Dienstag, 27. Januar 2026

Promising Young Woman (2020)

https://www.imdb.com/de/title/tt9620292/

Das Leben von Cassie (Carey Mulligan) ist auf den ersten Blick ein Scherbenhaufen: Mit 30 Jahren lebt sie immer noch bei Eltern Stanley (Clancy Brown) und Susan (Jennifer Coolidge) und langweilt sich bei ihrer Arbeit in einem Coffee Shop. Doch nachts führt sie ein geheimes Doppelleben: Sie besucht Bars und Clubs, wo sie so tut, als wäre sie stockbetrunken, um sich von "hilfsbereiten" Männern nach Hause nehmen zu lassen, wo sie ihnen dann eine gehörige Lektion erteilt. Der Grund für Cassies Rachemission ist ihre Freundin Nina, die an der Medizin-Uni, an der die beiden studiert haben, sexuell missbraucht wurde, was damals allerdings unter den Teppich gekehrt wurde...

"Promising Young Woman" ist ein Film, der sich anfühlt wie eine vergiftete Praline - zuckersüß verpackt, aber mit einem Kern aus purem Rachedurst, der einen lange nachhallt. Emerald Fennells Regiedebüt aus dem Jahr 2020 ist ein seltenes Biest: ein Rache-Thriller, der feministische Abrechnung mit schwarzem Humor und Pop-Kultur-Vibes vermischt, ohne je in Moralsäulenpredigt abzurutschen. Es ist kein perfektes Werk - das Finale polarisiert bis heute -, aber Carey Mulligans Tour-de-Force und Fennells messerscharfe Beobachtungen machen es zu einem der aufregendsten Genre-Mixe der letzten Jahre. Was Fennell so klug macht, ist die narrative Architektur: Der Film vermeidet die lineare Opfer-Opfer-Täter-Kette und webt stattdessen ein Netz aus Komplizenschaft. Jeder Nebencharakter ist ein Spiegel der Gesellschaft - die nette Freundin, die wegsieht (Alison Brie), die gutmütige Mutter, die Loyalität über Wahrheit stellt (Jennifer Coolidge), der charmante Arzt, der ahnungslos in Cassies Welt stolpert (Bo Burnham). Die Story dreht sich nicht nur um Rache, sondern um die kollektive Verantwortungslosigkeit, die toxische Männlichkeit am Leben hält. Das Drehbuch spielt mit Erwartungen: Es beginnt wie ein Slapstick-Revenge-Flick, wird zum romantischen Intermezzo und endet in einem Thriller-Finale, das so brutal unvorhersehbar ist, dass es Zuschauer entweder jubeln oder empört lässt. Fennell leiht sich von Tarantino die Gewaltästhetik, von Hitchcock die Paranoia – aber sie macht daraus etwas Eigenes, Zeitgemäßes. 

Carey Mulligan liefert eine Performance, die sie endgültig aus der "braves British Girl"-Schublade katapultiert. Cassie ist kein Opfer, kein Engel, keine Superheldin; sie ist ein wandelnder Widerspruch: zuckersüß manipulativ in ihren Fallen, zutiefst verletzlich in ihren privaten Momenten, explosiv rachsüchtig, wenn die Maske fällt. Mulligan wechselt nahtlos zwischen Lolita-Ästhetik (Perlenkette, Pferdeschwanz, Pastellkleider) und animalischer Wut - ihre Augen verraten immer, dass unter der Oberfläche ein Vulkan brodelt. Es ist Oscar-würdige Arbeit, die an ihren "Drive"-Auftritt erinnert, aber emotionaler, nackter. Bo Burnham als Ryan, der sensible Arzt, bringt echte Wärme und Humor in die Kälte: Seine Chemie mit Mulligan ist der emotionale Anker, der den Film vor reiner Aggression bewahrt - bis Fennell sie brutal dekonstruiert. Das Ensemble ist ein All-Star-Cameo-Fest: Connie Britton als steife Dekanin, die Schutz mit Vertuschung verwechselt; Alison Brie als fröhliche Freundin, deren Lachen zur Grimasse wird; Jennifer Coolidge als tragikomische Mutter, die in einer Szene mehr über mütterliche Verleugnung sagt als mancher Drama-Film in zwei Stunden; Adam Brody und Ray Nicholson als charmante Vergewaltiger-Typen, die ihre Rollen mit diabolischer Präzision verkörpern. Jeder Auftritt ist kalkuliert - Fennell nutzt die Stars, um Klischees zu zertrümmern und das Publikum zu täuschen. 

Fennells Geniestreich liegt in der visuellen Welt: "Promising Young Woman" spielt nicht in einer finsteren Unterwelt, sondern im hellen Alltag der amerikanischen Mittelklasse - schäbige Neons Bars, sterile Vorortküchen, pastellfarbene Cafés, ein Krankenhaus mit fluoreszierendem Licht. Die Farbpalette schreit förmlich: Pink, Mintgrün, Babyblau - Pop-Ästhetik, die an Barbie und Britney Spears erinnert, kontrastiert mit der Grausamkeit der Themen. Es ist eine bewusste Desorientierung: Wie kann etwas so Buntes so Böse sein? Die Kamera von Benjamin Kračun tanzt in engen Nahaufnahnen, zoomt auf Perlenketten oder iPhone-Bildschirme, wo Ninas alte Videoaufnahme lauert - ein digitales Gespenst. Sounddesign verstärkt das: Retro-Pop-Hits ("Misery Business" von Paramore, "Toxic" von Britney Spears) unterbrechen brutale Momente, unterstreichen die Banalität des Grauens. Dieses Setting macht den Horror greifbar - er passiert nicht da draußen, sondern genau dort, wo wir shoppen, trinken und lachen. 

Als Thriller funktioniert der Film meisterhaft, weil er nie in eine Schublade passt: Die Spannung baut sich in Cassies Fallen - man hält den Atem an, wenn ein "Retter" zuschlägt -, wechselt zu Slapstick (Cassie mit Ponyfrisur und Scalpel), dann zu Romantik, bevor das Finale explodiert. Fennell dosiert die Eskalation wie eine Chirurgin: Jede Konfrontation ist ein Mini-Thriller, unterlegt mit Ironie; der Soundtrack wird zum Charakter - Pop-Hymnen, die Gewalt untermalen, erinnern an "Kill Bill", sind hier aber bissiger. Das Finale ist der Knaller: kontrovers, weil es Rache nicht romantisiert, sondern eskaliert - es zwingt zur Debatte über Gerechtigkeit vs. Anarchie. Schwäche? Manche Wendungen wirken gezwungen, das Tempo stockt minimal in der Romanze. Aber insgesamt: Ein Adrenalinrausch, der unter die Haut geht. "Promising Young Woman" ist ein filmischer Wake-up-Call: Fennell nimmt den #MeToo-Diskurs, packt ihn in ein Revenge-Pop-Trauma und macht daraus Kunst. Es provoziert, unterhält, verunsichert - und bleibt hängen wie Ninas Lachen im Video. Mulligan und das Ensemble tragen es über jede Unebenheit, das Design hypnotisiert. Nicht jeder wird es lieben, aber definitiv niemand vergisst es. Und genau das macht große Filme aus. 

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Focus Features/FilmNation Entertainment/LuckyChap

The Woman in Cabin 10 (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt7130300/

Die Reise-Journalistin Laura "Lo" Blacklock (Keira Knightley) soll die erste Fahrt eines neuen Luxuskreuzfahrtschiffs begleiten. Doch dann beobachtet sie, wie mitten in der Nacht etwas über Bord geworfen wird und ist überzeugt, dass es sich um die Frau aus ihrer Nachbarkabine handeln muss, die gerade getötet wurde. Doch keiner glaubt ihr. Schließlich ist Schiff vollzählig. Niemand wird vermisst. Und in Kabine 10 war unbewohnt. Doch Lo weiß, was sie gesehen hat. Sie ermittelt auf eigene Faust und ist überzeugt, dass jemand auf dem Schiff für einen Mord verantwortlich ist.

"The Woman in Cabin 10" ist ein solider, wenn auch vorhersehbarer Yacht-Thriller, der Ruth Wares Roman in eine elegante, aber etwas glatte Netflix-Produktion verwandelt - ein Film, der seine Spannung mehr aus dem glamourösen Setting als aus originellen Wendungen zieht. Journalistin Lo Blacklock (Keira Knightley) steigt an Bord der Luxusyacht Aurora Borealis, um über das Wohltätigkeitsprojekt des Milliardärs Richard Bullmer (Guy Pearce) und seiner todkranken Frau Anne (Lisa Loven Kongsli) zu berichten. Nachdem sie Zeugin wird, wie eine Frau aus der Kabine 10 über Bord geworfen wird, wird sie von Crew und Passagieren als hysterisch abgetan - ein klassisches Gaslighting-Szenario, das an "Flightplan" oder Agatha-Christie-Ensemble-Mysterien erinnert. Die Handlung baut solide Spannung auf, leidet aber unter einem Drehbuch, das zu sehr auf bekannte Tropen setzt und im Finale etwas nachlässt.


Keira Knightley trägt den Film mit intensiver, glaubwürdiger Verletzlichkeit: Lo ist eine traumatisierte Investigative, die zwischen Paranoia und Entschlossenheit balanciert - Knightley macht aus ihr eine Protagonistin, der man glaubt, selbst wenn das Skript stolpert. Guy Pearce als charismatischer Milliardär mit dunklem Geheimnis und Lisa Loven Kongsli als zerbrechliche Anne liefern nuancierte Kontraste; Pearce besonders überzeugt in seiner Mischung aus Charme und Bedrohung. Das Ensemble (u.a. Hannah Waddingham, Gugu Mbatha-Raw, Adeel Akhtar) ist überqualifiziert, bleibt aber oft eindimensional - mehr Dekoration als Tiefe. 

Das Herzstück ist die Yacht selbst: ein labyrinthartiges, opulentes Schiff mit polierten Decks, gedimmtem Licht und einem Kontrast aus Glamour und Enge, der die Klaustrophobie perfekt einfängt. Die Kameraführung nutzt Spiegelungen, enge Korridore und das endlose Meer, um Paranoia zu verstärken - ein Setting, das wie geschaffen ist für ein Whodunit, auch wenn es manchmal zu glatt wirkt. 

Die Spannung entfaltet sich durch Los zunehmende Isolation und die ständige Zweifel an ihrer Wahrnehmung, unterstützt von dumpfer Beleuchtung und einem Score, der das Unbehagen verstärkt. Es ist unterhaltsam wie ein Flughafenroman - vorhersehbar, aber knackig -, doch das Finale fühlt sich gehetzt an und verpasst die Chance auf echte Überraschung. 


"The Woman in Cabin 10" ist ein angenehmer Zeitvertreib für Mystery-Fans: Knightley und Pearce heben es über die Mittelmäßigkeit, während das Yacht-Setting eine willkommene Frische bringt - aber letztlich mehr Versprechen als Erfüllung.

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

Druga Furioza - Inside Furioza - Furioza 2 (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt36265413/

Ein fehlgeschlagener Anschlag auf den Anführer einer Ultras-Gruppe endet tödlich. In der Folge reißt der ehrgeizige Hooligan Golden (Mateusz Damiecki) die Kontrolle an sich. Mit Hilfe der bestehenden Strukturen steigt er rasch zum dominierenden Machtfaktor im städtischen Verbrechen auf. Doch nachdem er sein Ziel, die Herrschaft über die Stadt, erreicht hat, richtet er den Blick über die Landesgrenzen hinaus. Seine brutale Expansion bleibt weder den Behörden noch rivalisierenden Gruppierungen verborgen. Bald entbrennt ein gnadenloser Konkurrenzkampf, der sein Imperium ins Wanken bringt.

