Samstag, 25. April 2026

Heel - Good Boy - Good Boy: Wir wollen nur dein Bestes (2026)

https://www.imdb.com/de/title/tt34381258/

Der rebellische 19-Jährige Tommy (Anson Boon) führt ein kriminelles Leben und wird nach einer exzessiven Partynacht mit Drogen und Gewalt von Chris (Stephen Graham) entführt und in einem finsteren Keller eines scheinbar normalen Vorstadthauses eingesperrt. Sein Entführer, ein charismatischer, aber unheimlicher Mann, lebt dort mit seiner distanzierten, fast geisterhaft stillen Frau Kathryn (Andrea Riseborough) und ihrem Sohn Jonathan (Kit Rakusen). Das Paar zwingt Tommy in ein sadistisches "Rehabilitationsprogramm", das mit psychologischer Manipulation, strenger Disziplin und täglichen Ritualen aus ihm einen "guten Jungen" formen soll, während er mit unterdrückter Wut, wachsender Abhängigkeit und verzweifelten Fluchtplänen ringt...

"Good Boy" beginnt wie ein Entführungs-Thriller und endet als moralisches Laborexperiment, in dem gut und böse so gründlich auf den Kopf gestellt werden, dass man am Schluss eher den eigenen Kompass prüft als die Figuren auf der Leinwand. Jan Komasa inszeniert hier ein Kammerspiel über Erziehung durch Gewalt - gleichzeitig beklemmend, schwarzkomisch und bewusst unangenehm. Stephen Graham ist das Zentrum der Dynamik. Als Chris wechselt er zwischen fürsorglichem Vater, fanatischem Erzieher und latent gewalttätigem Kontrollfreak - und die Unklarheit, ob er Retter, Täter oder beides ist, treibt den Film. Wenn er Tommy zusammenschlägt, liegt in seinem Gesicht eher Schmerz als Sadismus - und genau dies macht die Szenen so verstörend. Andrea Riseborough spielt Kathryn mit minimalistischem Horror: lange schweigend, zerbrechlich, fast unscheinbar, bis deutlich wird, welche emotionale Geschichte unter dieser Stille begraben liegt. Tommy ist zunächst schwer erträglich - laut, aggressiv, selbstzerstörerisch -, doch Anson Boon findet nach und nach Risse in der Fassade. Eine zentrale Szene zeigt ihn weinend vor Ken Loachs "Kes"; er ist selbst überrascht, dass ihn etwas berühren kann. Genau diese Momente machen klar, worauf Komasa zielt: Nicht auf eine simple Läuterungsgeschichte, sondern auf die Frage, ob Empathie unter Zwang entstehen darf. 

Komasa hält die Zügel auch sehr lange sehr fest. Die Kamera klebt an Gesichtern und Kellermauern, das Setting bleibt minimal, der Schnitt betont Pausen und das Unausgesprochene. Die Atmosphäre ist ununterbrochen unruhig: ständig gibt es leichte Verschiebungen, kleine Machtwechsel, Situationen, die erst komisch wirken und im nächsten Moment brutal werden. Gleichzeitig läuft durch den Film eine dünne Ader schwarzen britischen Humors, die noch am besten greift, wenn man sie kaum kommen sieht. Einige von Chris' Methoden sind so extrem - man könnte sagen: pädagogischer Wahnsinn -, dass sie fast surreal-komisch werden, ohne dass der Film in Parodie kippt. Lediglich das Ende ist etwas zu unglaubwürdig, beinahe mutlos und entschärft damit die bis dahin schmerzhaft offene Frage, ob Gewalt zur Besserung führen darf. Das Interessanteste an "Good Boy" ist, wie es die Zuschauer in moralische Grauzonen zwingt. Zunächst ist klar, dass Chris' Entführung unentschuldbar ist; je mehr man aber von Tommys Vorgeschichte sieht - die Komasa nicht ausspart -, desto stärker bohrt der Film an der Frage: Was tun mit Menschen, die andere systematisch zerstören, wenn alle legalen Mittel ausgeschöpft scheinen? Das ist ein nettes moralisches Puzzle, in welchem Kategorien wie gut oder böse zunehmend kollabieren. 

"Good Boy" ist damit kein vollständig perfekter Film, aber ein bemerkenswert unbequemer. Er nutzt ein klaustrophobisches Szenario, um über Verantwortung, Erziehung, Gewalt und zweite Chancen nachzudenken - und lässt sein Publikum lange genug im Unklaren, dass man sich ertappt fühlt, wenn man beginnt, mit einem Entführer mitzuhalten. Getragen von großartigen Schauspielern, starkem Ton und einem herausfordernden moralischen Kern, aber mit einem letzten Akt, der die zuvor sorgfältig aufgebaute Ambivalenz zu sehr glättet, der aber dennoch lange nachhallt.

8,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Recorded Picture Company/Skopia Film

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