Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint) hegen den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind und beziehen dafür Sagas Elternhaus in den abgelegenen Wäldern Finnlands. Mit der Geburt ihres Babys scheint ihr Plan zunächst Wirklichkeit zu werden. Doch die neue Situation entwickelt sich anders als erwartet und stellt ihr Zusammenleben zunehmend infrage. Während sich die Ereignisse zuspitzen, ist es allein Saga, die eine beunruhigende Wahrheit zu erkennen beginnt.
Ein Horrorfilm über Elternschaft, der sich anfühlt, als würde jemand die unausgesprochenen Ängste junger Eltern nehmen, sie mit Fell überziehen und mit Blut füttern. Regisseurin Hanna Bergholm, die schon mit "Hatching" Körperhorror und Familienpsychologie verband, erzählt erneut von einer Mutter, die sich vor dem eigenen Kind fürchtet - nur dass das Baby hier buchstäblich ein blutsaugendes, haariges Wesen aus dem Wald zu sein scheint. Bergholm nutzt dieses Setup, um eine Spirale aus Schlafmangel, Reizüberflutung und Schuld zu zeigen: Mutter Saga (Seidi Haarla) driftet in eine schwere postpartale Depression, ihre Wahrnehmung kippt in Wahn, und die Frage, ob Kuura ein Monster oder nur ein etwas hartnäckigeres Baby ist, bleibt bewusst lange in der Schwebe. Ein blutiger, wilder Horrorfilm über die unausgesprochenen Schrecken der Kindererziehung, dessen Horror direkt aus dem Alltag junger Eltern gespeist ist. Seidi Haarlas Saga ist weder klassische Final Girl-Heldin noch reine Opferfigur, sondern eine Frau, deren Nervensystem sichtbar überlastet ist: Haarla zeigt, wie Liebe, Überforderung, Ekel und Beschützerinstinkt in einer Person gleichzeitig existieren können. Und sie legt ihr gesamtes schauspielerisches Talent in die Waagschale, um diesen Zustand greifbar zu machen. Rupert Grint als Jon nutzt seine vertraute "Harry Potter"-Persona klug gegen den Strich: der ehemalige Ron Weasley spielt hier einen überforderten, aber bemüht normalen Vater, jemand, der rationalisieren will, wo Sagas Welt bereits zerfällt. Er ist nicht Bösewicht, aber auch nicht Retter; eher jener Partner, der die Schwere der Situation zu spät begreift. Die Nebenfiguren bleiben minimal; die Isolation des Ehepaars ist Teil des Horrors.
Wie schon in "Hatching" ist das Handwerk exzellent. Pietari Peltolas Kameraarbeit taucht Haus, Wald und Baby in eine Mischung aus Märchenhaftigkeit und Bedrohung, die man durchaus als märchenhaft beschreiben könnte. Die Ausstattung von Kari Kankaanpää verwandelt das abgelegene Haus in einen Ort, der nie ganz real wirkt: zu ordentlich, zu still, fast wie eine Bühne, auf der jederzeit etwas unter dem Boden hervorbrechen könnte. Das Design von Kuura - eine Mischung aus Puppenspiel und CGI - ist bewusst ambivalent: Es wird nie ganz klar, ob er forderndes Baby, Troll oder einfach nur ein bösartiger Zwerg ist. Diese Unschärfe ist Absicht: Kuura ist weniger Monster als Manifestation aller Ängste, die mit einem schreienden, nächtelang wach haltenden Baby einhergehen. Der wenige, aber präzise eingesetzte Gore - etwa bei Stillversuchen, die buchstäblich blutig enden - dient nie nur dem Schock, sondern spiegelt reale körperliche Erfahrungen, die in glatten Elternbildern selten vorkommen. Auch beim Ton passt alles: Die Geräuschkulisse - Babygeschrei, Waldgeräusche, knarrende Dielen - arbeitet konsequent gegen die Nerven des Zuschauers. Eicca Toppinens Score unterstreicht die Märchenhaftigkeit, ohne das Grauen zu entschärfen.
"Nightborn" schwankt gewollt zwischen Metapher und wörtlichem Horror, gleichzeitig ist aber die Überzeichnung, der manchmal schwarze Humor und die derben Spitzen gegen Eltern-Klischees genau das, was den Film von reinem Elendsrealismus unterscheidet. Klar ist:"Nightborn" versteht Elternschaft als körperlichen, psychischen Ausnahmezustand. Die Frage, ob Saga eine schlechte Mutter ist, wird nie eindeutig beantwortet; stattdessen zwingt der Film den Zuschauer, ihre Überforderung ernst zu nehmen, ohne ihre Gewaltimpulse zu entschuldigen. Im Kern ist "Nightborn" aber eher eine Fabel darüber, wie nahe Liebe und Zerstörungswut in den ersten Monaten mit einem Baby beieinanderliegen können. Die Umsetzung, die starken Hauptdarsteller und die konsequente Verbindung von Elternrealität und Genrehorror ist wunderbar stark, die thematische Schlichtheit im letzten Akt und kleinere tonale Stolperer mindern das Vergnügen ein wenig. Er nimmt ernst, was viele Horrorfilme nur als Antrieb benutzen (die Angst vor dem eigenen Kind) und treibt es bis zur blutigen, aber erstaunlich ehrlichen Konsequenz. Ein klug komponierter finnischer Eltern-Albtraum, märchenhaft fotografiert, hart gespielt und mutig genug, Mutterschaft nicht als idyllischen, sondern als zutiefst ambivalenten Zustand zu zeigen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen