Mittwoch, 2. September 2026

Normal (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt31195136/
https://letterboxd.com/film/normal-2025/

Aushilfssheriff Ulysses (Bod Odenkirk) springt auf der Flucht vor den Dämonen seiner Vergangenheit immer in den Kleinstädten ein, in denen gerade Not am Mann ist. Als der eigentliche Sheriff der Kleinstadt Normal stirbt, hilft er in dem auf den ersten Blick so verschlafenen Örtchen aus. Dort sollte doch eigentlich wenig zu tun sein? Falsch gedacht. Denn als die lokale Bank von Verbrechern von außerhalb überfallen wird, entdeckt Ulysses, dass dahinter viel mehr steckt. Normal ist fest im Griff einer kriminellen Verschwörung und alle Einwohner*innen – vom Barbetreiber bis zum Priester – scheinen Teil davon zu sein.

Ben Wheatleys "Normal" ist eine herrlich schräge Mischung aus Kleinstadtkrimi, schwarzer Komödie und blutigem Actionfilm. Bob Odenkirk spielt den vorübergehenden Sheriff Ulysses, der im verschneiten Normal eigentlich nur etwas Ruhe sucht, bis ein Banküberfall die scheinbare Idylle zerlegt. Was zunächst an "Fargo" erinnert, entwickelt sich zunehmend zu einer grotesken Gewaltorgie – inklusive einer gehörigen Portion schwarzem Humor. Odenkirk trägt den Film mit seiner gewohnt trockenen Präsenz und macht Ulysses gerade dadurch sympathisch, dass er kein unbesiegbarer Superheld ist. Auch Lena Headey und Henry Winkler sind gut aufgelegt, bekommen von Drehbuchautor Derek Kolstad allerdings deutlich weniger zu tun, als ihre Namen vermuten lassen. Die eigentliche Stärke liegt ohnehin in Wheatleys Inszenierung: präzises Timing, verschrobene Figuren und überraschend kreative Action verbinden sich zu einem angenehm eigenwilligen Genre-Mix.

Allerdings braucht "Normal" etwas zu lange, um aus seiner ruhigen Ausgangssituation herauszukommen. Einige Wendungen sind vorhersehbar, die Charakterzeichnung bleibt stellenweise oberflächlich und der schwarze Humor trifft nicht immer ins Ziel. Sobald jedoch die Eskalation einsetzt, dreht Wheatley ordentlich auf: Schießereien, Explosionen und makabre Zufälle sorgen für genau jene überzeichnete Brutalität, die den Film von einem gewöhnlichen Odenkirk-Actioner abhebt. Damit erfindet "Normal" den Kleinstadt-Actionthriller nicht neu, macht aus seinen bekannten Zutaten aber einen kurzweiligen und angenehm bizarren Genre-Cocktail. Zwischen "Fargo", "Hot Fuzz" und "Nobody" findet Wheatley seinen eigenen, ziemlich blutigen Ton. Nicht jede Pointe sitzt und die erste Hälfte könnte straffer sein – doch Odenkirk, die schräge Atmosphäre und das furiose Finale machen den Film sehenswert.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkAperture Media Partners/QWGmire/Odenkirk Provissiero Entertainment/Le Foole/Tradecraft/Normal Films

Dienstag, 1. September 2026

Road Trip - Road Trip: Heißer Trip nach Texas (Unr8ted) (2000)

https://www.imdb.com/de/title/tt0215129/
https://letterboxd.com/film/road-trip/

College-Student Josh (Breckin Meyer) hat zwei Probleme: Er muss das nächste Examen mit einer Zwei-plus bestehen und verhindern, dass ein Video, das er gerade abgeschickt hat, seine Freundin Tiffany (Rachel Blanchard) im 1.800 Meilen entfernten Austin erreicht. Statt einer Liebesbotschaft schickt Josh versehentlich einen Mitschnitt eines Seitensprungs mit Studienkollegin Beth (Amy Smart). Gemeinsam mit seinen Freunden - dem Möchte-gern-Macho E. L. (Seann William Scott), dem intellektuellen Kiffer Rubin (Paulo Costanzo) und dem schüchternen Kyle (D. J. Qualls) - macht sich Josh auf die Reise, um das Video abzufangen, bevor die Post es ausliefert.

Todd Phillips’ *Road Trip* ist eine ziemlich typische Komödie ihrer Zeit - vulgär, sexbesessen, albern und trotzdem erstaunlich sympathisch. Josh (Breckin Meyer) verschickt versehentlich ein Sexvideo an seine Freundin Tiffany (Rachel Blanchard) und macht sich mit seinen Freunden E.L. (Seann William Scott), Rubin (Paulo Costanzo) und dem unfreiwillig mitgeschleppten Kyle (DJ Qualls) auf einen 1.800-Meilen-Trip, um das Band abzufangen. Der Film lebt vor allem von seinem Ensemble. Meyer ist als etwas überforderter Josh ein sympathischer Mittelpunkt, während Seann William Scott als hemmungsloser E.L. regelmäßig die Show stiehlt. Auch DJ Qualls sorgt als nerdiger Kyle für einige der besseren Momente. Tom Green als völlig durchgedrehter Barry ist dagegen eine Geschmacksfrage: Seine Auftritte gehören zu den absurdesten Teilen des Films. 

Phillips, der später mit "The Hangover" deutlich größere Erfolge feiern sollte, findet bereits hier ein gutes Gespür für Tempo und episodische Komik. Einige Gags - insbesondere die French-Toast-Sequenz, die Begegnung mit Barry oder der völlig aus dem Ruder laufende Zwischenstopp - funktionieren noch immer. Gleichzeitig besteht ein großer Teil des Humors aus Sexwitzen, Körperkomik und bewusst geschmacklosen Einfällen. Problematischer ist, dass "Road Trip" seine eigene Tonlage nicht immer findet. Der Film will gleichzeitig schmutzig und herzlich sein und wirkt dadurch gelegentlich uneinheitlich. Genau das spürt man noch heute: Zwischen der sympathischen Freundschaftsgeschichte und den möglichst derben Gags liegen manchmal Welten. Trotzdem besitzt der Film einen gewissen Charme, den viele spätere Teenie-Komödien nicht mehr erreichten. Er ist eine Momentaufnahme der Zeit vor Smartphones und GPS, in der eine falsch verschickte Videokassette tatsächlich eine 1.800 Meilen lange Odyssee auslösen konnte. Gerade diese analoge Ausgangssituation verleiht "Road Trip" heute einen unerwarteten Nostalgiefaktor.

"Road Trip" ist weder besonders intelligent noch besonders subtil, aber als freche, temporeiche College-Komödie funktioniert er überraschend gut. Nicht jeder Gag sitzt, Tom Green strapaziert die Geduld und manches ist aus heutiger Sicht deutlich angestaubt. Dafür stimmen Ensemble, Tempo und die Chemie der Hauptfiguren. Irgendwo zwischen Guilty Pleasure und solider Komödie.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkDreamWorks Pictures/The Montecito Picture Company

Montag, 31. August 2026

Straw Dogs - Wer Gewalt sät (1971)

https://www.imdb.com/de/title/tt0067800/
https://letterboxd.com/film/straw-dogs/

Der junge Mathematiker David Sumner (Dustin Hoffman) reist gemeinsam mit seiner Frau Amy (Susan George) aus den USA in ihre englische Heimatstadt, um für ein paar Wochen den Unruhen der turbulenten 60er Jahre zu entgehen. Hier erhofft sich David die nötige Ruhe, um seinen Arbeiten nachgehen zu können. Doch das Auftreten des Ehepaars erregt Abneigung unter den Einwohnern der Kleinstadt. Es kommt zu immer neuen Anfeindungen und versuchten Demütigungen, unter anderem ausgeführt von einer Gruppe Handwerkern, die eine Garage an das Anwesen der Sumners anbauen. Die Situation eskaliert, als der geistig zurückgebliebene Niles (David Warner) versehentlich das junge Mädchen Janice (Sally Thomsett) tötet und David ihn um jeden Preis vor dem rachsüchtigen Lynchmob der Einheimischen retten will...

