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Mittwoch, 29. Juli 2026

J. Edgar (2011)

https://www.imdb.com/de/title/tt1616195/
https://letterboxd.com/film/j-edgar/

J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) war als Direktor und Begründer des FBI jahrzehntelang das Gesicht des Gesetzesvollzugs in Amerika und hat das Federal Bureau of Investigation zu dem gemacht, was es heute ist. Die 1908 gegründete Behörde rüstete Hoover zu einer schlagkräftigen Polizeitruppe auf, die mit einer gigantischen Sammlung von Fingerabdrücken ausgestattet und mit modernster Technik bewaffnet war. Edgars Männer konnten so die meistgesuchtesten Verbrecher Amerikas zu Fall bringen und mit der Festnahme Al Capones sowie Todesmeldungen bei der Jagd auf Bonny & Clyde oder John Dillinger auf sich aufmerksam machen. Bis zu seinem Tod 1972 stand Hoover permanent in der Öffentlichkeit mit den angesehensten Persönlichkeiten aus Politik und Showbiz. Dabei wusste er sich in Szene zu setzen. Ungeachtet der Tatsache, dass er eher zu den unpopulären Personen seines Wirkungskreises gehörte, hatte er Zugang zu einem großen Netzwerk von Informanten und wusste, wenn jemand Dreck am Stecken hatte. Aber auch der vermutlich mächtigste Mann seiner Zeit hatte Geheimnisse, die er versteckt hielt, weil sie seiner Karriere, seinem Image und seinem Leben hätten schaden oder diese gar zerstören können. Insbesondere seine angebliche homosexuelle Beziehung zu seinem engsten Stellvertreter Clyde Tolson (Armie Hammer) bleibt bis heute ungeklärt.

Mit "J. Edgar" widmet sich Clint Eastwood einer der schillerndsten und zugleich umstrittensten Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte. John Edgar Hoover prägte das FBI über nahezu fünf Jahrzehnte und hinterließ ein ebenso beeindruckendes wie kontroverses Erbe. Statt jedoch ein klassisches Biopic über den mächtigen Behördenchef zu erzählen, interessiert sich Eastwood jedoch vor allem für den Menschen hinter der öffentlichen Fassade. Das Ergebnis ist ein sorgfältig inszeniertes Charakterdrama mit herausragenden schauspielerischen Leistungen, das seine erzählerischen Ambitionen jedoch nicht immer einlösen kann. Leonardo DiCaprios Darstellung Hoovers ist vielschichtig und zeigt einen Mann, der zwischen Ehrgeiz, Kontrollzwang, Unsicherheit und Einsamkeit gefangen ist. DiCaprio vermeidet dabei die Versuchung, Hoover lediglich als Helden oder Schurken zu zeichnen. Stattdessen entsteht das Porträt einer komplizierten Persönlichkeit, deren Stärken und Schwächen eng miteinander verwoben sind. Auch Judi Dench überzeugt als Hoovers dominante Mutter Annie Hoover und verleiht ihren wenigen Szenen bemerkenswerte Intensität. Armie Hammer sorgt als langjähriger Vertrauter Clyde Tolson für die emotionalsten Momente des Films und bildet einen gelungenen Gegenpol zur verschlossenen Hauptfigur. 

Inszenatorisch bleibt Eastwood seinem gewohnt zurückhaltenden Stil treu. Die ruhige Kameraarbeit, die gedeckte Farbpalette und die unaufdringliche Filmmusik schaffen eine melancholische Atmosphäre, die gut zur Geschichte passt. Gleichzeitig gelingt es dem Film, die Entwicklung des FBI und die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts glaubwürdig in die Handlung einzubinden, ohne sich in historischen Details zu verlieren. Das Drehbuch von Dustin Lance Black wählt eine nichtlineare Erzählstruktur, in der Hoover seine Lebensgeschichte rückblickend schildert. Dieser Ansatz ermöglicht interessante Perspektiven auf die Frage, wie Geschichte entsteht und wie sehr Macht auch die eigene Erinnerung beeinflusst. Allerdings führt die häufige Zeitspringerei dazu, dass der Film stellenweise an erzählerischem Fluss verliert. Manche Episoden wirken eher aneinandergereiht als organisch miteinander verbunden. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das Make-up. Obwohl die Alterungseffekte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung technisch aufwendig waren, wirken sie aus heutiger Sicht häufig künstlich und lenken gerade in den späteren Lebensabschnitten der Figuren eher ab, als dass sie zur Glaubwürdigkeit beitragen. Inhaltlich gelingt "J. Edgar" jedoch eine interessante Gratwanderung. Der Film verklärt Hoover nicht, vermeidet aber ebenso eine einfache Verurteilung. Seine Erfolge beim Aufbau moderner Ermittlungsmethoden stehen neben den problematischen Seiten seiner Amtsführung, darunter Machtmissbrauch, Überwachung politischer Gegner und persönliche Obsessionen. Allerdings bleibt der Film bei einigen dieser kontroversen Themen überraschend zurückhaltend, wodurch das Porträt weniger scharf ausfällt, als es die historische Figur eigentlich verdient hätte.

Im Vergleich zu Eastwoods stärksten Regiearbeiten wie "Mystic River", "Million Dollar Baby" oder "Letters From Iwo Jima" fehlt "J. Edgar" aber letztlich die emotionale Wucht und erzählerische Präzision. Dennoch überzeugt der Film als sorgfältig gespielte Charakterstudie, die sich bewusst einfachen Antworten verweigert. Damit bleibt "J. Edgar" ist ein solides, intelligent inszeniertes Biopic, das vor allem von Leonardo DiCaprios beeindruckender Hauptrolle lebt. Clint Eastwood erzählt die Geschichte mit gewohnt ruhiger Hand, verliert sich dabei jedoch gelegentlich in seiner verschachtelten Struktur und bleibt bei einigen kontroversen Aspekten erstaunlich vorsichtig. So entsteht ein sehenswertes Porträt einer komplexen Persönlichkeit, das zwar nie ganz die Größe seiner Hauptfigur erreicht, aber dennoch viele nachdenkliche Momente bietet.

6/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkImagine Entertainment/Malpaso Productions/Wintergreen Productions/Warner Bros. Pictures

Sonntag, 22. Juni 2025

Juror #2 (2024)

https://www.imdb.com/de/title/tt27403986/

Der Lifestyle-Autor Justin Kemp (Nicholas Hoult) steckt gerade inmitten der Vorbereitungen für die bald anstehende Familienerweiterung – seine Frau Allison (Zoey Deutch) ist im neunten Monat schwanger – als er zum Geschworenen in einem Mordprozess berufen wird. In diesem Prozess wird ein schreckliches Verbrechen verhandelt: James Sythe (Gabriel Basso) wird beschuldigt, seine Freundin Kendall (Francesca Eastwood) umgebracht und ihre Leiche in eine Straßenschlucht geworfen zu haben. Eigentlich sprechen alle Beweise gegen den Angeklagten, aber der Pflichtverteidiger Erik Resnick (Chris Messina) ist dennoch von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. Doch für die Staatsanwältin Faith Killebrew (Toni Collette) ist die Sache klar - zumal sie den Fall lieber heute als morgen beenden würde. Mit zunehmender Verhandlungsdauer kommt Justin ein schrecklicher Verdacht: Könnte er selbst etwas mit dem Fall zu tun haben? Am fraglichen Abend der Tat hatte er selbst auf dieser Strecke einen kleinen Unfall – jedoch war er bislang felsenfest überzeugt davon, lediglich ein verirrtes Reh mit dem Wagen angefahren zu haben...

"Juror #2" ist ein stilles Meisterwerk und ein tief bewegendes Spätwerk eines Filmemachers, der längst nichts mehr beweisen muss - und gerade deshalb mit umso größerer Freiheit erzählt. Clint Eastwood, mittlerweile eine Legende nicht nur vor, sondern seit Jahrzehnten auch hinter der Kamera, legt mit diesem Film ein Gerichtsdrama vor, das sich nicht in den konventionellen Bahnen des Genres bewegt, sondern sie bewusst unterläuft. Während Filme wie Rob Reiners "Eine Frage der Ehre" oder Sidney Lumets "Die zwölf Geschworenen" mit Dialogduellen, moralischen Zuspitzungen und dramatischen Zuspitzungen arbeiten, wählt Eastwood den entgegengesetzten Weg: Er reduziert, verlangsamt, beobachtet. Die Handlung - ein Geschworener, der während des Prozesses erkennt, dass er möglicherweise selbst eine entscheidende Rolle bei dem Verbrechen spielt - ist zwar spannungsgeladen, doch der Film interessiert sich weniger für den Plot als für die inneren Umwälzungen seines Protagonisten. "Juror #2" ist kein Film über Schuld und Unschuld, sondern über Verantwortung - über das stille Grauen, wenn man erkennt, dass man nicht länger Zuschauer, sondern Handelnder ist. Dieser Film lebt in der Leerstelle zwischen den Sätzen, dort wo die Entscheidung reift.

