Mittwoch, 22. Juli 2026

Jusqu’au déclin - The Decline - Bis zum Untergang (2020)

https://www.imdb.com/de/title/tt10307440/
https://letterboxd.com/film/the-decline/

Familienvater Antoine (Guillaume Laurin) nimmt an einem Überlebenstraining teil. Alain (Réal Bossé) führt es in seinem autarken Refugium durch. Dabei werden Antoine und der Rest der Gruppe auf einen ökologischen, wirtschaftlichen oder sozialen Zusammenbruch der Gesellschaft vorbereitet. Sie absolvieren Übungen, die sie auf jede nur denkbare Art einer Katastrophe vorbereiten. Aber es kommt letztlich zu einem Szenario, auf das sich niemand vorbereitet hat...

Dass Netflix zunehmend internationale Genrefilme fördert, hat in den vergangenen Jahren immer wieder zu kleinen Überraschungen geführt. "Bis zum Untergang", das Regiedebüt des kanadischen Filmemachers Patrice Laliberté, gehört zweifellos dazu. Der Thriller verzichtet auf große Stars, spektakuläre Effekte oder komplizierte Mythologien und konzentriert sich stattdessen auf eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Frage: Wie schnell zerfällt eine Gemeinschaft, wenn aus einer theoretischen Katastrophenvorbereitung plötzlich bitterer Ernst wird? Was "Bis zum Untergang" von vielen vergleichbaren Survival-Thrillern unterscheidet, ist seine erstaunlich nüchterne Herangehensweise. Patrice Laliberté macht sich weder über Survivalisten lustig noch verklärt er ihre Weltanschauung. Stattdessen betrachtet er diese Menschen mit einer bemerkenswerten Neutralität. Sie sind keine fanatischen Endzeitprediger, sondern Individuen mit nachvollziehbaren Ängsten und unterschiedlichen Motiven. Gerade dadurch wirkt der Film glaubwürdiger als viele Hollywoodproduktionen, die ähnliche Themen häufig in Schwarz-Weiß-Malerei auflösen.

Besonders die erste Filmhälfte entwickelt eine intensive Spannung. Die Ausbildung im Camp vermittelt authentisch den Eindruck, dass die Teilnehmer tatsächlich Fähigkeiten für Extremsituationen erlernen. Gleichzeitig entsteht zwischen den Figuren eine unterschwellige Unsicherheit. Kleine Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Moralvorstellungen und das dominante Auftreten Alains deuten bereits früh an, dass hier etwas eskalieren wird. Auch handwerklich überzeugt Laliberté auf ganzer Linie. Die verschneiten Wälder Québecs werden eindrucksvoll eingefangen und verleihen dem Film eine fast greifbare Kälte. Die Kamera nutzt die Weite der Landschaft geschickt, ohne den Eindruck von Isolation zu verlieren. Im Gegenteil: Je größer die Natur erscheint, desto aussichtsloser wirkt die Situation der Figuren. Unterstützt wird dies von einem zurückhaltenden Sounddesign, das lieber auf Wind, knirschenden Schnee und beklemmende Stille setzt als auf übertriebene musikalische Effekte.

Die Darsteller tragen entscheidend dazu bei, dass der Film funktioniert. Guillaume Laurin verkörpert Antoine angenehm bodenständig und vermeidet jede Form übertriebener Heldeninszenierung. Réal Bossé gelingt es als Alain, gleichzeitig väterlich, charismatisch und latent bedrohlich zu wirken. Gerade weil seine Figur nachvollziehbar bleibt, entfaltet der zentrale Konflikt seine Wirkung. Auch Marie-Evelyne Lessard überzeugt als Rachel mit einer ruhigen, glaubwürdigen Präsenz, die dem Film zusätzliche emotionale Erdung verleiht. Wo "Bis zum Untergang" allerdings etwas an Boden verliert, ist seine zweite Hälfte. Nachdem der eigentliche Thriller einsetzt, orientiert sich der Film stärker an bekannten Genrekonventionen. Die psychologische Spannung weicht zunehmend einer klassischen Verfolgungsjagd durch den Wald. Das bleibt zwar jederzeit spannend inszeniert, wirkt jedoch weniger originell als der sorgfältig aufgebaute Beginn. Aus einem ungewöhnlichen Charakterdrama wird schließlich ein durchaus solider, aber vertrauter Survival-Thriller.

Hinzu kommt, dass einige Nebenfiguren trotz ihrer interessanten Ansätze nur oberflächlich ausgearbeitet bleiben. Das liegt sicherlich auch an der kurzen Laufzeit von lediglich 83 Minuten. Einerseits verhindert diese unnötige Längen und sorgt für ein straffes Erzähltempo. Andererseits hätte man manchen Figuren und ihren moralischen Konflikten gerne etwas mehr Raum gegeben. Gerade die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was im Namen des Überlebens gerechtfertigt ist, hätten noch stärker vertieft werden können. Dennoch besitzt der Film eine bemerkenswerte Aktualität. Das Thema des Survivalismus, das in Zeiten von Klimakrisen, fragwürdigen politischen Entscheidungen und gesellschaftlicher Unsicherheit zunehmend Aufmerksamkeit erhält, bildet weit mehr als nur den Hintergrund für einen Thriller. Laliberté interessiert sich weniger für das Überleben in der Wildnis als für die Frage, wie schnell zivilisierte Regeln verschwinden, sobald Angst die Kontrolle übernimmt. Besonders gelungen ist dabei, dass der Film nie versucht, einfache Antworten zu liefern. Es gibt keine eindeutig guten oder bösen Figuren. Stattdessen zeigt "Bis zum Untergang", wie fragile soziale Strukturen sein können, wenn Misstrauen, Ideologie und Eigeninteresse aufeinandertreffen. Gerade diese Ambivalenz macht den Film interessanter als viele Genrekollegen.