Sam Peckinpahs "Wer Gewalt sät" ist einer dieser Filme, die man kaum "mögen" kann - und die man trotzdem gesehen haben sollte. Dustin Hoffman spielt den amerikanischen Mathematiker David Sumner, der mit seiner Frau Amy (Susan George) in ein abgelegenes Dorf in Cornwall zieht. Was als Rückzug ins ruhige Landleben beginnt, entwickelt sich durch die Feindseligkeit der Einheimischen zu einer immer bedrohlicheren Eskalation. Peckinpah interessiert sich dabei weniger für einen klassischen Kampf zwischen Gut und Böse als für die dünne Schicht Zivilisation, unter der Gewalt und männlicher Dominanz lauern. Peckinpahs Inszenierung und John Coquillons Kamera macht die idyllische Landschaft zunehmend klaustrophobisch, während der berühmte, hektische Schnitt die Gewalt nicht nur zeigt, sondern den Zuschauer regelrecht in sie hineinzieht. Gerade das Finale gehört zum eindrucksvollsten und nervenaufreibendsten Actionkino der frühen 70er. Ein Stück weit zelebriert der Film Gewalt, doch die außergewöhnliche Kontrolle über Spannung und Atmosphäre machen ihn faszinierend.

Dustin Hoffman ist als zunächst konfliktscheuer, intellektueller David hervorragend besetzt. Interessant ist vor allem seine allmähliche Veränderung: Aus dem Mann, der Gewalt vermeiden möchte, wird jemand, der sie schließlich selbst mit erschreckender Konsequenz einsetzt. Genau diese Entwicklung macht den Film bis heute so unangenehm. Susan George ist als Amy allerdings eine wesentlich kompliziertere und problematischere Figur, insbesondere angesichts der berüchtigten Vergewaltigungsszene. Hier hat der Film eine bis heute schwer zu übersehende Ambivalenz, die seine Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt sowohl interessant als auch moralisch fragwürdig macht. Genau darin liegt die beschriebene Faszination von "Wer Gewalt sät": Er lässt sich nicht bequem als Warnung vor Gewalt oder als simple Männerfantasie einordnen. Peckinpah zwingt den Zuschauer vielmehr dazu, sich beim Zuschauen selbst zu beobachten - insbesondere im blutigen Finale, wenn die Gewalt beinahe kathartisch wirkt. Natürlich ist auch dieser Film nicht frei von Schwächen. Manche Figuren bleiben eher Typen als Menschen, und Peckinpahs provokante Symbolik wirkt stellenweise ausgesprochen dick aufgetragen. Wer eine eindeutige moralische Position erwartet, wird mit dem Film wenig anfangen können. Gerade seine Uneindeutigkeit macht ihn jedoch wesentlich interessanter als den deutlich konventionelleren Actionthriller, als der er auf den ersten Blick erscheinen könnte.

"Wer Gewalt sät" ist brutal, unbequem und stellenweise schwer erträglich - aber auch meisterhaft inszeniert, hervorragend gespielt und bis heute diskussionswürdig. Peckinpah macht aus der englischen Provinz einen psychologischen Pulverfass und aus einem zurückhaltenden Intellektuellen einen Mann, der seine eigene Gewalt entdeckt. Ein problematischer Film, zweifellos - aber gerade deshalb ein wichtiger und bemerkenswert nachhaltiger. 

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkABC Pictures/Talent Associates/Amerbroco Films

Sonntag, 30. August 2026

Limitless - Ohne Limit (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt1219289/
https://letterboxd.com/film/limitless/

Eddie Morra (Bradley Cooper) lebt in New York und resigniert zunehmend wegen seiner stockenden Autoren-Karriere. Dann fällt ihm eine ganz besondere Droge in die Hand, mit deren Hilfe sich Charisma und kognitive Fähigkeiten rapide steigern lassen. Jede noch so kleine Information und Erinnerung kann verlustfrei abgerufen werden. Innerhalb von vier Tagen stellt er seinen Roman fertig, lernt rasend schnell verschiedene Fremdsprachen und betätigt überaus erfolgreiche Finanzgeschäfte. Bald schon ist er reich, sexy und berühmt. Wer würde da nicht zum Junkie werden? Bloß hat die Droge bereits zahlreiche Todesopfer gefordert - und auch Eddies Zeit läuft langsam ab...

"Limitless" von Regisseur Neil Burger nimmt eine ziemlich alte Science-Fiction-Idee - eine Pille, die das menschliche Gehirn scheinbar grenzenlos leistungsfähig macht - und verpackt sie als rasant erzählten Thriller. Eddie Morra (Bradley Cooper) ist zunächst ein erfolgloser Schriftsteller, bis ihm eine mysteriöse Droge plötzlich ermöglicht, sich an alles zu erinnern, blitzschnell zu lernen und scheinbar jeden Menschen und jede Situation zu durchschauen. Aus dem Verlierer wird ein Börsenstar - doch der Preis für die neue Genialität lässt nicht lange auf sich warten. Cooper trägt den Film souverän: Er macht Eddies Verwandlung vom lethargischen Chaoten zum selbstbewussten Machtmenschen glaubwürdig, ohne die Figur völlig sympathisch werden zu lassen. Abbie Cornish gibt als Lindy der Geschichte eine emotionale Erdung, während Robert De Niro als Finanzmagnat Carl Van Loon zwar Präsenz besitzt, aber für einen Schauspieler seines Kalibers erstaunlich wenig aus seiner eindimensionalen Rolle machen darf. 

Visuell ist "Limitless" dagegen ausgesprochen einfallsreich. Die Kameraarbeit und die digitalen Effekte vermitteln Eddies beschleunigte Wahrnehmung mit ungewöhnlichen Zooms, fließenden Übergängen und einer bewusst überdrehten Bildsprache. Burgers Inszenierung macht den Gedankenrausch regelrecht körperlich spürbar. Dazu kommt ein angenehm hohes Tempo, das den Film über weite Strecken zum unterhaltsamen Mix aus Thriller, Science-Fiction und Finanzsatire macht. Die Schwäche liegt im Drehbuch. Die zentrale Idee wird nie wirklich konsequent zu Ende gedacht: Die angebliche "100-Prozent-Gehirn"-Prämisse ist wissenschaftlicher Unsinn, und auch die Handlung um Drogendealer, Kredithaie, Mord und politische Macht wirkt zunehmend wie eine Sammlung praktischer Thriller-Bausteine. Trotzdem besitzt "Limitless" einen entscheidenden Vorteil: Er weiß, dass er in erster Linie Spaß machen soll. Statt sich in pseudowissenschaftlichen Erklärungen zu verlieren, verwandelt der Film seine Prämisse in eine elegante Fantasie über Erfolg, Geld und die Verlockung grenzenloser Möglichkeiten. Ein bisschen "Wall Street", ein bisschen "The Matrix" und eine gute Portion Hochglanz-Verschwörungsthriller - nicht besonders tiefgründig, aber verdammt unterhaltsam.

"Limitless" ist clever inszeniertes Popcornkino mit einem starken Bradley Cooper, einem großartigen visuellen Konzept und einer ausgesprochen verführerischen Ausgangsidee. Dass der Film seine interessanten philosophischen Fragen zugunsten eines konventionellen Thrillers weitgehend liegen lässt, verhindert den ganz großen Wurf. Als temporeicher, stilvoller und angenehm leichtfüßiger Sci-Fi-Thriller funktioniert er aber auch Jahre später noch erstaunlich gut.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkRelativity Media/Virgin Produced/Many Rivers Productions/Boy of the Year/Rogue Pictures/Mandate International

Toy Story 5 (2026)

https://www.imdb.com/title/tt29355505/

Nachdem Cowboy Woody (Stimme im Original: Tom Hanks, auf Deutsch: Michael „Bully“ Herbig) und Space Ranger Buzz Lightyear (Tim Allen) in den vorherigen Filmen damit klarkommen mussten, dass ihr Besitzer Andy langsam älter wird und sich immer weniger für seine Kinderspielzeuge interessiert, sind sie mittlerweile alle im Besitz von Andys kleiner Schwester Bonnie. Aber damit sind sie längst noch nicht auf der sicheren Seite: Denn in „Toy Story 5“ kommt ein neues Spielzeug ins Kinderzimmer, das dafür sorgen könnte, dass alle anderen Spielzeuge schnell in Vergessenheit geraten: ein Tablet in Form eines Frosches! Schließlich kennt man das auch aus dem realen Leben: Sobald ein Screen erleuchtet, ist alles Analoge oft schnell vollkommen uninteressant. Finden Woody, Buzz & Co. trotzdem einen Weg, das Herz von Bonnie zurückzuerobern?