Die Fortsetzung des polnischen Actionfilms "Furioza" nimmt den rohen Hooligan-Krieg des Vorgängers und dreht ihn in eine düstere Rise-and-Fall-Chronik um Golden, der als neuer Anführer von Furioza '97 aus Trauer, Gier und Halluzinationen eine Grenzüberschreitungskriminalität entfacht - intensiv, aber durch endlose Längen getrübt. Cyprian T. Olencki inszeniert diesen Netflix-Sequel als Scarface-variierendes Gangsterdrama, das Loyalität, Drogen und internationale Eskalationen in Grautönen taucht. Mateusz Damięcki dominiert als Golden: Er balanciert Wahnsinn, Charisma und verletzliche Tiefe, macht aus dem Monster einen nuancierten Antihelden, dessen Abstieg fesselt. Pola Gonciz bringt Eli Wärme in die Kälte, während Szymon Bobrowski als Mrowka einen würdigen Gegenspieler gibt; Nebenfiguren wie die Crew bleiben jedoch oft Schemazeichen. Damięckis Tour de Force hebt den Film, wo das Skript strauchelt. 

Danzig und Gdynia kehren als graue, klaustrophobische Hafenwelten zurück - Hinterhöfe, Stadien, Trainingshallen -, ergänzt um Dublins irische Pubs, Straßen und IRA-Kontakte, die eine erfrischende Fremde einbringen. Die Atmosphäre ist noch düsterer als im Vorgänger: Nebel, Regen und Kokain-Nächte verschlingen alles in einer Mischung aus osteuropäischem Brutalrealismus und keltischem Chaos. Olencki eskaliert die Gewalt zu epischen Massenkeulen: Straßenkämpfe mit Macheten, Drogenrazzias und ein blutiger Dublin-Brawl mit IRA-Beteiligung - roh, chaotisch, mit realen Verletzungen, die Konsequenzen spürbar machen. Im Gegensatz zum Fokus auf Nahkampf im ersten  Teil dominieren hier internationale Setpieces, die Tempo versprechen, aber unter Langatmigkeit leiden. 

Während "Furioza" Dawids moralischen Zwiespalt und Undercover-Spannung in 140 Minuten bündelte, dehnt Teil 2 (165 Minuten) Goldens Aufstieg zu einem langsamen, introspektiveren Abgrund - komplexer Charakter, aber weniger Fokus und mehr episodische Füllung. Der Vorgänger war ein wilder Streetfight mit Milieu-Frische; hier wird's zu einem klassischen Crime-Saga mit "Scarface"-Vibes, atmosphärisch dichter, doch actionmäßig epischer und narrativ lockerer. Damięckis Glut und rohe Energie machen "Furioza 2" zu einem würdigen Sequel für Fans dunkler Brüderlichkeit, das aber durch Länge und Nebenfiguren keucht und daher im direkten Vergleich etwas abfällt

6/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

Montag, 26. Januar 2026

Furioza - Furioza: In den Fängen der Hooligans (2022)

https://www.imdb.com/de/title/tt10515864/

Nach vielen Jahren ohne Kontakt zueinander taucht Dzika (Weronika Ksiazkiewicz) - einst die Liebe seines Lebens - plötzlich wieder bei dem ehemaligen Kleingauner David (Mateusz Banasiuk) auf. Dzika ist mittlerweile eine toughe Polizistin und stellt ihn vor eine Wahl, bei der es nur eine Entscheidung geben kann: Entweder arbeitet David für sie als Spitzel oder Dzika verhaftet seinen kriminellen Bruder Kaszub (Wojciech Zielinski) und lässt ihn für viele Jahre ins Gefängnis einfahren. So lässt er sich auf den gefährlichen Deal ein und infiltriert eine Gruppe gefährlicher Gangster, die mitten in einem Bandenkrieg um Macht und viel Geld steckt. Während er in eine düstere Welt zurückgezogen wird, aus der er sich eigentlich längst befreit glaubte, muss David sich ständiger Verdächtigungen seines Jugendfreundes Golden (Mateusz Damiecki) erwehren. Der ahnt nämlich, dass er ein doppeltes Spiel treiben könnte...

