit ruhiger Grausamkeit, Áron Molnár als Marci bringt stets freundliche, aber herrlich bedrohliche Präsenz mit, während das Ensemble (unter anderem Dorka Gryllus als Juli) die Familie als toxisches Netzwerk zeichnet: Jeder ist hier Täter und Opfer, Komplize und gleichzeitig Gefangener. Diese Dynamik fühlt sich organisch an - diese Charaktere sind keine Karikaturen, sondern verzerrte Spiegel gesellschaftlicher Konformität mit der Grundfrage, wie denn die bittere Alternative zu dieser Familie aussieht - und ob sie einem wirklich noch gefällt, wenn man die isolierte Sicher- und Geborgenheit (auch wenn letztere aufgezwungen ist) innerhalb dieser Familie gegen ein freies Leben in Existenzangst und Einsamkeit abwägen muss.

Unter der Regie von Gábor Holtai sorgt Dániel Szőkes Kamera in "Feels Like Home" für totale Enge: detaillierte Aufnahmen von Räumen, minimale Effekte, ruhige Hand- alles unterstreicht Gefangenschaft ohne Übertreibung durch Blut und Gore. In diesem Thriller dominiert der psychologischer Horror und zieht  seine Spannung aus mentaler Zermürbung, mit bitteren Humor-Momenten, die die depressiven Bilder zumindest etwas auflockern und zu einem Lachen inmitten dieser Beklemmung führen. Die Allegorie auf Totalitarismus - Nachbarschaft als Komplizen, Familie als Kontrollsystem - ist subtil, aber bissig, mit einem Hauch Russland-Kritik. Lediglich im Mittelteil hat "Feels Like Home" minimale Schwächen und zeiht sich etwas in die Länge, wodurch der Twist auch etwas zu spät kommt. Doch der letzte Teil explodiert regelrecht mit einer disruptiven Energie und dekonstruiert als kraftvolle Allegorie eben jenes Verhalten von Personen, die einfach nur daneben stehen, anstatt zu helfen, ebenso wie Komplizenschaft und die Verführung von falscher Sicherheit: Wie weit ignoriert man Grauen, wenn es doch Familie ist? "Feels Like Home" ist beängstigend, bedrückend und letztlich ein spannender Psychothriller mit unheimlicher Prämisse - ein fesselnder, beengender Familien-Albtraum, der mit starker Schauspielkunst und präziser Enge zeigt, wie ein Zuhause zum Gefängnis wird. Wirklich sehr empfehlenswert.

8,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: CineSuper/FP Films

Donnerstag, 23. April 2026

Rosebush Pruning (2026)

https://www.imdb.com/title/tt27844906/

Auf ihrem spanischen Landsitz genießen die aus den USA stammenden Geschwister Jack (Jamie Bell), Ed (Callum Turner), Anna (Riley Keough) und Robert (Lukas Gage) zwanglosen Luxus. Sie pflegen ihren blinden Vater (Tracy Letts) in abgeschiedener Isolation, geprägt von Langeweile, exzessiver Mode und inzestuösen Spannungen, nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter. Als Jack mit seiner Freundin Martha (Elle Fanning), einer Musikstudentin, zusammenziehen will, verfliegt die Harmonie, und die unschönen Abgründe der Familiengeschichte tun sich auf. Als Ed beginnt, die unklaren Todesumständen (möglicherweise von Wölfen zerfetzt) der Mutter (Pamela Anderson) zu untersuchen, beginnt das toxische Gefüge zu bröckeln. Robert, der an Epilepsie leidet, hegt mörderische Pläne gegen die Familie, während subtile Machtkämpfe, Blutfetische sowie groteske Szenen wie Zahnputz-Rituale die patriarchalen Abgründe enthüllen... 

Das Quasi-Remake von Marco Bellocchios "Mit der Faust in der Tasche" aus dem Jahr 1965 mit dem Titel "Rosebush Pruning" (wörtliche Übersetzung: "Beschneiden von Rosensträuchern") ist eine sonnendurchflutete, perverse Familien-Satire, die von Beginn an wie eine europäische "Saltburn"-Variante wirkt: ein Ensemble reicher, verwöhnter Geschwister in einer luxuriösen spanischen Villa, deren dysfunktionale Dynamik in Mord und Wahnsinn kippt - geschrieben von Efthimis Filippou und inszeniert von Karim Aïnouz mit einem Mix aus schwarzem Humor, Absurdität und beißender Gesellschaftskritik. Das Ensemble glänzt dabei durch Nuancen in der Absurdität: Jamie Bell als vernünftiger, aber gefangener Jack, Callum Turner als neidisch-nachdenklicher Edward, Riley Keough als magnetisch-manipulative Anna und Lukas Gage als nervöser Robert - alle verkörpern die entzückend-schreckliche Dysfunktionalität in einer Familie, die Reichtum nutzt, um sich selbst zu zerstören. Elle Fanning als Außenseiterin Martha destabilisiert diese Familie brillant, Tracy Letts als Patriarch sorgt für absurd-autoritäre Momente, und Pamela Andersons Rolle als Mutter fügt perverse Poesie hinzu. Filippous Skript macht die Familie weniger zu Monstern als zu überzeichneten Kapitalisten, deren (etwas klischeehafte) Neurosen gleichzeitig Vanity-Projekte und Rivalitäten gebären. 

Regisseur Karim Aïnouz zeigt einen sonnendurchfluteten Film ohne zu viel Fett: Die Villa als Gefängnis, Kameraarbeit, die Intimität und Bedrohung mischt, und ein Tempo, das von komischen Vignetten zu blutigem Crescendo eskaliert. Es pendelt recht gekonnt zwischen Unbehagen (inklusive inzestuöser Andeutungen) und Heiterkeit, gleichermaßen amüsant und schweißtreibend mit einem visuell atemberaubenden Design und einem Soundtrack, der die Absurdität unterstreicht. Die Logik löst sich im Finale auf, die soziale Satire (patriarchale Macht, Kapitalismus) wirkt teilwiese etwas dünn unter dem ganze Spektakel. Mit recht absurder Kritik an patriarchalischer Macht und unterdrückende Familiendynamiken zielt der Film auf Erbschaft als Fluch, toxische Loyalität und die Grausamkeit der mit Reichtum einhergeht - vergleichbar mit "Saltburn", aber mit mehr Gewalt und weniger Substanz. Er zeigt starke Performances und ist von vorn bis hinten durchweg unterhaltsam, zeigt aber Schwächen in der Tiefe der Charaktere und der Kritik und übertreibt an mancher Stelle maßlos. "Rosebush Pruning" ist ein provokanter Film, der seine toxische Familie genüsslich zerlegt, aber im Chaos der Pointe verliert. Der Titel-Spruch von Ed ("People are roses. Families are rosebushes. Rosebushes need pruning.") fasst es eigentlich wunderbar zusammen: Das "Stutzen" geht als Metapher für toxische Loyalität perfekt durch. 

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkThe Match Factory/Kavac Film/The Apartment Pictures/Sur-Film Production/CryBaby Films/MUBI/Gold Rush Pictures