Zugegeben: Nach "Toy Story 4: Alles hört auf kein Kommando" waren wir alle davon überzeugt, dass die Geschichte von Woody, Buzz, Jessy und all ihren Freunden endgültig erzählt ist. Die emotionale Verabschiedung von Woody wirkte 2019 wie ein perfekter Schlusspunkt für eine der erfolgreichsten Filmreihen der Animationsgeschichte. Entsprechend groß war die Skepsis, als Pixar "Toy Story 5" ankündigte und man stellte sich die Frage: "Braucht es wirklich noch einen weiteren Teil?" Und überraschenderweise lautet die Antwort: Ja. Ja, zumindest wenn er so charmant, emotional und thematisch aktuell ausfällt wie dieser hier. Unter der Regie von Andrew Stanton verlagert sich in "Toy Story 5" der Fokus stärker auf Jessie. Während Woody und Buzz weiterhin wichtige Rollen spielen, steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, welche Bedeutung Spielzeug in einer Welt hat, die zunehmend von Bildschirmen, Tablets und digitalen Unterhaltungsangeboten geprägt wird. Die neue Gegenspielerin Lilypad, ein intelligentes Tablet-Gerät, konkurriert direkt um Bonnies Aufmerksamkeit und stellt die traditionellen Spielzeuge vor eine Herausforderung, die aktueller kaum sein könnte. 


Was zunächst wie eine einfache "Spielzeug gegen Technologie"-Geschichte klingt, entwickelt sich zu einer überraschend differenzierten Auseinandersetzung mit Kindheit, Fantasie und den Veränderungen moderner Lebenswelten. Dabei vermeidet der Film weitgehend die Falle, digitale Medien pauschal zu verteufeln. Stattdessen untersucht er, wie sich Spielverhalten verändert und warum Fantasie auch im digitalen Zeitalter ihren Wert behält. Diese ausgewogene Herangehensweise und die Aktualität der Thematik ist erstaunlich differenziert und damit sehr erwähnens- und gleichzeitig lobenswert.

Besonders erfreulich ist zudem, wie viel Raum Jessie in "Toy Story 5" erhält. Bereits in "Toy Story 2" gehörte sie zu den emotional stärksten Figuren der Reihe, wurde in den späteren Filmen jedoch oft etwas in den Hintergrund gedrängt. Hier darf sie endlich die Hauptfigur sein. Ihre Geschichte verleiht dem Film eine emotionale Tiefe, die überrascht und gleichzeitig verzaubert. Die Verlagerung des Fokus auf Jessie verleiht dem Franchise neue Impulse und verhindert gleichzeitig, dass sich die Geschichte abgenutzt anfühlt oder lediglich wiederholt.


Visuell bewegt sich Pixar einmal mehr auf beeindruckendem Niveau. Die Animationen gehören zum wiederholten Male zum Besten, was das Studio bislang produziert hat. Besonders die Lichtstimmungen, die detaillierten Oberflächen der Spielzeuge und die liebevolle Gestaltung der Umgebungen zeigen eindrucksvoll, wie weit sich Computeranimation seit dem ersten "Toy Story" entwickelt hat. Dabei verliert der Film nie den warmen, vertrauten Look, der die Reihe seit 1995 auszeichnet.

Auch emotional funktioniert "Toy Story 5" einmal mehr erstaunlich gut. Die Reihe war schon immer dann am stärksten, wenn sie universelle Themen wie Verlust, Veränderung und Zugehörigkeit behandelte (vor allem mit den bis heute emotionalsten Szenen wie Jessis Verlust in "Toy Story 2" und der Zusammenhalt der Spielzeuge im Finale bei "Toy Story 3"). Diesmal stehen die Angst vor dem Überholtwerden und die Frage im Mittelpunkt, welchen Platz traditionelle Formen des Spielens in einer technologisierten Welt noch haben. Gerade heutige Erwachsene, die irgendwo mit der Reihe aufgewachsen sind, werden vermutlich in vielen Szenen eine unerwartete emotionale Resonanz finden. 

Allerdings ist nicht alles perfekt und einige Kritikpunkte lassen sich nicht vollständig von der Hand weisen. Die Grundkonstellation erinnert stellenweise auffällig an den ersten "Toy Story"-Film: Ein neues Objekt tritt auf, bedroht die Stellung der etablierten Figuren und sorgt für Konflikte innerhalb der Gruppe. Bestimmte Handlungselemente fühlen sich so merkwürdig vertraut an und nicht jede Idee wirkt damit vollkommen neu - eben nur der heutigen Zeit angepasst. Prinzipiell ist dies nur der Wermutstropfen in einer ansonsten durch die Bank weg unterhaltsamen Geschichte. Zudem bleibt auch am Ende die Frage bestehen, ob die Geschichte wirklich notwendig war. Die Qualität des Films steht außer Frage, jedoch bleiben durchaus Zweifel hinsichtlich der Frage zurück, ob die Reihe nach vier Filmen überhaupt noch weiterer Fortsetzungen bedurfte. Diese Diskussion begleitet den Film aber zwangsläufig und wird vermutlich auch in Zukunft Teil seiner Wahrnehmung bleiben. 


Trotzdem gelingt Pixar etwas Bemerkenswertes: Der Film fühlt sich trtz aller vorheriger Kritik nicht wie eine reine Pflichtfortsetzung an. Statt lediglich bekannte Figuren für einen weiteren Kassenerfolg zurückzubringen, versucht "Toy Story 5" tatsächlich, neue Fragen zu stellen und die Themen der Reihe weiterzuentwickeln. Die Mischung aus Nostalgie, Humor und emotionaler Reife ist tatsächlch positiv hervorzuheben und die Rückkehr der Spielzeughelden begeistert schlichtweg ab dem ersten moment, wo man "seine" Helden wieder auf der Leinwand erblickt. 

Letztlich beweist "Toy Story 5" einmal mehr, dass in diesem Franchise offenbar noch immer Leben steckt. Vielleicht erreicht der Film nicht ganz die emotionale Wucht von "Toy Story 3" oder die kreative Frische des Originals, doch er erzählt seine Geschichte mit so viel Herz, Charme und handwerklicher Klasse, dass man ihm seine Existenz kaum übelnehmen kann. Damit avanciert "Toy Story 5" zu einer überraschend gelungenen Fortsetzung, die den Spagat zwischen Nostalgie und zeitgemäßen Themen bemerkenswert gut meistert. Die stärkere Fokussierung auf Jessie, die intelligente Auseinandersetzung mit Technologie und die gewohnt brillante Pixar-Qualität sorgen für einen Film, der weit mehr ist als nur ein weiterer Aufguss bekannter Ideen. Zwar sind einige Wiederholungen nicht zu übersehen, doch die emotionale Kraft und der Charme der Figuren tragen den Film mühelos über kleinere Schwächen hinweg. Für Fans der Reihe ist diese Rückkehr definitiv eine Reise wert. 

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Disney/Pixar

Samstag, 29. August 2026

The Woman (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt1714208/
https://letterboxd.com/film/the-woman/

Der angesehene Anwalt und Familienvater Chris Cleek (Sean Bridgers) fängt eines Tages eine wilde, in den Wäldern lebenden Frau (Pollyanna McIntosh). Angekettet in einem Verlies in seinem Garten will er das „Monster“ zivilisieren. Mit immer brutaleren Mitteln, versucht er dieses Ziel zu erreichen und spannt dabei seine Familie ein. Während sein Sohn immer stärker in seine Fußstapfen tritt, fällt der jahrelang unterdrückten Mutter (Angela Bettis) das Schweigen immer schwerer. Tochter Peggy (Lauren Ashley Carter) zieht sich immer weiter zurück, was auch ihrer besorgten Lehrerin (Carlee Baker) auffällt. Als diese ein Gespräch sucht, überschlagen sich die Ereignisse…