Der polnischer Hooligan-Thriller, verbindet seinen rohen Milieu-Realismus mit melodramatischen Wendungen und will dabei ebenso Figuren- wie Milieudrama sein. Im Mittelpunkt steht weniger der Fußball als die Gewaltökonomie rund um Ultragruppen, Loyalität und Verrat. Im Zentrum steht Mateusz Banasiuk als Dawid: Er spielt den innerlich zerrissenen Rückkehrer mit einer Mischung aus stoischer Fassade und unterschwelliger Panik, die seine Doppelrolle - Arzt und Undercover-Hooligan - glaubwürdig macht. Weronika Książkiewicz als Dzika ist mehr als bloß die Polizistin: Sie bringt Härte und Verletzlichkeit zusammen, verkörpert eine Frau, die in genau dem Milieu ermittelt, in dem sie sozial verwurzelt ist, und gleichzeitig einen früheren Geliebten für ein riskantes Spiel instrumentalisiert. Besonders beeindruckend sind die schauspielerischen Metamorphosen von Książkiewicz und Mateusz Damięcki: charismatisch, gefährlich, fast magnetisch in seiner Ambivalenz zwischen Freundschaft und Machtgier.  Wojciech Zieliński als Kaszub gibt dem Anführer von Furioza etwas Tragisches: Er ist gleichzeitig Bruder, Chef und Symbol eines Systems, das alle Figuren in sich hineinzieht. 

"Furioza" nutzt Danzig und die Hafenstadt Gdynia als Schauplätze, um eine soziale Topografie zu zeichnen, in der Hafenanlagen, Bahnhöfe, graue Hinterhöfe und Stadionnähe ein glaubhaftes Hooligan-Ökosystem bilden. Die urbane Kälte der Danziger Bucht - Beton, Unterführungen, Trainingshallen, Bars - wird zum Resonanzraum für eine spezifisch osteuropäische Variante des Gangster- und Milieu-Films: kein glamouröses Verbrechertum, sondern ein Gemisch aus prekärem Alltag, Lokalpatriotismus und organisiertem Gewaltkapital. Die Kamera beobachtet die Gruppe oft in Rudeln: Trainingsplätze, Treffpunkte, kollektive Märsche - der Raum wirkt stets dicht, gedrängt, als wäre Rückzug kaum möglich. So entsteht eine Atmosphäre, in der Dawids Versuch, nur kurz zurückzukehren, von der physischen Nähe dieser Welt konterkariert wird; man spürt, wie schwer es ist, sie wieder zu verlassen. 

Auf der Action-Ebene ist "Furioza" weniger stylisierte Choreografie als körperlicher, dreckiger Nahkampf.  Die große Massenschlägerei, bei der die komplette Furioza-Crew gegen eine andere Gang antritt, wird als chaotischer, schmerzhafter Mahlstrom inszeniert, in dem Schläge nicht wie in einer Comic-Verfilmung wirken, sondern stumpf, schwer und verlustreich. Dawids Rolle - erst Beobachter, dann akuter Lebensretter, als er einem verletzten Hooligan medizinisch hilft - verknüpft hier gekonnt Action und Charakterentwicklung geschickt. Später intensivieren Überfälle, interne Abrechnungen und Eskalationen im Drogenmilieu den Gewaltgrad. Die Setpieces sind nicht nur Schauwerte, sondern dramatische Knotenpunkte, an denen Loyalitäten sichtbar zerreißen.