Eastwood inszeniert mit der ruhigen Hand eines Altmeisters. Die Kamera, unter der Leitung seines langjährigen Weggefährten Tom Stern, bewegt sich mit fast dokumentarischer Gelassenheit durch den Gerichtssaal, vermeidet künstliches Pathos und fokussiert stattdessen auf die Gesichter: auf das Zucken einer Augenbraue, das unruhige Klopfen eines Fingers, die langen, zögerlichen Blicke. Jeder Close-up scheint ein innerer Monolog zu sein. Es ist eine Kameraarbeit, die so transparent wie unaufdringlich ist - und gerade dadurch so wirkungsvoll. Die Farbtöne sind gedämpft, das Licht ist realistisch, fast klinisch, aber nie kalt. Stattdessen vermittelt die Bildsprache eine stille Menschlichkeit, eine Ehrfurcht vor den moralischen Konflikten, die sich hier abspielen. Sie erinnert an Lumets Arbeit in "Die zwölf Geschworenen", jedoch ohne dessen fast theatralischen Rahmen - Eastwood geht es weniger um Konfrontation als um Kontemplation.

Die Filmmusik, komponiert von einem zurückhaltenden, aber emotional ungemein effektiven Score (erneut mit jazzigen und klassischen Anleihen, die Eastwood so liebt), bleibt stets im Hintergrund, wie ein unterdrücktes Gewissen, das sich in zarten Streicherflächen und gelegentlichen Pianomotiven äußert. Nie drängt sich die Musik auf, sie kommentiert nicht, sie begleitet. Der Effekt ist erstaunlich: Der Zuschauer wird nicht emotional gelenkt, sondern bleibt mit sich und den eigenen Reaktionen allein - ein seltenes Vertrauen in das Publikum, das man nur noch bei wenigen Regisseuren findet.

Auch schauspielerisch ist "Juror #2" auf höchstem Niveau angesiedelt. Der zentrale Darsteller - Nicholas Hoult - liefert in der Rolle des zunehmend innerlich zerrissenen Juroren eine seiner bislang stärksten Leistungen. Sein Spiel ist von einer solchen Feinfühligkeit, dass man fast vergisst, einem fiktionalen Charakter zuzusehen. Hoult gelingt es, den schmalen Grat zwischen Schuld, Zweifel, Verdrängung und moralischer Aufrichtung mit jeder Szene präziser auszuloten. Neben ihm brilliert Toni Collette als Anklägerin mit kühler Präzision und einer latenten Verletzlichkeit, die sie nie direkt zeigt, aber spürbar werden lässt. Ihr Aufeinandertreffen mit dem Hauptcharakter bleibt ein psychologisches Kräftemessen auf leisen Sohlen. Auch die Nebenrollen - Richard E. Grant als vorsitzender Richter, Zoey Deutch als Mitgeschworene mit eigener Agenda - sind durchweg stimmig und weit entfernt vom typischen Hollywood-Funktionalismus. Jeder Charakter hat hier Geschichte, Tiefe, Nuance.

In Eastwoods Filmografie steht "Juror #2" in einer Linie mit seinen introspektiveren Werken wie "Mystic River" oder "Million Dollar Baby" - Filme, in denen das moralische Drama nicht durch äußere Konflikte, sondern durch innere Erschütterungen getragen wird. Doch "Juror #2" geht vielleicht noch einen Schritt weiter: Es ist ein Film über die Last, ein Mensch zu sein, über die Unmöglichkeit klarer Urteile und die Notwendigkeit, trotzdem zu handeln. In einer Welt, die von schnellen Meinungen, Schwarz-Weiß-Urteilen und digitalen Tribunalen geprägt ist, wirkt dieses Werk wie ein Plädoyer für die Grautöne - für das Zögern, das Zweifeln, das Ringen um das Richtige. Eastwood, der in seinen besten Filmen immer wieder der Frage nach Schuld und Sühne, nach Wahrheit und Gnade nachgeht, hat mit "Juror #2" vielleicht seinen stillsten, aber auch seinen konsequentesten Beitrag zu diesem Thema geleistet.

Im Vergleich zu den großen Gerichtsklassikern der Filmgeschichte wirkt Eastwoods Film wie ihr ruhiger, nachdenklicher Bruder: weniger auf rhetorische Höhepunkte fokussiert, dafür tiefer verwurzelt in den psychologischen und ethischen Konsequenzen, die ein Schuldspruch - oder ein Freispruch - nach sich ziehen kann. "Juror #2" ist kein Spektakel, sondern eine Meditation, ein Kammerspiel von großer emotionaler Reichweite, ein Film, der nachhallt - nicht, weil er laut ist, sondern weil er uns zwingt, in uns selbst hineinzuhorchen. Und vielleicht ist das, gerade heute, die radikalste Form von Kino.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Poster/Artwork: Warner Bros.

Dienstag, 30. Januar 2024

Mystic River (2003)

https://www.imdb.com/title/tt0327056/

Jimmy (Sean Penn), Dave (Tim Robbins) und Sean (Kevin Bacon) waren in ihrer Jugend dicke Freunde. Doch dann passierte ein traumatisches Ereignis: Dave wurde von der Straße weg entführt und brutal von zwei Männern vergewaltigt. Plötzlich war nichts mehr wie vorher. 25 Jahre später haben die Männer ihre Freundschaft längst vergessen, als sich ihre Wege im gleichen heruntergekommenen Vorort von Boston wieder kreuzen. Jimmys 19-jährige Tochter Katie (Emmy Rossum) wird nach einer durchzechten Barnacht brutal ermordet. Die Ermittlungen in diesem Fall leitet Sean, der es bei der Polizei zu etwas gebracht hat, mit seinem Partner Whitey (Laurence Fishburne). Während die Ermittler dem Täter langsam näher kommen, sinnt der schockierte Jimmy auf Rache und stellt mit seinen Kumpanen eigene Nachforschungen an, um den Cops zuvorzukommen. Dave, der in der Bar zu den letzten gehörte, die Katie lebend gesehen haben, gerät ins Visier der Polizisten. In der Mordnacht kam er mit Stichverletzungen nach Hause – er beschwört, dass er von einem Räuber überfallen wurde. Die Schlinge um Daves Kopf zieht sich immer enger zu. Er verstrickt sich in Widersprüche - selbst seine Frau Celeste (Marcia Gay Harden) beginnt, an Daves Unschuld zu zweifeln...

Zu Beginn von Clint Eastwoods "Mystic River" verlässt die Kamera ihre Luftaufnahme von Boston und landet in einem unscheinbaren Arbeiterviertel von Boston Dreistöckige Holzhäuser und abgewetzte Gehwege. Ein paar Väter sitzen auf der Veranda, trinken Bier und reden über die Red Sox, die sich mitten in ihrer unglücklichen Saison 1975 befinden, während drei Jungen - Dave Boyle, Jimmy Markum und Sean Devine - auf der Straße Hockey spielen. Die düstere Musik (komponiert von Clint Eastwood) und die Schatten, die im harten, verwaschenen Licht New Englands flackern, schaffen eine Atmosphäre drohender Gefahr, die schon bald eintrifft, als eine dunkle Limousine vorfährt und mit Dave auf dem Rücksitz verschwindet. Daves Entführung ist ein Akt unerklärlichen, fast metaphysischen Bösen, und diese Geschichte von Schuld, Trauer und Rache erwächst daraus wie eine Masse dunklen Unkrauts. Im schlimmsten Fall ist der Film, wie auch der Roman von Dennis Lehane, auf dem er basiert, eine Parabel auf ein unheilbares Trauma, in dem Gewalt noch mehr Gewalt erzeugt und die ursprüngliche Verletzung der Unschuld niemals wiedergutgemacht werden kann. "Mystic River" ist der seltene amerikanische Film, der das volle Gewicht und die Dunkelheit der Tragödie anstrebt - und erreicht.

Auch Eastwood und sein Drehbuchautor Brian Helgeland sind dem Ortsgefühl treu geblieben, das Lehanes Buch zu einem erstklassigen Krimi macht. Ein Großteil der Dialoge wurde direkt den Seiten des Buches entnommen und behält den salzigen, fatalistischen Beigeschmack der ungeordneten Straßen des irisch-katholischen Boston. Ein Vierteljahrhundert nach der Entführung haben sich Dave, Sean und Jimmy in ein normales Erwachsenenleben eingelebt, das von Kompromissen und Enttäuschungen geprägt ist. Sean (Kevin Bacon) arbeitet in der Mordabteilung der Massachusetts State Police. Seine Frau hat ihn verlassen, ruft ihn aber immer noch auf dem Handy an und schweigt, während er Fragen und halbherzige Entschuldigungen stammelt. Jimmy (Sean Penn), dessen erste Frau starb, während er eine Gefängnisstrafe wegen Raubüberfalls verbüßte, hat wieder geheiratet; Mit sichtbarer Anstrengung hat er sich als verantwortungsbewusster Bürger neu erfunden und in seiner alten Nachbarschaft ein kleines Lebensmittelgeschäft betrieben. Dave (Tim Robbins), der mit dem schlurfenden, gebeugten Gang eines schüchternen, übergroßen Kindes geht, hat einen eigenen Sohn und eine scheue, hingebungsvolle Frau namens Celeste (Marcia Gay Harden). Celeste und Annabeth (Laura Linney), Jimmys zweite Frau, sind Cousinen, und obwohl "Mystic River" in einer modernen amerikanischen Stadt spielt, ist es so durchdrungen von Stammeskodizes über Verwandtschaft, Blut und Ehre wie ein Shakespeare-Stück oder ein John-Ford-Western. Jeder scheint ein dunkles Geheimnis oder einen Hintergedanken zu hegen, und jeder kommt nach einem zweiten sinnlosen Verbrechen, dem Mord an Jimmys 19-jähriger Tochter Katie (Emmy Rossum), langsam ans Licht. Da Katies Leiche in einem Park gefunden wurde, der unter staatlicher Gerichtsbarkeit liegt, fällt der Fall Sean und seinem Partner Whitey Powers (Laurence Fishburne) zu, und ihre Ermittlungen bringen jeden schlafenden Hund in der Nachbarschaft zum Heulen. Der Verdacht fällt auf Katies Freund Brendan Harris (Thomas Guiry), dessen Familie durch einen obskuren Rachefeldzug in der Unterwelt mit Jimmy verbunden ist, und auch auf Dave, der Katie in der Nacht, in der sie getötet wurde, in einer Bar sah und mit blutverschmiertem Hemd zurück nach Hause kam.

