Mittwoch, 30. September 2026

Heavenly Creatures (1994)

https://www.imdb.com/title/tt0110005/
https://letterboxd.com/film/heavenly-creatures/

In den 1950er Jahren im neuseeländischen Christchurch lernen sich die jugendlichen Außenseiterinnen Pauline Rieper (Melanie Lynskey) und Juliet Hulme (Kate Winslet) kennen und entwickeln eine intensive Freundschaft. Die Mädchen haben viele Gemeinsamkeiten: Sie leiden beide unter einer schweren Krankheit und verehren den italo-amerikanischen Opernsänger Mario Lanza. Um der langweiligen und geschniegelten Realität Christchurchs zu entfliehen, schaffen die Freundinnen gemeinsam eine Fantasiewelt, die von Einhörnern, übergroßen Schmetterlingen und einer dekadenten Königsfamilie bevölkert wird. Ihre Eltern erkennen in der immer intensiver werdenden Bindung der Mädchen schon bald den Beginn einer "gefährlichen homosexuellen Beziehung" und versuchen sie mit allen Mitteln auseinanderzubringen. Doch Pauline und Juliet sind zum Äußersten bereit, um sich und ihr Königreich gegen diesen Angriff zu verteidigen...

"Heavenly Creatures" ist ein Film, der einen zunächst mit seiner fantasievollen, beinahe märchenhaften Oberfläche lockt - und einen dann ziemlich unbarmherzig daran erinnert, dass hinter dieser Fantasie etwas zutiefst Verstörendes steckt. Peter Jackson erzählt darin die wahre Geschichte der beiden Jugendlichen Pauline Parker (Melanie Lynskey) und Juliet Hulme (Kate Winslet), die sich im Neuseeland der 1950er-Jahre anfreunden und eine gemeinsame Fantasiewelt erschaffen. Aus dieser intensiven Freundschaft entwickelt sich schließlich eine Katastrophe. Was mich an dem Film besonders beeindruckt, ist, wie konsequent Jackson die Welt durch die Augen der beiden Mädchen zeigt. Christchurch wird für Pauline und Juliet schnell zu einem langweiligen, einengenden Ort, aus dem sie sich in ihre eigene „Vierte Welt“ flüchten. Dort gibt es Königreiche, Monster, Helden und große Abenteuer. Ihre Fantasie ist nicht bloß ein gelegentlicher Ausweg aus dem Alltag, sondern wird zunehmend zu ihrer eigentlichen Realität. Jackson visualisiert diese Vorstellungen mit enormer Kreativität: Plastilinfiguren erwachen zum Leben, Landschaften verwandeln sich in märchenhafte Kulissen, und die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit verschwimmen immer stärker.

Gerade diese Szenen sind visuell herausragend. Die Kamera bewegt sich oft geradezu euphorisch durch die Bilder, die Musik wird zum emotionalen Verstärker, und die Fantasiesequenzen besitzen eine fiebrige, manchmal fast psychedelische Energie. Gleichzeitig wirkt das Ganze nie nur verspielt. Schon früh liegt über der Freundschaft etwas Unruhiges, Übersteigertes. Die Mädchen erleben ihre Verbindung als etwas Absolutes, als hätten sie füreinander eine eigene Welt geschaffen, in der die Regeln der Erwachsenen nicht mehr gelten. Dass diese Welt zunehmend bedrohliche Züge annimmt, macht den Film so faszinierend. Melanie Lynskey und Kate Winslet sind dabei schlicht großartig. Lynskey spielt Pauline als verschlossene, empfindsame und zugleich zunehmend besessene Jugendliche. Man spürt, wie sehr sie sich nach Anerkennung und Nähe sehnt, aber auch, wie schwer es ihr fällt, ihre Gefühle einzuordnen. Winslet ist als Juliet zunächst charismatischer und selbstsicherer. Sie besitzt eine ansteckende Energie, wirkt aber ebenfalls exaltiert und emotional instabil. Die beiden ergänzen sich hervorragend, weil ihre Freundschaft sowohl von echter Zuneigung als auch von gegenseitiger Verstärkung lebt.

Besonders stark ist, dass Jackson die beiden nicht einfach als unschuldige Opfer einer verständnislosen Erwachsenenwelt darstellt. Natürlich fühlen sie sich von ihren Eltern, der Schule und den gesellschaftlichen Erwartungen eingeengt. Ihre Fantasie ist auch ein Ausdruck jugendlicher Selbstbehauptung. Aber der Film zeigt ebenso deutlich, wie egozentrisch, manipulativ und gefährlich diese Abgrenzung werden kann. Pauline und Juliet sind keine eindimensionalen „bösen Mädchen“, aber auch keine romantischen Rebellinnen. Sie sind Jugendliche, die sich in ihrer eigenen emotionalen Dynamik immer weiter verlieren. Die Erwachsenen bleiben dabei bewusst etwas auf Abstand. Das ist einerseits konsequent, weil die Geschichte aus der Perspektive der Mädchen erzählt wird. Andererseits hätte ich mir stellenweise etwas mehr Tiefe bei den Eltern gewünscht. Ihre Sorgen und Reaktionen sind nachvollziehbar, doch sie erscheinen oft vor allem als Gegenspieler der Fantasiewelt. Gerade dadurch wird die Isolation der beiden Hauptfiguren verstärkt - allerdings verliert der Film gelegentlich an sozialer Ausgewogenheit.

Auch das Drehbuch von Peter Jackson und Fran Walsh ist bemerkenswert. Es versucht nicht, den realen Kriminalfall nüchtern nachzuerzählen, sondern interessiert sich für die emotionale Entwicklung, die zu ihm führt. Dabei bleibt die konkrete Psychologie nicht immer vollständig erklärbar. Warum aus einer intensiven Freundschaft eine derart zerstörerische Dynamik entsteht, beantwortet der Film nicht eindeutig. Das kann man als Schwäche empfinden, für mich passt es aber zur verstörenden Wirkung: "Heavenly Creatures" zeigt keinen sauber analysierbaren Abstieg, sondern einen Sog, dem sich die Figuren selbst immer weniger entziehen können. Die Inszenierung ist zweifellos Jacksons größte Leistung. Wer ihn nur von seinen späteren Großproduktionen kennt, dürfte überrascht sein, wie verspielt, mutig und experimentierfreudig dieser frühe Film ist. Die Kamerafahrten, die Farbgestaltung, die Musik und die Übergänge zwischen Realität und Fantasie wirken ausgesprochen einfallsreich. Gleichzeitig ist die Bildsprache nicht bloß Selbstzweck. Die märchenhaften Bilder machen sichtbar, wie Pauline und Juliet ihre Umwelt wahrnehmen - und wie gefährlich es wird, wenn diese Wahrnehmung keinen Korrektiven mehr begegnet. Das Erzähltempo ist allerdings nicht immer vollkommen ausgewogen. Gerade im Mittelteil verliert sich der Film gelegentlich etwas in der ausufernden Darstellung der Fantasiewelt und der emotionalen Abhängigkeit der Mädchen. Die Faszination ihrer Freundschaft ist zwar nachvollziehbar, doch manche Szenen wiederholen ähnliche Zustände von Euphorie, Trotz und gegenseitiger Bestätigung. Dadurch wirkt der Film stellenweise leicht überladen. Gleichzeitig ist diese Übersteigerung natürlich auch Teil seines Konzepts. Das Ende gehört dann zu den verstörendsten Momenten des Films. Jackson inszeniert die Katastrophe nicht als sensationellen Schockeffekt, sondern als erschreckende Konsequenz einer Entwicklung, die sich zuvor bereits angekündigt hat. Gerade weil der Film die Mädchen so intensiv in ihrer Fantasie begleitet, trifft der Bruch mit dieser Welt umso härter. Die märchenhafte Oberfläche wird rückwirkend zu etwas Tragischem und Unheimlichem.

"Heavenly Creatures" ist ein außergewöhnlicher Film über Freundschaft, Fantasie, emotionale Abhängigkeit und die gefährliche Grenze zwischen Vorstellung und Realität. Peter Jackson erzählt den Stoff mit einer beeindruckenden visuellen Energie, ohne die verstörende Dimension der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Melanie Lynskey und Kate Winslet liefern herausragende Leistungen und machen die Beziehung ihrer Figuren gleichermaßen faszinierend und beunruhigend. Nicht jede Nebenfigur ist tief ausgearbeitet, und die Inszenierung ist gelegentlich etwas überbordend – trotzdem bleibt dieser Film lange im Gedächtnis. Ein eigenwilliges, intensives und visuell herausragendes Drama.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: WingNut Films/New Zealand Film Commission/Fontana Film Production

Dienstag, 29. September 2026

Lady Bird (2017)

https://www.imdb.com/de/title/tt4925292/
https://letterboxd.com/film/lady-bird/

Christine McPherson (Saoirse Ronan) ist eine Teenagerin, die ihre Mutter Marion (Laurie Metcalf) liebt – und mächtig von ihr genervt ist. Die konservative katholische Highschool und das Leben in der Kleinstadt allgemein gehen Christine, die sich selbst Lady Bird nennt, mächtig auf den Zeiger. Oft denkt sie daran, ihre nordkalifornische Heimatstadt Sacramento endlich zu verlassen. Sie will auf ein College an der Ostküste, dort wo die Künstler und Intellektuellen leben, doch dafür hat Lady Birds Familie nicht genug Geld und die Noten der jungen Frau sind zu schlecht. Innerhalb eines sehr prägenden Jahres verbringt sie viel Zeit mit ihrer besten Freundin Julie (Beanie Feldstein) und lernt gleich zwei junge Männer kennen, zu denen sie sich stark hingezogen fühlt: Den aus gutem Hause stammenden Danny (Lucas Hedges) und das verdammt coole Bandmitglied Kyle (Timothée Chalamet)...

Es gibt Coming-of-Age-Filme, die vor allem von der ersten Liebe, großen Träumen oder dem Aufbegehren gegen die Erwachsenenwelt erzählen. Greta Gerwings Regiedebüt "Lady Bird" kann all das ebenfalls bieten, ist aber vor allem deshalb so gut, weil er versteht, wie widersprüchlich diese Lebensphase tatsächlich ist. Man möchte weg, unbedingt etwas Besonderes sein und endlich selbst entscheiden - und merkt dabei oft nicht, wie sehr man an den Menschen und Orten hängt, von denen man sich lösen will. "Lady Bird" ist auch einer jener Filme, bei denen eigentlich gar nicht so viel Spektakuläres passiert - und die gerade deshalb erstaunlich gut funktionieren. Christine McPherson (Saoirse Ronan), die sich selbst lieber "Lady Bird" nennt, lebt mit ihrer Familie in Sacramento und träumt von einem Studium an der Ostküste. Ihre Heimat empfindet sie als langweilig, ihre finanzielle Situation ist ihr peinlich und mit ihrer Mutter Marion (Laurie Metcalf) kracht sie regelmäßig zusammen. Lady Bird will unabhängig sein, verhält sich aber häufig impulsiv, egoistisch und verletzend. Genau das macht sie glaubwürdig. Gerwig idealisiert ihre Hauptfigur nicht, sondern zeigt sie als Jugendlichen, der erst noch lernen muss, sich selbst und andere richtig einzuschätzen.

Besonders stark ist die Beziehung zwischen Lady Bird und ihrer Mutter. Die beiden können sich offensichtlich sehr gut leiden - und schaffen es trotzdem, sich in beinahe jedem Gespräch gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Marion ist streng, kritisch und oft schwer zugänglich, doch hinter ihrer Härte stecken Überforderung, finanzielle Sorgen und die Angst, ihrer Tochter nicht genug bieten zu können. Lady Bird wiederum sieht zunächst nur die Einschränkungen und erkennt erst allmählich, wie viel ihre Mutter tatsächlich für sie tut. Diese Dynamik wirkt nie wie ein künstlich zugespitzter Familienkonflikt, sondern erstaunlich echt. Saoirse Ronan spielt ihre Rolle mit einer beeindruckenden Mischung aus Energie, Charme und Unsicherheit. Lady Bird kann innerhalb einer Szene witzig, überheblich, verletzlich und peinlich sein. Ronan macht jede dieser Facetten nachvollziehbar. Dabei ist sie keineswegs immer sympathisch. Sie lügt, übertreibt, ist eitel und behandelt ihre beste Freundin Julie (Beanie Feldstein) zeitweise ziemlich unfair. Genau das macht sie aber zu einer überzeugenden Hauptfigur: Lady Bird ist kein idealisiertes Filmteenager-Genie, sondern ein unsicherer Mensch, der erst noch herausfinden muss, wer er eigentlich sein möchte. Laurie Metcalf steht ihr als Marion in nichts nach. Ihre Darstellung ist oft schroff und komisch, besitzt aber immer eine unterschwellige Traurigkeit. Auch Tracy Letts als Vater, Beanie Feldstein als beste Freundin Julie sowie Lucas Hedges und Timothée Chalamet in den Rollen von Lady Birds romantischen Bekanntschaften sorgen dafür, dass die Welt des Films lebendig bleibt.

Gerwig erzählt das letzte Schuljahr ihrer Hauptfigur in kurzen, präzise beobachteten Episoden. Es geht um Freundschaften, erste sexuelle Erfahrungen, Religion, Schulaufführungen, soziale Unterschiede und die Angst vor der Zukunft. Dabei gelingt es dem Film, zugleich leicht und ernst zu sein. Ein beiläufiger Dialog kann zunächst zum Lachen bringen und kurz darauf eine empfindliche Stelle treffen. Der Humor entsteht nicht aus übertriebenen Gags, sondern aus den Eigenheiten der Figuren und den unangenehmen Situationen, in denen sie sich wiederfinden. Man lacht über peinliche Gespräche, über pubertäre Selbstüberschätzung oder über die Absurdität des Schulalltags - und erkennt darin vielleicht auch ein bisschen sich selbst wieder. Gleichzeitig kippen manche Szenen ganz beiläufig ins Emotionale. Ein Satz, der zunächst harmlos klingt, kann plötzlich richtig wehtun. Auch die Inszenierung gefällt mir gerade durch ihre Zurückhaltung. Sacramento wird weder als trostlose Provinz noch als nostalgisches Paradies gezeigt. Der Ort ist für Lady Bird zunächst ein Gefängnis, wird für das Publikum aber zunehmend zu einem vertrauten Lebensraum voller kleiner Erinnerungen. Die warme Kameraarbeit, der passende Soundtrack und die unaufdringliche Ausstattung unterstützen diesen Eindruck, ohne die Geschichte mit Nostalgie zu überladen. 

Sacramento wird nicht als hässlicher Ort dargestellt, aus dem man unbedingt fliehen muss, sondern als Stadt, die für Lady Bird gleichzeitig zu klein und doch voller Erinnerungen ist. Die warme Kameraarbeit, der passende Soundtrack und das frühe-2000er-Flair sorgen für Atmosphäre, ohne den Film in kitschige Nostalgie zu verwandeln. Alles wirkt eher beobachtet als künstlich arrangiert. Ein kleiner Schwachpunkt liegt in der episodischen Struktur. Manche Nebenfiguren und Konflikte werden nur angerissen, und einzelne Entwicklungsschritte wirken etwas schnell abgehandelt. Trotzdem passt diese Form erstaunlich gut zum Thema: Ein Schuljahr kann sich gleichzeitig endlos und viel zu kurz anfühlen. Gerade die Kürze des Films verhindert, dass seine emotionalen Momente unnötig ausgedehnt werden. Was "Lady Bird" für mich besonders macht, ist sein Verständnis dafür, dass Erwachsenwerden nicht nur bedeutet, sich von zu Hause zu lösen. Es bedeutet auch, die eigene Vergangenheit mit anderen Augen zu sehen. Der Film liefert dafür keine großen, pathetischen Antworten, sondern vertraut auf kleine Gesten, Blicke und unausgesprochene Gefühle. Es geht nicht darum, plötzlich alles an der eigenen Familie oder Heimat toll zu finden. Es geht eher darum, die Dinge mit etwas Abstand anders zu sehen. Das macht ihn nicht spektakulär, aber sehr berührend.

"Lady Bird" ist ein warmherziger, witziger und erstaunlich ehrlicher Coming-of-Age-Film. Saoirse Ronan und Laurie Metcalf tragen die Geschichte mit großartigen Leistungen, Greta Gerwig erzählt von Jugend, Familie und Selbstfindung, ohne ihre Figuren zu verklären oder zu verurteilen; die Dialoge fühlen sich angenehm natürlich an, und viele Momente wirken so vertraut, dass man unweigerlich an die eigene Jugend denkt. Nicht jede Nebenhandlung ist perfekt ausgearbeitet, aber das Gesamtbild stimmt. Ein Film, der nicht laut sein muss, um hängen zu bleiben. Nicht ganz frei von kleinen dramaturgischen Unebenheiten, aber emotional ausgesprochen treffsicher.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: IAC Films/Scott Rudin Productions/Entertainment 360

Montag, 28. September 2026

The Stranger (2022)


Auf einer Flugreise lernt Henry (Sean Harris) Mark (Joel Edgerton) kennen, mit dem er eine interessante Freundschaft schließt und der einen Vorschlag für ihn und seinen Ruhestand hat. In dem Glauben, dass sich ein neuer und besserer Weg für ihn aufgetan hat, ahnt Henry nicht, dass sein neuer Freund Mark ein hartgesottener Undercover-Offizier ist, der daran arbeitet, ihn für einen ungelösten Mord zu überführen, der mehrere Jahre zuvor begangen wurde.

