Francesco Dellamorte (Rupert Everett) verdient seine Brötchen als Totengräber in der kleinen italienische Stadt Buffalora. Allerdings hat die Sache einen Haken: Alle auf dem Friedhof begrabenen Toten steigen nach sieben Tagen wieder aus ihren Gräbern und müssen dann mit einem gezielten Kopfschuss endgültig ins Jenseits befördert werden. Dabei unterstützt ihn der geistig zurückgebliebene Gnaghi (François Hadji-Lazaro), mit dem sich Francesco auch seine schäbige Behausung teilt. Zusammen haben sie bereits Routine entwickelt: Um die verwesenden Zombies zurück ins Reich der Toten zu befördern, müssen sie sich nicht mal aus dem Fernsehsessel erheben. Doch als sich Francesco eines Tages bei einer Beerdigung in eine junge Witwe (Anna Falchi) verliebt, sind die Tage der grusligen Gemütlichkeit gezählt...
Es gibt Filme, die man nach der Handlung beurteilt, und es gibt Filme wie "DellaMorte DellAmore", die man eher als Geisteszustand erfährt. Regisseur Michele Soavi hat hier keinen gewöhnlichen Horrorfilm gedreht, sondern eine seltsam elegante Totenmesse für das Begehren, die Wiederholung und die Unmöglichkeit, dem eigenen Leben zu entkommen. Wer eine geradlinige Zombiestory erwartet, bekommt etwas viel Unheimlicheres: einen Film, der so tut, als ginge es um die Toten, während er in Wahrheit die Lebenden seziert - ihre Libido, ihre Langeweile, ihre Todessehnsucht und ihre lächerliche, rührende Weigerung, vernünftig zu werden. Das Ergebnis ist ein Werk, das zwischen schwarzer Komödie, Gothic-Romanze und existentialistischem Fiebertraum pendelt und gerade deshalb so lange im Gedächtnis bleibt. Francesco Dellamorte, gespielt von Rupert Everett mit jener trockenen, leicht gelangweilten Eleganz, die seine Figur erst wirklich unwirklich macht, ist Friedhofswärter in einer Stadt, die ebenso gut am Rand der Realität liegen könnte wie am Rand Europas. Seine Arbeit besteht darin, die Toten zu erledigen, die nicht tot bleiben wollen. Das klingt zunächst nach einem makabren Routinejob, und Soavi spielt diese Grundidee zunächst fast wie eine groteske Büropflicht: Francesco schießt, sägt, begräbt und vergräbt erneut, während sein einfältiger, aber herzensguter Gehilfe Gnaghi (François Hadji-Lazaro) die Welt mit der Ruhe eines Mannes hinnimmt, der nie gelernt hat, dass es ungewöhnlich ist, von einem Kopf zu schwärmen. Doch der Film ist von Anfang an weniger an Handlung interessiert als an Wiederholung. Die Zombies sind nicht die Pointe; sie sind das System.
Diese Wiederholung wird zum eigentlichen Thema des Films. Francesco liebt Frauen, oder genauer: Er liebt die Idee, dass er Frauen lieben könnte. Sobald eine von ihnen auftaucht, verwandelt sich der Film in eine Bewegung der Projektion. Die schöne Witwe, die bei einem Begräbnis auftaucht, wird zu "Ihr", zu einer idealisierten Erscheinung, die Francesco sofort in ein romantisches und sexuelles Begehren hineinliest. Dass diese Beziehung nicht lange überleben kann, ahnt man früh; dass sie ausgerechnet an der Kreuzung von Eros und Verwesung endet, ist ganz im Sinn des Films. Soavi und seine Autoren behandeln die Liebe hier nicht als Erlösung, sondern als einen Zustand permanenter Verwechslung. Francesco begehrt nicht die Frau, sondern die Möglichkeit, in ihr etwas Endgültiges zu finden. Und gerade deshalb muss er immer wieder scheitern. Der Film wird dabei immer freier, immer fiebriger. Was als makabre Zombie-Groteske beginnt, kippt nach und nach in einen psychischen Ausnahmezustand. Francesco trifft auf Frauen, die "Ihr" gleichen, als hätte das Universum beschlossen, ihm dieselbe Täuschung in immer neuen Varianten vorzusetzen. Zugleich beginnt er mit einer Figur zu sprechen, die sich als der Tod selbst ausgibt. Diese Gespräche sind vielleicht der Schlüssel zum ganzen Film: Der Tod ist hier kein Ende, sondern eine Verwaltungsinstanz. Er beklagt sich darüber, dass Francesco ihm die Arbeit wegnimmt, indem er die Toten zu früh vernichtet. In dieser Idee steckt mehr als nur schwarzer Humor. Sie macht deutlich, dass Soavi nicht einfach mit Horror spielt, sondern mit der Vorstellung, dass selbst der Tod eine Ordnung besitzt, die der Mensch nicht ungestraft stört.Visuell ist "DellaMorte DellAmore" von einer düsteren Opulenz, die weit über das hinausgeht, was man von einem bloßen Genrebeitrag erwarten würde. Die Friedhofslandschaften sind nicht einfach Kulisse, sondern seelischer Raum: neblig, einsam, etwas zu schön, um harmlos zu sein, und immer mit jener leicht surreale Note versehen, die italienische Genrefilme der besten Sorte so unverwechselbar macht. Soavi, der aus der italienischen Horrortradition kommt, aber nie bloß deren Diener ist, inszeniert mit großer Lust an der Form. Die Kamera bewegt sich nicht nur durch Räume, sie tastet eine metaphysische Stimmung ab. Ein Schädel, ein Grabstein, eine verwitterte Wand, ein Blick in die Ferne - all das wirkt hier nie beiläufig. Es sind Bausteine einer Welt, in der das Normale schon längst aufgehört hat, gültig zu sein. Besonders bemerkenswert ist, wie der Film zwischen Ekel und Zärtlichkeit balanciert. Er ist blutig, ja, und manchmal absichtlich geschmacklos. Aber er hat auch etwas Merkwürdig-Melancholisches, das ihn von vielen splatterlastigen Zeitgenossen unterscheidet. Die Gewalt ist nie nur Effekt. Sie ist Ausdruck einer Verzweiflung, die keine andere Sprache mehr findet. Wenn Figuren zu Zombies werden, wenn Körper aufbrechen oder wieder aufstehen, dann geschieht das nicht nur, um zu schockieren. Es ist, als wolle der Film sagen, dass Liebe, Sex, Begehren und Tod im Grunde untrennbar ineinander verkeilt sind. Wer das Anstößige daran sieht, hat nicht unrecht; wer die Schönheit darin erkennt, ebenso wenig.
Das ist auch der Grund, warum der Film sich jeder sauberen Einordnung entzieht. Er ist weder einfach eine Horrorparodie noch ein ernstes Drama mit Zombies. Er ist eher ein Stück grotesker Philosophie, das seine Ideen mit den Mitteln des Exploitation-Kinos ausdrückt. Manche Filme erklären uns, was sie bedeuten wollen. "DellaMorte DellAmore" dagegen zwingt einen, sein Unbehagen auszuhalten. Das kann verwirrend sein, sogar frustrierend. Aber es ist die Art von Verwirrung, die aus echter Eigenständigkeit kommt. Der Film glaubt nicht an klare Trennlinien zwischen Leben und Tod, zwischen Lust und Angst, zwischen Lachen und Entsetzen. Gerade darum wirkt er so geschlossen in seiner Unruhe. Rupert Everett trägt diese Unruhe mit erstaunlicher Genauigkeit. Seine Darstellung ist nie überhitzte Groteske, sondern meist eine Mischung aus Distanz und innerem Verschleiß. Man glaubt ihm sofort, dass dieser Mann schon zu lange auf dem Friedhof lebt, um noch in die Welt der Lebenden zurückzufinden. Everett spielt Francesco nicht als Helden, sondern als jemanden, dessen Selbstbild längst von der Wirklichkeit untergraben wurde. Gerade dadurch wird er zu einer tragischen Figur inmitten des Grotesken. Auch Anna Falchi als "Sie" verleiht dem Film jene sinnliche Schwermut, die nötig ist, damit die Liebesgeschichte nicht bloß als makabrer Gag endet. Und Anna, die im Film immer wieder zur Wiederkehr verurteilt wird, wird zur Verkörperung eines Verlangens, das seine eigene Unmöglichkeit nicht überleben kann.Wenn "DellaMorte DellAmore" heute so unvergesslich wirkt, dann auch deshalb, weil er sich seiner eigenen Exzentrik nie schämt. Viele Filme möchten originell sein; dieser Film ist es einfach. Er ist seltsam, aber nicht exzentrisch um der Seltsamkeit willen. Er folgt einer sehr klaren inneren Logik, die nur eben nicht der Logik des Alltags entspricht. Seine Welt ist ein Ort, an dem Liebe buchstäblich aus dem Grab aufsteht, an dem ein Mann mit einem Gewehr versucht, Ordnung ins Jenseits zu bringen, und an dem die Sehnsucht nach Nähe unweigerlich mit Verfall verbunden ist. Das ist kein hübscher Gedanke, aber ein kraftvoller. Und Soavi hat die seltene Gabe, ihn nicht zu glätten, sondern in Bilder zu verwandeln. Am Ende bleibt "DellaMorte DellAmore" ein Film über das Scheitern an der Wiederholung. Francesco versucht immer wieder, derselbe Mann zu sein, derselbe Liebhaber, derselbe Wächter, derselbe Mensch. Doch alles kehrt zurück, nur nie in derselben Form. Das macht den Film so traurig, aber auch so komisch. Denn was ist das Leben anderes als ein Friedhof aus wiederholten Fehlern, an dessen Tor jemand steht und so tut, als könne er die Angelegenheit verwalten? Soavi beantwortet diese Frage nicht mit moralischer Klarheit, sondern mit Stil, Schwermut und einem sehr dunklen Lächeln. Genau deshalb ist sein Film nicht nur ein Kultobjekt, sondern ein echtes Unikat.



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