"Bis zum Untergang" ist ein angenehm kompakter Survival-Thriller, der mit starker Atmosphäre, überzeugenden Darstellern und einer ungewöhnlich realistischen Herangehensweise punktet. Zwar verliert der Film im letzten Drittel etwas von seiner Eigenständigkeit und greift stärker auf bekannte Genremechanismen zurück, dennoch bleibt er bis zum Schluss spannend und thematisch relevant. Kein neues Meisterwerk des Survival-Kinos, aber ein intelligenter, handwerklich überzeugender Thriller, der beweist, wie viel Spannung auch ohne großes Budget entstehen kann.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Couronne Nord

Dienstag, 21. Juli 2026

Ya No Guedan Junglas - The Gentleman (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt32140922/
https://letterboxd.com/film/the-gentleman-2025/

Der ehemalige US-Soldat Theo (Ron Perlman) verbringt seine Tage damit, von besseren Zeiten zu träumen, die nun Jahre hinter ihm liegen. Jede Woche trifft sich Theo mit Olga (Natti Natasha), einer Prostituierten, die er dafür bezahlt, mit ihm darüber zu sprechen, wer er einmal war und was er unter anderen Umständen hätte werden können. Als Olga ermordet wird, begibt sich Theo auf eine blutige Rachetour, die schnell die Aufmerksamkeit des alkoholkranken Polizeiinspektors Iborra und des kaltblütigen Auftragskillers Herodes erregt.

Der Titel "The Gentleman" weckt unweigerlich Erinnerungen an Guy Ritchies (beinahe) gleichnamigen Gangsterfilm - doch damit hat dieser spanisch-mexikanische Neo-Noir-Thriller nichts gemeinsam. Regisseur Miguel Ángel Lamata erzählt stattdessen eine klassische Geschichte über Schuld, Einsamkeit und Vergeltung. Im Mittelpunkt steht kein cooler Gangsterboss, sondern ein gezeichneter Mann, der nach einem persönlichen Verlust ein letztes Mal zu den Waffen greift. Das Ergebnis ist ein atmosphärisch dichter Thriller, der vor allem von seinem Hauptdarsteller lebt, erzählerisch aber nicht immer das volle Potenzial seiner Prämisse ausschöpft. Ron Perlmans markante Stimme und seine raue Ausstrahlung verleiht seinem Theo eine beeindruckende Mischung aus Härte, Melancholie und Würde. Statt den typischen unaufhaltsamen Actionhelden zu spielen, verkörpert Perlman einen Mann, der vom Leben gezeichnet wurde und dessen körperliche wie seelische Narben jederzeit spürbar sind. Gerade diese Verletzlichkeit hebt die Figur angenehm von vielen Genre-Klischees ab. Auch die Inszenierung überzeugt über weite Strecken. Die Schauplätze in San Sebastián verleihen dem Film eine besondere Atmosphäre, die sich wohltuend von den üblichen Großstadtkulissen amerikanischer Rachethriller unterscheidet. Enge Gassen, verregnete Straßen und gedämpfte Farben unterstreichen die melancholische Grundstimmung. Der Film setzt weniger auf spektakuläre Explosionen als auf ruhige Spannung und gezielt eingesetzte Gewaltausbrüche, die dadurch umso wirkungsvoller erscheinen.

Positiv fällt zudem auf, dass "The Gentleman" seinen Protagonisten nicht als unbesiegbaren Rächer inszeniert. Theo ist älter geworden, bewegt sich vorsichtiger und muss sich auf Erfahrung statt auf körperliche Überlegenheit verlassen. Diese Bodenständigkeit verleiht den Actionszenen eine gewisse Glaubwürdigkeit und sorgt dafür, dass die Geschichte trotz ihrer klassischen Prämisse authentisch wirkt. Allerdings zeigt sich damit auch, warum der Film insgesamt nur im oberen Mittelfeld landet. Die Handlung folgt weitgehend bekannten Mustern des Rachethrillers und überrascht nur selten. Viele Wendungen lassen sich früh erahnen, und einige Nebenfiguren bleiben zu eindimensional, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Gerade die Gegenspieler hätten deutlich mehr Profil vertragen können, um Theos Feldzug emotional noch wirkungsvoller zu machen. Auch das Erzähltempo ist nicht immer optimal. Während der ruhige Einstieg hervorragend funktioniert und die Figur des Theo sorgfältig etabliert, verliert die Geschichte im Mittelteil etwas an Dynamik. Manche Szenen wirken länger als nötig, bevor das Finale wieder spürbar an Fahrt gewinnt. Wer einen kompromisslosen Actionfilm erwartet, dürfte den zurückhaltenden Erzählstil daher als etwas zu gemächlich empfinden.