Lucky McKees "The Woman" ist kein Horrorfilm, der sein Publikum gemütlich erschrecken möchte. Er will provozieren, ekeln und vor allem unangenehme Fragen stellen. Die Geschichte um den Familienvater und Anwalt Chris Cleek (Sean Bridgers), der eine verwilderte Frau (Pollyanna McIntosh) gefangen nimmt und sie in seinem Keller "zivilisieren" will, entwickelt sich vom verstörenden Hinterwäldler-Schocker zur bitterbösen Abrechnung mit patriarchaler Gewalt und familiärer Fassade. Dass der Film dabei teilweise mit dem Holzhammer arbeitet, gehört ebenso zu seinen Stärken wie zu seinen Schwächen. McKees größter Coup ist, dass die vermeintliche Bestie gar nicht das eigentliche Monster ist. Während Chris seine Gefangene kontrollieren und misshandeln lässt, offenbart sich nach und nach, wie krank seine scheinbar perfekte Familie tatsächlich ist. Die clevere Umkehrung des üblichen Horrorfilms - draußen lauert das Monster, drinnen ist die Familie sicher - macht "The Woman" wesentlich interessanter als einen gewöhnlichen Torture-Horror. 

Pollyanna McIntosh Darstellung ist dabei fast vollständig nonverbal und trotzdem enorm präsent. Sean Bridgers verkörpert Chris dagegen bewusst widerlich: freundlich nach außen, selbstgerecht und kontrollierend im Privaten. Angela Bettis als Ehefrau Belle und Lauren Ashley Carter als Tochter Peggy sorgen dafür, dass die Gewalt nicht nur als Konflikt zwischen Täter und Opfer funktioniert, sondern als System, in das eine ganze Familie hineingezogen wird. Gerade die Figurenzeichnung der Cleeks gehört zu den überzeugenderen Aspekten des Films. Natürlich ist "The Woman" nicht subtil. Die feministische Botschaft wird so deutlich ausgesprochen und ausgespielt, dass man sie eigentlich nicht übersehen kann. Das Drehbuch von McKee und Jack Ketchum setzt weniger auf psychologische Feinzeichnung als auf Eskalation - und manchmal merkt man ihm seine Herkunft aus dem Exploitation-Kino deutlich an.

Dafür besitzt die Inszenierung eine unangenehme Konsequenz. McKee lässt die Gewalt nicht einfach als Schockeffekt verpuffen, sondern verbindet sie mit der Frage, wie Missbrauch innerhalb einer vermeintlich normalen Familie weitergegeben wird. Besonders im letzten Drittel zieht der Film die Schraube drastisch an und liefert eine blutige, bewusst exzessive Schlussphase. Handwerklich ist das Ganze eher dreckig als elegant. Einige Kameraperspektiven und die langsame erste Hälfte wirken gelegentlich unbeholfen, während der metallische Soundtrack und die explizite Gewalt den Film fest im Horror- und Exploitationbereich verankern. Gerade diese Mischung aus Sozialdrama, Home-Invasion-Umkehrung und Splatter macht "The Woman" aber unverwechselbar. Seine größte Schwäche bleibt, dass McKee seine Aussage mehrfach wiederholt, anstatt sie sich aus den Figuren entwickeln zu lassen. Dadurch wirkt manches konstruiert und provokativ um der Provokation willen. 

"The Woman" ist unangenehm, brutal und alles andere als subtil - aber gerade deshalb bleibt er hängen. Hinter der schmutzigen Exploitation-Oberfläche steckt eine erstaunlich klare Analyse von Macht, Missbrauch und patriarchaler Kontrolle. Pollyanna McIntosh liefert eine herausragende körperliche Performance, Sean Bridgers einen herrlich abstoßenden Gegenpol, und McKee findet im letzten Akt Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Kein perfekter Horrorfilm und sicherlich nichts für empfindliche Gemüter. Aber als wütende, blutige und bewusst überzeichnete Abrechnung mit häuslicher Gewalt funktioniert "The Woman" deutlich besser, als sein reißerisches Äußeres vermuten lässt.