Wie bei den meisten guten Krimis ist die dicht verwobene Erzählung von "Mystic River" ein Knäuel von Zufällen und etwas unglaubwürdigen Zusammenhängen. Was dem Film seine außerordentliche Gefühlsintensität verleiht, ist die Art und Weise, wie Eastwood die Konventionen der Pulp Opera in einer ungeschminkten, dicht besiedelten Realität verankert. Es gibt Szenen, in denen ein fast unerträgliches Gefühl aufsteigt, und die Ambitionen des Regisseurs sind enorm, aber der Film vermeidet Melodram oder Grandiosität fast vollständig.Eastwood hat Schauspieler gefunden, die die Last tragen und den Abgrund, in dem ihre Figuren stecken, erhellen können. Penn, dessen Blick zuckt, als erwartete er einen weiteren Schlag, und dessen Schultern angespannt sind, um ihn zu erwidern, ist sehr zu loben. Sein Jimmy Markum ist nicht nur eine der besten Darbietungen des Jahres, sondern auch eines der bedeutendsten Werke der Filmschauspielerin des letzten halben Jahrhunderts, der Höhepunkt einer realistischen Tradition, die im alten Actor's Studio begann und Brando, Dean, Pacino und De Niro hervorbrachte.

Penn, genauso begabt und diszipliniert wie alle seine Vorgänger, lässt sie alle wie, nun ja, Schauspieler aussehen. Er hat seine Arbeit von jeder Spur von Theatralik oder Effekthascherei befreit und gleichzeitig die Direktheit und Kraft beibehalten, die ihre Anwendung der Methode in amerikanische Filme gebracht hat. Der deutlichste Beweis seiner Leistung dürfte sein, dass seine Leistung, so überwältigend sie auch ist, den Rest der Besetzung nie in den Schatten stellt. Diese Tragödie ist schließlich nicht individuell, sondern gemeinschaftlich, auch wenn jeder Charakter sie alleine ertragen muss. Kevin Bacon, ausgeglichen und zurückhaltend, ist großartig, ebenso wie Fishburne, dessen Humor und Skepsis verhindern, dass der Film in völliger Düsternis versinkt. Whitey (dessen Spitzname die rassistische Veränderung seiner Figur von der Seite zur Leinwand überlebt hat) ist die einzige Hauptfigur, die nicht in die Stammesgeschichte der Nachbarschaft verwickelt ist, und seine Witze und Beobachtungen erinnern an die weite Welt. Tim Robbins steht in gewisser Weise vor der größten Herausforderung, da er einen Mann spielen muss, dessen beschädigte Persönlichkeit eine instabile Mischung aus Verletzlichkeit und Gewalt, Naivität und List ist. Man möchte Mitleid mit ihm haben, aber er macht auch Angst. Das ist die Wirkung, die er auf Celeste hat, die das eindringlichste Bild von Schrecken und Herzschmerz im Film liefert, genau wie Annabeth, die gegen Ende aus dem Schatten auftaucht, mit erschreckender Klarheit die Rücksichtslosigkeit artikuliert, die in dieser gefallenen Welt als Gerechtigkeit gilt. Die Wendungen in der Handlung, die jeder gute Thriller braucht, sind in diesem Fall auch Charakteroffenbarungen. Die Überraschung, die man verspürt, wenn wichtige Informationen preisgegeben werden, ist nichts im Vergleich zu dem Schock, der sich ergibt, wenn man sieht, wer Menschen wirklich sind und wozu sie im Namen der Liebe, Loyalität oder Selbsterhaltung fähig sind.

Als Sean erkennt, dass er seinem alten Freund Jimmy sagen muss, dass seine geliebte Tochter tot ist, fragt er sich, was er sagen soll. Die düstere Theologie kommt dem Glauben am nächsten, aber Eastwoods Verständnis des Universums und der menschlichen Natur ist eher noch pessimistischer. Die Bösartigkeit von Mördern und Kinderschändern stellt ein grundlegendes Ungleichgewicht in der Ordnung der Dinge dar, das weder die Kräfte von Recht und Ordnung noch der Drang zur Rache korrigieren können. Rückblickend beschreibt Dave sich selbst als "den Jungen, der den Wölfen entkommen ist", und seine Flucht wird von Geräuschen begleitet, die wie das Geheul wilder Tiere klingen. Die Handlungen seiner Täter entspringen einem bestialischen, unzivilisierten Impuls, der nach Ausrottung schreit. Das Problem - die Tragödie - ist, dass Trauer, Loyalität und sogar Liebe aus derselben Quelle stammen. Als Jimmy erfährt, dass er das Kind verloren hat, das ihm das Leben gerettet hat, indem er es zur Verantwortung gezwungen hat, tobt er wie ein tollwütiges Tier, und man weiß an dieser Stelle genaz genau, dass seine Wut nur zu noch mehr Schmerz führen wird. "Wir begraben unsere Sünden und waschen sie rein", erklärt er später, als er sich auf seine Rache vorbereitet, aber das ist Wunschdenken, bloßes Gefühl, und man vermuten, dass Jimmy dies weiß. Eastwood tut es sicherlich.

8/10

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.
Poster/Artwork: Warner Bros.

Dienstag, 14. März 2023

True Crime - Ein wahres Verbrechen (1999)

https://www.imdb.com/title/tt0139668/

Steve Everett (Clint Eastwood) schlägt sich als Zeitungsreporter durchs Leben. Als Journalist unschlagbar, eckt er menschlich gerne an. So bekommt er nach seinem Rausschmiss in New York schnell eine neue Stellung an der Westküste. Und fast ebenso schnell liegt er über Kreuz mit dem Lokalredakteur Bob Findley (Denis Leary). Nebenher trinkt er bis zum Anschlag und bändelt mit Frauen an. Plötzlich landet eine Story auf seinem Tisch, die unwiderstehlich ist: Der zum Tode verurteilte Mörder Frank Beachum (Isaiah Washington) hat das ihm zur Last gelegte Verbrechen wahrscheinlich gar nicht begangen. Everett muss nicht lange überlegen, sein beruflicher Ehrgeiz ist geweckt. Doch ihm bleiben nur noch 12 Stunden, um die Unschuld von Beachum zu beweisen...

Regisseur und Hauptdarsteller Clint Eastwood hat mit seinem "Ein wahres Verbrechen" sicherlich kein Meisterwerk vorgelegt, aber durchaus einen soliden, unterhaltsamen und durchweg interessanten Thriller. Zar ist schon nach ein paar Minuten Laufzeit klar, um welches wahres Verbrechen es sich hier handelt, doch um ganz genau zu sein, zielt Eastwood auf zwei Verbrechen ab: zum einen wäre dies die Macht der Medien, die auf ihre Weise den Weg vorgeben können und das nicht immer auf die schöne Art und Weise; zum anderen wäre da das alte Thema der Todesstrafe. Darf man ein Leben auslöschen um einen Menschen für ein Verbrechen zu bestrafen?

Eastwood greift damit in seinem "Ein wahres Verbrechen" wahrlich nichts Neues auf und verpackt das Alte auch nicht wirklich besonders kreativ in sein Werk. Soll heißen: etwas mehr Kreativität hätte seinen Film sicher gut getan. Doch handwerklich gibt es an "Ein wahres Verbrechen" nichts auszusetzen. Eastwood hat es einfach drauf, Filme zu inszenieren und auch als Schauspieler ist er selbst in so einer nicht recht vielschichtigen Rolle einfach wunderbar. Das gleiche gilt auch für den Rest des Casts, de runter anderem durch James Woods, Isaiah Washington, Bernard Hill und Denis Leary abgerundet wird. Durch die Bank weg hat man es hier mit guten Darstellern zu tun, die eine makellose Leistung abliefern.

Insgesamt bleibt "Ein wahres Verbrechen" dann aber eine mäßig spannende Angelegenheit. Der Handlungsverlauf wird trotzdem vorangebracht, ohne dass sich Langeweile breit macht. Dazu kommen diese unvorhersehbaren Eastwood-Momente, der es schafft, von hier auf plötzlich eine Gefühlswelle auf den Zuschauer los zu lassen, die seinesgleichen sucht. Genug Witz wurde ebenfalls eingebaut, so dass es nicht zu monoton dramatisch wird. Doch irgendwie ist ab einem gewissen Moment klar wie der Film ausgehen wird und leider ist das Finale dann auch nicht besonders gut gelungen. Würde man die Schauspieler und die ganze Inszenierung drumherum abziehen, bliebe von "Ein wahres Verbrechen" nicht mehr übrig als ein gewöhnlicher Sonntagsabend Krimi. Der Film schlägt etwa ab der Hälfte um in einen klischeebeladenen 08/15-Hollywoodbrei. Plötzlich wird alles Aufgebaute, gerade um den Charakter von Eastwood herum, fallen gelassen zugunsten typischer, vorhersehbarer, aus vielen anderen Filmen bekannter "ein-Zweifler-im-Kampf-gegen-die-Zeit"-Manier. Höhepunkte bleiben in Hälfte zwei die Szenen mit James Woods. Aber nach dem Start und dieser zweiten Hälfte bleibt im Endeffekt doch ein bisschen Enttäuschung zurück, über so viel mehr, was der Film hätte sein können. Eastwood kann mehr, was er hier leider nicht in vollen Zügen präsentiert.