Dennoch besitzt "The Gentleman" genügend Qualitäten, gut zu unterhalten. Der Film lebt von seiner melancholischen Atmosphäre, einem überzeugenden Ron Perlman und einer angenehm klassischen Inszenierung, die sich bewusst gegen die überstilisierten Actionfilme der letzten Jahre stellt. Er mag das Genre nicht neu definieren, erzählt seine Geschichte aber solide und mit spürbarer Leidenschaft.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkSDB Films/Film Factory/Esto También Pasará/Glow/Ya no quedan junglas

The Wild Robot - Der wilde Roboter (2024)

https://www.imdb.com/de/title/tt29623480/
https://letterboxd.com/film/the-wild-robot/

Das epische Abenteuer folgt der Reise eines Roboters - der ROZZUM-Einheit 7134, kurz "Roz" -, der auf einer unbewohnten Insel Schiffbruch erleidet und lernen muss, sich an die raue Umgebung anzupassen. Doch leichter gesagt als getan, denn die tierischen Inselbewohner scheuen die Anwesenheit des metallenen Neuankömmlings – und fürchten sich regelrecht vor der blinkenden und lärmenden Gestalt, die eigentlich nur helfen möchte. Selbst als sich Roz (Stimme im Original: Lupita Nyong'o / Deutsche Stimme: Judith Rakers) die Sprache der pelzigen und gefiederten Insulaner aneignet, ändert dies nichts an ihrem angespannten Verhältnis. Doch als er ein verwaistes Gänseküken findet, bekommt das Dasein des Roboters eine neue Berechtigung. Fortan kümmert er sich aufopferungsvoll um sein Ziehkind und versucht ihm mit Überlebenstipps zur Seite zu stehen. Zudem muss die auf den Namen Brightbill (Kit Connor) getaufte Zwerggans auf den bevorstehenden Vogelzug vorzubereiten. Nur wer an diesem teilnimmt, hat auch die Chance, den harten Winter zu überstehen...

DreamWorks Animation hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, dass das Studio weit mehr kann als reine Familienunterhaltung. 2024 gelang dem Studio mit  "Der wilde Roboter" einer der stärksten Animationsfilme der letzten Jahre. Regisseur Chris Sanders adaptierte den erfolgreichen Kinderroman von Peter Brown und erschafft daraus ein bewegendes Abenteuer, das mit einer wunderbar emotionalen Geschichte, außergewöhnlicher, ansprechender Animation und liebevoll geschriebenen Figuren gleichermaßen Kinder wie Erwachsene anspricht. Er wurde für mehr als 160 Filmpreise nominiert und gewann davon 50. Bei der Oscarverleihung 2025 war er ebenfalls als bester Animationsfilm nominiert, musste sich aber "Flow" geschlagen geben, was etwas schade ist, denn rein objektiv betrachtet, hätten beide Filme die Auszeichnung mehr als verdient. Und das völlig zurecht.

Die Geschichte beginnt mit einem Schiffsunglück, nach dem die Serviceroboterin Roz (im Original gesprochen von Lupita Nyong’o) als einzige auf einer unbewohnten Insel strandet. Ohne Kenntnisse über die Tierwelt versucht sie zunächst lediglich, ihren Programmauftrag zu erfüllen. Doch nach und nach gewinnt sie das Vertrauen der Waldbewohner und übernimmt schließlich die Verantwortung für ein verwaistes Gänseküken namens Brightbill. Aus der zunächst rein funktionalen Maschine entwickelt sich langsam ein Wesen, das Mitgefühl, Fürsorge und Liebe erfährt - und genau darin liegt die große Stärke des Films. Was "Der wilde Roboter" so besonders macht, ist seine emotionale Ehrlichkeit. Die Geschichte handelt zwar von einer Maschine, erzählt aber letztlich von universellen Themen wie Familie, Zugehörigkeit, Verlust, Verantwortung und dem Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Dabei verzichtet der Film erfreulicherweise auf übertriebene Sentimentalität. Stattdessen entstehen die emotionalsten Momente ganz natürlich aus den Beziehungen der Figuren. Gerade die Entwicklung zwischen Roz und Brightbill gehört zu den schönsten Mutter-Kind-Geschichten, die das Animationskino der letzten Jahre hervorgebracht hat.

Auch optisch setzt der Film neue Maßstäbe. Chris Sanders kombiniert klassische CGI-Technik mit einer beinahe gemäldehaften Ästhetik, die stark an handgemalte Illustrationen erinnert. Die Wälder, Flüsse und Jahreszeiten wirken lebendig und voller Atmosphäre. Jede Einstellung könnte beinahe als Kunstwerk für sich stehen. Hinzu kommt eine außergewöhnlich stimmige Inszenierung. Der Film findet die perfekte Balance zwischen ruhigen, nachdenklichen Momenten und humorvollen Szenen. Die zahlreichen tierischen Nebenfiguren sorgen immer wieder für charmante Auflockerungen, ohne den emotionalen Kern der Geschichte zu verwässern. Der Humor wirkt dabei angenehm natürlich und richtet sich nie ausschließlich an Kinder. Großen Anteil am Erfolg haben auch die Sprecherinnen und Sprecher. Lupita Nyong’o verleiht Roz eine faszinierende Entwicklung - von der nüchternen Maschine hin zu einer Figur voller Wärme und Mitgefühl. Pedro Pascal, Kit Connor, Bill Nighy, Catherine O'Hara, Mark Hamill und Stephanie Hsu ergänzen das Ensemble mit viel Persönlichkeit und verleihen selbst kleineren Rollen eine überraschende Tiefe.

Auch der gefühlvolle Score unterstreicht die großen Emotionen, ohne sie jemals künstlich zu verstärken. Gerade in den ruhigeren Passagen entwickelt der Film dadurch eine fast meditative Atmosphäre, die lange nachwirkt. Wenn überhaupt Kritikpunkte bleiben, dann auf sehr hohem Niveau. Einige Handlungselemente folgen bekannten Mustern des Familienkinos, und manche Wendungen lassen sich früh erahnen. Auch der Konflikt im letzten Drittel fällt etwas konventioneller aus als der außergewöhnlich starke Aufbau. Diese kleinen Schwächen ändern jedoch kaum etwas daran, wie eindrucksvoll der Film seine Botschaft vermittelt. Denn "Der wilde Roboter" ist weit mehr als nur ein weiterer Animationsfilm über sprechende Tiere oder einen lernfähigen Roboter. Er erzählt davon, dass Menschlichkeit nicht von biologischer Herkunft abhängt, sondern von Mitgefühl, Fürsorge und der Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Genau diese zeitlose Botschaft verleiht dem Film seine besondere Kraft.

"Der wilde Roboter" gehört damit ohne Zweifel zu den besten Animationsfilmen der vergangenen Jahre. Mit seiner atemberaubenden Optik, den liebenswerten Figuren und einer Geschichte voller Herz, Humor und Emotionen begeistert er Zuschauer jeden Alters. Kleine erzählerische Konventionen verhindern zwar die volle Punktzahl, doch insgesamt liefert DreamWorks hier ein modernes Animationsmärchen, das noch lange im Gedächtnis bleibt und das Zeug zum zukünftigen Klassiker besitzt.

9/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: DreamWorks Animation

Montag, 20. Juli 2026

Fuze (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt31189814/
https://letterboxd.com/film/fuze/

In London wird bei Bauarbeiten eine nicht detonierte deutsche Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Schnell wird ein Räumkommando unter der Leitung von Major Will Tranter (Aaron Taylor-Johnson) zum Fundort gerufen, die den potentiell gefährlichen Blindgänger entschärfen sollen. Dazu muss allerdings das umliegende Areal weiträumig abgesperrt werden, was unter Aufsicht der gewissenhaften Polizeichefin Zuzana Greenfield (Gugu Mbatha-Raw) geschieht. Parallel dazu nutzt eine kriminelle Gang unter Führung von Karalis (Theo James) die Situation für ihre eigenen Zwecke und führt einen Bankraub in dem wie leergefegten Viertel durch, indem sie sich durch die Kanalisation Zutritt verschaffen, während im Hintergrund ein mysteriöser weiterer Mann (Sam Worthington) die Strippen zu ziehen scheint.

David Mackenzies neuer Thriller "Fuze" verspricht einen ungewöhnlichen Mix aus Bombenentschärfungsdrama, Heist-Movie und Verschwörungsgeschichte. Die Ausgangslage ist originell, das Ensemble hochkarätig besetzt und das Tempo von Beginn an hoch. Doch obwohl der Film vieles richtig macht, fehlt ihm letztlich das gewisse Etwas, das aus einem guten Thriller einen wirklich erinnerungswürdigen macht. Doch zunächst profitiert der Film enorm von seiner cleveren Grundidee. Die Verbindung eines realistischen Bombenszenarios mit einem Heist-Thriller fühlt sich angenehm frisch an und sorgt dafür, dass die ersten Minuten sofort Spannung erzeugen. Die Evakuierung Londons, der Zeitdruck und die parallelen Handlungsstränge verleihen "Fuze" eine Dynamik, die einen schnell in ihren Bann zieht. 

Auch die Besetzung überzeugt. Aaron Taylor-Johnson spielt den ruhigen und professionellen Bombenexperten mit der nötigen Gelassenheit, während Theo James als charismatischer Drahtzieher der kriminellen Operation sichtbar Spaß an seiner Rolle hat. Sam Worthington und Gugu Mbatha-Raw ergänzen das Ensemble solide, auch wenn ihre Figuren etwas mehr Profil hätten vertragen können. Gerade das Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere sorgt dafür, dass der Film trotz seiner ernsten Ausgangslage immer wieder locker und unterhaltsam bleibt. Inszenatorisch liefert Mackenzie erneut gewohnt saubere Arbeit ab. Die Action bleibt übersichtlich, die Kamera verliert nie den Überblick und London wird als lebendige Kulisse hervorragend genutzt. Besonders die Szenen rund um die Evakuierung erzeugen eine glaubwürdige Hektik und vermitteln das Gefühl, dass jederzeit etwas schiefgehen könnte.

Leider verliert "Fuze" nach seinem überaus ansprechenden Auftakt etwas an Schwung. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker verlässt sich das Drehbuch auf immer neue Wendungen und Doppelspiele anstatt die ursprüngliche Geschichte einfach fortzuführen. Zugegeben - einige der Twists funktionieren durchaus gut, andere lassen sich jedoch früh erahnen oder wirken unnötig konstruiert, was die emotionale Bindung zu den Figuren zudem stark vernachlässigt. Damit bleiben die Charaktere letztlich etwas blass. Obwohl der Cast durchweg überzeugt, erhalten viele Figuren zu wenig Zeit, um über ihre jeweilige Funktion innerhalb der Handlung hinauszuwachsen. Dadurch fehlt dem Film stellenweise das emotionale Gewicht, das seine spannende Ausgangslage eigentlich verdient hätte.

Hinzu kommt, dass das Finale zwar einerseits ordentlich unterhält, aber andererseits nicht ganz den großen Knall liefert, auf den die Geschichte hinarbeitet. Einige Erklärungen wirken etwas überhastet, und nicht jede Auflösung entfaltet die gewünschte Wirkung. Trotzdem bleibt der Film durch seine kurze Laufzeit angenehm straff und verzichtet erfreulicherweise auf unnötige Längen. Damit ist "Fuze" genau die Art von Thriller, die man sich für einen unterhaltsamen Kinoabend wünscht: temporeich, solide inszeniert und mit einer Prämisse, die neugierig macht. Er erfindet das Genre zwar nicht neu, liefert aber genügend Spannung und Unterhaltung, um bis zum Abspann bei der Stange zu halten.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkAnton/Sigma Films/Sky

Dangerous Animals (2025)

https://www.imdb.com/title/tt32299316/
https://letterboxd.com/film/dangerous-animals/

Die Romanze mit Moses (Josh Heuston) war ganz nett, aber jetzt will Zephyr (Hassie Harrison) wieder ihr eigenes Ding machen. Dummerweise dauert es nicht lange, bis die abenteuerlustige Surferin von einem Schiffskapitän namens Bruce Tucker (Jai Courtney) entführt wird. Nach außen hin gibt Tucker den Exzentriker, aber tatsächlich ist er ein Serienkiller mit einem Faible für Haie. Das bekommen Zephyr und Heather (Ella Newton), eine ebenfalls von Tucker seine Gewalt gebrachte Frau, schnell zu spüren. Denn der Kapitän macht sich einen „Spaß" daraus, seine Opfer wie Beute über Haigewässern baumeln zu lassen und die ganze Nummer zu filmen. Doch Zephyr ist fest entschlossen, sich aus den Fesseln des Killers zu befreien...

Hai-Horrorfilme gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Seit "Der weiße Hai" versuchen unzählige Produktionen, die Angst vor den Raubfischen für Schockmomente auszunutzen - mal ernst, mal vollkommen überdreht. "Dangerous Animals" schlägt jedoch einen etwas anderen Weg ein. Regisseur Sean Byrne verbindet den Tierhorror mit einem Serienkiller-Thriller und präsentiert einen Film, der weniger auf Hai-Attacken als auf eine unangenehme, beinahe klaustrophobische Spannung setzt. Das Ergebnis ist ein origineller Genre-Mix, der zwar nicht jede Idee voll ausreizt, aber deutlich mehr zu bieten hat als der typische Creature-Feature-Reißer.

Jai Courtney ist die größte Stärke des Films und liefert eine seiner besten Leistungen der letzten Jahre ab. Er spielt Tucker mit einer unangenehmen Mischung aus Charme, Wahnsinn und Berechnung. Der Film profitiert enorm davon, dass er seinen Antagonisten nicht als schlichten Psychopathen inszeniert, sondern ihm eine verstörende Faszination und fast schon kultartige Überzeugung verleiht. Auch die Entscheidung, den Fokus stärker auf den menschlichen Horror als auf die Haie zu legen, erweist sich als clever. Sean Byrne erzeugt über weite Strecken eine intensive Spannung, die weniger von plötzlichen Schockmomenten lebt als von der ständigen Bedrohung und dem Gefühl der Ausweglosigkeit. Einige Szenen entwickeln eine beinahe unangenehme Intensität, die an klassische Survival-Thriller erinnert.

Optisch macht "Dangerous Animals" ebenfalls einiges her. Die Aufnahmen auf offener See und die Unterwassersequenzen sorgen für eine atmosphärische Kulisse, die das Gefühl von Isolation und Hilflosigkeit perfekt unterstützt. Gleichzeitig widersteht der Film der Versuchung, seine Hai-Szenen zu übertreiben. Statt auf CGI-Spektakel zu setzen, nutzt er die Tiere eher als zusätzliche Bedrohung und als Symbol für die Grausamkeit des Antagonisten. Allerdings folgt die Handlung letztlich recht vertrauten Genre-Mustern und bietet nur wenige echte Überraschungen. Vor allem im Mittelteil wiederholen sich einige Situationen, wodurch das Erzähltempo etwas ins Stocken gerät. Auch die Nebenfiguren bleiben eher skizzenhaft und dienen in erster Linie dazu, die Geschichte voranzutreiben. Zudem könnte der Film diejenigen enttäuschen, die einen klassischen Hai-Horror erwarten. Wer auf spektakuläre Angriffe und blutige Creature-Action hofft, bekommt deutlich weniger davon, als der Titel vielleicht vermuten lässt. "Dangerous Animals" ist in erster Linie ein Psychothriller mit Hai-Elementen - und kein modernes Pendant zu "Der weiße Hai". 

Vielleicht funktioniert der Film gerade deshalb so gut, weil er sich von den üblichen Genre-Konventionen absetzt. Sean Byrne gelingt es, aus einer bekannten Ausgangslage einen spannenden und stellenweise unangenehm intensiven Thriller zu formen, der durch seine Atmosphäre und seinen starken Antagonisten zumindest in Erinnerung bleibt. Zwar leidet der Film unter einigen erzählerischen Wiederholungen und einer recht vorhersehbaren Handlung, doch seine originelle Herangehensweise und die dichte Spannung machen ihn zu einer der interessanteren Genreveröffentlichungen des Jahres. Wenn man einen etwas anderen Hai-Film sucht, sollte man diesem Ausflug aufs Meer definitiv eine Chance geben.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkLD Entertainment/Brouhaha Entertainment/Range Media Partners/Oddfellows Entertainment

Sonntag, 19. Juli 2026

The Odyssee - Die Odyssee (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt33764258/
https://letterboxd.com/film/the-odyssey-2026/

Nach dem Trojanischen Krieg möchte König Odysseus (Matt Damon) wieder zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland) nach Ithaka zurückkehren. Doch der Heimweg wird schwieriger als erwartet, denn Odysseus steht ein langes Abenteuer voller Gefahren bevor. So muss er sich unter Anderen mit der Göttin Kalypso (Charlize Theron), dem Zyklopen Polyphem (Bill Irwin) und der Zauberin Circe (Samantha Morton) auseinandersetzen. In der Zwischenzeit begibt sich die Göttin Athene (Zendaya) in Odysseus' Heimat Ithaka und drängt Telemachos dazu, sich auf die Suche nach seinem Vater zu machen. Daher begibt er sich nun zu König Menelaos von Sparta (Jon Berthal), Odysseus' Mitstreiter im Trojanischen Krieg, und bittet diesen um Rat.

Dieser Film stammt von demselben Regisseur, der "Interstellar", "The Dark Knight"-Trilogie, "Inception", "The Prestige", "Oppenheimer", "Memento", "Insomnia", Dunkirk" und "Tenet" gemacht hat.

10/10

Zugegeben - bei einem Regisseur wie Christopher Nolan gibt man gern mal Vorschusslorbeeren. Einfach weil seine filmische Vita bis dato keinerlei wirkliche Fehlschläge aufzeigt. Doch so eine Erfolgsgeschichte hat erfahrungsgemäß auch große Nachteile, denn die Erwartungen des Publikums werden von Anfang an entsprechend hoch gesteckt. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie bleibt man dann seinem Ruf noch so gerecht, dass man weiterhin als einer der erfolgreichsten Regisseure der Welt bekannt bleibt? Nun, in Nolans Fall ist es wohl die hingebungsvolle Aufmerksamkeit, die er selbst seinem Stoff widmet und seine filmische Umsetzung ("Die Odyssee" ist beispielsweise der erste Film, der vollständig auf 70mm-IMAX-Kameras gedreht wurde). Kurz: man spürt, dass Nolan in jedem seiner Filme einfach alles gibt was er hat. Darüber hinaus gilt Homers "Odyssee" ja als Fundament der westlichen Erzählkunst. Sie ist Abenteuerroman, Familiendrama, Mythologie, Kriegsnachwirkung und philosophische Reflexion zugleich. Generationen von Autoren, Regisseuren und Künstlern haben sich an ihr versucht - von den Sandalenepen der 1950er Jahre über Wolfgang Petersens "Troja" bis hin zu den augenzwinkernden Neuinterpretationen der Coen-Brüder in "O Brother, Where Art Thou?". Selbst moderne Fantasy wie "Der Herr der Ringe" oder historische Monumentalfilme wie "Gladiator" tragen unverkennbar Spuren von Homers Werk in sich. Doch keine dieser Adaptionen wagt den Schritt, den Christopher Nolan nun geht: Er erzählt die Geschichte nicht als Museumsstück, sondern als lebendiges, zutiefst menschliches Epos. Nolan macht keine Filme, die bloß Geschichten erzählen. Er macht Filme, die einen daran erinnern, warum Geschichten seit Jahrtausenden überhaupt erzählt werden. Und "Die Odyssee" reiht sich nahtlos in seine Vita ein. 

Schon die ersten Minuten machen deutlich, dass Nolan keine klassische Abenteuerreise inszenieren möchte. Der Trojanische Krieg dient nicht als heroischer Triumph, sondern als Ausgangspunkt eines Mannes, dessen größter Kampf erst beginnt. Odysseus kehrt nicht als strahlender Held heim - er trägt die Last eines Krieges mit sich, der ihn innerlich verändert hat. Diese Perspektive verleiht der bekannten Geschichte eine emotionale Tiefe, die weit über spektakuläre Monster, Sirenen oder göttliche Eingriffe hinausgeht. Matt Damon liefert dabei möglicherweise die beste Leistung seiner Karriere ab. Sein Odysseus ist weder makelloser Held noch tragischer Märtyrer. Er ist klug, erschöpft, stolz, verletzlich und manchmal erschreckend eigensinnig. Jede Entscheidung wirkt wie das Ergebnis jahrelanger Erfahrungen, jeder Blick erzählt von den Opfern des Krieges. Anne Hathaway verleiht Penelope außergewöhnliche Würde und Stärke, während Tom Holland als Telemachos weit mehr sein darf als bloßer Nebencharakter. Seine parallele Entwicklung spiegelt die Reise seines Vaters und macht deutlich, dass Heimkehr immer beide Seiten verändert. Auch die übrige Besetzung überzeugt auf ganzer Linie. Robert Pattinson verleiht Antinoos eine bedrohliche Präsenz, Charlize Theron erschafft eine faszinierend ambivalente Kalypso und Samantha Morton sorgt als Kirke für einige der eindrucksvollsten Momente des Films. Selbst kleinere Rollen hinterlassen bleibenden Eindruck, weil Nolan seinem Ensemble ungewöhnlich viel Raum gibt.


Visuell gehört "Die Odyssee" zum Beeindruckendsten, was das moderne Blockbusterkino hervorgebracht hat. Die IMAX-Kamera unter Hoyte van Hoytema verwandelt das Mittelmeer in einen nahezu mythischen Raum. Gewaltige Küstenlandschaften, peitschende Stürme und monumentale Tempelanlagen wirken nie wie digitale Kulissen, sondern besitzen eine greifbare physische Präsenz. Die Begegnungen mit Polyphem, den Sirenen oder Skylla entfalten ihre Wirkung gerade deshalb so intensiv, weil Nolan nie den Fehler macht, Spektakel über Atmosphäre zu stellen. Das Fantastische wirkt hier stets wie eine natürliche Erweiterung einer ansonsten realen Welt. Überhaupt hat man niemals das Gefühl, hier überbordernde CGI zu sehen oder der fünfhundersten noch epischeren Schlacht beizuwohnen. Sicher gibt es CGI und natürlich gibt es Schlachten, Nolan opfert aber nie seine Inszenierung für das Spektakel. Diese Effekte fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und wirken dadurch angenehm zurückgenommen, fast schon peinlich entschuldigend dafür, dass sie überhaupt da sind. Oft sieht man nur etwas im Hintergrund, aus der Perspektive der Person - die Effekte stehen nie (oder nur selten, wenn es darauf ankommt) im Vordergrund, sondern immer die Person. Besonders bemerkenswert ist, wie viele einzelne Sequenzen bereits jetzt, zum Kinostart, zum modernen Klassiker des Monumentalkinos avancieren. Hervorzuheben ist da besonders die erschütternde Eröffnung rund um den Fall Trojas, die gleichermaßen als spektakuläre Schlacht und als schonungslose Darstellung der Sinnlosigkeit des Krieges funktioniert. Auch die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem zählt zu den eindrucksvollsten Szenen des Films: Nolan verbindet hier praktisches Effektkino mit einer beinahe greifbaren Horroratmosphäre und schafft einen der spannendsten Momente seiner Karriere. Nicht weniger Lob kann man für die Episode um Kirke, die von Samantha Morton mit faszinierender Ambivalenz gespielt wird, vergeben. Ihre Geschichte ist der emotionale Wendepunkt des Films, weil sich hier erstmals Odysseus' innerer Konflikt stärker entfaltet als die äußeren Gefahren. Zudem kommen gewaltige Seesturm-Sequenzen und die Begegnungen mit den Sirenen, die die atemberaubende Inszenierung nur unterstreichen.

Hinzu kommt Ludwig Göranssons überwältigende, wuchtige Musik, die antike Klangwelten mit modernen orchestralen Strukturen verbindet. Sie begleitet die Handlung nicht bloß - sie trägt sie und verschmilzt Bild und Ton zu einem nahezu hypnotischen Erlebnis. Zusammen mit dem präzisen Schnitt entwickelt der Film einen hypnotischen Rhythmus, der seine fast drei Stunden erstaunlich kurz erscheinen lässt. Bemerkenswert ist außerdem, wie souverän Nolan die Themen der Vorlage in unsere Gegenwart überträgt. Heimat wird nicht als Ort verstanden, sondern als Identität. Die Götter erscheinen weniger als allmächtige Puppenspieler denn als Ausdruck menschlicher Ängste, Hoffnungen und moralischer Konflikte. Schuld, Verlust, Verantwortung und die Frage, ob ein Mensch nach den Schrecken des Krieges jemals wirklich nach Hause zurückkehren kann, bilden das emotionale Fundament des Films. Damit bleibt Nolan Homers Werk erstaunlich treu - nicht im Wortlaut, sondern im Geist. Und ist damit vermutlich auch viel näher an der Vorlage Homers als alle mythischen, an übernatürliche Wesen glaubenden Adaptionen vor ihm. Der vielleicht größte Triumph gelingt Nolan jedoch im Finale auf Ithaka. Die Rückkehr des lange verschollenen Königs, das vorsichtige Wiederfinden zwischen Odysseus, Penelope und Telemachos sowie die anschließende Abrechnung mit den Freiern sind quasi der perfekte Höhepunkt dieses dreistündigen Epos. Und gerade weil Nolan diese Szenen nicht als bloßen Actionhöhepunkt inszeniert, sondern als emotionales und moralisches Finale einer jahrzehntelangen Reise, erreicht "Die Odyssee" eine Kraft, die weit über das Spektakel hinausgeht und den Film lange nach dem Abspann nachhallen lässt. 


Natürlich erkennt man dabei unverkennbar den Regisseur hinter "Memento", "Inception", "Interstellar" und "Oppenheimer". Die nichtlineare Erzählweise, das Spiel mit Erinnerung und Zeit sowie die philosophische Auseinandersetzung mit Identität sind typische Nolan-Motive. Doch anders als manche seiner früheren Werke verliert sich "The Odyssey" nie in intellektueller Konstruktion. Hier stehen die Figuren im Mittelpunkt. Das Ergebnis wirkt emotional zugänglicher als "Tenet", persönlicher als "Inception" und gleichzeitig größer als alles, was Nolan bislang auf die Leinwand gebracht hat. Und das hat nach Filmen wie "Interstellar" und "Oppenheimer" ein Gewicht, dass man kaum in Worte fassen kann.

Vergleiche mit Filmen wie "Gladiator", "Troja", "Königreich der Himmel" oder sogar Peter Jacksons "Der Herr der Ringe"-Trilogie drängen sich zwangsläufig auf. Doch "Die Odyssee" kopiert keines dieser Werke. Stattdessen vereint der Film das Monumentale historischer Epen mit der psychologischen Tiefe moderner Charakterdramen und der erzählerischen Komplexität, für die Nolan seit Jahren bekannt ist. Dadurch entsteht etwas Seltenes: ein Blockbuster, der sowohl überwältigt als auch nachdenklich macht. Christopher Nolan beweist eindrucksvoll, dass große Mythen niemals veralten. Sie warten lediglich auf den richtigen Erzähler. "Die Odyssee" ist kein gewöhnlicher Abenteuerfilm, er wurde von interessierten Zuschauern von Beginn an auch nicht so gesehen oder erwartet. "Die Odyssee" ist eine monumentale Meditation über Krieg, Schuld, Familie und die ewige Sehnsucht nach Heimat. Ein Werk von atemberaubender visueller Kraft, außergewöhnlicher erzählerischer Reife und emotionaler Wucht - und zweifellos einer der wichtigsten Filme des modernen Kinos. Und man kann am Ende und ohne Umschweife sagen, dass Christopher Nolan mit "Die Odyssee" das beinahe Unmögliche gelingt: Er macht einen über 2.700 Jahre alten Mythos so zeitlos und überwältigend, als wäre er eigens für das Kino des 21. Jahrhunderts geschrieben worden. Ein modernes Meisterwerk, das lange nach dem Abspann nachhallt - und eine uneingeschränkte Empfehlung verdient. Es bleibt dabei.

10/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/ArtworkUniversal Pictures/Syncopy

Ulisse - Ulysses - Die Fahrten des Odysseus (1954)

https://www.imdb.com/de/title/tt0047630/
https://letterboxd.com/film/ulysses/

Durch eine Kriegslist des Odysseus (Kirk Douglas) kann der Trojanische Krieg entschieden werden. Doch als die griechischen Helden siegreich zu ihren Frauen und Königreichen zurückkehren, wartet die schöne Penelope (Silvana Mangano) vergeblich. Odysseus, der König von Ithaka hat während des Krieges die Götter erzürnt und das bekommt er nun zu spüren. Die trojanische Priesterin Cassandra (Elena Zareschi) verflucht Odysseus und seine Mannen, auf dass sie ewig über die Weltmeer irren. Der Beginn der 20 Jahre andauernden Odyssee. Während Penelope sich zuhause der zahlreichen Freier erwehren und muss und nie die Hoffnung auf die Rückkehr ihres Mannes aufgibt, muss dieser sich auf seinen Irrfahrten allerlei Gefahren stellen: dem Kampf mit dem Zyklopen Polyphem, den Gesängen der Sirenen, den betörenden Avancen der Zauberin Circe (ebenfalls Silvana Mangano), dem Besuch im Reich der Schatten. Als er nach all den Jahren endlich in seine Heimat zurückkehrt, ist sein Kampf noch immer nicht vorbei…

Lange bevor monumentale Historienfilme das Kino eroberten, brachte "Die Fahrten des Odysseus" die berühmte Geschichte aus Homers "Odyssee" auf die große Leinwand. Der italienisch-amerikanische Monumentalfilm von Mario Camerini gehört zu den frühen Vertretern des sogenannten Sandalenfilms und ist bis heute eine der bekanntesten Verfilmungen des antiken Stoffes. Auch wenn die Produktion inzwischen deutlich ihr Alter zeigt und erzählerisch nicht alle Stationen der Vorlage gleich stark umsetzt, besitzt sie noch immer einen besonderen Charme. Kirk Douglas verleiht seinem Odysseus eine beeindruckende Mischung aus Entschlossenheit, Stolz und Verletzlichkeit. Anders als viele spätere Heldenfiguren wirkt sein Odysseus nicht unbesiegbar, sondern wie ein Mann, der an seinen Prüfungen wächst und zugleich unter ihnen leidet. Douglas trägt den Film mühelos und verleiht der antiken Figur eine bemerkenswerte Menschlichkeit.

Die Ausstattung, die Kostüme und die aufwendigen Kulissen vermitteln das Gefühl eines großen Abenteuers. Natürlich wirken manche Spezialeffekte aus heutiger Sicht etwas antiquiert, und die Inszenierung kann mit modernen technischen Möglichkeiten nicht konkurrieren. Dennoch besitzen die handgemachten Tricks und die stilisierte Darstellung der mythologischen Kreaturen einen nostalgischen Charme, der perfekt zum Märchencharakter der Geschichte passt. Besonders gelungen hingegen ist die Atmosphäre des Films. Die Reise des Odysseus wird nicht nur als Reihe von Abenteuern erzählt, sondern als eine Odyssee im wahrsten Sinne des Wortes - ein Weg voller Prüfungen, Versuchungen und persönlicher Opfer. Gerade die Begegnungen mit Circe und den Sirenen entfalten eine beinahe traumhafte Qualität, die den Film von vielen anderen Historienepen seiner Zeit unterscheidet.

Allerdings zwingt die enorme Fülle der Vorlage den Film dazu, zahlreiche Episoden stark zu verkürzen oder ganz auszulassen. Dadurch wirkt die Erzählung stellenweise etwas episodisch und springt mitunter recht abrupt von einem Abenteuer zum nächsten. Einige Nebenfiguren erhalten kaum Profil, und manche emotionalen Momente entfalten deshalb nicht die Wirkung, die sie eigentlich haben könnten. Auch das Erzähltempo ist aus heutiger Sicht gemächlich. Wer moderne Abenteuerfilme mit rasanter Inszenierung und spektakulären Effekten erwartet, dürfte sich an einigen Längen stören. Doch gerade dieses ruhigere Tempo erlaubt dem Film, seine Figuren und die mythische Welt wirken zu lassen. "Die Fahrten des Odysseus" ist letztlich ein klassisches Abenteuer-Epos, das trotz seines Alters noch immer viel Charme besitzt. Die charismatische Hauptrolle von Kirk Douglas, die stimmungsvolle Umsetzung der griechischen Mythologie und der nostalgische Zauber der Inszenierung machen den Film zu einer sehenswerten Verfilmung der "Odyssee". Zwar verhindern erzählerische Kürzungen und ein gelegentlich behäbiges Tempo den ganz großen Wurf, doch als zeitloses Abenteuer und wichtiger Vertreter des Monumentalkinos bleibt "Die Fahrten des Odysseus" ein rundum gelungener Klassiker.

3,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkLux Film/Ponti-De Laurentiis Cinematogra