Durch seine Mischung aus Milieu-Studie, Polizeithriller und Bruder-Konflikt bewegt er sich formal näher an osteuropäischen Gangsterdramen als an britischen Hooligan-Filmen: Die Tonlage ist härter, weniger nostalgisch und stärker auf strukturelle Gewalt fokussiert. Im Vergleich zu polnischen Genrefilmen, die oft zwischen Sozialdrama und Crime pendeln, wirkt "Furioza" wie eine ambitionierte Synthese aus Martial-Arts-Action, Gangsterkino und Familiendrama - mit schauspielerischen Leistungen, die die Genreformel sichtbar überragen. "Furioza" ist weniger daran interessiert, ob man die Figuren mögen kann, als daran, ob man versteht, wie sie so werden konnten - und wie ein System aus Loyalität, Gewalt und Polizei-Logik sie am Ende zermalmt. Interesssant.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

Sonntag, 25. Januar 2026

Triple Frontier (2019)

Fünf alte Kriegskameraden kommen wieder zusammen, um noch einmal alles zu riskieren: Tom "Redfly" Davis (Ben Affleck), William "Ironhead" Miller (Charlie Hunnam), Santiago "Pope" Garcia (Oscar Isaac), Francisco "Catfish" Morales (Pedro Pascal) und Ben Miller (Garrett Hedlund) waren bei den US-amerikanischen Spezialkräften, wo sie sich aus vielen brenzligen Situationen befreien konnten und für ihr Land alles riskiert haben, ohne dass sich dafür jemand groß bedankt hätte. Jetzt versammeln sie sich zu einer Mission, die sie nur für sich selbst machen: Im Dreiländereck von Paraguay, Argentinien und Brasilien will das Team eine große Menge Geld stehlen. Problem: Das Geld gehört dem gefährlichsten Drogenkartell des Planeten. Als die Nummer nicht läuft, wie geplant, werden die Fähigkeiten der Ex-Soldaten getestet wie nie zuvor - und jeder muss sich fragen, ob moralische Grenzen und Loyalitäten nun noch irgendeinen Wert haben…

"Triple Frontier" versammelt ein Star-Ensemble ehemaliger Special-Forces-Soldaten für einen hochbrisanten Raubüberfall in den gesetzlosen Grenzlanden Südamerikas - und liefert straffe Action inmitten moralischen Sumpflands, doch dünne Charaktere verhindern einen echten Griff ans Herz. J.C. Chandor inszeniert diesen Netflix-Thriller nach einem Drehbuch, das er mit Mark Boal schrieb, und verwebt brüderliche Bande mit Gier im titelgebenden Dreiländereck, wo Paraguay, Brasilien und Argentinien kollidieren. Das Ensemble knistert mit authentischer Chemie - Isaacs charismatischer Pope lenkt den moralischen Kompass, Affleck verleiht Redflys Verzweiflung wuchtige Tiefe, Hunnam und Hedlund verkörpern brüderliche Rauheit überzeugend. Pascal bringt scharfen Biss als Catfish, doch die dünnen Charaktere, die eine tiefere Bindung verhindern, trotz gelegentlicher Funken, sind wirklich zu bedauern. Dennoch wirkt ihre Wiedervereinigung echt und gibt der bekannte Prämisse wenigstens etwas Drive. 


Hawaiis üppige Oahu-Dschungel täuschen das feuchte Chaos der "Triple Frontier" vor, während Kaliforniens Mammoth Lakes die tückischen Andenrücken imitieren - regennasse Pfade, nebelverhangene Gipfel und abgelegene Dörfer steigern die Bedrohung. Die gesetzlose Atmosphäre pulsiert: Kartell-Villen inmitten von Laub, staubige Grenzstädte, die Isolation schüren, wo Gier ungezügelt gärt. Chandors Szenen sind schlank und wuchtig: ein Disco-Razzia-Opener, angespannte Compound-Stürmung mit cleveren Täuschungen, wahnsinnige Helikopter-Flucht über Berge und ein blutiger Packpferde-Ausbruch. Schusswechsel haben Gewicht - keine Glanzlichter, nur Überlebenskosten -, die jede Kugel und jeden Verrat spürbar machen. Ähnlich wie "Three Kings" kehrt es einen Heist mit Kriegsfreund-Drama und Folgend er Gier um, tauscht aber Komik gegen düsteren Realismus. Es echoet "Sicario" in Kartell-Härte und moralischer Grauzone, ohne Villeneuves Schärfe; "The Hurt Locker"-Vibes in Soldatenpsyche, hier aber weniger introspektiv. Weniger pompös als "The Losers", setzt es auf charaktergetriebene Spannung statt Spektakel. 

Letztlich bietet "Triple Frontier" starke Thrills und ein Mörder-Cast, was den Film irgendwo zu einem soliden Genre-Ritt macht, doch das Drehbuch von der Stange und unterentwickelte Charaktere dämpfen den Impact etwas. Für Actionfans dennoch einen Blick wert.

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

Samstag, 24. Januar 2026

Lou (2022)

https://www.imdb.com/de/title/tt5315210/

Lou (Allison Janney) führt ein ruhiges und zurückgezogenes Leben. Sie ist lieber für sich, beweist im Umgang mit Menschen nicht viel Fingerspitzengefühl und versteckt ihre weiche Seite gerne unter einem harten Kern. Das ändert sich eines Tages, als ihre Nachbarin (Jurnee Smollett) sie verzweifelt darum bittet, ihr zu helfen, ihre Tochter zu retten, die entführt wurde. In einer stürmischen Nacht begeben sie sich auf die Suche nach dem Mädchen. Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein, aber für diese Aufgabe müssen sie zusammenarbeiten und lernen, einander zu vertrauen. Auf dieser Mission kommen sie jedoch schockierenden und finsteren Geheimnissen ihrer Vergangenheit auf die Spur, die sie zweifeln lässt, ob man sich auf den anderen verlassen kann. Werden sie es schaffen, das Mädchen trotz aller Hindernisse zu befreien? 

Ein Thriller, der ein sturmgepeitschtes Wettrennen über eine abgelegene Insel verspricht und gerade genug Charakter und Überraschungen liefert, um einen bei der Stange zu halten - auch wenn er gelegentlich in vertraute Gefilde stolpert. Regie führte Anna Foerster nach einem Drehbuch von Maggie Cohn und Jack Stanley. Die Handlung nimmt Fahrt auf, als die junge Vee (Ridley Asha Bateman) von einem schattenhaften Tramper entführt wird - der sich als ihr Vater Philip (Logan Marshall-Green) entpuppt, ein rachsüchtiger Ex-Green-Beret, den Mutter Hannah (Jurnee Smollett) für tot hielt. Die verzweifelte Hannah wendet sich an ihre zurückgezogen lebende Nachbarin Lou (Allison Janney) und unterbricht deren Suizidversuch, was eine regengepeitschte Jagd auslöst, die Lous CIA-Vergangenheit und eine verheerende Familienwendung enthüllt, die mütterlichen Zorn und verborgene Traumata mischt, wenngleich die finalen Enthüllungen etwas konstruiert wirken und eine straffe Rettung in etwas Opernhaftes verwandeln. 

Allison Janney verankert den Film als titelgebende Lou und verwandelt sich von der griesgrämigen Einsiedlerin zur stählernen Agentin - mit einer Mischung aus Biss, Verletzlichkeit und purer Kraft, ihrer besten Action-Rolle bisher, die in einem Klischee-Potenzial Tiefe schafft. Jurnee Smollett glänzt als Hannah und vermittelt die Entschlossenheit einer Überlebenden inmitten von Missbrauchs-Flashbacks, während ihre Buddy-Dynamik echte Chemie aufbaut. Logan Marshall-Green kaut seine Rolle als irrer Philip durch und kanalisiert Bedrohung wirkungsvoll, wird aber überstrahlt; Bateman hält als entführtes Kind stand. Janney hebt das Material und macht Lous innere Zerrissenheit - das Gewicht von Reue und einem Leben in Schatten - greifbar real. Orcas Island im Pazifischen Nordwesten bietet dazu ein ansprechendes Setting: üppige, nebelverhangene Wälder, peitschende Wellen und windgepeitschte Klippen, die Isolation und Wut der Figuren widerspiegeln. Der Sturm - begleitet von Stromausfällen, überfluteten Pfaden und ein mit Fallen verseuchter Truck - steigert die Klaustrophobie; die Kamera fängt die unheimliche Schönheit regennasser Abgeschiedenheit ein. Es ist mehr als Kulisse; das Gelände erzwingt rohes Überleben und macht jeden schlammigen Marsch zu einem Willenstest. 

Die Set-Pieces knallen dann auch noch mit praktischer Härte: ein brutaler Kabinen-Kampf, in dem Lou Schläger handgreiflich erledigt, eine explosive Leuchtturm-Sprengung und ein stürmisches Strand-Finale mit Fäusten, Schüssen und emotionaler Katharsis. Foerster inszeniert sie straff - ohne CGI-Übertreibung -und hebt Lous Agenten-Fähigkeiten inmitten heulender Winde hervor. Sie sind der Puls des Films, viszeral und effizient, auch wenn einige Verfolgungsjagden vorhersehbar sind; dennoch liefern sie die Thrills eines weiblich geführten 80er-Revivals. Letztlich trägt aber Janneys Kommandogewalt den Film durch Skript-Lücken und macht daraus einen lohnenswerten Beitrag für Action-Fans, die unprätentiöse Power wollen.

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts/Netflix
Poster/Artwork: Netflix

Freitag, 23. Januar 2026

Pumpkinhead II: Blood Wings - Pumpkinhead 2 (1993)

https://www.imdb.com/de/title/tt0110913/

Ende der 50er Jahre tötet eine Gruppe von Teenagern in Ferren Woods den monströsen Tommy, den Jungen, von dem sie glauben, dass er für unerklärliche Dinge in der Gegend verantwortlich ist. Über 30 Jahre später kehrt Tommy zurück. Denn die Hexe Osie bewahrte sein Blut und seine Seele auf. Und das Grauen hält wieder Einzug in Ferren Woods. Der Tag der Rache ist gekommen ohne Gnade für alle, die den Fluch des Pumpkinhead herausgefordert haben!

"Pumpkinhead II: Blood Wings" ist genau das, was man von einem Direct-to-Video-Horror-Sequel der 90er erwartet: eine schlampige, uninspirierte Neuauflage des Originals, die weder die folkloristische Düsternis noch die emotionale Wucht des Stan-Winston-Klassikers einfängt. Der Plot ist ein klassisches Retread: 1958 lynchen Rowdys einen verunstalteten Waisenjungen, Tommy; 35 Jahre später wecken dämliche Teens versehentlich Pumpkinhead, in dem Tommys Seele haust, und der Rache-Dämon mäht sie samt den alten Tätern nieder. Wo das Original eine Vater-Sohn-Tragödie mit mystischem Ritus verknüpfte, reduziert sich der Nachfolger auf Standard-Slasher-Fare: Teenies klauen in der Hexenhütte, Monster killt, Sheriff tapst herum - ohne jeden Funken Originalität oder Tiefe. Andrew Robinson als Sheriff bringt noch etwas Gravitas, wirkt aber frustriert inmitten eines Ensembles aus hölzernen Darstellern, die ihre Zeilen kaum ohne Kichern liefern. Ami Dolenz und Soleil Moon Frye dienen als Eye Candy, während das Monster-Design - trotz mehr Screentime - gummiartig und weniger bedrohlich als im Original rüberkommt; die Gore-Effekte sind okay, aber sporadisch und ohne Stil. "Pumpkinhead II" verwechselt Lautstärke mit Schrecken, Bodycount mit Spannung - ein trauriger Fall von frühzeitiger Franchise-Erschöpfung, der selbst für Fans des Ersten kaum mehr als ein müdes Gähnen wert ist. 

3/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: MGM/MPCA