6,5/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien die "The Woman"-Trilogie hierzulande in 4K Ultra-HD einem tollen Mediabook, welches alles drei Teile ("Beutegier", "The Woman" und "Darlin'") in ihrer ungeschnittenen Originalversion beinhaltet:


Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Modernciné

Freitag, 28. August 2026

Sleepers (1996)

https://www.imdb.com/de/title/tt0117665/
https://letterboxd.com/film/sleepers/

New York in den sechziger Jahren: Die vier Freunde aus dem New Yorker Stadtviertel Hell's Kitchen hatten eigentlich nur einen harmlosen Streich im Sinn, ohne mit den schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen. Ihre Kindheit endet von einem Tag auf den anderen und sie landen im Jugendknast, wo sie der sadistische Aufseher Nokes (Kevin Bacon) auf bestialische Weise mißhandelt. Als sie die Freunde als Erwachsene wiedertreffen, wollen sie vor allem eines: Rache für ihre verlorene Jugend. In einer Bar schießen sie den verhassten Nokes nieder und es kommt zu einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess.

Das düstere Schuld-und-Sühne-Drama "Sleepers" von Regisseur Barry Levinson, bezieht seine Wirkung vor allem aus einem erschütternden Thema und einer außergewöhnlichen Besetzung. Vier Jungen aus Hell’s Kitchen landen nach einem missglückten Streich in einer Jugendstrafanstalt, wo sie von Aufseher Nokes (Kevin Bacon) und seinen Männern brutal missbraucht werden. Jahre später begegnen sich die traumatisierten Freunde wieder - und beschließen, Vergeltung zu üben. Levinson erzählt diese Geschichte in zwei sehr unterschiedlichen Hälften: zunächst als atmosphärisches Jugenddrama über Freundschaft und das raue New York der 1960er, später als Kriminal- und Gerichtsfilm. Beide Teile funktionieren, wobei gerade der Wechsel der Perspektiven die Geschichte spannend hält. Die erwachsenen Hauptrollen mit Jason Patric, Brad Pitt, Billy Crudup und Ron Eldard werden durch Robert De Niro als Father Bobby, Dustin Hoffman als Anwalt Danny Snyder und Kevin Bacon als erschreckend nüchternen Nokes prominent ergänzt. Die Besetzung ist tatsächlich eine der größten Stärken des Films. 

Besonders stark ist die Darstellung der Folgen des Missbrauchs. "Sleepers" macht aus dem Erlebten keine bloße Vorgeschichte für einen Rachethriller, sondern zeigt, wie sehr die Vergangenheit die vier Männer geprägt hat. Gleichzeitig bleibt Levinson nicht bei einem simplen "Auge um Auge". Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Kann ein Verbrechen durch ein anderes Verbrechen gesühnt werden? Und darf eine Gesellschaft Gerechtigkeit durch Selbstjustiz ersetzen? Genau hier liegt allerdings auch die Schwäche des Films. Das Drehbuch arbeitet teilweise sehr manipulativ und erklärt seine moralischen Konflikte lieber, als sie den Zuschauer selbst entdecken zu lassen. Besonders die ausgedehnte Off-Erzählung von Shakes wirkt gelegentlich überdeutlich. Hinzu kommt die bis heute problematische Behauptung, die Geschichte beruhe auf wahren Ereignissen - eine Behauptung, die schon bei Lorenzo Carcaterras Vorlage massiv angezweifelt wurde. Trotzdem entwickelt "Sleepers" eine enorme emotionale Sogwirkung. Michael Ballhaus' Kamera verleiht dem Film eine düstere, fast klassische Optik, während Levinson die Milieus von Hell's Kitchen und der Strafanstalt überzeugend gegenüberstellt. Die Gerichtssequenzen sind vielleicht etwas konventionell, aber hervorragend besetzt und dramaturgisch effektiv. 

"Sleepers" ist damit letztlich kein makelloser Film und schon gar kein unproblematisches moralisches Lehrstück. Dafür ist die Inszenierung teilweise zu melodramatisch und die Konstruktion der Rachegeschichte zu bequem. Aber Levinson gelingt ein packendes, hervorragend gespieltes Drama über Freundschaft, Trauma, Schuld und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Gerade die herausragende Besetzung und die kompromisslose Darstellung der psychischen Folgen machen den Film auch heute noch eindringlich.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkPropaganda Films/Baltimore Pictures