6,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Freitag, 29. Juli 2022

Space Cowboys (2000)

https://www.imdb.com/title/tt0186566/

Im Jahr 1958 sollte für Frank Corvin (Clint Eastwood), Hawk Hawkins (Tommy Lee Jones), Jerry O'Neil (Donald Sutherland) und Tank Sullivan (James Garner) die große Stunde schlagen, doch dann kam alles anders. Die vier jungen Testpiloten waren für den ersten bemannten Raumflug der USA vorgesehen, doch stattdessen wurde diese Ehre einem Schimpansen zuteil und die Karriere der frisch gebackenen Astronauten war ebenso schnell beendet, wie sie begonnen hatte. Verantwortlich dafür war Projektleiter Bob Gershon (James Cromwell), der gut 40 Jahre später vor einem echten Problem steht: Ein russischer Satellit rast auf die Erde zu und niemand kennt sich mit der altgedienten Technik aus, um das Antriebssystem des Himmelskörpers zu reparieren - mit Ausnahme des mittlerweile pensionierten Konstrukteurs Corvin und seinem ehemaligen Team... 

"Als die das letzte Mal für einen Raumflug trainiert haben, hat man noch Autos mit Heckflossen gefahren." - Vor etwa 40 Jahren hatten vier Astronauten die Chance, in den Weltraum zu fliegen. Doch kurz vor dem Abflug scheiterte es. Doch jetzt gibt es ein Problem mit einem russischen Satelliten, der droht, in die Erdatmosphäre einzudringen. Da das Steuerungssystem so alt ist, dass es keiner der aktuellen Astronauten reparieren kann, eröffnet sich für das Team Daedalus doch noch die Chance, ins Weltall zu fliegen.

Eins ist mal sicher: Die Geschichte ist total unrealistisch. Na und? Es ist und bleibt trotzdem eine originelle Idee - wie oft sieht man schon ein paar alte, coole Männer ins Weltall fliegen? Das Problem ist nur, dass der Film ausgerechnet ab dem Flug ins All nicht mehr richtig ziehen kann. Solange sich der Film auf der Erde abspielt, kann man nicht meckern, da ist der Film eine richtig schöne Komödie. Mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern mogeln sich Frank und seine Jungs durch die verschiedenen Tests, die sie bei der NASA bestehen müssen. Die Darsteller haben großen Spaß. Und dem Zuschauer macht es Spaß, ihnen dabei zuzusehen. 

Doch gerade als sich der Traum der vier älteren Herren erfüllt, lässt der Film nach. Zwar sind die Bilder im All durchaus beeindruckend, aber die Geschichte kann einfach nicht mehr unterhalten. Die lustigen Sprüche werden weniger, die Stimmung wird ernster, fast schon ehrfürchtig (der Situation angemessen). Aber leider hört auch der Spaß auf. Und wo die Witzchen, die Sticheleien und Frotzeleien in der ersten Hälfte die unrealistische Geschichte gut überspielt haben, da wird nun die Sinnlosigkeit der (nun endgültig Abenteuer-)Story überdeutlich. Schauspielerisch kann man den vier alten Haudegen überhaupt nichts vorwerfen. Natürlich, sind doch Eastwood, Garner, Sutherland und Jones allesamt Meister ihres Fachs. Sie sind es, die die Gags ohne jegliche Allüren und extrem selbstironisch perfekt rüberbringen. Und auch James Cromwell und Marcia Gay Harden machen ihre Sache sehr gut. Ein bisschen nervig und unpassend wirken da die beiden jungen Astronauten, die quasi als Ikarus zu Team Daedalus gesteckt wurden.

Der Film ist sicher kein Meisterwerk. Weder als Komödie, noch als Abenteuer- oder Sci-Fi-Film, auch nicht als Drama und nicht mal als Tragikomödie kann er vollends überzeugen. Er ist nicht Eastwoods bester Film. Nicht mal annähernd. Aber das liegt mittlerweile auch daran, dass er so viele andere herausragende Filme gedreht hat. Und trotzdem: schlecht ist er noch lange nicht. Und wenn man über die maue Story hinwegsehen kann, dann kann der Film, vor allem im ersten Teil, eine Menge Spaß machen.

7/10

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Sonntag, 20. Februar 2022

Cry Macho (2021)

https://www.imdb.com/title/tt1924245/

Galveston, Texas, Ende der 1970er-Jahre: Mike Milo (Clint Eastwood) war einst ein angesehener Rodeo-Star, muss diesen Job aber nach einem schweren Unfall an den Nagel hängen. Seitdem arbeitet er als Pferdezüchter und kommt damit eher schlecht als recht über die Runden. Als Mikes ehemaliger Boss Howard Polk (Dwight Yoakim) ihm einen lukrativen Auftrag anbietet, lehnt der in die Jahr gekommene Cowboy trotz einiger Bedenken nicht ab. Er soll nach Mexiko reisen und dort Howards 13-jährigen Sohn Rafo (Eduardo Minett) eingefangen. Dieser lebt dort bei seiner alkoholsüchtigen, wohlhabenden Mutter Leta (Fernanda Urrejola) und ist auf die schiefe Bahn geraten. Mit seinem gefiederten Haustier Macho tritt der Teenager in illegalen Hahnenkämpfen an. Howard Polk will indes seinen Sohn entführen, um bei seiner Ex-Frau ein Lösegeld zu erpressen. Doch es läuft nicht alles nach Plan...

"Cry Macho" war ursprünglich ein Projekt Arnold Schwarzeneggers, welches er nach seinem politischen Amt hätte drehen sollen. Wegen familiären Probleme lehnte er ab und entschied sich dazumal für den Neo-Western "The Last Stand". Clint Eastwood übernahm Jahre später das Script, Regie und gleichzeitig die Hauptrolle in diesem Neo-Western. Und das erste Positive an diesem Film ist, dass Clint Eastwood sich seines Alters bewusst ist und er einen Neunzigjährigen spielt, der eben kein überbordernder Superheld sein muss, sondern mit Würde und grimmiger Gelassenheit versucht, Situationen zu klären. Er versucht sich nicht jünger zu geben als er ist - allein dass hätte diesem Film und seiner Aussage enorm geschadet. 

Trotzdem ist "Cry Macho" nicht Eastwoods beste Arbeit. In "Gran Torino" war seine Figur herrlich wechselhaft,  in "The Mule" war seine Figur wiederum etwas zu sehr auf Hollywood Stereotype getrimmt, doch das passte in dieses Konstrukt. In "Cry Macho" gibt die Figur Mike Milo zwar nicht viel her, aber sie ist echt, auch wenn diese teilweise zu sehr nach Eastwood selber riecht. Doch das gehört einfach auch ein bisschen dazu. Die Handlung ist auf dem ersten Blick sehr dünn, was auch typisch für einen Eastwood Film ist. Doch auf dem zweiten Blick steckt viel Tiefe in der Handlung des Films. Vermutlich verstehen Texaner diesen Film besser, weil sie einfach aus dieser Gegend sind und die Sprache von dort sprechen und ihre Kultur einfach besser kennen und ihre Nachbaren die Mexikaner einfach besser verstehen. Als ruhiges Drama funktioniert der Film dank Eastwood Regie eigentlich sehr gut und wenn nicht diese überaus unglaubwürdige Romanze und die Mutter mit Ihren Verführungspielchen gegeben hätte, könnte man dieses Werk durchaus höher bewerten (auch wenn der "Eastwood-Bonus" zum tragen käme). Doch mit letzterem Handlungsstrang hat sich der betagte Mann keinen Gefallen mit getan. 

6,5/10

Von WARNER BROS. Home Entertainment gab es den Film exklusiv im limitierten Steelbook.

Quellen:
Inhaltsangabe:
Warner Bros.

Montag, 23. August 2021

The 15:17 To Paris - 15:17 To Paris (2018)

https://www.imdb.com/title/tt6802308/

Die drei jungen Amerikaner Anthony Sadler, Alek Skarlatos und Spencer Stone (die sich jeweils selbst spielen) wollen durch Europa reisen und sitzen deswegen am 21. August 2015 im Thalys-Zug Nr. 9364 von Amsterdam via Brüssel in Richtung Paris - wo sie einen Terroranschlag verhindern und damit zu Helden werden. Durch ihren mutigen Einsatz werden 500 Menschen gerettet, vor der Heldentat liegen drei Leben mit Kindheitsproblemen und langen Wegen bis zu gefestigten Existenzen. Als Anthony, Alek und Spencer - die letzten beiden sind Soldaten - einschreiten, um den Anschlag zu vereiteln, bewährt sich dann das starke Band, das die drei zuvor geknüpft haben: Ohne ihre starke Freundschaft, die selbst unter dem extremen Stress in der Bahn bestand hat, hätten sich die Männer nicht verteidigen können...

Clint Eastwoods "The 15:17 To Paris" ist, wie "American Sniper" und "Sully" ein Film, der amerikanische Helden portraitiert. Er basiert auf dem realen Hintergrund des Anschlags auf den Thalys-Zug 9364 im Jahr 2015. Und wer den Schauspieler, Regisseur und Republikaner Eastwood kennt, der weiß wie er tickt und das er mal über Ziel hinausschießt ist auch klar. Er ist nicht radikal und provoziert auf seine ihm eigene Art. So könnte man Eastwood als sympathisch einstufen, der einfach ein sehr stolzer Amerikaner ist. Und in diesem Film greift er das Schulsystem an und die seiner Ansicht nach unnötigen Regeln.

"The 15:17 To Paris" ist ein allein deswegen sehr patriotischer Film, der aus sogenannten umstrittenen Personen Helden macht. "The 15:17 To Paris" ist aber deswegen kein schlechter Film, teilweise ist er sogar ziemlich spannend. Doch man vermisst schmerzlich den Tiefgang, die Eastwoods übrigen Filme inne haben. Was vielleicht auch an den Schauspielern liegt, die einfach kein solches, forderndes Skript in die Hand gedrückt bekamen. Oder einfach weil die realen Personen sich selbst spielen. Als Dokumentation wäre der Film damit besser aufgehoben, so muss man schon ein gewisses Faible für diese Art Film mitbringen.

"The 15:17 To Paris" lässt sich zudem schon fast unangenehm viel Zeit. Beinahe zwei Drittel des Films dienen im Grunde der Exposition, der Zuschauer soll die Hintergründe der Hauptpersonen sowie deren Ziele, Motivationen und Wünsche erfahren. Das ist auch bitter nötig, um erstens überhaupt Empathie mit den eher ungewohnt agierenden Darstellern entwickeln zu können und dem Film schlussendlich eine heroische Note zu verleihen, die über die reine Faszination über actionreiche Zivilcourage hinausgeht. Trotzdem werden die Charaktere nur ganz oberflächlich behandelt. In "The 15:17 To Paris" will Clint Eastwood drei realen Helden ein Denkmal setzen, die einen Anschlag in einem Zug verhinderten. Der Vorfall selbst ist spannend inszeniert. Die ewig lange Vorgeschichte langweilt hingegen schnell und ist trotz der Besetzung mit den realen Personen auch nicht sonderlich glaubwürdig. 

5,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Sonntag, 22. Dezember 2019

The Mule (2018)

https://www.imdb.com/title/tt7959026/

Earl Stone (Clint Eastwood) ist ein Veteran des Zweiten Weltkriegs und nach seiner militärischen Karriere zu einem anerkannten Gartenbauexperten aufgestiegen. Doch er ist hoch verschuldet, was den über 80 Jahren alten Earl dazu verleitet, für ein mexikanisches Kartell Kokain über die Grenze zu schmuggeln. Weil er als betagter Mann für die Grenzpolizisten ein harmloser alter Mann zu sein scheint, leistet Earl als Schmuggler sehr gute Arbeit, sogar so gut, dass seine zu transportierende Fracht immer wertvoller wird. Das Kartell beauftragt sogar einen Aufpasser, der nur ein Auge auf Earl haben soll. Obwohl die Geschäfte zwischen Earl und dem Kartell so gut laufen, gerät er eines Tages auf den Radar des erbarmungslosen DEA-Agenten Colin Bates (Bradley Cooper). Die Geldsorgen gehören für Earl fortan der Vergangenheit an, doch die Fehler, die er einst in seiner Vergangenheit begann, verfolgen ihn bis heute. Für Earl ist es an der Zeit, Wiedergutmachung zu leisten, wenn er nicht vorher vom Kartell oder den Gesetzeshütern erwischt wird...

Clint Eastwood hat in den vergangenen Jahren verstärkt auf real existierende Helden gesetzt. Und so ist auch "The Mule" von einer wahren Geschichte inspiriert worden. Der Fall des 2011 gefassten, fast 90-jährigen Drogenkuriers Leo Sharp war durch einen Artikel in der New York Times einer breiten Öffentlichkeit in den USA bekannt geworden. Der zentrale Konflikt in "The Mule" ist aber nicht der zwischen Gesetz und Verbrechen. Die Schuld, zu der sich Eastwoods Charakter am Ende bekennt, ist nicht in erster Linie die justiziable. Schuldig geworden ist er gegenüber seiner Familie. So führt denn die Heldenreise des Earl Stone zu der für Eastwood typischen Erkenntnis, dass die Familie das höchste Gut im Leben ist. Die Werte, zu denen sich der Libertäre Eastwood bekennt, sind nicht dieselben wie die, von denen sich die Gesetzgeber in Washington leiten lasen. Sie sind bedeutend archaischer. Sie betonen eine individuelle Freiheit, die sich eben nicht durch abstrakte Paragrafen einschränken lassen will, sondern nur durch individuelle Bande – wie eben die der Familie.

Earl Stone ist so ein typischer knurriger Individualist, der seine Verwandschaft mit dem ebenfalls von Eastwood gespielten Walt Kowalski aus Gran Torino nicht leugnen kann. Er scheut sich nicht, seine Vorurteile offen auszusprechen, ohne dabei starrsinnig auf ihnen zu beharren. Als er einem farbigen Paar beim Reifenwechsel hilft, meint er unverblümt: "Da kann ich auch mal einem Neger helfen." Dass man das heutzutage nicht mehr so sagt, quittiert er achselzuckend. Ironisch blickt er auf technisch affine jüngere Menschen: "Das ist das Problem mit dieser Generation", sagt er. "Sie kriegen keinen Obstkarton auf ohne dieses Internet." Der Drogenfahnder Colin Bates (Bradley Cooper) sagt bei einem zufälligen Treffen zu ihm: "Sie leben schon so lange, dass sie mittlerweile alles gerade heraus sagen können." Stone entgegnet: "Ich habe nie was anderes gemacht, finde ich." Auch dies vielleicht eine Referenz auf sein eigenes Leben, in dem Eastwood selten ein Blatt vor den Mund genommen hat – selbst wenn er mit einem leeren Stuhl redete.

Verschmitzt zeigt sich Earl Stone immerhin lernfähig und turtelt auch in seinem hohen Alter noch charmant mit dem anderen Geschlecht herum. Was böse Zungen schon als Eastwoods Altherrenfantasie ausgelegt haben, ergibt im Rahmen der Geschichte als Element der Verführung durchaus Sinn. Doch auch dies ließe sich als ironische Selbstreferenz werten. Davon gibt es in "The Mule" einige. Als Stone bei seinen Fahrten immer sicherer wird, fängt er an, die Songs im Radio mit zu singen. Eastwood ist nicht nur Musikfan, sondern hat selbst für seine Filme komponiert und immer wieder mal gesungen, sei es im Westernmusical Westwärts zieht der Wind neben Lee Marvin oder im eigenen Honkytonk Man in der Rolle eines abgehalfterten Countrysängers. Wenn also Earl Stone mit brüchiger Stimme Jazzstandards aus dem Radio begleitet, blitzt auch hier die Selbstironie auf.

Die filmischen Mittel sind in "The Mule" so unauffällig wie El Tata als Drogenkurier. Eastwood ordnet die Gestaltung wie immer der Geschichte unter. Er erzählt betont ruhig und konventionell ohne irgendwelche Mätzchen. Die einzige Extravaganz leistet er sich, als Drogenboss Laton (Andy Garcia) von seiner Nummer Zwei beseitigt wird. Mit dem Machtwechsel im Kartell wird auch für Earl Stone die Welt weniger perfekt. Die Handlungsstränge um die Fahnder und den Drogenkurier werden in klassischer Manier parallel erzählt, der Rythmus verdichtet sich mit zunehmender Brisanz, auch wenn er zum Ende hin ein wenig holprig wird. Leider verzichtet Eastwood nicht auf alle Klischees, wenn etwa der sonst strahlende Sonnenschein beim Eintreffen der schlechten Nachricht von der schweren Erkrankung seiner Ex-Frau dem Regen weicht.

Vor allem sind es die schauspielerischen Leistungen, die "The Mule" auszeichnen. Insbesondere Clint Eastwood selbst, der hier entgegen früherer Ankündigungen doch noch einmal auch vor die Kamera trat, kann mit seinem minimalistischen Spiel und seiner nuancierten Mimik voll überzeugen. Wie das kurze Innehalten, ein Aufflackern schlechten Gewissens, als er bei der Preisverleihung am Anfang des Films eine Hochzeitsgesellschaft beobachtet, und ihm einfällt, dass seine Tochter auch gerade heiratet. Was er aber mit der nächsten Lokalrunde gleich wieder zu vergessen versucht. "Ich liebe sie", sagt er später nicht über seine Familie, sondern über seine Taglilien. "Sie blühen nur einen Tag, und dann ist es zu Ende. Sie sind alle Zeit und alles Geld wert." Seine Ex-Frau antwortet: "Genau wie die Familie." Wenn sich später langsam das Begreifen seines Versagens in Eastwoods Gesicht widerspiegelt, ist das einfach großartiges Spiel.

Dies lässt den übrigen ebenfalls herausragenden Darstellern etwas wenig Raum. Aber was soll’s: Dies ist Eastwoods Show, vielleicht seine letzte als Darsteller. Man mag dem Film vorwerfen, die Drogenproblematik zu verharmlosen, zumal er die Gangster des Kartells als nette Kerle von nebenan zeichnet. Aber darum geht es in dem Film nicht. Es geht um Familie. "Alles andere ist Scheiße", sagt Earl Stone.

9/10

Quellen:
Inhaltsangabe:
Warner Bros.

