https://www.imdb.com/de/title/tt22408160/"Kinds Of Kindness" ist ein aus drei Episoden bestehender Anthologie-Film, wobei zwar in allen Abschnitten dieselben Schauspieler*innen mitspielen, diese jedoch jeweils andere Rollen verkörpern: Der erste Teil handelt von Robert (Jesse Plemons), der sich von seinem Boss (Willem Dafoe) alles vorschreiben lässt - was er isst, was er liest, wann und mit wem er Sex hat, wirklich alles eben. In der zweiten Episode kehrt die bei einer Forschungsreise verschollene und eigentlich schon totgeglaubte Liz (Emma Stone) doch noch nach Hause zurück - nur glaubt ihr Mann Daniel (Jesse Plemons) nicht, dass die Person neben ihm im Bett tatsächlich seine Frau ist. Im finalen Film machen sich die Sektenmitglieder Emily (Emma Stone) und Andrew (Jesse Plemons) im Auftrag ihrer Wasser-Gurus Omi (Willem Dafoe) und Aka (Hong Chau) auf die Suche nach einem neuen Heiland, der jedoch sehr spezielle Voraussetzungen erfüllen muss (die Fähigkeit, Tote erwecken zu können, ist nur eine davon)…
"Kinds Of Kindness" ist Yorgos Lanthimos in Reinform: ein bösartiger Witz über die menschliche Bedürftigkeit, der so lang, so konsequent und so unerbittlich ist, dass man zwischendurch vergisst zu lachen - bis man merkt, dass das Lachen längst im Hals stecken geblieben ist. Der Film ist eine als Triptychon-Fabel strukturierte Filmtrilogie, drei Geschichten, lose verbunden durch Motive, Schauspieler und Initialen, in denen Menschen alles tun, um geliebt, geführt oder gebraucht zu werden - selbst wenn es sie zerstört. Die drei Kapitel tragen programmatische Titel, die alle auf dieselbe unsichtbare Figur verweisen: R.M.F. Zur Story der einzelnen Geschichten:
"The Death of R.M.F.": Robert Fletcher (Jesse Plemons) ist ein Mann, der seinen freien Willen abgegeben hat wie andere ihren Autoschlüssel an der Garderobe. Sein Boss Raymond (Willem Dafoe) kontrolliert alles: Roberts Job, seine Wohnung, seine Ehe mit Sarah (Emma Stone), sogar die Tage, an denen sie Sex haben dürfen. Als Raymond Robert bittet, einen Wagen zu rammen, um einen Mann zu töten, dessen Überleben Raymonds Pläne stört, gerät Roberts perfekt gesteuerte Welt aus der Bahn – nicht, weil der Auftrag unmoralisch wäre, sondern weil Robert zum ersten Mal überhaupt entscheiden muss, ob er sich weigern kann.
"R.M.F. is Flying": Im zweiten Segment spielt Plemons einen Polizisten, dessen Ehefrau Liz (Stone) nach einem mysteriösen Verschwinden plötzlich wieder auftaucht. Sie sieht aus wie Liz, spricht wie Liz, weiß alles über ihr früheres Leben – und doch ist er überzeugt, sie sei eine Doppelgängerin, eine Art Invasorin, die seine vertraute Welt gekapert hat. Die Geschichte driftet in paranoiden Body-Horror: Tests, Erniedrigungen, misstrauische Rituale, bis klar wird, dass es weniger um die Frage geht, wer Liz ist, sondern darum, dass er die Kontrolle über das Bild seiner Frau zurückerlangen will.
"R.M.F. Eats A Sandwich": Im letzten Teil folgen wir einer kultartig organisierten Gruppe, die davon überzeugt ist, eine "Auserwählte" zu finden: eine Frau, die Tote wieder zum Leben erwecken kann. Emma Stone spielt hier eine fanatisch suchende Anhängerin, die um Anerkennung und Zugehörigkeit kämpft, während Dafoe als spiritueller Führer und Margaret Qualley als schillernde Mit-Jüngerin agieren. Die Suche nach dem Wundertäter wird zur Eskalation von Prüfungen, Demütigungen und Gewalt - eine Sektenlogik, in der "Freundlichkeit" bedeutet, jemandem zu erlauben, sich vollends für dich zu opfern.
Diese drei Geschichten sind nicht narrativ im klassischen Sinne verbunden, aber sie kreisen alle um dieselbe Frage: "Wie weit gehen Menschen, um geliebt und akzeptiert zu werden?"
Der Titel "Kinds Of Kindness" klingt sanft, fast harmlos; der Film ist das Gegenteil. In allen Episoden wird die titelgebende Freundlichkeit zur Währung der Macht, zur Waffe: der Boss, der für einen sorgt, die Ehe, die vermeintlich Schutz bietet, die Gemeinschaft, die einem einen Platz gibt. Im ersten Teil ist Freundlichkeit das vermeintliche Geschenk totaler Führung: Raymond nimmt Robert jede Entscheidung ab - Beruf, Partnerin, Alltag -, und verkauft das als Fürsorge. Die wahre Gewalt liegt nicht in seinem Mordauftrag, sondern in der Tatsache, dass Robert ohne ihn nicht weiß, wer er ist. Im zweiten Teil kippt das alles ins Intime: Die Ehe wird zum paranoiden Vertrag, in dem Liebe nur noch als Besitzanspruch existiert. Liz darf nicht sie selbst sein, sondern muss exakt die Projektion verkörpern, die ihr Mann verlangt - sonst wird sie zur Feindin. Im dritten Teil wird Freundlichkeit letztlich religiös: Der Kult verspricht Erlösung, Wiedergeburt, Sinn - aber nur, wenn sich Personen bedingungslos unterwerfen, und Körper, Leben und Moral abgeben.
Lanthimos teilt die Menschheit ganz unverblümt in diejenigen, die ficken, und diejenigen, die gefickt werden - Chefs und Angestellte, Gurus und Jünger, Eheleute, Eltern, Liebende. Die vermeintlichen Arten der Freundlichkeit (so die sinngemäße deutsche Übersetzung des Titels) sind in Wahrheit Spielarten derselben Dynamik: Dominanz und Komplizenschaft, Sadismus und freiwilliger Masochismus.
Nach den barock überbordenden Welten von "
The Favourite" und "
Poor Things" wirkt „Kinds of Kindness“ fast asketisch. Lanthimos kehrt hier zu seinen Wurzeln mit geringem Budget und hohem Konzept zurück: nüchterne Räume, banale Büros, Motelzimmer, Parkplätze - Schauplätze, in denen das Absurde nicht durch Ausstattung, sondern durch Verhalten ins Bild kommt. Die Kamera von Robbie Ryan bleibt oft auf Distanz, beobachtet frontal oder mit leicht versetzter, fast dokumentarischer Kälte, während Lanthimos' Trademark-Dialoge - trocken, repetitiv, absichtlich falsch betont - die Figuren in eine emotional entkernte Zone schieben. Damit ist "Kinds Of Kindness" visuell weniger opulent als beispielsweise "
Poor Things", dafür aber umso gnadenloser in seiner Tonlage, die den Zuschauer eher auslaugt als verführt. Doch genau darin liegt aber seine Kohärenz: Die Welt ist gewöhnlich, die Handlungen sind extrem - und das Extreme wirkt umso schärfer, weil es in Wohnungen, Büros und im Diner verankert ist, also in Dingen, die man die wir zu kennen glaubt.

Wie schon in "
The Favourite" und "
Poor Things" verlässt sich Lanthimos auf ein Ensemble, das bereit ist, jede Würde an der Garderobe abzugeben. Jesse Plemons spielt in allen drei Teilen Variationen desselben Mannes: passiv, hungrig nach Führung, latent gefährlich. In Cannes wurde er dafür mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet - zu Recht, denn er macht aus minimalen Regungen ganze seelische Landschaften. In "The Death Of R.M.F." ist er die perfekte Laborratte, im zweiten Segment ein Mann, der aus seiner Unsicherheit Terror macht, im dritten ein Suchender am Rand des Kults. Emma Stone beugt sich Lanthimos' Masochismus mit sichtbarer Lust: als gehorsame Ehefrau, als möglicherweise falsche Liz, als fanatische Kultanhängerin, die ihre eigene Identität unter Gläubigkeit begräbt. Stone ist hier weniger grotesk-überzeichnet wie in "
Poor Things", sondern eine wandelnde Wunde - bereit, sich in jeder Episode neu zu deformieren, emotional wie körperlich. Willem Dafoe, Margaret Qualley, Hong Chau, Joe Alwyn und Mamoudou Athie variieren von Episode zu Episode ebenfalls ihre Rollen: mal Autorität, mal Opfer, mal verführerisches Phantom. Gerade Dafoe verkörpert den Archetyp des Lanthimos-Gurus: ruhig, freundlich, mit einem Unterton, der sagt: Du wirst dich selbst zerstören - und du wirst mir dankbar dafür sein.
Das wiederkehrende Ensemble unterstreicht die Aussage des Films: Die Geschichten sind getrennt, aber es fühlt sich an, als würde man dieselben Seelen in leicht veränderten Hüllen beobachten, gefangen in immer neuen Variationen der Abhängigkeit. "Kinds Of Kindness" steht deutlich näher bei "
Dogtooth" und "
The Lobster" als bei "
Poor Things": weniger märchenhaft, mehr chirurgisch, weniger weltbildend, mehr experimentell. Es geht um Systeme, Familie, Arbeit, Ehe, Religion, in denen Menschen sich missbrauchen lassen, weil das Gefühl, geführt zu werden, angenehmer ist als die Zumutung der Freiheit. In 164 Minuten zeigt "Kinds Of Kindness" seine Unnachgiebigkeit: drei Variationen desselben Themas, immer neue, manchmal bewusst sadistische Prüfungen für Figuren, die selten Sympathie im klassischen Sinn einlösen. Und irgendwann im Film hat man das Gefühl, dass man hier nicht mit den Figuren mitleidet, sondern längst Komplize einer Versuchsanordnung, die einen unweigerlich in die Beobachterrolle drängt.
Doch vielleicht liegt man auch irgendwo dazwischen. "Kinds Of Kindness" ist eine Studie in masochistischer Hingabe - der Figuren an ihre Herren, der Zuschauer an den Regisseur. Lanthimos suggeriert, dass falsche Liebe und falsche Götter eine Leerstelle hinterlassen haben, in der Menschen jede Art von Herrschaft akzeptieren, solange sie ihnen Bedeutung verspricht. Es ist kein freundlicher Film, aber ein ehrlicher über das Unbehagen, das man spürt, wenn man merkt, wie viel des eigenen Lebens von diesem Tauschgeschäft abhängt. "Kinds Of Kindness" ist kein Film, den man für einen netten, unterhaltsamen Abend empfiehlt. Es ist ein Film, den man jemandem zumutet, der bereit ist, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was er alles tun würde, um jemandem zu gehören - oder selbst jemandem zu gehören. In dieser Hinsicht ist "Kinds Of Kindness" eine besonders morbide Version der Erkenntnis: Sie zeigt einem nicht, wie gut man sein könnte, sondern wie weit man sich verbiegt, nur um nicht allein dazustehen.
7/10
Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Searchlight Pictures/Film4/Element Pictures
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen