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Freitag, 8. Dezember 2017

아가씨 - Agassi - The Handmaiden - Die Taschendiebin (Langfassung) (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4016934/

Korea in den 1930er Jahren, während der Besatzung durch die japanischen Invasoren: Die junge Sookee (Kim Tae-Ri) ist eine gerissene Taschendiebin, die sich von der reichen japanischen Erbin Hideko (Kim Min-Hee) als Dienstmädchen einstellen lässt. Sookee zieht auf das abgelegene Anwesen, auf dem Hideko völlig zurückgezogen mit ihrem Onkel Kouzuki (Jin-Woong Cho) lebt. Was Hideko allerdings nicht weiß: Sookees Anstellung als Dienerin ist Teil eines perfiden Plans, den sie zusammen mit einem Heiratsschwindler (Jung-Woo Ha), der sich als Graf Fujiwara ausgibt, ausgeheckt hat. Der falsche Graf und das Dienstmädchen planen, die junge Erbin um ihr gesamtes Vermögen zu erleichtern. Und zunächst läuft alles wie am Schnürchen – bis ganz unerwartet Sookee und Hideko echte Gefühle füreinander entwickeln...

Der Originaltitel des zehnten Films des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-Wook, "Agassi" bedeutet so viel wie "Lady" und transponiert die Handlung vom viktorianischen England in das von Japan besetzte Korea der 1930er Jahre. Die in ärmlichen Familienverhältnissen aufgewachsene Sook-Hee (Kim Tae-ri) wird in das Anwesen der jungen Lady Hideko (Kim Min-hee) als deren Dienerin eingeschleust, um sie dazu zu bewegen, den undurchsichtigen Grafen Fujiwara (Ha Jung-woo) zu heiraten, der sich ihr Erbe durch einen Hochzeitsschwindel erschleichen will. Hideko kann das Erbe als Alleinstehende nicht selbst antreten und muss dazu heiraten. Weiterhin plant Graf Fujiwara Hideko anschließend in eine Irrenanstalt einweisen zu lassen und sich das Geld dann mit Sook-Hee zu teilen. Allerdings muss auch Hidekos Onkel Kouzuki (Cho Jin-woong) umgangen werden, der durch eine Heirat seiner eigenen Nichte ebenfalls an deren Erbe gelangen will.

Je weniger man vorweg vom Verlauf von "Die Taschendiebin" erfährt, umso besser kann man sich von den vielen Wendungen des Handlungsverlaufs überraschen lassen, und davon hat der Film eine Menge, bis zu einem bestimmten Punkt im Film an dem die komplette Geschichte um 180 Grad kippt und den Zuschauer völlig im Regen stehen lässt. Dabei ist der Film so gut in seiner Erzählweise konstruiert, dass dieser Twist absolut reibungslos wirkt und man sich gefühlt nahtlos in diese neue Richtung mitreißen lassen kann. Wovon der Film ebenfalls eine Menge hat, ist Sex. Generell ist die Geschichte über weite Strecken erotisch sehr stark aufgeladen und gipfelt in einer der expliziteren Sexszenen des modernen Mainstream-Kinos. Dennoch verkommt diese überdeutliche Darstellung niemals zum Selbstzweck, sondern ist absolut relevant für den Verlauf der Geschichte, die Entwicklung der Charaktere und die emotionale Bindung (oder auch) Distanzierung der Figuren. Schauspielerisch bewegt sich "Die Taschendiebin" ebenfalls auf dem höchsten Level. Gerade die beiden Hauptdarstellerinnen sind absolut glaubhaft und bis auf einen kleinen Moment von Kim Min-Hee, der allerdings auch nur den Bruchteil einer Sekunde ausmacht, war ich durch die Leistung aller Beteiligten von Anfang bis Ende in der Geschichte gefangen.

Etwas im Film verdient noch einen eigenen kleinen Absatz in dieser Rezension, und damit ist das Haus gemeint, in dem die Ereignisse der Geschichte stattfinden. Wie bei Stanley Kubriks "The Shining" oder Norman Bate’s Motel aus "Psycho" hat das Anwesen in "Die Taschendiebin" einen eigenen Charakter und wirkt wie ein lebender, atmender Organismus. 


Es ist ein gewaltiges Anwesen, in das die junge Sookee einzieht. Ein Anwesen, das sich in elegante Speisesäle, winzige Schlafkammern und eine düstere Bibliothek verästelt. Halb viktorianisch, halb traditionell japanisch erscheint es wie Kintsugi-Porzellan, zusammengekittet aus den Scherben zweier Kulturen. So wie das Haus mehrere Epochen der Architektur in sich vereint, so führt auch "Die Taschendiebin" verschiedene Fragmente zusammen: die Geschichte des virtuosen Thrillers entstammt Sarah Waters im viktorianischen England angesiedelten Roman "Solange du lügst", doch Park Chan-wook verlegt sie in das japanisch besetzte Korea der Dreißigerjahre den 20. Jahrhunderts, das er in opulentem Szenenbild und nicht minder akribisch gearbeiteten Kostümen präsentiert. Der Stil kreuzt westliche Gotik mit traditionell japanischem Baustil. Alles in diesem Gebäude hat Struktur, stark gemusterte und im Stil konträr laufende Tapeten, extrem kräftige und dunkle Farben, und der stete Wechsel zwischen klaustrophobisch wirkenden Korridoren und weitläufigen Eingangshallen und Gärten werden von Regisseur Park Chan-Wook mit absoluter Perfektion in Szene gesetzt. Durch die Verwendung der Arri Alexa in Kombination mit einer anamorphen 1974er Kameralinse von Hawk und der meisterhaften Beleuchtung schafft Park es, ein visuelles Meisterwerk auf die Leinwand zu bringen. Es ist ein wunderschöner Film.

Jo Yeong-Wook komponierte einen Soundtrack, der permanent Gänsehaut verursacht. Gerade das Stück "My Tamako, My Sook-Hee" ist der Wahnsinn und begleitet die beste Szene im Film. Die Musik erzeugt Spannung oder unterstreicht Humor, wenn es nötig ist, und trägt in den richtigen Momenten zur emotionalen Tragweite der Szenen bei. Ein Soundtrack, wie er funktionieren und klingen muss. Dadurch dass viele der Stücke Walzer sind, wirkt der klassische Soundtrack oft sehr europäisch und erzeugt hier und einen Moment oder ein Gefühl, das vielleicht an Filme wie "Die fabelhafte Welt der Amelie" erinnert.

Die Langfassung von "Die Taschendiebin" hat eine Lauflänge von 168 Minuten und ist somit 24 Minuten länger als die Kinofassung. Nichtsdestotrotz kann man nicht so weit gehen, die Langfassung als "ungeschnitten" oder gar als "Director’s Cut" zu bezeichnen. Park Chan-Wook erzählte in einem Interview, er habe sich im Grunde von den Koreanischen Fans dazu breitschlagen lassen, so viel von dem gedrehten Material im Film unterzubringen, wie nur irgend möglich, und brachte den Film mit längerer Laufzeit für eine exklusive, einmalige Aufführung ins Kino und veröffentlichte ihn anschließend auch in dieser Fassung für koreanisches PayTV. Aufgrund der Tatsache, dass jedes Standbild ein Gemälde ist, durchaus nachvollziehbar. Und auch, wenn man bereits die Kinofassung wirklich gut fand, ist die Langfassung aus allen soeben genannten Gründen definitiv die zu bevorzugende Fassung.

9/10

Von KOCH Films erschien der Film in der "Limited Collector's Edition" im Hardcoverschuber mit umfassenden Buch zum Film, Setcards und natürlich der Kino- und Langfassung auf DVD und Blu-ray.

Quellen: 
Inhaltsangabe: Koch Films

Sonntag, 11. Juni 2017

아가씨 - Agassi - The Handmaiden - Die Taschendiebin (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4016934/

Korea in den 1930er Jahren, während der Besatzung durch die japanischen Invasoren: Die junge Sookee (Kim Tae-Ri) ist eine gerissene Taschendiebin, die sich von der reichen japanischen Erbin Hideko (Kim Min-Hee) als Dienstmädchen einstellen lässt. Sookee zieht auf das abgelegene Anwesen, auf dem Hideko völlig zurückgezogen mit ihrem Onkel Kouzuki (Jin-Woong Cho) lebt. Was Hideko allerdings nicht weiß: Sookees Anstellung als Dienerin ist Teil eines perfiden Plans, den sie zusammen mit einem Heiratsschwindler (Jung-Woo Ha), der sich als Graf Fujiwara ausgibt, ausgeheckt hat. Der falsche Graf und das Dienstmädchen planen, die junge Erbin um ihr gesamtes Vermögen zu erleichtern. Und zunächst läuft alles wie am Schnürchen – bis ganz unerwartet Sookee und Hideko echte Gefühle füreinander entwickeln...

Park Chan-wooks neuer Film, eine Adaption des Kriminalromans "Solange du lügst" (Originaltitel: "Fingersmith") von Sarah Waters, erzählt vor allem eine große, sehnsüchtige, wunderschöne Liebesgeschichte. Aber ansonsten ist in den erlesen fotografierten Bildern nichts, wie es scheint. Jeder verstellt sich, alle betrügen alle, keiner sagt die Wahrheit. In seinen besten Momenten spielt "Die Taschendiebin" dabei mit den Wechselwirkungen aus Macht, Abhängigkeit und Leidenschaft, denn die Bedürfnisse aller Protagonisten sind miteinander verwoben und ihr Verhältnis zueinander befindet sich stets im Fluss, was dem Film sein Suspense verschafft.


Das abgelegene Haus ist eine im doppelten Sinne koloniale Trutzburg: halb englisches Herrenhaus, halb japanisches Anwesen, angefüllt mit allerlei luxuriösen Interieur, Möbeln und Stoffen der westlichen und der östlichen Überkultur. Wie ein übermächtiges Lebewesen wirkt das Gebäude, in dessen Keller Dinge vorgehen, von denen man eigentlich nichts wissen möchte. "Die Taschendiebin" ist damit auch ein Märchen im Gewand eines Thrillers. Es handelt von zwei einsamen schönen jungen Frauen, zwei Waisenkindern, die einander Halt geben. In den intimen Winkeln des Gebäudes kommen die vermeintliche Zofe und ihre Herrin einander näher. Geradezu fetischistisch fährt die Kamera zu Beginn mit den Augen der Taschendiebin über Hidekos Schuhe, Handschuhe, Kleider, Juwelen. Erotische und materielle Faszination sind eins. Bis zu einer Liebesszene, die in der beiderseitigen Verstellung beginnt und sich im Exzess befreit: Hideko bittet ihre Zofe, ihr zu zeigen, wie der um sie werbende Graf sie lieben wird. 

Parks Werk sinniert in drei Akten geschickt über den schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Fetisch, zwischen positiven Kräften, die die Figuren antreiben und negativen, die sie in den Untergang ziehen. Dabei gelingt es dem Regisseur fabelhaft, das Geschehen wahlweise durch ein wohlwollendes Augenzwinkern zu ironisieren, oder es aber leicht spöttisch zu hinterfragen und als grotesk zu entlarven. Die Exzesse aus Parks früheren Werken finden sich auch hier, allerdings deutlich vergeistigt – wo die Gewalt von "Oldboy" oder "Sympathy For Mr. Vengeance " die Körper der Figuren malträtierte, verkehrt Park den Ansatz in "Die Taschendiebin" ins Gegenteil und schildert gleich im doppelten Sinne die Befreiung aus geistiger Gefangenschaft durch die Freuden der Körperlichkeit.

Selbst der erste Teil des Films, dessen stockender Handlungsverlauf erst androht ins Leere zu laufen, verschlingt den Zuschauer. Die Opulenz der Inszenierung und die langen bewusst gesetzten Einstellungen um zum Beispiel die unwirkliche Ästhetik der mit prachtvollen Bäumen gesäumten Allee einzufangen sind in Perfektion vollendet. Mit dem zweiten Teil mindert sich zwar nicht die visuelle und akustische Virtuosität, aber die Handlung fängt an sich zu entwickeln und den Zuschauer zu greifen. Durch das Durcheinanderwirbeln der Charakterkonstellationen, gewinnen die Figuren an Leben und damit die Handlung an Spannung. Das baldige Erahnen des weiteren Verlaufs löst die Spannung nicht auf, denn die Umsetzung weiß immer wieder zu überraschen. Im Rollenspiel entgleiten die Rollen, entsteht zwischen Küssen, Stöhnen, ineinander verschlungenen Körpern, sexueller Ekstase der erste Moment der Aufrichtigkeit zwischen den beiden Frauen. Von nun an scheint es, als müssten Hideko und Sookee sich und ihre Gefühle vor der Allgewalt des Gebäudes verstecken. Die Kamera erspäht ihre Gesichter zwischen Wänden und Lampenschirmen, erblickt sie durch hölzerne Treppengeländer, hinter Fensterrahmen und Säulen.


So erzählt Park Chan-Wook abermals auf untergründige Weise auch von der Gewaltgeschichte seines Landes. In seinem Film "Oldboy", der ihn 2003 schlagartig zu einem Star des internationalen Autorenkinos machte, hallten die ungesühnten Verbrechen der koreanischen Militärdiktaturen mit. Der Film war der Beginn einer extrem stilisierten, extrem gewalttätigen Rache-Trilogie. In "Die Taschendiebin" wird die japanische Kolonisierung zur Grundlage aller weiteren, auch privaten Machtverhältnisse. In einer Szene, als Sookee auf dem Anwesen ankommt, muss die junge Zofe ihren koreanischen Namen für einen japanischen abgeben. Auf die Frage, weshalb er die Kolonisatoren bewundere, sagt Hidekos koreanischer Onkel: "Japan ist schön, Korea ist hässlich." In der gigantischen Bibliothek des Anwesens hat der alte Lüstling eine riesige Sammlung erotischer und pornografischer Werke zusammengetragen, die er sich und seinen männlichen Gästen von seiner Nichte auf Japanisch vorlesen lässt. Es ist ein Missbrauch im Zeichen der kulturellen Raffinesse.
So klug, komplex und vielschichtig "Die Taschendiebin" ist, bleibt der Film im Kern doch schlagend einfach: Männer sind Schurken, und Frauen versuchen, sich von den Schurken zu befreien. Unterhaltsamer und ästhetischer kann man den Geschlechterkampf nicht inszenieren. Aber am Ende bleibt ein Film über einen kleinen Sieg sinnlicher, authentischer, weiblicher Sexualität gegen die Sexualität einer patriachaischen Welt, in der sie nur noch als brutale Perversion existieren darf.

8,5/10

Von KOCH Films erschien der Film in der "Limited Collector's Edition" im Hardcoverschuber mit umfassenden Buch zum Film, Setcards und natürlich der Kino- und Langfassung auf DVD und Blu-ray.

Quellen: 
Inhaltsangabe: Koch Films