Samstag, 27. Mai 2017

Sully (2016)

http://www.imdb.com/title/tt3263904/

Am 15. Januar 2009 wird der Pilot Chesley B. Sullenberger (Tom Hanks) zum absoluten Helden in den USA, aber auch auf der ganzen Welt, weil „Sully“, so sein Spitzname, mit seinem Airbus A320 eine Notwasserung auf dem Hudson River in New York durchführen muss und diese wie durch ein Wunder auch schafft. Zur Seite steht ihm dabei sein Co-Pilot Jeff Skiles (Aaron Eckhart). Das Drama nahm seinen Lauf, als nur kurz nach dem Start vom LaGuardia Flughafen ein Schwarm Vögel in das Triebwerk des Fliegers geriet und für deren Ausfall sorgte, sodass die Maschine abzustürzen drohte. Alle 155 Personen überleben die Notlandung nahezu unverletzt und trotzdem muss Sullenberger bei den nachfolgenden Untersuchungen zu dem Unfall und der Notlandung um seinen guten Ruf als erfahrener Pilot fürchten, den er sich mit mehr als 20.000 Flugstunden hart erarbeitet hat.

Clint Eastwoods neuer Film "Sully" über die geglückte Notwasserlandung im Hudson River vom 15. Januar 2009 ist deshalb so gut, weil er sowohl von Menschlichkeit im allgemeinen Sinne erzählt, als auch seine Figuren menschlich agieren lässt. Letzteres äußert sich insofern, als dass die Trennung zwischen Helden (Captain Chesley "Sully" Sullenberger, gespielt von Tom Hanks sowie Copilot Jeffrey Skiles, gespielt von Aaron Eckhardt) und Antagonisten (die Flugsicherheitsbehörde) zum Ende hin überraschend aufgebrochen wird. Spannend ist sein Flugzeug-Film zudem, da er das Geschehen dieses turbulenten Januarnachmittags aus mehreren Blickwinkeln wieder und wieder zeigt und sich daraus nach und nach neue Details ergeben.

Am verblüffendsten ist dabei die Sichtweise der Büroarbeiter in umliegenden Hochhäusern, die an die Bilder der Gebrüder Naudet vom 11. September 2001 erinnert. Die emotionale Verbindung zwischen Zuschauer und den unmittelbar betroffenen Passagieren wird von Eastwood erfolgreich mit kleinen Momenten aufgeladen, sodass das Geschehen dem Betrachter tatsächlich nahe geht. Die Regie-Legende zeigt eine präzise Beobachtung einfacher Menschen und tut gut daran, nichts zu überdramatisieren. So endet "Sully" auch nicht mit großer Musik, wortlosen Blicken und peinlichen Applaus-Orgien, sondern einfach mit einem netten Satz und einer Abblende zu Schwarz. Und das ist erneut einfach nur klasse.

"It wasn't just me, it was all of us. Jeff, Donna, Shila and Dureene. And all passengers, rescue workers. And traffic control, helicopter crews and scuba Cops. We all did it! We survived."

8,5/10

Von WARNER BROS. kommt der Film auch als "Limited Edition" im Steelbook, amazon.de-exklusiv.


Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Samstag, 24. September 2016

Gran Torino (2008)

http://www.imdb.com/title/tt1205489/

Walt Kowalski (Clint Eastwood) ist ein verbitterter Veteran des Koreakriegs. Nach dem Tod seiner Frau lebt er im Detroiter Vorortviertel einsam vor sich hin. Eine heruntergekommene Gegend ist das, in der Überfälle von Jugendbanden zum Alltag gehören. Seinen neuen asiatischen Nachbarn begegnet Walt mit offenem Rassismus. Die Vorurteile bestätigen sich zunächst, als der Teenager von nebenan Walts ganzen Stolz, seinen 1972er Ford Gran Torino, zu stehlen versucht. Der Rentner kann den Diebstahl aber verhindern und als Thaos (Bee Vang) Familie darauf besteht, dass der seine Schuld abarbeitet, beginnt eine vorsichtige Annäherung... 

Einen würdigeren Abschied vor der Kamera hätte sich Clint Eastwood kaum wünschen können, wenn man von seinem letzten Film, "Back In The Game", mal absieht. Wunderbar spielt er hier mit dem Image seiner vergangenen Rollen und inszeniert sein schauspielerisches Finale schnörkellos und wie einen Film aus den "guten alten Tagen". Clint Eastwood, grandios als verbitterter Korea-Veteran Walt Kowalski, bezwingt die Dämonen der Vergangenheit, überwindet die kulturellen Hürden und die eigenen Vorbehalte gegenüber den ungeliebten Nachbarn und beweist damit: manchmal sind einem die vermeintlich Fremden eben doch näher als das eigene Fleisch und Blut. Gerade im Clash der Kulturen ist Eastwood wirklich großartig anzusehen und hat damit nicht nur für viele amüsante Schmunzler gesorgt, sondern genauso für einige nachdenkliche Momente. Sehr überzeugend gespielt auch vom restlichen Ensemble, kann der Film aber besonders durch die dargestellte Entwicklung einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten punkten.

Eastwoods Charakter Walt Kowalski wirkt selbst wie ein Ford Gran Torino, allerdings mit wesentlich mehr Meilen runter, dem ein oder anderen Rostflecken im Blech und dem großen, leicht verwitterten Stars-and-Stripes Aufkleber am Heck. Das ist patriotisch. Das ist plakativ. Das ist Amerika - und Walt Kowalski, ein Korea-Veteran dessen Ansichten sich seit den 50er Jahren nicht mehr großartig geändert haben, ist ein "Grumpy Old Man" wie aus dem Lehrbuch. Verwitwet, von seinen Kindern entfremdet, äußerst penibel, mürrisch, launisch und Sprüche abfeuernd, die man durchaus rassistisch nennen darf. Walt ist einer, der "verpiss dich" auf die Stirn tätowiert hat und sein Eigentum und sein Recht handfest zu verteidigen bereit ist. Zur Not auch mit dem Karabiner im Anschlag. Roh, direkt und unsensibel. Sicherlich eine Angewohnheit, die es ihm nicht leichter macht. Ein Mann des alten Schlages und voller eingeimpfter Vorurteile.

Und genau neben diesem alten knurrenden Hund zieht eine Hmong Familie ein. Mit ihren unaussprechlichen Namen und ihren fremden Gebräuchen ecken sie bei Walt schnell an. Die beiden Teenager der asiatischen Familie geraten in Schwierigkeiten mit einer Gang. Die Eskalation der Gewalt schreitet unaufhaltsam voran. Und in diesem Konstrukt liefert Clint Eastwood mit "Gran Torino" geradezu brillantes Handwerk ab und das direkt ins Gesicht. Eine Ballade über die Alten, über ungleiche Freundschaften und Annäherung mit dem Vorverurteilten. Eastwood zeichnet auch ein Bild der amerikanischen Vororte im Teufelskreis aus Gewalt und Gegengewalt. Die Spannungsschraube wird immer fester angezogen, dramatische Elemente und Humor kommen aber nie zu kurz. Das Ende, welches sich schon Minuten bevor es dazu kommt, offenbart, stimmt einen sofort unglaublich traurig, ist dann aber kurz und zumindest dramaturgisch schmerzlos und passt damit genau auf den Protagonisten Walt. Der Rassismus ist etwas romantisiert, wenn man die Realität betrachtet und dennoch stimmig mit dem Universum des Films. Und zumindest der aufmerksame Zuschauer wird wohl eine Weile nach dem Abspann noch da sitzen und reflektieren. Über seine Mitmenschen, über die Welt, vielleicht über sich selbst.

Ja, "Gran Torino" ist einfach ein rundum gelungenes Drama vor einem noch viel wichtigeren Thema, mit einer eindrucksvollen Story bis hin zum emotional packenden Finale. Eastwood ist und bleibt ein Meister seines Fachs. Egal ob vor oder hinter der Kamera. Hier war er beides.

9,5/10

Die Erstauflage des Films gab es 2009 exklusiv im limitierten Steelbook.

Quellen:
Inhaltsangabe:
Warner Bros.

Dienstag, 23. August 2016

Changeling - Der fremde Sohn (2008)

http://www.imdb.com/title/tt0824747/

Der Sohn der alleinerziehenden Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) verschwindet eines Tages spurlos. Es dauert zehn Monate, bis die Polizei endlich einen Erfolg melden kann. Die Beamten haben den Jungen in Illinois aufgespürt. Bei der Übergabe jedoch erschrickt Christine: Das Kind ist nicht ihr Sohn. Doch das Polizeidepartement, das wegen Korruptionsvorwürfen unter Dauerbeschuss steht, will mit dem Fall unbedingt sein schlechtes Image aufpolieren. Captain J.J. Jones (Jeffrey Donovan) rät ihr deshalb, das Kind doch zumindest eine Zeit lang "auszuprobieren". Schließlich könnte es sich ja doch um ihren echten Sohn handeln, der sich in den vergangenen Monaten nur eben etwas verändert habe. Doch Christine will keinen fremden Sohn großziehen und versucht stattdessen, eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erreichen. Als sie sich schließlich mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit wendet, wird sie von der Polizei in eine Nervenheilanstalt eingewiesen...

Clint Eastwood. Ein Name, der seit nun über einem Jahrzehnt für beinahe unerreichbar hohe Qualität im Filmbusiness steht. "Gran Torino", "Million Dollar Baby", "American Sniper", A Perfect World" sind allesamt Filme, die den Zuschauer berühren, die ihn bewegen, die etwas zeigen, was ihn fesselt, ihn mitreißt und in vielen Fällen aufgrund unfassbarer Dramatik sogar umhaut. In seinem 2008er Werk "Changeling" ist dies kaum anders. Zu unfassbar ist die wahre Geschichte um Christine Collins und ihren Sohn Walter.

