Sonntag, 10. Mai 2026

Dark Star - Dark Star: Finsterer Stern (1974)

https://www.imdb.com/de/title/tt0069945/

Vier Astronauten sollen an Bord ihres Raumschiffes Dark Star instabile Planeten aufzuspüren und dann mittels intelligenter Atombomben zerstören. Nachdem der alte Kommandant Powell (Joe Saunders) durch einen Kurzschluss in seinem Sitz getötet wurde (und seitdem ein zombiehaftes Dasein in einer Gefrierkammer das Schiffes führt) und sich eine Vorratskammer selbst zerstört hat, so dass der gesamte Vorrat an Toilettenpapier auf dem Schiff vernichtet wurde, ist die Atmosphäre an Bord der Dark Star nicht die beste. Die vier verbliebenen Crewmitglieder leiden unter der Monotonie im All. Doolittle (Brian Narelle), der neue Kommandant, vertreibt sich die Langeeile mit Träumereien und dem Musizieren auf selbst gebastelten Instrumenten; Pinback (Dan O'Bannon), der eigentlich gar nicht Pinback heißt, sondern nur durch ein Versehen auf die Dark Star kam, versucht die anderen durch kleine Witze aufzubauen und beschäftigt sich darüber hinaus mit einer extraterrestrischen Lebensform - dem Exoten -, die er bei einer Mission mit auf das Schiff genommen hat. Boiler (Cal Kuniholm) ist durch die ewige Langeweile aggressiv geworden, bei Talby (Dre Pahich) hat sie zum Gegenteil geführt: Er hat sich von den anderen abgesondert und träumt von den legendären Phönix-Asteroiden.

John Carpenter drehte 1974 seine erste Langfilmarbeit (und gleichzeitig den Abschlussfilm seines Studiums an der University of Southern California), gemeinsam mit Dan O’Bannon als eine Science‑Fiction‑Parodie, in der vier Astronauten seit zwanzig Jahren durch fernen Raum irren, um instabile Planeten vor der Zerstörung zu bewahren, damit künftige Kolonien nach ihrer Besiedelung nicht in Trümmerteilen aufgehen. Das klingt zuerst wie eine klassische Weltraummission, doch "Dark Star" macht daraus eine Art Science‑Fiction-Büro über Langeweile, Isolation und den Alltag des Universums, der sich hartnäckig nicht von der Monotonie irdischer Alltagssorgen unterscheidet. Carpenter und O’Bannon, damals noch Studenten mit knappem Budget, stemmten den Film mit gerade einmal rund 60.000 Dollar, und diese Beschränkung ist Teil seines Reizes. Die Ausstattung wirkt schlicht, die Modelle lieblos, die Effekte bescheiden - aber gerade in diesen Zügen entsteht ein Charme, den viele hochpolierte, teure Blockbuster nie erreichen. Die "Dark Star" wirkt wie ein Raumschiff, das man leben und verstauben sieht, mit klapprigen Geräten, abgeblätterter Wandfarbe und einem Navigationssystem, das mehr Glück als Präzision braucht. Das ist nicht nur ironisch, sondern auch menschlich: In einer Galaxis, die sich groß und feierlich geben möchte, zeigt "Dark Star", wie sehr sogar das All eine Mischung aus Schweiß, Verdruss und Routine ist. 

Der Film ist vor allem eine Komödie, die sich selbst mit einem leichten, melancholischen Grinsen betrachtet. Carpenters Crew besteht aus typischen Archetypen moderner Astronautik: ein Philosoph, ein Techniker, ein taffer Commander und einige, die sich eher zufällig in dieser Situation befinden. Sie spielen Karten, trinken Kaffee und philosophieren über die Ethik ihres Auftrags, während die Bombe im Bauch des Schiffs - eine KI‑Bombe, die einmal losgeschickt werden soll, um ein ganzes Planetensystem zu vernichten - sich zu einer eigentlichen Figur entwickelt.  Die berühmten Szenen, in denen sich ein Mann mit der Bombe über ihre Aufgabe, Existenz und Zweck der Zerstörung streitet, sind sowohl komisch als auch traurig, eine Art absurdes, depressives Dialog‑Szenario, die das Herzstück des Films ausmacht.

Formal wirkt "Dark Star" auf den ersten Blick grob, aber auf den zweiten erstaunlich originell.  Kamerabewegungen, Montage und die unbestimmte, teils jazzige Musik, die Carpenter selbst komponierte, wirken nicht passend, aber sie verleihen dem Film einen eigenen, etwas schrägen Rhythmus. Der Soundtrack und die Effektgeräusche verschwimmen ineinander, bis man nicht mehr unterscheiden kann, was Musik und was Gerät ist. Dieses Geräuschambiente eignet sich perfekt zu einem Film, der sich selbst ironisch nimmt und immer wieder von der Grenze zwischen Technologie und Philosophie, zwischen Action‑Spiel und existentiellem Dilemma spielt. Vergleicht man "Dark Star" mit dem kolossalen Vorbild, das Kubrick mit "2001: Odyssee im Weltraum" gebaut hat, offenbart sich deutlich, was Carpenter im Sinn hatte. Kubrick zeigte das Universum als Monument, als heilige, fast mystische Leinwand, auf der sich der Mensch seiner eigenen Belanglosigkeit stellen musste. Carpenter dagegen stutz die Größe deutlich herunter: Statt über metaphysische Fragen spricht "Dark Star" darüber, wie man die Wäsche im Weltraum wäscht, wann man Pause machen darf und warum ein Computer, der auf philosophische Fragen antwortet, genauso gefährlich sein kann wie ein kosmischer Gott. Das ist keine Abwertung des Vorbildes, sondern eine Antwort darauf: ein Anti‑Kubrick, der die hehren, sakralen Welten des "2001" mit trockenem Humor entzerrt. 

Trotz dieser Ironie ist der Film nicht oberflächlich. In seinen skurrilen philosophischen Dialogen und in seinen scheinbar zufälligen Bomben-Szenarios steckt eine durchaus ernste Frage: Was passiert, wenn Technologie, die geschaffen wurde, um das Leben elektrischer zu machen, plötzlich ihren eigenen Willen entwickelt? Bombe Nummer 20 ist dabei nicht einfach eine Bedrohung, sondern ein Spiegel der Probleme, die die Crew sich selbst angetan hat: Langeweile, Absenz von Sinn und die typische menschliche Fähigkeit, Probleme zu ignorieren, bis sie explodieren. "Dark Star" ist ein Film, der sich idiotisch und tragisch gleichzeitig anfühlt, weil er so nah an der irdischen Langeweile bleibt.  Es ist ein Studentenfilm, der beim Lachen nebenbei zeigt, wie viel Talent bereits in den frühen Jahren in Carpenter und O’Bannon schlummerte, die bald danach als Schöpfer bedeutender Werke wie "Halloween" oder "Alien" internationale Anerkennung erlangen würden. "Dark Star" bleibt heute vor allem ein Kultfilm, aber ein solcher, der seine Schutzlosigkeit, seine Fehler und sein Low‑Budget‑Dasein als Ausdruck einer wahrhaft komischen und unabsichtlich tiefsinnigen Weltanschauung versteht. Wer es braucht, findet in ihm eine lustige kleine Science‑Fiction‑Ode auf den Alltag - die größte Abenteuer des Weltraums passieren am Ende im Gemütszustand, nicht im Space-Pods.

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: University of Southern California (USC)/Jack H. Harris Enterprises

Samstag, 9. Mai 2026

12 Angry Men - Die 12 Geschworenen (1997)

https://www.imdb.com/title/tt0118528/

Ein junger Mann ist des Mordes an seinem Vater angeklagt. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Für fast alle der zwölf Geschworenen, die über sein Schicksal zu entscheiden haben, steht das Urteil bereits fest: schuldig. Damit droht dem Angeklagten die Todesstrafe. Doch einer der Geschworenen hegt Zweifel an der Eindeutigkeit der Beweise. In einer dramatischen Diskussion versucht er, auch die übrigen Juroren von der Unschuld des Todeskandidaten zu überzeugen...

William Friedkins Remake ist ein Film, der in vielen Aspekten den Mut eines Remakes besitzt, ohne dessen eigene, unverrückbare Präsenz zu erreichen. Er nimmt Sidney Lumets originalen 1957er Klassiker - dieses spartanische, aber unvergleichlich durchkomponierte Drama über zwölf Geschworene in einem schäbigen Besprechungsaal - und stellt sich dieselbe Aufgabe: denselben Text, dieselben Charaktere, dieselbe Spannung erneut zu bauen. Was er unterschlägt, ist, dass Lumet nicht nur einen Film, sondern ein Vorbild einer ganzen Gattung echter Kammerspielfilm‑Demokratie geschaffen hatte, dem kein Remake vollständig gleichen kann, ohne in einer dunklen Schattenbox zu enden. Friedkin, der sich hier als sehr nüchterner, aber respektvoller Vermittler zeigt, hat die Struktur von Reginald Roses Story fast unverändert übernommen. Die Geschworenen, die sich in einem staubigen Saal versammeln, um ein Urteil über einen jungen Hispanoamerikaner zu fällen, der unter Mordanklage steht, sind erneut eine Mischung aus Vorurteil, Aggression, Rationalität, Empathie und einfacher Müdigkeit. Die zentrale Dynamik - ein einzelner Juror, diesmal Juror Nr. 8, der allein für "nicht schuldig" stimmt und seine elf Kollegen lange, hart und durchaus physisch einnehmend von seiner Zweifel überzeugen muss - bleibt die Hintergrundmusik des Films.

Der wichtigste Unterschied liegt weniger im Skript als in der Art, wie die Figuren gezeichnet sind. Jack Lemmon, der Henry Fonda nachfolgt, spielt Juror Nr. 8 mit deutlich mehr innerer, fast väterlicher Sorge; sein Fokus liegt stärker auf der Moral, weniger auf der dezenten, aber stechenden Rationalität, die Fonda Lumet ausstrahlen ließ. George C. Scott übernimmt die Rolle von Juror Nr. 3, ein Mann, der sich in seiner Wut verbiestert, doch Friedkins Inszenierung lässt Scott emotionaler und sichtbarer explodieren, während Lee Cobb in Lumets Version die Aggression eher zurückhielt, bis sie sich umso kränkender anfühlte, sobald sie durchbrach. Friedkin inszeniert auch theaterhafter, Lumet kinematografischer: In der Neuauflage geben sich die Akteure mehr, nehmen Platz, sprechen lauter - und verlieren dabei etwas von der räumlichen und emotionalen Beklemmung, die dem 57er Meisterwerk so eigen ist. Ästhetisch unterscheidet sich der Film vor allem durch die Mittelzeit seiner Herstellung. Das raue, nahezu behelfsmäßige Set von 1957 - der primitive Ventilator, die klebrigen, schwitzenden Haare, das schummerige Licht, das die Hitze eines heißen Nachmittags nahezu körperlich macht - wird in der 97er Version durch eine etwas kühle, modernere, teils sterile Ausstattung ersetzt, in der sich die Sprache über die Temperatur verliert, die Metapher im Hintergrund verschwindet. In Lumet ist die Hitze nicht nur Raum, sondern Symbol für die Spannung selbst; bei Friedkin wird sie zu einem bloßen Motiv, das man sieht, aber nicht spürt. Die Kamerafahrt wird variabler, die Kameraführung professioneller, aber weniger lakonisch; die neuere Version zeigt mehr, während die alte nur das Nötigste zeigt - und dadurch tiefer greift.

Inhaltlich bleibt der Film tatsächlich nahezu identisch. Themen wie Vorurteil, elitäres Misstrauen gegenüber benachteiligten Gruppen, die Verantwortung der Demokratie, die Rolle der Emotion im rechtlichen Verfahren - all das ist in beiden Versionen präsent. In Friedkins Umsetzung werden einige Aspekte leicht aktualisiert (die Unterernährung der Figur Jane, die Rolle der Steelworkers, die politische Diskussion), doch der Kern, dass die Geschworenen individuell und kollektiv ihre eigenen Moralvorstellungen hinterfragen müssen, bleibt bestehen. Was Friedkins Film am stärksten fehlt, ist die Wucht des Neuen. Lumets Film trat in eine Zeit, in der ein solcher, fast minimalistischer, politischer Dialogfilm eine Sensation war; er hatte die Welt der Teleplays, Theater und Fernsehen in die Kinos gebracht und für eine Generation den Begriff "Kammerspielfilm" mit einem bestimmten emotionalen Gewicht versehen. Friedkin touren dagegen auf relativ solidem Boden: Die Geschichte ist bekannt, das Ende vorhersehbar, der Text seit Jahrzehnten geschützt. Dadurch wirkt diese Neuauflage eher wie eine saubere, solide Homework-Aufgabe als wie ein eigenes Meisterwerk. "12 Angry Men" von 1997 ist damit ein Film, der treu sein Material zeichnet, aber nicht ganz mit seinem Schatten mithält. Er ist ein respektvoller, oft intelligent gespielter, technisch ansprechender Unterrichtsfilm über die Schwierigkeit, gerecht zu denken, und ein verdienstvoller Beitrag, der heute einigen Zuschauern deutlich greifbarer erscheinen mag als der etwas schlichter gezeichnete, aber inhaltlich modernere Lumet. Doch wer den klassischen Film kennt, wird immer wieder merken, dass dieses Remake eine gelungene, aber nie originale Interpretation ist - ein interessantes Echo, das aber nie das Herz so ganz überwältigt wie Lumets 1957er Version.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe
: Filmstarts
Poster/Artwork: MGM

The Astronaut (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt13964560/

Als die Astronautin Sam Walker (Kate Mara) von ihrer ersten Weltraummission zurückkehrt, wird sie wie durch ein Wunder lebend in einer durchlöcherten Kapsel vor der Küste des Atlantiks gefunden. General William Harris (Laurence Fishburne Fishburne) sorgt dafür, dass sie unter intensiver Überwachung der NASA in einem Hochsicherheitshaus untergebracht wird, wo sie rehabilitiert und medizinisch untersucht wird. Als sich jedoch in der Umgebung des Hauses beunruhigende Vorfälle ereignen, befürchtet sie, dass ihr etwas Außerirdisches auf die Erde gefolgt ist.

Jess Varley erzählt die Geschichte von Sam Walker, einer Astronautin, die einen Absturz überlebt und dann in ein luxuriöses Sicherheitshaus in den Wäldern verlegt wird, um sich zu erholen - und gleichzeitig zu verbergen, was von ihr wirklich zurückgekommen ist.  Kate Mara spielt Sam mit jener Mischung aus Disziplin, Erschöpfung und steigender Verunsicherung, die jeden Science‑Fiction‑Film über Selbstzweifel braucht, will er nicht in bloße Show abgleiten. Varley setzt auf ein klares Konzept: "The Astronaut" ist ein eng geführter, bodenständiger Kammerspielfilm, der fast ausschließlich in und um dieses Haus spielt. Sam ist dort allein mit ihren Verletzungen, ihren Trainingseinheiten, ihren Kurzprogrammen und dem stetigen Druck, gesund auszusehen, damit ihre nächste Mission bestätigt wird. Jede Bewegung tut weh, jedes Aufstehen wirkt wie ein Akt der Willenskraft, jeder Traum von Schwerelosigkeit wird zu einem subtilen, fast ironischen Symbol ihrer Entfremdung. Inhaltlich verlässt der Film den klassischen Alien‑Horror nicht, aber er dreht das Genre von außen nach innen. Statt mit einer außerirdischen Invasion von außen zu beginnen, folgt der Film zunächst einer psychologischen Auflösung: Sam sieht Dinge, die nicht dort sein sollten, ihr Körper reagiert seltsam, sie leidet unter Schmerzen, die sich nicht erklären lassen, und bemerkt, dass ihr Verhalten und ihre Wahrnehmung sich verändern: die Spannung entsteht weniger aus lauten, gewalttätigen Überraschungen, als aus dem langsamen, unaufhaltsamen Verdacht, dass etwas in ihr nicht mehr zu ihr gehört.

Der Film arbeitet mit einem Twist, der clever, aber auch als etwas zu plötzlich eingeführt und aufgelöst wird. Auch überzeugt der Film in der erste Hälfte als ruhiges, psychologisches Sci‑Fi‑Drama, während die zweite Hälfte zunehmende Geschwindigkeit entwickelt und eine Flut an Informationen, Aussagen und Konsequenzen entlädt, die nicht ausreichend Spielraum zum Nachdenken lassen. Der Film setzt viel zu so lange auf Stimmung, und so wird Versuch, am Ende alles zu erzählen, schnell zu einem Sprint, der die eigene Behutsamkeit überrollt. Doch "The Astronaut" ist immerhin ein Film, der seine Idee kennt, aber nicht immer deren Temperament pflegt. Er ist intelligent in seiner Basis, emotional genau genug, um die Figuren klar zu sehen, und formal diszipliniert, solange er sich auf die leisen Anzeichen konzentriert, dass die Realität Sam langsam verlassen kann. Er ist ein kleiner Sci‑Fi‑Horror, aber kein armseliger, denn er vertraut auf die Mimik von Kate Mara, auf die Atmosphäre einer Hausüberwachung, die zugleich komfortabel und beengend ist, und auf die Vorstellung, dass das Fremde oft nicht jenseits von allem, sondern in der Nähe des eigenen Körpergefühls beginnt. "The Astronaut" erfindet auch die Weltraumthematik nicht gerade neu und baut seine Grundidee auch nicht annähernd so toll aus, wie man es sich nach dem eigentlich recht starken Start erhoffen würde. Schade.

4,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Fuller Media/The Wonder Company/Bee-Hive Productions/Fifth Season/Wild Atlantic Pictures

Freitag, 8. Mai 2026

The Housemaid - The Housemaid: Wenn sie wüsste (2025)

https://www.imdb.com/title/tt27543632/

Millie (Sydney Sweeney) ist gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden und versucht nun, ihre ersten Brötchen in Freiheit als Haushälterin bei Nina (Amanda Seyfried) und Andrew (Brandon Sklenar) Winchester zu verdienen. Für die 27-Jährige wirkt das wie ein guter Deal, denn Kost und Logie sind im Job inbegriffen. Das sind ein paar Sorgen weniger, die sie sich in der wiedererlangten Freiheit machen muss. Dafür muss sie sich jedoch mit Cecilia (Indiana Elle) herumschlagen. Die Tochter von Nina und Andrew ist nämlich von vorne bis hinten verzogen, aber auch Nina geht nicht gerade zimperlich mit Millie um. Nur Andrew scheint ihr wohlwollend zu begegnen. Millie hat also genug damit zu tun, in dieser für sie neuen und nicht durchgehend freundlichen Umgebung klarzukommen. Deshalb merkt sie zunächst gar nicht, wie sie von Nina und Andrew in ein finsteres Spiel verwickelt wird, das kein gutes Ende nehmen soll...

Paul Feig verfilmt Freida McFaddens Bestseller nicht als nüchterne Psychostudie, sondern als scharf gezogene, bewusst zugespitzte Seifenoper auf Familienbasis, in der Manipulation, Begehren, Gaslighting und Klassenunterschiede wie Zutaten eines besonders giftigen Cocktails zusammengerührt werden. Im Zentrum steht Millie Calloway, gespielt von Sydney Sweeney, eine junge Frau mit einer problematischen Vergangenheit, die als Hausangestellte in das luxuriöse Zuhause von Nina und Andrew Winchester einzieht. Nina, verkörpert von Amanda Seyfried, erscheint zunächst als die privilegierte, instabile Herrin des Hauses; Andrew, gespielt von Brandon Sklenar, als der kontrollierte, charmante Ehemann, der Millie wie ein Rettungsanker begegnet. Doch gerade in diesem Dreieck liegt der Motor des Films: Niemand ist so harmlos, wie er zuerst scheint, und niemand bleibt lange dort, wo er anfangs verortet wird. Feig arbeitet die Geschichte mit einer Lust am Perspektivwechsel, die das Publikum immer wieder zwingt, seine ersten Annahmen zu korrigieren. Das, was wie ein vertrautes Szenario zwischen reicher Arbeitgeberfamilie und abhängiger Angestellter beginnt, kippt bald in eine immer absurder, aber auch immer unterhaltsamer werdende Abfolge aus Verdächtigungen, Enthüllungen und Gegenschlägen. Der Film ist dabei weder subtil noch an Zurückhaltung interessiert; er will, dass man merkt, wie sehr jede Figur eine Rolle spielt, und er lebt davon, dass diese Rollen irgendwann unter dem Druck der Handlung in sich zusammenfallen.


Sydney Sweeneys Millie ist nicht bloß Opfer, sondern eine Figur, die gelernt hat, dass Überleben auch bedeutet, die eigene Geschichte zu kontrollieren. Amanda Seyfried gibt Nina eine nervöse, manchmal fast fiebrige Energie, die den Film in genau die Richtung schiebt, in der häuslicher Wohlstand nicht mehr als Sicherheit, sondern als psychische Haft erscheint. Brandon Sklenar wiederum spielt Andrew so glatt, dass seine Freundlichkeit nie ganz vertrauenswürdig wirkt; Feig nutzt ihn als jenen Typ Mann, dessen Höflichkeit sich erst im Nachhinein als Teil des Problems entpuppt. Was den Film am stärksten macht, ist seine Offenheit für Pop-Pulp. "The Housemaid" verhält sich nicht so, als wäre seine Zuspitzung ein Makel; er macht sie zur Methode.  Die großen Häuser, die ordentlichen Oberflächen, die Designküchen, die gepflegten Speisesäle - all das dient als Bühne für eine Geschichte, in der Macht nie nur sozial, sondern auch körperlich und emotional organisiert ist.  Der Film ist damit eine Art Gegenstück zu den elegant-kalten Thrillertraditionen der 1990er Jahre: weniger streng, dafür frecher, theatralischer und deutlich bereit, das Publikum mit einem überdeutlichen Genuss an der Eskalation mitzunehmen. 

Gerade diese Selbstsicherheit ist Schwäche und Stärke zugleich. Wer psychologische Feinheit sucht, wird die Mechanik der Wendungen vermutlich zu sichtbar finden; der Film arbeitet hart daran, seine Schocks zu platzieren, und manchmal spürt man die Schrauben ein wenig zu deutlich.  Aber wer Lust auf ein Stück sauber orchestrierter Genreunterhaltung hat, bekommt hier einen Film, der seine eigene Künstlichkeit nicht versteckt, sondern in Energie verwandelt. "The Housemaid" ist eben ein Film, der nicht nur will, dass man sieht, was unter der Oberfläche liegt, sondern auch, wie verführerisch die Oberfläche selbst sein kann. Paul Feig nimmt einen Stoff voller Intrigen und verwandelt ihn in eine glitzernde, giftige Farce über den Preis von Abhängigkeit und den Rausch der Gegenwehr. Nicht jeder Zug ist fein, nicht jede Enthüllung überraschend, aber der Film weiß genau, wie er Spannung, Ekel und Vergnügen miteinander mischen muss, damit aus einer Hausangestellten-Geschichte ein sehr modernes Märchen über Macht und Vergeltung wird.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Hidden Pictures/Pretty Dangerous Pictures/Lionsgate

The Well (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt26754354/

Lisa Gray (Lauren LaVera) ist eine angehende Kunstrestauratorin, die in ein kleines italienisches Dorf reist, um einem mittelalterlichen Gemälde wieder zu altem Glanz zu verhelfen, ohne zu wissen, dass etwas Schreckliches sie erwartet. Denn ein böser Fluch umgibt das Gemälde und schon bald versucht ein Monster sich ihrer zu bemächtigen.

Italienischer Gothic-Horror, Splatterkino der 80er, ein Schuss Giallo und jene Art körperlicher Grausamkeit, die weniger schockieren als den Zuschauer langsam in eine fiebrige Stimmung ziehen will: Federico Zampaglione erzählt die Geschichte von Lisa Gray, einer jungen Restauratorin, die in ein abgelegenes italienisches Dorf reist, um ein mittelalterliches Gemälde zu restaurieren - und sich dort in einem Haus wiederfindet, in dem Kunst, Trauma und uralte Gewalt auf eine verstörende Weise zusammenhängen. Lauren LaVera spielt die Protagonistin Lisa mit einer stillen, konzentrierten Präsenz; ihre Figur ist keine typische Horrorheldin, sondern eine Frau, die durch ihre Arbeit in eine Geschichte hineingezogen wird, die sich langsam aus dem Boden des Hauses und aus den Bildern an den Wänden erhebt. Der Film macht aus der Restaurierung des Gemäldes ein schönes metaphorisches Bild für seine eigene Dramaturgie: Schicht für Schicht wird etwas Freigelegtes sichtbar, das besser verborgen geblieben wäre. Zampaglione versteht daher zweifellos, wie man Atmosphäre baut. Der Film lädt seine Schauplätze mit einer dichten, manchmal fast altmodischen Bedrohlichkeit auf und stützt sich stark auf praktische Effekte, Blut und makabre Setpieces. Das Ergebnis ist ein Horrorfilm, der sich körperlich anfühlt: das Krachen, Reißen und Verstümmeln ist nicht beiläufige Dekoration, sondern zentraler Teil seiner Identität. Gleichzeitig will der Film zwar sehr viel, führt aber nicht alles sauber zusammen. Besonders die Mischung aus zwei Zeitebenen, Familiengeheimnissen, Monsterhorror und Torture-Horror wirkt bisweilen eher zusammengesetzt als organisch gewachsen. Man sieht deutlich, was der Film sein möchte: eine dunkle, italienische Groteske über Schuld und Verderben. Man sieht aber ebenso deutlich, wo er sich in seinen eigenen Zutaten verheddert. 

Das heißt nicht, dass der Film völlig scheitert. Im Gegenteil: Gerade seine Entschlossenheit, nicht zahm zu sein, macht ihn für Genrefans interessant.  Wer eine elegante, psychologisch feingeschliffene Horrorerzählung erwartet, wird über die Grobheiten stolpern; wer jedoch Lust auf einen Film hat, der seine Hässlichkeit mit Überzeugung ausstellt und seine Bilder nicht vor den Folgen der Gewalt zurückzieht, bekommt hier einiges geboten. Er ist blutig, düster, gelegentlich unausgegoren, aber selten langweilig. Und wie so oft bei Filmen dieser Art ist es am Ende weniger wichtig, ob alles logisch zusammenfindet, als ob der Film seinen finsteren Bann über die Laufzeit hält. "The Well" schafft genau das lange genug, um im Gedächtnis zu bleiben.

5/10


Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork:  Iperuriano Film

Donnerstag, 7. Mai 2026

Mortal Kombat II (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt17490712/

Shao Khans (Martyn Ford) Dominanz soll endlich gebrochen werden. Also rotten sich der Mönch Liu Kang (Ludi Lin), die Ex-Elite-Soldatin Sonya Blade (Jessica McNamee), ihr Mentor Jax Briggs (Mehcad Brooks) und der abgehalfterte Ex-MMA-Champion Cole Young (Lewis Tan) erneut zusammen, um die Erde zu retten. Unterstützung kommt dieses Mal von Johnny Cage (Karl Urban), mit dem zusammen sich die Truppe erneut in brutalste Kämpfe stürzt, bei denen mehr als nur die eigene körperliche Unversehrtheit auf dem Spiel steht...

"Mortal Kombat II" ist ein Film, der vorgibt zu wissen, was sein Publikum will - und dies auch hemmungslos auslebt, anstatt sich zu entschuldigen. Regisseur Simon McQuoid spendiert der Fortsetzung zu dem 2021er Reboot deutlich mehr (aber nicht bessere) Kämpfe, Fatalities und Fan‑Service, verliert dabei aber deutlich an Stringenz und Charme. Die Frage, die sich stellt, ist weniger, ob der Film reflektiert oder neu erfindet, sondern ob er die eigene Überfülle an Gewalt, Figuren und Referenzen überhaupt noch in eine erzählerisch lesbare Form bringen kann. Und nein - das kann er nicht. Immerhin hält dieser Film endlich das, was der Vorgänger vor allzu großer Besessenheit mit eigenem Weltbau immer wieder versprach: das Turnier selbst. Statt eine lange Einleitung über warum es Mortal Kombat überhaupt gibt, wirft "Mortal Kombat II" Earthrealm und Outworld direkt in einen brutalen, optisch aufgeblasenen Konflikt, der sich leider wie ein billiger Arcade‑Modus anfühlt. Liu Kang, Kitana, Kung Lao, Scorpion, Sub‑Zero, Kano und ein neu eingeführter, beängstigend großer Shao Kahn bilden eine größere, dichtere Truppe, die der Film mit der gewissen Entschlossenheit zu balancieren versucht, das sich daraus ergibt. 


Das neue Zentrum des Films wandert klar zu Karl Urban als Johnny Cage, der sich scheinbar nebenbei von seinem Set zu "The Boys" hier hereingeschleust hat und eine ähnliche Performance abliefert. Zugute halten muss man dem Film, das er den größten Kritikpunkt der Fans am 2021er Film verstanden hat. Der Fan will nämlich keinen neu erfundenen Protagonisten (Cole Young), der auch noch zum emotionalen Mittelpunkt wurde und die klassischen Champions mehr oder weniger nebenbei platzierte. "Mortal Kombat II" versucht nun wieder zu den Figuren zurückzukehren und Urban liefert eine Version von Johnny Cage, die durchaus die Arroganz und selbstironische Coolness mit genau der Intensität vereint, für die das Charakterkonzept berühmt ist. Allein seine Anwesenheit bringt eine Energie rein, die dem ersten Teil völlig gefehlt hat. Dass das alles immer noch nicht ausreicht, wird einem aber spätestens bei der vor sich hin holpernden Storyline bewusst. 


Urban wird dabei unterstützt von einem deutlich stärker positionierten Kitana, gespielt von Adeline Rudolph, und einem neu eingeführten Shao Kahn, der sowohl bedrohlich wie auch ein wenig überladen wirkt. Kitana ist hier weniger eine bloße Accessoire‑Fighterin als als verbindende Element der Story, deren Bindung an Shao Kahn und ihre Loyalität zu Outworld von Beginn an klar gestellt und jegliche Spannung bezüglich ihrer Ausrichtung eliminiert werden. Ihre Figur dient als Brücke zwischen Fan‑Erwartung und neu gezeichneter Mythologie, doch gerade hier zeigt sich auch, dass der Film zwischen Figurenfokus und Ensemble‑Chaos hin‑ und hergerissen ist. Schon in der Opening-Sequenz wird deutlich, wie der Film ausgehen wird, scheißegal was zwischendurch passieren wird.


Formal baut der Film deutlich auf dem ersten Teil auf, ist aber weniger mutiger in der Fortführung der Geschichte. "Mortal Kombat II" verlässt sich zu sehr auf Figuren und (lahme) Kämpfe, zitiert dabei noch "John Wick", hat aber nicht dem Mut diese Coolness in seine Fights zu integrieren. Die Kämpfe sind zwar länger und visuell komplexer aber auch brüchiger und längst nicht so intensiv, wie man sich das nach Actionkrachern wie "The Raid", "John Wick" oder auch "The Roundup" erhoffen würde. Damit bleibt die gesamte Action im Film unausgewogen: Einige Fights fühlen sich ganz gut an, andere wirken wie eine physische Rote‑Teppich‑PR für ein Trainingsvideo. Die Kamerafahrten, die Choreografien und die Special-Move‑Darstellungen sind überkonstruiert und glamourös - ohne dass der Film jemals auch nur den Ansatz einer Erklärung dafür liefert, wie man vom abgehalftertem Trinker ohne jemals zu trainieren zu einem mit Superkräften ausgestattetem Kämpfer des Kombat wird. Fast vergisst man, dass man hier immer noch einen Kinofilm schaut, anstatt einem YouTube-Video zuzuschauen, in dem sich Kampf an Kampf reiht. 

Inhaltlich ist "Mortal Kombat II" kein Film, der sich grundlegend neu erfindet. Er stellt einen klareren, stärker vorgezogenen Fokus auf die Figuren und Kämpfe wieder her, schneidet dabei aber auch die Figur Cole Young aus dem emotionalen Kern und ermöglicht so eine schnellere, direktere Erzählung. Dickere, deutlichere Schicksalslinien, dramatische Fatalties und offene Risse zwischen Charakteren sind nun im Vordergrund, während der alte Hero‑Finder‑Ansatz verschwindet.


"Mortal Kombat II" ist dann am Ende zwar irgendwo unterhaltsam und wenig langweilig und vor allem ein sehr lautes, sehr blutiges (der Film hat eine FSK-16!), sehr nerdiges Stück Pop‑Mythologie, aber ist kein guter Film. Die Story fühlt sich seltsam zusammengestückelt an und mangelt an allen Ecken und Enden, die Kämpfe sind überwiegend lahm (es gab nur einen Kampf, der etwas mehr Biss hatte) und hat, insgesamt betrachtet, für einen Film der sich "Mortal Kombat" nennt immer noch zu wenig Blut und Gewalt. Nun ist "Mortal Kombat" nicht gerade als tiefgreifendes Philosophiestück über Empathie bekannt -  es ist und bleibt ein Action‑Spektakel, das seine eigenen Banalitäten und Überzeichnungen moralisch apokalyptisch deutet. In vielen Momenten ist der Film brutal, hässlich und laut - aber auch gerade deshalb unverwechselbar, weil er nicht zugibt, dass er diese Attribute mag. Er ist weniger organisch komponiert, als er sein könnte, aber dafür näher am Herzen seiner vorgemachten Idee. "Mortal Kombat II" ist ein sichtlich engagierter Nachfolger, der mit der gleichen Leidenschaft zum Chaos spielt, die den Spielen damals zugrunde lag - und damit ein Film, bei dem man schnell vergisst, ob er gut oder schlecht ist, weil er einen einfach irgendwie mitnimmt. Immerhin.

4,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Warner Bros./New Line Cinema

Lovely, Dark, And Deep (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt15560132/

Seit einem schrecklichen Vorfall in ihrer Vergangenheit träumt Lennon (Georgina Campbell) davon, ganz allein in der Natur leben zu können. Mit der Anstellung als Rangerin an einem abgelegenen Außenposten im Hinterland eines großen Nationalparks glaubt die junge Frau nun den für sie perfekten Job gefunden zu haben. Kaum hat sie ihre als Unterkunft und Büro dienende Waldhütte bezogen, kommt prompt ein Funkspruch rein, in dem es um eine in ihrem Einsatzgebiet vermisste Person geht. Lennon alarmiert ein Rettungsteam, das ihr seltsamerweise befiehlt, sich in ihrer Station zu verbarrikadieren und diese auf keinen Fall zu verlassen. Allerdings beschließt sie, die Anweisungen zu ignorieren, und macht sich auf den Weg ins Unterholz, um bei der Suche hilfreich zu sein. Tatsächlich kann sie die Frau (Maria de Sá) aufspüren. Die so Gerettete ist allerdings stark verängstigt und verwirrt. Fragt sie doch immer wieder, ob Lennon wirklich real sei. Anstatt sich über ihre erfolgreiche Initiative zu freuen, teilt Lennons Vorgesetzte (Wai Ching Ho) ihr kurz und bündig mit, dass sie entlassen sei …

Teresa Sutherlands Debüt erzählt die Geschichte einer neuen Rangerin, die allein in einer abgelegenen Nationalparkregion arbeitet, während sie gleichzeitig eine alte, unbeholfene Frage aus ihrer Kindheit weiterverfolgt: Was ist mit ihrer verschwundenen Schwester damals dort geschehen? Georgina Campbell spielt diese Rangerin, Lennon, mit der gleichen Mischung aus Stärke, Verletzlichkeit und ständiger Unsicherheit, für die sie in Filmen wie "Barbarian" und anderen Horrorprojekten bereits bekannt ist. Der Film baut auch weniger auf klassische Jumpscares als auf die Idee einer sich langsam auseinanderziehenden Wirklichkeit. Lennon gerät zunehmend in einen Zustand, in dem sich die Grenzen zwischen Trauer, Erinnerung, Wunschbild und möglicher Bedrohung verlieren. Die Natur selbst, die von Rui Poças in raumgreifenden, oft stillen Bildern festgehalten wird, wirkt zugleich beruhigend und gegnerisch: schöner, stiller Himmel, weitläufige Wege, das sanfte Rascheln von Blättern - und dann, plötzlich, ein Blick, der nicht mehr stimmt, eine Bewegung, die niemand hätte machen dürfen. Gerade dieses Spannungsfeld macht den Film so eindrücklich: Er spielt mit der Hoffnung, dass man in der Natur Schutz finden könnte, und dann mit der Einsicht, dass genau dort, wo man allein ist, die Angst am lautesten spricht. 

Campbell spielt keine überdrehte, hysterische Figur, sondern eine Frau, die gewohnt ist, Verantwortung zu übernehmen, und nun plötzlich mit der eigenen Geschichte konfrontiert wird, die sie nie richtig zu Ende denken konnte. Wai Ching Ho als ihre Vorgesetzte und Nick Blood als anderer Ranger erweitern diesen dünnen Beziehungsraum, ohne ihn zu überschwemmen; sie bleiben eher Randgestalten, die Lennon zugleich Halt geben und die Einsamkeit betonen. Formal ist "Lovely, Dark And Deep" auch ein klassischer Slow‑Burn-Horrorfilm, der sich mehr Zeit nimmt, als manche Zuschauer bereit sind zu geben. Die Stimmung ist toll, genau wie die Bilder und die Klanglandschaft,  leider löst das letzte Drittel nicht jede aufgebaute Spannung zufriedenstellend  auf. Der Film wirkt emotional präzise, aber auch gelegentlich verschlossen; er lässt Mysterien bestehen, ohne zu erklären, was wirklich wirklich ist. Er ist ein melancholischer, oft sehr schöner Film, der sich in sein Thema, die Verflechtung von Trauer, Vermisstsein und Illusion, wie in ein warmes Bett hineinlegt. Aber nur wenn man bereit ist, mit ihm zu wandern und die Stille zu ertragen, bekommt einen Horrorfilm, der langsam an einem nagt - und der die dunkle, zauberhafte Wahrheit des Waldes langsam, aber unerbittlich offenlegt. Aber etwas zu langsam für die Idee.

5,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork:  House of Quest Films/QWGmire/Woodhead Creative