Regisseur und Drehbuchautor Thomas M. Wright erzählt "The Stranger" auffallend zurückgenommen. Statt auf spektakuläre Ermittlungsarbeit, überraschende Wendungen oder klassische Thriller-Dramaturgie zu setzen, konzentriert sich der Film auf Blicke, Pausen, Andeutungen und die zunehmend unheimliche Nähe zwischen seinen beiden Hauptfiguren. Die Handlung wird dabei bewusst fragmentarisch vermittelt. Informationen werden nur langsam preisgegeben, wodurch sich beim Publikum ein ähnliches Gefühl von Unsicherheit und Desorientierung einstellt wie bei den Figuren selbst. Mit dieser Erzählweise erzeugt Wright einerseits eine außergewöhnlich dichte Atmosphäre; andererseits verlangt die Inszenierung viel Geduld und verweigert sich konsequent einem klaren Spannungsbogen. Wer einen klassischen Polizeithriller mit nachvollziehbaren Ermittlungsfortschritten erwartet, dürfte "The Stranger" als spröde oder unnötig kompliziert empfinden. Der Film interessiert sich weniger für die Frage, wie ein Fall gelöst wird, als dafür, was die Jagd nach einem mutmaßlichen Täter mit den Menschen macht, die daran beteiligt sind.

Joel Edgerton spielt Mark mit kontrollierter Zurückhaltung. Hinter der scheinbar hilfsbereiten, beinahe väterlichen Art bleibt stets eine professionelle Kälte spürbar. Gerade diese Ambivalenz macht seine Figur interessant: Mark ist Ermittler, Verführer, Schauspieler und psychologischer Manipulator zugleich. Sean Harris ist als Henry noch eindringlicher. Sein Körper wirkt ständig angespannt, seine Sprache abgehackt, sein Gesicht wie eine Maske aus Misstrauen und innerer Verlorenheit. Harris macht aus Henry keine eindimensionale Monsterfigur, sondern einen zutiefst unangenehmen, schwer lesbaren Menschen, dessen bloße Anwesenheit Unbehagen erzeugt. Die beiden Darsteller tragen den Film nahezu vollständig. Ihre gemeinsame Dynamik ist von einer irritierenden Intimität geprägt. Freundschaft, Abhängigkeit und Täuschung gehen ineinander über, ohne dass der Film die Beziehung eindeutig moralisch einordnet. Gerade darin liegt seine verstörende Qualität. "The Stranger" zeigt nicht einfach einen Polizisten, der einen Verdächtigen überführt, sondern eine Situation, in der Vertrauen zu einer Waffe wird und beide Männer zunehmend in einem psychologischen Spiel gefangen sind.

Visuell setzt Wright auf eine kühle, entsättigte Farbpalette, dunkle Innenräume und eine oft beinahe dokumentarische Bildgestaltung. Die australische Landschaft wirkt nicht befreiend, sondern leer und unheilvoll. Räume, Flure, Autos und Hotelzimmer vermitteln Enge, Überwachung und emotionale Kälte. Unterstützt wird das durch Oliver Coates’ nervösen, elektronisch geprägten Score und ein Sounddesign, das Alltagsgeräusche unangenehm hervorhebt. Gespräche, Atemzüge und das Rascheln von Kleidung können dadurch bedrohlicher wirken als jede explizite Gewaltdarstellung. Auch die Montage folgt dem Prinzip der Verunsicherung. Zeitliche Sprünge und zurückgehaltene Informationen erschweren zunächst die Orientierung. Das ist nicht bloß ein erzählerischer Selbstzweck, sondern passt zum Thema des Films: Die Wahrheit wird nicht offen präsentiert, sondern muss aus widersprüchlichen Eindrücken zusammengesetzt werden. Dennoch wirkt die Konstruktion stellenweise etwas überbewusst kunstvoll. Manche Szenen scheinen eher auf Irritation als auf organischen Erzählfluss ausgerichtet zu sein. Die knapp zwei Stunden Laufzeit fühlen sich deshalb gelegentlich länger an, als sie müssten.

Inhaltlich besitzt "The Stranger" eine bemerkenswerte moralische Härte. Der Film beschäftigt sich mit einem realen Kriminalfall, ohne daraus sensationslüsternes True-Crime-Kino zu machen. Das Opfer und die Auswirkungen des Verbrechens stehen nicht als emotionaler Mittelpunkt im Vordergrund; stattdessen richtet Wright den Blick auf die Mechanismen von Ermittlungsarbeit, psychologischer Täuschung und institutioneller Kontrolle. Diese Entscheidung ist nachvollziehbar, aber auch ambivalent. Die starke Fokussierung auf Täter und Ermittler kann den menschlichen Kern des Falls bisweilen auf Distanz halten. Trotzdem entwickelt der Film eine nachhaltige Beklemmung. Er zeigt Gewalt nicht primär als spektakuläres Ereignis, sondern als etwas, das in Sprache, Verhalten und sozialen Beziehungen fortwirkt. Die größte Bedrohung entsteht nicht durch Verfolgungsjagden oder blutige Konfrontationen, sondern durch die Frage, wie weit Menschen bereit sind, sich für ein Ziel zu verstellen - und wie viel von ihrer eigenen Identität dabei verloren geht.

"The Stranger" ist ein stilistisch konsequenter und hervorragend gespielter Kriminalthriller, der sich eher wie ein düsterer psychologischer Albtraum als wie ein herkömmlicher Polizeifilm anfühlt. Die herausragenden Leistungen von Joel Edgerton und Sean Harris, die kalte Bildsprache und der verstörende Sound machen den Film sehenswert. Allerdings bremsen die fragmentarische Erzählweise, das sehr langsame Tempo und die bewusst distanzierte Dramaturgie seine Wirkung. Ein anspruchsvoller, atmosphärisch starker Thriller - nicht immer leicht zugänglich, aber deutlich über dem Genredurchschnitt.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Anonymous Content/See-Saw Films/Screen Australia/South Australian Film Corporation/Blue-Tongue Films/RocketScience

The Death Of Robin Hood (2026)

https://www.imdb.com/title/tt32273171/
https://letterboxd.com/film/the-death-of-robin-hood/

Robin Hood (Hugh Jackman) hadert nach einem Leben voll von mörderischen Umtrieben und Verbrechen mit seiner eigenen Vergangenheit. Als er schließlich verletzt wird, zeigt ihm eine mysteriöse Frau (Jodie Comer) unerwartet eine Möglichkeit auf, doch noch Erlösung von den eigenen Taten und der auf sich geladenen Schuld zu finden. Denn sein alter Gefährte Little John (Bill Skarsgård), der sich mittlerweile unter dem falschen Namen Edward eine neue bürgerliche Existenz aufbauen konnte, braucht nun seine Hilfe. Nachdem dieser nämlich von seinen alten Feinden enttarnt wurde, wurden seine Frau und seine Tochter Margaret (Faith Delaney) entführt und werden nun als Geiseln gehalten. Da Robin Hood ohnehin nicht mehr großartig an dem hängt, was von seinem Leben noch übrig ist, unternimmt er schließlich eine tollkühne Befreiungsaktion, um die Familie seines alten Freundes wieder lebendig zusammenzubringen.

Wer bei Robin Hood an grüne Strumpfhosen, fröhliche Gefährten und das Stehlen von den Reichen für die Armen denkt, erlebt mit "The Death Of Robin Hood" eine ziemlich radikale Ernüchterung. Michael Sarnoski nimmt die bekannte Legende auseinander und macht aus dem Volkshelden einen gealterten, brutalen Mann, der auf ein Leben voller Gewalt zurückblickt. Der Film interessiert sich weniger für den Mythos als für die Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn die eigene Legende längst größer geworden ist als die Wahrheit. Hugh Jackman spielt den titelgebenden Robin Hood und seine Figur hat mit dem charismatischen Abenteurer früherer Verfilmungen kaum noch etwas gemeinsam. Er ist müde, wortkarg, körperlich gezeichnet und vor allem von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt. Jackman spielt diese Version erstaunlich zurückgenommen und verzichtet fast vollständig auf sein sonst so präsentes Charisma. Gerade diese stoische Präsenz macht die Figur interessant. Gleichzeitig ist Robin bewusst so unsympathisch angelegt, dass die emotionale Nähe zum Zuschauer immer wieder auf die Probe gestellt wird. 

Auch Jodie Comer überzeugt als Schwester Brigid. Ihre Figur bildet einen spannenden Gegenpol zu Jackmans gewalttätigem Robin: ruhig, beinahe entrückt und von einer Menschlichkeit geprägt, die der Hauptfigur zunehmend fehlt. Bill Skarsgård als Little John, Noah Jupe und Murray Bartlett ergänzen das Ensemble überzeugend, wobei der Film seine Nebenfiguren teilweise eher als Stationen auf Robins Weg zur Selbstreflexion nutzt, statt sie wirklich auszubauen. Das ist einer der Punkte, an denen das Drehbuch hinter seinen Ambitionen zurückbleibt. Sarnoskis größte Stärke ist die Atmosphäre. Die Aufnahmen in den rauen Landschaften Nordirlands verleihen dem Film eine erdige, fast zeitlose Qualität. Nebel, Felsen, Wälder und kaltes Tageslicht machen aus dem mittelalterlichen England keinen romantischen Märchenort, sondern eine unwirtliche Welt. Besonders interessant ist die visuelle Zweiteilung: Der brutale Auftakt wirkt breit und monumental, während sich der Film später stärker auf seine Figuren und die abgeschiedene Umgebung konzentriert. Kameramann Pat Scola findet dafür eindrucksvolle Bilder, ohne die Landschaft lediglich zur Dekoration zu machen. Und brutal ist das Ganze tatsächlich. Sarnoski zeigt Robin nicht als edlen Gesetzlosen, sondern als Mann, der Gewalt über Jahrzehnte perfektioniert hat. Einige Szenen sind ausgesprochen drastisch und dürften Zuschauer überraschen, die mit einer klassischen Robin-Hood-Verfilmung rechnen. Gleichzeitig ist die Gewalt nicht bloß Selbstzweck: Sie soll die romantische Vorstellung vom heroischen Outlaw regelrecht zertrümmern. Gerade der Kontrast zwischen den extrem blutigen Momenten und den anschließend langen, stillen Passagen gehört zu den interessantesten Entscheidungen des Films. 

Musikalisch geht der Film einen ähnlichen Weg. Jim Ghedis Score greift traditionelle, folkartige Klänge auf, lässt sie aber immer wieder in düstere und dissonante Passagen kippen. Dadurch entsteht eine melancholische, fast unheimliche Atmosphäre, die wesentlich dazu beiträgt, dass sich diese Robin-Hood-Geschichte eher wie eine mittelalterliche Tragödie als wie ein Abenteuerfilm anfühlt. Allerdings verlangt Sarnoski seinem Publikum einiges an Geduld ab. Nach dem harten und überraschend intensiven Beginn wird "The Death Of Robin Hood" zu einem ausgesprochen ruhigen Charakterdrama. Lange Gespräche, Blicke und Momente des Schweigens ersetzen zunehmend Action und Abenteuer. Das passt grundsätzlich zur Geschichte, zieht sich aber stellenweise deutlich. Diese Schwerfälligkeit und die Tatsache, dass die angestrebte philosophische Tiefe nicht immer die emotionale Wirkung erreicht, die der Film sucht, ist einer der größten Negativpunkte des Streifens. Das größte Problem ist deshalb nicht die ungewöhnliche Interpretation, sondern ihre Konsequenz. Sarnoski hat eine klare Vorstellung davon, was er mit der Figur machen möchte: Er will den Mythos entzaubern und einen Mann zeigen, der sich mit den Konsequenzen seines Lebens auseinandersetzen muss. Das ist spannend und teilweise erstaunlich konsequent umgesetzt. Gleichzeitig bleibt die Geschichte in ihren philosophischen Fragen gelegentlich etwas an der Oberfläche und wirkt in ihrer Schwermut fast zu kontrolliert. Wo "The Death Of Robin Hood" eigentlich berühren könnte, bleibt er manchmal lieber auf Distanz. 

Trotzdem ist gerade diese kompromisslose Neuinterpretation erfrischend. Sarnoski versucht nicht, noch eine weitere Variante der bekannten Robin-Hood-Geschichte zu erzählen, sondern fragt, was passiert, wenn man sämtliche romantischen Vorstellungen entfernt. Das Ergebnis ist kein klassischer Abenteuerfilm und schon gar kein fröhlicher Robin Hood, sondern ein düsteres, entschleunigtes Drama über Gewalt, Schuld, Erinnerung und die Möglichkeit, mit der eigenen Vergangenheit Frieden zu schließen. "The Death Of Robin Hood" ist damit defintiv nicht für jeden Geschmack. Wer großes Mittelalterkino mit Schlachten, Humor und Heldenpathos erwartet, dürfte sich an der bedächtigen Erzählweise und der konsequenten Düsternis reiben. Wer sich hingegen auf Sarnoskis ungewöhnliche Dekonstruktion einlässt, bekommt einen handwerklich starken und hervorragend gespielten Film, der die bekannte Figur tatsächlich einmal aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet. Nicht immer so tiefgründig, wie er gerne wäre - aber interessant genug, um deutlich länger im Kopf zu bleiben als die nächste gewöhnliche Robin-Hood-Neuauflage.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Lyrical Media/Ryder Picture Company

Sonntag, 27. September 2026

Anacondas: Trail Of Blood (2009)

https://www.imdb.com/title/tt1150934/
https://letterboxd.com/film/anacondas-trail-of-blood/

Der todgeweihte Magnat Murdoch (John Rhys-Davies) beauftragt einen Arzt, einen neuen Bestand Blutorchideen zu ernten und mit ihrem regenerativen Nektar Experimente an einer kleinen Anaconda durchzuführen. Über Nacht wächst die Babyschlange zu einem Monster heran, das groß und hungrig genug ist, um den guten Doktor zu verspeisen, bevor es sich frisch gestärkt auf einen Amoklauf begibt. Die attraktive Herpetologin Amanda (Crystal Allen) ist entschlossen, die gefährlichen Tiere zu töten, an deren Entstehung sie selbst beteiligt war, und führt ein Team junger Wissenschaftler gegen Murdochs eiskalte Bande bewaffneter Schläger an, um die begehrten Orchideen in Sicherheit zu bringen, bevor die gefährliche Schlange beide Parteien erwischt. Das angriffslustige Reptil scheint unbesiegbar, gleitet unbeschadet durch Explosionen und Feuergefechte und regeneriert sich jedes Mal aufs Neue, um unersättlich alles zu verzehren, was sich ihm in den Weg stellt.

"Anaconda 4: Trail Of Blood" setzt die Geschichte von "Anaconda 3: Offspring" wundersamerweise fort: Eine genetisch veränderte Riesenschlange mit regenerativen Fähigkeiten soll für die Gewinnung eines lebensrettenden Serums genutzt werden. Crystal Allen kehrt als Wissenschaftlerin Amanda zurück, während John Rhys-Davies erneut den skrupellosen Milliardär Murdoch spielt. Viel mehr als diese Prämisse hat der Film allerdings nicht zu bieten. Das Drehbuch reiht bekannte B-Movie-Muster aneinander, die Figuren bleiben blass und die Handlung kommt nur schleppend voran. Die Inszenierung versucht zeitweise, daraus einen Slasher mit Schlangen zu machen, doch echte Spannung entsteht selten. Selbst die grundsätzlich brauchbaren Monstersequenzen können die zähe Dramaturgie nicht ausgleichen.

Immerhin ist die Riesenschlange etwas überzeugender animiert als im Vorgänger, und Rhys-Davies verleiht dem ansonsten schwachen Ensemble etwas Präsenz. Auch einige Kills sorgen für den nötigen Trash-Faktor. Eine Nuance besser als der Vorgänger, aber weiterhin billiger, vorhersehbarer Schlangenthriller ohne nennenswerten Biss.

3/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Stage 6 Films/Hollywood Media Bridge/Castel Film/Syfy

Supergirl (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt8814476/
https://letterboxd.com/film/supergirl-2026/

Kara Zor-El alias Supergirl (Milly Alcock) feiert ihren 23. Geburtstag mit einer Sauftour - und zwar zusammen mit ihrem Hund Krypto quer durch die Galaxis. Abstand zur Erde ist ihr eigentlich ganz recht, denn auf diesem Planeten steht sie sowieso nur im Schatten ihres Cousins Superman (David Corenswet). Außerdem stammen die beiden zwar vom selben Planeten, nämlich Krypton, haben jedoch ein gänzlich unterschiedliches Verhältnis zu ihrer einstigen Heimat. Denn Superman ist bereits als Baby auf der Erde gelandet, während seine Cousine mit eigenen Augen ansehen musste, wie ihre kryptonische Heimatstadt Argo unterging. Doch sie und Krypto bleiben nicht lange alleine, denn sie geraten an Ruthye Marye Knoll (Eve Ridley), die den Tod ihres Vaters rächen will. Der wurde von dem Fiesling Krem (Matthias Schoenaerts) getötet. Doch erst als dieser auch Supergirls Hund Kryto vergiftet, schließt sich die Heldin Ruthyes Mission an...

Mit "Supergirl" versucht das neue DC-Universum, seiner zweiten großen Heldin nach Superman einen deutlich anderen Charakter zu geben. Kara Zor-El (Milly Alcock) ist keine strahlende Idealistin, sondern eine junge Frau, die den Untergang Kryptons miterlebt hat und mit ihrem Trauma alles andere als gut klarkommt. Zum 23. Geburtstag zieht sie lieber betrunken durch die Galaxis, als sich um die großen Probleme der Welt zu kümmern. Erst die junge Ruthye (Eve Ridley), deren Vater vom brutalen Krem (Matthias Schoenaerts) ermordet wurde, bringt Kara dazu, Verantwortung zu übernehmen. Und das ist auch grundsätzlich eine interessante Ausgangslage, weil der Film Supergirl bewusst als Gegenentwurf zu David Corenswets Superman positioniert. Während Kal-El die Hoffnung verkörpert, ist Kara zunächst von Verlust, Wut und Orientierungslosigkeit geprägt. Milly Alcock trägt diese widersprüchliche Figur erstaunlich souverän. Sie kann gleichzeitig lässig, verletzlich, zynisch und sympathisch sein und verleiht Kara eine raue Persönlichkeit, die sich angenehm von den üblichen makellosen Superhelden unterscheidet. 


Auch Eve Ridley macht als Ruthye einen guten Job. Die Beziehung zwischen dem Mädchen und Kara bildet das emotionale Zentrum des Films. Aus der zunächst widerwilligen Zweckgemeinschaft entwickelt sich langsam eine Verbindung zwischen zwei Menschen, die mit Verlust und Rache sehr unterschiedlich umgehen. Gerade hier besitzt "Supergirl" einige seiner besten Momente. Das Drehbuch von Ana Nogueira versucht, Superheldenkino mit einer klassischen Rachegeschichte und Elementen eines Space-Westerns zu verbinden. Die Vorlage "Supergirl: Woman Of Tomorrow" von Tom King und Bilquis Evely liefert dafür eine passende Grundlage. Leider verschenkt der Film einen Teil dieses Potenzials. Matthias Schoenaerts spielt Krem zwar körperlich bedrohlich, doch die Figur bleibt als Bösewicht erstaunlich eindimensional. Seine Grausamkeit wird vor allem behauptet, statt sie dramaturgisch interessant zu machen. Damit fehlt Supergirl ein Gegenspieler, an dem sich ihre moralische Entwicklung wirklich reiben könnte. Auch Jason Momoa als Lobo ist ein zweischneidiges Vergnügen: Momoa hat sichtlich Spaß an der Figur und sorgt für einige der lautesten Momente, wirkt aber gleichzeitig wie ein Fremdkörper in einer Geschichte, die eigentlich Kara und Ruthye gehören sollte. Als wäre er da, um da zu sein, nicht um der Geschichte weiter zu helfen.

Visuell ist das Ergebnis dagegen durchaus beeindruckend. Regisseur Craig Gillespie und Kameramann Rob Hardy erschaffen eine dreckige, ungewöhnlich physische Science-Fiction-Welt mit heruntergekommenen Raumstationen, fremdartigen Planeten und einem bewusst rauen Look. Statt glänzender Superheldenästhetik gibt es Bars, Gefängnisse, Raumschiffe und außerirdische Grenzregionen, die eher an einen Space-Western erinnern. Auch das Produktionsdesign von Neil Lamont gehört zu den stärkeren Elementen des Films. Gillespie wollte bewusst eine gewisse Unordnung und Textur in die riesige Blockbuster-Produktion bringen - und das sieht man. Weniger überzeugend ist die Action. Zwar gibt es einige ordentliche Kämpfe und spektakuläre Flugsequenzen, doch gerade in den größeren Szenen verliert die Inszenierung häufig an Übersichtlichkeit. Schnelle Schnitte, CGI und eine teilweise hektische Kamera sorgen dafür, dass die eigentliche Wucht der Auseinandersetzungen nicht immer ankommt. Was bei Kara als Ausdruck ihrer Wut funktionieren soll, wirkt gelegentlich schlicht unruhig. Auch hier fällt "Supergirl" hinter die besten modernen Superheldenfilme zurück. 

Interessanter ist die musikalische Seite. Claudia Sarne kombiniert elektronische und orchestrale Elemente und gibt Kara ein eigenes musikalisches Thema, das ihre Entwicklung von der verbitterten Außenseiterin zur verantwortungsbewussteren Heldin begleitet. Dazu kommen zahlreiche Pop-Songs, die den rebellischen Charakter der Figur unterstreichen. Der Soundtrack passt damit grundsätzlich gut zum ungewöhnlichen Ton des Films, auch wenn die ständige Mischung aus Songs, Humor, Action und Drama manchmal etwas beliebig wirkt. Überhaupt ist der Ton das größte Problem. "Supergirl" möchte gleichzeitig düsteres Charakterdrama, intergalaktisches Abenteuer, Buddy-Movie, Rachewestern und lockere DC-Komödie sein. Einzelne Elemente funktionieren durchaus, zusammen wirkt das Ganze aber nicht immer harmonisch. Manche Szenen nehmen Karas Trauma ernst, kurz darauf folgt ein Gag oder ein überdrehter Lobo-Auftritt. Die Mischung erinnert stellenweise an die lockere kosmische Tonalität von James Gunns früheren Arbeiten, ohne deren Rhythmus und Präzision zu erreichen. 


Positiv ist immerhin, dass "Supergirl" nicht voraussetzt, dass man das gesamte neue DC-Universum kennt. Superman taucht zwar auf, wird aber nicht zum heimlichen Hauptdarsteller. Stattdessen nutzt der Film den Kontrast zwischen den beiden Cousins, um zu zeigen, wie unterschiedlich dieselbe Herkunft einen Menschen prägen kann. Das funktioniert wesentlich besser als die vielen kleinen Verbindungen und Cameos, die ansonsten leicht nach Franchise-Pflichtprogramm aussehen könnten. Unterm Strich bleibt "Supergirl" ein Film mit einer guten Hauptdarstellerin und einer interessanten Heldin, der seine eigene Qualität aber nicht konstant erreicht. Milly Alcock besitzt eindeutig das Charisma, um diese Version von Kara Zor-El über mehrere Filme zu tragen. Die Welt, in die man sie stellt, ist visuell spannend und groß genug für weitere Geschichten. Nur hätte das Drehbuch dieser starken Figur einen ebenso starken Konflikt und einen überzeugenderen Bösewicht gönnen müssen. So bleibt ein unterhaltsames, teilweise überraschend melancholisches Weltraumabenteuer, das immer wieder zeigt, was daraus hätte werden können. "Supergirl" ist weder der große Fehlstart, noch der erhoffte Befreiungsschlag für das DC-Universum. Dafür ist zu viel gelungen - und gleichzeitig zu viel verschenkt worden.
6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: DC Studios/Troll Court Entertainment/The Safran Company/Domain Entertainment

Samstag, 26. September 2026

Extinction (2015)

https://www.imdb.com/de/title/tt3467412/
https://letterboxd.com/film/extinction-2015/

In einer postapokalyptischen Welt, in der während des Dritten Weltkriegs vernichtende Chemiewaffen zum Einsatz kamen: Neun Jahre nachdem eine Infektion den Großteil der Bevölkerung in wilde Bestien verwandelt hat, ist es einer kleinen Gruppe Überlebenden gelungen, in einem winzigen Dörfchen jenseits der Zivilisation dem Schrecken zu entgehen. Das Glück von Patrick (Matthew Fox), Jack  (Jeffrey Donovan) und der neunjährige Lu (Quinn McColgan) scheint nun jedoch ein Ende zu nehmen. Nicht nur droht der tief sitzendende Hass, den Patrick und Jack gegeneinander hegen, ihre Lage zu verschlimmern, auch sehen sich die Drei nun mit den ersten ungebetenen Besuchern konfrontiert. Um die eine Person zu beschützen, die ihnen mehr als alles andere auf der Welt bedeutet, müssen die zwei Männer den Groll ruhen lassen und gemeinsam gegen die Infizierten vorgehen.

Regisseur Miguel Ángel Vivas, bekannt für den kompromisslosen Thriller "Kidnapped", erzählt "Extinction" zunächst weniger als klassischen Zombiefilm denn als ruhiges Endzeitdrama. Die eisige Landschaft, die leeren Häuser und die bedrückende Stille erzeugen eine überzeugende Atmosphäre. Der Film vermittelt das Gefühl einer Welt, in der nicht nur die Gesellschaft, sondern auch jede Hoffnung auf Normalität verschwunden ist - und ja, die ungewöhnliche Winterkulisse hebt ihn aus dem überfüllten Zombiegenre ein wenig heraus. Allerdings verlangt der Film seinem Publikum einiges an Geduld ab. Über weite Strecken konzentriert sich die Handlung auf die angespannte Beziehung zwischen Patrick und Jack. Ihre gemeinsame Vergangenheit, gegenseitige Schuldzuweisungen und die emotionale Bindung zu Lu bilden den eigentlichen Kern der Geschichte. Das ist grundsätzlich interessant, doch die Figurenzeichnung bleibt stellenweise schematisch. Die Konflikte werden häufig über Dialoge und Rückblenden erklärt, statt sich organisch aus dem Verhalten der Figuren zu entwickeln. Dadurch wirkt das Drama gelegentlich melodramatisch und unnötig ausgedehnt.

Matthew Fox liefert als verwahrloster, vereinsamter Patrick eine solide Leistung und verleiht der Figur glaubwürdige Erschöpfung. Jeffrey Donovan macht aus dem zunächst recht verschlossenen Jack mehr, als das Drehbuch vorgibt. Die größte Überraschung ist jedoch Quinn McColgan, die Lu mit einer angenehmen Mischung aus Verletzlichkeit, Eigenwilligkeit und kindlicher Energie spielt. Ihre Figur sorgt dafür, dass der Film trotz seiner düsteren Grundstimmung nicht vollständig in Schwermut versinkt. Als Horrorfilm funktioniert "Extinction" dagegen nur eingeschränkt. Die titelgebende Bedrohung tritt lange Zeit kaum in Erscheinung. Wenn die Kreaturen schließlich auftauchen, handelt es sich nicht mehr um die bekannten, langsam schlurfenden Zombies, sondern um weiterentwickelte, blinde und körperlich deformierte Wesen. Diese Idee ist durchaus reizvoll und verleiht dem Film einzelne spannende Momente. Auch die Begegnungen mit den Kreaturen sind teilweise überraschend körperlich und brutal inszeniert. Dennoch erinnern Aussehen und Verhalten der Monster deutlich an andere Genreproduktionen, insbesondere an die Kreaturen aus "I Am Legend" oder "The Descent".

Die Action ist handwerklich ordentlich, bleibt aber auf wenige Höhepunkte beschränkt. Die Kamera nutzt die verschneite Umgebung wirkungsvoll, während Ausstattung und Farbgestaltung eine kalte, trostlose Welt erschaffen. Die Effekte sind für eine vergleichsweise kleine Produktion akzeptabel, wirken aber nicht immer überzeugend. Vor allem die digitalen Kreaturen verlieren gelegentlich an Bedrohlichkeit, weil ihre Bewegungen künstlich erscheinen. Ein markanter visueller Stil oder eine wirklich eigenständige Bildsprache entwickelt sich daraus nicht. Inhaltlich versucht "Extinction", den Zombiehintergrund als Allegorie auf Schuld, Verlust, Elternschaft und menschliche Isolation zu nutzen. Diese Themen sind durchaus vorhanden, werden aber nicht immer subtil vermittelt. Der Film möchte mehr sein als ein reiner Überlebenshorror, findet jedoch nicht durchgehend die richtige Balance zwischen Charakterdrama und Genrekino. Wer einen temporeichen Zombie-Actionfilm erwartet, dürfte sich angesichts des langsamen Mittelteils und der relativ wenigen Monsterauftritte enttäuscht zeigen. Wer sich auf ein melancholisches Endzeitkammerspiel einlässt, bekommt zumindest eine atmosphärisch interessante Variante des Stoffes. Problematisch ist aber vor allem die Laufzeit von knapp zwei Stunden. Einige Rückblenden und Beziehungskonflikte hätten deutlich gestrafft werden können. Dadurch würde der Film nicht nur spannender, sondern vermutlich auch emotional wirkungsvoller ausfallen. Das Finale liefert schließlich die erwartete Konfrontation und einige gelungene Spannungsspitzen, kann die vorherigen Längen aber nicht vollständig kompensieren.

Ordentlich gespielt und atmosphärisch reizvoll. Ein Endzeitdrama, das seine Zombiehandlung zugunsten eines familiären Konflikts zurücknimmt. Die verschneite Welt, die brauchbaren Darsteller und die Idee weiterentwickelter Infizierter sorgen für einige interessante Ansätze. Gleichzeitig bleibt der Film zu langsam, zu melodramatisch und in seiner Monsterdarstellung zu wenig eigenständig, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Ein solider Genrebeitrag mit guten Momenten, aber kein herausragender Zombiefilm.

5,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Vaca Films/La Ferme! Productions/Laokoon Filmgroup/Ombra Films/Telefónica Studios