Die Geschichte, vor deren Hintergrund sich das Filmdrama abspielt, ist in den USA als "Wineville Chicken Coop Murders" bekannt. 1926 entführte der Rancher Gordon Stewart Northcott den 14-jährigen Sanford Clark, brachte ihn auf seine Hühnerfarm in dem kleinen Ort Wineville nahe Los Angeles, schlug ihn und missbrauchte ihn sexuell. Im September 1928 fand die Polizei den Jungen auf der Ranch. Er sagte aus, Northcott habe mehrere Jungen - spätere Berichte sagen: bis zu 20 - entführt, missbraucht, in Hühnerställe eingesperrt, schließlich erschlagen und die Leichen mit einer Axt zerstückelt. Die Polizei pflügte das Grundstück um, fand vereinzelte Körperteile und eine blutbeschmierte Axt. Northcott war mittlerweile mit seiner Mutter Sarah Louise nach Kanada geflohen, wo sie Ende 1928 verhaftet wurden. Zunächst gestanden Mutter und Sohn die Morde an den Jungen, darunter auch an dem neunjährigen Walter Collins aus Los Angeles, der am 10. März 1928 von einem Kinobesuch nicht heimgekehrt war. Jenem Ausschnitt des Falls - dem Kampf der alleinerziehenden Christine Collins um ihren Sohn und gegen den korrupten Polizeioffizier J. J. Jones - widmet sich der Film. Und tatsächlich führte die Polizei Christine Collins nach einer spektakulären Suchaktion ein falsches Kind zu. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um den Halbwaisen Arthur J. Hutchins, der nach Hollywood wollte, um dort seinen Lieblingsschauspieler Tom Mix zu treffen. Gordon Northcott und seine Mutter zogen ihr Geständnis später zurück. Dennoch wurde Northcott wegen dreifachen Mordes zum Tode verurteilt und 1930 im Gefängnis von St. Quentin hingerichtet. Sarah Northcott wurde wegen Mordes an Walter Collins zu lebenslanger Haft verurteilt, aber nach zwölf Jahren auf Bewährung freigelassen. Die Leiche von Walter Collins wurde nie gefunden. Christine Collins gab die Suche nach ihrem Sohn nie auf. Nachdem die öffentliche Erregung abgeebbt war, verschwand Christine Collins in die Anonymität. Der Ort Wineville änderte seinen Namen in Mira Loma. Die Farm mit den Hühnerställen steht bis heute.
(Quelle: Frankfurter Rundschau)

Clint Eastwood zeigt einmal mehr politische Korruption. Politik, in der Machterhalt über Moral, Recht, Ehre und das Wohlergehen anderer Menschen gestellt wird. Das Gesetz zu sein, heißt, über dem Gesetz zu stehen. Richtig stark und deutlich wird Eastwoods Meinung vor allem auch im Umgang mit Frauen in diesem Film. Wenn Collins etwas sagt, wird es gegen sie verwendet. Wenn sie nichts sagt, wird es gegen sie verwendet. Die Männer nutzen ihr (unbegründete) Machtstellung, um Frauen emotional zu zerlegen. Argumente könnten sexistischer nicht sein. Argumente wogegen? Collins hat etwas verbrochen. Sie ist schuldig. Das Verbrechen ist: Sie hat eine eigene Meinung. Da mag man jetzt denken "Jaja, das war eben in den 20ern...", aber auch heutzutage ist Frauenfeindlichkeit noch ein Thema. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Außer im Internet. Und die eigene Meinung ist es schließlich auch, die Collins zum Verhängnis wird.

Eastwood schafft es beeindruckend, die Ähnlichkeiten zwischen politischer Korruption und geschlechtlicher Unterdrückung aufzuzeigen. Hinter einer lächelnden Fassade steckt der verrottende Inhalt. Das Messer griffbereit hinter dem Rücken, das Grinsen auf dem Gesicht. Aber das ist Eastwood nicht genug, er schafft es zudem auch noch, den eine Zeitreise anzutreten. Eine, die den Zuschauer 90 Jahre zurück in die Vergangenheit nimmt und an Collins Schicksal teilhaben lässt. Auf eine Reise, die dem Zuschauer etwas abverlangt, ihm aber auch was gibt. Die Bilder schaffen ein Gefühl, das sich wohl aus "unvollkommen" bezeichnen lässt. Rast- und ratlos begibt sich der Zuschauer auf die Suche. In einer Welt, in der etwas zu fehlen scheint. Man kommt der inneren Leere der Angehörigen nahe, weil Clint die Atmosphäre erst blitzschnell aufbaut und dann nicht nur erhalten, sondern auch ausbauen kann.

Dennoch wirkt das Ende des Films ein wenig zu lang und ein Quentchen zu inkonsequent. Einige Extraminuten hätten dem Werk hier wohl sehr gut getan, das mit über 2 Stunden schon nicht kurz ist. Dennoch, die Ursprungsfassung war rund drei Stunden lang und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob wohl diese Version deutlich runder war. So wirkt es ein wenig überhastet und unvollständig. Eastwood beherrscht aber insgesamt den nicht einfachen Spagat zwischen den Genres so spielend, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Ohne das sich irgendwann ein Ungleichgewicht einstellt entwickelt sich die Geschichte nie vorhersehbar weiter, neue Figuren erscheinen auf der Bildfläche, es werden stetig andere Akzente gesetzt, Spannung und Dramatik gehen wie selbstverständlich Hand in Hand. Die bis ins bittere Detail glaubwürdige Dramaturgie - das vermeidliche Einzelschicksal der Christine Collins - würde schon für einen eigenständigen Film reichen, das sich nicht auf einzelnen Höhepunkte verlassen wird birgt ein gewisses Risiko, was sich letztendlich jedoch voll auszahlt.

9,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe:
Warner Bros.

Freitag, 26. Juni 2015

American Sniper (2014)

http://www.imdb.com/title/tt2179136/

US-Navy-SEAL und Scharfschütze Chris Kyle (Bradley Cooper) wird mit nur einem Auftrag in den Irak geschickt: Er soll seine Kameraden beschützen. Seine punktgenauen tödlichen Schüsse retten unzählige Leben von US-Soldaten auf dem Schlachtfeld. Als sich die Geschichten seiner unvergleichlichen Treffsicherheit verbreiten, bekommt er den Spitznamen „Legend“. Doch seine Reputation bleibt auch dem Feind nicht verborgen, die Iraker setzen ein Kopfgeld auf ihn aus. Und der Krieg ist nicht Kyles einziger Kampf. Der Scharfschütze versucht, seiner Frau Taya (Sienna Miller) ein guter Ehemann zu sein und gründet schließlich auch eine Familie. Aber trotzdem zieht es Kyle immer wieder in das Kriegsgebiet zurück: Er nimmt an insgesamt vier Einsätzen im Irak teil, die bei ihm deutliche seelische Spuren hinterlassen.

"American Sniper" kann in vielerlei Hinsicht interpretiert werden, genug politischer Stoff über Sinn und Unsinn amerikanischer geopolitischer-weltpolizeilichen Rohstoffsicherungen ist im Überfluss im aktuellen Politikgeschehen zu finden. Aber hier geht es um die autobiographische Geschichte des Menschen Chris Kyle. Ein Sniper der Seals. Einhundertsechzig tödliche Treffer. Ein Krieger, nahezu der perfekte Soldat, nie zögernd und immer im Einsatz. Gleichzeitige Faszination dieser militärischen Perfektion paart sich mit gloriosem Heldentum. Aber Helden, Opfer, Sadisten und Folterknechte gibt es immer auf beiden Seiten in Kriegen und dies wird in diesem amerikanischen Film weitgehend ausgeblendet. Aber wenn man auch nur ein wenig von Kyles Biographie gelesen hat, stellt man da schnell fest, dass eigentlich die komplette dunkle Seite von Chris Kyle weggelassen wurde, denn aufgrund seiner Biographie wurde ihm unter anderem Sadismus, ergötzen am Todeskampf anderer und "Lust und Drang" am Töten unterstellt.

Das kann man aus ziviler Sicht ganz gemütlich aus dem heimischen Fernsehsessel nun ganz genau so sehen. Oder man ist mit sich selbst einig und weiß, dass Krieg einfach die Hölle ist und keiner mit moralischen Verurteilungen um sich werfen sollte der von der Materie keine Ahnung hat - so wie ich. Wer also "American Sniper" hassen möchte, weil der Film Amerika glorifiziert (wer hätte das gedacht bei der Wahl des Titels?), für den muss es sich anfühlen wie ein gefundenes Fressen. Doch eben diese Einstellung erfordert, nicht genau hinzuschauen, nicht mitdenken zu wollen und nicht zu hinterfragen. Ist man allerdings dazu in der Lage, wird man schnell erkennen dass es Clint Eastwood mit "American Sniper" nicht darum ging, einen Krieg weder zu rechtfertigen noch zu verurteilen. Stattdessen konzentriert er sich auf den emotionalen Tribut, den Chris Kyle zahlt, auf die Konsequenzen seiner eigenen Handlungen. Dies gelingt dank einer beeindruckenden und tiefgehenden Performance von Bradley Cooper, der tapfer gegen ein paar Schwächen im Drehbuch anspielt und erstmalig allein und mit einer gut durchdachten handwerklichen Herangehensweise einen ganzen Film trägt.

"American Sniper" ist sicher nicht Eastwoods bester, dafür aber ein sehr guter und gleichzeitg bedrückender Film, welcher vom Zuschauer verlangt, mit offenen Augen und freiem Geist an das Thema heranzugehen. Mehr Kritik am Irakkrieg als solchen wäre zwar wünschenswert gewesen, denn gefühlt bleibt hier doch eine gute Prise Moral auf der Strecke, doch als Portrait einer Figur, die an den Komplikationen eines Krieges zerbricht, taugt "American Sniper" allemal. Wer mehr erwartet, der dürfte enttäuscht werden. Aller Pathos und amerikanische Glorifizierung beiseite ist es ein Film über einen Mann der seinen Weg gegangen ist, der seine Berufung fand, ausführte und überzeugend gespielt den Zuschauer zu erreichen vermag.

8/10

Von WARNER BROS. gab es den Film exklusiv bei Müller im limitierten Steelbook.


Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Sonntag, 10. Mai 2015

Million Dollar Baby (2004)

http://www.imdb.com/title/tt0405159/

Frankie Dunn (Clint Eastwood) hat sein Leben lang viele unglaubliche Kämpfer im Ring trainiert. Die wichtigste Regel, die er seine Boxer lehrt, ist die, die sein eigenes Leben bestimmt: Vor allem anderen, schütze dich selbst! Im Zuge einer schmerzvollen Entfremdung von seiner Tochter hat Frankie niemanden mehr an sich herangelassen. Sein einziger Freund ist Scrap (Morgan Freeman), ein ehemaliger Boxer, der sich um das Studio kümmert und weiß, dass unter Frankies rauher Schale ein warmherziger Kerl steckt. Dann taucht eines Tages die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Kellnerin Maggie Fitzgerald (Hilary Swank) im Hit Pit auf und will Boxen...

"Million Dollar Baby" ist ein sehr bewegendes Sportlerdrama, dass gekonnt die typischen Klischees umschifft, die man eigentlich in so einem Film erwarten würde. Ein großartiger Film, der über Boxsport erzählt und die Gewalt anpragert, aber einen nicht mit der moralischen Keule erschlägt, sondern auf überaus einfühlsame Weise den Zuschauer in eine Welt einführt, die ihn zuerst faszinieren und wegen der sich anbahnenden Vater-Tochter-Beziehung rühren und später erschüttern wird. Zuerst glaubt man an eine Erfolgsstory. Die Parallelen zu "Rocky" sind auch deutlich sicht- und spürbar.

Es geht steil bergauf, nach oben hin scheint es keine Grenzen zu geben, und es trifft genau die Richtige: nämlich eine ambitionierte junge Frau, die sich alles hart erkämpft hat und es nie leicht hatte. Gerade ihr wünscht man alles Glück der Welt. Doch dann schlägt der Film von jetzt auf gleich ins Drama um und fassungslos fragt man sich: Warum passiert guten Menschen nur so viel Schreckliches? Klar, es hat mit der Gewalt zu tun. Mit zu hohen Erwartungen und dem Leichtsinn, der daraus folgt. Aber die Realität will der Zuschauer in diesem Moment nicht wahrhaben. Bis zum Schluss hofft man, dass noch ein Wunder für das Happy End aus dem Ärmel gezogen wird, und als das, wie vorauszusehen, nicht geschieht trifft einen die Hoffnungs- und Trostlosigkeit eines solchen Schicksals mit voller Wucht in die Magengrube. Dazu kommt noch die bedrückende Atmosphäre, die aufgrund des Plots gegen Ende hin immer dichter wird und dank der ruhigen Kameraarbeit von Tom Stern auf den Zuschauer übertragen wird. Der Score, ebenfalls von Clint Eastwood, ist spärlich und bedächtig ruhig kommt der gesamte Film daher.

Auch kommt der Film dankenswerterweise ohne Übertreibungen aus. Keine endlosen Dialoge voller Schmalz. Nur ein alternder Trainer, der seinen Schützling so sehr liebt, dass er ihm den letzten Wunsch erfüllt... und dann sang- und klanglos untertaucht. Nichts weiter. Und das reicht völlig. In diesem Fall zeigt Regisseur und Akteur Clint Eastwood einmal mehr sein ganzes Können, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Er ist einfach ein Meister der Dramaturgie. In Hilary Swank findet man eine überragende Hauptdarstellerin und Sympathieträgerin, die jede Szene, so ernst oder dramatisch sie auch sein mag, hervorragend auszudrücken versteht. Man kauft ihr die Kellnerin aus armen Verhältnissen, die es zur Profisportlerin bringt, einfach ab und fiebert und leidet von Anfang an mit ihr mit.

Der finale Satz im Film bringt dann vermutlich auch den letzten Zuschauer aus der Fassung und ringt jedem eine Träne ab. "Million Dollar Baby" ist schlicht und ergreifend ein Meisterwerk. Ein Drama ohne Kitsch, großartig erzählt und toll gespielt.

9/10 

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Poster/Artwork: Warner Bros.

Samstag, 23. März 2013

Letters From Iwo Jima (2006)

http://www.imdb.com/title/tt0498380/

Erzählte "Flags of Our Fathers" den Angriff auf die japanische Insel aus amerikanischer Sicht, so liegt der Schwerpunkt nun auf der japanischen Sichtweise. Auch dieses Meisterwerk überzeugt durch brillante Kamera sowie die Kraftlosigkeit der Farben und ist in seiner Darstellung des Krieges noch eine Spur drastischer und somit wesnetlich authentischer und eindringlicher.

Regisseur Clint Eastwood bringt dem Zuschauer das Grauen spürbar nahe und weicht auch nicht vor sehr drastischen Darstellungen zurück. In einer der schlimmsten Szenen begeht eine ganze Gruppe von Soldaten Selbstmord, in dem alle nacheinander eine Handgranate vor ihrer Brust zünden. Dieser "Splattereffekt" macht die Sinnlosigkeit des Krieges noch um einiges deutlicher. Untermalt wird die bedrückende Stimmung, wie bereits in Flags, von einer beeindruckenden kraftlosen Farbe der Bilder, die kein schwarz-weiß ist aber stark danach aussieht. Beide Filme spielen am gleichen Ort und bieten teilweise fast identische Szenen. Sie ergänzen sich beide wunderbar, stellen dabei aber keine Fortsetzung des jeweils anderen dar, sondern sind in sich abgeschlossen.
 

Eastwood betonte auf der Berlinale, dass es sich bei beiden Filmen nicht um Antikriegsfilme handelt. Den Krieg, den gibt es einfach und dass, was er hier schildert, gehört der Vergangenheit an. Die Sinnlosigkeit eines Krieges indes wird immer präsent bleiben. Er weiß dies für den Zuschauer auf sehr eindringliche Art zu veranschaulichen. Mit "Letters From Iwo Jima" übertrifft Eastwood seinen Parallel-Film "Flags Of Our Fathers" noch einmal und liefert ein Meisterstück ab. Vor allem die beklemmende Geschichte und die überwältigende Inszenierung beeindrucken, Eastwoods Film unterscheidet sich stark von jedem bisher existenten Kriegsfilm. Ein ganz neuer Beitrag zur stets aktuellen Diskussion über den Krieg und - fast ganz nebenbei - eine filmische Offenbarung.

Bleibt nur zu hoffen, dass Eastwood noch mehr so grandiose Filme abliefert.

9/10 

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.

Freitag, 22. März 2013

Flags Of Our Fathers (2006)

http://www.imdb.com/title/tt0418689/

Ein genialer Kriegsfilm, der vor allem die fälschliche Berichterstattung und Darstellung eines der berühmtesten Fotos der amerikanischen Geschichte behandelt: das Aufstellen der amerikanischen Flagge auf der japanischen Insel Iwo-Jima. Historisch weitestgehend korrekt wird erzählt, wie die Originalflagge gegen eine größere ausgetauscht wird und das Foto der zweiten Flagge überall in der amerikanischen Presse erscheint. Drei der sechs Soldaten, die beim Auftstellen der zweiten Flagge beteiligt waren, werden in die Staaten zurückbeordert, um dort als Helden gefeiert zu werden

Regisseur Clint Eastwood wechselt dabei immer wieder zwischen drei Zeitebenen: einer Erzählerebene, in der der Sohn von John Bradley (einer der drei Soldaten, gespielt von Ryan Phillippe) von den anderen Soldaten erfährt, was passiert ist; eine Ebene, in der die drei Soldaten ihre Tour durch die Staaten machen müssen, um Kriegsanleihen zu verkaufen und schließlich die Kriegsebene, in der die Geschehnisse aus erster Hand präsentiert werden. Der Streifen nimmt sich insgesamt viel zu viel Zeit, um möglichst viele verschiedene Aspekte mit einzubringen, damit die Figuren noch vielschichtiger werden. Und in der Tat kann man "Flags Of Our Fathers" am ehesten vorwerfen, dass er zu viel sein will, daran aber letztendlich scheitert.

In jedem Fall ist "Flags Of Our Fathers" ein Film, der sehr gut die Schicksale der drei vermeintlichen Helden zeigt, die eigentlich keine sind. Ihre Gefühle kommen klar zum Ausdruck und der Zwang, in dem sie durch die Öffentlichkeit stecken, wird sehr deutlich. Gegen Ende driftet der Streifen allerdings in unangenehme Längen ab und der endgültige Schluss kommt gefühlte 20 Minuten zu spät. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Mit einer besseren Ausbalancierung der Zeitebenen wäre der Film sicherlich noch einen Tick besser geworden. Nichtsdestotrotz ist er sehr gut gelaungen und bleibt vor allem wegen seiner erschreckenden Landungsszene im Gedächtnis.

8/10 

Quellen:
Inhaltsangabe: Warner Bros.